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Günther R. Leopold

Sechs Schlüssel ins Jenseits

GÜNTHER R. LEOPOLD

SECHS
SCHLÜSSEL
INS JENSEITS

EIN PHOENIX KRIMI

SIGNUM

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Prolog

Die Finger des blinden Mannes tasteten behutsam, fast liebevoll, über die reich verzierte, eiserne Kassette. »Was ist das nun, ein kleiner Geldschrank oder eine Kriegskasse?«

Sein Gegenüber bot mit seiner Knollennase, den schwarzen Haarlocken, struppigem Bartwuchs und einer dunkel getönten Brille einen sonderbaren, beinahe drolligen Anblick. »Geldschrank oder Kriegskasse?«, überlegte er. »Eine gute Frage. Auf jeden Fall muss der Geldschrank erst voll sein, damit die Kriegskasse auszahlen kann. Doch lassen wir das, das ist graue Theorie. Die Praxis, das sind meine sechs Schlüssel.«

»Eigentlich sind es ja sieben«, unterbrach der Blinde. »Sie wollten ja für die sechs verschiedenen Schlösser noch eine Art Generalschlüssel, der jedes Schloss aufsperren kann. Ich glaube, Sie werden mit meiner Arbeit zufrieden sein.«

»Und Sie mit der beträchtlichen Geldsumme, die ich dafür zu zahlen bereit bin.« Der seltsame Kunde begann nun akribisch, die einzelnen Schlüssel auszuprobieren. Seine Miene, wenn man sie hinter seinem üppigen Bartwuchs überhaupt hätte erkennen können, wurde immer zufriedener. »Tatsächlich, man hat mir von Ihnen nicht zu viel versprochen. Sie sind ein wahrer Künstler! Und das, obwohl Sie blind sind.«

»Die menschliche Natur ist eigentlich erstaunlich: Fällt ein Sinn aus, dann entwickelt sich ein anderer umso mehr. Die besten Klavierstimmer waren übrigens auch Blinde. Ihre Arbeit konnten sie nicht sehen, dafür umso besser hören. Und bei mir ist es eben der Tastsinn. Meine Fingerspitzen sind so empfindlich geworden, dass ich Schlösser damit geradezu lesen kann. Na ja, und dann ist da auch noch Diana, meine fünfzehnjährige Enkelin.«

»Das Mädchen, das mich hereingelassen hat?«

»Ja. Sie ist ein wahrer Schatz. Nicht nur, dass sie sich liebevoll um mich kümmert, sie ist trotz ihrer Jugend schon eine Schlosserin, die mir notfalls bei meiner Arbeit helfen kann.«

»Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.«

»Das stimmt, die Schlosserei liegt bei uns in den Genen. Mein Vater wäre wahrscheinlich noch besser als ich geworden, ist aber im Krieg gefallen. Und mich, mich hat ein Flammenwerfer geblendet. Tja – früher waren es glühende Eisenstangen, mit denen man Menschen ihr Augenlicht genommen hat, heute sind es Flammenwerfer, denen man nicht zu nahe kommen sollte. Ein Vivat der modernen Technik!«

»Bewundernswert, wie Sie Ihr schreckliches Schicksal hinnehmen. Aber wir verplaudern uns. Hier sind die Geldscheine, die Sie …«, der seltsame Kunde lachte spöttisch, »… mit Ihren hochempfindlichen Fingerspitzen gleich auf ihre Echtheit überprüfen können – und hier sind meine sechs, nein, meine sieben Schlüssel.« Er steckte sie kurzerhand in die Seitentasche seines Mantels und wandte sich zum Gehen.

