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PETER MATIĆ
ICH SAG’S HALT

PETER MATIĆ
ICH SAG’S HALT

ERINNERUNGEN
AUFGEZEICHNET VON NORBERT MAYER

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2016 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Printed in the EU

»Für Louise,
die seit 51 Jahren
all das geduldig mitmacht.«

INHALT

Mit Karl Kraus in Salzburg

Kindheit im Krieg

Ein erstes Zwischenspiel: Musik!

Jugend in Salzburg

Lehrjahre in Wien und Salzburg

Das erste Engagement: die Josefstadt

Ein zweites Zwischenspiel: Film & Fernsehen

Die Wanderjahre: Über die Schweiz nach München

Ein drittes Zwischenspiel: die Stimme

Nach Berlin!

Ein viertes Zwischenspiel: Regie

Rückkehr nach Wien: Burgtheater

Die Sommer in Reichenau

Epilog

Rollenverzeichnis

Auszeichnungen

Personenregister

Bildnachweis

MIT KARL KRAUS IN SALZBURG

»Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug.«

ARTHUR SCHNITZLER

Da liege ich nun, wie ein Geist, im Halbdunkel auf der Bühne des Salzburger Landestheaters, richte mich im Schlaf immer wieder auf und singe ein Couplet darüber, dass mir »doch nichts erspart« bleibe. Ich spiele den greisen Kaiser Franz Joseph, seine besten Tage sind in dieser Inszenierung von Die letzten Tage der Menschheit bei den Salzburger Festspielen 2014 längst vorbei.

Was wohl mein Vater dazu gesagt hätte, dass ich in der Stadt, in der ich meine Jugend verbracht habe, als Kaiser eine lächerliche Figur gebe, einen bornierten Herrn, der sich mächtig darüber echauffiert, dass man ihn »drangekriegt« habe? Dieser Franz Joseph singt auch Unmenschliches. Er ist bei Karl Kraus, der in seinem Drama all die verbalen Entgleisungen aufdeckt, die zum Ersten Weltkrieg beigetragen haben, ein grausamer Kriegstreiber. Weit hinten in diesem Lied offenbart sich der Charakter:

Mir war seit Kindesbeinen

schon alles einerlei.

Doch g’freut mich heut wie keinen

die blutige Schlamperei!

Heut bin ich ja noch rüstich,

noch rüst ich nicht zur Fahrt,

noch nicht für alles büßt ich,

noch viel bleibt euch erspart!

Mein Vater hatte in diesem großen Krieg gedient, der das bürgerliche Zeitalter beendete. Als sein Kaiser noch lebte, galten Späße über den Herrscher der Habsburger Monarchie beinahe als Hochverrat, zumindest aber als geschmacklos. Wenn bei uns im Haus über den Autor dieses gigantischen Lesedramas gesprochen wurde, sagte mein Vater nur: »Ah, der Fackel-Kraus!« Für einen braven Staatsdiener von Adel, der dieser Welt von gestern noch bis ins Mannesalter angehört hatte, war dies Werturteil genug. Meine Familie, die Klassiker wie Goethe und Schiller schätzte, die selbst für Wiener Moderne wie Schnitzler und Hofmannsthal ein Faible hatte, konnte nicht viel mit diesem bissigsten Kritiker seiner Zeit anfangen. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, die großen Respekt vor Traditionen hatte und sie pflegte. Meine Mutter und ihre Geschwister haben als Kinder mit jungen Erzherzögen und Erzherzoginnen gespielt, mein Großvater Alexander von Warsberg war ein Kammerherr am Salzburger Hof der Habsburger. Kraus hingegen war gegen das Militär und vor allem gegen das angestammte Herrscherhaus. Seine Texte wirken prophetisch, er hat viel vom Schrecken des 20. Jahrhunderts erahnt. Man lese nur Die Dritte Walpurgisnacht, die 1933 entstand und die Machtübernahme der Nationalsozialisten seziert.

Durch die Beschäftigung mit Die letzten Tage der Menschheit habe ich den Zerfall der Monarchie kritischer zu sehen gelernt. Für die Generation meiner Eltern ging das wohl nicht mehr, für später Geborene setzte wiederum eine gewisse Verklärung der guten alten Zeit ein. Man denke an die Sissi-Filme der 1950er-Jahre. Für meinen Vater aber bedeutete die Monarchie die eigene Jugend, es war für ihn wahrscheinlich eine Zeit voller Begeisterung, er ist nicht ohne Euphorie ins Feld gezogen, im Jahr 1914. Der Kaiser, das war für ihn immer Franz Joseph I., nach dessen Tod im Jahr 1916 bedeutete ihm die kurze Herrschaft von Kaiser Karl nur noch einen Abgesang.

Kraus hat diese Endzeit mit einem mächtigen Werk begleitet. Zu seinen satirischen Spitzen hat Franz Schuh unlängst in einem Nachwort zu einer neuen Ausgabe von Die letzten Tage der Menschheit bemerkt, dort wo der Spaß aufhöre, fange bei Kraus der Witz erst an. Nur wer »die von Kraus selbst eingezeichneten Grenzen überschreitet, kann seinen Spaß, seine Hetz damit haben«.

Der Dichter des Untergangs war bereits neun Monate tot, als ich am 24. März 1937 auf die Welt kam. Und trotzdem, wenn ich in seiner Zeitschrift Die Fackel lese oder aus seinem fast 800 Seiten langen, 1922 in Buchform erschienenen Drama vortrage oder gar, wie unlängst in Salzburg und Wien, mehrere Rollen darin spiele, fühle ich mich seiner Zeit unheimlich nahe. Seine Texte sind von einer naturalistischen Anschaulichkeit, für einen Schauspieler ist es eine Lust, diese bösen Sätze, die oft so harmlos beginnen, mit Leben zu erfüllen.

