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Eva Demmerle

Kaiser Karl

Eva Demmerle

Kaiser Karl

Mythos & Wirklichkeit

Vorwort

Karl von Habsburg

AMALTHEA

Alle Abbildungen aus dem Privatarchiv Demmerle.

Besuchen Sie uns im Internet unter amalthea.at

© 2016 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagbild: IMAGNO/ÖNB

Lektorat: Martin Bruny

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,75/15,25pt Minion Pro

ISBN 978-3-99050-044-6

eISBN 978-3-903083-27-1

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Immer näher an den Thron –Die Erziehung und Ausbildung Kaiser Karls

Auf dem Weg in den Krieg

Kaiser und König Karl

Das Exil

Madeira

Kaiser Karl – Mythos und Antimythos

Dokumentation

Literatur

Anmerkungen

Personenregister

Vorwort

Das Jahr 2016 ist historisch dominiert durch die Erinnerung an Kaiser Franz Joseph aus Anlass seines 100. Todestages. Ausstellungen, Bücher, TV-Dokumentationen beleuchten das Leben des Monarchen, der durch seine lange Regierungszeit mehrere Generationen geprägt hat. Viel weniger gibt es zu Kaiser Karl, der Franz Joseph auf den Thron folgte. Dies liegt sicher vor allem an der kurzen Regierungszeit von 1916 bis 1918 – im Gegensatz zu Franz Josephs 68-jähriger Regentschaft. Franz Joseph konnte sich auch eines großen Propaganda-Apparates bedienen, der das Bild des alten, gütigen Kaisers über Jahrzehnte prägte. Kaiser Karl musste sich dagegen der Kriegspropaganda des Ersten Weltkrieges aussetzen, wobei die Feindpropaganda oft durch die »nützlichen Idioten« im eigenen Land übernommen wurde, insbesondere in der Hetze gegen Kaiserin Zita.

Kaiser Karl musste nach Amtsantritt erst viele Versäumnisse aus den vorangegangenen Jahren in den Griff bekommen. Die Personalpolitik Kaiser Franz Josephs war in den letzten Jahren seiner Regierung eher statisch gewesen. So musste Kaiser Karl eine ganze Reihe von Umbesetzungen, insbesondere auch beim Armeeoberkommando, vornehmen, um sicherzustellen, dass seine Politik dort befolgt würde.

Die Tatsache, dass Kaiser Karl seine Regentschaft nur in der Zeit des Ersten Weltkrieges ausübte, trug wesentlich zu seinem Bild in der Öffentlichkeit bei. Die Kriegswirren standen im Vordergrund der Berichterstattung, und das vom Kaiser gezeichnete Bild wurde natürlich maßgeblich dadurch beeinflusst.

Kaiser Karl wurde am 3. Oktober 2004 durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Der Prozess, der zu diesem Ereignis führte, zog sich, wie in diesen Fällen üblich, über Jahrzehnte hin, wobei das Leben des Kaisers von allen nur erdenklichen Seiten beleuchtet wurde. Neben den zeithistorischen Dokumenten gab es noch viele Zeugen, die den Kaiser gekannt hatten. Dabei wurde durch die beteiligten Historiker immer wieder seine religiöse Überzeugung, seine Standhaftigkeit, sein persönlicher Mut, aber vor allem auch seine Entschlossenheit betont, den grausamen Krieg, der so viel Leiden hervorgerufen hatte, zu beenden.

Bei den Untersuchungen wurde immer wieder betont, welch abgerundete Persönlichkeit Karl in den drei großen Bereichen seines Lebens bewies: als Vater und Familienmensch, als Soldat und als Politiker.

Man hat Kaiser Karl oft vorgeworfen, nicht mit einem fertigen politischen Konzept die Nachfolge von Kaiser Franz Joseph angetreten zu haben. Hier wird ein Vergleich mit Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand gezogen, der seine politischen Konzepte für den Moment der Thronübernahme ausgearbeitet in der Schublade hatte. Oft wird dabei vergessen, dass Franz Ferdinand diese Konzepte mit einem großen Stab an Mitarbeitern in Friedenszeiten für Friedenszeiten ausgearbeitet hatte. Das Konzept eines Trialismus oder die Sonderstellung der slawischen Volksgruppen in der Donaumonarchie war als langfristiges Konzept unter normalen politischen Bedingungen geplant.

Kaiser Karl hatte diesen Luxus nicht. Er kam inmitten des Weltkrieges an die Macht und musste seine Konzepte der jeweiligen Kriegssituation anpassen. Er war also gezwungen, seine Grundprinzipien zur Leitschnur seiner Handlungen zu machen. Einen Masterplan gab es nicht. Hier galt mehr denn je Moltkes berühmtes Zitat: »Kein Plan überlebt die erste Feindberührung …«

Die Tatsache, dass Kaiser Karl an der Prager Universität durch zwei Jahre als Privathörer Jus studierte, bedingte sicher auch seine Überzeugung vom Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. Und es waren nicht nur die Umstände des Krieges, die ihn zu einem beispiellosen Vorantreiben der Sozialgesetzgebung veranlassten. Seine Sorge um die Rechte von Kriegswitwen und Waisen, sein Bemühen um Ernährung und Bevorratung, aber auch um die Volksgesundheit allgemein führte zur Gründung des ersten Sozialministeriums.

