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Clemens Unterreiner

Ein Bariton für alle Fälle

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Inhalt

Widmung

Einleitung

BLINDFLUG

Abbazia

Ein Jahr in Dunkelheit

Karlheinz Böhm und die Klassik

Freiheit in der Steiermark

Wozu sehen, wenn man auch hören kann

Ich kann sehen!

Die Königin »in« der Nacht

Der, der singt

Ehrenrunde oder: Durchfallen im richtigen Moment

Erster Auftritt

»Elite-Cercle«: Oper versus Disco

»Andrea Chénier«: Pavarotti in einer »gewichtigen« Rolle

Singender Jurist oder rechtsgelehrter Sänger?

Musikuniversität, nein danke

Konservatorium, leider nein

Privatunterricht bei Hilde Rössel-Majdan

Privatunterricht bei Rudolf Holtenau

Stipendiat in Bayreuth

Statist – auf der Bühne mit den Stars

»Don Carlo«: Ahnungslose Ministranten oder: Die Selbstweihe des Königs

Linz: Das erste Engagement

»Voyage« oder: Eine nasse Angelegenheit

Abschied aus Linz

Die Besetzungscouch – kein Weg zum Erfolg

»Butterfly« on Tour

Sharpless – der Mann ohne Klinke

HÖHENFLUG

Die Chance: Vorsingen an der Wiener Staatsoper

Kinderoper oder: Wie ich mich beinahe selbst verhindert hätte

Vom Singen »auf« der Oper

»Klopstock«: Mit einem Wort zum Solisten

Handwerksberuf Opernsänger

»Manon«: Anna Netrebko »can’t work with me …«

Die Stimme, zickige Geliebte des Sängers

Ballett, Fußball und das große Fettnäpfchen

Disziplin und Professionalität statt Starallüren

Großes Finale mit Edita Gruberová

Der Kaiser der Nebenrollen?

Von Lieblingsrollen und Traumrollen

Einspringen in Linz oder: Wer sang wirklich?

Sharpless, die Zweite: Quer durch Europa

Vox sana in corpore sano

»Hoffmanns Erzählungen« oder: Als ich mit mir selbst auf der Bühne stand

Deutsche, italienische und andere Helden

Rollen, auf die ich mich freue

Wäschewaschen mit Agnes Baltsa

Absturz und Gebrüll bei »Tosca«

Prima la musica oder: Das weite Feld der Regie

»Regimentstochter« oder: Die Duchesse ohne Untertitel

Altes neu erleben

Sie kann mich riechen!

»Totenhaus«: Singen gegen den Billeteur

Heidenheim: Don Leporanni und Giovanello?

Rollenstudium: Wissen, was man singt

Als Humpty Dumpty »Figaros Hochzeit« besuchte

Repertoirebetrieb und Coversystem

Wie wird man Kammersänger?

Éva Marton – im Gespräch mit Tosca

Kollegen: Von Eitelkeiten, Gerüchen und Premierengeschenken

Solidarisches Markieren

Premierentage sind Ausnahmetage

ABSEITS DER BÜHNE

Pasta in der Annagasse

Das »schwarze Loch« nach der Vorstellung

»Moses und Aron«: Von gesungenen und getrunkenen Vierteln

Freunde und »Freunde«

Das Wiener Bühnentürl

Bezahlter Applaus oder: Der Schuss ins Knie

»Gell, singst eh was!«

Neid und Missgunst

»Manon Lescaut« und eine ungeplante Requisite

Freund, »Feind« und andere Kritiker

Society, Charity, Medien und die eigene Marke

Ein harmloser PR-Termin endet blutig

»Klassik Mania«: Ein fairer Sängerwettbewerb

»Hilfstöne«: Helfen aus eigener Erfahrung

Wandern mit Clemens oder: Schlagersänger für einen Tag

Privatleben? – Fehlanzeige!

Danksagung

Bildnachweis

Personenregister

Widmung

Ich widme dieses Buch meiner Großmutter Lore Ehrlich, die mich in meinem Wunsch, Sänger zu werden, unterstützt und immer an mich geglaubt hat und der es leider nicht mehr vergönnt war, mich auf der Bühne zu erleben.

Ich danke meiner Mutter Heidemarie, meinem Vater Viktor, meiner Schwester Katrin sowie meiner ungarischen »Nagyi« und der ganzen Grazer, Wiener, Kärntner und Tiroler Verwandtschaft für die bedingungslose Unterstützung und das mir so oft entgegengebrachte Verständnis für meinen Beruf, gerade auch in schwierigen Zeiten, in denen ich als Sänger oft mehr Geduld und Verständnis erfahren habe, als eigentlich üblich gewesen wäre.

Allen meinen lieben Freunden und Weggefährten ein großes Dankeschön von ganzem Herzen für eure Treue und Unterstützung von der ersten Minute an, wo noch niemand an mich geglaubt hat – ich werde euch das nie vergessen.

