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Lotte Tobisch

Alter ist nichts
für Phantasielose

LOTTE
TOBISCH

ALTER IST
NICHTS FÜR
PHANTASIELOSE

Aufgezeichnet von
Michael Fritthum

Mit 119 Abbildungen

AMALTHEA

Besuchen Sie uns im Internet unter:
www.amalthea.at

INHALT

Ein Nachwort als Vorwort

BETRACHTUNGEN

Alter ist nichts für Phantasielose

Wir alle tanzen nach einer geheimnisvollen Melodie

Kristallbildungen

Laudatio für Lotte Tobisch anlässlich der Verleihung des Professorentitels

Meine Dankesworte anlässlich der Verleihung des Professorentitels

Wie das Leben so spielt

Schauspielanfänge

Burgtheater

Eine Winterreise anno 1952 mit dem ÖBB-Überraschungszug

Als neue Vorstellungen von Glück und Unglück aufzubrechen begannen

Im Leben kann man Theater spielen, auf der Bühne darf man es nicht!

Aufnehmen und Abgeben

Glück und Unglück

Mitfühlen statt Mitleiden

Selbstmitgefühl statt Selbstmitleid

Mit dem Arsch ins Gesicht

Fremdschämen

Was ich unter Freiheit verstehe

Geschichtsentsorgung

Emanz-I-pation ohne Binnen-I

90 Jahre und kein bisschen leise!

Eine Fast-Gleichberechtigung

Rabenhof Theater

Geist und Stil

ABSCHIED VON DER JUGEND

Meine kleine Weihnachtsgeschichte

Die Villa Silberbusch

Abschied von der Jugend

BEGEGNUNGEN

Schinkenfleckerln

Entfaltung durch Begegnung

Josef Dobrowsky

Ende meines Jugendtraums – Erinnerung an Erhard Buschbeck

Hundebegegnungen

Keine Witzfigur – Egon Hilbert

Ein Selfmademan – Fritz Hochwälder

Oskar Werner

Ein kleiner Unfall – Theodor W. Adorno

Gershom Scholem

Günther Anders

Fred Adlmüller

Josef Meinrad und der Iffland-Ring

Weh dem, der lügt! – Peymann 1

Identitätskrisen – Peymann 2

Ein Faschingsscherz

Versöhnung oder Vorwurf?

IM HIER UND JETZT

Allein, aber nicht einsam

Kunst auf Rädern

Österreichische Alzheimer Gesellschaft

Künstler helfen Künstlern

KhK-Promitrabrennen

KhK-Flohmärkte

EPILOG

Bildnachweis

Textnachweis

Namenregister

Einszweidrei, im Sauseschritt
Läuft die Zeit; wir laufen mit. −

Wilhelm Busch

EIN NACHWORT ALS VORWORT

Lotte Tobisch zum Abschied vom Opernball 1996 von SPIEGEL-Korrespondentin Inge Santner-Cyrus

»Die Welt ist nicht heil, drum lasst uns eine Nacht lang heile Welt spielen.«

Lotte Tobisch

Den alten Geheimrat aus Weimar hätte sie hell entzücken können. Mit Felix Salten, Arthur Schnitzler, Egon Friedell hätte sie im Café diskutieren können. Einem Adolf Loos hätte sie erzählen können, dass der Mensch zum Wohlfühlen ein klein wenig Kitsch braucht. Und wahrscheinlich hätte sie’s sogar schaffen können, den Wolferl Amadeus Mozart mediengerecht mit Antonio Salieri zu versöhnen.

Auf den ersten Blick scheint Lotte Tobisch von Labotýn in der feinsinnigen Welt von gestern daheim. »Opernball-Lady« nannten sie die Journalisten, ohne eine Sekunde nachzudenken. Was sie tut, tut sie mit Stil. Wenn sie lacht, glaubt man den Flügelschlag des Doppeladlers zu hören.

Ein Teil ihrer Familie ist etwa so alt wie das Haus Habsburg. Laut Chronik lässt sie sich ins Jahr 1229 zurückverfolgen. Gelehrte, Großindustrielle, hohe Staatsbeamte und Erbhofbauern gehörten dazu, ebenso der Goethe-Intimus Jacob Michael Reinhold Lenz.

Als Wienerin aus bestem Hause hatte Lotte Tobisch beste Schulen besucht, Tausende Bücher gelesen, so altmodische Tugenden wie Anstand, Disziplin, Mitleid, Wahrhaftigkeit geübt. Nie trug sie knappe Jeans und kurzes Haar. Auf die Insel würde sie Kamm, Seife und Bibel mitnehmen.

