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Marie-Theres Arnbom

Die Villen von
Bad Ischl

Wenn Häuser Geschichten erzählen

Mit 113 Abbildungen

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

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Inhalt

Warum ein Buch über die Villen von Bad Ischl?

Gebrauchsanweisung

Entdeckungstour Eins

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1 Alltag in der Sommerfrische. Die Villa Albrecht und die Villa Schodterer

Kurhausstraße (vormals Erzherzogin Marie-Valerie-Straße) 7 und 9

2 Die Villa Seilern

Tänzlgasse 11

3 Die Nestroy-Villa

Nestroyweg 1

4 Ladislaus Dirsztay und seine Söhne

Wiesingerstraße 9 (vormals Elisabethstraße)

5 Oscar Straus und der Stern’sche Familienclan

Wiesingerstraße 1 (vormals Elisabethstraße)

6 Die Ischler Hotelierstochter Friedl Harrer und der Filmregisseur Walter Straus

Hotel Goldenes Kreuz, Kreuzplatz 7

7 Der 18. August. Kaisers Geburtstag

Kaiservilla, Jainzen 38

8 Das Rosenstöckl, Ischls Musikerhaus

Esplanade 6a

Entdeckungstour Zwei

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9 Villa Max Tauber

Traunkai 17

10 Franz und Sophie Lehár

Lehárkai 8

11 Velours de Vienne. Die Villa der Familie Reichert

Siriuskoglgasse 9

12 Villa Sickingen-Starhemberg

Grazerstraße 27

13 Villa Landauer

Frauengasse 2

14 Die Villa am Gries oder Villa Gisela

Frauengasse 4

15 Villa Wild-Kux

Frauengasse 10

Entdeckungstour Drei

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16 Villa Grünwald

Kaltenbachstraße 9

17 Die Villa einer Wohltäterin

Kaltenbachstraße 20

18 Eine Staatsaffäre um die Bundesbahn

Bauerstraße 10

19 Munition, Telefone und der König der Hochöfen. Villa Adele, später Freya

Brennerstraße 15

20 Die Sarsteiner-Villa, die Emmerich Kálmán nie besessen hat

Emmerich-Kálmán-Straße 1

21 Josef Jarno und Hansi Niese

Emmerich-Kálmán-Straße 3

22 Der vergessene Operettenstar Louise Kartousch und der brillante Strafverteidiger Hermann Kraszna

Ahornstraße 8

23 Julius Brammer

Kalvarienbergweg 16

24 Villa Vockner/Pancera/Haenel

Concordiastraße 3

25 Ein Sonderfall – Wilhelm Haenel

Entdeckungstour Vier

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26 Das Radfahrer-Huldigungsfest und die Dumba-Stiftung

Kaltenbachstraße 15

27 The King and I. Johann Strauß

Kaltenbachstraße 36

28 Olga Hauser wehrt sich

Kaltenbachstraße 30

29 Naturwissenschafter unter sich. Die Villa Maass-Portheim

Lindaustraße 7

30 Ein Roman und die Wirklichkeit. Die Villa Schönthan

Lärchenwaldstraße 14

31 Ein vergessener Star. Jenny Gross

Dr. Höchsmann-Straße 4

32 Leschetizky-Villa

Leschetizkygasse 8

Entdeckungstour Fünf

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33 Das Gigerltum der Verbauerung. Oscar Blumenthal und der echte Giesecke

Engleithenstraße 19

34 Gut Engleithen

Engleithenstraße 17

35 Heinrich Ohrenstein, der Zement-Baron

Dumbastraße 8

36 Rudolph Schanzer und sein Kreis

Dumbastraße 6

Entdeckungstour Sechs

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37 Alexander Girardi, der große Volksschauspieler

Steinfeldstraße 7

38 Ida Bodanzky-von Hartungen-Reik. Eine Pianistin mit vielen Namen

Steinfeldstraße (vormals Girardistraße) 12

Entdeckungstour Sieben

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39 Die Schratt-Villa, die niemals Katharina Schratt gehörte

Steinbruch 43

40 Dornröschen in Haiden

Salzburger Straße 148

Anmerkungen

Quellen und Literatur

Bildnachweis

Namenregister

Die Autorin

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Französischer Reiseführer, 1907

Warum ein Buch über die Villen von Bad Ischl?

Seit ich denken kann, führen mich Ausflüge von meinem Sommerdomizil in St. Gilgen nach Bad Ischl, dessen Flair sich für mich schon von Kindesbeinen an aus den wunderschönen Villen speist. In meiner Kindheit brachte uns eine Großtante aus Bad Ischl immer Dinge mit, die es bei uns »am Land« nicht gab: die Oblaten vom Zauner und frisches Obst. Umgekehrt waren die Ausflüge in die Stadt etwas Besonderes – und auch da spielte und spielt die Konditorei Zauner eine große Rolle, genau wie der freitägliche Wochenmarkt, für den man sich ins Dirndl wirft und auf dem es bis heute die herrlichsten Dinge zu erstehen gibt. Mit zunehmendem Alter haben sich meine Interessen erweitert: Was für eine Bedeutung hatte Ischl eigentlich in der Geschichte? Der Nimbus des Kaisers ist bis heute spürbar und des Kaisers Geburtstag immer noch eine Zäsur. Denn dieser 18. August ist eine Art Benchmark: Da kippt das Wetter, da endet die Saison. Und wenn das Wetter nicht kippt, überwiegt fast die Enttäuschung.