Kaiser Karl hatte das Konzept der Reichsidee als übernationale Rechtsordnung zutiefst verinnerlicht. Dabei war ihm klar, dass dies ohne das Prinzip der Subsidiarität nicht funktionieren kann. Er war sich noch sehr der Schwierigkeiten bewusst, die 1905 zum Mährischen Ausgleich geführt hatten. Diese Lösung eines Konflikts zwischen Deutschen und Tschechen wäre ohne das Subsidiaritätsprinzip nicht denkbar gewesen.

Persönliche Werte wie Integrität und Loyalität spielten für den zutiefst religiösen Kaiser eine besondere Rolle. War er doch nicht zuletzt auch durch die illoyale Einstellung von Kronprinz Rudolf zu seinem Vater Franz Joseph, welche letztlich zu seinem Tod führte, in die Rolle des Kronprinzen und Kaisers gekommen.

Es gibt noch viele Betrachtungsmöglichkeiten über Kaiser Karl, und ich bin sicher, dass uns insbesondere das Gedenkjahr 2018 interessante historische Erkenntnisse bescheren wird. Ich bin Eva Demmerle sehr dankbar, dass sie sich jetzt zum zweiten Mal dieser faszinierenden Persönlichkeit widmet und ein Werk schafft, das Kaiser Karl nicht nur im Kontext eines verlorenen Weltkrieges zeigt, sondern sich seiner umfassenden Persönlichkeit nähert.

Kaiser Karl wurde 2004 seliggesprochen. Selige zeichnen sich vor allem durch ihre Vorbildwirkung aus. Dieses Buch erlaubt uns einmal mehr, die Prinzipientreue und den hervorragenden Charakter Kaiser Karls zu betrachten und möglicherweise auch Rückschlüsse für uns selber zu ziehen.

Wien, im August 2016

Karl von Habsburg

Einleitung

Im Jahr 2016 jährt sich die Regierungsübernahme von Kaiser Karl zum 100. Mal. Dies ist ein Anlass, sich erneut mit seiner Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Das Bild seines Vorgängers Kaiser Franz Joseph überstrahlt den jungen Nachfolger, der ausschließlich mit dem Niedergang zu kämpfen hatte und schließlich im Exil auf Madeira mit kaum 35 Jahren verstarb. Knappe acht Jahre währte das politische Leben des Kaisers. Nach der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand rückte Karl als Thronfolger in die erste Reihe und wurde erstmals in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Als er im Herbst 1916 den Thron übernahm, hatte er ausschließlich mit Kräften zu kämpfen, die gegen ihn arbeiteten, sowohl im Inneren der Donaumonarchie als auch in den Reihen des verbündeten Deutschland wie auch in der gegnerischen Entente.

Der Blick der Öffentlichkeit hat sich das letzte Mal anlässlich seiner Seligsprechung im Jahr 2004 auf ihn gerichtet. Die Kirche würdigte Karl als Christ, Familienvater und Staatsmann. War für die einen die Seligsprechung wie ein später Triumph nach all den Jahren der negativen Propaganda und des Vergessens, reagierten andere mit völligem Unverständnis. Und obwohl in religiösen Angelegenheiten rein weltliche Deutungen in den seltensten Fällen angebracht sind, stürzten sich etliche säkulare Medien, Journalisten, Politiker und auch Historiker mit Verachtung und Häme auf den Kaiser und auf die Seligsprechung. Er hatte kaum eine Chance auf eine gerechte Beurteilung.

Auch heute fällt in vielen Diskussionen auf, dass Kaiser Karl immer noch starke Emotionen entstehen lässt. Auf ihm liegen Mythen und Antimythen, teilweise belegt mit Ressentiments gegen die Monarchie im Allgemeinen und die Habsburger im Besonderen. Und damit wird man dieser Persönlichkeit nicht gerecht. Die Vorwürfe und Antimythen sind schon längst entkräftet.

Der Fehler, der bei vielen – nicht nur über Kaiser Karl – historischen Diskussionen gemacht wird, ist die Vergegenwärtigung von Geschichte. Dabei aber darf historisches Geschehen nicht aus unserer heutigen Sicht mit unseren gegenwärtigen ethischen, moralischen und politischen Vorstellungen betrachtet werden. Die gesellschaftlichen, politischen und ethischen Gegebenheiten der Zeit, die untersucht wird, müssen verstanden und berücksichtigt werden. Was für seriöse Historiker eine Selbstverständlichkeit ist, droht in der allgemeinen Diskussion unterzugehen. Aber es gilt nicht nur für Historiker, sondern für alle, die sich mit geschichtlichen Ereignissen beschäftigen. Wir alle unterliegen der Gefahr der Vergegenwärtigung. Und dabei sollten wir uns hüten, historische Ereignisse unter den Bedingungen der Gegenwart zu betrachten. Erst dann erschließt sich uns die Bedeutung des Geschehenen. Und erst danach können wir die Geschichte kommentieren und für unsere Zeit interpretieren und einordnen.

Kaiser Karl hat sich mit seiner Politik gegen den Zeitgeist gestellt, und er tat das bewusst.

Es war durchaus keine Selbstverständlichkeit, während des Ersten Weltkrieges den Krieg zu verurteilen und den Frieden zu suchen. Alle waren kriegsbegeistert, auch Christen waren davon nicht ausgenommen. Der verblendete Glaube an einen Siegfrieden hatte die Eliten voll erfasst, und nur wenige hatten die politische Fantasie, sich auszumalen, was nach einem verlorenen Krieg geschehen würde. Karl ergriff jede Möglichkeit, die sich ihm bot, um mit der Entente ins Gespräch zu kommen. Und wenn Kritiker behaupten, seine Friedensversuche seien ungeschickt gewesen, so bleiben sie doch den Beweis schuldig, wie er es besser hätte machen können. Keine einzige andere Friedensinitiative ist so weit gekommen wie die von Kaiser Karl.

