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Ruth Steindling . Claudia Erdheim

Vilma Steindling

Ruth Steindling . Claudia Erdheim

Vilma
Steindling

Eine jüdische Kommunistin
im Widerstand

Mit zahlreichen Fotos und Dokumenten

und einem Nachwort von

Anton Pelinka

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Gefördert vom Zukunftsfonds der Republik Österreich

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Gefördert vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfoto: Privatarchiv Ruth Steindling

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,25/15 pt Minion Pro

Printed in the EU

ISBN 978-3-99050-067-5

eISBN 978-3-903083-52-3

Im Andenken an meine Mutter Vilma und meinen Sohn Boris und als Vermächtnis für meinen Sohn Niki

Ruth Steindling

Inhalt

Vorwort

I.

»Wenn man arm ist, ist man ein Hund.«

 

Kindheit im Wien der 1920er-Jahre

II.

Konspirative Treffen im Beserlpark

 

Jugend im Kommunistischen Jugendverband (KJV)

III.

»Wie kann man mit dem Teufel einen Pakt schließen?«

 

Jahre der Emigration in Paris

IV.

»Glaubst du, ich werde eine gute Kommunistin werden?«

 

Sommer 1940 in Südfrankreich

V.

In der Résistance

 

1. »Auf Aufriss gehen.« Illegale Arbeit in Paris (Travail Anti-Allemand, TA)

 

2. »An jedem Todesurteil stirbt man nicht.«

 

Verhaftung – Prozess

VI.

»Wenn Sie wüssten, wo Sie hinfahren, hätten sie es nicht so eilig.«

 

Auschwitz

VII.

»Sie haben nicht vorgehabt, uns überleben zu lassen.«

 

Der Todesmarsch und das KZ Ravensbrück

VIII.

Obdachlos im Stadtpark

 

Die ersten Monate nach dem Krieg

IX.

»Den Beruf habe ich nie bereut.«

 

Neuanfang

X.

Konspirative Tätigkeit

 

Aktivitäten für die KPÖ

XI.

Die Kaktussuppe

 

Alltag

XII.

»Du bist doch nicht in Auschwitz. Wieso weinst du?«

 

Folgen der KZ-Haft

XIII.

Kinder und Enkelkinder

 

Auswirkungen von Vilmas Traumata

 

1. Ruth

 

2. Elisabeth (Liesl)

 

3. Daniela

 

4. Nicolas

Nachwort

von Anton Pelinka

Anhang

Zitate in der Originalsprache

Interviews und Gespräche

Nachrufe

Internetquellen

Medien

Archive

Anmerkungen

Quellen und Literatur

Glossar

Biografische Hinweise zu einigen historischen Personen

Personenregister

Bildnachweis

Vorwort

Vilma Steindling war eine der wenigen österreichischen Widerstandskämpferinnen. Bereits im Alter von achtzehn Jahren verfolgt, ging sie – als Kommunistin – nach Frankreich in die Emigration, engagierte sich in der Résistance und überlebte Auschwitz und den Todesmarsch nach Ravensbrück. Als Waise hatte sie eine schwere Kindheit gehabt, später machten ihr die Folgen der KZ-Haft nach dem Krieg zu schaffen. Insbesondere in den Fünfzigerjahren engagierte sie sich erneut für die KPÖ, bis sie schließlich 1968 aus der Partei austrat. Ihre Biographie spiegelt nicht nur ein bewegendes Schicksal wider, sondern ist auch ein wichtiges historisches Dokument.

Die Grundlage dieses Buches bilden zwei Interviews, die Vilma Anfang der Achtzigerjahre der Historikerin Irene Etzersdorfer und der Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin gegeben hat, sowie Interviews, die Elisabeth Brainin mit den beiden Töchtern, Ruth und Elisabeth, gemacht hat, ferner Erinnerungen der beiden Töchter und zahlreiche Recherchen. Vilma selbst trat nie als Zeitzeugin auf, weder in Schulen noch als Vortragende bei einschlägigen Veranstaltungen. Sie hatte große Bedenken der »oral history« gegenüber und war stets der Meinung, dass Zeitzeugen die Erlebnisse nicht so schildern würden, wie sie tatsächlich gewesen waren. Dennoch war sie offenbar in dieser Hinsicht innerlich gespalten: Einerseits wollte sie sich der Geschichtsaufarbeitung nicht anschließen, andererseits hatte sie sich im KZ vorgenommen, unbedingt zu überleben, um der Nachwelt von den Gräueln berichten zu können.