Euer Clemens

Einleitung

Bevor mich noch mein Wecker aus den Träumen holen konnte, riss mich ein Anruf mit lautem Klingeln aus dem Schlaf. Nach einer anstrengenden Vorstellung am Vorabend hatte ich mich auf einen nicht verplanten, gemütlichen Vormittag gefreut, den ich zu Hause verbringen wollte, mit Musikhören, etwas Rollenstudium und, ja, Faulenzen. Nur Sekunden später wurde dieser Plan durchkreuzt, am Telefon war die Wiener Staatsoper – in weniger als zwei Stunden musste ich für einen erkrankten Kollegen in den Endproben für die in drei Tagen bevorstehende Premiere der neuen Kinderoper einspringen. Ich sprang also aus dem Bett und in die Dusche, zog mich an, nahm noch schnell einen Kaffee im Stehen in der Küche und lief in die nahe gelegene Oper. Nach der Probe wurde ich gebeten, noch etwas länger zu bleiben, und schon wurde klar, dass ich meine ganze Tagesplanung über den Haufen werfen musste.

»Clemens, gut, dass du gerade da bist«, rief mir eine Mitarbeiterin der Regiekanzlei zu. »Du, wir müssen leider kurzfristig umbesetzen. Du singst ja in der Shicoff-Gala den Escamillo und Hermann und coverst jetzt aber bitte auch schnell noch den Lindorf – Danke!« Also schnell den kurzfristigen Rollenauftrag unterschreiben, Noten holen, gleich zum Korrepetitor, Nachmittagsprobe absagen, Besprechung für ein Benefizkonzert verschieben. Vom Korrepetitor hetzte ich zur Orchesterprobe für die Gala, und bevor ich abends auf der Probebühne ein weiteres Repertoirestück probte, gingen sich gerade noch ein Kaffee und ein Snack in der Opernkantine aus. Der Alltag des Repertoire-Betriebs der Wiener Staatsoper hat es schon oft verlangt, ganz kurzfristig einzuspringen – und zwar von der kleinsten Rolle bis zur Hauptpartie.

Tage wie diese sind keine Seltenheit im Sängerberuf – ohne Spontanität, immer abrufbare Professionalität und trotzdem ungebrochene Freude an der Sache geht es nicht. All diese Eigenschaften sind das Ergebnis jahrelanger Erfahrung, aber auch großer Disziplin und konsequenten An-sich-Arbeitens.

Seit 2005 bin ich Solist und Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, aber mein Weg dorthin war alles andere als geradlinig und alles andere als vorgezeichnet. Heute bin ich »angekommen« und stehe auf einer der bedeutendsten Opernbühnen der Welt im Rampenlicht – aber begonnen hat alles in Finsternis.

BLINDFLUG

Abbazia

Opatija heißt der wunderschöne Ort an der kroatischen Adriaküste heute, Abbazia heißt er auf Italienisch, und so hieß er auch während seiner langen Geschichte als Teil Österreich-Ungarns, als alles, was in Wien Rang und Namen hatte, zum Sommerurlaub an die »österreichische Riviera« aufbrach. Und genau dorthin, nach Abbazia, fuhr ich eines Tages im Alter von fünf Jahren mit meinen Eltern und meiner Schwester auf Badeurlaub.

In dem ehemaligen k. u. k. Sehnsuchtsort herrschte eine besondere Atmosphäre; man spürte den Glanz längst vergangener Tage, die Stadt war gepflegt, die Häuser und Hotels, gebaut Ende des 19. Jahrhunderts, waren gut erhalten, aber die Zeit des kommunistischen Jugoslawiens war überall zu spüren. Kein Vergleich zum heutigen Glanz und Flair dieser schönen Stadt am Meer. Meine Eltern hatten eine alte, restaurierte Villa gemietet, die den Eindruck, in einer anderen Zeit gelandet zu sein, noch verstärkte. Uns Kinder interessierte weniger der geschichtsträchtige Ort als vielmehr das blitzblaue Meer und die Felsen, von denen man so toll ins Meer springen konnte. Über Leitern kletterte man die felsige Küste hinunter bis ans Wasser, das so klar war, dass man die vielen Seeigel sehen konnte, die an den Steinen hingen. Ich war begeistert von diesen Tieren, aber mir wurde eingeschärft, nur ja nicht an ihnen anzukommen oder gar auf einen zu treten. Baden und auf den Felsen herumklettern, das war das tägliche Pflichtprogramm von uns Kindern, und ich erinnere mich an die Eindrücke, die dieser Urlaub hinterließ – die heißen Tage, die milden Nächte, die mediterrane Vegetation, die Kinder zwar nicht wirklich interessiert, aber dennoch Kulisse jeglicher Begeisterung war. Ein Urlaub also, an dem nichts hätte schöner sein können.

