image

Vera Russwurm

Der Ameisenhaufen

Roman

AMALTHEA

Meinen Erstlingsroman widme ich meinen Eltern, ohne die ich niemals bei meiner großen Leidenschaft, dem Fernsehen, gelandet wäre, sowie meinem Mann Peter und meinem Bruder Heinz, mit denen ich die Produktionsfirma »Hofpower« betreibe und die mich immer mit Rat und Tat auf meinem Weg unterstützt haben.

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2016 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagmotiv: iStock.com

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

Herstellung und Satz: Gabi Adébisi-Schuster
Gesetzt aus der Sina Nova 10,3/12,7

ISBN 978-3-99050-053-8
eISBN 978-3-903083-36-3

VORWORT

Die Idee zu diesem Roman entstand nicht anders als manchmal auch die Ideen zu neuen TV-Formaten: durch ein launiges Gespräch — allerdings nicht mit Kollegen, sondern mit Freunden, die NICHT aus der Branche kommen. Ein denkwürdiges Gespräch war es, das schließlich in der Aufforderung mündete: »Schreib doch einmal, wie es hinter den Kulissen bei der Entwicklung eines quotenträchtigen Showformats zugeht!« Der Gedanke war reizvoll. Warum nicht?

Das vorliegende Buch bietet einen Einblick ins hektische Treiben des Fernsehens, ist aber keine 1:1-Abbildung der Wirklichkeit — nicht jener des privaten Fernsehens und schon gar nicht jener des öffentlich-rechtlichen. Vielmehr ist diese Geschichte um eine verschwundene Million eine Überspitzung der Realität, bietet doch der Medienalltag samt seinen Akteuren genügend Stoff für eine Realsatire.

Ähnlichkeiten mit lebenden Persönlichkeiten sind nicht beabsichtigt; wohl aber habe ich die handelnden Personen einer Typologie von Menschen nachempfunden, die sich ihrem Traumberuf verschrieben haben: in dieser bunten und faszinierenden, »Seelen verschlingenden« Fernsehwelt …

Also dann — viel Spaß beim Lesen!

Vera Russwurm

INDEX DER CHARAKTERE

Cutter & Co

Jonas Gambacher: Cutter bei »MasterTV-Österreich«

Emma Gambacher: Jonas’ Tochter

Tamara: Jonas’ Exfreundin, Emmas Mutter

Ilse Gambacher: Jonas’ Mutter

Timon Wiederklas: Cutterkollege von Jonas

Florian Schmid: Cutterlehrling

Cutter mit dem Pferdeschwanz: Cutterkollege von Jonas

Lisa Fassler: Cutterkollegin von Jonas

Produktion & Co

Sami Gün: Aufnahmeleiter

Astrid Merlin: Herstellungsleiterin

Patrick Gün: Samis Sohn aus erster Ehe

Gregor Gün: Samis Sohn aus zweiter Ehe, Schüler

Mahir Gün: Vater von Sami, Lokalbesitzer, Witwer

Walli Gün: erste Exfrau von Sami, Mutter von Patrick

Maxi Gün: zweite Exfrau von Sami, Mutter von Gregor

Jan und Domschi: Die neuen Partner von Walli und Maxi

Fabo: Set-Praktikant bei »MasterTV-Österreich«

Marlies: Set-Praktikantin bei »Ameisenhaufen«,

Tochter des Personalchefs

Redaktion & Co

Josepha Nowak: Redakteurin bei »MasterTV-Österreich«

Noemi Nowak: Josephas Tochter

Maria Weber: Redaktionsleiterin, Chefin von Maria

Marcello: Fahrradbote

Kevin: Redakteur, Josephas Kollege

Moderatoren & Co

Will Wilson: Moderator, momentan bei »MasterTV-Österreich«

Janina Talina: neu gecastete Moderatorin

Franziska Naschhold: Moderatorin von »Spiegel mit Ei«

Weitere Mitarbeiter & Mitarbeiterinnen

CEO Hans Erschler: Geschäftsführer von »MasterTV-Österreich«

Annmadleine: Kostümpraktikantin

Nigel Maschte: Junior Autor bei »MasterTV-Österreich«

Linda: Maskenbildnerin bei »MasterTV-Österreich«

Putzmann: Herr Brandl

Vera Russwurm

Der Ameisenhaufen

TEIL 1

DER BAU

 

1. Kapitel

GELÄNDE »MasterTV-ÖSTERREICH« AUSSEN/MORGEN

Müde schleppt sich der junge Cutter Jonas auch an diesem Freitagmorgen in Richtung der drei großen, erdfarbenen Gebäude von »MasterTV-Österreich«. Der Weihnachtsurlaub ist gerade vorbei, ergo steht ihm nun eine lange, urlaubslose Zeit bevor. Der Jänner ist regnerisch und föhnig. Die Tage sind kurz, die Herzen schwer, Jonas muss arbeiten …

»Hey Cobain, alles klar?« – die morgendliche Begrüßung von Kevin, einem glatzköpfigen, vollbärtigen Redakteur mit modischer Brille, der Jonas jovial auf die Schulter klopft. Cobain – diesen Spitznamen hat Jonas wegen seines blonden Haares, seiner notorischen Converse-Schuhe, wegen der Eintrittsbänder von zurückliegenden Rockfestivals am Handgelenk und des in verschnörkelten Lettern tätowierten Frauennamens auf seinem Unterarm geerntet.