Eine kleine Anekdote im Zusammenhang mit unseren Recherchebemühungen sei hier auch noch erwähnt: Als wir das Zweifamilienhaus in der Alfred-Wegener-Gasse in Döbling aufsuchten, in dem Vilma von 1946 bis 1950 gewohnt hatte, erfuhren wir, dass der Besitzer im Nebenhaus wohnen und Werner Seyss heißen würde. Als wir bei ihm läuteten, um Näheres über das Nachbarhaus zu erfahren, beugte er sich aus dem Fenster und schrie: »I waß goa nix, i woa domois no a Kind.« Aufgrund von Recherchen wussten wir aber, dass das Haus einen Bombenschaden hatte. Deshalb schrieben wir ihm einen Brief, um ihn zu fragen, ob er darüber Genaueres wüsste. Tatsächlich rief er zurück. Wir fragten ihn, ob er uns die Erlaubnis geben würde, den Bauplan einzusehen. Dies wies er jedoch mit der Begründung zurück: »Da kann a jeder kumman. Dann geben S’ den Polen die Pläne und dann kumman s’ einbrechen.«

Unser Dank gilt allen Unterstützern und Unterstützerinnen, insbesondere Elisabeth Brainin, die uns die Interviews mit Vilma, Ruth und Liesl überlassen hat, Helga Amesberger, die uns das Interview mit Lotte Brainin zur Verfügung gestellt, Hugo Brainin, der uns Notizen seiner Frau Lotte geschickt, und Herbert Fleischner, der uns über die kommunistischen Aktivitäten seines Vaters nach dem Krieg erzählt hat, die Parallelen mit Vilmas Aktivitäten aufweisen. Gedankt sei auch all jenen, die sich zu weiteren Interviews bereit erklärt haben: Thea Scholl, Irma Schwager, Irma Mico, Elisabeth Bittner, Daniela Pattart, Nicolas Endlicher, Peter und Ruth Schwarz, Sonja Meron und einigen langjährigen Bewohnern und Bewohnerinnen des Hauses Taborstraße 21A. Bedanken möchten wir uns auch bei Gérard Larue, der in Frankreich für Ruth einige Kontakte hergestellt hat, und bei den Verwandten Arthur Kreindels in Argentinien sowie Herrn Denk vom Stadtarchiv für seine freundliche Unterstützung.

I. »Wenn man arm ist, ist man ein Hund.«

Kindheit im Wien der 1920er-Jahre

Der letzte österreichische Kaiser lebt, ohne abgedankt zu haben, im Exil in der Schweiz. Österreich ist eine Republik und zu einem Kleinstaat geschrumpft. Der Hungerwinter nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ist vorüber. Tausende sind an der Spanischen Grippe gestorben. Schweizer und schwedische Hilfsorganisationen lindern die größte Not. Die ersten demokratischen Wahlen finden statt, bei denen der Antisemitismus zu einem Wahlkampfthema wird. Parolen wie »Die Juden sind unser Unglück« werden von den Deutschnationalen als Propaganda verwendet. Der Antisemitismus gewinnt an Schlagkraft und Wien ist »seine Hauptstadt«. In diese Zeit wird Vilma Steindling am 4. August 1919 als Vilma Geiringer hineingeboren.

Die Eltern, Leopold und Berta Geiringer, beide jüdischer Herkunft, ziehen mehrmals um. Zunächst vom 6. Bezirk in den 15. und schließlich in den 21. Bezirk in die Erzherzog-Karl-Straße 58 jenseits der Donau, den heutigen 22. Bezirk, und zwar in ein neues einstöckiges Haus mit Bassenawohnungen. Eine Bassena ist ein Waschbecken mit Kaltwasser im Hausflur. Um die Jahrhundertwende wurden sehr viele Häuser ohne fließendes Wasser in den Wohnungen gebaut, die oft nur aus Zimmer und Küche bestanden.

Als Vorort von Wien hatte die Gegend noch dörflichen Charakter, obwohl die Elektrische, wie die Wiener die Straßenbahn damals nannten, schon bis nach Kagran fuhr. Im Haus Nummer 58 gab es unter anderem die Bäckerei Tisch, eine Eisenhandlung, einen Schuster und eine Fleischerei. Im Nachbarhaus befand sich eines der zahlreichen Gasthäuser der Gegend. In unmittelbarer Nähe ihres Wohnhauses gab es drei Lederfabriken. Möglicherweise fand Leopold dort Arbeit als Magazineur. Es ist schwer nachvollziehbar, weshalb die Familie ausgerechnet dorthin zog, zumal dort bislang nie Juden ansässig gewesen waren.

Die Familie ist bitterarm, kann jedoch zumindest eine winzige Küche-Kabinett-Wohnung mieten. Aber schon mit der Straßenbahn zu fahren, ist oft zu teuer, was im damaligen Wien, in dem großes Elend herrscht, durchaus keine Seltenheit ist. Die Armut zwingt sie schließlich auch dazu, die koschere und fromme Lebensweise aufzugeben, da es vor Ort keinerlei Infrastruktur für gläubige Juden gibt.