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1 Verkühlung? Nein, danke! Früh übt sich schon der kleine Sänger …

2 Mit dem Tarzan-Schrei im passenden Kostüm übte ich schon im Kindergarten den Stimmsitz.

3 Autos waren bereits früh meine Leidenschaft – anfangs eben mit nur einem KS-1 Kinderstärke.

4 Ein Liegestuhl auf der sonnigen Terrasse – schon in Kindertagen ein »Must-have«

5 »Cucina alla Mamma« – der Energieschub für die Stimme

Eines Morgens wachte ich in meinem Bett in der alten Villa auf, öffnete die Augen und strich mir mit der Hand die Haare aus dem Gesicht. Noch einmal fuhr ich mir übers Gesicht, dann noch einmal und noch einmal. Ich konnte aber noch immer nicht gut sehen, mein Blick war wie verhangen, meine Haare ließen sich einfach nicht wegstreichen. Meine Eltern kamen ins Zimmer, nachdem ich, im Bett sitzend, laut nach ihnen gerufen hatte – »Mama! Papa! Ich sehe nur Haare!« Immer wieder und wieder versuchte ich, diese Haare, die ich sah, aus meinem Gesicht zu streichen.

Meine Eltern konnten zunächst nichts mit dieser Aussage eines Fünfjährigen, er sehe nur Haare, anfangen und nahmen sie im ersten Moment auch nicht weiter ernst. Als ich aber aufstand und durch unser Feriendomizil ging, lief ich unvermittelt gegen Türstöcke, Tische und Sessel. Verwundert und zunehmend beunruhigt beobachteten mich meine Eltern. Als ich mich schließlich nach einem Apfel bückte, der zu Boden gefallen war, diesen aber nicht aufheben konnte, weil ich nicht sah, wohin er gerollt war, und ihn auch tastend nicht finden konnte, war ihnen der Ernst der Lage schlagartig bewusst. Ihr Sohn konnte nicht mehr sehen.

Wir fuhren zunächst direkt in Abbazia ins Spital, wo man uns aber nicht helfen konnte und uns riet, gleich weiter nach Österreich zu fahren. Daraufhin brachten mich meine Eltern ins nächstgelegene österreichische Krankenhaus nach Klagenfurt, wo es eine erste Diagnose gab: Ich war an einer schweren Uveitis, einer Entzündung des Augeninneren, erkrankt. Die »Haare«, die ich geglaubt hatte zu sehen, waren die ersten Einblutungen, zu denen es über Nacht gekommen war. Wenig später war mein Augenlicht total erloschen. Ich war blind.

Die Ärzte in Klagenfurt gaben meinen Eltern eine erschütternde Prognose mit auf den Weg nach Wien – die Wahrscheinlichkeit, dass ich je wieder würde sehen können, war sehr gering.

Die Augenentzündung, an der ich litt, kann durch Verschiedenes ausgelöst werden. Häufig ist sie Folge einer Infektion, autoimmun bedingt oder tritt ohne feststellbaren Auslöser auf und variiert im Verlauf. Gerötete, schmerzende Augen bis hin zu Seheinschränkungen sind möglich. In meinem Fall nahm sie einen schweren Verlauf und hatte eine Behandlungstortur zur Folge. Verschiedene Medikamente musste mein kindlicher Körper damals verkraften, und noch viel schlimmer waren die unzähligen Spritzen, die ich bekam. Ich fürchtete mich vor den Spritzen. Injektionen überall hin, auch direkt in die Augen, haben mir eine bis heute anhaltende, unüberwindbare Spritzenphobie beschert. Wenn sich die Nadel nähert, heute, wo ich sie ja auch wieder sehen kann, beginnt mein Herz zu rasen, meine Hände beginnen zu zittern, und es kann schon auch mal passieren, dass mir schwindelig wird.

Damals wurde ich Patient vieler nationaler und internationaler Augenkoryphäen. Diese Ärzte behandelten mich zwar nach allen Regeln der damaligen schulmedizinischen Kunst, aber als sich keine wesentlichen Verbesserungen einstellten, versuchten meine Eltern wirklich alles und waren letztlich auch für die vielgeschmähte Alternativmedizin offen. Ich bekam alle möglichen Tropfen, Pflanzen, Wurzeln, Geheimtinkturen und Globuli. Auch Ernährungsumstellungen wurden ausprobiert. Ich durfte zum Beispiel monatelang nur Reis essen. Ein Wunder, dass ich heute Reis überhaupt noch sehen kann – ja mehr noch, Reis liebe. Es kann sich sicher jeder vorstellen, wie schwierig es für meine Eltern damals war, ihrem Kind solche »Versuche« schönzureden. Die wesentlichste und sicher wichtigste Entscheidung meiner Eltern war damals jedoch die Zuziehung eines damals sehr berühmten Akupunkteurs aus Kärnten. Dr. Böhmig war eine Koryphäe und bekannt als »Wunderheiler« von Krumpendorf. Menschen aus der ganzen Welt kamen zu ihm, und genau dorthin an den Wörthersee pilgerten auch wir monatelang, um einen Heilungsprozess mit Tees, Heilkräutern und vor allem mit Massagen, Akupunktur und Akupressur einzuleiten. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich dalag und er mit seinen Händen über meinen Körper fuhr, um die Energiepunkte aufzuspüren und die Nadel zu setzen. Es war wie Magie. Jedes Mal, wenn er den richtigen Punkt gefunden hatte, spürte ich ein Ziehen, und als er die Hand dann vom Körper wegzog, entlud sich die Luft mit einem lauten Knistern. Ich hörte und spürte diese Energie und lag dann stundenlang mit Nadeln überall am Körper da und konzentrierte mich auf meine Heilung.

