image

Axel N. Halbhuber

Reisen ist ein Kinderspiel

Für Rosie Mac
Und Valentin, der seine Schwester
liebt wie sich selbst

Axel N. Halbhuber

Reisen ist ein
Kinderspiel

Wie Valentin seinem Vater
die Welt zeigt

Mit 95 Fotos

image

Stand der Reise- und Preisinformationen: Dezember 2016

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagfotos sowie alle Fotos im Buch: © Axel N. Halbhuber
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,25/14,7 pt Minion Pro
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-071-2
eISBN 978-3-903083-57-8

Inhalt

Vorwort

by Katrin aka Mama

Prolog

Warum es vollkommen egal ist,
dass sich das Kind nicht an eine Reise erinnern wird

Fisch und Feuer

Im Winter zum einsamen Meer:
Warum ein Ofen sehenswert ist

Dänemark/Seeland: Odsherred, Kopenhagen

Schneemann und Stallbub

Kleine Entdecker:
Warum Hütte und Bauernhof perfekte Basislager sind

Steiermark: Tauplitz, Ennstal, Schladming-Rohrmoos, Dachstein

Wasserratte versus Maskottchen

Konflikt in der Komfortzone:
Wie kann mein Sohn Thermen mögen?

Burgenland: Lutzmannsburg

Am See im Fluss

Wasserfahrt in trockener Kiste:
Warum kein Opa bei Radtouren fehlen darf

Deutschland/Österreich/Schweiz: Passau bis Wien und Bodenseerunde

Prado und Little Venice

Städte im Buggytempo:
Wie ich nach zwanzig Trips ein erstes Mal hatte

Spanien/England: Madrid und London

Schlafende Riesen und tiefe Gräben

Die Almwiese als Spielteppich:
Wieso sich Wandern mit Kind neu erfindet

Oberösterreich/Salzburg/Niederösterreich: Gosaukamm und Ötschergräben

Glück trotz Überfluss

Leidenschaftlicher Cluburlauber:
Die Emanzipation des Reisekindes

Griechenland: Insel Kos

Höhlenmensch und Beifahrer

Fahrendes Klo und alles dabei:
Wie man nie etwas im Zimmer vergisst

Kärnten: Längsee

Hummer und Straßenkatzen

Feiner Bub auf hoher See:
Warum der Luxus beim Abenteuer nicht stört

Spanien/Frankreich/Italien/Mittelmeer: Barcelona, Korsika, Saint-Tropez, Portofino, Elba

Pures Leben und Totes Meer

Exotischer Trip von Wüste bis Wasser:
Warum der Beduine Valentin nach Hause einlädt

Jordanien: Amman, Jerash, Umm Qais, Totes Meer, Petra, Königsstraße, Wadi Rum, Aqaba

Schokomassage und Fernsehabend

Die Bekehrung des Skeptikers:
Wieso ein Kinderhotel nicht furchtbar sein muss

Tirol: Lermoos

Gletschertrip und Zugabe

Disneyland am Dreitausender:
Wo der ehrgeizige Sohn sein Skidebüt einforderte

Salzburg: Kitzsteinhorn, Kaprun

Epilog

Warum man zweitens das Reiseprogramm halbieren soll. Und sich erstens vollkommen auf sein Kind einlassen darf.

Danke

Vorwort

Axel N. Halbhuber ist ein Besserwisser.

In den Wochen vor seiner Karenz hat er Freunden und mir unermüdlich erklärt, wie und wo und wie oft er im kommenden Jahr mit seinem Sohn Valentin die Welt auf den Kopf stellen würde. Und was die alle haben, wenn sie ihm darauf antworten, na du wirst schön schauen, wie anstrengend das ist. Ich habe ihm zugehört und nicht nur einmal gedacht: »Jaja, jetzt redest g’scheit.« Und mir – in Erwartung einer ordentlichen Portion Genugtuung – ausgemalt, wie er schon bald nach seinem Karenzantritt vor mir stehen wird und nicht mehr weiß, wo hinten und vorne ist.