Bald nach Vilmas Geburt erkrankt ihr Vater an Tuberkulose und kann nicht mehr arbeiten. Die Armut wird immer drückender, sodass sie im selben Haus in eine noch kleinere Wohnung umziehen müssen, die nur noch aus einem acht Quadratmeter großen Einzelraum besteht. Die Winter sind zu jener Zeit sehr streng und die Mutter kommt oft mit dem halb erfrorenen Kind nach Hause. Vilma erzählt, dass die Mutter sie in das Bett des tuberkulösen Vaters gelegt hat, um es zu wärmen. Am 17. Juli 1923 stirbt Leopold. Er hinterlässt 380 Kronen, was aufgrund der damaligen Inflation heute höchstens ein paar Cent entspräche. Die Krankenhauskosten belaufen sich auf 2 040 000 Kronen, die die Familie nicht bezahlen kann. Zwei Millionen Kronen entsprechen heute einer Kaufkraft von 918 Euro. Die Begräbniskosten werden von der israelitischen Kultusgemeinde übernommen.

Berta bekommt die Vormundschaft für Vilma. Nach Leopolds Tod emanzipiert sich Berta offenbar von der Religion und erzieht auch Vilma nicht religiös, tritt aber auch nicht aus der israelitischen Kultusgemeinde aus. Vor den Verwandten werden sowohl die Abwendung von der Religion als auch die bedrückende Armut verheimlicht. Vilma wird eingeschärft, den Verwandten zu verschweigen, dass sie sich nicht an die jüdischen Speisegesetze hielten.

Vor der Volksschule besucht Vilma den Kindergarten der Kinderfreunde im 2. Bezirk. Die Kinderfreunde wurden 1908 als sozialdemokratische Organisation für Arbeiterkinder gegründet. In die Volksschule, eine öffentliche Schule, geht sie die ersten beiden Jahre im 2. Bezirk in der Kleinen Pfarrgasse. Den Nachmittag verbringt sie wieder bei den Kinderfreunden, da ihre Mutter als Heimkrankenschwester arbeitet. An ihre Volksschulzeit hat sie wenige Erinnerungen, jedoch waren die Feierlichkeiten aus Anlass des 1. Mais bei den Kinderfreunden stets ein einschneidendes Erlebnis für sie. Mit Autobussen wurden die Kinder in die Freudenau gebracht. Obwohl sie Himbeerwasser nicht ausstehen konnte, trank sie es am 1. Mai zur Feier des Tages.1 An ein unangenehmes Ereignis aus der Volksschulzeit kann sich Vilma auch noch erinnern: Eine Klassenkameradin teilte für ihre Geburtstagsfeier Billetts aus, sie bekam jedoch keines. Daraufhin bedrängte Vilma das Mädchen. Nach Rücksprache mit der Mutter des Mädchens gab man ihr schließlich doch noch eines. Vilmas Mutter war sehr böse darüber, kaufte aber beim Gärtner einen Strauß Wiesenblumen für die Gastgeber. Bei der Geburtstagsfeier wurden dann Spiele gespielt, die Vilma nicht kannte und die ihr auch niemand erklärte. Auch ihre Wiesenblumen wurden nicht gewürdigt. Vilma war »geheilt«.2

Vilma verbringt die Sommermonate im Gänsehäufel, dem größten Freibad Wiens, in einer Tagesheimstätte der Sozialistischen Partei, da ihre Mutter in Hietzing arbeitet, weit entfernt von Wohnort und Schule.

Während das jüdische Kind Vilma eine Kindheit in bitterster Armut verbringt, tauchen die ersten Nationalsozialisten auf: »Hakenkreuzler ziehen durch die Straßen, in Windjacke, mit Stahlhelm, Armbinde und Hakenkreuzabzeichen. Sie marschieren in Kaffeehäuser, um jüdische Gäste zu vertreiben. Sie dringen in Vereinslokale von Arbeiterorganisationen ein, misshandeln die Anwesenden und zerschlagen Türen und Fenster. Sie überfallen Arbeiter und schlagen sie mit Gummiknüppeln zu Boden. Sie stören Vorträge jüdischer Gelehrter und prügeln die Besucher mit Schlagringen und Gummiknüppeln. Wahllos dreschen sie dabei auch auf Frauen und alte Leute ein.«3 Wie die meisten Leute wird auch Vilmas Mutter den »Hakenkreuzlern« keine allzu große Bedeutung beigemessen haben. Mit dem Schattendorfprozess 1927 ändert sich dies jedoch schlagartig und radikal. Das Schattendorfer Urteil, das nach dem Ort Schattendorf im Burgenland benannt ist, war 1927 der Auslöser für die sogenannte Julirevolte in Österreich. Am 30. Jänner 1927 hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs in dem kleinen burgenländischen Ort eine Versammlung abgehalten, die von einem Gasthof aus von Mitgliedern der Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs beschossen worden war, woraufhin zwei Tote (darunter ein sechsjähriges Kind) und fünf Verletzte zu beklagen waren. Der österreichische Rechtsanwalt Walter Riehl (u. a. Leiter der nationalsozialistischen Gruppierung Deutschsozialer Verein) verteidigte die Täter im darauffolgenden Schattendorfer Prozess. Die Täter wurden von einem Geschworenengericht freigesprochen, was zu Recht als Skandal angesehen wurde und zu gewalttätigen Ausschreitungen in Wien führte.«4