Jetzt war es der Blinde, der spöttisch lachte. »Sie werden mir doch nicht Ihre Geldschrankkriegskasse als Andenken zurücklassen.«

»Na so was, Alzheimer lässt grüßen.« Die Kasse wanderte in eine große Tragtasche. »Aber ich hoffe, Sie werden ebenfalls an Vergesslichkeit leiden und sich an unser Geschäft nicht mehr erinnern können. Denn sonst müsste ich, wie die Bösewichte in Kriminalromanen oder die Schurken in James-Bond-Filmen, Sie und Ihre reizende Enkelin umbringen. Doch zu Ihrem Glück bin ich kein ›Goldfinger‹, sondern bloß Franky Hood …«

Diana ließ den skurrilen Kunden samt seinem schweren Gepäck hinaus und wunderte sich über sein Aussehen. Ihr Großvater wunderte sich ebenfalls, allerdings über den bedeutungsvollen Namen Franky Hood, von dem er noch hören sollte …

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Epilog

1

Er, er hatte gerufen – und sie, sie waren alle pünktlich erschienen. Mit einer Ausnahme: Chefinspektor Samuel Hutchingson, den sie im Yard den »Melancholiker« nannten, trudelte leicht verspätet als Letzter ein. Sir Frumingway, seines Zeichens Superintendent von Scotland Yard (für die Allgemeinheit etwas wie ein Polizeipräsident), hatte seine besten Beamten zu einer dringlichen Konferenz gebeten. Alle waren gekommen: Simon Gregg, der Inspektor mit den zwei verschiedenen Augenfarben, oder Geoffrey Hoggins, der »Milchmann von Scotland Yard«, Inspektor Gordon mit seiner ihm erst kürzlich angetrauten Claire Milders* und und und … Chefinspektor Hutchingsons Verspätung veranlasste Sir Frumingway zu einem ärgerlichen Kopfschütteln. Hutchingson, in seinem viel zu weiten Anzug gleichsam versunken, quittierte es mit einem leisen, aber doch hörbaren »Oft werden die Letzten die Ersten sein«.

Frumingway hatte es sich schon lange abgewöhnt, sich über den Melancholiker zu wundern. Der schrullige Chefinspektor war tatsächlich einer seiner besten Leute. Ohne auf dessen Unhöflichkeit weiter einzugehen, kam der Superintendent auf den Grund der ungewöhnlichen Zusammenkunft zu sprechen. »Wie Sie alle bestimmt wissen, ist das Vereinigte Königreich nicht nur für seine Schlösser mit schaurigen Gespenstergeschichten, sondern auch als Land mit den meisten Geheimbünden bekannt.« Er legte eine kleine Pause ein und sah fragend in die Runde, worauf ihm Namen wie »Freimaurer«, »Templer«, »Rosenkreuzer«, »Illuminaten«, »Skull and Bones« und andere mehr entgegengerufen wurden.

Frumingway lächelte. »Da soll noch einer sagen, dass im Yard nicht auf Allgemeinbildung Wert gelegt wird. Doch Spaß beiseite: Wenn auch einige der erwähnten Namen nicht Old England, sondern ›God save America‹ zuzurechnen sind, im Innenministerium herrscht helle Aufregung, weil es einen neuen Geheimbund geben soll …« Der Superintendent holte tief Atem, worauf Chefinspektor Hutchingson melancholisch einwarf: »›Die Bruderschaft der wahren Christen‹. Wirklich sehr traurig für den Erzbischof von Canterbury, der wieder durch den römischen Papst ersetzt werden soll!«

»Unglaublich, wie können Sie das wissen?« Frumingway war sichtlich überrascht.

Der Chefinspektor nickte. »Es soll tatsächlich ernsthafte Bestrebungen geben, die von Heinrich VIII. abgeschaffte katholische Religion wieder einzuführen.« Chefinspektor Hoggins hatte soeben sein obligates Milchglas leergetrunken. »Das sind doch Kindereien«, meinte er geringschätzig, »das kann man doch nicht ernst nehmen!«

»Sagen Sie das nicht«, konterte Frumingway. »Die im Innenministerium haben sich das ja nicht aus den Fingern gesogen. Um nochmals auf Ihre Allgemeinbildung zurückzukommen: Weiß jemand, wo sich das berühmteste Gemälde von Heinrich VIII. befindet?«

»Im Palazzo Barberini in Rom. Hans Holbein der Jüngere hat es gemalt.« Claire Milders sagte es in einem Ton, als ob es sich um eine ganz alltägliche, banale Frage gehandelt hätte; und ihr Mann, Inspektor Gordon, konnte wieder einmal über seine Frau staunen.