Ein paar Monate später steckte Axel mitten in den Vorbereitungen zur Kreuzfahrt, Valentin war eineinhalb Jahre alt. Die Schifffahrtgesellschaft bot im Rahmen ihres Baby-Paketes an, das Milchpulver für das Kind nach Wunsch bereitzustellen. Axel fand das super und füllte das nötige Formular aus. Ich, die grundsätzlich immer zwei Packungen mehr als nötig dabei hat (man weiß ja nie), war skeptisch. An Bord stand dann tatsächlich das falsche Pulver bereit. Ich hätte die Nerven weggeschmissen – wie soll das Kind bloß einschlafen? Axel hingegen bot dem Kind die Flasche an, dem Kind hat’s nicht geschmeckt, es schlief trotzdem ein, das Abendflascherl war passé. Und ich, die sich schon seit Monaten Gedanken gemacht hatte, wie wir dem Kind ebendieses abgewöhnen könnten, wurde eines Besseren belehrt: Manchmal sollte man sich einfach nicht so viele Gedanken machen.

Axel macht sich keinen Kopf über Rituale. Er hat sich nie von festen Schlafens- oder Essenszeiten stressen lassen. Und alle »Regeln« von außen, wie man mit einem Einjährigen umzugehen hat, mit einem Augenrollen abgetan. Wie oft hat er mich damit genervt.

Nicht nur während seines Karenzjahres ist Axel seinen eigenen Weg gegangen. Er hat dabei eine Selbstverständlichkeit in den Alltag mit Valentin einziehen lassen, die ich sehr bewundere.

Das heißt nicht, dass er Valentin seinen Weg aufzwingt. Ganz im Gegenteil heißt es, dass er dem Kind Raum lässt: zu entdecken, zu erleben, seinen Kopf durchzusetzen. Er hat Valentin immer für voll genommen, ihm immer zugetraut, selbst etwas zu können, selbst zu bestimmen.

Genau deshalb war Valentin auch nicht Mitreisender in diesem Jahr mit seinem Papa, sondern Verbündeter. Womit Axel bei aller Weltentdeckerei und Abenteuerlust nicht gerechnet hat: Dass ein einjähriges Kind manchmal der Gescheitere ist. Valentin hat seinen Vater gebremst, ihm Umwege gezeigt, ihn zur Ruhe gebracht, Zeit eingefordert. Herausgekommen sind dabei Erinnerungen an ein gemeinsames Jahr, die viel wichtiger sind als Fotoalben und Postkarten. Und eine Vater-Sohn-Beziehung, die auf Augenhöhe funktioniert.

Ja, Axel N. Halbhuber ist ein Besserwisser. Valentin hat ziemliches Glück.

Katrin aka Mama

image

Nimm ein Kind an die Hand und lass dich führen. Es wird dich in eine Welt entführen, die du schon längst vergessen hast.

Ein Sprichwort, sicher ein chinesisches

Prolog

Warum es vollkommen egal ist,
dass sich das Kind nicht an eine Reise erinnern wird

Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird. Ich konnte den Satz nicht mehr hören. Das ganze Gespräch darum nervte. Auf »Ich fliege mit Valentin ans Meer« antworteten Freunde und Bekannte: »Na geh, schade, dass er das später nicht mehr wissen wird.« »Ich fahre mit ihm nach Madrid« – »Ein Pech, dass er nichts von der Stadt mitbekommen wird.« Ich erzählte von Reisen mit dem damals etwa einjährigen Dauerentdecker, Berg, Wüste, Schiff, Rad, wasauchimmer – schade, schade, Pech, Pech, Erinnerung, Erinnerung.