Vilma erinnert sich an die Vorfälle im Jahr 1927: Es muss der 15. oder 16. Juli gewesen sein, als gegen den Freispruch im Schattendorfer Prozess demonstriert wurde. Damals holte ihre Mutter sie nicht ab, da an diesem Tag keine Straßenbahn fuhr. Der Heimleiter nahm sie zu sich nach Hause mit und legte sie mit seinem eigenen Kind ins Bett. Irgendwann in der Nacht tauchte die Mutter dann auf und holte Vilma ab. Am Tag darauf konnte die Mutter nicht in die Arbeit fahren. Vilma musste nicht in die Tagesheimstätte, sondern konnte den Tag mit ihrer Mutter verbringen, was sie als besonders schön empfand.5

Als Vilma acht Jahre alt ist, erkrankt die Mutter schwer an Krebs und ist die meiste Zeit im Spital. Vilma kommt in das jüdische Waisenhaus im 19. Bezirk in der Ruthgasse 21. Die dritte und vierte Klasse der Volksschule absolviert sie im 19. Bezirk in der Silbergasse 2. Der Schulwechsel vom 2. in den 19. Bezirk ist für sie eine Art Kulturschock. Im Gegensatz zum 2. Bezirk ist der 19. ein Nobelbezirk. In Vilmas Klasse gibt es viele Kinder reicher Leute. »Da habe ich begriffen, dass man ein Hund ist, wenn man arm ist.«6

An das Waisenhaus hat sie gute Erinnerungen, die Erzieherinnen waren sehr fortschrittlich, aber nicht sozialdemokratisch oder kommunistisch, erinnert sich Vilma in dem Interview. Im Waisenhaus geht es Vilma materiell besser. Es gibt regelmäßige Mahlzeiten und auch Kino oder Theaterbesuche sind einmal im Monat möglich. Trotzdem hat sie Sehnsucht nach ihrer Mutter und träumt oft davon, zu Hause in ihrem Bett zu liegen.

Nach Beendigung der Volksschule besucht sie eine öffentliche Hauptschule, ebenfalls im 19. Bezirk. Viele jüdische Kinder gibt es in dieser Schule nicht, in jeder Klasse höchstens zwei oder drei. Dort macht sie die ersten drastischen antisemitischen Erfahrungen. Die Geometrielehrerin sagte, wenn ein jüdisches Kind zur Tafel gerufen wurde: »Juden zehn Schritte vom Leib.« »Wenn man ihr zu nahe gekommen ist, hat sie geschrien.«7 Die Mitschülerinnen sind nicht antisemitisch eingestellt. Es sind Arbeiterkinder aus dem Karl-Marx-Hof. Der Karl-Marx-Hof ist einer der bekanntesten Gemeindebauten Wiens und liegt im 19. Bezirk. Es handelt sich dabei um ein im Jahr 1930 eröffnetes sozialdemokratisches Wohnbauprojekt von einem Kilometer Länge, das auch »die Ringstraße des Proletariats« genannt wurde. Es gibt in der Wohnhausanlage 1382 Wohnungen für etwa fünftausend Bewohner und Bewohnerinnen. Alle Wohnungen verfügen über ein eigenes WC und eine Wasserentnahmestelle/Waschmöglichkeit im WC-Vorraum bzw. in der Küche, jedoch über kein Badezimmer. Die neuen Mieter und Mieterinnen sind überglücklich, nicht zuletzt darüber, endlich gegen Ungeziefer wie Wanzen effektiv vorgehen zu können. Der Bau enthält zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen wie Wäschereien, Bäder, Kindergärten, eine Bibliothek, Arztpraxen, Geschäftslokale und Räumlichkeiten für politische Organisationen.

Ausgrenzungen von jüdischen Kindern gibt es dort nicht, auf den Straßen jedoch sind die Juden bereits antisemitischen Beschimpfungen ausgesetzt. So ist etwa auf dem Tor des Waisenhauses zu lesen: »Wartet nur, ihr Mazzesfresser, bald kommt die Nacht der langen Messer!« Zu dieser Zeit, Anfang der Dreißigerjahre, fühlen sich die österreichischen Juden von der antisemitischen Hetze jedoch noch nicht unmittelbar bedroht, worauf auch Vilma in dem Interview hinweist. Sie ahnen noch nicht, wohin der Antisemitismus führen wird. Vilma hält den antisemitischen »Pöbel« einfach für eine »Horde von Trotteln«.8

1933 stirbt Berta Geiringer. Vilma ist zu diesem Zeitpunkt dreizehn Jahre alt – und Vollwaise. Das einzige Familienmitglied, zu dem Vilma Kontakt hat, ist ihre Tante Fanny, Franziska Neufeld, eine Schwester ihrer Mutter. Es wird jedoch Alexander, ein Bruder der Mutter, der mit seiner Familie in Eichgraben südlich von Wien lebt, zu ihrem Vormund ernannt. Er kümmert sich jedoch nicht um Vilma, die beiden haben keinen Kontakt miteinander. Fanny hingegen, die bis zum Anschluss im Jahr 1938 als Kaffeeköchin im Hotel Imperial arbeitet, trifft sich gelegentlich mit Vilma.