Bad Ischl hat etwas Magisches – der Hof, der Kaiser, das Großbürgertum, die Künstler, die Operettengesellschaft. All dies begleitet und beschäftigt mich seit vielen Jahrzehnten. Wer und was hat seinerzeit das Flair Ischls ausgemacht? Die TV-Serie Der Salzbaron und die Sissi-Filme unterstützen Klischees, die aber immer auch eine Teilwahrheit beinhalten. Meine intensive Beschäftigung mit der Unterhaltungsbranche der Zwischenkriegszeit, mit Operette und Kabarett, hat Ischl einmal mehr in den Fokus gerückt. Weshalb gab es gerade hier diese legendäre »Operettenbörse«, wo sich auch nach dem Ende des sogenannten Hoflagers die Größen der Branche trafen, miteinander arbeiteten, aber auch stritten, Verträge abschlossen und dabei ganz nebenbei ihre Meisterwerke schufen? Und dann kam das Jahr 1938, das einen enormen Einschnitt in der Geschichte Ischls brachte – wahrlich kein Ruhmesblatt, genauso wenig wie die Zeit nach 1945. Dennoch ist auch dies ein Teil der Geschichte der Ischler Villen.

Kurz gesagt: Ohne ihre Bewohner hat eine Villa keine Geschichte. Diese Binsenweisheit liegt diesem Buch zugrunde, das bislang unbekannte Geschichten und erstaunliche Menschen aus einem neuen Blickwinkel in den Mittelpunkt stellt, und das sich zum Ziel gesetzt hat, Wege vorzuschlagen, auf denen Ischl erforscht werden kann. Bitte heben Sie auch einmal den Blick über die Villen zu den Bergen, zu der herrlichen Landschaft, die Ischl beherrscht. All dies war und ist einer der Anziehungspunkte dieser Stadt – und Kaiser hin oder her: Hier ist es einfach schön.

Meine Auswahl der Villen ist natürlich subjektiv: Ischl ist reich an historischer Bausubstanz – aber der Umfang des Buches beschränkt. Daher mussten Auswahlkriterien erstellt werden: interessante Eigentümer, interessante Mieter, interessante Architektur. Gerade der letzte Punkt führt zu einem erstaunlichen Phänomen: Die Wiener Ringstraßengesellschaft traf sich zwar in Ischl, brachte jedoch ihre Architekten nicht mit hierher. Letztere bauten ihre imposanten Villen am Traunsee und am Attersee, in Ischl hingegen dominierten die lokalen Baumeister, die sich gelegentlich an der Schweizerhaus-Architektur orientierten, die Villen jedoch selbst planten und zur Durchführung brachten. Nur einige ältere Villen, die bereits in der Biedermeierzeit erbaut worden waren, fanden in Architekturführer Eingang.

Daher stehen die Menschen im Mittelpunkt. Menschen, die Ischl die unverwechselbare Atmosphäre gaben, über all die großen Veränderungen des 20. Jahrhunderts hinweg. Vom Hof und seinen Apologeten über Künstler aller Sparten und Arten – von Operndiven bis zu Soubretten, von Volksschauspielern bis zu Burgtheatergrößen, von Komponisten vieler Generationen bis zu Librettisten: Sie alle wurden umschwärmt von einer bunten Mischung aus Adabeis und Journalisten, internationalen Geschäftsleuten und Aristokraten, Industriellen und Erfindern. Geschäfte und Ehen wurden hier gleichermaßen angebahnt. Schon wohlbekannte Geschichten werden nicht erzählt, sondern Neues ans Licht geholt und Unbekanntes ausgegraben. So manches Erwartete sucht man vergeblich und stößt dafür auf Erstaunliches.

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Ansichtskarte von Bad Ischl, 1897

Die Umbrüche, die Europa im 20. Jahrhundert mitmachte, waren in Ischl deutlicher spürbar, sie waren näher, denn hier unterzeichnete Kaiser Franz Joseph den Untergang Europas in Krieg und Nationalismus. Das alte Europa gehörte der Vergangenheit an, auch das hatte unmittelbare Auswirkungen auf Ischl, denn das Fehlen des Hoflagers machte sich hier mehr als anderswo bemerkbar.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges muss sich Ischl neu erfinden – und verbietet zunächst den Besuch von Sommergästen in der Angst, dass die ausgehungerten Städter die Umgebung leer essen. Wirtschaftlich gesehen eine Fehlentscheidung, die auch bald revidiert wird. Und langsam kommen die Sommergäste wieder – alte und neue. Die Zeit des Hofes liegt hinter Ischl – und weckt doch bis heute nostalgische Gefühle.

In wirtschaftlicher Hinsicht ändert sich vieles: Die alten Eliten sind verarmt und die neuen Kriegsgewinnler dominieren das Geschehen, das Ischler Publikum verändert sich: Die Trabanten des Hoflagers haben weder einen Anlass noch das Geld dazu, weiterhin nach Ischl zu kommen, wenige der alten Villenbesitzer halten dem Ort die Treue. Viele Villen stehen zum Verkauf, die neuen Reichen ergreifen die Gelegenheit und schlagen zu. Dennoch bleibt der Nimbus Bad Ischls erhalten. Der Trubel auf der Esplanade bleibt derselbe – das Publikum ist ein anderes. Statt des Hofes und seiner Adlaten regiert nun die Operette. Jetzt stehen die Künstler, die Ischl früher schon als fixer Bestandteil des Hofes bevölkert haben, vermehrt im Fokus. Viele von ihnen kaufen Villen oder mieten sich ein und schaffen sich in Ischl ein zweites Zuhause. »Operettenbörse« Bad Ischl lautet eine der Bezeichnungen und bringt die Sache auf den Punkt. Franz Lehár und Emmerich Kálmán leben und arbeiten in ihren wunderschönen und herrschaftlichen Villen – Ersterer als Besitzer, Zweiterer eingemietet. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft wohnen Librettisten wie Alfred Grünwald und Julius Brammer, die auf der Esplanade und am Kalvarienberg zu Hause sind. Bewunderer kreisen um die Meister, es wirkt fast so, als ob der Hof von der Operette abgelöst worden ist, einer Operette, die die »gute alte Zeit« oftmals verklärt und besingt. Eigentlich bleibt so alles beim Alten. Die Villen haben Bestand, ihre Bewohner sind weiterhin Teil der Geschichte dieser großen und kleinen, vornehmen oder bescheideneren Häuser.