Das Problem an dem Satz: Er ist Unsinn. Aus drei Gründen. Erstens: Dieser Logik folgend sollten wir Kinder bis zum merkfähigen Alter von drei oder vier Jahren in gepolsterte Zimmer sperren und nur grundversorgen. Wozu ein Buch vorlesen, merkt sich ja eh nix, das Kind. Wozu Bausteine, Tiergärten und Babytanzen, wenn das ignorante Krabbelwesen nur an Steckdosen interessiert ist. Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird haben Jungeltern ausgesprochen, die mit ihrem Spross wöchentlich zur Babymassage (!) gingen – weil Berührung der Haut, weil frühkindliche Prägung, weil blablabla. Und der Sand in Jordaniens Wüste? Der salzige Nordwind an Dänemarks Küste? Die Gerüche exotischer Früchte auf den Märkten von Amman?

Wer ein Baby versorgt, weiß, dass im Leben anfangs nichts von Dauer ist. Jede Windel ist bald wieder voll, jeder Säuglingswamst bald wieder leer. Aber alles ist ein kleiner Schritt zum großen Sein. Alles dient der Entwicklung, der Prägung, und wieso sollen gerade fremde Städte, Länder und Welten das nicht tun? Johann Nestroy hat gesagt: »In den ersten Lebensjahren eines Kindes bringen ihm die Eltern Gehen und Sprechen bei …« – da kann man das Reisen dazuzählen. Beendet hat er den Satz mit »… in den späteren verlangen sie dann, dass es stillsitzt und den Mund hält«. Dazu zähle ich das Nichtreisen.

Zweitens wurde ich jenen gegenüber misstrauisch, die mir den Satz entgegenschleuderten. Warum reisen die überhaupt? Was ist Reisen? Ist es nicht der salzige Geschmack im Mund, wenn man zu lange auf die Brandung geschaut hat? Das Brennen in den Augen, wenn der Sonnenuntergang sich dem Ende zuneigt? Die erste mexikanische Delikatessen-Heuschrecke zwischen den Zähnen, die erste vergorene Stutenmilch in den Bergen Kirgistans? Berichten wir nicht genau diese Erlebnisse den Daheimgebliebenen? Wir stellen uns hin, mit glänzenden Augen, und sagen: »Dieses Bistro, gleich ums Eck vom Eiffelturm, haben wir entdeckt, das war umwerfend.« Der Satz »Und da waren wir auf dem Eiffelturm« garniert bestenfalls die Parodie einer Diashow. Wir reisen für den Moment, nicht für die bloße Erinnerung. Es ist eine grundsätzliche Frage, die man sich stellen muss.

Man soll Menschen nicht einteilen, aber ich teile sie in Reisende und Urlauber. Oder anders: Ich teile das Wegfahren in Reisen und in Urlaube. Nun mag die Erinnerung bei Urlauben ein epochaler Bestandteil sein, Urlaub dient ja neben der Erholung auch dem Neid, im Büro, bei Verwandten und Freunden. Da werden Poolliege und Frühstücksbuffet zu Sights, wer gibt schon mit dem Kellerbistro an, in dem man die besten Froschschenkel bekommt?

Es wäre also klug, sich der Frage zu stellen, wofür man reist. Um die Bilder ins Album zu bekommen oder ins Herz? Lustiges Paradoxon: Urlauber fotografieren zwar Sehenswürdigkeiten, schreiben auf Postkarten aber, wie Einheimische, Essen und Wetter sind. Erinnerung versus Gefühl. Kinder verbinden das, sie nehmen Kulturen über Menschen und Momente wahr, nicht über Geschichtsbücher.

Aber bezogen auf Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird ist selbst dieser Unterschied egal. Das Kind reist nämlich auch im Urlaub. Es klettert auf eine fremde Strandliege genauso wie auf eine antike Säule. Für das Kind ist beides wie ein Kellerbistro.

Drittens: zu den »Reisenden«. Jene, die in jungen Jahren Backpacker waren und in mittleren Jahren noch immer etwas erkunden wollen, die sich einlassen auf das Land und dessen Leute, die eine Nacht im Mehrbettzimmer noch immer wegstecken, wenn es sich lohnt. Die als Erwachsene noch immer die All-inclusive-Komfortzone verlassen, um auf den höchsten Berg der griechischen Urlaubsinsel zu steigen. Menschen, die für erfülltes Fortsein einen Erkenntnisgewinn brauchen, der über den Clubtanz hinausgeht. Die nicht »endlich einmal liegen und ausruhen«, sondern »endlich einmal aufrecht gehen und wach sein« wollen.

image

image

Das Drama ist: Sogar manche von diesen sagen Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird.