Schon mit zwölf, dreizehn Jahren macht sich bei Vilma eine soziale Ader bemerkbar. Eines Tages heißt es, dass ein besonders armes, taubstummes Kind im Waisenhaus nur dann aufgenommen werden könne, wenn sich ein größeres Kind um es kümmern würde. Vilma meldet sich sofort. Sie erlernt die Taubstummensprache, unternimmt sehr viel mit dem Kind, verzichtet sogar auf die Kinobesuche und geht stattdessen mit ihm ins Kasperltheater.

Um Vilma besser verstehen zu können, soll an dieser Stelle zurückgegangen und die Herkunft ihrer Familie näher beleuchtet werden.

Mütterlicherseits stammt Vilma von der Familie Neufeld ab. Die Neufelds kommen aus Neulengbach in Niederösterreich.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die Neulengbacher Juden keine eigene Kultusgemeinde, sondern gehörten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) St. Pölten an. Es gab nur einen Minjan-Verein, der 38 Mitglieder zählte.9 »Minjan ist im Judentum das Quorum von zehn oder mehr im religiösen Sinne mündigen Juden, das nötig ist, um einen vollständigen jüdischen Gottesdienst abzuhalten.«10 Auch gab es »ein Bethaus, eine Religionsschule, einen jüdischen Friedhof und eine Mikwe sowie einen Kantor und einen Rabbiner.«11 Mit der Mikwe wird im Judentum das Tauchbad bezeichnet, das nicht in erster Linie der Hygiene dient – das heißt, mit dem Untertauchen im Tauchbad soll nicht primär körperliche Sauberkeit hergestellt werden –, sondern der kultischen Reinheit. Im orthodoxen und konservativen Judentum ist der Besuch der Mikwe verheirateten Frauen vorgeschrieben, etwa, wenn sie ihre Menstruation oder eine Entbindung hinter sich haben.12 Der jüdische Friedhof von Neulengbach ist heute noch teilweise erhalten. Dort befinden sich auch einige Gräber der Familie Neufeld. Ein toleranter Bauer stellte damals einen Raum seines Bauernhofs als Bethaus für die dort ansässigen Juden zur Verfügung.13

Gustav Neufeld, geboren ungefähr 1848, zieht nach Laaben, heute Brand-Laaben, ca. siebzehn Kilometer von Neulengbach entfernt. Er besitzt dort am Hauptplatz einen Krämerladen, heiratet Katharina Brakl und hat mit ihr neun Kinder: fünf Töchter und vier Söhne. Berta, die spätere Mutter Vilmas, ist das dritte Kind.

Die Neufelds sind die einzige jüdische Familie in Laaben. Sie wohnen im Haus Nummer 27 zur Miete. Da sie die einzige jüdische Familie im Dorf sind, ist es für sie schwer, ein frommes jüdisches Leben zu führen. Um den Sabbat und die Feiertage begehen zu können, muss die Familie nach Neulengbach fahren. Das ist jedoch beschwerlich, da Juden am Sabbat nicht mit dem Pferdewagen fahren dürfen und somit schon vor Sabbatbeginn in Neulengbach eintreffen müssen.

Der Vater, Gustav Neufeld, stirbt schon 1890 und die Mutter zieht mit den Kindern Anfang des 20. Jahrhunderts nach Wien. Sie ziehen nicht in den 2. Bezirk, wo die meisten Juden leben, sondern in den 15. Bezirk, wo es zu jener Zeit auch eine Synagoge gibt. Sicher ist es für die Familie schwierig, sich in der Großstadt zurechtzufinden. Häufiger Wohnungswechsel und finanzielle Not kommen erschwerend hinzu.

Berta heiratet 1919 den Witwer und Magazineur (Lagerarbeiter) Leopold Geiringer, der in erster Ehe mit Maria Mirjam Josefa Ingerisch verheiratet war und mit ihr vier Söhne hat. Bertas Bruder Alexander und einer der Brüder von Leopold Geiringer betreiben gemeinsam im 2. Bezirk einen Stechviehhandel, bei dem das Vieh beim Schlachten gestochen und geschächtet, also auf jüdisch rituelle Art geschlachtet wird.

Über ihren Bruder wird Berta wohl ihren Mann Leopold Geiringer kennengelernt haben.