Das jüdische Publikum nimmt zu. Es ist den Ischlern wie der ganzen Bevölkerung des Salzkammerguts fremd. Anstatt sich mit ihm auseinanderzusetzen, sich auf eine andere Welt einzulassen und Unterschiede zu akzeptieren, lehnt man es apodiktisch ab. Man nimmt die Juden aus, ist vordergründig freundlich, in Wirklichkeit jedoch antisemitisch. Fremdes hat man nicht gern, man will unter sich bleiben. Zwei Welten prallen aufeinander und finden nicht zusammen, mit fatalen Folgen. Es stellt sich die Frage, weshalb man nicht einfach akzeptieren kann, dass Menschen anders und trotzdem keine Feinde sind? Nouveaux Riches waren und sind immer unbeliebt – sie werden scheel angeschaut. Aber müssen diese Ressentiments in blinden Hass umschlagen? Gibt es tatsächlich keinen Weg des Nebeneinanders, keinen Weg der Akzeptanz? Gibt es keine Welt, die offen und bunt ist und dies als Chance sieht anstatt als Bedrohung? Nein. Spätestens im März 1938 erweist sich dies als Illusion: Die Gräben sind zu tief, der Hass, worauf auch immer, siegt und zeigt sein wahres Gesicht. Und das bedeutet: Juden sind nicht erwünscht. Eine differenzierte Wahrnehmung hat keinen Platz mehr.

Die Art und Weise, wie den jüdischen Villenbesitzern ihr Hab und Gut genommen wird, ist beispiellos in seiner Radikalität und Menschenverachtung. Ein akkurat ausgeführtes Unternehmen, ersonnen und perfekt umgesetzt von Wilhelm Haenel, »Arisie-rungs- und Entjudungsbeauftragter von Bad Ischl, der sämtliche Arisierungen im Salzkammergut durchgeführt hat«1 – ein unfassbarer Raubzug durch Bad Ischl und die Region, begleitet von Drohungen und Einschüchterungen. Der Gau Oberdonau sieht in den Enteignungen eine Chance, seine finanziellen Probleme rasch zu beheben, dennoch verläuft der Prozess nicht immer reibungslos. Einzelne Nazi-Organisationen streiten darüber, wer denn nun profitieren soll von diesem grandiosen Diebstahl.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwartet man eine Entspannung, eine Deeskalation. Eine Illusion. Die Rückstellungsverfahren gestalten sich zum Teil sehr langwierig, die Bestohlenen werden einmal mehr als rechtlos hingestellt. An ihnen liegt es, die unrechtmäßige Enteignung darzustellen, nicht an den Profiteuren. Ein bürokratischer Hürdenlauf setzt ein und verursacht noch heute Wut auf diese überbordenden Hindernisse. Anstatt einer lösungsorientierten Vorgehensweise regieren Kleingeist und Blockierertum. »Die Sache in die Länge zu ziehen« wird, wie es Innenminister Helmer so unverblümt ausgedrückt hat, zum Motto. Die Villa Spiegl stellt den ärgsten Fall dar: Erst im Jahr 1959, lang nach dem Abschluss des Staatsvertrages, können sich das Finanzministerium und die Finanzlandesdirektion Linz auf eine Lösung einigen, nachdem sie sich jahrelang gegenseitig den »Schwarzen Peter« zugeschoben haben.

Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack: Die meisten Villen werden nach langwierigen Verhandlungen restituiert – ungern, meist ohne Mobiliar und sehr oft in verlottertem Zustand. Und was nun? Ein Weiterverkauf weit unter dem tatsächlichen Wert stellt meist die einzige Lösung dar. In den 1970er-Jahren bricht wiederum eine neue Zeit an, in der viel Altes ausgelöscht, niedergerissen und vernichtet wird. Man hat sich der Moderne verschrieben. Statt wunderschöner alter Villen finden sich Betonklötze ohne Gesicht – eine Entwicklung, die man wohl auch akzeptieren muss, die aber das Bild Ischls radikal verändert hat.

Bad Ischl ist eine Stadt, an der die Brüche der politischen Entwicklungen in besonderer Art abzulesen sind. Das versucht dieses Buch in ein neues Licht zu rücken, in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten.

Folgende Quellen liegen diesem Buch zugrunde:

Das Grundbuch und die Urkundensammlung, wo sich die »hard facts« finden. Ihnen gilt es, Leben einzuhauchen.

Die Arisierungs- und die Rückstellungsakten, die so manchem Kapitel einen ob der Machtlosigkeit wütenden Unterton verleihen. Sie sind ein skandalöses, beschämendes und zugleich peinliches Armutszeugnis für die Behörden der Nationalsozialisten ebenso wie jene der Zweiten Republik.

Lebenserinnerungen aller Arten, verpackt in Büchern, Artikeln und Interviews.

Die großartige und bahnbrechende Recherchearbeit meines Mannes Georg Gaugusch, die für viele Kapitel die Grundlage bietet.

Zeitungsberichte zu erwarteten und viel öfter zu unerwarteten Themen. Wer suchet, der findet oft etwas ganz anderes. Dass die Recherchearbeit in Zeitungen möglich ist, verdanke ich im Namen aller historisch interessierten und forschenden Menschen einer großartigen Institution, der Plattform ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek, die historische Zeitungen digital zur Verfügung stellt, meist bereits mit Volltextsuche. Und mit großer Dankbarkeit verweise ich darauf, dass dazu auch die Ischler Kurlisten zählen, eine Quelle, die vieles, was nie zu entdecken gewesen wäre, ans Tageslicht gebracht hat. Der größte Dank gilt der ANNO-Verantwortlichen Christa Müller für ihr unermüdliches Nachfragen, Forschen und Möglichmachen!

