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Georg Hamann

50 x Wien, wo es Geschichte schrieb

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Inhalt

Vorwort

1 Post aus dem Paradies

Mohrenapotheke, Wipplingerstraße 12

2 Rudolf von Habsburg, der ungeliebte Landesherr

Rudolf-Denkmal, Heeresgeschichtliches Museum

3 Die Pest von 1349

Pestsäule, Graben

4 Das »Malefizspitzbubenhaus«

Mariahilfer Kirche, Barnabitengasse

5 Das Scharlachrennen – woher der Rennweg seinen Namen hat

Rennweg

6 Der Tod eines Bürgermeisters

Am Hof

7 Ulrich Zwingli und die »Artistenfakultät«

Sonnenfelsgasse 19

8 Von Kaspar Tauber zur Familie Jörger: hundert Jahre evangelischer Glaube in Wien

Lutherische Stadtkirche, Dorotheergasse, und Kalvarienbergkirche, St.-Bartholomäus-Platz

9 Das »Sühnhaus« der Büßerinnen

Franziskanerkloster St. Hieronymus, Franziskanerplatz

10 Ein Elefant in Wien

Schloss Kaiserebersdorf

11 Europa wird bunter – Carolus Clusius in Wien

Schloss Neugebäude und Wollzeile 10

12 Das schlechte Gewissen des Fürsten Piccolomini

Servitenkirche, Servitengasse

13 Die Rettung Wiens durch die Türken

Brigittakapelle, Forsthausgasse

14 Über das Streiten vor und nach der Schlacht

Stephansdom: Denkmal zur Türkenbefreiung

15 Makabre Geschichten rund ums Zeughaus

Am Hof 10

16 Ein Zar inkognito – Peter der Große in Wien

Theresianum, Favoritenstraße

17 Ignaz Parhamer, der »Pater Kindergeneral«

Waisenhauskirche, Rennweg

18 Die Trinitarier und das bewegte Leben der Anna Maria Königin

Franz-von-Assisi-Kirche, Mexikoplatz

19 Der Doktor und die Vampire

Augustinerkirche, Augustinerstraße

20 Die Österreicher erobern Berlin

Hadikgasse

21 Blutige Spektakel im Hetztheater

Hetzgasse 2

22 Musik im Augarten – das »Saalgebäude«

Café Restaurant Augarten, Obere Augartenstraße

23 Lorenzo da Ponte und die Gefahren der Liebe

Tiefer Graben/Ecke Heidenschuss

24 Maria Theresia Paradis und der »Wunderheiler« Franz Anton Mesmer

Rasumofskygasse 29

25 Der Rabenstein in der Rossau – Josef II. und die Todesstrafe

Schlickplatz

26 Andreas von Riedel und die »Jakobinerverschwörung«

Schwertgasse 3

27 Rhigas Pheraios und der Kampf um die Freiheit Griechenlands

Rotenturmstraße 21

28 Der Fahnentumult

Wallnerstraße 8

29 Das gescheiterte Attentat auf Napoleon

Schloss Schönbrunn

30 Schillers Freund und Beethovens Vertraute: das Künstlerehepaar Andreas Streicher und Nanette Stein

Ungargasse 27 und 46

31 Die Ludlamshöhle

Graben 30

32 Balzac in Wien

Landstraßer Hauptstraße 31

33 Auf den Spuren Hans Christian Andersens

Naglergasse 12

34 Robert Blum und das Ende der Revolution

Gedenkstein, Währinger Park

35 August Zang und die Gründung der Presse

Johannesgasse 7 und Zentralfriedhof

36 Die Geister der Villa Wertheimstein

Döblinger Hauptstraße 96

37 Sachsen und Hannoveraner in Wien – auf den Spuren der Verbündeten von 1866

Sachsenplatz, Hannovermarkt & Co.

38 Julius Payer – ein Polarforscher als Maler

Gusshausstraße 25

39 Der Streit um die päpstliche Unfehlbarkeit

Altkatholische Kirche, Salvatorgasse

40 Der König von Hawaii in Wien

Hotel Imperial, Kärntner Ring

41 Die Familie Drory und die Geschichte der Gasbeleuchtung

Palais Epstein, Dr.-Karl-Renner-Ring

42 Das »Erweckungserlebnis« des Alfred Hermann Fried

Künstlerhaus, Karlsplatz

43 Emil Holubs afrikanische Visionen

Zentralfriedhof

44 Zwei Erzherzöge und die Geister

Dr.-Karl-Lueger-Platz 2

45 Schani Breitwieser, der »König von Meidling«

Wiener Kriminalmuseum, Große Sperlgasse 24

46 Karl Wilhelm Diefenbach, der »Kohlrabi-Apostel«

Himmelhof, Ober St. Veit

47 Mark Twain, der (un)geliebte Gast aus Amerika

Hotel Métropole, Morzinplatz

48 Karl May im »Reich der Edelmenschen«

Sophiensaal, Marxergasse

49 Der »Wehrmann in Eisen«

Felderstraße 6–8, Arkaden Ecke Rathausstraße

50 Das Attentat auf Hugo Bettauer

Lange Gasse 7

Ausgewählte Literatur

Personenregister

Vorwort

Auf spannende und interessante Geschichten zu stoßen, ist in Wien nicht weiter schwierig. Es reicht schon, wenn man aufmerksam und neugierig durch die Stadt spaziert und auf die Denkmäler und Erinnerungstafeln achtet, die in großer Zahl zu finden sind. Auch ein ungewöhnlicher Straßenname kann Geschichte erzählen, ein Grabstein, ein Firmenschild, ein unscheinbares Gemälde in einer Kirche oder ein auf den ersten Blick wenig spektakuläres Ausstellungsobjekt in einem Museum.

Dieses Buch führt an solche Orte und spürt die Geschichten auf, die mit ihnen verbunden sind. In 50 Kapiteln werden sie erzählt, chronologisch vom Hochmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Die Wien-Karten am Beginn und Ende des Buches zeigen die Handlungsorte, wobei die vordere Karte jene im ersten Bezirk, die hintere Karte alle übrigen enthält.

Diese Adressen im Titel jedes Kapitels dienen lediglich als »Aufhänger« für die Geschichten, denn über kunst- und architekturhistorische Details der erwähnten Häuser, Kirchen, Denkmäler und Palais wird im Regelfall nicht viel berichtet. Sie sind auch nicht das Wichtigste, denn lohnenswert erscheint vielmehr die Beschäftigung mit den Menschen, die an jenen Orten gelebt und gewirkt oder auf andere Weise ihre Spuren hinterlassen haben.