Väterlicherseits stammt Vilma von der Familie Geiringer ab, die aus Stampfen, einem kleinen Städtchen unweit von Pressburg stammt. Der Ort Stampfen gehörte zur ungarischen Reichshälfte und hieß auf Ungarisch »Stomfa«. Heute heißt der Ort »Stupava« und gehört zur Slowakei. 1890 war Stampfen eine Kleinstadt mit etwas über dreitausend Einwohnern und einer großen jüdischen Gemeinde, die damals fast dreihundert Mitglieder zählte. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde von Stampfen die wichtigste und größte Ungarns14 mit rund achthundert Mitgliedern. Der drastische Rückgang der Mitglieder ist auf die Abwanderung nach Wien zurückzuführen, wo die Lebensverhältnisse besser waren. Obwohl die Amtssprache Ungarisch war, sprach die Mehrheit der Bevölkerung einen slowakischen Dialekt und nur ein kleinerer Teil entweder Deutsch oder Ungarisch.15 Viele Juden magyarisierten sich,16 wohl auch die Geiringers, wie man den Vornamen einiger Familienmitglieder entnehmen kann. Stampfen hatte eine große Synagoge und seit dem 17. Jahrhundert auch einen jüdischen Friedhof. Die Gemeinde war berühmt für ihre Gelehrten und Rabbiner, darunter auch einige Geiringers, die man ebenfalls bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Der Name Geiringer geht auf den ca. zwanzig Kilometer von Stampfen entfernten Ort Geiring zurück, wo ursprünglich viele Juden siedelten. Die Familie war ungeheuer weitverzweigt. Allein Leopold, der Vater Vilmas, hatte ungefähr siebzig Blutsverwandte, die alle so wie er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten.

Leopold Geiringer wird 1866 geboren, arbeitet als Taglöhner und zieht um die Jahrhundertwende nach Wien. 1892 heiratet er in Wien die zum jüdischen Glauben konvertierte Maria Josefa Ingerisch aus Znaim. Wie schon erwähnt, haben sie vier Söhne, wovon einer, Arthur, schon im Kindesalter an Scharlach verstirbt. Somit hat Vilma drei Halbbrüder, zu denen sie jedoch kaum Kontakt hält, da diese um vieles älter sind als sie.

II. Konspirative Treffen im Beserlpark

Jugend im Kommunistischen Jugendverband (KJV)

Nach Abschluss der Hauptschule beginnt Vilma eine dreijährige Lehre als Modistin bei der Firma Julie Bellak im 1. Bezirk in der Singerstraße. Im ersten Lehrjahr verdient sie wöchentlich sechs, im zweiten Jahr neun und im letzten Jahr zehn Schilling. Sechs Schilling entsprechen 2016 einer Kaufkraft von ca. 21 Euro. Sie übersiedelt ins jüdische Lehrlingsheim in der Malzgasse 7 im 2. Wiener Bezirk. Nun lebt sie in unmittelbarer jüdischer Umgebung. Sehr viele Ostjuden, die während des Ersten Weltkriegs nach Wien geflohen sind, prägen das Straßenbild. Sie sind sehr arm, orthodox und sprechen Jiddisch. Es gibt sechs Synagogen und ungefähr dreißig Bethäuser.

Das Lehrlingsheim wird streng rituell geführt. Eigentlich ist es ihr Wunsch, Krankenschwester zu werden, was aber erst ab dem achtzehnten Lebensjahr möglich ist. Man rät ihr daher, ein Handwerk zu erlernen. Sie wäre gerne Schneiderin geworden, bekommt aber keine Lehrstelle und so wird sie wider Willen Modistin. Dabei versteht sie nicht, wie jemand überhaupt einen Hut tragen kann. »Ich habe das einfach idiotisch gefunden, dass ich da stundenlang sitzen soll, dass sich die einen Scherm aufsetzen kann.«17 Noch dazu sind die Hüte sehr teuer.

1932 wird Engelbert Dollfuß Bundeskanzler, im März 1933 schaltet er das Parlament aus, regiert diktatorisch und begründet den austrofaschistischen Ständestaat. Am 12. Februar 1934 bricht ein viertägiger Bürgerkrieg zwischen Heimwehr und Schutzbund aus. Heimwehr und Schutzbund waren rechte und linke paramilitärische Organisationen. Die Sozialdemokratische Partei wird verboten, KPÖ und NSDAP sind schon 1933 aufgelöst worden. Die ständestaatliche Verfassung garantiert den Juden und Jüdinnen uneingeschränkte bürgerliche Rechte und Religionsfreiheit.18 Der Staat gibt sich offiziell judenfreundlich, toleriert aber weitgehend den christlichen Antisemitismus.