Was auch immer es war, die Ärzte mit ihren Medikamenten und Spritzen oder die Kräuter, der Reis, die Tees oder eben die Akupunktur – ab der Behandlung durch Dr. Böhmig stellte sich langsam eine Verbesserung ein. Zuerst begann ich Schatten zu sehen, dann wurde es immer heller und heller, es kamen schemenhaft Bilder zurück, Farben, und nach und nach konnte ich wieder teilweise sehen. Zwar noch sehr eingeschränkt, aber immerhin – das dunkle Tal war überwunden.

Erst nach etlichen langwierigen weiteren Behandlungen konnten viel später die notwendigen Operationen vorgenommen werden, die aufgrund der anhaltenden Entzündung in den Augen lange nicht möglich gewesen waren. Dem Austausch des Glaskörpers, dem Einsetzen einer künstlichen Linse sowie einigen Laserbehandlungen – heute alles Routineeingriffe, damals aber noch Neuland – verdanke ich meine heutige Sehkraft, die zwar eingeschränkt ist, aber mittlerweile doch so gut geworden ist, dass ich am Leben ungehindert teilhaben kann. Nur das Lesen fällt mir heute noch schwer.

Die Krankheit selbst ist allerdings nicht geheilt. Ich leide auch heute immer wieder unter »Schüben«, bei denen es zu Einblutungen ins Auge kommt. Diese »Schübe« sind in ihrem Verlauf aber nicht mehr so gravierend und mit modernen Behandlungen gut in den Griff zu bekommen. Dennoch schwebt immer ein »Damoklesschwert« über mir – doch ich habe gelernt, damit zu leben.

Ein Jahr in Dunkelheit

Nahezu ein Jahr dauerte meine vollständige Blindheit. Ich war ein Kind von fünf Jahren, das nicht mit seinen Altersgenossen einem Fußball hinterhertoben konnte, das nicht mit dem Fahrrad die Wiener Parks unsicher machen konnte, ein Kind, das nicht sah, wie die Burg aussah, die es versuchte, mit Legosteinen zu bauen. Bemerkenswert waren in diesem Jahr die Erfahrungen, die ich mit meinen Spielgefährten machen konnte: Wenn man weiß, wie hart Kinder untereinander sein können, überrascht es, wie rücksichtsvoll und aufmerksam sie auf der anderen Seite sind, wenn es um Behinderungen geht. Meine Spielkameraden im Schwarzenbergpark versuchten, mich so gut es eben ging in ihre Spiele einzubinden. Man musste mir Spielzeug in die Hand geben, ich konnte ja nicht selbst danach greifen, oder sie nahmen mich an der Hand und tollten mit mir herum. Und es liegt auf der Hand – ja – wir spielten auch »Blinde Kuh«. Aber lustigerweise gefiel mir das sogar – ich war richtig gut darin, alle zu fangen, denn ich hatte sehr gute Ohren, ich fühlte und ortete die Spielkameraden in meiner Umgebung.

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Nur langsam fing ich wieder an zu sehen, und zur Feier reiste meine ungarische Großmutter Nagyi extra durch den Eisernen Vorhang zu Besuch nach Wien.

Der private Schwarzenbergpark war etwas ganz Besonderes für mich. Schon zu der Zeit, als ich den Kindergarten gegenüber in der Prinz-Eugen-Straße besuchte, machten wir nahezu täglich einen Nachmittagsausflug dorthin. Ich kannte den Park, zu dem man einen Schlüssel brauchte, gut, und später, als Volksschüler, als ich wieder sehen konnte, trafen wir Burschen uns nachmittags dort, um »Abenteuer« zu erleben: Wir erforschten Grotten, kletterten auf die Bäume, machten Kastanienschlachten und fuhren mit dem Rad. Ich hatte ein Bonanza-Rad mit drei Gängen. Damals absolut hip.

Zunächst war aber alles finster um mich. Ich kann mich gut erinnern, dass es sich anfühlte, als wäre ich in mir gefangen gewesen. Die Dunkelheit, in der ich mich befand, obwohl ich die Augen weit geöffnet hatte, machte mir Angst. Ich war zu Beginn total hilflos alleine, traute mich nicht, mich in der Wohnung frei zu bewegen, wenn ich nicht von Mama oder Papa an der Hand genommen wurde. Alle meine alten Spielsachen lagen fast unberührt da – es macht keine wirkliche Freude, mit Autos oder Stofftieren zu spielen, wenn man sie plötzlich nicht mehr sehen kann.

