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Barbara Stöckl

Was wirklich zählt

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Für meinen Mann

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© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1 | Good News

Kapitel 2 | Wer sind meine Lehrer?

Kapitel 3 | Ich möchte mein altes Leben zurück!

Kapitel 4 | Achtsamkeit – ein Schlüssel zur Liebe

Kapitel 5 | Dankbar leben

Kapitel 6 | Verlust des Mitgefühls

Kapitel 7 | Halt mich

Kapitel 8 | Solange der Tod nicht ist, ist Leben.

Anmerkungen und Literaturhinweise

Einleitung

Ich lese immer wieder Ihre Texte, weil ich dann das Gefühl habe, dass diese Welt auch gut ist! Das brauche ich, neben all den vielen negativen Berichten!«, schreibt mir meine Leserin Hildegard B. Die große Sehnsucht nach guten Nachrichten spüre ich in vielen Briefen und E-Mails, die ich bekomme. Verfolgt man die täglichen Nachrichten, hat man schnell das Gefühl, dass der Schrecken auf der Welt kein Ende mehr nimmt. Flüchtlings- und Klimakatastrophen, Terror und Krieg, Banken- und Wirtschaftskrisen. Angst und Ohnmacht, Ignoranz und Missgunst scheinen an der Tagesordnung. Mord und Totschlag, Tragödien und Skandale fürs tägliche Adrenalin. Ist das wirklich unsere Welt? Oder übersehen wir einfach, wo es anders läuft?

Den Blick darauf zu richten, was gut ist und guttut, ist weit weniger spannend und spektakulär, scheint manchmal richtiggehend langweilig. Krieg, Tod und Leiden können uns aber auch daran erinnern, wie kostbar Frieden, Menschlichkeit und Liebe sind. Wir erleben tagtäglich in unserer nächsten Umgebung, wie wichtig unsere Nächsten sind: der Partner nachlässig, die Kinder ungezogen, die Freundin abweisend und der Chef vorwurfsvoll, das kann uns ganz schön den Tag verderben! Unsere nächste Umgebung hat meist mehr und direkteren Anteil an unserem Wohlbefinden als die Weltlage. Deswegen müssen wir lernen, mit Familie, Freunden und Kollegen sorgsam umzugehen. Auf ihre positiven Signale zu achten. Wann haben Sie das letzte Mal ein Lob genossen, Aufmerksamkeit liebevoll beantwortet, sich durch freundliche Worte die Seele streicheln lassen, eine hilfreiche Hand dankbar gehalten?

Wenn man selbst Trost, Rat und Hilfe will, muss man offen dafür sein: Vermittlungsgespräche, die geglückt sind. Menschen, die unermüdlich für Schwächere und Ärmere da sind. Nächstenliebe und Solidarität, so große Worte! Alte Menschen werden gepflegt. Traurige werden getröstet. Flüchtlinge werden gerettet. Krankheiten werden geheilt. Brücken werden gebaut. Kleine Gesten und große Taten. Das geschieht jeden Tag, tausende Male, auf der ganzen Welt. Und es tut gut, das nicht zu übersehen!

Sensibilität für das, was wirklich zählt, kann man lernen. »Wenn du Mitgefühl willst, musst du Mitgefühl haben, wenn du Liebe suchst, musst du lieben können, und wenn du Trost brauchst, dann musst du auch trösten können«, sagte einmal der Philosoph Richard David Precht.

Seit vielen Jahren schreiben mir Menschen von diesen kleinen Momenten, die im Leben des Einzelnen so große Bedeutung haben. Die starke Kraft solcher Momente ist größer und weitreichender, als wir auf den ersten Blick erkennen. Das ist auch keine einfache Aufgabe, ich behaupte sogar, es ist emotional wie intellektuell sehr anspruchsvoll. Nur wer denken kann, kann auch danken – da ist etwas Wahres dran. Zunächst gilt es, sich bewusst zu machen, was Gutes in unserem Leben ist, um in einem nächsten Schritt anzuerkennen, welche Bedeutung es für unser Leben hat. »Und das soll helfen?«, werden manche fragen. Ist der Weg zu einem glücklichen, erfüllten Leben denn so einfach?

»Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt«, steht im Talmud. Gemäß dieser Weisheit gilt es, die individuelle, persönliche Welt eines jeden Menschen wertzuschätzen und ihre Großartigkeit anzuerkennen. Das verändert nicht die ganze Welt. Aber es ist ein kleiner Schritt dazu.

Briefe, E-Mails, Zuschriften von Lesern und Leserinnen zeigen mir immer wieder, wie das gelingen kann: Durch Momente aus ihrem alltäglichen, kleinen großartigen Leben.