Jonas murmelt: »Guten Morgen.« Normalerweise ist diese morgendliche Begrüßungsfloskel der einzige sprachliche Austausch zwischen den beiden, doch heute scheint Kevin größeren Redebedarf zu haben.

»Hast du das Video schon gesehen?«, fragt Kevin aufgeregt. Er hat wie gewöhnlich eine Fahne. Alle in der Firma wissen von Kevins Alkoholproblem – nur er weiß nicht, dass es alle wissen.

»Irgendjemand hat den Koffer mit der Million aus dem Büro vom Herrschler gestohlen!«

Ing. Hans Erschler, von seinen Mitarbeitern heimlich Herrschler genannt, ist der CEO von »MasterTV-Österreich«.

»Warum hat der Herrschler eine Million Euro in seinem Büro?«, fragt Jonas verschlafen, denn er hat noch keinen Tropfen Kaffee intus.

»Na das Preisgeld für »Ameisenhaufen«!«, sagt Kevin. Um Bilder für sich sprechen zu lassen, zückt er sein riesiges Smartphone: »Das Video ist doch heute an alle Mitarbeiter verschickt worden.« Jonas lächelt gequält und sagt nichts. Er hat zwar auch ein Smartphone, empfängt darauf aber keine Firmenmails. Das hält er für übertriebenen Ehrgeiz.

»Ha, da hab’ ich’s!«, ruft Kevin. Zu laute Stimmen nerven Jonas, vor allem, wenn sie völlig umsonst Überambition vorgaukeln. Kevin hält ihm das riesige Display seines Handys unter die Nase.

›Noch zwei Zentimeter größer und es ist ein Kinoerlebnis‹, denkt Jonas und schaut höflichkeitshalber auf den Bildschirm. Er steht jetzt so nahe an Kevin, dass er seine leichte Alkoholfahne, die sich mit dem Geruch von frischem Mundwasser vermischt hat, besonders gut riechen kann. Es handelt sich um die Aufzeichnung einer Überwachungskamera. Jonas wundert sich, dass er ausgerechnet dieses Video nicht kennt. Üblicherweise hat er einen guten Überblick über die halbseidenen Vorgänge in der Firma, denn er hackt zum Zeitvertreib die Überwachungsvideos und beobachtet seine Kollegen heimlich. Doch diese Aufnahme hat er noch nie gesehen.

Der Timecode im Bild verrät, dass das Überwachungsvideo gestern Nacht knapp vor Mitternacht aufgezeichnet worden ist.

In schlechter Bildqualität erkennt man eine dunkel gekleidete Gestalt, die sich mit einem schwarzen Etui in der Hand rasch auf das Büro des CEOs Hans Erschler zubewegt. Der Unbekannte ist durch Handschuhe, Sonnenbrille, Schal und Kappe so stark vermummt, dass nicht einmal zu erkennen ist, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Vor der Bürotür des CEOs öffnet der Maskierte das Etui und entnimmt diesem feines Werkzeug. Damit macht er sich am Schloss von Erschlers Büro zu schaffen.

Der Einbrecher wirkt ungeübt. Wegen seiner Handschuhe hat er Schwierigkeiten, mit dem feinen Werkzeug umzugehen. Als er versucht, mit einer Zange auf einen Schraubenzieher zu schlagen, den er ins Schloss geschoben hat, trifft er immer wieder daneben. Kurz hält der Dieb inne und lauscht. Dann werkt er weiter. Nach einer Weile hat er das Schloss geknackt, die Tür springt auf und er verschwindet im Büro des CEOs. Einige Augenblicke lang ist er so aus dem Sichtfeld der Überwachungskamera verschwunden. Jonas schaut zu Kevin. »Ein Aprilscherz im Jänner?«

Kevin schüttelt dramatisch den Kopf, bevor er mit leidgeprüfter Miene sagt: »Die Maria hat geschrieben, dass sie schon die ersten Polizisten gesehen hat.«

»Werden wir jetzt alle befragt, oder was?«

»Schau, es geht weiter«, ereifert sich Kevin und stiert auf den Bildschirm. Doch man sieht nur mehr, wie der Einbrecher mit dem Etui in der einen und einem Koffer in der anderen Hand aus dem Büro kommt. Am Gang bleibt der Dieb dann etwa eine halbe Minute lang stehen, blickt den Gang entlang und geht erst dann schnellen Schrittes weiter.

»Wer, glaubst du, war’s?«, fragt Kevin sensationsgeil.