Das alte Österreich in all seinen Schattierungen, das Kraus in seinem unerbittlichen Kampf gegen die Presse wie auch gegen die Phrase bloßstellt, ist mir sprachlich noch vertraut. Aus meiner Jugend kenne ich solche Zahlkellner und Abonnenten, Lakaien und Hofräte, die sein Drama bevölkern, ja sogar manchen Nörglern und Optimisten bin ich begegnet.

Ich hatte sie im Ohr, als ich im Jahr 2000 am Semmering im Rahmen der Festspiele Reichenau in der Regie von Hans Gratzer Figuren aus Die letzten Tage der Menschheit vorführte. Ich habe als Nörgler mit dem Optimisten als Handpuppe diese zentralen Dialoge gespielt, habe den Optimisten mit verstellter Stimme gesprochen. Ich musste mich nur an dieses Projekt vom Semmering zurückerinnern, um in Salzburg 14 Jahre später wieder in diese besondere Atmosphäre zu gelangen. Und als ich unlängst, weitere zwei Jahre später, in Wien Probenfotos von mir als Kaiser Franz Joseph aus Salzburg betrachtete, mit der hellen Uniform und den grünen Federn am Hut, dachte ich: Das Bild kommt mir doch bekannt vor. Ich kramte in alten Fotos, und tatsächlich wurde ich fündig: Mein Großvater väterlicherseits in heller Uniform als Feldmarschallleutnant und mit Federn am Hut. Ich sehe ihm als alter Kaiser auf der Bühne verblüffend ähnlich.

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Mein Großvater: Heinrich Matić von Dravodol, Feldmarschallleutnant

Wie also den Herrscher spielen? Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Ich sehe durchaus die gewollte Komik bei Kraus und bediene sie entsprechend. Ich gebe einen naiven, ja engstirnigen Menschen. Aber ich würde eben hoffen, dass er so, wie ich ihn darstelle, doch einen gewissen Rest an Würde behält. Das ist mehr als nur Nostalgie.

Die letzten Tage der Menschheit haben für mich seit dem Jahre 1972 eine große Rolle gespielt. Damals habe ich sie erstmals intensiv kennengelernt. Regisseur Hans Hollmann, der seit meinem Engagement am Theater in der Josefstadt Anfang der 1960er-Jahre entscheidend zu meiner beruflichen Entwicklung beigetragen hat, organisierte in Berlin eine Leseveranstaltung mit diesem Drama, im Capitol Kino in Dahlem, wo kleine literarische Veranstaltungen stattgefunden haben. Dort las zum Beispiel immer wieder Helmut Qualtinger. Der Kinobesitzer war kulturell sehr interessiert. So kam es in Westberlin immer wieder zu Begegnungen mit Wien.

Ich habe Qualtinger in Berlin auch bei anderen seiner legendären Lesungen getroffen, etwa jenen mit Texten von Anton Kuh oder mit den schockierenden Passagen aus Hitlers Mein Kampf. Danach kam ich bei einem Glas Wein ganz privat in den Genuss seiner stupenden Unterhaltungskunst. Ich saß mitten in Berlin in einem Lokal und glaubte, dem Herrn Karl oder gar Adolf Hitler zuzuhören.

Auch den 100. Geburtstag von Kraus haben Hollmann und ich 1974 in Berlin mit einer Lesung begangen, mit Karl Kraus contra Berlin. Über diese Veranstaltung schrieb der berühmte Theaterkritiker Friedrich Luft: »Berlin auf höchster Ebene angepöbelt.« Das war lobend gemeint. Allerdings habe Kraus in diesem Zusammenhang natürlich ebenso das kulturelle Wien angepöbelt. Dieser Autor kommentierte nämlich unter anderem den Ausflug des großen Schauspielers Alexander Girardi nach Berlin folgendermaßen: »Er will zur Berliner Bühne übergehen und kehrt wahrscheinlich nicht nach Wien zurück … Unsere Theatromanie ist eine kulturelle Angelegenheit; aber eine viel wichtigere ist unsere Teilnahmslosigkeit vor einem kulturellen Skandal, der zufällig in der Theatersphäre spielt. Wenn der Wiener Kultur das Herz herausgeschnitten wurde und sie weiterleben kann, so muß sie tot sein.« Man weiß, dass Girardi sehr wohl wieder nach Wien zurückgekehrt ist, doch das Thema hatte Kraus erneut Gelegenheit gegeben, Geifer abzulassen. Er konnte nicht anders. Seinen Berliner Kritiker-Kollegen Alfred Kerr bezichtigte er zum Beispiel der »Nummerierung kritischer Fürze«.

Ich hatte übrigens einmal Gelegenheit, Kerr darzustellen, 1992 in dem TV-Film Es hat gelohnt. Auch er war durchaus ein Nörgler. Es hat mir richtig Freude gemacht, diese geradezu Kraus’sche Figur im Film zu verkörpern. Und auf der Bühne der Werkstatt des Schiller Theaters spielte ich im Jahre 1988 in dem großen Drama von Kraus.

Eine Gruppe von Österreichern machte 1980 unter Hollmanns Leitung die Berliner mit dem Sarkasmus von Kraus bekannt: Nikolaus Paryla, Dagmar von Thomas, Hollmann selbst und ich hatten damit überraschend großen Erfolg. Wir sind mit dieser Produktion durch Berlin gezogen und noch weiter hinaus. Später haben wir mit unserem Kraus-Abend eine Tournee bestritten, die weiblichen Rollen wurden allerdings nicht mehr von Dagmar von Thomas vorgetragen, sondern von Susi Nicoletti übernommen, als wir vier Wochen lang durch Deutschland, Luxemburg, Österreich und die Schweiz gefahren sind. Wir saßen an Caféhaus-Tischen und lasen vor.