»Stimmt genau«, bestätigte der Superintendent. »Es ist keine Woche her, dass ein Irrsinniger das Bild mit einem Messer zerschneiden wollte. Die Tat wurde im letzten Moment verhindert und der ganze Vorfall totgeschwiegen. Und wissen Sie warum?«

»Weil der Irrsinnige kein Verrückter, sondern ein gut bezahlter, professioneller Attentäter war, was natürlich traurig, sogar sehr traurig ist!« Nur der Melancholiker konnte eine solche Antwort geben.

»Hutchingson, nach meinem Geschmack wissen Sie viel zu viel«, ärgerte sich der Superintendent.

»Wissen sollte doch bei einem Kriminalisten kein Nachteil sein.«

»Vorausgesetzt, dass man seiner obersten Behörde, in diesem Fall mir, davon etwas zukommen lässt. Ich stand vor dem Staatssekretär wie das sprichwörtliche ›neugeborene Kind‹.«

»Sorry, für einen Mann der alten Schule bedeuten Vermutungen noch keine beweisbaren Fakten. Aber dafür liefere ich Ihnen etwas, das den Staatssekretär des Inneren noch mehr aufregen wird.« Um die Spannung zu erhöhen, bediente sich der Melancholiker einer seiner bekannten kleinen Kunstpausen, ehe er weitersprach. »Ich darf wohl annehmen, dass jeder der hier Anwesenden die Bedeutung Oliver Cromwells für die englische Geschichte kennt. Wenn auch der Lordprotektor erst nach Heinrichs Tod geboren wurde, auf beide traf doch die gleiche unmenschliche Grausamkeit bei der Verfolgung ihrer Feinde, namentlich aller irischen und englischen Katholiken, zu. Die Historie fragt jedoch nicht danach, für die Geschichte zählen nur staatsmännische Erfolge.«

»Darum steht auch sein Denkmal vor dem britischen Parlament«, warf Simon Gregg ein.

»Eben! Grausamkeit ist zwar, rein menschlich gesehen, im höchsten Maße sehr traurig, aber gibt es einen besseren Platz, um ein Denkmal besonders publikumswirksam in die Luft gehen zu lassen?«

»Verdammt!«, Frumingway war seine Erregung deutlich anzumerken, »Chefinspektor, wollen Sie damit sagen, dass auch hier, wie im Falle von Heinrichs Gemälde, ein Anschlag geplant war?«

»Er stand kurz vor der Ausführung. Sie wissen ja, für den Yard gibt es immer gewisse Kanäle, über die man Informationen erhält, wann und wo etwas geschehen könnte. Ich bedaure ja, dass dies im letzten Moment nicht zur Ausführung gelangte. Wir waren auf alles vorbereitet!«

»Sie und Ihre Methoden der alten Schule!«, entrüstete sich der Superintendent. »Das wird ein Nachspiel haben!«

Hutchingson schien Frumingways Erregung nicht aus der Ruhe zu bringen. »Ich wollte nur diesen Fall, der auch mit den Diebstählen in allerhöchsten Kreisen zusammenhängt, zu Ende führen.«

Der Superintendent wurde immer nervöser. »Aber diese Diebstähle haben doch aufgehört; die Opfer wurden sogar auf geheimnisvolle Weise für ihre Verluste entschädigt. Oder gibt es neue Fälle?«

»Allerdings, die gibt es!«

»Verdammt, ich wurde darüber nicht informiert! Warum, Hutchingson, warum?«

»Weil Sie leider – oder Gott sei Dank – ebenfalls zu jenen ›besseren Kreisen‹ gehören! Aber Sir, ich glaube, wir sollten unsere differierenden Meinungen lieber in einem privaten Gespräch fortführen.« Der Melancholiker verwies auf die fassungslose Kollegenschaft, die ihre Kontroverse gespannt verfolgt hatte.