»Was meinst du jetzt?«

»Alle fragen sich, wer’s gewesen sein könnte. Es gibt sogar eine Verdächtigen-WhatsApp-Gruppe.«

»Ja, ein Einbrecher halt«, sagt Jonas genervt, denn die feuchte Kälte lässt seine Nase rinnen.

»Ja, aber es ist doch glasklar, dass es einer aus der Firma gewesen sein muss. Nur wir wussten, dass sich dieses Geld in der Firma befindet. Und so gut wie alle haben gestern »witzige« Kommentare darüber geschoben, dass sie sich diesen Geldkoffer schnappen wollen.«

Jonas hebt die rechte Augenbraue, die linke ist seit seinem missglückten Augenbrauen-Piercing taub: »Also ich habe gedacht, das Preisgeld würde erst kurz vorm Finale angeliefert werden. Ich meine, wozu sollte es schon jetzt hier sein, wo wir noch nicht einmal die erste Folge gedreht haben?«

»Na wegen des Fotoshootings. Hast du das nicht mitbekommen?«

Jonas schüttelt langsam den Kopf, also fährt Kevin fort:

»Gestern war ja dieses zweistündige Fotoshooting mit der neuen, scharfen Moderatorin.«

»Die findest du scharf?«

»Sie ist zumindest ein neues Gesicht, aber angeblich ist sie eine ziemliche Zicke. Der Praktikant hat sie offenbar falsch am Telefon gebrieft und sie ist dann bei der Probe richtig ausgezuckt.«

»Sorry, aber man kann auch nicht die Moderatorin vom Praktikanten briefen lassen. Das geht gar nicht.«

»Stimmt«, pflichtet ihm Kevin bei und sagt schnell: »Ja, also das Fotoshooting war jedenfalls mit ihr, ein paar von den gecasteten Kindern und dem Koffer mit der Million Euro. Süße Kinder, sexy Frau und fettes Geld, du weißt ja, wie die Vorberichterstattung läuft.«

»Der Geldkoffer ist dann einfach in der Firma geblieben?«

»Der hätte eigentlich heute Früh wieder mit einem Spezialtransport zurück in die Bank gebracht werden sollen«, erklärt Kevin, während Jonas der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee in die Nase steigt. Die Quelle ist ein Pappkaffeebecher, den eine Praktikantin gerade an ihm vorbeiträgt. Um möglichst schnell weg von dem Gespräch und zu seinem eigenen Kaffeegenuss zu kommen, sagt Jonas bloß: »Ich hab’ echt nichts davon mitbekommen.«

»Wieder ein bisschen viel gekifft, hä?«, grinst der Redakteur, aber sein Witz kommt bei Jonas nicht besonders gut an. Als Antwort hebt er nur die rechte Augenbraue.

Dabei versucht Kevin mit einer betont lässigen Geste sein Handy wegzustecken. Das überdimensionale Handy passt nur leider nicht in seine vordere Hosentasche.

»Vielleicht warst es ja du«, scherzt Jonas.

»So ein Scheiß«, lächelt Kevin, wirkt dabei aber gereizt, »ich glaub’, ich weiß, wer’s war.«

»Und?«

»Also, ich will niemanden ohne einen Beweis beschuldigen«, erklärt Kevin bedeutsam, indem er das Kinn leicht in die Höhe streckt wie ein Mann, der Gerechtigkeit zu kennen glaubt, »daher behalte ich meinen Verdacht lieber für mich.«

»Auch gut«, sagt Jonas, »ich muss dann eh mal rein. Ich bin schon ein bissl spät dran. Bis dann.«

Kevins Enttäuschung bleibt dem jungen Cutter nicht verborgen.

2. Kapitel

KLEINES STUDIO »SPIEGEL MIT EI« INNEN/TAG

Sami bemerkt, dass die Moderatorin Franziska Naschhold panisch in seine Richtung stiert. Es ist offensichtlich, dass sie sich nicht mehr auf das Gespräch mit ihrem zweiten Gast der Morgenshow konzentrieren kann, einem Unternehmer, zur einen Hälfte Italiener und zur anderen Wiener, der mit einer brandneuen Technologie Pizza-Automaten herstellt. Sami schleicht sich so nahe wie möglich an die Moderationscouch heran. Offenbar stimmt etwas mit dem Ton nicht, denn der Tonmann gestikuliert heftig. Im Regiekammerl wird rasch reagiert: Schnell wird eine voraufgezeichnete Zuspielung abgespielt. Jetzt wird die Ursache des Problems klar: Franziskas enges Kleid ist gerissen und die Batterie vom Mikrofon ist von ihrer Unterhose, an der es festgemacht war, in ihre Strumpfhose gerutscht.

»Kostüm ans Set, schnell!«, gibt Sami durch sein Funkgerät an das Team weiter. Die Moderatorin, Franziska Naschhold, wirkt indes den Tränen nahe. Sie ist ein erfahrener alter Hase im Geschäft und moderiert seit über zehn Jahren unterschiedlich erfolgreiche Sendungen. Vor Kurzem hat sie wegen einer Gewichtszunahme aber ihren jahrelangen Werbeauftrag mit einer Bio-Joghurt-Firma verloren und ist seither verunsichert.