Dieses Quartett war eine verschworene Gemeinschaft, wir sind in einem PKW von Ort zu Ort gereist. Da kommt man sich naturgemäß näher. Susi Nicoletti hat uns ständig mit Süßigkeiten versorgt, Nikolaus Paryla hatte hingegen zur Bedingung gemacht, dass er chauffierte. Sonst würde ihm schlecht, als Beifahrer.

Er war ein sehr guter Wagenlenker, allerdings verlief es dennoch nicht immer friktionsfrei, die Route zu wählen. Susi und ich sind hinten gesessen und haben das aus geringer Distanz beobachten können. Hollmann, der Regisseur, saß auf dem Beifahrersitz, mit der Straßenkarte auf dem Schoß. Von einem Navigator war damals noch keine Rede, es galt schon als ein ungeheurer Luxus, dass wir ein Autotelefon in diesem großen Mercedes gehabt haben.

Hollmann hat oft erst im letzten Moment gesagt: »So, da musst du jetzt abzweigen.«

Niki aber, der Rebell, hat sich ohnehin ungern etwas sagen lassen, im richtigen Leben. Auf der Bühne war das kein Problem, doch wenn er sich privat irgendwie belehrt fühlte, konnte er manchmal etwas verschnupft sein.

Es wurde uns jedenfalls im Fonds nicht langweilig. Fast war es, als ob wir uns in einem Dialog von Karl Kraus befänden, allerdings in einer äußerst vergnüglichen Variante zu Kraus.

Natürlich haben wir auf der Fahrt übers Theater geredet, meist über das Publikum vom Vortag, wobei wir die lustige Erfahrung gemacht haben, dass wir mit den Letzten Tagen der Menschheit in Neumünster ganz im Norden von Deutschland besser angekommen sind als in Wiener Neustadt. Hauptsächlich ging es im Auto jedoch darum, wo man Mittagspause machen solle. Hans Hollmann hat sich in dieser Hinsicht überall sehr gut ausgekannt, auch ohne Karte. Es war eine richtig lustige Landpartie.

Damals vor gut 30, 40 Jahren, hatte sich eine kleine Kraus-Renaissance ergeben. Hollmann hat zum Beispiel in Basel mit einer legendären Inszenierung von Die letzten Tage der Menschheit begonnen. Im Wiener Konzerthaus hatte er später mit dem Stück ebenfalls großen Erfolg, mit Peter Weck als Optimisten und Helmuth Lohner als Nörgler.

Bei beiden Inszenierungen war ich leider nicht dabei, aber Kraus-Lesungen habe ich immer wieder gemacht. Besonders gerne erinnere ich mich an die Einladung der Festspiele Reichenau. Am Semmering, diesem Zauberberg, auf dem die Atmosphäre der k. u. k. Zeit in mancher Hinsicht noch reizvoll konserviert ist, schien Kraus zur Eröffnung des Theaters im Südbahnhotel eine fantastische Wahl. Hans Gratzer führte Regie, Otto Schenk hat mitgespielt. Die Inszenierung war dem Thema entsprechend voluminös, wir spielten in verschiedenen Stockwerken, bei Schönwetter sogar auf dem Dach des Hauses, und immer mit musikalischer Begleitung. Mit dem Ersten Weltkrieg zogen wir von Raum zu Raum.

Ich war also in gewisser Weise bereits vorbereitet auf das Thema, als ich 2014 von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann kurz vor dessen unrühmlichem Abgang gefragt wurde, ob ich bei Die letzten Tage der Menschheit mitspielen wolle.

Selbstverständlich wollte ich. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass Hartmann uns 2014 nicht nur als Intendant abhandenkommen würde, sondern ebenso als Regisseur dieser Kooperation mit den Salzburger Festspielen. Das Drama von Kraus über den großen Umbruch von 1914 wurde überschattet von der größten Krise des Burgtheaters, an die man sich erinnern kann. Man konnte also auch in kleinem theatralischen Maßstab Empathie für ein Gefühl wie »Weltuntergang« entwickeln.

Mit der Umbesetzung der Regie, die eine logische Folge der Aufgabe der Burgtheaterdirektion war, hatten wir Schauspieler wirklich Glück. Die damalige Interimschefin und derzeitige Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann holte für diese Produktion den versierten Regisseur Georg Schmiedleitner an Bord. Er hat in einer für solch ein monumentales Werk unglaublich kurzen Zeit immens viel zustande gebracht. Es war sicher nicht leicht, diese Bühnenfassung unter solchem Druck zu erstellen. Für mein Gefühl hat sie sich dann in dem größeren Raum des Burgtheaters sogar noch zum Besseren weiterentwickelt. Gewisse Wirkungen sind dort stärker als im kleinen Salzburger Landestheater. Die Produktion steht noch nach zwei Spielzeiten immer wieder auf dem Programm.

Die Proben im Frühjahr 2014 waren überraschenderweise gar nicht turbulent. Wir haben schon in Wien im Arsenal probiert und sind dann erst recht spät nach Salzburg gegangen. Jeder wusste, dass hier etwas unter komplizierten Bedingungen entstand. Ich hatte bis zu Beginn der Proben nicht gewusst, welche Rollen auf mich zukommen würden. Es waren dann viele, darunter auch recht umfangreiche. Das Stück dauert in dieser Kurzfassung immerhin vier Stunden. Wohl für jeden im Ensemble war dieser Marathon herausfordernd.

Ich habe mich wirklich sehr gut mit dem Regisseur verstanden, so wie offenbar das ganze Team. Schmiedleitner war ein großartiger Helfer. Im Idealfall ist der Regisseur ein Animateur, der etwas in einem weckt, was man selbst in sich vielleicht nicht entdeckt hat. Ein guter Regisseur sieht neue Möglichkeiten, die in einem schlummern.