Mir ist bis heute nicht klar, warum Menschen ihr Reiseverhalten ändern, wenn sie Eltern werden. Sie tauschen Rucksack gegen Koffer und abgelegene Pfade gegen ausgetretene Adriastrände. Sie wählen ihr Quartier plötzlich nach der Nähe zum Krankenhaus, assoziieren Sonne nicht mehr mit Auf- und Untergang, sondern mit Gefahr, vor der es sich zu schützen gilt: Hutkrempen in Übergröße mit Nackenlappen, Sonnenbrillen wie Autoscheinwerfer und Sonnencremen wie Dispersionsfarbe – unfassbar, was sich die Babyschutzindustrie einfallen lässt. Die Früher-Reisende-jetzt-Urlaubseltern empfinden Entdeckungen als gefährlich und Unplanbares als russisches Roulette. Sie werden zu jenen »anderen«, die ihnen immer fremd waren. Trotzdem machen sie sich so inbrünstig über Helikoptereltern lustig, dass sie vollkommen übersehen, wie sehr sie über ihren eigenen Kindern kreisen. Zwischen »Man muss Kindern ja Freiräume geben« und »Schatzi, nicht in den Sand greifen, da haben die Krebse Lulu gemacht« passt oft nicht einmal ein Atemzug. Wo kann man Selbstreflexion eigentlich abschalten?

Schade, dass sich die Kinder daran nicht erinnern werden, wenn sie Kinder haben.

Ich kann mir dieses Verhalten nur damit erklären, dass heute zwar fast alle ein Kind wollen, aber erst »irgendwann«. »Irgendwann« sei, sagen sie auf Nachfrage, nach »Karriere/etwas aufbauen« und »noch ganz viel reisen«. Das geht sich bis »irgendwann« eh nie aus, weil die Karriere einem nie mehr als zwei Wochen am Stück freigibt. Aber doch reicht es, um die Überzeugung zu festigen, dass pränatales und postnatales Reisen sich grundsätzlich voneinander unterscheiden müssen. Peru-Rundreise mit Höhepunkt Machu Picchu davor, Jesolo-Woche mit Highlight Rieseneisbecher danach.

Das ist Unsinn. Weil Kinder nicht nur kein Problem beim Reisen sind, oder sagen wir, nicht mehr als ein eingewachsener Zehennagel: Auf den muss man bei der Planung auch Rücksicht nehmen und das große Annapurna- Trekking wird man vielleicht auf die Zeit nach der Heilung verschieben. Kinder sind sogar besser als der Zehennagel: Sie sind die besseren Reisenden. Weil sie nicht eine Liste von Sehenswürdigkeiten abarbeiten, die ohnehin aussehen wie die Bilder in unseren Köpfen. Sie denken sich in Pisa nicht »Der Turm ist ja wirklich schief« und in New York nicht »Bumm, ist die Statue klein«. Sie erwarten nichts, sie erleben es. Nehmen Gerüche auf, Klänge, das Gesicht eines Fremden, den Geschmack einer Speise. Sie reisen im Moment und für das Gefühl. Von Gefühlen kann man noch zehren, wenn Urlaubsfotos in Schubladen und auf Festplatten verrotten.

Denn ganz ehrlich: Wenn ich nach Ihrem schönsten Reisemoment frage, müssen Sie da im Album nachschauen?

Wer zeigt wem die Welt?