S c h l ü s s e l e r l e b n i s

Tina Würtl, eine junge Frau aus St. Ulrich am Pillersee in Tirol, schreibt mir folgendes E-Mail: »Es ist schon spät geworden, aber es ist mir einfach ein Bedürfnis, Ihnen ein paar Gedanken zu schicken. Wie machen wir aus unserer Welt eine bessere Welt? Es ist so einfach, zu leben. Wenn jeder von uns keinem anderen mehr Schaden zufügt, ihn nicht verletzt durch Taten oder Worte, wenn wir keine Angst mehr haben. Ich lebe in einer so unfassbaren, schönen, freien Welt, in der ich glauben kann, was ich will, mein Haus steht mitten im Grünen, beschützt von Bergen, mein Kind (Moritz, 3 Jahre) schläft gesund, satt und friedlich in seinem Bett. Wir alle, die in diesem Geschenk leben, müssen dankbar sein, jede Minute unseres kostbaren Lebens, und wir müssen helfen! Ein nobler Herr Von und Zu könnte doch, anstatt die dritte Magnumflasche Champagner zu bestellen, das Geld einer Familie geben, die sich die Heizkosten nicht leisten kann. Alles ganz einfach. Wenn der gibt, der zu viel hat, haben am Ende alle etwas.

Ich glaube aber, noch viel schwieriger als die Sache mit dem Geld ist die Sache mit dem Herzen. Es läuft bei vielen auf Sparflamme und verkümmert. Als Kind zu wenig Liebe bekommen, ausgelacht in der Schule, kein Selbstbewusstsein, man unterdrückt andere, um sich selbst größer, besser zu fühlen. Wir alle suchen doch den Schlüssel zum Glück, dabei halten wir ihn in Händen. Mein Schlüssel zum Glück ist, dass ich jetzt nach oben gehe, meinen wunderbaren Sohn fest zudecke und ihm leise sage, dass ich ihn liebe. Danke fürs Lesen.«

Tina, danke fürs Schreiben!

Z i t h e r k l ä n g e

Es war eine ganz kurze Notiz, die mir Richard Riedl aus Hall in Tirol zukommen ließ. Er schreibt: »Seit Jahren spiele ich in einem Seniorenheim Zither, Akkordeon, Gitarre. Immer wenn beim Fortgehen eine Dame ihre Hand auf meinen Arm legt und sagt: ›Komm ja wieder, Zither ist ja so was Schönes!‹, dann fühle ich mich stundenlang sehr wohl.«

Nur diese wenigen Zeilen, in denen so große Menschlichkeit und tiefes Gefühl steckt. Und eine Geschichte, die ich mir versuche auszumalen: Ein Seniorenheim in Tirol. Menschen, die sich entschieden haben, ihre eigenen vier Wände aufzugeben oder diese aufgeben mussten. Weil ein eigener Haushalt zu beschwerlich ist, weil sie nicht mehr für sich selbst sorgen können. Das Alter ist nicht nur schön, manches tut weh, der Körper, die Seele. Hier geht es ihnen gut, die Menschen sind nett, das Essen schmeckt, und man ist nicht alleine. Die Bewohner blicken auf ihre Leben zurück. Erinnerungen an Kindheit, Schule, Beruf, Familie, an gute und schlechte Zeiten, an Wanderungen in die Berge – die wunderbare schneebedeckte Nordkette so nah, heute blicken sie nur noch von unten hinauf! Die Kinder kommen sie nur manchmal besuchen, sind halt viel beschäftigt, sind ja noch jung, stehen mitten im Leben.

Aber manchmal kommt der Herr Richard mit seinen Instrumenten und bringt alles Schöne zum Klingen. Mit dem Akkordeon, der Gitarre, besonders aber mit der Zither. Melodien aus ihrem Leben. Wie gut das tut. Bevor er geht, legt die Dame ihre Hand auf seinen Arm und sagt: Kommen Sie ja wieder! Und das macht ihn glücklich und alle Bewohner auch. Danke!

P a p a

Frau Margareta Schlucher hat mir einen Brief geschickt. Einen Brief an ihren Vater. Ihre Zeilen haben mich sehr berührt.

»Lieber Papa! Wie du weißt, war ich schon 40, als ich dich persönlich kennenlernte. Ich sah dich auf der Straße und sprach dich einfach an. Ich erinnere mich noch heute an den Augenblick, als ich auf dich zugegangen bin, dich begrüßt und mich als deine Tochter vorgestellt habe, als nach einem kurzen, irritierten Blick ein unglaublich strahlendes Lächeln auf deinem Gesicht erschien. Das hat mich zutiefst berührt. Das Glücksgefühl versetzte mich in einen Schwebezustand, der tagelang anhielt.