Dennoch war sie schon in blutjungen Jahren konsequent emanzipiert. Nicht zur Freude ihrer Eltern nahm sie Schauspielunterricht beim legendären Raoul Aslan. Mit 17 ging sie auf und davon, brach mit allen Konventionen und wollte primär eines: unabhängig sein. Statt standesgemäß einen Gräfinnentitel zu heiraten, entschied sie sich für die Liebe mit dem um fast vier Jahrzehnte älteren Erhard Buschbeck, damals Vizedirektor und Chefdramaturg am Burgtheater. Die Verbindung hielt bis zu Buschbecks schwerem Tod 1960 und schockierte die sogenannte Wiener Gesellschaft. Tobisch-Freunde wussten es freilich besser. Er kenne überhaupt nur zwei ganz große Liebesgeschichten, urteilte Fred Hennings, »die von Romeo & Julia und die von Erhard & Lotte«.

Widersprüche gehörten halt zu ihrem Leben, meint Lotte Tobisch heute zu wissen. Sie löst sie nicht auf, sie versöhnt sie einfach, bis sie zusammenpassen wie Herz und Verstand. Ihre charmante Wohnung unterm Dach eines Ringstraßenhauses ist vollgestopft mit Kunst und Kram, die gleichrangig nebeneinander existieren. Auch in ihrer Karriere sorgte sie mit robuster Frohnatur für menschliche Dimensionen.

Jugendträume von Starruhm in Duse-Format hielten sie nicht lange auf. Durchaus zufrieden spielte sie relativ kleine Rollen, eine bildschöne Maria Theresia in der Volksoper zum Beispiel, korrespondierte zwischendurch mit Theodor Adorno und setzte der langweiligen Literaturkritik des ORF etliche Glanzlichter auf. Den Job einer Betriebsrätin am Burgtheater betrachtete sie als bestens vereinbar mit ihrer noblen Herkunft. Links und Rechts, Rot und Schwarz sind für sie keine Wertkategorien.

Als sie 1980 zur Opernballleiterin ernannt wurde, begann sie mit einer symbolischen Geste. Sie räumte das altmodische Arbeitszimmer ihrer Vorgängerin komplett aus und stellte neue Büromöbel hinein. Dann machte sie sich daran, den Traditionsball

»ein bisserl abzustauben«, ein bisserl in die Gegenwart zu rücken. Aber eben nur ein bisserl. Die 176 Debütantinnen sollten aus allen Bundesländern und Schichten der Bevölkerung kommen, doch ein glitzerndes Krönchen tragen und den tollen Triumph der Realität durchkreuzen, Motto: »Die Welt ist nicht heil, drum lasst uns eine Nacht lang heile Welt mimen.«

15 Mal gestaltete Lotte Tobisch auf ihre ganz individuelle Manier die Festivität der Nation. Sie kümmerte sich schlichtweg um alles, stritt mit Anti-Ball-Demonstranten (»ich verstehe ja, was ihr wollt«), bügelte die gekränkten Seelen der abgewiesenen Komitee- und Logenbewerber wieder glatt und roch sogar durchs Telefon, ob ein Prinz auch wirklich echt war. Jetzt, zu Österreichs Millennium und ihrem eigenen 70. Geburtstag, macht sie Schluss.

Die Opernbälle der Zukunft mögen perfekt organisiert und gemanagt sein. Das erquickend damenhafte Fluidum dieser zugleich klugen und eleganten Grenzgängerin zwischen zwei Welten wird ihnen fehlen.

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Beschwingter Abgang 1996 als Organisatorin des Wiener Opernballs

BETRACHTUNGEN

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ALTER IST NICHTS FÜR PHANTASIELOSE

»Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
zu jung, um ohne Wunsch zu sein.«

Johann Wolfgang von Goethe

Leben bedeutet altern. Das eine ist ohne das andere undenkbar. Und dennoch sind »alt sein« und »älter werden« nicht dasselbe. Der Unterschied liegt in der Phantasie.

Alt sein heißt so viel wie nicht mehr gestört werden zu wollen, zu verharren, auf seinen althergebrachten Ideen und Meinungen zu bestehen, auch wenn diese längst als überholt gelten oder dem neuen Wissensstand nicht mehr entsprechen. Man ist nicht nur so alt, wie man sich fühlt, sondern so alt, wie man denkt. Wer sich immer öfters und immer heftiger weigert, über Erfahrungen und Meinungen anderer nachzudenken, ob alt oder jung, gibt sich als »alter« Mensch zu erkennen. Wer kennt sie nicht, die »Alten«, für die die erneuernde Kraft der Phantasie nur Störung der ruhenden Erstarrung ist?