Auch in anderer Hinsicht bin ich dankbar für diese Produktion. Meine Kollegin Elisabeth Orth, inzwischen ist sie die Doyenne des Burgtheaters, hatte ich zuvor nicht so gut gekannt, obwohl wir beide in Berlin, München und Wien spielten – meist allerdings zu verschiedenen Zeiten. Vor Die letzten Tage der Menschheit waren wir nur ein Mal zusammen in einer Produktion, in Hamlet 2013, aber wir standen dabei kaum gemeinsam auf der Bühne. Bei dem Stück vom »Fackel-Kraus« hingegen hatten wir viel miteinander zu tun. Es war für uns Ältere sehr lustig, die anderen zu beobachten, denn da wir eine gemeinsame Generation sind, die noch durch die Eltern eine Ahnung von der Monarchie hat, haben wir einander des Öfteren einverständige Blicke zugeworfen, auch kritische.

Es heißt an sich, man schließe die Freundschaften in der Jugend. In diesem Fall jedoch behaupte ich, eine Freundschaft im Alter geschlossen zu haben, mit der Elisabeth.

Ich schätze ihre Sensibilität. Einmal wurde sie von einem Journalisten gefragt, was sie von Kritik halte. Ihre Antwort: »Wenn die Kritiker wüssten, wie oft wir in der Nacht aufwachen, blass vor Verantwortungsgefühl.« Das kann ich sehr gut nachempfinden: Unsere Abstürze vom Seil sind nicht tödlich, doch man sollte nicht die Verletzungen unterschätzen, die wir uns dabei immer wieder zuziehen.

Als ich 1980 mit Hollmanns Kraus-Projekt auf Tournee war, hat mein Vater noch gelebt, als Witwer in Salzburg. Vor unserem Auftritt dort habe ich ihm gesagt, er solle bitte nicht hingehen ins Landestheater. Mir wäre das unangenehm. Solch einen Kraus’schen Kaiser wollte ich ihm nicht antun. Zur Erklärung ein Beispiel: Die Mitglieder des Adels duzen einander, aber die Familie des Monarchen spricht man mit Kaiserliche Hoheit an. Zu unseren Salzburger Freunden zählte etwa die Erzherzogin Maria. Wenn sie zu meiner Mutter zum Tee gekommen ist, hat die ganz selbstverständlich immer Kaiserliche Hoheit zu ihr gesagt. Ein bisschen von diesem Respekt ist mir geblieben.

Den Sohn des letzten Monarchen von Österreich-Ungarn, Otto von Habsburg, habe ich zwei Mal getroffen. In Berlin wurde ich ihm durch Herrn von Hammerstein, den Intendanten des Senders RIAS, vorgestellt. Ich käme aus Österreich und sei jetzt schon so viele Jahre hier, dass mich manche Nicht-Berliner bereits für einen Berliner hielten. Da erwiderte ich auf diese positiv gemeinte Bemerkung: »Ich bin aber immer noch Österreicher!«

Danach hat mir von Hammerstein gesagt, dass es an Otto von Habsburg nage, nicht mehr Österreicher zu sein. Er ist schließlich für die CSU im Europaparlament gesessen. Dass seine frühere Heimat 1995 der EU beigetreten ist, hat ihn jedoch gefreut. Er hat sich auch stark für den Beitritt der Länder Mittel- und Osteuropas eingesetzt, die einst zur Monarchie gehört hatten.

Einmal noch habe ich ihn in Wien getroffen, anlässlich eines Festakts am 10. März 2008 im Reichsratssaal des Parlaments, bei einer Feier der Republik unter dem Titel Gott schütze Österreich! 1938. Anatomie eines Untergangs, wobei ich die Ehre hatte, vorlesen zu dürfen.

Vorher traf man sich im Büro des ehemaligen ÖVP-Obmanns und Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel. Als Otto von Habsburg den Raum betrat, gab es keine freie Sitzgelegenheit mehr, daher bot ich ihm selbstverständlich meinen Sessel an, den er sehr höflich dankend zurückwies, da ihm das Aufstehen schwerer falle als das Stehen.

Nun standen wir natürlich alle. Bei der Veranstaltung hat Otto von Habsburg dann gesagt, Österreich sei das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen. Das hat einige Sozialdemokraten erbost.

Für mein Mitwirken in Georg Schmiedleitners Inszenierung von Die letzten Tage der Menschheit habe ich 2014 einen Nestroy-Preis als bester Nebendarsteller bekommen. Die Jury begründete das so: »Aus der Sprache, dem wichtigsten Instrument des Schauspielers, formt Peter Matić mit einem Variationsreichtum an Betonung, Tempo, Dialekt- und Stimmfärbung mehr als zehn verschiedene Figuren: als unfreundlicher Kellner, als halbinformierter obergescheiter Abonnent, als zappeliger Bub, den kriegsbegeisterte Eltern zum Kriegsspiel anhalten, als eiskalter Militär-Richter, der lüstern Todesurteile verhängt, und zuletzt als schmächtiger, todgeweihter Kaiser Franz Joseph, der verwirrt und ahnungslos alles unterschreibt, was ihm die Hofschranzen vorlegen. Vollkommener kann man der Sprachgewalt, dem zynischen Witz von Karl Kraus nicht begegnen.«

So viel Ehre hatte ich nicht erwartet. Aber mit der Vielfältigkeit der Rollen hatte die Jury tatsächlich recht. Wie viel Spaß es doch macht, so wandelbar wie Proteus sein zu dürfen! Ich darf den Kaiser spielen, ein Kind, einen Richter und auch noch – nein nicht den Löwen – einen treuen Leser der Presse. Der ist natürlich die unsympathischste Figur bei Kraus, noch ärger als die Menschenschlächter des Militärgerichts, die zugegebenermaßen interessanter zu gestalten sind. Ich habe mich aber in all diesen differenzierten Rollen darum bemüht, dass sie authentisch sind. Es hat mich sehr gefreut. Ganz ehrlich, es hat mich immer gereizt, solch eine Fülle an Charakteren darzustellen. In Die letzten Tage der Menschheit ist das sogar in einem einzigen Stück möglich.