Du wirst dich erinnern, dass wir vereinbart haben, dass wir uns in Ruhe treffen, um miteinander zu reden. Diese Treffen haben wir in den folgenden Jahren fünf bis sechs Mal im Jahr beibehalten, in Summe nicht viel Zeit. Was wirklich zählt, war jener Augenblick, in dem du mir gesagt hast: »Ich bin richtig stolz auf dich und froh, dass es dich gibt!« Ab da wurde mein Leben rund, ich gewann eine innere Sicherheit, die ich vorher so nicht kannte. Wir kannten uns nur sieben Jahre, als du letztlich diese Welt verlassen musstest. Und trotzdem kann ich heute sehr dankbar und in Frieden dein Grab besuchen und immer wieder die tiefe Verbundenheit und das Gefühl der Wärme, das du mir geschenkt hast, empfinden. Danke, Papa!«

V e r t r a u e n

Anna Pfleger war an diesem Nachmittag knapp dran. Die Aufführung des Theaterensembles 365 sollte schon in wenigen Minuten beginnen, sogar ein Kamerateam hatte sich zur Premiere angesagt, die Generalprobe am Tag davor war chaotisch verlaufen … Viele Gedanken waren zu diesem Zeitpunkt in ihrem Kopf, als sie sich mit ihrem Fahrrad vor dem Haus in der Ybbsstraße einparkte. »In der Aufregung vergaß ich, dass mein Fahrrad ungleich bepackt war, und es fiel prompt auf ein parkendes Auto und machte eine Delle!« Also nahm sie ihre Visitenkarte, schrieb mit bester Absicht eine Entschuldigung darauf, weil sie für den entstandenen Schaden aufkommen wollte. Doch dann meldete sich leises Misstrauen. »Vielleicht ist es besser, den Schaden genau zu fotografieren, wer weiß, wem das Auto gehört und wofür ich am Ende alles verantwortlich gemacht würde …!« Während sie also mit ihrem Handy Fotos des beschädigten Autos anfertigte, kam eine Frau mit Kind und fragte sie, was sie hier mache. »Ich gab ihr meine Visitenkarte und erzählte den Hergang.« Nun bekam die Geschichte eine Wendung. Die Frau, tatsächlich die Besitzerin des Autos, sah sich den Schaden an, dann die »Täterin« und sagte: »Mir wäre die Delle gar nicht aufgefallen, das Auto ist so alt, ich werde das auch nicht mehr reparieren lassen! So etwas kann ja jedem passieren!« Dann fuhr sie freundlich lächelnd weg. »Da stand ich nun, beschämt, aber glücklich, weil ich trotz meines Misstrauens auf unerwartetes Vertrauen und Entgegenkommen gestoßen war! Danke, liebe Unbekannte!«

M u t t e r l i e b e

Ich habe Frau S. vor 15 Jahren kennengelernt. Sie war alleinerziehende Mutter einer dreijährigen Tochter, arbeitete halbtags, träumte von einem Leben mit Familie, Vater, Mutter, Kinder. Sie lernte ihren Traumprinzen kennen. Jetzt sollte alles anders werden. Eine gemeinsame Wohnung, ein gemeinsames Leben, das war der Plan. Doch Frau S. wurde schwanger – das stand nicht im Plan des jungen Glücks. Er wollte nicht noch ein Kind, sie wollte ihn nicht verlieren, so entschied sie sich schweren Herzens für eine Abtreibung. Doch noch bevor es dazu kam, stellte sich bei einer Untersuchung heraus, dass das ungeborene Kind mit allergrößter Wahrscheinlichkeit behindert sein würde. Da mobilisierte Frau S. all ihre Kräfte: »Dieses Kind braucht mich mehr als jedes andere!« Sie entschloss sich, das Kind zur Welt zu bringen. Der Vater des Kindes war bald auf und davon. Adieu Familienglück.

Roman ist heute 15 Jahre alt, er ist schwerbehindert. »Die glücklichen Tage sind die, wenn er seinen Kopf alleine halten kann. Wenn er mich mit den Augen anlächelt und dazu Laute von sich gibt, die an das Brüllen eines Löwen erinnern!«, erzählt die Löwenmutter stolz. Ihre Tochter lebt schon ihr eigenes Leben, kommt oft zu Besuch, auch morgen am Muttertag. »Dann mach ich mit meinen zwei Lieblingen einen Spaziergang und weiß, es ist gut so, wie es ist!« Ob sie ihre Entscheidung von damals je bereut hat? »Nicht eine Sekunde!«, sagt die tapfere Mutter. Mutterliebe. Unendlich.