Die Waffenbrüderschaft mit den Deutschen hatte eine gesellschaftlich breite Akzeptanz, doch in Wirklichkeit war sie verheerend für Österreich und den mitteleuropäischen Raum. Im deutschen Oberkommando träumte man von Österreich als eine Satrapie, eine Art zweites Bayern der Hegemonialmacht Deutschland. Auch nach dem Krieg war dieser Traum nicht ausgeträumt, und als Adolf Hitler ihn verwirklichte, stürzte Europa in eine Katastrophe. Karl hat dies vorhergesehen und versucht, sich aus der vertikalen Allianz mit Deutschland zu befreien und ein horizontales Bündnis mit Frankreich (und England) vorzubereiten. Spielt man die Konsequenz dieses Planes durch, so straft das alle Lügen, die von seiner angeblichen politischen Talentlosigkeit sprechen. Nur wenige, David Lloyd George, Aristide Briand und auch Papst Benedikt XV., haben damals erkannt, welche Möglichkeiten sich in Europa mit einem unabhängigen Österreich ergeben hätten.

Und schließlich Karls Modell für Mitteleuropa – eine weitgehende Föderalisierung mit Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Völker mit gemeinsamer Wirtschafts- und Außenpolitik. Er warnte vor einem aufgesplitterten Donauraum mit zahlreichen Kleinstaaten, die als Hort von Instabilität ein politisches Vakuum bilden würden. Auch dafür fehlte seiner Zeit das Verständnis. Es brauchte erst einen zweiten Krieg, weitere Zigmillionen Tote und Vertriebene, bis Europa einen Weg jenseits der Nationalstaaterei gefunden hatte. Und erst 1989 konnte sich Mittel- und Osteuropa aus der Unfreiheit lösen, die auch mit ein Ergebnis der geopolitischen Situation war, die der Erste Weltkrieg und die Friedensverträge der Pariser Vororte hinterlassen haben. Insofern hat die Auseinandersetzung mit Kaiser Karl auch eine politische Dimension, die bis in die Gegenwart reicht.

Die Voraussicht des Kaisers auf die politische Entwicklung der nächsten 20 Jahre war klug und weise, was niemand berücksichtigte. Seine Politik musste er größtenteils als Einzelkämpfer verfolgen. Er prallte an der Verständnislosigkeit und am Kleinmut seiner Umgebung ab. Es war ausgerechnet sein Außenminister Czernin, der anfangs den Friedenswillen zu teilen schien, der mit seiner ungeschickten Politik eine der größten außenpolitischen Katastrophen der Donaumonarchie verursachte.

Am Ende wurde Karl, der Einzige, der versucht hatte, den Krieg zu beenden, von den Alliierten am schäbigsten behandelt. Verschmäht und verleumdet wurden er und seine Familie auf die Insel Madeira verbannt, wo er schließlich völlig entkräftet starb.

Im Rückblick auf Kaiser Karl und die kurze Zeit seines politischen Wirkens sollten wir nun, 100 Jahre später, zu einer Betrachtung jenseits billiger Klischees kommen. Dieses Buch soll nicht die Aufgabe einer detaillierten Biografie erfüllen. Bereits im Jahr 2004 konnte ich bei Amalthea ein ausführlicheres Werk »Kaiser Karl I. Selig, die Frieden stiften …« veröffentlichen. Auch haben andere Autoren sich dieser Aufgabe gewidmet, herauszustellen wäre hier besonders Prof. Elisabeth Kovács mit ihrem zweibändigen Werk »Die österreichische Frage«, mit einem umfangreichen und detaillierten Dokumentationsteil.

Mit diesem Buch möchte ich einige Schwerpunkte setzen, aber auch den vielen Vorwürfen gegen Kaiser Karl entgegentreten. Teilweise wirkt die Propaganda aus dem Ersten Weltkrieg bis heute. Besonderes Augenmerk richte ich auf die Friedensversuche Karls, auch zusammen mit Papst Benedikt XV., dessen Rolle im Ersten Weltkrieg lange nicht gewürdigt wurde. Nicht zuletzt habe ich nach dem Motto »Das Wasser ist an der Quelle am klarsten« im letzten Teil einige Ausschnitte aus Kaiser Karls persönlichen Aufzeichnungen dokumentiert. Zu vielem könnte mehr gesagt werden, vor allem auch zu Ungarn, allerdings ist dies auch immer eine Frage des verfügbaren Rahmens.

Angemerkt sei, dass die korrekte Bezeichnung der Doppelmonarchie »Österreich-Ungarn« lautet. Es ist der einfacheren Lesbarkeit geschuldet, und nicht der Geringschätzung gegenüber den Ungarn, wenn ich mehrheitlich den Begriff »Österreich« beziehungsweise »österreichisch« verwende, wobei selbstverständlich immer Österreich-Ungarn gemeint ist.

Eva Demmerle

Feldafing, im August 2016

Immer näher an den Thron –
Die Erziehung und Ausbildung
Kaiser Karls

Von den zahlreichen Vorwürfen, denen die Person des letzten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn bereits zu seinen Lebzeiten ausgesetzt war und die sich bis heute zum Teil sogar in der seriösen historischen Betrachtung niederschlagen, wiegt jener seiner mangelnden Erziehung und Ausbildung auf seine verantwortungsvolle Aufgabe hin nicht gering. Überraschend ist, wie sehr sich bis in unsere Tage gewisse ideologische Vorbehalte und Propagandalügen aus dem Ersten Weltkrieg halten.