Älter werden hingegen bedeutet, sich dieser Gefahren des Alters bewusst zu sein und sich, um nicht phantasielos zu werden, auf die Konfrontation mit der Phantasie anderer einzulassen. Denn nur so können wir unseren wie auch den Bedürfnissen und Anliegen anderer im letzten Lebensabschnitt gerecht werden. Wer sich mit zunehmendem Alter nur die Selbstverliebtheit der Jugend bewahrt, darf sich nicht wundern, wenn er im Alter mit dieser Selbstverliebtheit alleingelassen wird. Phantasielose Selbstverliebtheit ist nichts für in die Tage gekommene Menschen.

Phantasie als Lebensrezept bedeutet, den in jungen Jahren notwendigen Kampf um Selbst-Etablierung zu Gunsten menschlicher Hinwendung aufzugeben. Alles andere ist nicht nur phantasielos, sondern dumm und belegt ein Unvermögen zu begreifen, dass wir zu einem erfüllten Älterwerden der Zuwendung anderer bedürfen. In diesem Sinn bedeutet mir Älterwerden, dass ich mich nicht nur für mich und mein Leben, für das Gewesene, für die Toten, für das schon tausend Mal Gesagte und Behauptete, sondern ebenso für das Heute und Morgen meiner notgedrungen allmählich kleiner werdenden Welt interessiere.

Auch wenn man zu alt ist, um nur zu spielen, muss man im Wollen und Wünschen jung genug bleiben, um auch immer am Leben und an den Wünschen anderer teilzuhaben.

Martin Buber drückt das, was ich meine, unübertroffen kurz und klar aus: »Alt sein ist ja ein herrliches Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt.«

Insofern brauchen wir mehr Phantasie, je »älter« wir werden.

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WIR ALLE TANZEN NACH EINER GEHEIMNISVOLLEN MELODIE

»Die menschlichen Wesen, Pflanzen oder der Staub, wir alle tanzen nach einer geheimnisvollen Melodie, die ein unsichtbarer Spieler in den Fernen des Weltalls anstimmt.«

Albert Einstein

Es gibt in jedem Leben das Unumgängliche. Der Versuch, es zu umgehen, ist vergebens, aber wir können es allenfalls mithilfe der erlernbaren Kunst, aus sauren Zitronen süße Limonade zu machen, zu unserem Wohl verwandeln.

So eine Unumgänglichkeit in meinem sehr abwechslungsreichen Leben ist der Wiener Opernball, den ich von 1980 bis 1996 organisierte. Trotz meiner Distanz zu derartigen Events möchte ich diese Jahre voller Starrummel, Demonstrationen, Stornierungen, Glanz und Schönheit nicht missen und es freut mich, wenn meine mit guter Laune versehene Arbeit heute noch geschätzt wird. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich auch noch zwanzig Jahre nach meinem Abgang mit diesem einzigartigen k. u. k. republikanischen Faschingsfest identifiziert werde. Unlängst las ich lachend in einer Zeitung: »Lotte Tobisch, Wiens Opernballikone« − das hätte meiner Mutter gefallen!

Während ich zeitlebens bemüht war, die Kirche im Dorf zu lassen, hat man mich aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen auf einen »Opernball-Altar« gesetzt. Somit ist der Opernball in meinem Leben unwiderruflich zu etwas Unumgänglichem geworden.

Daher möchte ich ein Beispiel geben, wie mit Derartigem umzugehen ist, und ohne Umschweife über den für mein öffentliches Leben nicht wegzudenkenden Opernball ein wenig sinnieren.

Meinen ersten Opernball besuchte ich 1956 mit Erhard Buschbeck, der einzig und allein mir zuliebe hinging. Da er ein noch größerer Ballmuffel als ich war, landeten wir nach der Eröffnung und einem Rundgang durchs Haus in der Opernkantine, wo wir unter anderem mit Judith Holzmeister, Carl Zuckmayer und seiner Frau Alice Herdan-Zuckmayer, Hilde Harvan, Gusti Wolf und der Witwe Berthold Viertels bis halb sechs in der Früh eine fröhliche Nacht verbrachten. Als meine Mutter davon erfuhr, fragte sie, weshalb und wozu wir denn überhaupt auf den Ball gegangen seien. Gusto und Watschen sind eben verschieden!