A d v e n t

Manuela F. schreibt mir einen berührenden Brief zum bevorstehenden Weihnachtsfest. Es ist das erste Weihnachten ohne ihren Sohn, der im Sommer gestorben ist. Sie erinnert sich an die Weihnachtsfeste mit ihm, und beim Lesen des Briefes werden bei mir eigene Erinnerungen wach. An die Adventzeit meiner Kindheit, an das Staunen, das Warten auf das Wunder. Die Zeit, in der täglich ein Fenster am Adventkalender geöffnet wurde, und ein Bild kam zum Vorschein! Einfache Adventkalender, mit Bildern drinnen, die man bestaunt hat, und bei denen man sich täglich gefragt hat, was sich wohl hinter dem nächsten Fenster verbirgt. Keine Adventkalender mit Plastik-Innenleben und täglichem Schokogenuss. Oder Spielzeug. Oder Geld. Weil die Kinder ja eh alles haben.

Ich erinnere mich an eine Zeit, als es draußen ganz still wurde, so still, wie nur Schneeflocken fallen. Das gibt es heute nicht mehr? Die Stille kann man sich immer gönnen, auch heute. Dafür muss man aber mutig sein. Geselligkeit, Geschäftsrausch und rasendes Tempo sind eine Flucht vor der so ersehnten Stille und all den bohrenden Fragen, die sie mit sich bringt. Zum Beispiel die Frage, warum wir mit der allerkostbarsten Sache der Welt, der Zeit, so achtlos und gleichgültig umgehen. Als hätten wir unendlich davon. Wenn plötzlich eine schwere Krankheit das Leben bedroht, ist alles anders. Plötzlich ist klar, was das Kostbarste ist. Es ist nicht Geld, nicht Erfolg, nicht die Karriere. Sondern Familie, Freunde, Menschen, die dich lieben und die du liebst. Der Glaube ans Christkind.

So bleibt am Ende nur ein Wunsch: Hätte er nur mehr Zeit gehabt zum Leben!

V e r m ä c h t n i s

Das Jahr geht zu Ende, Zeit, sich zu verabschieden. Mit Freude und Dankbarkeit denke ich an viele besondere Momente und Begegnungen. Mit Traurigkeit und Schmerz an die Menschen, die nicht mehr da sind. Der Tod unserer Kollegin Marga Swoboda hat uns und viele Menschen in diesem Land bewegt. Kardinal Schönborn bezeichnete ihre Kolumnen als »Evangelien des Alltags«, sie erfasste, so der Kardinal, »was Menschen freut und leiden macht, was sie hoffen lässt und was sie niederdrückt, wo sie Großes für andere taten und wo sie Schreckliches für andere erlitten.« Viele Leser liebten ihr unglaubliches Vermögen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, so empfindsam zu sein für alle Nuancen des Lebens.

Das E-Mail von Theresia Richter hat mich besonders berührt. Sie schreibt mir: »Marga Swoboda konnte all meine Gefühle in Worte fassen … Wenn ich ihre Texte gelesen habe war mir leichter. Ich habe mich auch als Mensch bestätigt gesehen, sie hat mir indirekt gesagt, dass man so fühlen darf, auch wenn man deswegen schräg angesehen wird. Sie hat mir das Gefühl gegeben, ich bin ok, so wie ich bin, sodass mein Selbstwert wieder geradegerückt wurde. Sie hat mich stark gemacht und so wie mich auch viele andere Menschen aufgebaut!« Was für ein Vermächtnis! Andere Menschen, in all ihrer Schwäche, Kleinheit groß machen! Du bist wertvoll, du bist wunderbar, du bist richtig und wichtig, weil du du bist! Ein Gedanke am Jahresende, ein Vorsatz für uns alle fürs nächste Jahr!

Margas letzte Kolumne endete mit folgendem Gedanken:

»Dem Glück ein bisschen auf die Sprünge helfen, wenn es wieder zu spät oder zu langsam war, selber hinaufzukrabbeln. Das geht schon, aber versuchen muss man es noch immer selbst!