Die mangelnde Ausbildung passt da gern in zitierte Klischees. Dabei stimmt gerade das nicht. Im Gegensatz zu den Behauptungen, der junge Kaiser, der mit gerade einmal 29 Jahren die Regierung übernommen hatte, sei auf seine Aufgabe nicht vorbereitet gewesen, hatte er eine sehr gute und vor allem zielgerichtete Ausbildung genossen. Zwar war bei seiner Geburt noch nicht klar, dass er einstmals den Thron erben würde, aber die verschiedensten Unglücksfälle und Umstände in der kaiserlichen Familie ließen dies immer wahrscheinlicher werden. Den Eltern war dies sehr bewusst gewesen, und so haben sie frühzeitig die Erziehung des Jungen entsprechend gesteuert, immer in Einklang mit Kaiser Franz Joseph, aber auch in Einklang mit Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand.1

Erzherzog Karl Franz Josef wurde am 17. August 1887 auf Schloss Persenbeug in Niederösterreich geboren. Es schien, als sei er noch sehr weit vom Thron entfernt. Wären nicht verschiedenste Unglücksfälle und andere Umstände in der kaiserlichen Familie geschehen, hätte Karl das typische Leben eines Erzherzogs geführt, mit einer militärischen Karriere – und dann und wann mit Repräsentationsverpflichtungen betraut. Doch 1889, zwei Jahre nach Karls Geburt, kam Kronprinz Rudolf, der einzige Sohn Kaiser Franz Josephs, unter bis heute ungeklärten Umständen in Mayerling2 ums Leben. Der nächste in der Thronfolge war Erzherzog Karl Ludwig, der Vater der Erzherzoge Franz Ferdinand und Otto, dem Vater Karls. Karl Ludwig verstarb im Jahr 1896 während einer Pilgerreise ins Heilige Land. Der Thron rückte immer näher. Grund genug also, den jungen Karl entsprechend vorzubereiten.

Die Eltern Kaiser Karls waren in vielen Dingen unterschiedlicher Ansicht, doch in Hinblick auf die Erziehung ihrer Kinder, vor allem des Erstgeborenen, stimmten sie überein.3 Der Vater, Erzherzog Otto, war ein Mensch von großen künstlerischen Begabungen, von großer Vitalität und Lebensfreude und extrovertiertem Charakter. An Politik war er völlig desinteressiert. Am ehesten weckte noch das Militär sein Interesse, wo er die für einen Erzherzog übliche Laufbahn einschlug. Sicher stand er auch im Schatten seines großen Bruders Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand, der immer schon ein sehr politischer und eigenwilliger Kopf gewesen war. Otto nahm hingegen Repräsentationsaufgaben recht gerne wahr. Es ranken sich etliche Anekdoten um den »feschen Otto« beziehungsweise den »flotten Erzherzog«. Einmal soll er, lediglich mit einem Gürtel, einem Säbel und dem habsburgischen Hausorden, dem Orden vom Goldenen Vlies, bekleidet, durch das Foyer des Hotel Sacher getanzt sein. Unglücklicherweise stieß der amerikanische Botschafter in Damenbegleitung auf den Erzherzog in dieser Adjustierung. Sein Einspruch beim Außenministerium und Polizeipräsidium blieb ohne Folgen, sodass er erst nach einer Audienz beim Kaiser Satisfaktion erhielt: Der Kaiser bestrafte seinen Neffen mit zwei Monaten Kloster.

Es ist offensichtlich, dass Erzherzog Ottos Frau Maria Jose- pha, eine geborene Prinzessin von Sachsen und Nichte des regierenden Königs, das pure Gegenteil von ihm war. Sie war tiefreligiös, von sanftem, nachsichtigem, bescheidenem Charakter und mit dem festen Willen, das Heim zum Zentrum ihres Lebens zu machen. Einige Biografen bezeichnen sie sogar wenig charmant als »hausbacken«. Sie lebte ganz für ihre Kinder und nahm die Kränkungen durch das ausschweifende Leben ihres Mannes demütig hin. Die Ehe ist nie gescheitert, aber sie trieb vor sich hin, wohl getragen von gegenseitigem Respekt.

Es scheint, dass die Kindheit des kleinen Erzherzogs ein Paradies gewesen war. Die Familie lebte entweder im Augarten in Wien oder an den verschiedenen Stationierungsorten des Vaters. Eine der ersten Übersiedlungen führte ins mährische Brünn, wo Vater Otto als Rittmeister bei den 6er Dragonern diente. Weitere Stationierungen waren in Prag, wo die Familie auf dem Hradschin lebte, und in Ödenburg.

Wenn Maria Josepha ihren Mann nicht begleitete, lebte sie auf Schloss Persenbeug oder in der Villa Wartholz in Reichenau an der Rax, einem Besitz ihres Schwiegervaters, in dem auch die Ferien verbracht wurden. Karl verband seine schönsten Kindheitserinnerungen mit beiden Orten. Bis zu seinem siebten Lebensjahr wurde seine Erziehung von Damen dominiert: von seiner Mutter und deren Hofdame Gräfin Pallavicini, Erzherzogin Maria Annunziata und von seiner irischen Gouvernante, Miss Casey, von der er fließend Englisch schreiben und sprechen lernte. Überhaupt zeichnete Karl sich durch eine große Sprachbegabung aus. Nun aber beschlossen die Eltern, seine Erziehung etwas strenger zu gestalten. Mit dem Jahr 1894 übernahm Graf Georg Wallis, der einstige Erzieher Erzherzog Ottos, die Stelle als »Ajo Primo«, also als Hauslehrer und Erzieher des jungen Karl. Er blieb der Familie bis ins hohe Alter verbunden. Als in Hofkreisen beschlossen wurde, den treuen Grafen Wallis durch einen anderen Lehrer abzulösen, der nicht eben den besten Leumund hatte, intervenierten die Eltern bei Kaiser Franz Joseph. Die spätere Kaiserin Zita berichtet darüber:

»Er [Erzherzog Otto; Anm. d. Verf.] bat seine Frau, sie möge sofort um eine Audienz beim Kaiser ansuchen, und ihm sagen, dass sie sich absolut weigere, die ausgedachte Erziehung ihrem Sohne angedeihen zu lassen. Erzherzog Otto sagte ihr, für ihn sei es entsetzlich schwer, denn wenn seine Majestät einen Wunsch ausspreche, könne er nur als Erzherzog und Offizier Jawohl, Eure Majestät‹ sagen, wohingegen sie als Frau und Mutter dem Kaiser opponieren konnte. Und so sollte es zu einem Kniefall von ihrer Seite kommen.«4

Die Eltern bestanden auf ihrem Recht, die Erziehung des Jungen selbst bestimmen zu können. Karls Erziehung war in mancherlei Hinsicht viel solider als die des Kronprinzen Rudolf gewesen, der als Staatskind erzogen und damit seinen Eltern, vor allem Kaiser Franz Joseph, entfremdet wurde. Die Folgen sind bekannt.

Graf Wallis organisierte die Schulbildung Karls mit einem strammen Programm und einem spartanischen Lebensstil. Sommers wie winters wurde morgens um sechs aufgestanden und kalt gewaschen. Der Lehrplan war sehr intensiv, mit zahlreichen Fächern. Englisch unterrichtete nach wie vor Miss Casey, Französisch ein Monsieur Mathieu, Ungarisch ein Herr Tormassy. Auch die anderen Sprachen des Reiches wurden gelehrt, dazu kamen noch Latein und Griechisch. Naturwissenschaftliche Fächer wie Biologie, Zoologie und Botanik wurden von Dr. Holzlechner unterrichtet, und dies gern am lebenden Objekt, während Ausflügen, beim Reiten oder auf der Jagd. Von Holzlechner, der in der Familie nur »Nisi« genannt wurde, übernahm Karl die Liebe zur Natur und zur Bewegung an der frischen Luft. Neben dem schulischen Programm beschäftigte Karl sich auch mit Reiten, Schießen, Eislaufen, Fechten, Turnen und Schwimmen, seine Lieblingsbeschäftigung aber war die Jagd.

Erzherzog Otto und seine Frau hatten den Weitblick bewiesen, den Sohn zum einen weitgehend in der häuslichen Atmosphäre zu behalten, andererseits jedoch sehr sorgfältig auf seine Ausbildung zu achten. Karls Vater war sich sehr wohl seiner eigenen Defizite und seines unsteten Charakters bewusst, aber auch der Verantwortung, die er seinem Sohn und der Dynastie gegenüber schuldete:

»In Erziehungs- und Gesundheitsfragen ist genaueste Beobachtung geboten. […] Ich will nicht, dass mein Sohn die gleichen Erfahrungen macht, die ich habe durchmachen müssen.«5

Nach der Erziehung durch Hauslehrer beschlossen die Eltern zum zehnten Lebensjahr des Jungen, ihn in das von den Benediktinern geführte Schottengymnasium einzuschreiben, wo er in den folgenden Jahren vor allem Naturgeschichte, Physik und Chemie lernte. Im Juni 1901 beendete er seine dortige Schulausbildung mit einer ausgezeichneten Abschlussprüfung. Allerdings sollte er nicht mit der Matura abschließen, da Kaiser Franz Joseph meinte, es sei nicht angebracht, wenn der künftige Herrscher sich mit seinen Schulkameraden messen ließe. Zudem sei es unfair den anderen gegenüber, da Karl doch durch die Hauslehrer einen Vorteil gehabt hatte.

Mittlerweile war es sicher, dass Karl eines Tages den Thron erben würde. Die Thronfolge war inzwischen auf seinen Onkel, Erzherzog Franz Ferdinand, übergegangen. Im normalen Falle hätte man davon ausgehen können, dass mit seiner Verehelichung eine neue Linie eröffnet würde, aber er setzte seine Heirat mit der böhmischen Gräfin Sophie Chotek gegen das Hausgesetz durch. Sie war nicht standesgemäß, die Ehe musste morganatisch geschlossen werden. Franz Ferdinand musste in einem feierlichen Renunziationseid im Jahr 1900 auf die Thronfolgerechte seiner Kinder verzichten. Als Nächster in der Linie stand Erzherzog Otto, mit dem der alte Kaiser aufgrund seiner Eskapaden mehr als unglücklich war. Auch Otto musste sich den verschiedensten Unterrichtsarten in Geschichte und Politik unterziehen, die ihn allerdings grenzenlos langweilten.