Danke den Mitarbeiterinnen des oberösterreichischen Landesarchivs und Peter Zauner für die geduldige Unterstützung. Danke auch den Mitarbeiterinnen des Grundbuchs im Bezirksgericht Bad Ischl, die meine Besuche so unproblematisch akzeptiert haben. Danke auch an Wolfgang Quatember und Nina Höllinger vom Zeitgeschichtemuseum Ebensee, die wertvolle Forschung leisten und mich alle Unterlagen einsehen ließen.

Mein besonderer Dank gilt Maria Sams, der Leiterin des Stadtmuseums Bad Ischl, für ihre große Unterstützung und Wertschätzung. Danke auch an Bürgermeister Hannes Heide, der dieses Buchprojekt von Anfang an wohlwollend begleitet hat.

Dem Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus danke ich für die Förderung meiner Recherchen zu diesem Buch.

Ich bedanke mich bei meinen unermüdlichen Korrekturlesern und -innen, bei meinem Mann Georg Gaugusch, meiner Mutter Christiane Arnbom, meiner Schwester Elisabeth Kühnelt-Leddihn, meinen Freunden Hanna Ecker und Georg Male und bei all den anderen, die das eine oder andere Kapitel vorab lesen durften (oder mussten) und mich mit konstruktivem Feedback versehen haben.

Carmen Sippl und dem Amalthea Verlag danke ich für das Vertrauen und die freundschaftliche Begleitung dieses Buches.

Marie-Theres Arnbom

Februar 2017

Gebrauchsanweisung

Dieses Buch kann und soll auf zwei unterschiedliche Arten gelesen werden. Zum einen lädt es dazu ein, Bad Ischl an Ort und Stelle zu entdecken und den vorgeschlagenen Routen zu folgen, um auch etwas abgelegenere Teile der Stadt aufmerksam zu durchstreifen.

Zum anderen kann man es aber natürlich lesen, ohne physisch anwesend zu sein, denn die Schicksale der beschriebenen Menschen beziehen sich zwar alle auf Ischl, gehen aber weit darüber hinaus und führen ebenso nach Wien und Berlin wie ins tiefste Ungarn oder nach New York und Hollywood.

In beiden Fällen möchte dieses Buch dazu anregen, das Phänomen Bad Ischl näher kennenzulernen und in die Atmosphäre einzutauchen, die all diese Menschen anzog und ihnen viele unvergessliche Jahre beschert hat, in guten wie in schlechten Zeiten.

Entdeckungstour Eins

1 Alltag in der Sommerfrische. Die Villa Albrecht und die Villa Schodterer

Kurhausstraße (vormals Erzherzogin-Marie-Valerie-Straße) 7 und 9

Die meisten Besuche in Ischl führen durch die Kurhausstraße, wo der Blick jedes Mal aufs Neue an zwei der beeindruckendsten Villen hängen bleibt: prachtvolle Häuser mit Holzveranden und Terrassen in einer Mischung aus städtischem und ländlichem Stil – also gewissermaßen die architektonische Darstellung des Sommerfrischepublikums par excellence.

1887 wird dieser Teil der Stadt hinter dem Kurhaus neu erschlossen, die Straße erhält ursprünglich den Namen der jüngsten Kaisertochter Marie Valerie. Mehrere Bauherren – zwei wollen wir in den Mittelpunkt stellen – beschließen, hier neue Gebäude mit mehreren Wohnungen, zur Vermietung für das anspruchsvolle Publikum zu errichten. Die Stadt platzt im Sommer aus allen Nähten, viele Familien reisen mit Sack und Pack an und wollen ihre Zeit statt im Hotel in mehr oder weniger bequemen und komfortablen Wohnungen verbringen. Ein Balkon gehört dazu, nicht nur zum Genießen der herrlichen Luft, sondern auch um einen guten Blick auf das Geschehen hier zu erhalten. Ein wichtiges Detail des Sommerfrischelebens.

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Villa Albrecht und Villa Schodterer, Bauindustriezeitung Blatt 9, 1889

Der Goldschmied Engelbert Schodterer2 mischt zwischen 1875 und 1895 während der liberalen Ära kräftig in der Ischler Kommunalpolitik mit. 42 Jahre lang gehört er dem Gemeinderat an – in so vielen Jahren kann man schon einiges bewegen. Und dies tut er auch: Sein größtes Verdienst besteht in der Errichtung der Wildenstein-Hochquellwasserleitung, die für Einheimische genauso bedeutsam ist wie für die Sommergäste. Sein Geschäft in der Pfarrgasse existiert noch heute – ebenso wie die prächtige Villa in der Kurhausstraße 9.

Die Nebenvilla lässt der Wiener Kaufmann Edwin Albrecht erbauen, der jedoch bereits 1891 stirbt. Seine Witwe Adele und ihre Schwestern samt Familien verbringen viele Sommer gemeinsam in der Villa, die zwei gleich große Wohnungen inklusive Nebenräume beherbergt – ebenso wie die Villa Schodterer. Ausgeführt werden die Ischler Villenbauten von lokalen Baumeistern mit Sinn für Stil, Tradition, Proportionen und Funktionalität – im Fall dieser beiden Villen zeichnen der Ischler Baumeister Franz Huber für die Villa Albrecht und der Linzer Baumeister Paul Hochegger für die Villa Schodterer verantwortlich.3

Die beiden Wohnungen sind jeweils großzügig angelegt: Um den zentralen Salon mit dem obligaten Balkon oder einer bei Regen idealen Veranda gruppieren sich sechs Räume, Küche und Wirtschaftsräume. Die Dachgeschoße bieten weitere Zimmer zur Einzelvermietung – hier steigen oft Studenten ab, um auf preiswerte Weise das Ischler Leben zu genießen.