Ein bisschen Glücksromantik hat noch keinem geschadet! Daran kann man sich jeden Morgen im Grau und allen Schattierungen überzeugen. Und plötzlich siehst du ein Lächeln, das dir ungebremst das Gesicht erhellt. Tut gut, ein kleiner Gedanke von irgendwo nach irgendwohin. Dann weiß man, dass es sich lohnt, dir oder mir etwas Gutes zu tun. Warum nicht auch für sich selber einmal, zwischendurch.«1

»In Zeiten, in denen der Wille, Gutes zu tun, lächerlich gemacht wird, in denen ›der gute Mensch‹ zum Spott- und Schimpfwort wird, ist Vertrauen notwendig, wollen wir nicht in moralischem Nihilismus versinken. Der Zynismus, die ödeste aller Denkungsarten, macht uns mürbe. Solidarität ist bunt und lebendig, Hass ist grau. Menschen sind keine Wellen, Menschen, die Hilfe nötig haben, dürfen nicht mit der Endsilbe -linge bezeichnet und ausgetrieben werden. Die Sprache verrät den Geist. Wer lange genug über gute Menschen spottet, wird sich irgendwann schämen, ein solcher sein zu wollen. Die bösen Worte bereiten die bösen Taten vor wie die guten Worte die guten Taten.«2

MICHAEL KÖHLMEIER,
SCHRIFTSTELLER

Kapitel 1 | Good News

Only bad news are good news« heißt das Motto der modernen Medienwelt, ein Motto, das so kurzsichtig wie unwahr ist. Mehr denn je brauchen wir die Kraft der guten Nachricht als gesellschaftliches Bindemittel, als Kitt für unsere Gesellschaft. Diese immer wieder achtsam und geduldig aufzuspüren, auch gegen Widerstände, ist eine große Herausforderung.

Ich war vor einigen Jahren eingeladen, an der Kinderuni in Wien eine Vorlesung für Volksschüler zu halten. Ich wählte das Thema »Gute Nachrichten« für diese Stunden und gab den sechs- bis zehnjährigen Kindern die Aufgabe, aus Tageszeitungen und bunten Magazinen gute Nachrichten auszuschneiden. Eine harte Aufgabe! Im Sportteil wurden wir fündig, dort gab es einige Erfolgsmeldungen von siegreichen Sportlern, schließlich fanden wir noch ein paar kleine Meldungen von Lebensrettern, eine erfolgreiche Fünflingsgeburt, das war es aber auch schon! Die Kinder hatten allerdings ihre eigene Art, die Aufgabe zu lösen, und brachten, feinsäuberlich ausgeschnitten, zahlreiche Werbeinserate. Zunächst war ich darüber sehr erstaunt, doch sie erklärten mir ganz logisch, dass die Nachricht »Minus 10 Prozent« oder »Bestpreis« doch eindeutig eine gute Nachricht sei! Ja, jede Zeit hat ihre Kinder, und die haben ihre eigene Art und Weise, auf die Welt zu blicken!

Die Kriterien einer Welt, die von Ökonomisierung in allen Lebensbereichen geprägt ist, haben sich tief in unser Denken und Fühlen hineingefressen …

Was ist nun die »gute Nachricht«? Und was ist die Aufgabe eines Journalisten? Journalistische Verantwortung heißt für mich, nicht nur herauszufinden, was passiert ist. Unseren Zuschauern und Lesern muss durch unsere Arbeit wichtig werden, was da überall passiert! Wir wissen von Elend, Not, Krieg, Armut, Ungerechtigkeit auf der ganzen Welt und bei uns. Aber Fakten und Zahlen und Tatsachen bewegen uns nicht. Wir Menschen sind für persönliche Beziehungen, für unmittelbare Erfahrungen in unserer kleinen Welt geschaffen. Damit Ideen Kraft entfalten, müssen wir sie sehen, spüren. Es müssen Bilder in unseren Köpfen entstehen, wir müssen Beziehungen entwerfen. Dazu ist es wichtig, immer wieder Geschichten von Menschen zu erzählen, die menschlich sind, Gutes tun, verantwortlich handeln, Solidarität leben, um Gerechtigkeit kämpfen.