Reisen sind ein unerlässliches Mittel zur Bildung. In Begleitung von Graf Wallis lernte Karl die Monarchie und auch andere Länder kennen. 1901 reisten sie nach Galizien, in die Bukowina und in die ungarische Reichshälfte. Im Jahr darauf stand Frankreich auf dem Programm sowie der Besuch am württembergischen und am sächsischen Hof, wo seine Mutter herstammte. 1903 ging es abermals nach Frankreich und England. Besonderes Interesse zeigte der nun 16-jährige Karl an Elsass-Lothringen; zum einen, weil er den Namen Lothringen selbst trug, zum anderen, da die Zugehörigkeit jener Region zum Deutschen Reich umstritten war. Karl sprach mit den Einwohnern, vertiefte sich in den Grenzverlauf und in kulturelle und wirtschaftliche Aspekte. Sicherlich hat dieser Besuch seine späteren Friedensverhandlungen beeinflusst, denn er war zu der Erkenntnis gekommen, dass Elsass-Lothringen eher zu Frankreich gehören sollte als zum Deutschen Reich.

Mit dem Beginn der Pubertät zeigten sich bei Karl, der eigentlich über eine gute Gesundheit verfügte, leichte Anzeichen von Nervosität und Reizbarkeit. Um diesen Umständen Abhilfe zu schaffen, schickten die Eltern den Jungen in Begleitung von Graf Wallis in den Jahren 1904 und 1905 zu einer jeweils vierwöchigen Kaltwasserkur in das Institut von Dr. Guggenberg nach Bozen. Dort lernte er Graf Arthur Polzer-Hoditz kennen, dem er sich, trotz des Altersunterschieds von nahezu 20 Jahren, bald freundschaftlich verbunden fühlte. Polzer-Hoditz, auch ein Freund von Graf Wallis, übte großen Einfluss auf den jungen Erzherzog aus, später wurde er der erste Kabinettschef des jungen Kaisers.

Mit Rücksicht auf seine zukünftige Stellung hatte Karl seine schulische Ausbildung um ein Jahr verkürzen müssen, was zum Ausgleich einen sehr intensiven Lehrplan mit sich gebracht hatte. Darauf folgte die militärische Ausbildung. Nach der theoretischen Einführung kam die Praxis des Soldatenberufs. Bereits als 16-Jähriger zum Leutnant bei den Ulanen ernannt, trat er am 1. Oktober 1905 seinen aktiven Militärdienst beim Dragonerregiment »Herzog von Lothringen und Bar« Nr. 7 in Bilin in Böhmen an. Rasch gewöhnte er sich an sein bescheidenes Quartier in der alten Kaserne und nahm als aufgrund seiner Herkunft illustrer, sonst aber subalterner Offizier am Alltagsleben der Kaserne teil.

Als künftiger Thronfolger sollte er auch studieren. Frühzeitig hatte sich sein sonst eher leichtlebiger Vater im Einvernehmen mit seiner Frau Maria Josepha sehr verantwortungsvoll Gedanken gemacht. Davon zeugt ein Brief vom 22. September 1904 an Graf Wallis:

»Lieber Graf Wallis!

Da ich durch mein Leiden noch längere Zeit verhindert bin, mit ihnen einmal eingehend über die nächste Erziehungszeit meines Sohnes Karl Rücksprache zu halten, will ich Ihnen meine Pläne, die ich mit der Erzherzogin vereint ausgedacht habe, mitteilen.

Wenn Karl 18 Jahre geworden, würde er in eine Garnison kommen, wo er sowohl den militärischen Dienst ausüben, sowie auch eine allgemeine Universitätsausbildung sich aneignen müsste. Der Herr, der ihn in diesen zwei Jahren vor seiner Großjährigkeit begleiten würde, wäre nach außen quasi sein Kammervorsteher, unter vier Augen noch immer sein Mentor, welcher ihn auf alles aufmerksam machen muss.

Da meine Frau sowohl wie ich das vollste Vertrauen zu Ihnen haben, würden wir gerne sehen, wenn Sie diese Stelle bei unserem Sohne auch für diese zwei Jahre beibehalten würden.

Doch wie wir Sie jetzt schon ein Jahr vorher fragen, ob Sie diesen von uns bestimmten Plan annehmen, so müssen wir Sie auch bitten, sich klar und bestimmt auszusprechen, ob Ihre Gesundheit es zulassen wird, diesen Dienst auch wirklich die zwei vollen Jahre durchführen zu können?

Ein zweiter Herr wird auf keinen Fall unserem Sohn zugeteilt werden: doch muss ich dabei bemerken, dass eben diese Zwischenzeit von 18 bis zu 20 Jahren auch nach und nach freiere Bewegung und selbstständigeres Auftreten unseres Sohnes mit sich bringen soll; daher auch viele Stunden des Tages z. B. V.M. beim Regiment N.M.6 bei einem eventuellen juristischen Vortrag seinem Mentor respektive Kammervorsteher zum ›Freisein‹ erübrigt werden.

Als Garnisonsort würde ich Sr. Majestät entweder Prag oder Innsbruck vorschlagen, die zwei einzig möglichen Garnisonen, wo auch eine Universität ist und wo man hoffentlich den einen oder den anderen verlässlichen Professor findet.

Unser Sohn Karl, der so Gott es will, bestimmt ist, einst Kaiser zu werden, muss unbedingt erst gründlich die Infanteriewaffe, unsere Hauptwaffe kennenlernen. Wie meine Brüder und ich, wir fingen alle bei der Fußtruppe an. Der richtige Verkehr mit dem Offizierskorps, das unauffällige Hintanhalten von nicht besonderen Elementen im Offizierskorps ist und bleibt Aufgabe des Erziehers, vereint mit dem betreffenden Regimentskommandanten und mit den Stabsoffizieren und kann leicht überwacht werden. Ihre einst vorgebrachte Idee, Karl könnte sich nach seiner Großjährigkeit noch immer für sich in allen Fächern weiter ausbilden, kann ich nicht teilen; denn das kann sein, kann auch nicht sein. – Ich halte es für unsere Pflicht, solange unser Sohn minderjährig ist, ihn so viel als er für sein späteres Leben braucht – und dies ist viel – studieren zu lassen. Ist er einmal definitiv großjährig, und beim Regiment kann er ja, wenn er Lust hat, weiter studieren, wenn nicht, so hat er wenigstens genug inne, um sich in allen seinen künftigen militärischen und staatlichen Lagen und Stellungen zurechtzufinden.