»Verdammt!« Der Superintendent gebrauchte dieses Wort schon zum zweiten Male. »Wieso habe ich mich nur so hinreißen lassen? Ich wollte meine besten Leute doch nur bitten, Augen und Ohren offenzuhalten. Denn in nächster Zeit dürfte sich einiges ereignen, das versichere ich Ihnen!« Der Allgewaltige raffte seine Unterlagen zusammen und erhob sich. Nicht ohne mit einem langen Finger auf Hutchingson gedeutet zu haben. »Aber Sie, Chefinspektor, Sie kommen mit mir …«

* Beamtin von Scotland Yard, siehe den 1. Fall des Melancholikers, Wachsgesicht

2

Glowchester City war keine Stadt, höchstens eine größere Ortschaft. Ihre Bewohner hatten sich das hochtrabende »City« nur zugelegt, um sich von dem nicht allzu weit entfernt liegenden Glowchester Court und Glowchester Castle deutlich zu unterscheiden. Inmitten von zur Frühlingszeit herrlich blühenden Obstgärten gelegen, bot der Ort ein Bild ruhevollen Friedens. Früher einmal hatte das schrille Pfeifen einer lokalen Eisenbahn gestört, mit der man London in zwei Stunden erreichen konnte. Aber das war Schnee von gestern. Ein führendes Busunternehmen hatte die Aufgaben der Bahn übernommen, und die Autohupen nahmen sich gegen das Bahngepfeife geradezu melodiös aus.

Wenn man der staubigen Landstraße weiter nach Süden folgte, so gelangte man bald zu einer Kreuzung, die mit großen Verkehrsschildern den Weg nach Glowchester Castle anzeigte. Der Charakter der Landschaft veränderte sich bald grundlegend. Das Obstbäume-Ansichtskartenbild wurde zuerst zur typisch englischen Parklandschaft und bald darauf zu einem mehr und mehr verwilderten Wald, durch den sich die Landstraße nur mühsam hindurchschlängelte. An einigen Stellen, wo die Bäume weiter auseinanderstanden, konnte man in der Ferne die halbverfallenen Mauern von Glowchester Castle sehen, was die geheimnisvolle Stimmung der Gegend noch verstärkte. Erst lange Zeit nach der Zerstörung des alten Kastells entschloss sich ein Verwandter des früheren Burgherrn, ein Lord Glennford, sich wieder in der Gegend um Glowchester niederzulassen. Er ließ zu diesem Zweck nicht allzu weit von der Ruine entfernt ein kleineres Schloss, nämlich Glowchester Court, errichten, das noch heute den Glennfords als Stammsitz diente.

Wie schon erwähnt war Glowchester City alles andere als eine Stadt, und seine Bürger waren alle durchaus friedliche und ehrsame britische Untertanen, die lieber abends im »Harry zur See« aufregende Geschichten hörten, als sie selbst zu erleben. Wenn sie ihr Bier oder ihren Grog getrunken hatten und spät den Heimweg antraten, hätten sie keine zehn Pferde in die Gegend von Glowchester Castle gebracht. Nicht nur, dass die Bäume im Mondlicht gespenstische Schatten warfen, stand es bei den Ortsbewohnern fest, dass es bei den Ruinen nicht ganz geheuer war.