Der Dalai Lama gibt Journalisten folgenden Rat: »Autoren und Journalisten haben großen Einfluss auf die Gesellschaft. (…) Sie haben indirekt die Macht, Millionen von Menschen Glück und Unglück zu bringen. (…) Journalisten sollten die positiven Seiten des Menschen stärker in den Vordergrund rücken. Im Allgemeinen interessieren sie sich für brandaktuelle Ereignisse, vor allem wenn es sich um Horrormeldungen handelt. Andererseits erscheint es uns nicht der Rede wert zu sein, dass wir unsere Kinder erziehen, uns um die Alten kümmern oder Kranke pflegen.«

Durch eine solche einseitige Berichterstattung besteht die Gefahr, dass wir die Welt eines Tages als Ort voller Gewalt und Schrecken wahrnehmen, denen wir ohnmächtig gegenüberstehen. Wenn jegliche Hoffnung auf eine mögliche Veränderung verloren ist, wozu überhaupt den Versuch unternehmen? Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sind Berichte über gute Taten und Ereignisse von immenser Bedeutung.3

Auch Papst Franziskus betont die wichtige Aufgabe von Journalisten in diesen Tagen. Es gebe, so der Papst, wenige Berufe, die so viel Einfluss auf die Gesellschaft haben wie der Journalismus. Journalisten hätten eine wichtige Rolle und seien auch im digitalen Wandel der Medienwelt eine tragende Säule. Umso größer sei ihre Verantwortung für einen konstruktiven Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft. Dafür müssten Journalisten und Medienmacher im hektischen Arbeitsalltag auch einmal innehalten und sich auf drei wesentliche Dinge besinnen: die Wahrheit lieben, mit Professionalität leben und die menschliche Würde achten. Im ununterbrochenen Fluss der Kommunikation, die 24 Stunden sieben Tage die Woche laufe, sei es nicht immer einfach, die Wahrheit zu finden, sagte Papst Franziskus bei einer Audienz zu Journalisten. In den Grauzonen und dem Für und Wider politischer Debatten sei es die Aufgabe und Mission der Journalisten, Klarheit zu schaffen, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen. Die Professionalität eines Journalisten bestehe vor allem darin, die eigene Arbeit nicht den Interessen von Wirtschaft und Politik zu unterstellen. »Es sollte uns zum Nachdenken bringen, dass die Diktaturen jeder Richtung und Couleur im Laufe der Geschichte nicht nur immer versucht haben, sich der Kommunikationsmittel zu bemächtigen, sondern dem Beruf der Journalisten auch neue Regeln auferlegt haben.«

Zuletzt gelte es für Journalisten, die menschliche Würde zu beachten. Geschwätz bezeichnet Franziskus als eine Form von Terrorismus. »Heute erscheint ein Artikel, morgen wieder ein anderer. Aber das Leben eines Menschen, der zu Unrecht diffamiert wird, kann damit für immer zerstört werden«, warnte der Papst. Der Journalismus dürfe nicht zu einer »Waffe der Zerstörung« einzelner Personen oder ganzer Völker werden. Er sollte auch nicht die Ängste schüren vor Veränderungen und Phänomenen wie Migration, Krieg und Hunger. Vielmehr müsse der Journalismus »Instrument des Aufbaus« werden, Versöhnungsprozesse beschleunigen, eine Kultur der Begegnung fördern. »Ihr Journalisten könnt jeden Tag alle daran erinnern, dass es keinen Konflikt gibt, der nicht gelöst werden kann von Frauen und Männern guten Willens.«4

Es gilt demnach, immer wieder zu überprüfen, was wir in den Mittelpunkt unserer Berichte stellen, worauf wir die Scheinwerfer richten: Höher, schneller, weiter, schöner, besser ist meistens die Devise. Kürzlich sah ich Marcel Hirscher am Cover einer Zeitung, ein erfolgreicher, gut aussehender junger Mann – aber das reicht nicht, das Foto wurde zusätzlich retuschiert! Noch schöner, noch besser, noch glatter, noch jünger, noch erfolgreicher. Wir schaffen uns perfekte Ikonen, um dann selbst nicht mehr zu genügen. Eine absurde Entwicklung!

Aber: Kennen Sie die Namen der reichsten Menschen der Welt, der »Miss World«, der letzten Nobelpreisträger oder Oscar-Gewinner? Wohl kaum. Beifall verhallt! Medaillenglanz ermattet. Die Sieger werden vergessen. Aber den Lehrer, der Ihren Bildungsweg beeinflusst hat, der Freund, der da war, als es Ihnen schlecht ging – diese Namen werden Sie sich merken, Ihr ganzes Leben lang. Diese Menschen machen den Unterschied, können lebenswichtig, ja sogar lebensentscheidend sein. Also hören wir die Leisen, schauen wir auf die angeblich Hässlichen, stützen wir die Schwachen. Seien wir menschlich, und das heißt immer auch, mit Fehlern behaftet. Wie schön, wenn ein Experte, ein Gelehrter, ein Politiker eine Frage einmal nicht beantworten kann. Wie gut tut uns allen ein ehrliches: Ich weiß es nicht.