Daher muss er in den letzten zwei Jahren, neben dem militärischen Dienst, noch juristische, geschichtliche und staatswissenschaftliche Studien gründlich durchmachen, wozu in der Garnison der N.M. verwendet werden kann. Bei der Infanterie ist der Hauptdienst V.M., ich will damit nicht gesagt haben, dass er nur V.M. Offizier N.M. Studiosus ist, es kann ja auch einmal ein Übungsmarsch, ein Schießen etc. etc. N.M. sein – dieser Tag ist dann eben nur militärisch verbracht.

Prag hat den Vorteil, dass der gesellschaftliche Umgang bei Karl sehr gut gepflegt werden kann, er könnte sich angewöhnen, eigene kleine Diners zu geben etc. Innsbruck hat wieder mehr militärische Vorteile, in dem das Tiroler Kaiserregiment sehr schön und Karl selbst so gerne in Tirol ist! Und dann Erzherzog Eugen als erster in der Garnison, was für Karls Charakter ganz gut wäre!!! Natürlich müsste die Garnisonswahl noch sehr genau überdacht werden und ist hiezu noch genügend Zeit und muss einst die allerhöchste Willensbildung erbeten werden.

Mein ganzes Schreiben soll Ihnen nur zeigen, was wir in Hauptzügen mit unserem Sohne in seinen letzten zwei Erziehungsjahren beginnen wollen, und wir müssen vor allem anderen Ihren klaren dezidierten Ausspruch wissen und die Versicherung haben, ob Sie den nach unserem bestimmten Plan durchzuführenden Dienst allein und mit Ihrer Gesundheit vereinbaren, leisten können und wollen.

Unseres vollen Vertrauens seien Sie stets versichert. Von den Grundzügen unseres Entschlusses würde nichts geändert und vom nächsten Herbst an diese Erziehungsmethode durchgeführt werden.

Erzherzog Otto«7

Graf Wallis begleitete den jungen Erzherzog noch mehrere Jahre, zunehmend mehr als Freund denn als Erzieher. Noch lange sollte Karl seinem einstigen Lehrer verbunden bleiben. Selbst als Kaiser besuchte er häufig Graf und Gräfin Wallis in deren privater Wohnung.

Das Jahr 1906 brachte wieder weitreichende Veränderungen in Karls Leben. Nachdem er seine militärische Ausbildung – mit ausgezeichnetem Ergebnis – weitgehend abgeschlossen hatte, wurde entschieden, dass er in Prag studieren sollte. Ein trauriges Ereignis überschattete diesen neuen Lebensabschnitt: der Tod seines Vaters am 1. November 1906.

Damit war Karl nach Erzherzog Franz Ferdinand der nächste Thronfolger. Die Ausbildung musste nun beschleunigt werden. Karl zog nach Prag auf den Hradschin und nahm sein Studium auf.

Das Studienprogramm war von seinem Freund Arthur von Polzer-Hoditz entworfen und von Kaiser Franz Joseph persönlich sowie dem Unterrichtsminister genehmigt worden. Auch die Dichte des Lehrprogramms wurde nicht dem Zufall überlassen. Davon zeugt ein Brief von Polzer-Hoditz an Graf Wallis:

»Ich habe dabei auch den Verhältnissen an den zwei Universitäten in Prag Rechnung zu tragen versucht und getrachtet, die sachlichen Rücksichten mit den persönlich-politischen Rücksichten, die gegenüber den zwei rivalisierenden Universitäten in Prag notwendig sind, möglichst zu vereinen. […] Im allgemeinen habe ich mich bei der Sortierung des Stoffes von den Gedanken leiten lassen, dass seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Karl nicht durch unnütze und verwirrende Details belastet werden sollte, denn abgesehen davon, dass detailliertes Wissen in juristischen und staatswissenschaftlichen Fächern sich nur durch jahrelanges Studium erwerben lässt, glaube ich, dass solches detailliertes Wissen für ihn ganz unnötig, ja, in gewisser Beziehung sogar schädlich wäre. Unnötig deshalb, weil er ja selbst nie in die Lage kommen wird, einen Zivilprozess zu entscheiden oder einen administrativen Prozess durchzuführen, schädlich deshalb, weil er durch zu viele Details den Überblick über den gewaltig großen Stoff ganz verlieren würde, verlieren müsste und ihm noch obendrein das Studium von Anfang an verekelt und das Interesse daran natürlicherweise genommen würde. […] Was aber meiner Ansicht nach Erzherzog Karl von großem Wert wäre, und was er einmal, wenn die Vorsehung ihn auf den Thron Österreichs berufen würde, sehr brauchen wird, ist ein klarer Überblick über das weite Gebiet der Staatswissenschaft, ein Einblick in das Räderwerk und Getriebe der Staatsmaschine. Er soll ein Gesamtbild bekommen, um immer das Ganze im Auge zu haben, wenn es sich um eine Entschließung in einer einzelnen Sache handelt.«8