Der aufmerksame Leser merkt: Ich glaube, mit Kindern kann man sehr gut reisen. Diesen Verdacht hege ich spätestens seit meiner einjährigen Weltreise, auf der mir glückliche Eltern-Kind-Einheiten begegnet sind. Mein persönliches Reisen mit Kind begann Anfang des Jahres 2014: Sohn Valentin wurde elf Monate alt, ich übernahm die Karenzstaffel. Ein Mann für ein Jahr in Karenz, das fand mein Arbeitgeber interessant. Und weil dieser Arbeitgeber eine Tageszeitung ist, kam die Idee einer Vaterkolumne auf. Aber unter uns modernen Menschen: Man darf heutzutage nicht einmal mehr so tun, als ob Väter in Karenz eine Besonderheit wären. Eine Seltenheit, ja. Aber besonders ist nix daran. Ich sagte, machen wir etwas über das Reisen mit Kindern, da gibt es noch immer große Missverständnisse. Also beschlossen wir eine monatliche Serie. Und ich startete mein Karenzjahr mit dem Vorsatz, der lesenden Elternschaft darzulegen, dass Kleinkinder sehr wohl etwas vom Reisen mitnehmen. Und mit der Gewissheit, Valentin ein bisschen die Welt zu zeigen.

Letztendlich zeigte er sie mir. Aber so schlau war ich am Anfang noch nicht.

Zwölf erste Trips. Zwölf Destinationen sollten es sein, möglichst vielfältig und bunt. Meine Pläne überschlugen sich: Eine kleine Weitwanderung müsste dabei sein, ein Städtetrip, das grauenhafte Getümmel eines Kinderhotels und natürlich der erste Schnee. Und Zentralasien, ach, wie schön ist Kirgistan, vielleicht schaffen wir es nach Afrika. Reisen beginnt immer mit der Infektion, dann übernimmt die Besessenheit das Kommando. Ab diesem Moment saugt man aus allen Quellen Berichte und Informationen über die Wunschdestination.

image

Umstieg in Innsbruck: mäßiges Sandwich mit viel Lachen. Reisen besteht aus ungeplanten, guten Momenten.

Ich wälzte Reiseziele und -abenteuer, verwarf vieles und nahm Neues auf die Liste. Schlussendlich wurde es eine absurde Mischung von Schokolademassage und Städtetour bis Kamelritt und Hummeressen in Saint-Tropez. Von Banalem wie Kleinkindertherme und Cluburlaub bis zu Außergewöhnlichem wie Radreise und Wohnmobil. Von nah bis Jordanien, von Küste bis Berg, von Spätherbst am Meer bis Sommer auf dem Kreuzfahrtschiff.

Dieses Buch ist ein Plädoyer für das Reisen mit Kind.

Ja, dieses Plädoyer braucht es. Denn Kinder sind nicht nur kein Problem beim Reisen. Ich behaupte, es ist sogar ein wesentlicher Bestandteil ihrer Entwicklung. Wie Bischof Augustinus von Hippo vor 1600 Jahren sagte: »Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.« Nichtreisen macht einseitig. Reisen daher also vielseitig, es schult die Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken, hinaus in die weite Welt. Demnach hätten Eltern sogar die moralische Verpflichtung, mit ihren Kindern zu reisen. Oder, wie Goethe formuliert hat: »Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.«

Die Faszination des Reisens liegt darin, hinter jede Ecke zu schauen. Die ständige Erweiterung der eigenen Grenzen fordern Kinder von Beginn an ein, wenn sie zuerst auf dem Rücken herumkugeln wie der Kafka’sche Käfer, dann langsam zur Seite greifen, sich umdrehen, in die Krabbelposition gehen, aus dem vertrauten Zimmer hinaus, weiter ins Vorzimmer, dann überallhin, bis die Eltern sie aus den Augen verlieren. Sie wollen auf und in alles schauen, vom Blumentopf bis zum Mistkübel. Erforschen liegt in unserer frühkindlichen Natur. Es ist ein Talent, das viele beim Wachsen verkümmern lassen und gegen die Liebe zum Gartenzaun eintauschen. Bis hin zur »Neophobie«, der Angst und Skepsis vor Neuem, die laut Wissenschaft sogar die Lebensdauer verkürzt, obwohl es doch angeblich im vertrauten Schrebergarten am sichersten wäre. Nein, die Neugier hält uns am Leben, und Kinder zeigen mit atemberaubendem Eifer vor, wie man die Welt entdeckt.