Bei den täglichen Nachrichten fragen sich viele von uns: Wie kann man das überhaupt noch aushalten? Die Faszination des Grauens ist längst purer Niedergeschlagenheit gewichen. Was ist bloß los mit unserer Welt? Wie kann man je wieder Freude empfinden, an das Schöne und Gute glauben, Trost spenden, Mut machen, Menschen vertrauen? Vielleicht hilft ein kurzer Blick in die griechische Mythologie: Pandora erhält von Zeus eine Büchse geschenkt, die mit allem Unheilbringenden gefüllt ist. Bis dahin hat die Menschheit kein Übel, nichts Schlechtes gekannt. Pandora missachtet den Rat, die Büchse niemals zu öffnen. Kaum hebt sie den Deckel, kommt das Böse heraus und verbreitet sich in aller Welt. Mich faszinierte schon immer das optimistische Ende dieser Geschichte: Denn ganz unten, in den Tiefen der Büchse – und das dürfen wir nie vergessen – wartet: die Hoffnung. Ohne die Hoffnung könnten wir den Rest nicht ertragen.

Welche gute Nachricht habe ich heute
wahrgenommen?

Wann war ich zuletzt selbst der
Überbringer einer guten Nachricht?

Welche gute Nachricht würde ich
gerne als Schlagzeile formulieren und
veröffentlichen?

F r o h e sL e b e n

2008 feierte die damals älteste Österreicherin ihren 110. Geburtstag. Hermine Dunz wurde im Februar 1898 geboren, im Todesjahr von Kaiserin Elisabeth. Sie war Kindermädchen, arbeitete in Ungarn, Italien, der ehemaligen Tschechoslowakei – mein Gott, Grenzen, die haben sich doch laufend verändert! 110 Jahre – zwei Jahrhundertwenden hat sie erlebt und all die Ereignisse, die wir nur aus Geschichtsbüchern kennen: Ein junges Mädchen von 20 war sie, als der Erste Weltkrieg endete. Welche schmerzlichen Verluste hat er ihr wohl beschert?

»Ich hab gerne die Männer geküsst«, verrät sie heute. Ihr Herz hat sie nur ihrem Ehemann geschenkt, mit dem sie 22 Jahre verheiratet war. Eine Frau von 40 Jahren war sie, als Hitler im März 1938 in Österreich einmarschierte. Dann der Krieg, Zusammenbruch und Wiederaufbau, ein neues Österreich. Wie viele Regierungen sie kommen und gehen und streiten gesehen hat? Da kann Hermine nur müde lächeln. Als sie 70 Jahre alt war, erlebte die Welt die 68er-Generation, die sexuelle Revolution, die Pille, den ersten Menschen am Mond. Noch einmal gute 20 Jahre sollte es dauern, bis der Eiserne Vorhang fiel, da war Hermine schon über 90. Und 110 musste sie werden, um sich über den ersten Oscar für einen österreichischen Film zu freuen!

Wie man so alt wird? Keine Medikamente, jeden Tag ein kleines Bier und mäßig leben, rät sie. Den Männern nicht nachhängen. 110 Jahre, ein Gesicht wie ein Bilderbuch. Ganz weich wird ihr Ausdruck, wenn sie zu erinnern sich beginnt. Und manche Erinnerung ist wohl so gut verräumt, dass sie sie selbst nicht mehr findet. »Ich war immer ein froher Mensch«, sagt sie. Das ist wohl die Kunst: ein frohes Leben leben, egal was auf der Welt passiert!

E i nE u r o

Eine schöne Geschichte, geschehen im ostfranzösischen Dole: Der 62-jährige Michel Flamant ist Bäcker, seit er 14 Jahre ist. Seine Lebensgefährtin verkauft die Waren im Geschäft. Beide suchen schon längere Zeit einen Nachfolger für das Geschäft, die drei Töchter haben andere Interessen. Vor dem Geschäft lungert immer wieder ein Obdachloser herum, Jérôme Aucant, und wartet darauf, vom Bäcker ein Croissant und einen Kaffee zu bekommen.

Dann erleidet der Bäcker plötzlich wegen eines kaputten Ofens eine lebensgefährliche Kohlenmonoxid-Vergiftung. Es ist eben dieser Obdachlose, der ihn findet und den Notarzt ruft. »Wäre Jérôme nicht dagewesen, wäre ich auf dem Friedhof gelandet«, sagt Flamant. Als er nach zwölf Tagen aus dem Krankenhaus kam, bot er Aucant einen Job an. Sechs Tage die Woche steht dieser von Mitternacht bis mittags in der Backstube im Keller, bäckt Brot, Kuchen und Torten. Schnell war der Bäcker angetan von seinem tätowierten Lehrling, der sich extra für seinen ersten richtigen Job die Dreadlocks abschnitt. »Jérôme ist ein Arbeitstier«, sagt Flamant. »Also habe ich beschlossen, ihm die Bäckerei für einen symbolischen Euro zu überlassen.« Bald ist es so weit, dann endet die Einarbeitungszeit für »den Neuen« und für die Bäckerei ist ein Nachfolger gefunden.