Auch die Professoren waren äußerst penibel ausgewählt worden. Sie kamen von beiden Prager Universitäten, der deutschen und der tschechischen. Karl hörte die Vorlesungen nicht zusammen mit anderen Studenten, sondern als Privathörer. Auf diese Art und Weise konnte sehr viel mehr Stoff bearbeitet werden, als es in einem normalen Universitätsbetrieb möglich gewesen wäre. Seine Professoren äußerten sich später immer wieder lobend über ihn und seine rasche Auffassungsgabe. Während des Studiums verhielt sich Karl nicht einfach rezeptiv, sondern diskutierte leidenschaftlich gern mit seinen Lehrern. Dabei scheute er sich nicht, staatliche Institutionen und verschiedene politische Zustände zu kritisieren. Der Aufenthalt in Prag und insbesondere der Kontakt mit den Professoren der tschechischen Universität mögen dazu beigetragen haben, dass Karl sich sehr früh mit der Benachteiligung der Slawen in der Monarchie auseinandersetzte und sich seine eigene Meinung bildete. Ihm war sehr wohl bewusst, dass dieser Zustand auf Dauer nicht lange haltbar war.

Nach zwei Jahren beendete Karl das Studium mit einem ausgezeichneten Ergebnis. Polzer-Hoditz hatte den Eindruck, dass Karl »doch bedeutend mehr wusste als mancher, der nach Absolvierung der Universitätsstudien die Hochschule mit einem Doktorhut verlässt.«9

Anhand dieser Nachzeichnung der ersten 20 Jahre Erzherzog Karls ist ersichtlich, dass er über eine gründliche und solide Ausbildung verfügte. Die Verantwortung der Eltern war groß und wurde von beiden mit Weitblick und Klugheit wahrgenommen. Sie haben sich erfolgreich bemüht, den Jungen nicht zum »Staatskind« werden zu lassen, sondern ihn in einem familiären Umfeld zu erziehen, das die Persönlichkeitsstabilität fördert. Sich selbst der eigenen Defizite bewusst, tat Vater Otto alles, um diese bei seinem Sohne zu verhindern. Schließlich wurde auch die universitäre Ausbildung mit einigem Weitblick organisiert. Erzherzog Karl ging mit einer guten Vorbereitung auf seine künftige Aufgabe zu.

Auf dem Weg in den Krieg

Die politische Landkarte Europas

Österreich-Ungarn war ein kompliziertes Gebilde. 17 Nationalitäten lebten in unterschiedlich ausgeprägter Staatlichkeit unter dem Dach der habsburgischen Dynastie. Die vielen Volksgruppen und Nationalitäten zu regieren, war schwierig, aber nicht unmöglich. Es ist richtig, dass viel, auch innerhalb der Monarchie in den letzten Jahren vor dem Krieg, von einem drohenden Untergang gesprochen wurde, aber faktisch wies nichts darauf hin. Vor 1914 hatte es keinerlei revolutionäre Stimmung gegeben.10 Der ökonomische Aufschwung, der ganz Europa durch die Industrialisierung erfasst hatte, hatte auch Österreich einen neuen Wohlstand beschert. Die wirtschaftliche Kraft des Österreich vor 1914 wurde erst in den 1950er-Jahren wieder erreicht. Gleichzeitig förderten die Vielfalt und das Nebeneinander der Nationalitäten eine außerordentliche kulturelle Blüte. Die Klammer dieses Vielvölkergemischs war die Dynastie. Wenn Kaiser Franz Joseph sagte: »Ich habe dann gut regiert, wenn alle meine Völker gleichermaßen unzufrieden sind«, so bedeutete dies, dass zu einer guten Regierung dieses multinationalen Staates viel Fingerspitzengefühl, Takt und Rücksichtnahme notwendig waren. Streitigkeiten konnten immer wieder beigelegt werden, und der Mährische Ausgleich von 1905 zeigte in Bezug auf die Nationalitätenvertretung in die richtige Richtung. Generell war das »alte« Österreich ein liberaler Staat,11 der dem Einzelnen und den Volksgruppen viele Freiräume geboten hat. Die »checks and balances« mussten zwar immer wieder neu gefunden werden, aber in seiner ganzen Sensibilität war das System bemerkenswert stabil.

Notwendige Reformschritte wurden von den Eliten intensiv diskutiert. Vor allem die Staatsstruktur infolge des Ausgleichs mit Ungarn war Gegenstand permanenter Überlegungen. Der Ausgleich aus dem Jahr 1867 hatte das Verhältnis zu den Ungarn geklärt, aber eben nur zu den Ungarn. Teilweise widersprachen sich sogar die Verfassungen der beiden Reichshälften, Cisleithanien (Österreich) und Transleithanien (Ungarn). Zudem wachten die ungarischen Magnaten, die einen Großteil der Macht in ihren Händen hielten, eifersüchtig über den Erhalt ihrer Privilegien. Das ungarische System trug noch immer feudalistische Züge, der slawische Bevölkerungsanteil war im ungarischen Parlament stark unterrepräsentiert. Dieses System des Dualismus beförderte die Frustration der slawischen Völker. Vergeblich hatten die Tschechen gehofft, dass die Länder der Wenzelskrone im Staatskonstrukt adäquat berücksichtigt würden. Der Nationalismus, die große Welle des 19. Jahrhunderts, machte auch vor Österreich nicht halt. Panslawistische Bewegungen konnten unter diesen Bedingungen rasch zu einer politisch relevanten Größe heranwachsen, dies vor allem im Süden des Reiches. Und damit wurde die Innenpolitik auch relevant für die Außenpolitik.