Eine Kostümlady hastet zusammen mit dem Tonmann auf die Moderatorin zu. Während sie versucht, mit Sicherheitsnadeln das Kleid von Franziska provisorisch am Rücken zusammenzuflicken, sodass man im Sitzen die Nadeln nicht sehen kann, verkabelt der Tonmann die Moderatorin neu. Dafür muss Franziska in ihre Strumpfhose greifen und die Batterie herausfischen. Für die erfahrene Franziska ist das zwar nicht unangenehm – das Wort »peinlich« ist schon seit Jahren aus ihrem Wortschatz gestrichen –, für den jungen Setpraktikanten Fabo, der der Kostümlady die Sicherheitsnadeln halten soll, hingegen schon.

Der Ton schimpft über das Kostüm, sie könnten nicht einmal Kleider richtig auswählen, das Kostüm schimpft über den Ton, sie könnten nicht richtig verkabeln, und Sami gibt die Zeitangaben: »Noch zehn Sekunden Leute, noch fünf Sekunden, noch vier, drei, zwei, eins.« Und wieder sind sie auf Sendung: Noch rechtzeitig springen Ton und Kostüm von der Moderationscouch weg.

Das Schlimmste scheint überstanden, aber Sami schaut auf die Uhr und sieht schon das nächste Problem auf sich zukommen: Der letzte Gast des Tages ist noch immer nicht erschienen und reagiert auch nicht auf seine Anrufe. Es ist nicht erst einmal vorgekommen, dass ein Gast aufgrund der frühen Stunde seinen Auftritt völlig verschlafen hat. Also hat Sami vorsorglich einen anderen Setpraktikanten mit dem Produktionswagen losgeschickt, um den Gast persönlich abzuholen. Aber auch der Praktikant ist seit über einer Stunde verschwunden und hebt ebenfalls nicht mehr ab. Wenn der Gast nicht allerspätestens in zwanzig Minuten in der Maske ist, wird Sami die Moderatorin darüber informieren müssen. Während einer weiteren Zuspielung wird er sie bitten, das aktuelle Gespräch in die Länge zu ziehen, um den Ausfall des nächsten Gastes zu kaschieren. Für Sami Gün, den Aufnahmeleiter der Frühstückssendung »Spiegel mit Ei«, sind das ganz alltägliche Probleme und nichts, was ihn weiter aus der Ruhe bringen könnte. Er ist fünfundfünfzig, beleibt, hat mittellanges, grau meliertes Haar und dunkelbraune Augen. Er trägt wie jeden Tag eine schwarze Hose, die – wie jede andere seiner breiten Hosen auch – mindestens zehn Taschen hat. Er gähnt, beißt in einen Mohnstrudel vom Frühstückstisch und denkt an die Warnung seines Hausarztes vor einem drohenden Diabetes. Stark Zuckerhaltiges soll er vermeiden, kann es aber nicht. Vor allem nicht am Set, wo immer ein ganzer Tisch voll mit salzigen und süßen Frühstücksleckereien steht, die er im Übrigen in aller Früh immer selbst vom Bäcker abholt.

»Sami, hast du das schon gesehen?«, flüstert Linda, die Maskenbildnerin, ihm zu. Dabei wirbelt sie mit ihrem Smartphone hin und her: »Schau dir das Video da an!«

»Wir können jetzt doch keine Filme schauen«, flüstert Sami zurück.

»Keine Sorge, ist eh stumm.«

Sami runzelt die Stirn und Linda spielt das Überwachungsvideo von dem Kofferdieb ab.

»Das gibt’s doch nicht!«

Leises Kichern von Linda, dann ihre Vertrauensfrage: »Wer, glaubst du, war’s?«

Sami zuckt mit den Schultern.

Linda: »Sicher einer aus der Buchhaltung.«

»Vielleicht war’s auch jemand aus der Herstellungsleitung«, sagt Sami und denkt dabei an seine Exfrau Astrid. Immerhin befindet sich ihr Büro im selben Gang wie das des CEOs Herrschler. Jetzt bemerkt Sami, dass ihn Linda eingehend und auf einmal ganz ernst ansieht. Sie berührt seine Schulter:

»Ich hab’ auch über ein Jahr gebraucht, um über meinen Exfreund hinwegzukommen.«

Sami würde jetzt gerne länger reden, aber der Setpraktikant taucht neben den beiden auf und hat den letzten Gast der Morgenshow im Schlepptau. Mit einem Handzeichen bedeutet Sami seinem jungen Helfer, den verschlafenen Studiogast in die Garderobe zu führen.