Auf einer Weltreise schärft sich der Blick dafür, wie Menschen das Reisen erleben. Es dauert nicht lange, bis man gerne die Zuschauerposition in der zweiten Reihe einnimmt. Hinter den Frontaltouristen, die im Kampf um das beste Foto einer ohnehin bekannten Sehenswürdigkeit hemmungslos die Ellenbogen ausfahren. Sie inhalieren Orte nicht, sie halten sie fest. Nach einiger Zeit braucht man Pause von ihnen und biegt vom Trampelpfad ab. Zum Beispiel in Peru: Ich fuhr mit dem ersten Bus nach Machu Picchu hinauf, das muss man so machen, sagen alle, sagt Lonely Planet. Dann machen alle ihre Fotos von den exakt gleichen Punkten aus. Suchen Sie im Internet einmal danach, neun von zehn haben die gleiche Perspektive, verblüffend. Nach den Bildern rennen die meisten auf den Gipfel Wayna Picchu. Im Gänsemarsch. Mir war nicht nach Gänsemarsch, das gewöhnt man sich bald ab. Ich ging also ums Eck, dort liegt die Inka-Brücke, eine weitere Sehenswürdigkeit der Anlage, die aber kaum einer beachtet. Einheimische Wegarbeiter machten dort gerade Pause. Und boten mir die ersten Kokablätter meines Lebens zum Kauen an. Das Gespräch holperte gewaltig, aber der Moment war entspannt, er war es wert. (Die Erfahrung, Kokablätter zu kauen, übrigens nicht.)

Oder in Mexiko: Meine Freundin und ich hatten genug von Backpackerparadiesen. Also entschieden wir, in jenen Strandort zu fahren, über den Lonely Planet – die vermaledeite Bibel der uniformen Individualreisenden – am wenigsten schrieb. Puerto Arista wird in nur sieben Zeilen erwähnt. Das wunderbare Puerto Arista!

Valentin brauchte auf all unseren Reisen keine Zeilenkontrolle, um gute Orte zu finden. In Petra blieb er nach Besichtigung der dritten Felshöhle ansatzlos stehen, blickte kurz auf die alte Staubstraße und ließ sich auf den Hintern fallen. Griff zu zwei Steinen, schob sie durch den Dreck, schaute seinen Vater an und sagte: »Atoooo!« Er dachte nicht ans Weitergehen, die steinernen Ersatzspielautos waren ihm näher als hundert weitere Steinfassaden der jordanischen Hauptsehenswürdigkeit. Ich setzte mich ebenfalls in den Dreck. Und hatte endlich die Ruhe, die umwerfende Gesamtkulisse wirken zu lassen. Valentin verbrachte auch eine gute Zeit mit einem der einheimischen Buben, deren Esel fußmarode Touristen schleppen.

Auf den zwölf ersten Reisen, und seitdem noch auf vielen mehr, sagte ich keinen Satz öfter zu mir als »Der Reisende sieht, was er sieht. Der Tourist sieht das, weswegen er gekommen ist.« (Gilbert Keith Chesterton) Wo Erwachsene gelegentlich Faszination zusammenkratzen, sind Kinder neugierig und zugleich unbeeindruckt, wenn es nicht zur Überwältigung reicht. Sie wenden sich ohne peinliche Annäherung den Menschen zu und öffnen so Türen, hinter denen jene Gespräche warten, die jeder Reisende sucht.

image

Zugfahren: Tausende Eindrücke für ein Kind

Mit anderen Worten: Mich alleine hätte der Beduine im Wadi Rum nie am Tag des islamischen Fastenbrechens in sein Haus eingeladen. Die Einladung zum traditionellen Frühstück – vergleichbar mit einem Brunch am Christtag – wurde zwar an die ganze Familie ausgesprochen, galt aber eigentlich Valentin. Zu Recht. Denn als wir mit dem Beduinen und seinen Söhnen zusammensaßen und die Innereien des gerade geschlachteten Lammes, sagen wir, speisten, schob nur Valentin unvoreingenommen jedes Stück in den Mund. Der Beduine lächelte ihn an und sagte etwas Arabisches. Valentins Antwort war ebenfalls unverständlich, und so entstand ein Gespräch, dem niemand anderer folgen konnte.

image

Wer reist, packt an: Valentin am Bodensee

Ich saß da, würgte an den Eingeweiden und bewunderte meinen neunzehn Monate alten Sohn. Vielleicht zum ersten Mal. Ich erkannte, wer hier wen führt. Kinder erinnern uns daran, was wir Reisenden gemeinsam mit dem Rucksack in den Kasten geräumt haben.