Die Auswahl der behandelten Themen war keineswegs einfach, denn für jede einzelne Geschichte, die erzählt wird, mussten mindestens drei andere zur Seite geschoben werden. Viele von ihnen sind im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten, zu Unrecht, wie so manch spannende Entdeckung zeigt: Es sind tragische, kuriose, oft unglaubliche Lebensschicksale, die uns begegnen, wie zum Beispiel jenes der Sklavin Anna Maria Königin, des »Anti-Spiritisten« George Homes oder des verhinderten Napoleon-Attentäters Friedrich Staps. Auch von berühmten Wien-Besuchern wird erzählt, von Hans Christian Andersen etwa, von Zar Peter I., Kalakaua, dem König von Hawaii, und vielen anderen. Kurz: Eine bunte Vielfalt an Persönlichkeiten und Ereignissen bereichert die Geschichte Wiens quer durch die Jahrhunderte, und aus dieser Fülle kann das vorliegende Buch schöpfen.

image Post aus dem Paradies

Mohrenapotheke, Wipplingerstraße 12

Selbst im frommen Mittelalter, zu einer Zeit also, da Gott im Leben der Menschen allgegenwärtig schien, war es keineswegs selbstverständlich, einen Brief aus dem Paradies zu erhalten. Genau genommen stammte das Schreiben, das Mitte des 12. Jahrhunderts erstmals öffentlich bekannt wurde, nicht direkt aus dem Paradies, aber aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Wundersam schien es in jenem sagenhaften Land allemal zuzugehen.

Empfänger des Briefes war der damalige byzantinische Kaiser Manuel I., als Absender schien ein gewisser Johannes Presbyter auf, der als »Priesterkönig Johannes« zum Mythos wurde. Heute weiß man, dass es sich bei diesem ominösen Schreiben um den Bericht aus einem Phantasieland handelte, eine geschickte Fälschung, vermutlich verfasst von einem hochgebildeten deutschen Kleriker. Damals jedoch, zur Zeit der Kreuzzüge, wollte man nur zu gerne an die Existenz dieses Priesterkönigs und seines Reichs glauben. Zu verlockend waren die dortigen Zustände, zu schön, um nicht daran glauben zu wollen: Johannes sei ein Nachkomme des biblischen Königs Salomo und der Königin von Saba. Seine Paläste bestünden aus Gold und Edelsteinen, seine Untertanen kennten weder Hunger noch Verbrechen. Was aber das Wichtigste war: Johannes sei Christ und er stehe mit seinen Hunderttausenden Soldaten bereit, die Europäer in ihrem Kampf gegen die »ungläubigen« Muslime im Heiligen Land zu unterstützen.

In unzähligen Abschriften verbreitete sich dieser Brief bald in ganz Europa, und Päpste und Monarchen sandten daraufhin Expeditionen aus, um das geheimnisvolle Land zu suchen, in Indien, in China, in Persien. Ab dem 14. Jahrhundert verlagerte sich die Suche nach Afrika, präzise gesagt nach Äthiopien, das damals tatsächlich von einem christlichen Herrscher regiert wurde. Alles war jedoch vergeblich: Der legendenumwobene Priesterkönig und sein Land blieben reine Chimäre.

Der Brief jedoch wurde weiterhin in Abschriften verbreitet, versehen mit diversen Einleitungen, Rahmenhandlungen und Illustrationen. Ab dem 16. Jahrhundert wurde er nicht mehr nur händisch abgeschrieben, sondern – dank der Erfindung Johannes Gutenbergs – in großer Zahl gedruckt. Man konnte mittlerweile zwar nicht mehr ernsthaft an die Existenz des mythischen Landes glauben, immerhin war die Entdeckung, Eroberung und Erschließung der Welt durch die Europäer schon zu weit vorangeschritten. Aber findige Geschäftsleute machten sich völlig legitim einige Details aus dem berühmten Bericht zunutze: War darin nicht auch die Rede von einem großen Fluss, der direkt dem Garten Eden entspringe? Wer von seinem Wasser trinke, so hieß es, könne Unsterblichkeit erlangen. Gab es dort nicht auch wundersame Steine, mit denen man sämtliche Krankheiten kurieren könne? War das Land nicht auch im fernen Äthiopien gesucht worden, dem Land der »Mohren«?

Tatsache ist jedenfalls, dass Apotheker im gesamten deutschsprachigen Raum ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihre Geschäfte mit dem Bild des »Mohren« schmückten. Neben der Wiener Mohrenapotheke gab beziehungsweise gibt es eine in Krems, Graz, München, Berlin, Bayreuth, Breslau, Brieg/Schlesien, Kulmbach/Oberfranken und viele mehr.

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Die Wiener Mohrenapotheke um 1900

Zudem setzte ab dem Hochmittelalter die Verehrung der Heiligen Drei Könige ein (1164 waren ihre angeblichen Gebeine aus dem Heiligen Land in den Kölner Dom überführt worden). Zwar werden sie in der Bibel bloß die »Weisen aus dem Morgenlande« genannt und keine näheren Angaben zu ihrer Anzahl, ihrer genauen Herkunft, ihren Namen und ihrem »königlichen« Stand gegeben, im Laufe der Zeit jedoch sah man in ihnen die Vertreter der damals bekannten Erdteile (Europa, Asien und Afrika), die Jesus, dem neugeborenen »König der Könige«, in Bethlehem ihre Reverenz erwiesen hatten. Da in der Bibel nur Gold, Myrrhe und Weihrauch als Geschenke erwähnt werden, fixierte man die Zahl dieser vornehmen Besucher auf drei.

Schließlich setzte man sie auch mit den drei Lebensaltern gleich, wobei in der christlichen Ikonographie Asien zumeist durch einen Greis, Europa durch einen Mann »in den besten Jahren« und Afrika durch einen Jüngling dargestellt wurde. Letzterem wurde schließlich nachgesagt, die Myrrhe als Geschenk mitgebracht zu haben. Das wohlduftende Harz des gleichnamigen Baums galt seit jeher nicht nur als Räuchermittel und Parfum, sondern auch als Arzneimittel, dessen Anwendung von mehreren antiken Gelehrten erwähnt und beschrieben wird.