Die Austria Presse Agentur schrieb über meinen Auftritt: »Peter Matić macht den alten Kaiser, der sich sekundenschnell in einen leutseligen, doch unbarmherzigen Militärrichter verwandelt, der lieber Urteile fälscht als Gerechtigkeit walten zu lassen, zu einem Ereignis …« Und Ronald Pohl meinte in der Tageszeitung Der Standard, ich verstünde es »meisterhaft, die Spottgeburten aus Papier und Dreck, die Kraus nicht ersonnen, sondern lediglich zitiert hat, zum Leben zu erwecken. Sein Kaiser Franz Joseph übersteht auf dem Leichenwagen noch das eigene Ableben. Er rutscht als Mumie seiner selbst, vom Akkordeon begleitet, das Portal hinunter. Wie überhaupt die Karikaturen ein zähes, widersetzliches Eigenleben behaupten, bis an die Zähne mit Sprache bewaffnet, die nie nur als lokales Idiom zu verstehen ist.«

Nur selten hat man solch eine Gelegenheit zum Exzess. Es ist gar hübsch, solch einen hohen Herrn zu geben, als Kaiser zusammenzubrechen, aufzustehen und als eine andere Person, im Wesen verändert, eiskalt zu fragen: »Sind die nächsten drei Todesurteile ins Reine geschrieben?« Wen es nicht freut, solche Situationen tatsächlich begreifbar machen zu wollen, der sollte lieber nicht zum Theater gehen.

KINDHEIT IM KRIEG

»Lass dir, dass Kindheit war, diese namenlose Treue der Himmlischen, nicht widerrufen vom Schicksal.«

RAINER MARIA RILKE

Meine Familie hat es als ungewöhnlich angesehen, dass ich Schauspieler werden wollte. Viele meiner Vorfahren haben so wie mein Vater als Offiziere gedient, das Künstlerische war ihnen bis auf sogenannte bildungsbürgerliche Vergnügungen oder Verpflichtungen eigentlich fremd. Es hat meinen Eltern also gefallen, dass ich nach der Matura in Salzburg 1956 und vorerst gescheiterten künstlerischen Plänen ankündigte, in Wien Rechtswissenschaften studieren zu wollen. Das wäre die Grundlage für einen als ehrbar angesehenen Beruf gewesen, sicherlich dem eines hohen Militärs vergleichbar. Einen Akademiker in der Familie zu haben, darauf wären damals alle stolz gewesen, die Eltern, Onkeln und Tanten und all die anderen entfernteren Verwandten.

Bald aber habe ich nach meinem Weggang von zu Hause als noch sehr junger Mann gespürt, dass es mich doch zum Theater hinzog. Woher kam dieser Wunsch?

Vielleicht hing meine Neigung mit einer frühen Bestätigung zusammen. Schon in der Schule war man auf mein Sprechen aufmerksam geworden. Gab es etwas vorzulesen, wurde meist ich gefragt. Und wenn später in der Oberstufe von uns Schülern gemeinsam mit verteilten Rollen Dramen gelesen wurden – das war vor 60 Jahren noch üblich –, hatte ich stets eine Hauptrolle. Mein Sprechen war es wohl in diesen Fällen, das mich begünstigte. Vielleicht aber ist meine Berufswahl, die mir ein erfülltes Leben beschert hat, doch auch ein wenig genetisch vorgegeben. Allerdings muss ich dafür ein paar Jahrhunderte zurückgehen.

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Die Mittelburg in Neckarsteinach, mein erstes Burgtheater

Als Walther von der Vogelweide vor mehr als 800 Jahren zu den Stars der Minnesänger zählte, um den auch der Wiener Hof warb, gab es einen rheinfränkischen Edelherrn mit Sitz zu Neckarsteinach, der ebenfalls erfolgreich der Dichtkunst huldigte. Personen des Namens Bligger von Steinach sind mehrfach am Hofe und in der Begleitung von drei Kaisern bezeugt, einer davon war ein Zeitgenosse Walthers – und ein Urahn von mir, vor fast zwei Dutzend Generationen. Mein Cousin Johannes Freiherr von Warsberg ist heute der Eigentümer jener Burg, die erstmals 1141 in einer Urkunde erwähnt wurde. Da stellte nämlich Bligger I. sein Lehen im Steinachtal für die Gründung des Zisterzienserklosters Schönau zur Verfügung.

Und vom nächsten oder übernächsten Bligger, dem Minnesänger, haben es zwei Lieder und ein Spruch in den Codex Manesse gebracht. In dem berühmten Buch mit den schönsten Gedichten des Mittelalters ist er sogar abgebildet, samt goldener Harfe und wunderschönem blau-goldenen Helm. Er diktiert einem Schreiber gerade ein Lied. Vielleicht ist es jenes, das auch in der Sammlung Des Minnesangs Frühling abgedruckt wurde. Das klingt dann etwa so: »Min alte swaere die klage ich für niuwe, wan si getwanc mich so harte nie me«. Der dargestellte Minnesänger stand Kaiser Heinrich VI. nahe, dem Sohn von Friedrich Barbarossa. Er kam in dessen Gefolge für einen Kreuzzug zumindest bis Sizilien. Gottfried von Straßburg, Schöpfer von Tristan und Isolde, und Rudolf von Ems aus dem heutigen Vorarlberg, haben Bligger als einen der bedeutendsten Dichter ihrer Zeit gerühmt. Sie lobten sein verschollenes Versepos Der Umbehanc. Es gibt sogar Geisteswissenschaftler, die kühn behaupten, dass es sich dabei um das Nibelungenlied handle, dessen Autor nicht mehr bekannt ist.