Karlheinz Böhm und die Klassik

Meine Eltern standen vor einer großen Herausforderung – wie beschäftigt man ein Kind, dem es nicht möglich ist, sich alleine mit seinen Spielsachen die Zeit zu vertreiben? Der Fokus auf das Gehör, auf meine auditive Wahrnehmung, legte in jener Zeit den Grundstein für meinen späteren Lebensweg. Meine Eltern schenkten mir Kassetten, auf denen Karlheinz Böhm mit seiner einprägsamen Stimme Geschichten über das Leben von berühmten Komponisten und deren Werke erzählte. Generationen von Kindern sind mit diesen Hörkassetten aufgewachsen – vielleicht hatten sie nicht bei allen diese große Bedeutung, die sie in meinem damaligen Leben einnahmen. Ich hatte eine neue Leidenschaft. Ich war gefesselt von den aufregenden Geschichten, von Beethovens Leben, der trotz seiner Taubheit Meisterwerke komponierte. Von Tschaikowsky, der zeit seines Lebens an unzähligen Krankheiten litt und nicht daran dachte, das Komponieren aufzugeben. Oder Wagner, ein völlig verarmter Revolutionär, der steckbrieflich gesucht wurde und es dann bis zum Günstling des bayerischen Königs und Herrn über Bayreuth brachte. Oder gar Mozart, der schon als Kind ein Genie und Quergeist war und so ein bewegtes Leben mit vielen Aufs und Abs hatte.

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Große Gesten wollen gelernt sein. Posen übte ich bei jeder Gelegenheit …

Ich hatte nichts weniger als Leidensgenossen gefunden, Helden, die ich von nun an nicht nur verehrte, sondern denen ich auch nacheiferte. Mit kindlichem Selbstverständnis lenkte ich meine Aufmerksamkeit weg von der Bedrücktheit, die in meiner Finsternis auf mir lastete, hin zu jenen Dingen, die ich trotz meines fehlenden Augenlichts erleben und an denen ich mich erfreuen konnte. An allererster Stelle stand die Musik. Symphonische Werke und Opern, die mir Karlheinz Böhm näherbrachte. Vor allem die Oper hatte es mir angetan, diese Dramatik in Musik und Gesang, aus der vor meinem geistigen Auge Bilder entstanden. Die aufregenden Geschichten, die singend erzählt werden. Schon im Alter von fünf Jahren hatte ich meinen Traumberuf gefunden: Opernsänger.

Wer weiß, was passiert wäre, hätten mich meine Eltern damals vor den Radioapparat gesetzt und Radio Burgenland aufgedreht – vielleicht wäre ich jetzt ein millionenschwerer Fixstern am Schlagerhimmel.

Freiheit in der Steiermark

Ich habe schon vor meiner Erblindung als Kind immer viel und gerne gesungen. Meine Mutter hat mit meiner Schwester und mir immer steirische Volkslieder gesungen, nicht nur in Wien, sondern vor allem auch, wenn wir in der Steiermark auf unserer »Huabn« waren.

Huabn ist der lokale Ausdruck für einen kleinen, bescheidenen Bergbauernhof. Solche Huabn sind in der Obersteiermark weit verbreitet. Bei uns war es ganz einfach und etwas spartanisch, es gab keinen Strom, kein fließend Wasser im Haus und nur ein Plumpsklo. Man musste Holz hacken, um einheizen und kochen zu können, und es gab nur ein kleines Brunnenhaus, wo man sich mit kaltem, fließendem Quellwasser waschen konnte. Doch immerhin hatten wir eine kleine Sitzbadewanne. Die musste man zwar sehr mühsam mit großen Töpfen voller heißem Wasser auffüllen, aber es war herrlich – und so romantisch. Diese Einfachheit und das wahrhaftige Spüren der oft rauen Natur, das Fehlen des städtischen Luxus – all das war für mich Heranwachsenden sehr wertvoll, hat mich immer geerdet und ist bis heute ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Feuer zu machen, darauf zu kochen, mit Petroleumlampen und Kerzen die Stube zu erleuchten und mit der Natur zu leben, ist etwas ganz Wunderbares. Ich liebe den Komfort und Luxus der Stadt, aber um mal abzuschalten und »runterzukommen« oder um sich nach schweren Vorstellungen oder Tourneen wieder zu erden, sind bis heute Wochenenden oder Sommerferien auf der Huabn ein Traum.

Die Liebe zur Natur liegt mir anscheinend in den Genen. Schon mein Urgroßvater war Oberforstmeister bei Schwarzenberg und mein Großvater Oberforstdirektor bei Mayr-Melnhof und Reuss. Diese Familien haben Besitz in der Obersteiermark, und so kamen wir über meinen Opa in »seinem« Revier zu unserer Huabn, die wir pachteten. Ich war immer glücklich in der Steiermark und habe dort die vielleicht schönste Zeit meiner Kindheit verbracht. Schon als Teenager wurde ich dort ein perfekter Auto-»Schwarzfahrer«.