»Das wird schon wieder«, flüstert Linda und erhebt sich, um für heute Früh zum letzten Mal dicke Make-up-Schichten über Blässe und Augenringe zu schminken. In diesem Moment erhält Sami ein E-Mail auf seinem Smartphone, gesendet aus dem Eckbüro der obersten Riege der Firma, vom CEO Ing. Hans Erschler persönlich. Nach Drehschluss solle Sami das Team darüber informieren, dass alle länger bleiben müssen, denn um fünfzehn Uhr seien sie alle zu einem Krisenmeeting geordert. Es handle sich um den gestohlenen Geldkoffer. Sami seufzt, er hat sich schon auf seinen Mittagsschlaf gefreut. Da er, so wie fast das gesamte Team, für die neue Sendung »Ameisenhaufen« arbeitet, ist dieses Meeting höchst wichtig. Sami schickt Fabo los, um Zigaretten, abgepackte Salate, Sandwiches und Energydrinks zu kaufen. Wenn ein Fernsehteam von weiteren, unbezahlten Überstunden erfährt, muss etwas für seinen Schlund bereitstehen, vorausgesetzt der Aufnahmeleiter will weiterleben.

»Bitte, gib dem Team heute wegen des Nachmittagsmeetings Bescheid«, sagt Astrid flüsternd dicht hinter ihm. Sami dreht sich um. Sie ist offenbar unbemerkt und leise, um die Dreharbeiten nicht zu stören, dicht hinter Sami getreten und hat ihm ins Ohr geflüstert. Er inhaliert ihren vertrauten Geruch. Am liebsten würde er sie in den Arm nehmen, stattdessen nickt er nur.

»Sonst irgendwas Schreckliches passiert?«, fragt Astrid.

»Alles gut – bis auf die Sendung«, flüstert Sami. Astrid lächelt.

»Ich muss wieder nach oben. Mein Büro ist ja im selben Gang wie das vom Herrschler, deshalb durchsucht die Polizei gerade jeden Winkel darin ab.«

»Ich hoffe, du hast ein Alibi«, witzelt Sami. »Und hoffentlich kostet mich diese Polizeiaktion nicht noch mehr Zeit. Sie haben mich eh schon eine halbe Stunde lang verhört.«

»Werde ich auch verhört?«

»Ja, ich glaube, alle werden verhört.«

»Vielleicht war’s ja ich.«

»Sami, du würdest nicht einmal einen Karabiner vom Lichtdepartment mitgehen lassen.«

»Wenn du wüsstest, was für eine kriminelle Energie in mir steckt«, säuselt Sami scherzhaft, er will das Gespräch mit Astrid um alles in der Welt am Laufen halten. Doch sie muss – wie immer – weiter.

Einmal mehr spürt Sami diesen Stich. Diesen Stich, wenn Astrid von ihm weggeht. Dabei wünscht er sie während eines Gesprächs meistens weit fort. Irgendwohin, wo er dieses Lächeln nicht mehr sehen muss. Kaum ist sie dann weg, wünscht er sie sich wieder zurück. Er will sie dann an der Hand nehmen, mit ihr in alle Bars und Lokale gehen, in denen sie gemeinsam unglücklich gewesen sind, in denen Astrid wegen ihres Konkurses und Sami wegen Astrid verzweifelt waren. Doch sie würden wohl nie wieder dort sein.

Ein Glück, dass es jetzt Zeit ist, in der Garderobe Dampf zu machen. In zehn Minuten muss der letzte Gast am Set stehen.

3. Kapitel

VORPLATZ AUSSEN/MORGEN

Ein typischer Freitagmorgen: Aus allen Gängen und Tunnel krabbelt es hervor. Mitarbeiter strömen heraus, als hätte jemand versucht, den Bau auszuräuchern, laufen wieder hinein, als gelte es, sich vor einem tobenden Sturm zu schützen. Vor allem jüngere, aber durchaus auch ältere Menschen laufen schreiend, lachend, schimpfend und Kisten schleppend durch Haupt-, Neben- und Notausgänge. Wüsste Jonas nicht, dass jede einzelne ihrer Handlungen einem größeren Ganzen diente und einen Handgriff in einem mächtigen, doch nicht immer greifbaren Universum darstellte, hätte es den Anschein, als hätten ihre unterschiedlichen Beschäftigungen rein gar nichts miteinander zu tun. Dieses größere Ganze ist »MasterTV-Österreich«, eine große Fernsehproduktionsfirma mit festen und freien Mitarbeitern. Die meisten von ihnen müssen häufig an zwei Projekten gleichzeitig arbeiten.

Zwei uniformierte Polizisten und zwei Männer in weißen Schutzanzügen, die wohl zur Spurensicherung gehören, verlassen das Gebäude zwei.

›Bestimmt haben sie sich das Büro vom Herrschler genau angesehen‹, denkt Jonas und schaut zum Fenster des dritten Stocks vom Gebäude zwei zum Fenster des Eckbüros des CEOs. Auch wenn Jonas keine Gestalt am Fenster ausmachen kann, hat er das Gefühl, dass der Master von »MasterTV-Österreich« dort steht und auf seine Mitarbeiter herabblickt.