Für mich war der Opernball immer mehr Märchen als Realität. Deshalb versuchte ich von Anbeginn einerseits, dieses Märchen zu erhalten, und andererseits, es möglichst rasch mit einem in der Realität fassbar frischen Wind zu versehen. Voraussetzung dafür war für mich, dass man ihn zwar ernsthaft machen muss, ohne ihn aber allzu ernst zu nehmen. Verbissener Ernst hat im Theater nichts verloren − er macht aus dem Theaterspielen Theaterarbeit (ein für mich schreckliches Wort), wodurch der märchenhafte Zauber jeglichen Theaters verloren geht. Wer den Opernball nicht als einen Theaterabend unter vielen versteht, versteht auch nicht, dass das im Stil des romantischen Historismus erbaute Opernhaus dem Ball seine Seele für diesen Abend leiht.

Dass die gekrönten Häupter und großen Stars früher von sich aus auf den Ball kamen, ist eine von vielen Opernball-Mären. Prominente musste und muss man einladen, damit die Aschenputtel ihre Prinzen jedes Jahr von neuem finden. Der bekennende Nichttänzer Bruno Kreisky war zu meinem Bedauern der letzte österreichische Politiker, der den Ball als gesellschaftliche Plattform zu nützen verstand. Er hat diesen gesellschaftlichen Höhepunkt des Wiener Faschings mit Sicherheit nicht geliebt, aber als kluger Mann und Politikprofi wusste er, dass dieser merkwürdige k. u. k. Ball der Republik als größter österreichischer Treffpunkt für Wirtschaftstreibende, Politiker und Kulturschaffende zu seinem Geschäft gehörte. Und so lud er sich unter anderem den König von Spanien, die Kronprinzessin der Niederlande und Hollywoodstar Shirley MacLaine als Aufputz für sich, das Land und den Opernball ein. Das Fernsehen, die Presse und das Volk waren begeistert und wussten es ihm zu danken. Nachdem er sich ins Private zurückgezogen hatte, trat leider einzig und allein Baumeister Richard Lugner in seine »gesellschaftstänzerischen« Fußstapfen. Auch er ein Vollprofi mit einem Gespür fürs »G’schäft« und das Theater.

Viele mögen über ihn pikiert sein, doch ich glaube, dass dem Ball die mediale Lugnerisierung nicht wirklich schadet, weil »Mörtel« eben ein Ausdruck unserer lauten Event-Zeit ist. Letzten Endes ist der Opernball ein Faschingsfest, und da darf ein Clown dabei sein!

Aber nicht nur die Gästeliste, auch die formvollendete Balleröffnung und die darauf folgende Ballnacht unterliegen einer immer wieder neu zu komponierenden Choreographie. Ich finde es legitim, aus dem Ball herauszuholen, was herauszuholen ist, sofern der für diese Veranstaltung immanente Wiener Charme nicht durch plakativen Kommerz überdeckt und den penetranten Sehnsüchten der Boulevardpresse geopfert wird. Leichter gesagt als getan!

Im Wesentlichen hat sich der Ball denselben Gesetzen wie eine Theateraufführung zu beugen: Die Besucher der Veranstaltung zahlen, um sich im besten Sinne des Wortes mit Freunden zu unterhalten. Die Wiener tanzen gerne und wollen ihre Hetz. Spätestens beim Galopp nach der bei Alt und Jung beliebten Mitternachtsquadrille wird die Gesellschaft, die feine und die weniger feine, in ihren zumeist eleganten Abendroben und Fräcken gemeinsam ausgelassen, ja, beinahe bacchantisch. Diese »emsige wienerische Ausgelassenheit«, wie sie der aus Deutschland stammende einstige Burgtheaterdirektor Heinrich Laube in seiner »Reise durch das Biedermeier« beschreibt, findet man nirgendwo sonst auf der Welt, auch nicht bei den mit großem Erfolg im Ausland veranstalteten Wiener Opernbällen. Wien bleibt trotz der Globalisierung Wien!

Und wenn uns die einstige Kaiserstadt an der Donau auch im heutigen Österreich etwas mitzuteilen hat, dann jene von Albert Einstein so unvergleichlich schön formulierte Erkenntnis, dass wir alle hier auf Erden nach einer geheimnisvollen Melodie tanzen.