Ein gesunder, jugendlicher Afrikaner, der aus seiner Heimat wirksame Medizin mitbrachte – auch das dürfte dem Wiener Apotheker als »Qualitätszeichen« gefallen haben und all seinen Kollegen, die ihre Geschäfte mit dem »Mohren« schmückten.

Die Mohrenapotheke gehört jedenfalls zu den drei ältesten Apotheken Wiens und ist – damals noch unter anderem Namen – seit 1350 bekannt. Ab 1588 hieß sie »in signum aethiopis«, später »ad nigrum hominem« (»Zum schwarzen Mann«) und dann »Zum Äthiopier«. Ihr Standort wechselte im Laufe der Jahrhunderte mehrmals, bevor sie 1906 in die Wipplingerstraße einzog. Und wie vor Hunderten Jahren ist im Schaufenster die Figur eines afrikanischen Jünglings vor paradiesischer Landschaft zu sehen.

image Rudolf von Habsburg, der ungeliebte Landesherr

Rudolf-Denkmal, Heeresgeschichtliches Museum

So sehr die berühmten Worte »Bella gerant alii, tu felix Austria nube« (»Die Kriege mögen andere führen, du, glückliches Österreich, heirate«) später manches Mal zutrafen, so wenig passten sie auf das 13. Jahrhundert. Rudolf von Habsburg musste als 60-Jähriger noch persönlich mit dem Schwert ins Feld ziehen, um jenes Territorium zu erobern, auf dem seine Nachfolger eine Großmacht errichten sollten.

Über ihn, den Stammvater der österreichischen Habsburger, ist so vieles überliefert worden, dass es schwer ist, sich ein Bild von ihm zu machen. Dutzende Legenden und Anekdoten wurden schon zu seinen Lebzeiten als glorifizierende Propaganda verbreitet, und noch bis weit ins 19. Jahrhundert schrieben ihm wohlwollende Historiker sämtliche Eigenschaften zu, über die ein idealer Regent verfügen sollte: Klug sei er gewesen, weise, gerecht, mutig, volksnah und fromm. Sein Biograf, der berühmte Historiker Oswald Redlich, meinte im Jahr 1903: »Es ist ein helles Bild fast ohne Schatten, das die volkstümliche Überlieferung von Rudolf von Habsburg gestaltet hat. Ein helles Bild, doch ein etwas, man könnte sagen, allzu bescheidenes und idyllisches und ein engbeschränktes Bild, … auch ohne die Härten und ohne die Mißerfolge der geschichtlichen Wirklichkeit.«

Die »Härten« gab es zweifellos in Rudolfs Leben. 1273 zum römischdeutschen König gewählt, oblag es ihm, dem Heiligen Römischen Reich wieder zu Stabilität zu verhelfen. Er war zum Zeitpunkt seiner Wahl aber keineswegs der »arme Graf« oder das »kleine Lichtlein aus Schwaben«, wie oft behauptet wurde, sondern der mächtigste Herr im deutschen Südwesten, mit ausgedehnten Besitzungen zwischen Bodensee und den Vogesen. »Klein« war er bloß im Vergleich zu seinem Konkurrenten, dem noch viel reicheren, ehrgeizigen Ottokar II. Přemysl, der selbst gerne zum König im Reich gewählt worden wäre.

Ottokar war König von Böhmen, Herzog von Österreich, der Steiermark, Kärntens und der Krain. Da er sich Rudolf nicht beugen wollte, verhängte dieser die Reichsacht über ihn, was einer Kriegserklärung gleichkam. Während Ottokar noch seine Truppen sammelte und einen Angriff in Böhmen erwartete, zog Rudolf jedoch nach Wien. Es war Oktober 1276. Es kam zur ersten Konfrontation mit jener Stadt, deren Bewohner noch lange brauchen sollten, bis sie die Habsburgerherrschaft akzeptierten.

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Rudolf von Habsburg vor dem Leichnam Ottokars nach der Schlacht bei Dürnkrut

Große Teile der Stadtbevölkerung sahen nämlich keinen Grund, sich dem unbekannten, fremden König, dem »Zugereisten« aus dem fernen Westen, so einfach zu unterwerfen. Im Gegenteil: Unter Ottokars Herrschaft hatten die Wiener, vor allem die Patrizier, ein sehr behagliches Leben geführt, die Stadt war mit reichen Privilegien ausgestattet worden, es herrschten Frieden und Wohlstand, der Handel blühte. Hier stand man klar auf der Seite des Böhmenkönigs.

Rudolf verlangte die Öffnung der Tore, andernfalls würde er die Weingärten vor der Stadt verwüsten lassen, er verhängte die Reichsacht über Wien, begann mit der Belagerung. Wochenlang hielten die Wiener dem Habsburger stand, weil aber die Lebensmittel knapp wurden und von Ottokars Entsatzarmee immer noch nichts zu sehen war, musste man schließlich einlenken. Der Widerstand war vorerst gebrochen.

Als er nun endlich eintraf, erkannte auch König Ottokar, dass er gegen den Rivalen nicht bestehen konnte, trafen auf dessen Seite doch immer neue Truppen ein. Zähneknirschend musste er sich unterwerfen, auf Österreich verzichten, Rudolf als König anerkennen und – zu seiner großen Schmach – ausgerechnet von diesem seine Länder Böhmen und Mähren als Lehen empfangen. Er soll, so lautet eine der vielen Legenden, darum gebeten haben, die Belehnungszeremonie in einem geschlossenen Zelt abzuhalten, sodass weder Rudolfs noch seine eigenen Gefolgsleute seinen Kniefall sehen konnten. Rudolf ging darauf ein, ließ jedoch, just in jenem Moment, da Ottokar vor ihm kniete, die Zeltwände öffnen, um den Widersacher in seiner demütigen Pose zur Schau zu stellen (so die ursprüngliche Version der Legende, die historisch wohlgemerkt nicht zu verifizieren ist, in abgewandelter Form jedoch Jahrhunderte später in Grillparzers König Ottokars Glück und Ende ihren Niederschlag fand).

Auch über eine zweite, subtilere Demütigung Ottokars wird berichtet: Während dieser nämlich in prächtigem Ornat zur Belehnung erschien, nahm Rudolf, in ein schlichtes, graues Wams gekleidet, auf einem Holzschemel Platz. Vor dem bislang verlachten »armen Grafen« hatte der stolze Böhmenkönig nun zu knien!

Auch wenn diese Geschichten übertrieben oder gar erfunden gewesen sein sollten, so war doch klar, dass zwischen den beiden Männern das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Die Feindschaft dauerte an.