Auch in der Romantik spielte mein Vorfahre eine Rolle. 1827 publizierte der Autor August Leibrock einen historischen Roman: Bligger von Steinach der Geächtete. Eine Geschichte aus den Zeiten der Kreuzzüge, eine höchst dramatische zudem, mit schneidigen Rittern, schönen Frauen, wilden Kämpfen – und dann und wann mit einem richtigen Bösewicht auf seiner Raubritterburg. Warum also sollte ich nicht Schauspieler werden?

Noch einen weiteren Verwandten kann ich als einen Fürsprecher für das Künstlerische reklamieren. Alexander von Warsberg (1836–1889), ein Onkel meines Großvaters mütterlicherseits, war Konsul der Habsburger Monarchie auf der griechischen Insel Korfu und Reisebegleiter von Elisabeth, der Gemahlin des Kaisers Franz Joseph. Im Garten des Achilleions erinnert eine Gedenktafel an Alexander von Warsberg, denn er war der eigentliche Initiator dieses Prachtbaus der Kaiserin auf Korfu. Er gehörte zur steirischen Linie der Familie meiner Mutter. Sein Vater, ein preußischer Kammerherr, war im 19. Jahrhundert nach Graz gezogen. Der Sohn studierte dort und dann in München. Früh entwickelte er sich zu einem Verehrer der Antike, vor allem der griechischen Kultur. Der Grazer Orientalist Anton Graf Prokesch-Osten beeinflusste ihn stark. Die steirische Gelehrtengesellschaft, der schon Erzherzog Johann vorgestanden war, beschäftigte sich seit Langem intensiv mit der Levante und dem Orient.

Auch einen praktischen, therapeutischen Grund hatte der Hang meines Verwandten zum Süden. Alexander, der später Generalkonsul in Venedig wurde, war lungenkrank, deshalb schätzte er mildes Klima. Seine Reisen schlugen sich literarisch nieder: Odysseeische Landschaften ist sein Hauptwerk in drei Bänden.

Dieser Kunstfreund, dessen Reiseberichte unter anderem in der Gratzer Tagespost und der Neuen Freien Presse populär waren, wurde 1885 »ästhetischer Reisemarschall« der Kaiserin auf ihren ausgedehnten Reisen durch den Orient. Er galt damals als der beste Kenner Griechenlands.

Die erste Begegnung mit ihr war laut seinen privaten Aufzeichnungen enttäuschend für ihn: »Sie säuselte mich an, knapp, nicht unartig; ich fand sie hässlich, alt spindeldürr aussehend, schlecht angezogen, und hatte den Eindruck, nicht eine Närrin, sondern eine Wahnsinnige vor mir zu haben, so daß ich förmlich traurig wurde«, schrieb er. Bald aber wich diese Einschätzung schwärmerischer Verehrung. Er fand sie bezaubernd, liebenswürdig, unwiderstehlich. Und die Kaiserin begegnete ihm »mit Dankbarkeit und Huld«.

Noch im selben Jahr dieses Zusammentreffens entstanden seine Pläne für das Achilleion. Die Vollendung des Baus 1889 erlebte Alexander von Warsberg nicht mehr. Er war zwei Jahre zuvor mit nur 53 Jahren gestorben, an den Folgen seiner Lungenkrankheit. Über Persönliches in Bezug auf die Kaiserin hat er sehr wenig erzählt, offenbar nicht einmal in der Familie, denn er war ein sehr zurückhaltender Mann. Es mag zwar indiskret von mir neugierigem Urgroßneffen sein, aber das finde ich eigentlich schade. So erfahren wir eben nur, dass Alexander in Atemnot kam, wenn er mit der Kaiserin zu Fuß unterwegs war. Sie ist sehr schnell gegangen, er konnte kaum mit ihr Schritt halten. Das jedenfalls hat er meinen Großeltern erzählt, und das wurde dann in unserer Familie von Generation zu Generation getreu überliefert. Es muss spannend anzusehen gewesen sein, wenn die Kaiserin damals auf Korfu dahineilte, mit von Warsberg im Schlepptau und der korpulenten Gräfin Festetics noch weiter hinten, wie es im Vorwort des Buches Das Land der Griechen. Aus dem Reisetagebuch des Alexander von Warsberg beschrieben wird.

Meine Mutter war eine Gebürtige von Warsberg. Diese Freiherren gehörten zu den ältesten lothringischen Familien, im heutigen Frankreich findet sich noch die Warsburg, das Château Warsberg. Einer der frühesten dieser unserer Vorfahren hat 1150 am berühmten Regensburger Turnier teilgenommen, auch ein Kurfürst von Trier stammt aus diesem Geschlecht. Die Burg in Neckarsteinach kam nach dem Dreißigjährigen Krieg Mitte des 17. Jahrhunderts in den Besitz der Familie Metternich, sie waren noch Freiherren, erst später wurden sie Grafen. Noch heute weist ein Alliancewappen auf ihre Präsenz hin. Die Mittelburg war bereits kurz zuvor zu einem Renaissanceschloss ausgebaut worden. Das Heidelberger Schloss hatte als Vorbild gedient.