Reisen mit Kleinkind ist nicht nur kein Problem. Und nicht nur eine erzieherische Notwendigkeit. Es bereichert.

Ein junges amerikanisches Paar hat mir das schon im Jahr 2009 vermittelt. Sie ruhten sich wie ich im Garten einer sehr gemütlichen Unterkunft in Arequipa, Peru, aus. Ich nutzte die Reisepause für Langeweile, sie spielten im Gras mit ihrer fünfzehn Monate alten Tochter Rose. Die beiden lächelten permanent, und wenn dich jemand ständig anlächelt, entkommst du dem Gespräch nicht. Sie hatten Haus und Auto verkauft, ihre Jobs quittiert und entdeckten schon seit zwei Monaten mit Rose Südamerika. Das war damals sogar mir zu abenteuerlich. Ich stellte Fragen, über die ich heute schmunzeln muss, medizinische Versorgung, Sicherheit, Existenzangst. Sie antworteten mit Geschichten von bunten Märkten, wo die Kleine an Früchten roch und Stoffe angriff. Die beiden Amis hatten viele Reisen hinter sich. Und behaupteten trotzdem, die Welt erst wirklich zu sehen, seit sie sie durch die Augen ihrer Tochter betrachteten.

Heute verstehe ich die beiden. Reisen mit Kind beginnt endlich wieder dort, wo Reisen immer beginnen sollte: vor der eigenen Haustür. Nicht erst, »wenn man endlich dort ist«. Valentins erste große Reise begann genau so, er acht Monate alt, unanständig früher Flug, der Flughafen leer. Hinter dem Gepäcksröntgen hatte ich Valentin auf dem Arm. Gürtel wieder rein, Laptop verstauen, da braucht man zwei Hände. Also setzte ich den Bub in eine der grauen Kisten, und er rollte gemächlich das Band entlang. Die grimmigen Sicherheitsleute lachten, seine Mutter schoss Valentins erstes Urlaubsfoto.

Beim Reisen mit meinem Sohn habe ich Erfahrungen gesammelt, die ich Ihnen als Besserwisser nicht vorenthalten will – am Ende jedes Kapitels und im Epilog. Die folgenden Erzählungen von Valentins Reisen sollen Inspiration sein, sie sollen Angst nehmen und helfen, die eigene Reiseliebe zu entdecken – und die des Kindes. In der gemeinsamen Reise sollen sich alle wiederfinden. Und wenn es gelingt, in sich und den Nachwuchs hineinzuhorchen und eine solch schöne gemeinsame Reise zu finden, wird sie auch den heimischen Alltag befruchten. Unterwegs entdeckt man oft, wie sinnlos einige Regeln sind. Wie leicht manches geht, wenn die Grundbedürfnisse im Mittelpunkt stehen und man sich nicht in krampfhafter Erziehung versucht. Wie lächerlich die Kür manchmal neben dem puren Leben aussieht.

Oder, wie Francis Bacon es nannte: »Reisen ist in der Jugend ein Teil der Erziehung, im Alter ein Teil der Erfahrung.«

image

Dänemark Seeland: Odsherred Kopenhagen

Darum liebe ich die Kinder, weil sie die Welt und sich selbst noch im schönen Zauberspiegel ihrer Phantasie sehen.

Theodor Storm, deutscher Schriftsteller, 19. Jahrhundert

Fisch und Feuer

Im Winter zum einsamen Meer:
Warum ein Ofen sehenswert ist