Im Jahr 1934 ist Vilma zwar noch nicht politisiert, erlebt den 12. Februar aber schon sehr bewusst. Im 19. Bezirk hört sie die Schießerei und hat Angst. 1935, mit sechzehn Jahren, schließt sie sich dem Kommunistischen Jugendverband an, der so wie die KPÖ verboten ist, und wird dort politisch aktiv. Sowohl die Kommunistische Partei als auch der Kommunistische Jugendverband sind 1918 gegründet worden. Angeworben wird sie von einer Freundin, die sie für sehr verlässlich hält. Anlass ist letztlich, dass einer ihrer Cousins, der in der Sozialdemokratischen Partei sehr engagiert ist, im Februar 1934 plötzlich verschwindet. Jedoch auch die Haupt- und Berufsschule sind bestimmend für ihren Beitritt zum KJV. Für Vilma ist es von Anfang an klar, dass sie ihrer Gesinnung nach da hingehört. Es scheint ihr der einzige Weg, gegen Ungerechtigkeiten, die für sie kaum zu ertragen sind, anzugehen. Vilma erinnert sich an eine Begebenheit aus der Zeit in der Berufsschule, über die sie sich sehr empört hat: Als eine Mitschülerin eine Lehrkraft nicht grüßte, wies diese die Schülerin wütend zurecht: »Die Lehrer hat man zu grüßen. Ich erwarte ja nicht, dass du den Schulwart grüßt.«19 Vilma war außer sich, stand auf und sagte: »Jetzt müssen Sie mir erklären, warum der Schulwart ein schlechterer Mensch ist. Er ist ein Erwachsener. Warum muss ich ihn nicht genauso grüßen wie Sie?«20 Ein solches Aufbegehren war sehr mutig, zumal Lehrer ja Respektspersonen waren. Jedoch derartige Diskriminierungen empörten Vilma einfach von jeher.

Im Juli 1934 wird Dollfuß von einem Nationalsozialisten umgebracht, sein Nachfolger wird Kurt Schuschnigg, der bis zum Anschluss 1938 den Ständestaat diktatorisch weiterführt. Auf Empfehlung einer Freundin wird Vilma, die als sehr zuverlässig gilt, vom KJV in eine der christlichen Arbeitergewerkschaften geschickt, um die Leute dort kommunistisch zu unterwandern. Vilma gefällt es in der christlichen Gewerkschaft überhaupt nicht. Angefangen von den Volkstänzen sind diese Zusammenkünfte und Rituale für sie eine vollkommen fremde Welt. Trotzdem fügt sie sich und diskutiert eifrig mit den Mitgliedern. Jahre später im Interview scheint ihr das Ansinnen des KJVs, sie zur Agitation heranzuziehen, als Zumutung, zumal sie ja noch sehr jung und unerfahren war. Allerdings waren ihre Diskussionspartner auch nicht viel gewandter als sie.

Ein höherer Gewerkschafter will sich wiederholt privat mit ihr verabreden, sie aber findet ihn widerwärtig und erklärt ihm, dass sie auch abends keine Zeit habe, da sie so lange arbeiten müsse. Daraufhin schlägt er vor, sich um 19 Uhr mit ihr zu verabreden, sie aber erwidert, dass sie da noch lange nicht fertig sei. Diese Antwort hat unvorhergesehene Folgen. Jemand von der Gewerkschaft geht zu Vilmas Chefin und macht dieser Schwierigkeiten, weil Vilma abends so lange arbeiten müsse. Diese Vorgangsweise ist Vilma sehr unangenehm. Schließlich wollte sie ihre Chefin, die sehr anständig zu ihr war, nicht denunzieren. Sie muss dann zwar nicht mehr so lange arbeiten, mit dem Gewerkschafter trifft sie sich jedoch trotzdem nicht. Vilma hat auch Mitleid mit ihrer Chefin, die im Grunde genommen ein armer Mensch ist. Sie hat zwei Brüder, die in der Kommunistischen Partei sind und von denen einer im Gefängnis sitzt. Außerdem unterhält sie als Jüdin eine Beziehung zu einem illegalen Nazi, der ihrer Familie später hilft und sich schließlich umbringt. Schließlich waren in der Ära Schuschnigg ja nicht nur die Kommunisten, sondern auch die Nazis verboten.

Vilma bleibt weiter im KJV aktiv, wo sie hilft, Flugblätter zu drucken und zu verteilen. An einen Vorfall erinnert sie sich dabei besonders: An einem Sonntag drucken sie Flugblätter bei Eva, einem Mädchen aus bürgerlichen Verhältnissen, einer der wenigen, die nicht aus einer Arbeiterfamilie kommt. Als die Flugblätter durch einen Windstoß aus dem Fenster fliegen, kommt gerade die Hausgehilfin nach Hause, sammelt die Flugblätter zusammen und gibt Eva diese mit den trockenen Worten: »Des is Ihna owegfolln.« Sie wahrt Stillschweigen.