P o l i z e i e i n s a t z

Streifenpolizisten werden bekanntlich zu den unterschiedlichsten Einsätzen gerufen: Verkehrsunfälle, Gewalttätigkeit, Trunkenheit, Einbruch und vieles mehr. Doch diesmal war besonderes Feingefühl notwendig: In Wien-Favoriten wurde die Polizei gerufen, weil eine Wildentenmutter mit ihren 15 (!) Küken verschreckt und orientierungslos auf die Straße – und damit in ihren sicheren Tod – laufen wollte! Den Polizisten gelang es, die Küken einzufangen und in einen Karton zu verfrachten. Doch das Einfangen der Wildentenmutter misslang. Sie war offenbar skeptisch, ob die herbeigerufenen Langbeine tatsächlich »Freund und Helfer« waren oder nicht doch vielmehr nach ihrem zarten Fleisch trachteten, und blieb verschwunden.

Bis die Polizisten entschieden, den Karton mit den 15 Küken auf dem Rücksitz des Streifenwagens zu einem nahe gelegenen Teich zu transportieren. Plötzlich war die Entenmama da, denn die Sorge um ihre Brut war stärker als die Todesangst! Der gute Polizist, und ihm sei an dieser Stelle gedankt, erkannte die emotionale Ausnahmesituation und ließ beim heiklen Transport das Seitenfenster des Wagens offen, damit Mama Ente im Begleitflug ständigen Sichtkontakt zu ihren Sprösslingen hatte, den Streifenwagen »eskortierte«! So gelang es, die gesamte Familie wohlbehalten zum Teich zu bringen, Mutter und Küken sind nach Auskunft der Polizei wohlauf. Zum Abschluss gab es Brotstücke und die immerwährende Erkenntnis, dass es kein stärkeres Band gibt als Mutterliebe!

D a b e is e i n

Es sollte ein Zeichen sein, für dieses große Fest der Völkerverständigung, des Friedens. Die Olympischen Spiele leben seit Anbeginn von großen Symbolen. Als am 5. August 2016 die Olympischen Spiele in Rio eröffnet wurden, nahm auch ein Team von Flüchtlingen an den Wettkämpfen teil. Diese starteten nicht für ihr Heimatland, sondern unter der Flagge des Internationalen Olympischen Komitees. »Die Mannschaft startet unter denselben Bedingungen wie alle anderen«, erklärte IOC-Präsident Thomas Bach. »Wir wollen damit ein Zeichen der Hoffnung an alle Flüchtlinge auf der ganzen Welt senden.«

Mit dabei war die 18 Jahre alte Schwimmerin Yusra Mardini aus Syrien. Ihre Geschichte war um die Welt gegangen: Als sie von der Türkei nach Griechenland flüchtete, 20 Flüchtlinge im Schlauchboot, fiel der Außenbordmotor aus. Yusra, ihre Schwester und ein drittes Mädchen sprangen ins Wasser, schoben das Boot stundenlang durch die Ägäis, bis sie sicheres Ufer erreichten. »17 Leute, die nicht schwimmen konnten«, erzählte Yusra bei der Pressekonferenz. »Wir mussten sie retten.« Über die Balkanroute kam Yusra Mardini über München nach Berlin. Ein Übersetzer stellte den Kontakt zu den Wasserfreunden Spandau 04 her, wo sie schließlich in die Trainingsgruppe aufgenommen wurde. Dann war sie dabei, im Team »Refugee Olympic Athletes (ROA)«. Und sie war die Sportlerin, die dem ROA-Team, der Flüchtlingskrise und dem humanitären Anliegen des Weltsports ein Gesicht gab. »Weil ich schwimme, lebe ich noch!«*

* Die sportlichen Fakten ihres Rennens über 100 Meter Delfin: Mardini gewann ihren Vorlauf gegen zwei andere Schwimmerinnen in 1:09,21 Minuten, blieb aber über ihrer persönlichen Bestzeit – es reichte am Ende zu Platz 41 unter 45 Schwimmerinnen.

G e b u r t s o r t

Mit der Statistik kann ja bekanntlich alles berechnet werden. So hat das britische Wirtschaftsmagazin The Economist