Bevor es aber zum neuerlichen Konflikt kam, musste Rudolf die widerspenstigen Wiener zur Räson bringen: Im Frühjahr 1278 flog eine geplante Verschwörung mehrerer Patrizier gegen den Habsburger auf, an ihrer Spitze standen Paltram (mit dem Beinamen »vor dem Freithof«) und Heinrich von Kuenring, Ottokars Schwiegersohn. Der Aufstand konnte im Keim erstickt werden, der Unmut schwelte jedoch weiter. Gerade die Kuenringer sollten noch lange im Widerstand aktiv sein, weshalb sie in der habsburgisch geprägten Geschichtsschreibung schlecht wegkamen und Jahrhunderte hindurch als »Raubritter« diffamiert wurden.

Im August 1278 marschierte Ottokar abermals in Niederösterreich ein, um seinen Widersacher herauszufordern und seine verlorenen Länder wieder in Besitz zu nehmen. Im Marchfeld, zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen, fand die berühmte Entscheidungsschlacht statt.

Dass Rudolfs Truppen den Sieg davontrugen, ist bekannt, wie sie aber siegten, sorgte damals für einige Irritationen – und zwar bei Freund und Feind! Der Habsburger hielt nämlich einen Teil seiner Reiter in den Weinbergen versteckt und ließ sie während der Schlacht plötzlich von der Seite, aus dem Hinterhalt, Ottokars Armee angreifen. Heute würde man das freilich als kluge Taktik bezeichnen, damals jedoch verstieß eine so »hinterlistige« Art des Kämpfens eindeutig gegen den Ehrenkodex eines anständigen Ritters, weshalb Rudolf große Schwierigkeiten gehabt hatte, überhaupt Kommandeure für diese Truppe zu finden. Ulrich von Kapellen und Konrad von Sumerau, die den Auftrag schließlich schweren Herzens annahmen, fühlten sich sogar bemüßigt, sich bei ihren ritterlichen Kameraden für den Einsatz zu entschuldigen!

Zweiter Wermutstropfen war die Art und Weise, wie man mit König Ottokar verfuhr. Er wurde nicht etwa gefangen genommen und gegen hohes Lösegeld wieder freigelassen (wie es üblich gewesen wäre) – nein, einige österreichische Ritter rissen den bereits Verwundeten vom Pferd und ermordeten ihn.

Auf zahlreichen historisierenden Darstellungen ist König Rudolf zu sehen, der dem toten Feind die letzte Ehre erweist. Tatsächlich ließ er dessen einbalsamierten Leichnam ganze 30 Wochen in der Wiener Minoritenkirche aufbahren, bevor man ihn den Böhmen zur Bestattung überließ. Das war zweifellos Zeichen des Respekts, aber eben auch Zeichen des Triumphs, konnte und sollte doch jeder sehen, wer aus dem Krieg siegreich hervorgegangen war – und wer darin den Tod gefunden hatte.

König Rudolf starb 1291 im Alter von 73 Jahren in Speyer, wo er auch begraben liegt. Seine Nachkommen hatten es zunächst nicht leicht, gegen die antihabsburgische Stimmung in Österreich zu regieren, doch bekanntlich legte sich der Widerstand in späteren Zeiten. Die »zugereisten« Schwaben wurden schließlich zu Einheimischen, die mehr als ein halbes Jahrtausend österreichischer Geschichte maßgeblich prägen sollten. Stammvater Rudolf wurde mit zahlreichen Denkmälern gewürdigt, darunter jenem in der Feldherrenhalle des Heeresgeschichtlichen Museums.

image Die Pest von 1349

Pestsäule, Graben

»Vienna ventosa aut venenosa«, hieß es im Mittelater: »In Wien herrscht entweder der Wind oder eine Seuche.« Tatsächlich sollte es bis weit in die Neuzeit kaum eine Generation von Wienern geben, die von furchtbaren Epidemien oder Pandemien verschont blieb, wie etwa der Ruhr, der Cholera, dem Typhus oder den Pocken. Am gefürchtetsten aber war stets die Pest.

Es begann im Jahr 1347: Ein halbes Jahrtausend war damals bereits vergangen, seitdem in Europa der letzte Pesttote begraben worden war, und nun kehrte die Krankheit plötzlich wieder, schlimmer und verheerender denn je zuvor. Über Handelswege aus Asien und über die Häfen des Mittelmeeres wurden die Erreger eingeschleppt, die sich binnen Monaten über den ganzen Kontinent ausbreiteten, von Haus zu Haus und von einem Bauernhof zum nächsten. 1348 waren weite Teile Italiens, Frankreichs, Spaniens und Englands sowie Kärnten und die Steiermark betroffen, Anfang 1349 wurden die ersten Fälle in Ungarn bekannt und kurz darauf, zu Ostern, erreichte die Krankheit Niederösterreich und Wien.

Sie traf hier auf eine Bevölkerung, die in den Jahren zuvor viel durchgemacht hatte: Eine gewaltige Heuschreckenplage und mehrere Überschwemmungen waren für Missernten und Hungersnot verantwortlich gewesen, dazu kam im Jahr 1348 das schlimmste Erdbeben, das Österreich jemals heimsuchte. Viele Menschen waren geschwächt und hatten keine Widerstandskräfte mehr – doch selbst die Gesündesten konnten dem Angriff der Pestbazillen nichts entgegensetzen.

Die aus heutiger Sicht katastrophalen Wohnverhältnisse in Wien (und allen anderen Städten jener Zeit) waren der raschen Ausbreitung der Krankheit in höchstem Maße förderlich. In den engen Gassen lagen Kot und Abfälle knöcheltief, dazwischen liefen Schweine, Hunde und Geflügel herum – und natürlich Abertausende Ratten, deren Flöhe den Pesterreger auf die Menschen übertrugen.

Mit plötzlich auftretendem, hohem Fieber begann die Krankheit, dazu kamen Schüttelfrost und Gliederschmerzen, bald zeigten sich unter der Achsel, am Hals oder in der Leistengegend eitrige, schmerzhafte Beulen, oft auch dunkle Flecken auf der Haut, woher die Bezeichnung »Schwarzer Tod« stammt. Bei manchen Menschen griff die Krankheit auf die Lunge über und wurde durch blutigen Auswurf und Tröpfcheninfektion noch schneller verbreitet. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines an der Lungenpest erkrankten Menschen betrug nur wenige Tage, die Wahrscheinlichkeit, sie zu überleben, lag bei etwa fünf Prozent.