Doch zum Glück gab es mit dem »Harry zur See« ein Lokal, in dem man sich sowohl körperlich als auch seelisch aufwärmen konnte. Der Wirt war früher einmal Seemann gewesen, was den sonderbaren Namen der Gastwirtschaft erklärte. Er hatte schon vor etlichen Jahren die christliche Seefahrt aufgegeben, um an einem ruhigen Platz vor Anker zu gehen. Im Augenblick lümmelte er an der Theke herum – sein Hemd immer so weit offen, dass man den tätowierten Kopf seiner einstigen Liebe sehen konnte – und hörte gelangweilt dem schleppenden Gespräch seiner Gäste zu, das sich hauptsächlich um ein Thema drehte: Eben berichtete der Vikar, der ein weitgereister und zumindest für Glowchester hochgebildeter Mann war, von seinem Antrittsbesuch bei Lady Jane, der jetzigen Schlossherrin von Glowchester Court. Nichts hätte willkommeneren Gesprächsstoff bieten können als die neuerliche Verheiratung des 15. Lords von Glowchester. Sir Glennford hatte mit seiner ersten Gattin, einer Italienerin namens Lucia Ferroni, eine überaus glückliche Ehe geführt. Tragischerweise waren sie und Godwin, ihr erstgeborener Sohn, bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Es war ihr letzter Wunsch gewesen, dass Douglas, der Jüngere, in ein italienisches Jesuitenkloster kommen sollte. Dort wurde er von einem Padre Cruce betreut, der sich intensiv mit den religiösen Gegebenheiten Englands auseinandersetzte und seine Ansichten an seinen Schützling weitergab.

Sir Glennford hatte inzwischen Frank Glennford, einen entfernten Verwandten, als Adoptivsohn angenommen. Frank sollte Douglas gleichsam den verunglückten Bruder ersetzen.

Damit nicht genug, lernte Seine Lordschaft in Frankreich eine sehr attraktive Dame kennen, die er trotz des beträchtlichen Altersunterschiedes heiratete, wodurch sie als »Lady Jane« Douglas’ Stiefmutter wurde.

»Sie ist eine überaus vornehme Dame«, setzte der Vikar seinen Bericht fort.

»Aber sie würde besser zu Frank Glennford als zu seinem Vater passen«, ergänzte Mr. Humps bissig. Jonathan Humps war der Redakteur der Glowchester Post, die mit Mühe und Not zweimal im Monat erschien. Er war der anerkannte Zyniker der Stadt, und es gab nicht wenige, die auf ihn stolz waren.

Dennoch stieß sein freimütiger Kommentar auf Widerstand. Vielleicht dachte sich zwar mancher dasselbe, doch man hütete sich, es so unverblümt auszusprechen.

»Seine Lordschaft ist ein Mann in den besten Jahren!«, opponierte der alteingesessene Apotheker lautstark.

»Das sagt er nur, weil er selbst in den besten Jahren ist«, spöttelte Mr. Humps leise seinem rechten Nachbarn gegenüber, aber immerhin so laut, dass es die anderen hören konnten.

Man hätte zweifellos über dieses Thema noch weiter debattiert, wäre in diesem Augenblick nicht Mr. Tobias eingetreten. Es gab Leute, die den Butler von Glowchester Court seit über zwanzig Jahren kannten, doch sie konnten sich nicht erinnern, Mr. Tobias einmal anders als in seinem konventionellen schwarzen Gehrock gesehen zu haben. Es wäre unverzeihlich gewesen, in ihm nur einen gewöhnlichen Bediensteten zu sehen. Zwar galt er allgemein als Lord Glennfords Butler, aber er war auch dessen Chauffeur, Kammerdiener und Krankenpfleger, wenn es darauf ankam – kurz, ein von allen respektierter Vertrauter Seiner Lordschaft. Und die Honoratioren von Glowchester City fanden nichts daran, einen tiefen Bückling vor ihm zu machen.

Dass eine so wichtige Persönlichkeit ein Lokal wie den »Harry zur See« mit ihrer Anwesenheit beehrte, hatte einen allseits bekannten Grund: Jeden zweiten Freitag im Monat traf sich in Glowchester Court eine in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedliche Herrenrunde. Die Treffen dauerten manchmal bis in die Morgenstunden, und Mr. Tobias hatte dafür zu sorgen, dass der seltsamen Freundesrunde an leiblichen Genüssen nichts fehlte. Daher war es zu einer Art Ritual geworden, dass der Butler am Donnerstag vorher Glowchester Citys Geschäfte nahezu leerfegte, worauf sich die hiesige Kaufmannschaft entsprechend vorbereitete. Alles wurde der Herrschaft Freitagfrüh zeitgerecht geliefert. So konnte Mr. Tobias einem zweiten Ritual frönen, nämlich seiner regelmäßigen Einkehr am Donnerstagabend im »Harry zur See«. Der Wirt wusste schon, welches Getränk sein Gast bevorzugte, wobei man sich fragen konnte, ob Mr. Tobias’ Lieblingsgetränk ein Tee mit Rum oder ein Rum mit Tee war.