Was macht ein Haus zu einer Villa? Man muss ein wenig in die Vergangenheit blicken, zu den unvergleichlichen Palladio-Villen des 16. Jahrhunderts mit ihren perfekten Proportionen: Die Villa Toscana in Gmunden steht ganz in dieser Tradition – und liegt nicht weit von Bad Ischl. Die Zeit der Romantik mit wunderschönen Landschaftsgärten kommt noch hinzu und hinterlässt auch in Ischl ihre heute kaum mehr bemerkbaren Spuren. Und dann gibt es die herausragenden Bauten: das Gut Engleithen, besser bekannt als Villa Rothstein vulgo Spiegl, sicherlich der beeindruckendste Besitz in Ischl. Eine Villa? Nein, eher ein Schloss, dem gegenüber die Kaiservilla wirklich den Eindruck einer herrschaftlichen Villa, jedoch nicht den eines Schlosses macht. Oder die Villa Blumenthal, außergewöhnlich und extravagant – eine ganz eigene Liga. Auch die Villa Landauer bildet eine eigene Kategorie, so wie die Lehár-Villa: völlig unterschiedliche Stile mit demselben Ziel, nämlich einen dem Lebensstil adäquaten Wohnraum zu schaffen oder zu beziehen. Die Sarsteiner-Villa, bewohnt von Emmerich Kálmán, fällt ebenso in diese Kategorie wie die Villen Dumba, Zichy/Maass-Portheim oder Herzfeld. Die Villa Seilern hingegen entspricht viel mehr einem Palais und verweist fast alle anderen Ischler Häuser auf die hinteren Plätze, falls es einen Wettkampf geben sollte.

Der Bautypus der Villa stammt aus römischer Zeit und imitiert den eines bürgerlichen Landhauses, passend zur Ischler Geschichte, denn genau darum dreht sich das Leben in der Sommerfrische, das sich seit der Zeit des Biedermeier entlang der neuen Bahnlinien entfaltet hat. Dazu gesellt sich der Klassizismus, weniger zurückhaltend und mehr auf Repräsentation ausgerichtet. Die Erweiterung des Ortes in alle Richtungen erfolgt rasch und durchaus geplant – eben auch in das erwähnte Gebiet hinter dem Kurhaus. Die Nachfrage steigt, das Angebot zieht nach. Gerade der westlich gelegene Ortsteil Kaltenbach wird zu einer Art Stadtentwicklungsgebiet. Die meisten Sommerfrischler siedeln sich hier an, lassen Villen erbauen oder erwerben sie, mitunter auch von der sehr aktiven Union Baugesellschaft, die Gründe im großen Stil aufkauft und Villen zum Weiterverkauf errichtet. Sie kennt ihre Klientel, betätigt sie sich doch auch an großen Ringstraßenbauten wie etwa dem Rathaus und dem Hotel Sacher. Vorausblickend erwirbt sie 1873 viele Gründe in Kaltenbach in dem Wissen, dass die Ringstraßengesellschaft bald dafür Interesse entwickeln wird. Und sie behält recht. Noch im Jahr 1923 schreibt das Neue Wiener Journal: »Ischl ist eine – zugegeben liebenswürdige – Zwangsvorstellung, die ein ganz bestimmter, wintersüber zwischen dem Café Siller4 und der Bristol-Bar fluktuierender Menschenschlag zu Anfang Juli bekommt, um sie nicht vor dem ersten September wieder loszuwerden. Ischl ist die ins Grüne übersiedelte Opernkreuzung, auf seiner Esplanade ist Österreich. Irgendwie bewahrt auch das heutige Ischl noch immer seine gestrige Macht. Man braucht dort nur oft genug gesehen worden zu sein, um zu einer Persönlichkeit zu avancieren, die man nicht ist.«5

Was macht das Leben in den Villen während des Ischler Sommeralltags denn eigentlich aus? Dieses beginnt bereits mit den Vorbereitungen, stellt doch die Sommerfrische einen zentralen Punkt im Jahresablauf der Aristokratie und des Bürgertums dar. Das gesellschaftliche Leben verlagert sich nach Ischl, denn die Familien verbringen hier Monate, die Männer pendeln von Wien hierher, Geschäfte werden in entspannter Atmosphäre angebahnt. Für diesen mehrmonatigen Aufenthalt reist man »mit Wirtschaft«, denn für die Führung eines voll ausgerüsteten Haushaltes darf es an nichts fehlen, weder an Wäsche, noch an Mobiliar oder Personal. »Menagieren« nennt man diese Art des Reisens. Kleidung für alle möglichen und unmöglichen Gelegenheiten nimmt viel Platz ein, hinzu kommen ausreichend Lektüre, Spielzeug für die Kinder, Studienmaterial für die Ältesten, Tennis-, Bade- und Wanderausrüstung und was es eben noch an vermeintlich Unentbehrlichem gibt.

Wie gestaltet sich aber der Alltag für die Familienmitglieder, die keine beruflichen Verpflichtungen haben, und all die Operettenmacher, Künstler, Theaterdirektoren oder Journalisten? Die Sportlicheren unternehmen Landpartien in die Berge, andere frequentieren nahe gelegene Jausenstationen, wenn gewünscht, auch im Tragsessel. Auch das Ischler Strandbad, wie Strobl genannt wird, erfreut sich großer Beliebtheit, das Planschen im Wolfgangsee, eine kleine Bootspartie oder auch ein Segelausflug stehen auf dem Schönwetterprogramm. So manchen zieht es auch an den Hallstättersee, um in der dortigen Seerestauration eine Jause einzunehmen. Die Jause hat überhaupt einen eigenen Stellenwert und findet auch nicht unbedingt zu einer bestimmten Uhrzeit statt – Gelegenheiten dazu bieten sich immer, vor allem in der Konditorei Zauner, nicht nur wegen der Mehlspeisen, sondern wegen des Gesehenwerdens. Dies gilt auch für die Promenade über die Esplanade zu den Konzerten der Kurkapelle.