Wer konnte, verließ fluchtartig die Stadt, auch der Landesherr, Herzog Albrecht II., zog sich eilig nach Purkersdorf zurück.

In Wien herrschten nun die Pestknechte, meist eilig aus der Haft entlassene Verbrecher, die gegen hohes Entgelt für Ordnung zu sorgen und die Toten zu bestatten hatten. Sie waren nicht zimperlich; so wird berichtet, dass sie nicht selten plünderten und die Bevölkerung drangsalierten. Ihre Vorgaben waren dennoch streng: Alle Erkrankten sollten möglichst schnell in eines der Siechenhäuser außerhalb der Stadtmauern gebracht werden, wie etwa nach St. Marx oder in das Pestlazarett auf der heutigen Währinger Straße. Wer sich weigerte, sein Haus zu verlassen, wurde darin eingemauert. Um dieser Gefahr zu entgehen, verschwiegen viele Familien, von der Krankheit betroffen zu sein, und legten nachts ihre Toten einfach auf der Straße ab.

Die regulären Spitäler Wiens waren mit der Situation heillos überfordert, und das dortige Personal (sofern es überhaupt noch da war) überließ die Sterbenden meist ihrem Schicksal. Die meisten studierten Mediziner hatten fluchtartig die Stadt verlassen, nur die einfachen Wundärzte waren geblieben. Dazu muss gesagt werden, dass weder die einen noch die anderen eine Möglichkeit sahen, der Katastrophe Herr zu werden.

Noch längst nicht wusste man nämlich von Bazillen und von der Übertragung durch Flöhe oder durch Husten. Eine ungünstige Sternenkonstellation sei verantwortlich für die Pest, so glaubte man vielerorts, und meist wurde die Seuche als direkte Strafe Gottes für das sündige, unsittliche Leben der Menschen verstanden. Wer, wie die hochgebildeten Mediziner, in »wissenschaftlichen« Kategorien dachte, musste sich an die tradierten Schriften der antiken Gelehrten halten, wonach Krankheiten durch vergiftete Luft entstanden, durch »Miasmen«, also üble Dünste. Durch die Haut, so hatten es die Ärzte gelernt, dränge das Pestgift in die inneren Organe und müsse durch Abführmittel oder Aderlass zum Abfließen gebracht werden.

Wenn man die Kranken in Siechenhäusern zu isolieren versuchte, so tat man das nicht etwa, um Ansteckung durch Tröpfcheninfektion und Auswurf zu vermeiden, sondern um sich vor deren »Ausdünstungen« zu schützen. Man beseitigte auch nicht den Abfall in den Höfen, Häusern und Straßen, der den Ratten als Nahrung und Brutstätte diente, sondern bekämpfte bloß den Gestank, der von dort ausging. Durch das Verbrennen von wohlriechenden Hölzern, Kräutern und Harzen hoffte man, die Luft reinigen zu können (die Feuer boten jedoch höchstens den Vorteil, dass die Ratten sich nicht näherten).

An Medizin gab es nichts, das half. Ärzte empfahlen Kräutertinkturen, Priestersalz (gebranntes Salz mit Kräutern vermischt) oder »Theriak«, das seit der Antike bekannte, vermeintliche Heilmittel gegen Gifte aller Art, ebenfalls aus Kräutern bestehend und teilweise mit Opium vermischt. Auch Diäten und Schwitzkuren wurden verordnet und der reichlich seltsam anmutende Rat gegeben, man möge Traurigkeit und Aufregungen vermeiden.

Wenn gar nichts mehr half, wurde gebetet: Zeitgleich mit der Pest trat die religiöse Sekte der Flagellanten auf, die »Geißler«, die kreuz und quer durch Europa zogen, um die Menschen zu tätiger Buße aufzurufen. Gnade und göttlichen Schutz, so proklamierten sie, könnten nur jene erlangen, die sich durch erlebten Schmerz in die Nachfolge Christi begaben. Egon Friedell nannte sie in seiner berühmten Kulturgeschichte der Neuzeit eine »Parallelepidemie«, eine »grauenhafte Lawine von Fanatikern, Irrsinnigen und Verbrechern«.

Auch nach Wien kam diese unheimliche Prozession. Hunderte Flagellanten zogen auf die Marktplätze und in die Kirchen der Stadt, um dort öffentlich ihre nackten Oberkörper bis aufs Blut zu geißeln. Dazu sangen sie »Christus war gelabt mit Gallen, Deß sollen in ein Kreuz wir fallen«, umringt von einer hysterischen Menge, die den Weltuntergang nahe glaubte.

Es liegt auf der Hand, dass viele Menschen in ihrer verzweifelten Situation nach Sündenböcken suchten, nach Schuldigen für die vermeintliche Heimsuchung Gottes – und wie so oft in der abendländischen Geschichte traf es die Juden. So wie fast überall in Europa kamen auch in Österreich Gräuelgeschichten auf, diese hätten die Brunnen vergiftet und so die Pest unter die Menschen gebracht, und diese Schauermärchen verbreiteten sich fast noch schneller als die Krankheit selbst. In Krems, Mautern und Mödling kam es zu blutigen Pogromen, bei denen Hunderte Juden dem christlichen Mob zum Opfer fielen. In Wien konnten ähnliche Massaker nur durch entschlossene Drohungen Herzog Albrechts verhindert werden.

Auch die Flagellanten beteiligten sich an den Morden, überhaupt waren sie in ihrem apokalyptischen Erweckungseifer immer radikaler und aggressiver geworden. Dem damaligen Papst Clemens VI. erschien ihr Treiben jedenfalls bald nicht mehr geheuer, weshalb er den Kirchenbann über sie verhängte und sie als Häretiker verurteilte.

Der »Schwarze Tod« wütete noch bis 1353 in ganz Europa und hinterließ menschenleere Dörfer, unbestellte Felder und fast entvölkerte Städte. Rund 25 Millionen Menschen erlagen der Pest, was einem Viertel der europäischen Gesamtbevölkerung entsprach. Auch in Wien gab es kaum eine Familie, die verschont geblieben war.

Dabei war dies erst der Beginn: Ab nun sollte die Pest immer wiederkehren, alle paar Jahre oder Jahrzehnte, bis zu den beiden letzten großen Pandemien, die 1679 und 1713 auch in Österreich wüteten. Die Pestsäule am Graben beziehungsweise die Karlskirche erinnern an sie.