Bei des Butlers Eintritt war das Gespräch über Lord Glennfords junge Gattin sofort verstummt. Zum Glück gab es weiteren Gesprächsstoff, der in letzter Zeit ebenfalls für allgemeines Interesse gesorgt hatte. »Es ist natürlich purer Unsinn, wenn einige Leute behaupten, die ›Singende Nora‹ wieder gesehen zu haben«, ereiferte sich der Vikar, um hierauf salbungsvoll fortzufahren: »Gott, der Herr, gibt jeder verschiedenen Seele die ewige Ruhe!«

»Und wenn ich euch sage«, widersprach ein anderer, »der Gärtner selbst hat sie gesehen, als er Rosen nach Glowchester Court brachte. Sie ist zwischen den Bäumen in Richtung Ruine gehuscht.«

Mr. Tobias hörte interessiert zu. »Schade, mir ist dieses Mädchen, das durch ihren Gesang den jungen Burgherrn betört haben soll, worauf sie sein Vater hinrichten ließ, noch nie begegnet!«

»Fama crescit in eundo«, prunkte der Vikar mit seinen Lateinkenntnissen. »Übrigens gibt es eine zweite Version dieser sagenhaften Erzählung, die mir geschichtlich viel wahrscheinlicher erscheint.«

»Was Sie nicht sagen«, mischte sich der Wirt ein.

»Ein Mädchen namens Nora soll es tatsächlich gegeben haben. Bestimmt haben einige von Ihnen schon«, der Vikar räusperte sich, »von der verwerflichen Unsitte des ›Rechts der ersten Nacht‹ gehört, die besonders in Deutschland, aber auch in England ihre Anhänger hatte. Danach durfte der Burgherr vor der eigentlichen Hochzeitsnacht die Defloration der Braut vornehmen. Manche Jungfrau empfand das als Ehre, andere hingegen als große Schande. Das Mädchen Nora gehörte zweifellos zu Letzteren. Sie soll sich, Psalme singend, vom Altan der Burg gestürzt haben, um nicht auf so schändliche Weise ihrer Jungfernschaft beraubt zu werden.«

»Ach was, egal welche Version auch stimmen mag«, warf Mr. Humps ein – Opposition und Besserwissen gehörten nun einmal zu seinem Charakter –, »wenn man einige Schluck’ zu viel getrunken hat, und der Mond auf den Wald scheint, kann man leicht flechtenbewachsene Baumstämme für eine geisterhafte Gestalt halten.« Der Redakteur hielt erschöpft inne, da es ein langer Satz gewesen war und er an schwerem Asthma litt.

»Der Gärtner trinkt nicht!«, widersprach der Wirt des »Harry zur See«, der es ja wissen musste. Mr. Humps sah sich um die Wirkung seiner Logik gebracht. »Aber der Pächter drüben am Creek Hill soll die Erscheinung auch schon beobachtet haben. Wie dem auch sei, meiner bescheidenen Meinung nach seid ihr, die Glowchester Bürger, in euren Spuk ja geradezu vernarrt!« Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen, denn was wäre ein englisches Schloss ohne Gespenst gewesen?

»Doch gestern Nacht«, ereiferte sich nun der Apotheker, indem er beteuernd an seine Brust klopfte, »habe ich selbst …«

Mr. Tobias fand es an der Zeit aufzubrechen, denn er kannte den Apotheker als berüchtigten Schwätzer, dessen höchster Lebenszweck es war, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen.