Ein Meilenstein in der Überwindung des Traumas der Blindheit war viel später meine erfolgreiche Führerscheinprüfung. Erst mit Ende 20 waren meine Augen wieder so weit in Ordnung, dass ich das Autofahren erlernen durfte. Offiziell. Inoffiziell begann ich schon viel früher Auto zu fahren, nämlich kaum, dass ich halbwegs sehen konnte. In der Steiermark durfte ich schon als Kind, am Schoß meines Vaters sitzend, ein bisschen lenken, während er die Fußpedale bediente – natürlich nur auf den privaten Forststraßen. Mit 13 Jahren durfte ich dort aber schon unter der Anleitung meines Vaters auch meine ersten eigenen Fahrversuche unternehmen, und bald beherrschte ich die Kunst des Autofahrens. Am Wochenende wurden Freunde eingeladen und wir bretterten mit einem alten Steyr-Puch Haflinger mit umgeklappter Windschutzscheibe durchs Revier. Es war ein Traum. An den Wochenenden und in den Ferien in der Steiermark bot sich mir, dem Teenager aus der Großstadt, ein »freies« und unbeschwertes Leben, und Autofahren war der Inbegriff von »Freiheit«. Heute fahre ich immer noch gern und viel mit dem Auto und kann mich auch nach wie vor für Autos und Motorsport begeistern.

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1 Als »Hochzeitsrufer« mit lauter Stimme bei der Hochzeit meiner Grazer Tante – »Hört ihr Leute, lasst euch sagen …«

2 Kaum konnte ich wieder sehen, war mein erster Wunsch: Autofahren.

3 Die Aufgaben waren klar verteilt. Holzhacken und Einheizen auf der Huabn waren mein Revier …

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1 Erste Skifahrversuche am Präbichl

2 Ein Käfer und sein kleiner Freund. Die Liebe zu Oldtimern begann früh.

3 Traditioneller Ostersonntag mit Osternestsuche bei Tante Renate in Graz

Wenn ich mit meiner Familie auf der »Huabn« war, gingen wir Schwammerl und Schwarzbeeren brocken, Tiere in freier Wildbahn beobachten – und immer wurde steirisches Liedgut gesungen. Ich habe als Kind Baumhäuser und Hütten im Wald gebaut, meine ersten Theaterauftritte hatte ich im Heustadl. »Zu Hause ist es am schönsten«, hieß meine erste Produktion im »Kinderstadl«, unserer Scheune, in der die alten landwirtschaftlichen Geräte und Oldtimer meines Vaters, der gerne an Autos herumbastelte, untergestellt waren und wo wir ins Heu hupfen, herumklettern und eben Theater spielen konnten. Das große Scheunentor mit zwei Flügeln diente als großer Vorhang, man stellte Bänke und Sessel in die Wiese davor, und so spielten wir Kinder, meine Schwester, deren Freundinnen, meine Freunde, die Kinder der Freunde meiner Eltern, die Kinder der Freunde der Freunde aus dem Ort – also eben alle Kinder, die ich dafür »engagieren« konnte – großes Theater. Ich war der wichtige Intendant, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person. Wir texteten sogar Schlager und Lieder um, tanzten, sangen und spielten vor unserem begeisterten Publikum. Und wer weiß das schon so genau … vielleicht habe ich ja dort im »Kinderstadl« meine Liebe zur Bühne entdeckt.

Auch das Bergsteigen war immer ein großes Thema. Jedes Mal musste man uns Kinder zuerst mühsam dazu überreden, aber dann auf dem Gipfel waren wir immer die Ersten beim Eintragen ins Gipfelbuch.

Im Gesäuse war ich oft Bergsteigen – auch mein schönstes Bergerlebnis hatte ich dort. Ich kann mich noch gut an den unglaublich beschwerlichen Aufstieg auf die Planspitze über den Wasserfallweg erinnern. Ich wäre schon bei der Hälfte des Weges umgekehrt, aber der Bergführer konnte mich dann doch mit List und Trug – es würde ja nur mehr eine halbe Stunde bis zum Gipfel dauern – motivieren. Und es hat sich ausgezahlt.

Kurz: Die »Huabn« und die Gegend rundherum waren und sind für mich ein echter »Kraftplatz«. Und das Singen war damals eben, ohne dass ich groß darüber nachgedacht hätte, allgegenwärtig. Es gibt bestimmt kein steirisches Volkslied, das ich nicht kenne. Ich hatte immer ein Liedchen auf den Lippen, und schon meine Kindergartentante sagte: »Der Clemens wird einmal ein Sänger.«

Wozu sehen, wenn man auch hören kann

Ich denke, dass ich wohl auch ohne meine Erblindung früher oder später mit klassischer Musik im Allgemeinen und Oper im Besonderen in Berührung gekommen wäre, zumal meine Familie künstlerisch interessiert und musikalisch begabt war; ich hätte gerne auf die totale Finsternis verzichtet, die mich bei meinem Einstieg in diese Welt der Töne begleitet hatte. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es, trotz meines kindlichen Alters, auch eine Reihe von Erfahrungen gab, die ich in dieser Zeit machte und die mein späteres Leben beeinflussten: nicht nur die Entdeckung meiner Liebe zur klassischen Musik, sondern vor allem der bewusste, konstruktive Umgang meiner Eltern mit der Situation; ich verzweifelte nicht an meinem Unvermögen zu sehen, ich verschob den Fokus vom Sehen auf das Hören. Ich habe mich nicht passiv geschlagen gegeben, ich habe aktiv, wenn man so will, das Beste daraus gemacht. Und diese Eigenschaft ist mir auch später oft noch wertvoll gewesen.