Doch die letzten drei Pesttoten Wiens waren nicht etwa in der Barockzeit zu beklagen, sondern im Herbst 1898! Ein paar Ärzte waren damals im Auftrag der Akademie der Wissenschaften nach Indien gereist, um Pesterreger für Untersuchungen nach Wien zu bringen. Hier infizierte sich der Institutsdiener Franz Barisch bei der Fütterung von Versuchstieren und starb drei Tage später. Zuvor hatte er die junge Krankenschwester Albine Pecha angesteckt, die im Kaiser-Franz-Josef-Spital nun vom Pestexperten Dr. Hermann Franz Müller behandelt wurde. Trotz größter Sicherheitsvorkehrungen zeigten sich auch bei ihm bald die untrüglichen Symptome der Krankheit.

Ganz Wien befand sich durch die reißerischen Presseberichte in Unruhe, Pestbaracken wurden errichtet, so mancher Bewohner stellte sich auf ein neuerliches Massensterben ein. Doch mittlerweile war ein erstes, wirksames Pestserum entwickelt worden, das aber erst in aller Eile aus Frankreich herbeigeschafft werden musste.

Für Albine Pecha und Hermann Müller kam es zu spät. Müller, der in sicherer Erwartung seines baldigen Todes eine Behandlung durch Kollegen ablehnte, dokumentierte sein Sterben in der Isolierabteilung selbst, schrieb einen Abschiedsbrief an seine Familie und setzte sich schließlich eine tödliche Dosis Morphium. Im Hof 8 des Alten AKH erinnert ein Denkmal an ihn.

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Ein Theriakhändler preist die Wirksamkeit seines Mittels gegen Gifte aller Art an, Darstellung aus dem 17. Jahrhundert

image Das »Malefizspitzbubenhaus«

Mariahilfer Kirche, Barnabitengasse

In der Rauhensteingasse stand bis ins späte 18. Jahrhundert ein düsteres Gebäude mit schweren, eisenbeschlagenen Toren und vergitterten Fenstern, ein Haus, das, so Wilhelm Kisch, »den finstern Geist der Unduldsamkeit und Grausamkeit« vergangener Zeiten verkörperte. Es war das »Amtshaus« von Wien, und so harmlos dieser Name heute auch klingt, so unbehaglich muss manchem früher bei seiner Erwähnung zumute gewesen sein. Seit dem Jahr 1368 war hier nämlich das Hauptgefängnis der Stadt untergebracht, auch »Schergenhaus«und später »Malefizspitzbubenhaus« (von lat. maleficus = Übeltäter) genannt.

Allerdings war ein mittelalterliches Gefängnis etwas anderes als heutzutage, wurde es doch zumeist nur zur Verwahrung eines Angeklagten während des Strafprozesses verwendet. Langjährige Haftstrafen, so wie wir sie kennen, waren bis weit in die Neuzeit eher selten und wurden höchstens über Kriegsgefangene und politische Häftlinge verhängt, die aber nicht in der Rauhensteingasse, sondern im Kärntner Turm eingesperrt wurden (wo heute das Hotel Sacher steht).

Im Regelfall setzte es vielmehr Ehren- oder Leibesstrafen, zum Beispiel Prangerstehen, Auspeitschen oder Brandmarken, und bei schwereren Verbrechen die Todesstrafe. Diese konnte aber nur dann verhängt werden, wenn ein formelles Geständnis des Angeklagten vorlag. Wenn es nicht aus freien Stücken abgelegt wurde, so half man nach. Das Schergenhaus war ebenjener Ort, an dem bis ins Jahr 1776 die »peinliche Befragung« durchgeführt wurde. In den weitläufigen, unterirdischen Gewölben befanden sich nicht nur die lichtlosen Gefängniszellen, sondern auch die Folterkammern des alten Wien.

Es erscheint heute grotesk, aber in einer Zeit tiefer Gottesfurcht und hysterischen Teufelsglaubens war die Folter sowohl den weltlichen als auch den kirchlichen Autoritäten einzige Waffe zur »Wahrheitsfindung«. In der damaligen Vorstellung existierte »das Böse« tatsächlich, es lauerte überall, um die Menschen zu befallen, sie in Versuchung zu führen und zu Verbrechen anzustiften. Dieses Böse musste mit allen Mitteln bezwungen werden, und die Folter sollte gewissermaßen dazu dienen, den sündigen Menschen von seiner Verstocktheit zu befreien und ihn – nach erfolgtem Geständnis – der Gnade Gottes zuführen zu können. Nach dem Historiker Richard van Dülmen wurde die peinliche Befragung »zum entscheidenden Instrument des Kampfes gegen den Satan«.

Sie wurde keineswegs leichtfertig verhängt und unterlag strengen Regeln. Erst wenn die Schuld eines Angeklagten durch Indizien oder Zeugenaussagen so gut wie bewiesen schien, trat der Freimann (also der Scharfrichter) in Aktion. Oft reichte freilich bereits die Androhung der Folter oder die Präsentation der Folterinstrumente aus, um ein Geständnis zu erreichen.

Es ist auffallend, dass vor allem Männer und Frauen aus ärmeren sozialen Schichten oder auch Ortsfremde der Tortur unterzogen wur den sowie Menschen, die über keinen guten Leumund verfügten. Angesehene Bürger oder gar Adelige wurden zumeist milder behandelt.

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Das Amtshaus in der Rauhensteingasse mit der Kreuzigungsgruppe (rechts), gegenüber das alte Himmelpfortkloster

Es war sehr selten, aber dennoch möglich, dass ein Delinquent alle Stufen der Folter durchlitt, ohne ein Geständnis abzulegen. In diesem Fall – so sah es das Gesetz vor – galt er als unschuldig und wurde freigelassen. Eine Entschädigung für die überstandenen Qualen gab es nicht, vielmehr musste er, der an Körper und Seele Gezeichnete, die Stadt verlassen und feierlich schwören, nie zurückzukehren und keine Rache zu nehmen. Der Grund für die Vertreibung liegt auf der Hand: Durch den körperlichen Kontakt mit dem Scharfrichter, der während der Folter zwangsläufig hergestellt wurde, hatte der Delinquent seine Ehre verloren. Eine Rückkehr ins normale Leben war somit ausgeschlossen.