Die Jugendlichen im KJV machen häufig Ausflüge, gehen bergsteigen und treiben Sport. Auch diskutieren und singen sie viel. In Extrazimmern von Gasthäusern und in Privatwohnungen findet man sich zu Schulungs- und Literaturabenden zusammen.21 Bei den Ausflügen wird der von den Müttern mitgegebene Proviant auf alle aufgeteilt und Vilma kann mitessen. Aus dem Lehrlingsheim bekommt sie nichts mit. Einmal sitzen sie während einer Nachtwanderung, ohne es zu merken, vor einer Kirche und singen das Florian-Geyer-Lied. Dieses Lied ist um 1920 entstanden und in der Zwischenkriegszeit von linken und rechten revolutionären Gruppierungen gerne gesungen und vom Nationalsozialismus im Kampf gegen die katholische Kirche eingesetzt worden.22 Es dauert nicht lange, bis der Pfarrer herauskommt und sie mit den Worten »Ich habe so viele Seelen zu betreuen und ihr lasst mich nicht schlafen«23 zur Ruhe auffordert. Die Aktivitäten der jungen Leute sind natürlich nicht ungefährlich, da sie ja illegal sind. Sie sind jedoch überzeugt von dem, was sie tun, und stolz darauf, etwas gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt zu unternehmen. Sie benutzen Decknamen, ein wenig sinnvolles Unterfangen, da ohnedies jeder jeden kennt. Vilmas Deckname ist Vera. Im KJV lernt sie auch ihren um drei Jahre älteren jüdischen Lebensgefährten, den Kürschner Arthur Kreindel, kennen. Seine Eltern sind Schuhoberledererzeuger und haben eine eigene Fabrikation. Sie sind keine reichen Leute, aber der Tisch ist immer reichlich gedeckt. Für Vilma ist Arthur nicht nur ihre große Liebe, sondern die wichtigste Bezugsperson, zumal sie als Vollwaise und Heimkind nie eine wirklich enge Beziehung zu jemandem gehabt hat. Bei ihm fühlt sie sich endlich geborgen. Vilma ist ein verschlossener Mensch und spricht eigentlich nie über ihre Gefühle. Nur was Arthur betrifft, ist trotz ihrer spärlichen diesbezüglichen Äußerungen klar, dass er der wichtigste Mensch in ihrem Leben war. Thea Scholl, die Arthur aus der SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend) kennt, schildert Adi, wie er von allen genannt wurde, im Interview24 mit Ruth Steindling als sehr humorvoll, geistreich, sehr gescheit, als intellektuellen Typ mit sehr lieben braunen Augen und einer Brille. »Jedenfalls war er etwas Besonderes.« Mit einem Freund von Thea, Richard Rehberger, der auch Kürschner war, arbeitete er zusammen in einem winzigen Geschäft in der Taborstraße. Richard Rehberger war Mitarbeiter des politischen Kabaretts und der Roten Spieler, bei deren Aktivitäten auch der politische Schriftsteller Jura Soyfer mitwirkte. Jura Soyfer kam 1939 im KZ Buchenwald ums Leben. Thea Scholl erzählt noch eine nette Eigentümlichkeit: »Im Kürschnergeschäft hegten und pflegten die jungen Männer ein Eichkatzerl ohne Schwanz in einem Käfig. Es war ihr Maskottchen.«

Thea hat Vilma 1947 über Toni Lehr auf dem Volksstimmefest im Prater kennengelernt, da Thea erst im Herbst 1946 aus der englischen Emigration zurückgekommen ist. Auch Thea war zu dieser Zeit Kommunistin und besuchte das jährlich stattfindende Fest der KPÖ auf der Jesuitenwiese im Prater. Thea und Vilma freundeten sich rasch an, woraus sich eine langjährige, innige Freundschaft entwickelte. Vilma war gerade mit ihrer ersten Tochter hochschwanger. Sie erzählte Thea viel aus ihrem Leben, auch von Adi, ihrer ersten großen Liebe, und von Paris, wo sie eine Art »Puppenheim« hatten.

Zu konspirativen Aktionen treffen sich die Mitglieder von Vilmas Zelle im 2. Bezirk in einem Beserlpark gegenüber dem Augarten. »Eine Zelle bestand aus drei bis fünf Personen, die sich oft nur mit Decknamen kannten. Ein Mitglied solch einer Zelle hatte dann Verbindung mit einer anderen Zelle oder nur zu einem ›Verbindungsmann‹, der einerseits zentrales Material brachte und andererseits Informationen oder gesammeltes Geld weiterleitete.«25 In ihrer kargen Freizeit lesen die Jugendlichen vorwiegend russische Literatur, wie es damals Mode war. Vilma kann sich Bücher nicht leisten, ist also darauf angewiesen, sich diese auszuleihen, und liest vorwiegend, was Freunde ihr empfehlen. An ein Buch erinnert sie sich besonders gut: Nacht über Russland aus dem Jahr 1928 von Wera Nikolajewna Figner, einer russischen Revolutionärin.26 Vilma ist besonders beeindruckt von der Heldin des Buches, die nur von der Arbeit schwärmt, sich für das Volk einsetzt und Krankenschwester wird.