Im Grunde findet man sich im Laufe des Lebens immer wieder in Situationen, in denen man entweder verzweifeln oder kämpfen kann. Diese Situationen müssen keinesfalls immer so ernst sein wie jene, in der sich ein erblindetes Kind befindet. Ich habe mich jedenfalls schon damals fürs Kämpfen entschieden. Mit Verzweifeln kommt man nicht weiter. Wer nicht kämpft und alles probiert und es nicht zumindest versucht, der hat schon verloren.

Ich kann sehen!

Nach nahezu einem Jahr in absoluter Dunkelheit kehrte mein Augenlicht sehr langsam zurück. Ich konnte schemenhaft Dinge erkennen, Umrisse, Schattierungen, eine Welt tauchte auf aus den schwarzen Wolken. Meine Eltern schöpften Hoffnung, dass ihr Sohn doch ein »normales« Leben würde führen können, und kämpften dafür, dass ich in einer normalen Volksschule aufgenommen wurde. Da mein Sehen sich stetig besserte, war eine Sonderschule keine Option mehr.

Bei meiner Einschulung in die Volksschule konnte ich Autos oder Bäume wieder erkennen, wenn auch noch undeutlich, aber es war ein großartiges Gefühl der Freude und Hoffnung. Ich freute mich auf die Schule. Auf die bunte, mit Zuckerln gefüllte Schultüte, die ich nicht nur ertasten und ihren Inhalt riechen und schmecken, sondern die ich auch erkennen konnte. Ich freute mich auf meine Schulkameraden, deren Stimmen ich zum Teil schon kannte, deren Gesichter nun aber ganz neu waren für mich.

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Glücklich trotz Sehbehinderung in der Volksschule. Einfach dem Schicksal mit Fröhlichkeit begegnen …

Der Schulalltag an sich war hingegen weniger freudvoll. Ich konnte ja nach wie vor schlecht sehen. Lesen und daher auch Lernen strengten mich an. Das schlug sich leider auch in den Schulnoten nieder. Heute noch strengt mich das Lesen an, nach einigen Seiten beginnen die Buchstaben zu tanzen, der Text verschwimmt und ich bekomme Kopfschmerzen.

Meine Volksschulzeit war auch in anderer Hinsicht eine schwierige Zeit. Nicht nur meine Lernschwierigkeiten machten mir zu schaffen, es kam auch noch dazu, dass ich in der Volksschule ein pummeliges, ja dickes Kind wurde und somit in mehrfacher Hinsicht das ideale Opfer war. Als schlechter Schüler wurde ich täglich gehänselt, verspottet und sogar auch mal verprügelt. Die Opferrolle gefiel mir aber gar nicht. Ich wehrte mich erfolgreich mit einer »furchteinflößenden« Nahkampftaktik. Im Fernsehen hatte ich Kung-Fu-Filme gesehen und ging daraufhin mit wildem Gefuchtel und Kampfgeschrei mit Armen und Beinen in die Begegnungen mit meinen Klassenkameraden. Vermutlich sah ich sehr komisch aus mit meiner Volksschülervariante dieser Kampftechnik, aber sie wirkte: Der Spott ließ nach, die »Prügeleien« waren dann nur mehr ganz normales Gerangel unter Jungs.

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Verkleiden und in andere Rollen zu schlüpfen, ist heute auch nicht viel anders – nur eben jetzt beruflich.

Als Teenager im Gymnasium erschlankte ich – und zwar ohne jede Diät oder Sport. Ich machte es ganz einfach: Ich wuchs! Ein schönes Gefühl, gleichermaßen für die innere wie auch für die äußere Wahrnehmung. Ich fühlte mich bedeutend wohler in meinem Körper – und das, obwohl ich bis heute ständig den Eindruck habe, zu dick zu sein. Wenngleich meine Gewichtsschwankungen heutzutage unbedeutend sind, trage ich das Gefühl von damals, das Gefühl der körperlichen Unzulänglichkeit, immer noch mit mir herum. Wenn mir heute jemand sagt »Na, du hast aber auch wieder ein bisschen zugelegt …«, gibt mir das immer noch einen kleinen Stich.

Mein Augenlicht hat sich seit dem Volksschulalter über die Jahre und nach vielen Behandlungen deutlich gebessert. Ich habe vor allem gelernt, die in Episoden auftretenden Eintrübungen in mein Leben zu integrieren. Ich lebe damit, nie wirklich gut zu sehen, ich lebe mit dem Wissen, dass jederzeit wieder eine Verschlechterung eintreten kann. Dennoch denke ich nicht mehr jede Sekunde des Tages an meine Augenkrankheit.