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In der Kantine beim ersten Opernball nach dem Krieg 1956: Hilde Harvan, Erhard Buschbeck, Alice Herdan-Zuckmayer, Gusti Wolf, Carl Zuckmayer, Lotte Tobisch und Elisabeth Neumann-Viertel

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Überreichung der Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold durch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny am 1. Oktober 2007

KRISTALLBILDUNGEN

»Immer strahlend, wie macht sie das? Sie ist doch eine intelligente Person!«

Günther Anders

Menschen setzen im Alter Kristalle an. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wer wem plötzlich nachweint oder unverhofft eine Lobesrede hält. Bei dieser Kristallbildung spielen das hohe Alter und die im Schwinden begriffenen Kräfte eine nicht unähnliche Rolle der hohen Luftfeuchtigkeit und niedrigen Temperatur, die die physikalische Voraussetzung für die Bildung von Eiskristallen sind. Mit diesem faszinierenden Prozess vergleichbar, wird das in die Jahre gekommene Leben zu einer Art Kristallisationskeim, an dem, einmal in Gang gesetzt, ein nicht mehr aufzuhaltendes Kristallwachstum zu beobachten ist. Interviews, Reportagen, Altersjubiläen und Laudationes mischen sich mit Ehrungen und Auszeichnungen, die man in jüngeren Jahren nie und nimmer bekommen hätte. Und so schließt sich stückweise jene Fensterscheibe, durch die wir zeitlebens in die Zukunft blickten, mit Kristallen, die zwar die Aussicht trüben, aber unseren Rückblick schmücken. Gegen diesen Glanz ist an sich nichts zu sagen, solange man sich vor Augen hält, wie schnell auch das schönste Eiskristallbild verdampfen kann.

Bei mir fing diese Kristallbildung ab dem 50. Lebensjahr an. Ehrenkreuz, Ehrenzeichen, Medaillen und Ehrenmitgliedschaften und der Goldene Ehrenring des Burgtheaters für die Verdienste um die Kollegenschaft, der mich am meisten berührte, waren das Vorspiel zu meiner Professorenernennung am Ende meiner Tätigkeit für den Opernball. Seither ist die Kristallbildung nicht mehr aufzuhalten und ich fürchte, dass ich mit meiner offensichtlich von meiner Mutter geerbten Langlebigkeit, wie schon des Öfteren in meinem Leben, das System ein wenig in Verlegenheit bringen könnte, weil ich so gut wie alle systemmöglichen offiziellen »Kristalle« erhalten habe.

Aber das soll nicht meine, sondern die Sorge anderer sein. Ein weiteres Privileg des Älterwerdens!

Postskriptum

So rot kann eine Republik gar nicht sein, dass alle Medien Jubelschreie auslösen, wenn ein gekröntes Haupt unser Land betritt. Und so verkündete auch ich voller Stolz bei der Pressekonferenz für den Opernball 1988: »Also, jetzt haben wir wieder einen echten König zu Gast.«

Doch die Freude über die Anwesenheit des Monarchen König Hussein und seiner Gattin Königin Nūr wurde wenige Stunden nach seinem Eintreffen in Wien jäh gedämpft, als offiziell mitgeteilt wurde, dass der Ballbesuch wegen Unruhen im Nahen Osten abgesagt werden muss. Die Polizei atmete auf und die Boulevardmedien waren in einer prekären Lage, denn sie hatten schon die Titelseiten − so wie auch wir auf unserer Opernballzeitung − gedruckt.

Wie dem auch sei − die Gesellschaft und die Medien kamen um »ihren« König und ich hatte mit den daraus folgenden Unannehmlichkeiten alle Hände voll zu tun. Aber im Wissen, dass der Ball mit oder ohne König genauso lustig oder unlustig sein würde, hielt sich mein Bedauern über die Absage in Grenzen. Außerdem hatte der König zuvor schon beschlossen, mir den jordanischen Unabhängigkeitsorden (Commander of the Order of Al-Istiqlal) zu verleihen. Und so bekam ich meine bis dato höchste und schönste Auszeichnung mitsamt Zertifikat für etwas, das nie stattgefunden hat.

In Anlehnung an ein heute geflügeltes Wort frage ich mich noch immer: »Was war meine Leistung?!«

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LAUDATIO FÜR LOTTE TOBISCH ANLÄSSLICH DER VERLEIHUNG DES PROFESSORENTITELS,

gehalten von Kammerschauspielerin Annemarie Düringer am 5. November 1996

Herr Minister, Herr Generalsekretär, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Lotte!