Der CEO ist ein extremer Mensch. Gerüchte besagen, er sei in grauer Vorzeit mit einer wesentlich älteren, reichen Frau verheiratet gewesen, die er beerbt hätte. Ihr Tod sei ungeklärt geblieben. Mit ihrem Geld hätte er seine eigene Produktionsfirma aufbauen können. Danach sei er von »MasterTV-US« für ihre österreichische Dependance »MasterTV-Österreich« als CEO eingesetzt worden. Ob das stimmte? Keiner vermag es zu sagen. Auch das Internet schweigt zu Herrschlers Curriculum. Sicher ist nur, dass Herrschler tatsächlich eine kleine, eher erfolglose Produktionsfirma besessen hat. Die wahren Gründe für seinen plötzlichen Aufstieg durch den US-amerikanischen Fernsehkonzern liegen also im Dunklen. Man erzählt sich vieles über Herrschler, dabei hat kaum jemand direkt mit ihm zu tun. Er arbeitet ohne Unterlass und verlässt nur selten sein Büro. Nicht einmal zu Neujahr kommt er später als sieben Uhr Früh in die Firma. Jonas hat noch nie auch nur ein einziges Wort persönlich mit Herrschler gewechselt. Vorstellungs- oder gar Personalgespräche führt er grundsätzlich nicht selbst. Manche vertreten sogar die Theorie, dass er Gerüchte und Legenden über sich absichtlich verbreiten lässt, um weiterhin unangreifbar, unbesiegt und unangefochten seine Funktion als CEO bestreiten zu können.

4. Kapitel

VORPLATZ INNEN/MORGEN

Es ist kurz nach neun Uhr vormittags. Auch die notorischen Zuspätkommer sind bereits in ihren Büros verschwunden. Nur Maria Weber, die hagere Redaktionsleiterin – von Josepha heimlich »Weberknecht« getauft –, schleicht am Gang vor den Redaktionsbüros umher. Sie stiehlt wie jeden Vormittag aus der nunmehr verlassenen Kaffeeecke die teuren Espresso-Kapseln. Aber genau deshalb, weil Marias Taschen pünktlich um neun Uhr voller Espresso-Kapseln sind, wird sie sich hüten, in Josephas Büro zu kommen – wie sie es sonst immer ungefragt tut. Das ist gut, denn seit dem Kofferdiebstahl fürchtet Josepha ihre Chefin besonders. Sie hat lange genug in der Branche gearbeitet, um heftige Intrigen so gut zu kennen wie ein Sträfling seine Zelle. Jedoch die Kühnheit dieser neuen Gerüchte lassen sogar die Redakteurin noch staunen. Ein Staunen, das mit der großen Furcht einhergeht, selbst in der einen oder anderen Gesprächsrunde als Täterin genannt zu werden. Anschuldigungen und Verdächtigungen gegen jeden nur erdenklichen Mitarbeiter kursieren bereits. Die Hälfte davon ist natürlich vom Weberknecht höchstpersönlich erfunden worden. Die Auswirkungen solcher Gerüchte kennt Josepha wie keine andere, denn sie ist nicht erst einmal Opfer mittelgroßer Mobbingaktionen gewesen. Dass Maria weiß, dass Josepha als Minderjährige zweimal in Jugendhaft war, trägt zu ihrer prinzipiellen Nervosität bei. Für sie war es ein Segen, dass die Polizei heute Früh jeden einzeln vernommen hat. So hat Josepha nicht vor ihren Kollegen preisgeben müssen, dass ihr Strafregister nicht unbedingt ein unbeschriebenes Blatt ist. Als die Beamten beim Verhör von ihrer Vorgeschichte erfahren haben, wurden sie aufmerksam und haben sich genauer in Josephas Büro umgesehen. Sie musste sogar ihre Fingerabdrücke abgeben. Angeblich mussten Josephas Kollegen das nicht tun, doch zumindest wurde sie nicht auf das Kommissariat eingeladen. Dass Josepha als Eigenbrötlerin gilt, macht die Situation auch nicht besser. Dabei weiß Josepha um ihre Schwerfälligkeit beim Smalltalk, um ihre völlige Unfähigkeit, bei harmlosen Späßen im richtigen Moment zu lachen und um ihre fehlende Schlagfertigkeit.

Eigentlich ist die Fernsehredaktion der völlig falsche Ort für sie. Viel lieber wäre sie Journalistin geworden: Ständig unterwegs zu sein, interessante Menschen zu treffen, tiefgründige Gespräche zu führen und sich zwischendurch sogar in Lebensgefahr zu begeben – das wäre es gewesen! Das Schicksal hat Josepha aber nicht zu einer Zeitung, sondern zu »MasterTV-Österreich« gespült. Sie ist zufällig, fast ungewollt und doch geradewegs in das offene Maul »der Branche« hineingestolpert.