Die Familien verbringen viel Zeit in ihren Villen oder Sommerwohnungen. Lesen, Musizieren und das Schreiben von Briefen bestimmen den Alltag – und natürlich das Kartenspielen: Tarock- und Bridgeturniere zählen zu den gefragtesten Beschäftigungen. Ein geruhsames Leben, denn trotz großer Hotels gilt Ischl nicht als mondän, ausgestattet mit zahlreichen Nachtlokalen oder Bars, sondern als ruhig – das gesellschaftliche Leben spielt sich eher im privaten Rahmen der Villen ab. Abwechslung bringen das Theater und zahlreiche Benefizveranstaltungen zugunsten der Ischler Bevölkerung – für die Armen, ein Waisenhaus, für die Bücherei oder für die Opfer von Hochwasserkatastrophen. Die Sommergäste beteiligen sich eifrig daran.

Dirndl und Lederhose gehören ebenso zur Grundausstattung wie Vormittags-, Nachmittags- und Abendgarderobe – das Reglement der passenden Kleidung für den richtigen Anlass hält sich an strenge Vorschriften, die sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts zu lockern beginnen. Unter diesem Gesichtspunkt muss auch eine der von den Nationalsozialisten im Sommer 1938 erlassene Verordnung gesehen werden: »Juden ist das öffentliche Tragen von alpenländischen Trachten wie Lederhosen, Joppen, Dirndlkleidern, weißen Wadenstutzen usw. verboten.« Ein Verbot, sich angemessen zu kleiden, kommt einer Ausgrenzung gleich – und genau dies ist auch bezweckt.

2 Die Villa Seilern

Tänzlgasse 11

Eine der eindrucksvollsten und schönsten Villen – den massiven Betonanbau muss man ausblenden – befindet sich hinter dem Kurhaus; in diesem Teil Ischls entstehen Anfang der 1880er-Jahre etliche Villen, um den steigenden Bedarf nach standesgemäßen Sommerwohnungen zu befriedigen. Doch keine erreicht die Eleganz und Großzügigkeit der sogenannten Villa Seilern, die den Namen ihrer Erbauerin bis heute trägt.

1881 erwirbt Elise Reichsgräfin von Seilern ein großes Grundstück und beauftragt den Wiener Stadtbaumeister Wilhelm Pils mit der Ausführung des geplanten Hauses – interessant, dass auch bei diesem Projekt keiner der großen Wiener Stararchitekten der Ringstraße zum Zug kommt, sondern ein Praktiker. Ihm gelingt ein Bau, der seinesgleichen sucht, repräsentativ und großzügig zugleich. 1883 kann Elise Seilern bereits in der eigenen Villa absteigen – keine sehr lange Bauzeit für ein so großes Objekt. Über dem Eingang prangt ein Allianzwappen der Familien Seilern und Stürgkh, aus der Elise stammt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Anna Gräfin Paar verbringt sie nun jeden Sommer in ihrem Ischler Refugium und führt hier ein großes Haus. Dabei vergisst sie jedoch nicht, der Ischler Bevölkerung Gutes zu tun, und ruft eine Wohltätigkeitsveranstaltung ins Leben, die 16 Jahre lang zum fixen Bestandteil des Ischler Sommerlebens zählt. 1890 findet erstmals eine Tombola im Kursalon statt, der Erlös kommt dem Armen- und Waisenhaus »Charitas« in Ischl zugute. Inserate in den Kurlisten machen das Publikum aufmerksam, Billetts kosten einen Gulden: »Diejenigen P. T. [Pleno Titulo] Wohlthäter, welche Gegenstände schenken wollen, werden ersucht, dieselben an Frau Gräfin von Seilern, Villa Seilern, Tänzelgasse Nr. 11, einzusenden.« Rund um Kaisers Geburtstag am 18. August befinden sich besonders viele Menschen in Ischl, Elise von Seilern nützt dies aus und wählt für ihre Veranstaltung immer ein Datum in zeitlicher Nähe zu diesem Höhepunkt des Ischler Sommerlebens. 1895 gibt es noch einen besonderen Anreiz, wie in der Kurliste propagiert wird: »So wie alle Jahre hat auch heuer der Allerhöchste Hof die Gnade gehabt, viele prachtvolle Gegenstände zu spenden.«

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Villa Seilern, einst und heute

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Inserat für die Tombola der Gräfin Seilern, Curlisten Bad Ischl, 18.8.1891

Ein Jahr vor ihrem Tod verkauft Elise Seilern im Jahr 1908 ihre Villa um 110 000 Kronen an Ernst Landau, und es kommt die Frage auf, wer sich denn diesen Prachtbesitz leisten kann?6 Dazu muss man ein wenig ausholen: Ernst Landaus Großvater, geboren im galizischen Brody, hat es in die Welt hinausgezogen. Über Odessa und Budapest ist er nach Wien gekommen, wo er sich als Großhändler erfolgreich etabliert und eine Basis für die kommende Generation legt. Sein Sohn mit dem wunderbaren Namen Horace lebt und wirkt in Triest und kann als Gigant der italienischen Finanzwelt mit großem politischen Einfluss gelten. Sein enormes Vermögen legt er in Büchern und Kunst an – eine beeindruckende Sammlung entsteht. Und wo zieht es einen dermaßen einflussreichen Bankier im Sommer hin? Richtig, nach Ischl, ins Zentrum der Macht. 1886 steigt Horace hier erstmals im Grandhotel Bauer ab.

1908 erwirbt also sein Neffe Ernst die Villa Seilern, er kann auf die großen finanziellen Reserven seiner Familie zurückgreifen, gehört doch seinem Vater Albert das Hotel Imperial in Wien, geerbt von dessen Bruder Horace. Albert wird als »sehr joviale Persönlichkeit und echter Lebenskünstler«7 bezeichnet. »In weiten Kreisen in Wien und in Budapest kannte man den hageren, aufrechten, heiteren weißbärtigen Greis mit dem sonoren Organ.« War sein Vater aus Galizien nach Wien gelangt, weitet Albert seine Tätigkeit bis nach Amerika und in den Orient aus – eine äußerst mobile Familie. Zehn Jahre lang dient nun die Ischler Villa als Mittelpunkt des sommerlichen Familienlebens, 1918 verkauft Ernst Landau. Das Ende der Monarchie markiert zugleich auch das Ende des sagenhaften Reichtums der Familie Landau.