Ich muss gestehen, dass ich bis zu dem Zeitpunkt, da man mich beauftragt hat, eine Laudatio zu halten, nicht genau wusste, was dieser Begriff in seinem ganzen Umfang und Ernst bedeutet − es ist mir natürlich nicht entgangen, dass anlässlich von Ehrungen, wie der heutigen, jeweils auch eine gediegene Rede gehalten wird, und ich mir still dabei dachte − aha − jetzt wird gelobt!

Ich folge gerne dieser Tradition und es wäre somit der Moment gekommen, das reiche, wunderbare und wundersame Lebensalbum von Lotte Tobisch aufzublättern, aber schon zögere ich, dies zu tun, denn in den letzten 15 Jahren ist Lottes außergewöhnliches Curriculum Vitae jeweils ab Anfang Jänner bis zum Tag des Opernballs im Februar in sämtlichen einschlägigen Gazetten, Zeitschriften, Hochglanzpostillen sowie TV- und Radiosendungen beschrieben, besprochen bzw. abgelichtet worden. Alle Jahre wieder zierte ihr Bildnis Titelseiten, mit strahlendem Lächeln und mattem Schimmer edler Perlen um den Hals und Decolleté, gefolgt von Interviews, Aufsätzen und Beschreibungen der feinsten Art, diese verfasst von journalistischen Koryphäen wie zum Beispiel: Inge Santner, Susanne Zanke und auch von unserem über alles geliebten Tier- und Landschaftsschützer Prof. Antal Festetics − um nur einige Namen zu nennen. Sie erzählten von Lottes einmaligen Verdiensten um das Faschingsgroßereignis des Jahres und sie erwähnten Lottes jahrhundertealten Stammbaum, berichteten von ihrer reizvollen Jugend und der Schauspielkarriere, ihren Erlebnissen in Kriegs- und Nachkriegszeiten, beschrieben ihre Burgtheatertätigkeiten, deuteten dezent Privates an und nannten ihre Freundschaften mit kostbaren Männern der Geisteswelt − kurz, all dieses und mehr war alljährlich nachzulesen − und da ich in diesem Auditorium auch Leser vermute, scheint mir hiermit der Hauptteil einer Laudatio bereits erfüllt.

Gestatten Sie mir dennoch, sehr verehrte Damen und Herren, dieser offiziellen Laudatio einige persönliche Anmerkungen hinzuzufügen.

Lotte und ich kennen uns seit 47 Jahren und in all dieser Lebenszeit ist Lotte für mich interessant, aufregend und bemerkenswert geblieben. In all diesen Zeiten habe ich in meiner Kollegenschaft niemanden kennengelernt außer ihr, mit dem ich stundenlang über die Dinge des Lebens, dessen Werte und dessen Sinnfälligkeiten hätte sprechen können: Gedanken austauschen über die Licht- und Schattenseiten unseres Daseins − frei von jedem öden Theatertratsch und Alltagsklatsch. Nach solchen gemeinsamen Gesprächen fanden sich verschobene Gewichte wieder zurechtgerückt, was, anders ausgedrückt, heißen soll: Es gibt noch Wichtigeres auf der Welt als das Theater!

Ich darf Ihnen an dieser Stelle auch verraten, mit den genauen Kenntnissen unserer jahrelangen Gespräche und mit unserer mehr als 40-jährigen Branchenerfahrung, dass wir beide das Burgtheater ganz fabelhaft geführt hätten.

Verwunderlich, dass das noch niemandem eingefallen ist. Ich versuche dieses historische Versäumnis dahingehend zu erklären, dass wir eben nur schwache Frauen sind.

Es wäre da auch Lottes Risikofreudigkeit mit ihrer eigenen Gesundheit anzumerken. Abgesehen von ihrem energievollen Einsatz und kräfteraubenden Schwung, mit welchem sie alle Unternehmungen angeht. Sie hat nicht nur mit erhöhter Temperatur, sondern gemessenen 38 Grad eine Opernballnacht im wahrsten Sinne durchgefiebert!

Sie kaut auch unentwegt Gummibärchen − die Farbe spielt dabei keine Rolle − und sie gefährdet somit zur Freude ihres Dentisten interne Füllungen; das Rauchen hat sie sich damit abgewöhnt, aber diese überwundene Sucht leider durch eine neue ersetzt. So viel über die unerforschliche Selbstzerstörung eines wachen Geistes.