Ein Jahrhundert später übernahmen die Freiherren von Dorth die Erbfolge, über Jahrzehnte erstritten sie sich den Besitz gegen den Widerstand der Bistümer von Speyer und Worms. Mit den Warsbergs waren sie mehrfach verwandt. Als es schließlich keinen männlichen Erben der Familie Dorth mehr gab, kam mein Großvater als Neffe durch Adoption im Jahre 1920 an die Reihe. Er hieß ebenfalls Alexander von Warsberg, führte den Doppelnamen Warsberg-Dorth und starb nur wenige Tage nach seinem Adoptivonkel.

Mein Großvater hatte eine Triestinerin geheiratet, eine Griechin aus der Familie der Freiherren von Ralli, die vor den Türken aus ihrer Heimat Chios geflohen waren. Sie hatten schreckliche Geschichten von Enthauptungen durch die Osmanen zu erzählen. Fünf Kinder entstammten dieser Ehe. Eine Tochter ist sehr früh gestorben, es blieben also meine Mutter Ida, Tante Elsa, Onkel Lexi und Onkel Boë. Mein Onkel Boëmund von Warsberg hatte den Besitz geerbt, wie als Fideikommiss – der Älteste erbt alles. Onkel Boë starb 1943 im Kriegseinsatz an einer Blutvergiftung in Holland in einem Militärlazarett. Da musste Onkel Alexander, der als Pharmakologe an der Universität Wien tätig war, einspringen. Er hat sehr ungern seine Forscherarbeit aufgegeben. Er stellte einen Verwalter ein, weil solche Besitzungen von einem geprüften Land- und Forstwirt geführt werden müssen.

Einige Mitglieder der Familie Ralli sind nach England gegangen und haben dort eine Bank gegründet, die es heute nicht mehr gibt. Einige blieben in Triest, wo es seit Langem eine sehr große griechische Kolonie gegeben hatte. Ein Bruder meiner Großmutter mütterlicherseits war dort griechischer Konsul. Zu dieser Linie wie auch zu entfernten Verwandten in England haben wir noch immer eine enge Beziehung. Als Kinder waren meine ältere Schwester Marielies und ich oft bei der Großtante Penelope in Triest und haben dort »Küchenitalienisch« gelernt. Ich zitiere damit meine Großtante, denn sie hat uns oft gesagt: »Bitte lernt nicht, was ihr hier an Italienisch hört, das ist alles Triestinisch – und das ist Küchensprache.« Zu dieser Gegend fühle ich mich hingezogen. Sie ist mir vertraut.

Jetzt sind wir über die Jahrhunderte aus dem südlichsten Teil Hessens bis an die Adria gelangt, an die bis vor nicht einmal 100 Jahren die Habsburger Monarchie reichte. Dieses Reich unter dem Doppeladler mit seinen vielen Völkern hat die väterliche Linie geprägt. Ich stamme aus einer Offiziersfamilie, die durch und durch kakanisch war. Matić ist ein kroatischer Name. Mein Urgroßvater, der im damaligen Agram, dem heutigen Zagreb begraben wurde, war Major in der k. u. k. Armee, 1870 wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben, hieß fortan Matić von Dravodol. Übersetzt heißt Letzteres »Drautal«.

Dieser Peter Matić von Dravodol war bei den Kriegen in Italien 1859 dabei. Er stammte aus einer sogenannten Grenzerfamilie, ehemaligen Wehrbauern. Peter und sein Sohn Heinrich waren Ulanen, mein Vater Paul war Dragoner. Mein Großvater Heinrich brachte es bis zum Feldmarschall-Leutnant unter Kaiser Franz Joseph. Mein Vater, Jahrgang 1887, diente noch unter den Habsburgern als Oberleutnant, danach im österreichischen Bundesheer der Ersten Republik, schließlich in der Deutschen Wehrmacht nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich 1938. Bei seinem Abschied 1945 war er Oberst. Er war so wie sein Vater und sein Großvater in vielen Garnisonen zu Hause. Das hat meine frühesten Jahre betroffen. Wir reisten viel.

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Mein Vater auf Fronturlaub

Ich kann behaupten, eine sehr glückliche Kindheit gehabt zu haben, trotz der dunklen, kriegerischen, totalitären Zeit, in die ich hineingeboren wurde. Wie heißt es doch in einer Elegie von Rilke? »Lass dir, dass Kindheit war, diese namenlose Treue der Himmlischen, nicht widerrufen vom Schicksal, selbst den Gefangenen noch, der finster im Kerker verdirbt, hat sie heimlich versorgt bis ans Ende. Denn zeitlos hält sie das Herz …« Mein Leben lang hat mich das Gefühl, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben, nicht verlassen. Ich bin in einer liebevollen Atmosphäre aufgewachsen. Dieses Glücksgefühl hat mich bisher in allen Phasen meines Lebens begleitet, und ich bin voller Zuversicht, dass mich dieses Bewusstsein »versorgt bis ans Ende«.

Mein Vater ist aus dem Zweiten Weltkrieg fast unversehrt zurückgekommen, die Familie, die vorher intakt war, ist intakt geblieben. Bei Kriegsende war ich acht Jahre alt, ich habe sehr viele frühe Erinnerungen daran. Und an die Zeit davor wurde ich immer wieder von anderen erinnert.