Der Butler trat auf die Straße und zog den Umhang, den er über seinem Gehrock trug, enger zusammen. Es war kalt, und der heiße Tee mit Rum, den der Wirt des »Harry zur See« so herrlich zu mischen verstand, hatte ihm gutgetan. Er schritt rüstig aus, denn bis Glowchester Court war es zu Fuß ein schönes Stück Weges.

Er beeilte sich, als er bereits den Kiesweg nach Glowchester Court entlangschritt. Die Wolken hatten sich verzogen und ließen den düsteren Park in einem unwirklichen Licht erscheinen. Man konnte verstehen, dass ein nächtlicher Spaziergang durch Glowchesters Wald starke Nerven erforderte.

Abgestorbene Äste von alten Weidenbäumen reckten sich drohend dem einsamen Wanderer entgegen. Hie und da schrie in der nahe gelegenen Ruine ein Kauz. Der Totenvogel rief, so klang es.

Mr. Tobias war diesen Weg schon öfters zu später Stunde gegangen, doch heute fühlte er zum ersten Mal so etwas wie Angst. Er schüttelte unwillig den Kopf. Wie einen solch dumme Geschichten doch unwillkürlich beeindrucken konnten. Aber die heimliche Furcht wollte nicht weichen. Der Wald schien heute anders als sonst.

Plötzlich blieb er stehen und horchte angestrengt. Da war doch ein seltsamer Ton zu vernehmen gewesen? War es nur der eigene Atem, den der Butler hörte? Stoßweise, keuchend, geradezu nach Luft ringend? Schon wollte Mr. Tobias seinen Weg fortsetzen, als er abermals zusammenschreckte: Jetzt war der Ton von vorhin wieder zu hören. Es war ein unsagbar trauriger Klang, der durch die Nacht irrte.

Der Butler fühlte kalten Schweiß auf seiner Stirn stehen. Er duckte sich und zog die Schultern ein, als ob er dadurch die unbekannte Gefahr abwenden könnte. »Die Singende Nora«, dachte er im ersten Augenblick, doch schon im nächsten Moment verwarf er den Gedanken wieder. Unsinn, es gab keine Spukgestalten! Seine überreizten Sinne spielten ihm wohl einen Streich.

Er horchte noch immer, doch nichts war mehr zu hören. Nur der Wind strich durch die kahlen Baumkronen und bewegte die Äste, die seltsame Schatten warfen. Mit einer fahrigen Bewegung wischte sich Mr. Tobias den Schweiß von der Stirn, dann hastete er weiter. Er würde froh sein, wenn er die schützenden Mauern von Glowchester Court endlich sehen konnte. Ab und zu blieb er stehen und lauschte ängstlich. Nichts war zu hören. Doch jetzt schien ihm sogar das Schweigen gefährlich.

Als er bereits drei Viertel des Weges zurückgelegt hatte und die Türme des Herrenhauses vor sich sah, stockte er erneut. Diesmal war es bestimmt keine Täuschung: Er vernahm deutlich den schon vorher gehörten, traurigen Klang. Von überallher schien er zu kommen! Nahe, unheimlich nahe – und doch entfernt: Als ob sich der Ton im Wald verirrt hätte.

Der Butler war bestimmt kein Feigling, aber in diesem Augenblick stürzte er blindlings vorwärts, getrieben von nur einem Gedanken: Glowchester Court so schnell wie möglich zu erreichen. In weiten Sätzen hastete er dahin und hatte dennoch das Gefühl, als ob die wehmütige Melodie immer näher käme.

Jetzt hatte er den Rasen, der sich vor der Hauptfront des Schlosses erstreckte, erreicht. Nach Atem ringend stürzte er auf das große Eingangstor zu und stolperte die nach oben führenden Steinstufen empor.

Er glaubte, es ganz deutlich zu spüren, wie sich eine kalte Hand auf seine Schultern legte. Furchterfüllt drehte er sich um. Etwa ein Dutzend Schritte hinter ihm stand eine weiß umhüllte Gestalt, die ihm zuwinkte und gleich darauf zwischen den Bäumen verschwand.

3