Die Ehre eines Menschen hatte in früheren Jahrhunderten schließlich eine eminent hohe Bedeutung, bestimmte sie doch den sozialen Status. Obwohl der (bis 1772) »unehrbare« Scharfrichter eine wichtige Rolle innerhalb der Gesellschaft einnahm und für seine Arbeit gut bezahlt wurde, wollte doch niemand in seine Nähe geraten. Bekanntlich musste er im Wirtshaus an einem eigenen Tisch sitzen, hatte in der Kirche den hintersten Platz und durfte nur eine Frau aus einer anderen Scharfrichterfamilie heiraten.

Daraus ergab sich verständlicherweise ein Dilemma, als das Amtshaus, also die Wohn- und Arbeitsstätte des Scharfrichters, im frühen 18. Jahrhundert einem größeren Neubau weichen sollte. Das alte konnte zwar ohneweiters von – ohnehin tief auf der sozialen Skala stehenden – Taglöhnern abgerissen werden, aber kein anständiger Maurer, Zimmermann oder Dachdecker hätte sich freiwillig bereit erklärt, am Bau eines neuen Gefängnisses mitzuwirken – denn er hätte dadurch seine Ehre verwirkt und sich vor seinen Berufskollegen bloßgestellt!

Die Behörden ordneten deshalb an, dass »alle diejenigen Handwercks-Leute, welche zu einem Hauss-Gebau vonnöthen, Meister und Gesellen« sich am 14. April 1722 im Rathaus einfinden sollten. Ein Stadtrichter ging mit ihnen dann in die Rauhensteingasse und verlas dort feierlich den Magistratsbefehl, wonach die Arbeit am Neubau für »frey und ehrlich« erklärt wurde. Jeder einzelne Handwerker musste nun vor den Augen aller einen symbolischen Hammerschlag an dem Amtshaus ausführen, sodass »keiner dem andern etwas, bey Leibes-Straff, vorstossen (vorwerfen, Anm.) solle«. Ähnliche Zeremonien fanden übrigens auch bei der Errichtung neuer Galgen statt, in die jeder Zimmermann Wiens symbolisch einen Nagel einzuschlagen hatte.

1776 wurde die peinliche Befragung als Mittel der »Wahrheitsfindung« abgeschafft, auch wenn das Brandmarken, Verstümmeln oder Auspeitschen noch jahrelang als Leibesstrafe praktiziert wurde. Das Amtshaus in der Rauhensteingasse wurde 1785 abgerissen, nur die Kreuzigungsgruppe, die auf alten Ansichten deutlich über dem Tor zu erkennen ist, blieb erhalten und ist heute in einer Nische an der linken Außenwand der Mariahilfer Kirche in der Barnabitengasse zu sehen. Die Figuren zeigen Jesus und die beiden Schächer – als Sinnbild für die gerechte und die ungerechte Strafe.

image Das Scharlachrennen – woher der Rennweg seinen Namen hat

Rennweg

Herbst des Mittelalters ist eines der berühmtesten Bücher des großen niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga; es erschien erstmals 1919. Für die Menschen des 14. und 15. Jahrhunderts, so schildert Huizinga darin eindrucksvoll, war das Leben »… eine unaufhörliche Abfolge von Misswirtschaft und Aussaugung, Krieg und Räuberei, Teuerung, Not und Pestilenz« und »… der Druck von Höllenangst, Teufels- und Hexenfurcht hielten ein Gefühl allgemeiner Unsicherheit wach, das wohl dazu angetan war, den Hintergrund des Lebens schwarz zu färben«. Schließlich heißt es: »Es ist eine böse Welt. Das Feuer des Hasses und der Gewalt lodert hoch empor, das Unrecht ist mächtig, der Teufel bedeckt mit seinen schwarzen Fittichen eine düstere Erde.«

Huizinga verwendete treffende und kraftvolle Worte, um die Situation der Menschen zu schildern, und doch dürfen wir keinesfalls annehmen, dass deren Dasein ausschließlich von Kummer und Elend geprägt wurde. Neben verzweifelter Gottes- und Sinnsuche in einer oft feindlichen irdischen Sphäre, neben Askese und Weltabgewandtheit in baldiger Erwartung des Jüngsten Gerichts gab es doch stets auch Übermut und ausgelassene Lebensfreude.

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Das populäre Scharlachrennen in St. Marx

Eine ganze Reihe von Volksfesten, von Umzügen, Spektakeln und Spielen sind für das spätmittelalterliche Wien dokumentiert. Da gab es etwa die – nicht zuletzt durch die Neidhart-Sage bekannten – »Veilchenfeste« und die damit verbundene Freude, nach einem langen, entbehrungsreichen Winter endlich wieder blühende Blumen zu sehen. Da gab es die Sommer-Sonnwendfeiern auf dem Hohen Markt, die prachtvollen Adelsturniere am Hof und am Neuen Markt, die bürgerlichen Turniere auf der Brandstätte (das »Bürgerstechen«), die Faschingsumzüge, die Tombolas und das Zielschießen mit Armbrust oder Büchse, es gab das Würfel- und Kartenspiel, das Kegeln und schließlich die Wettbewerbe im Weitwurf schwerer Steine.

Das weitaus berühmteste Volksfest aber bestand in einem Pferderennen, ähnlich jenen in zahlreichen italienischen Städten des Mittelalters (wobei der weltberühmte »Palio« von Siena bekanntlich heute noch stattfindet). Seit dem späten 14. Jahrhundert wurde dieses Wiener »Scharlachrennen« zweimal jährlich vor den Toren der Stadt veranstaltet und daran anschließend ein ebenso populäres Wettlaufen von Männern und Frauen.

Es war kein Fest des Adels, sondern des selbstbewussten Bürgertums, ein Fest der Kaufleute und der Handwerker. Nicht ohne Grund wurde es zeitgleich mit den beiden großen Jahrmärkten abgehalten, die ab Christi Himmelfahrt und rund um den Katharinentag (25. November) für jeweils vier Wochen stattfanden und den Handel in Wien kräftig belebten.

Für Abertausende Zuseher war gesorgt, wenn der feierliche Auszug der Reiter aus der Stadt nach St. Marx begann: Der Stadttrompeter ritt an der Spitze, dahinter die festlich geschmückten Rennpferde, es folgten die Läufer und Läuferinnen, die versammelte Bürgerschaft, die Schützenkompanien mit ihren Fahnenträgern, die Pfeifer und Spielleute und schließlich der Bürgermeister in seinem Galaharnisch, begleitet von seinen Ratsherren.