Nach einem kurzen Zwischenspiel – die Villa ist für fünf Jahre im Besitz des k. u. k. Hof- und Armeelieferanten Matthias Wotroubek, der auch die benachbarte Nestroy-Villa, die als Egger-Villa bezeichnet wird, erwirbt (siehe Kapitel 3) – prägt ab 1923 eine weitere schillernde Familie die Geschichte der Villa: Oskar und Nelly Inwald von Waldtreu kaufen beide Villen und nennen somit einen Besitz von einem Hektar mitten in der Stadt ihr Eigen.

Oskars Vater Josef hat sein Geld mit Glasfabriken in Böhmen gemacht und hinterlässt seinen zahlreichen Kindern ein großes Vermögen. Oskar studiert Chemie, ein für die Glaserzeugung durchaus bedeutendes Fachwissen, doch ernsthafte Forschung und Produktentwicklung interessieren ihn nur mäßig. Sein eigentliches Faible gilt Autos. Er fungiert als Vizepräsident des Österreichischen Automobilclubs und ist mit diesem Amt offenbar völlig ausgelastet, seine Tätigkeit als Verwaltungsratsmitglied der familieneigenen Glasfabriken kann wohl eher als repräsentativ angesehen werden. Oskars Privatleben gestaltet sich turbulent: Im Jahr 1900 heiratet er in Washington Meta Wimpffen, die jedoch nur ein Jahr später bei der Geburt ihrer Tochter Maria stirbt. Oskar heiratet ein zweites Mal, seine zweite Frau Nelly stirbt im Jahr 1936 an den Folgen ihrer Drogensucht. Zu diesem Zeitpunkt ist seine Tochter Maria bereits seit zehn Jahren mit Géza Erös de Bethlenfalva verheiratet, dessen Familie Schloss Hüttenstein nahe St. Gilgen besitzt. Auch er stammt aus einer schillernden Familie. Gézas gleichnamiger Onkel war mit Elsa Gutmann8 aus der bedeutenden Kohlenindustriellen-Familie verheiratet, die in zweiter Ehe den regierenden Fürsten Liechtenstein heiratet, eine etwas unkonventionelle Verbindung. Géza junior und sein Schwiegervater Oskar Inwald teilen die Begeisterung für Autos und stehen im Mittelpunkt der Gesellschaft: Das Hochzeitsfoto von Géza und Maria wird im Wiener Salonblatt abgedruckt.

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Die Hochzeit von Géza und Maria Erös im Salonblatt, 1.11.1925

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten handeln Oskar und Géza rasch, um den Besitz zu erhalten. Im Juni 1938 verfasst ein eifriger Ischler Bürger zahlreiche Informationsblätter über die jüdischen Villenbesitzer mit haarsträubenden Aussagen und Denunziationen. Es geht immer in dieselbe Richtung: Juden, die sich während des Krieges oder der sogenannten Inflationszeit bereichert hätten, würden sich nun in Ischl einkaufen, ein Klischee, das sich durch alle der beschriebenen Fälle zieht. »Er [Oskar] verkehrte nur mit Juden, hauptsächlich solchen aus der Tschechoslowakei, und war häufiger Besucher des Golfplatzes in Wirling, bei dem der als Kommunist bekannte Mandl eine Funktion hatte.«9 Was auch immer diese Informationen zur Sache tun.

Bald bekommen die Behörden jedoch heraus, dass ihnen dieser Besitz, einer der schönsten, größten und wertvollsten in Ischl, weggeschnappt wurde. Und zwar durch einen Kaufvertrag zwischen Oskar und Géza, der, von der Vermögensverkehrsstelle bewilligt, bereits am 8. Oktober 1938 ins Grundbuch eingetragen wurde. Nun zeigt sich einmal mehr, wie radikal die Ischler Nazis sich sogar gegen die Vermögensverkehrsstelle stellen. Am 10. Oktober empört sich Anton Kaindlsdorfer, der Direktor der Sparkasse Bad Ischl und seines Zeichens Ortsgruppenleiter, darüber: »Dieser Vertrag dient also in Wirklichkeit nur dazu, um diese wertvolle große Liegenschaft in Bad Ischl irgendwie der Familie zu sichern.«10 Damit hat er zweifellos recht. Und er schreibt auch gleich an die Gestapo: »Der Jude Inwald besitzt große Fabriken im Sudetenland und ist sehr reich. Sein Schwiegersohn Géza Erös hat einen großen Lebensaufwand geführt und ist für die Zukunft auch sonst von Seiten dieses Juden versorgt worden.« Die üblichen Denunziationen.