Wie so häufig stehlen Nervosität und Müdigkeit Josepha die Konzentrationsfähigkeit. Ihre seit Wochen andauernden Schlafprobleme machen ihr zu schaffen. Also stellt sie auf ihrem Computer ein beschwingtes Abba-Lied an, das sie auf dem Weg zur Arbeit im Radio gehört hat und das nach einer Strophe von ihrer Tochter Noemi weggeschaltet worden ist. Ihre Laune passt zu dem fröhlichen Lied wie Senf auf einen Gugelhupf.

Verstohlen schleicht Josepha zum Fenster und lässt die Jalousien herunter. Jetzt huscht die Redakteurin im Schutz der Dunkelheit zur Tür und versperrt sie. Josepha schließt die Augen und löst ihr Haarband. Statt des Dutts wallen nun dunkle Locken an ihren Schultern herab. Wie von selbst bewegen sich ihre mageren Arme zum Rhythmus der Musik, ihre schlanken Beine über den Boden, rauscht ihr langes, lockiges Haar durch die Luft. Sie springt, dreht eine Pirouette, noch eine, stößt sich den Fuß an und schreit auf. Nicht einmal der Schmerz holt sie länger als fünf Sekunden aus ihrer Trance. Der ganze Stress liegt vor ihr, ihr schwieriges Privatleben, ihr Unmut im Job – alles ist auf einmal greifbar, doch in diesem Moment ist sie ganz Herrin ihrer verzwickten Lage. Das Lied endet und schon hört sie ein verdächtiges Geräusch am Gang! Die Tür wieder entsperren und das obligatorische »MasterTV-Österreich-Lächeln« aufsetzen! Paranoid läuft Josepha zu ihrem Schreibtisch und würgt das zweite Lied ab, das automatisch folgt. Auffälliges Verhalten wäre angesichts der Geldkofferaffäre fatal.

5. Kapitel

GEBÄUDE ZWEI INNEN/MORGEN

Jonas ist mittlerweile bei der Kaffeeecke angelangt und der erste doppelte Espresso des Tages fließt endlich in seine gelbe Smiley-Tasse. Über der Kaffeemaschine hängt ein Plakat für die neue Sendung »Ameisenhaufen« – das neue Format von »MasterTVÖsterreich«, das sich zum jetzigen Zeitpunkt noch in der Vorbereitungsphase befindet. Es ist ein österreichisches Original, wohingegen alle anderen Formate – sogar »Spiegel mit Ei« – Ableger der U.S.-amerikanischen Mutterfirma »MasterTV-US« sind. Jeder weiß, dass sich Herrschler damit ein Denkmal setzen will. Es ist gemeinhin bekannt, dass er den Ehrgeiz hat, endlich internationale Preise einzuheimsen. »Ameisenhaufen« ist daher auch die einzige Sendung, die dank ihres speziellen Stellenwerts dem CEO direkt unterstellt ist, und zwar ohne einen Show-Producer dazwischen. Es gibt zwar eine Redaktionsleitung, aber auf einen klassischen Producer hat Herrschler verzichtet. Vor vier Monaten wurde folgendes Konzept an Jonas und alle anderen Mitarbeiter verschickt:

AMEISENHAUFEN

Format: Weekly; Family-Game-Show

Zeit: Hauptabend

Länge: 45 Minuten

Logline: »Kinder an die Macht!«

Cast:

Moderatorin: Kokett, neues Gesicht, blond, fesch.

5 Kandidaten: Sympathisch, eher männlich und jung, möglichst hip und modern, am besten solche, die vorher noch nie etwas mit Kindern zu tun hatten.

5 Kindergartengruppen: Je 50 Kinder zwischen 5 und 6 Jahren, bitte auf ethnische Vielfalt achten sowie mindestens auf ein blondes Mädchen. In jeder Folge sollen es neue Kinder sein, außer im Finale, dort sollen nur diejenigen auftreten, die sich als besonders schlimm/lustig/liebenswert/unterhaltsam herauskristallisiert haben. Insgesamt werden also 250 Kinder benötigt. So gibt es beim Finale für die Zuschauer ein Wiedersehen mit ihren Lieblingsrackern.

Folgen: 6 Folgen, wobei die 6. Show die Entscheidungssendung ist, in der zwei Finalisten gegeneinander antreten.

Ablauf: Jeweils einer der fünf Kandidaten muss mit einer immer gleichbleibenden Gruppe von fünfzig Kindern, die von fünf städtischen Kindergärten zur Verfügung gestellt werden, jeweils drei Aufgaben erfüllen. Eine mögliche Aufgabe wäre es beispielsweise, in fünf Minuten mit allen Kindern einen Fruchtsalat zuzubereiten.