Auf einer festlichen Tribüne in St. Marx wartete meist bereits der Landesherr mit seinem Hofstaat, der sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollte. Bevor die Reiter mit ihren Pferden losgaloppierten, wurden Wetten auf den Sieger abgeschlossen (manches Mal so hohe, dass sie von der Obrigkeit beanstandet wurden). Die festgelegte Strecke führte über den heutigen Rennweg, der auf diese Weise zu seinem Namen kam, zum Wienfluss und über die Ungargasse zurück nach St. Marx.

Jeder, der zuvor im Rathaus ein Startgeld entrichtet hatte, durfte mit seinem Pferd am Rennen teilnehmen, meist waren es zwischen sechs und 16 Reitern (im Jahr 1515 sogar 39). Dem Sieger winkte keine Geldprämie, sondern ein kostbares scharlachrotes Wolltuch. Im Mittelalter waren Farben von besonderer Bedeutung, konnten sie doch gesellschaftlichen Rang und Ansehen ausdrücken. Das Rot stand besonders weit oben auf der Skala (man denke an das königliche Purpur- oder an das Kardinalsrot), was den Wert des Tuches unterstrich.

Der zweite Preis bestand in einer neuen Armbrust, und wer als Dritter die Ziellinie überquerte, wurde mit einem Trost- oder Spottpreis bedacht: einem Spanferkel (der Ausdruck »Schwein gehabt« hat hier übrigens seine Wurzel, er beschrieb das Glück, gerade noch die letzte Auszeichnung ergattert zu haben).

Nach der Siegerehrung begann der Wettlauf der jungen Burschen, als Letztes folgte jener der Frauen. Es waren dies übrigens die sogenannten »Hübschlerinnen«, Prostituierte, die damals noch nicht so schamhaft versteckt und moralisch verdammt wurden wie in späteren Zeiten, sondern als eigene »Klasse« innerhalb der städtischen Gesellschaft akzeptiert waren. Gerade bei öffentlichen Festen oder feierlichen Einzügen hochgestellter Persönlichkeiten hatten sie etwa als Tänzerinnen ihre fixe Rolle, wurden dafür aus der Stadtkasse bezahlt und anschließend zum Essen eingeladen.

Der Sieger und die Siegerin der Wettläufe bekamen als Preis je ein Stück Barchent, einen teuren Stoff aus Leinen und Baumwolle (die ab dem 14. Jahrhundert aus dem Orient importiert wurde). Ein großes, von der Stadtverwaltung spendiertes Festmahl im Rathaus beendete das offizielle Programm schließlich.

Rund 150 Jahre lang wurde dieses beliebte Volksfest gefeiert, bis ihm die Erste Türkenbelagerung ein Ende setzte. Versuche, es neu zu beleben, misslangen, das letzte »Scharlachrennen« fand 1534 statt.

image Der Tod eines Bürgermeisters

Am Hof

In der Geschichtsschreibung kommt Wolfgang Holzer zumeist nicht gut weg. Als »demagogisch und verschlagen« wird er bezeichnet, als unsympathisch, derb und taktlos, und je weiter man zeitlich zurückgreift, desto negativer wird die Beurteilung seiner Person. Karl Weiß nannte ihn 1872 in seiner Geschichte der Stadt Wien gar »wüthender als Nero, mordsüchtiger als Kain«.

Und tatsächlich tat Holzer alles, um bei Zeitgenossen und Historikern als doppelter Verräter zu gelten, als Hasardeur, der sich auf ein gefährliches Spiel in einer gefährlichen Zeit eingelassen hatte – der Zeit des Bruderzwists zwischen den beiden Habsburgern Friedrich III. und Albrecht VI. Dementsprechend kurz war Holzers Karriere als Wiener Bürgermeister: Nur ein paar Monate lagen zwischen seinem Amtsantritt im August 1462 und seiner Hinrichtung im April des folgenden Jahres.

Holzer war durch den Handel mit Ochsen und Pferden reich geworden. In Wien kaufte er sich mehrere Häuser, er wurde 1452 Münzmeister und bald darauf Mitglied des Stadtrats.

Damals war Friedrich III. Oberhaupt des Hauses Habsburg und seit Kurzem neuer Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Doch seine Macht in den österreichischen Ländern bestand höchstens auf dem Papier, er sah sich bedrängt von allen Seiten, hatte sich mit den Böhmen und den Ungarn auseinanderzusetzen, mit Raubrittern und oppositionellen Adeligen und – nicht zuletzt – mit der eigenen Verwandtschaft.

Sein jüngerer Bruder, Herzog Albrecht VI., war ein ehrgeiziger, aufbrausender und energischer Mann, verfügte somit über Eigenschaften, die dem Kaiser nur selten nachgesagt wurden. Albrecht war mit seiner Funktion als Regent über die Vorlande (also die habsburgischen Besitzungen zwischen dem heutigen Vorarlberg und dem Breisgau) nicht zufrieden, er wollte mehr vom Familienerbe haben. 1458 zwang er mithilfe der dortigen Stände seinen Bruder, ihm auch das Land ob der Enns (Oberösterreich) abzutreten, und schließlich wollte er auch das Land unter der Enns (Niederösterreich) mit Wien.

Friedrich hatte dort viele Feinde, die antikaiserliche Stimmung war nicht zu übersehen. Da er nämlich seine Söldnertruppen nicht mehr bezahlen konnte, zogen diese marodierend umher, plünderten Dörfer und versetzten das Land in Angst und Schrecken. Die Bauern trauten sich nicht mehr auf die Felder und die Kaufleute bangten um ihre Einnahmen aus dem Handel. Viele Wiener setzten daher ihre Hoffnungen auf Albrecht.

In Wien kam es im August 1462 zum Putsch: Bewaffnet drangen

60 Bürger ins Rathaus ein, setzten den gesamten Stadtrat sowie den kaisertreuen Bürgermeister Christian Prenner ab und wählten an seiner Stelle Wolfgang Holzer, den Parteigänger Albrechts.

Dass es dem neuen Bürgermeister nicht an Selbstbewusstsein und Geltungsdrang mangelte, zeigte sich bereits zehn Tage nach seiner Wahl. Kaiser Friedrich, der bekanntlich in Wiener Neustadt residierte, erschien mit seinem Gefolge vor den Stadtmauern Wiens – und Holzer ließ ihn nicht herein! Erst nachdem Friedrich den Rathaus-Putsch seiner Gegner als rechtsgültig anerkannt hatte, durfte er nach drei Tagen in die Stadt einziehen.