Dann kommt er auf den Punkt, denn es ist klar, »dass der Jude Inwald diese Liegenschaft im Werte von ungefähr RM 100 000 verkaufen muss und dass der Kaufpreis dann den Reichsbehörden jederzeit zum freien Zugriffe offensteht. Wenn der Jude Inwald ins Ausland reisen würde, dann muss er auch die Reichsfluchtsteuer zahlen.« In diese Berechnung fiele nun der Ischler Besitz nicht mehr, da Inwald ein »entgeltliches Rechtsgeschäft« mit seinem Schwiegersohn »fingiert« habe. Auch Géza Erös wird nicht verschont, denn dieser sei »geistig wenigstens ebenso verjudet« wie sein Schwiegervater und »körperlich nach den Mitteilungen, die uns zugekommen sind, zweifellos ein Halb-jude«11. Was für ein Ton in der Welt der Denunzianten. Der Gestapo wird dieser Fall nahegebracht, um zu verhindern, dass vielleicht auch andere jüdische Villenbesitzer auf die Idee kommen, ihren Besitz an nichtjüdische Verwandte zu verkaufen – dann wäre der ganze radikale Arisierungsplan der Ischler verdorben. »Jeder Jude hat dann einen entfernten arischen Verwandten, dem er seine Liegenschaft übergibt und dann lebt wieder die ganze Mischpoche hier.« Dies würde die Enteignung wertvoller Besitzungen wie der Villa Landauer (siehe Kapitel 13) ernsthaft gefährden. Daher muss die Gestapo sofort eingreifen: »Unsere ganze mühevolle Arbeit hier ist dadurch wertlos und das dritte Reich, für welches wir kämpfen wollen, hat einen nicht wieder gutzumachenden Schaden.« Also: Die Gestapo möge die bereits im Grundbuch eingetragene Eigentumsübertragung revidieren und Oskar Inwald und Géza Erös gleich verhaften. Doch die Gestapo denkt überhaupt nicht daran, diesen Vorschlägen nachzukommen, und lässt sich mit der Recherche Zeit. Am 18. Juni 1940 erhält Wilhelm Haenel (siehe Kapitel 25) als Sonderbeauftragter für die Übertragung jüdischen Besitzes ein Antwortschreiben: »Auf Grund des Ermittlungsergebnisses konnte der Tatbestand der Tarnung jüdischen Vermögens nicht festgesetzt werden.«12

Oskar Inwald stirbt am 31. Dezember 1938 in seiner Wiener Wohnung, Géza und Maria Erös sehen keine Zukunft in Österreich und gehen nach New York. 1951 verkaufen sie die Villa Seilern an die Lehrerkrankenfürsorge für Oberösterreich – auf elegante Aristokratie und mondäne Nouveaux Riches folgen Kurgäste. Auch das ist ein Zug der Zeit des 20. Jahrhunderts.

3 Die Nestroy-Villa

Nestroyweg 1

Johann Nestroy ist in Ischl sehr präsent, trägt doch die Neue Mittelschule im Zentrum der Stadt seinen Namen, gelegen zwischen der Pfarrkirche, dem Café Ramsauer und dem einstmals so mondänen Hotel Post gegenüber. Originellerweise liegt der Schwerpunkt der Schule auf technisch-naturwissenschaftlichen Fächern, hat also mit dem Volkstheater im Sinne Nestroys wenig zu tun. Und trotzdem: Der Name prangt groß auf der Fassade und erinnert an den bekannten Dichter und Darsteller, der so viele Sommer in Ischl verbracht hat. Ein kleiner Spaziergang führt über den Kreuzplatz, wo eine Lehár-Statue neben dem Theater zu finden ist, weiter auf die andere Seite der Stadt hinter das Kurhaus. Dort führt der schmale Nestroyweg steil bergauf – und wieder prangt Nestroys Name auf einer Fassade, diesmal auf einer Villa mit prachtvollem Blick über die Stadt.

Am 11. September 1845 steigt Johann Nestroy, eingetragen als Schauspieler aus München, erstmals in Ischl ab, erst zehn Jahre später kommt er wieder, nun bereits als Direktor des Wiener Carltheaters. Doch auch in der Zwischenzeit bleibt er präsent: Seine Stücke stehen auf dem Spielplan des Ischler Theaters, Der Zerrissene ebenso wie Einen Jux will er sich machen, Das Mädel aus der Vorstadt oder Ehrlich währt am längsten.

1855 findet eine Benefizvorstellung zugunsten der Kinderbewahr-Anstalt unter doppelter Nestroy’scher Ägide statt: Das Mädel aus der Vorstadt unter Mitwirkung des »unsterblichen Volksdichters und Komikers« selbst, wie der Ischler Fremden-Salon schwärmt. Die Vorstellung wird gestürmt, und sehr poetisch beschreibt der Fremden-Salon die vorherrschenden Empfindungen: Man fühlte sich bei dem Anblick der Menschenmassen »zu dem Wunsche gedrängt, es möchten die Mauern des Hauses von Kautschuk geformt sein.«13 Da dies jedoch nicht möglich ist, warten zahlreiche Schaulustige vergeblich vor dem Theater. Aufgrund des enormen Erfolges steht Nestroy ein paar Tage später in einer weiteren Benefizvorstellung als Titus Feuerfuchs in seinem Talisman auf der Bühne – dass die Liebe und Verehrung der Ischler Bevölkerung ihm sicher ist, liegt auf der Hand. Dies entwickelt sich zu einer Tradition – Jahr für Jahr stellt sich Nestroy in den Dienst der Ischler Wohltätigkeit. Doch tritt er nicht nur auf, sondern nutzt die Sommermonate auch, um neue Werke für die Wintersaison zu erarbeiten – nicht nur als Darsteller, sondern auch als Direktor. Im von Nestroy 1854 übernommenen Carltheater lernen die Wiener erstmals die grandiosen Operetten von Jacques Offenbach kennen. Die Zeitungen berichten, dass er die Operetten Vent du soir und Mesdames de la Halle, die an dem legendären Théâtre des Bouffes-Parisiens Triumphe feiern, nun auch für Wien adaptiert hat – in Ischl wird also der eigentliche Grundstein für die Wiener Operettengeschichte gelegt.

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Villa Nestroy

Ein anderer großer Ischler gilt als einer der grandiosesten Nestroy-Darsteller: Alexander Girardi (siehe Kapitel 37). Er hat Nestroy jedoch nie auf der Bühne gesehen und auch nie kennengelernt, ist er bei Nestroys Tod doch erst zwölf Jahre alt. Girardi erklärt, wie der eine Ischler von dem anderen richtig gespielt werden muss: »Ich glaub’ – ohne Ziererei, wienerisch! Man muß ihm in’s Herz schauen können, wie jedem echten Dichter. Bis auf den Grund schauen jeder Sach’, sie drehen und wenden, daß Einem Nichts verloren geht, und dann Etwas von der eigenen Individualität dazuthun, daß sie durchscheint – ich glaube immer, daß dann was Richtiges entstehen kann.«14

Ziemlich aufwendig und fantasievoll.