Ich bin in Wien zur Welt gekommen, am 24. März 1937 im Rudolfinerhaus, an einem Mittwoch. Warum wurde ich in Wien geboren? Weil mein Vater damals in Schloss Hof das österreichische Reitlehrinstitut geleitet hat. Er war Kavallerist, wie alle Soldaten in der Familie. Es ist mir bis heute unklar geblieben, warum die Reiterei zu dieser Zeit überhaupt noch eine Rolle gespielt hat. Aus dem Ersten Weltkrieg habe ich von meinem Vater noch viele Aufzeichnungen über Patrouillen zu Pferd, aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Schloss Hof, dieser einstige Besitz des Prinzen Eugen, wo meine Eltern 1937 lebten, hat bei mir insofern eine Spur hinterlassen, als ich unter meinen verschiedenen Vornamen, die man mir damals gab, auch den Eugenius habe. 1938, beim sogenannten »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich, ist dieses österreichische Reitlehrinstitut als solches aufgelöst und als »Wehrkreis Reit- und Fahrschule« nach Stolp in Pommern versetzt worden. Das Nazi-Regime war bestrebt, dass man gerade Leute aus dem Süden möglichst in den Norden hinaufbrachte, um sie »aufzunorden«, wie man das genannt hat.

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Als Volksschüler

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mit meiner Mutter Ida und meiner Schwester Marielies

Mein Vater, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, ehe er in Sankt Petersburg in russische Kriegsgefangenschaft geriet, hatte ausgiebig Fronterfahrung. Verblüfft hat mich in seinen Kriegstagebüchern jedoch Folgendes: »Gestern Abend Oper: Boris Godunow mit Schaljapin.« Manches in den Aufzeichnungen klingt tatsächlich wie Urlaub: »Gestern wieder Tanzerei.« Offenbar ist es den Offizieren in der russischen Kriegsgefangenschaft damals unvergleichlich besser gegangen als später im Zweiten Weltkrieg. Allerdings hat mein Vater noch jahrelang unter den Folgen einer Malaria-Infektion aus dieser Zeit gelitten.

In der Wehrmacht wurde mein Vater Oberst der Kavallerie, und er ist samt Familie mit dieser »Wehrkreis Reit- und Fahrschule« nach der Zeit in Stolp nach Mühlhausen ins Elsass gekommen. Das sind meine ersten wirklich plastischen Erinnerungen. Danach ist er nach Schlesien versetzt worden, in die Nähe von Breslau, nach Militsch, diesmal ohne Familie. Die Front war im Osten bereits recht nahe. Er kam anschließend sonderbarerweise aus dem umkämpften Schlesien wieder nach Schloss Hof. Dort hat er, wie er später oft zu uns sagte, das Glück gehabt, eine Schussverletzung am Bein zu erleiden. Sein Offiziersbursch hat ihn in die Beiwagenmaschine gesetzt und nach Salzburg gebracht. Dadurch ist er in amerikanische statt in sowjetische Kriegsgefangenschaft gekommen. Sie hat nur etwa eine Woche gedauert. Er blieb dort im Lazarett, bis er ausgeheilt war.

Wenn ich an meinen Vater als Kriegsheimkehrer denke, darüber, wie es ihn zwischen der Pflicht als Soldat und als Gegner der Nazis hin- und hergerissen haben muss, tut es mir leid, dass wir später nie wirklich darüber gesprochen haben. Mich hätte es interessiert, wie er damals mit sich ins Reine gekommen ist. Die große Diskussion über Österreich unter der Nazi-Herrschaft, die entbrannte, als der konservative Kurt Waldheim 1986 für die ÖVP für die Bundespräsidentschaft kandidierte, die Wahl gewann und wegen seiner Rolle als Offizier im Zweiten Weltkrieg angegriffen wurde, hat mein Vater nicht mehr erlebt. Er ist 1980 mit 93 Jahren gestorben.

Wir, also meine Schwester, meine Mutter und ich, waren, während mein Vater in Schlesien war, in Neckarsteinach untergekommen, bei meinem Onkel, hoch oben über dem Neckartal, in jenem Zipfel von Hessen, der ins Badische hineinragt, nah bei Heidelberg. Eigentlich waren es ursprünglich vier Burgen: Vorderburg und Mittelburg sind im Eigentum der Familie Warsberg geblieben und werden noch immer bewohnt, Hinterburg und Schwalbennest sind längst Ruinen. Das »Vierburgenstädtchen« Neckarsteinach ist eine der Fremdenverkehrsattraktionen des Neckartals.

Das klingt romantisch? Auf jeden Fall ist es das in entsprechender Literatur. Lassen wir den eingangs erwähnten Autor August Leibrock zu Wort kommen, mit dem Beginn seines Romans von 1827: »In dem reizenden Neckar-Thale, wo sich ein Fluß gleichen Namens ruhig in seinem Bett dahin schlängelt, erhebt sich ein furchtbarer Granitfelsen (sic!), von weitem Umfange und verschiedenartiger Gestalt. Hier ragte einst im grauen Alterthume eine Ritterburg hervor. Wie überall Gebäude, welche noch aus jener Zeit herstammen, als Meisterwerke der Baukunst zu betrachten sind, so war es auch diese Burg, welche Ritter Bligger von Steinach mit seiner Familie bewohnte. Wie alte Urkunden sagen und die Ruinen noch heutigen Tags beweisen, war die Burg auf die höchste Spitze des Bergs erbauet. Gleich dem Schwalbennest, ragte sie mehrere Fuß über den Felsen, in welchem sie theilweise hineingehauen war, hinüber. Ein schöner Anblick für den Wanderer, der jenseits am Ufer des Neckar ruhig seine Straße wandert und den Blick hinauf wendet, und das Unendliche, was er kaum für Menschenwerk halten kann, erblickt.«

Der Neckar ist für mich immer ein Fluss voller Erinnerungen geblieben, eine heimatliche und liebe Gegend. Wenn ich heute zu Besuch auf der Burg bin, kann es sehr leicht sein, dass dort Feierstimmung herrscht. Mein Vetter und seine Frau, die Besitzer der Burg, vermieten die Terrasse mit dem prächtigen Neckarblick, einige Räume sowie die Kapelle. Während der schönen Jahreszeit finden dort häufig Hochzeiten statt. Es ist ein idyllischer Ort.