Was mir jedoch geblieben ist, ist das Trauma der Dunkelheit. Ich gerate regelrecht in Panik, wenn ein Spaßvogel von hinten kommt und glaubt, mir die Augen zuhalten zu müssen – »Hu-hu, wer bin ich?« Für diese Art von Humor kann ich bis heute kein Verständnis aufbringen. Panik steigt auch in mir hoch, wenn ich in einem stark abgedunkelten Zimmer, in einem Hotel zum Beispiel, aufwache und nichts sehe. Sofort ist die Erinnerung an die Zeit der Erblindung wieder da – und mit ihr alle Ängste.

Die Königin »in« der Nacht

Die Dunkelheit also ging – was blieb, war die Liebe zur Musik, die ich in dieser Zeit entwickelt hatte und die mich nicht mehr losließ. Längst beschränkte ich mich nicht aufs bloße Zuhören, nein, ich sang mit großer Leidenschaft laut mit, und je besser mein Sehen wurde, desto mehr lag mir auch am »Auftritt« an sich. Wenn meine Eltern Gäste hatten, war ich oftmals der »musikalische Höhepunkt« des Abends, mein reiner, heller Knabensopran erreichte mühelos die höchsten Höhen. Am liebsten sang ich die Arie der Königin »in« der Nacht, wie ich die sternflammende Königin aus Mozarts Zauberflöte mit kindlicher Logik nannte – sie sang doch »in« der Nacht!

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Als hätte ich damals schon als Till Eulenspiegel geahnt, dass Rigoletto nicht allzu fern ist.

Ich hatte mir oft im Fernsehen abgeschaut, wie man sich bei einem »richtigen« Konzert verhält: Auftritt – Arie – Verbeugen – Abgang; bald hatte ich meine »Opernkonzerte« perfektioniert, sehr zu meiner Freude und zum Amüsement meiner Zuhörer.

Schon lange war es mein größter Wunsch gewesen, Oper einmal live erleben zu dürfen. Im Alter von acht Jahren war es so weit. Meine Eltern beschlossen, mir diesen Wunsch zu erfüllen, und fragten mich, welche Oper ich denn gerne sehen wollen würde. Klassische »Einstiegsopern« für Kinder sind Die Zauberflöte oder Fidelio. Und was wollte ich sehen? Den Fliegenden Holländer. Wagner zum Auftakt. Die unheimliche Geschichte von dem gespenstischen Seefahrer kannte ich schon, auch die Musik, die in meiner Fantasie Bilder eines düsteren Schiffs und einer am Ufer wartenden Senta entstehen ließ. Ich freute mich sehr, nun zum ersten Mal eine echte Opernaufführung in der Wiener Staatsoper erleben zu können.

Clemens Unterreiner ist ein sehr talentierter Sänger, den ich stets als hochprofessionell erleben durfte. Seinen hundertprozentigen Einsatz in jeder Rolle sowie seine Begeisterung für die Welt der Oper und für unser Haus schätze ich sehr. Clemens ist eine große Bereicherung für das Ensemble der Wiener Staatsoper, ich gratuliere ihm herzlich zu seinem zehnjährigen Jubiläum und wünsche ihm für die Zukunft zahlreiche Erfolge.

DOMINIQUE MEYER

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Gemütliches Glaserl Wein backstage mit Direktor Meyer nach der Nurejew-Ballett-Gala mit Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen.

Galerie Halbmitte saßen wir, ich weiß es noch heute, und ich erinnere mich auch gut an meine Aufregung, mein nervöses Herumrutschen auf dem roten Samt des Klappsessels, und daran, dass ich mich weit nach vorn beugen musste, um über die Brüstung hinunter auf die Bühne sehen zu können. Die Lichter des riesigen Kristalllusters erloschen, der Vorhang hob sich, und als die Besatzung des Geisterschiffs zum Steuermann lass die Wacht anhob, war mir klar: Eines Tages stehe ich auf dieser Bühne und singe.

Es war ein großartiges Erlebnis, die Musik, die ich nur aus dem Kassettenrekorder kannte, nun live zu hören; dieser Opernbesuch war zweifelsohne ein Schlüsselerlebnis für mich und maßgeblich für meinen weiteren Weg.

Der, der singt

Damals, als ich erblindet war, hatte meine Mutter zuvor schon einen Dienstvertrag im Akademischen Gymnasium unterschrieben und war bereit, ihre Lehrtätigkeit dort aufzunehmen – um sich im letzten Moment dagegen zu entscheiden und bei ihrem blinden Sohn zu Hause zu bleiben. Nie wird sie die Reaktion des damaligen Direktors des Akademischen Gymnasiums vergessen: Nicht nur, dass er großes Verständnis für den Schritt meiner Mutter aufbrachte, nein, er versprach meinen Eltern, dass er mich, auch im Falle einer dauerhaften Blindheit, in seinem Gymnasium aufnehmen würde. Er meinte, dann wäre ich eben der erste blinde Schüler dieser Schule und sicherte uns Unterstützung zu. Für meine Eltern war das ein großer Zuspruch, der ihnen Sicherheit gab; ich selbst habe von dieser Geschichte erst viel später erfahren. Meine Eltern haben sich immer bemüht, alles Negative, alles Belastende von mir fernzuhalten. Sie haben mir immer das Gefühl gegeben, alles wird gut. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein.

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