Die drei Aufgaben des Kandidaten werden jeweils am Anfang der Folge von ihm selbst gezogen. Am Ende der Folge stimmen die Kinder per Handzeichen ab, ob sie ihren heutigen Kandidaten als Kindergärtner haben wollen oder nicht. Es kommt aber überhaupt erst zur Abstimmung, wenn der Kandidat es schafft, zumindest zwei der drei Aufgaben mit den Kindern erfolgreich zu meistern. Jene zwei Kandidaten, die von den Kindern ins Finale gevotet werden, treten bei der 6. Show gegeneinander an. Schaffen es mehr als zwei Kandidaten ins Finale, entscheiden die Kinder per Schreien via Phonometer, welche zwei es werden sollen. Der Sieger gewinnt eine Million Euro Preisgeld.

Unique Selling Proposition: Kinder sind gnadenlos und genau diese Gnadenlosigkeit wollen wir erstmals erfrischend unterhaltsam auf die Bildfläche bringen. Dieses Mal sind es die Erwachsenen, die die Gunst der Kinder erwerben müssen, um nicht von eben dieser Kindermeute vor laufender Kamera bloßgestellt zu werden.

Dieses Konzept ist von einem österreichischen Privatsender angenommen worden und so in Vorbereitung gegangen. Herrschler hat daraufhin eine Rede vor seinen Mitarbeitern gehalten, fast so, als stünde der Emmy schon auf seinem Trophäenregal. Endlich konnte er vor dem US-amerikanischen Mutterkonzern einen Erfolg verbuchen. Obwohl Jonas Neuigkeiten in der Firma, die ihn nicht direkt betreffen, kaum interessieren, kommt er nicht umhin, von den neuen Entwicklungen der entstehenden Sendung Notiz zu nehmen. Auch er weiß, dass die Kandidaten mittlerweile gecastet sind, dass die Studiodeko bereits gebaut wird und dass endlich genügend Kindergartengruppen zur Verfügung stehen – auch wenn das angeblich eine Ochsentour mit dem Jugendamt gewesen sein soll. Jemand ruf seinen Namen. Jonas dreht sich um und sieht sich zwei Polizisten gegenüber: einem jungen, Solariumgebräunten Beamten sowie einer etwas älteren und wohlgenährten Beamtin.

»Sie sind Herr Gambacher?«, fragt die rundliche Polizistin.

Jonas nickt unsicher.

»Wir haben ein paar Fragen an Sie und würden uns gerne in Ihrem Büro umsehen.«

Jonas fällt das Herz in die Hose. Auch wenn er in Rechtsdingen nicht bewandert ist, weiß er dennoch, dass es nicht legal sein kann, Überwachungskameras zu hacken, um zum persönlichen Zeitvertreib seine Kollegen zu beobachten.

»Wo befindet sich denn Ihr Büro?«

Wie auf einer Hochschaubahn im Prater schlägt sein Magen vor Nervosität einen Salto. Sachte deutet Jonas mit dem Kopf in eine Richtung. Die Polizisten gehen voraus, er ihnen nach. Dabei schwappt der Espresso aus Jonas’ Smiley-Tasse.

»Warum sind die denn alle so nervös?«, kann Jonas den jungen Polizisten seine ältere Kollegin leise fragen hören. Halblaut antwortet sie:

»Wenn du einmal länger im Job bist, verstehst du das sicher.«

6. Kapitel

BÜRO JOSEPHA INNEN/TAG

Eine hagere Gestalt mit langem, dunkelbraun gefärbtem Haar erscheint in Josephas Büro. Es ist Maria, neununddreißig dürre Jahre alt – natürlich ohne vorher angeklopft zu haben, denn sie ist Redaktionsleiterin und muss das täglich beweisen. Eine, die mehr einer Ameisenkönigin, manchmal mehr einer Spinne, konkret einem Weberknecht mit ausgebeulten Taschen von all den gestohlenen Espresso-Kapseln gleicht als einer Redaktionsleiterin. Sie ist relativ weit oben in der Nahrungskette und von einer besonders aggressiven Art: starker Paarungstrieb, grimmige Verteidigung ihrer Position und exzessive Ausreizung ihrer Macht. Angeblich hat sie früher als Model gearbeitet. Ihre meterlangen Beine erinnern an diese frühere Karriere. Josephas Redaktionskollege Kevin zum Beispiel findet Maria unendlich attraktiv und hat bereits alles versucht, um sie ins Bett zu bekommen – erfolglos.

»Hast du da vorher aufgeschrien?«, fragt Maria vordergründig besorgt.

»Ich hab’ mir nur das Bein angestoßen. Sehr lieb, dass du extra herkommst, um dich zu erkundigen«, antwortet Josepha mit einer möglichst neutralen Mimik. Josepha sieht schon das Insert vor sich, das sie bei einer Show als Einblendung am Bildschirm zu Maria schreiben würde:

Maria Weber, liebt Klatschpresse und Gerüchte

Eine ihrer vielen Arbeitskrankheiten ist es nämlich, ihr Gegenüber innerlich mit Inserts – also den bei Sendungen üblichen, eingeblendeten Bauchbinden – zu beschreiben. Eine Angewohnheit, die nach ihrem zweiten Jahr bei »MasterTV-Österreich« und etwa fünfhundert geschriebenen Inserts nicht mehr abzulegen ist.