image

FRIEDRICH WEISSENSTEINER

»Ich sehne mich sehr nach dir«

FRIEDRICH WEISSENSTEINER

»Ich sehne mich sehr
nach dir«

Frauen im Leben

Kaiser Franz Josephs

MIT 41 ABBILDUNGEN

image

Besuchen Sie uns im Internet unter:

1. Auflage August 2012

© 2012 by Amalthea Signum Verlag, Wien

ISBN 978-3-85002-806-6

Inhalt

Vorwort

Der gehorsame Sohn

Franz Joseph und seine Mutter Sophie

Der großherzige Ehemann

Franz Joseph und Elisabeth (Sisi)

Der liebevolle Vater

Franz Joseph und seine Töchter

Gisela und Marie Valerie

Der fürsorgliche Großvater

Franz Joseph und seine Lieblingsenkelin

Elisabeth Marie, »die rote Erzherzogin«

Der spendable Ehebrecher

Franz Joseph und Anna Nahowski

Der galante Herzensbrecher

Franz Joseph und Katharina Schratt

Nachklänge

Anhang

Gedruckte Quellen

Literaturauswahl

Personenregister

Für Maria und Siglinde

Vorwort

SCHON WIEDER EIN BUCH über Franz Joseph? Die Frage ist berechtigt. Unbedingt. Über den Langzeitkaiser, der mehr als zwei Lebensalter ein Großreich regierte und über das Wohl und Wehe von Millionen Menschen entschied, haben die Historiker längst ihr Urteil gefällt. Franz Joseph war ein verknöcherter Bürokrat, der sich zeitlebens als Herrscher von Gottes Gnaden fühlte, eine uncharismatische Persönlichkeit ohne Visionen und staatspolitischen Weitblick. Ein pflichtbewusster, fleißiger, pedantischer Verwaltungsbeamter eines multinationalen Staatsgebildes, ohne Verständnis für die politischen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen seiner Zeit, denen er behindernd und hinderlich im Wege stand, sagen die einen. Mag sein, sagen andere. Aber er hat die k.u.k. Monarchie, dieses Kleineuropa, das uns heute als völkerverbindendes staatliches Vorbild dienen könnte, immerhin durch seine Herrscherpersönlichkeit zusammengehalten.

Franz Joseph war nicht nur ein seelenloser Autokrat, er war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er war Stimmungen unterworfen, die er allerdings nicht offen zur Schau trug, er wurde von Sorgen gequält und von Gewissensbissen geplagt, er musste schwere Schicksalsschläge verkraften, er konnte lieben und hassen, unerbittlich und nachtragend sein, aber auch fürsorglich und liebevoll, vornehm und ritterlich.

Diese menschliche Seite seiner Persönlichkeitsstruktur und seines Psychogramms kommt in vielen Darstellungen zu kurz, bleibt jedenfalls unterbelichtet. Ich lege darauf meinen Schwerpunkt. Meine Darstellung, die erzählerischen Charakter hat, fußt nicht nur, aber doch auch, auf Briefen von und Berichten über die handelnden Persönlichkeiten, die ich in den Text einwebe und die ihm Direktheit und Unmittelbarkeit verleihen. Kernstück dabei ist jeweils die Erziehung, sind Kindheit und Jugend, die bei allen Menschen prägenden Charakter haben. Das Wissen über diesen Lebensabschnitt Franz Josephs wurde vor ein paar Jahren durch die Veröffentlichung der Jugend-Tagebücher des Kaisers vertieft und bereichert. Davon ist im ersten Kapitel meines Buches ausführlich die Rede. In den weiteren Abschnitten schildere ich die wechselseitige Beziehung Franz Josephs zu seiner Gemahlin, seinen geliebten Töchtern und seiner Lieblingsenkelin. Die Tochter des Kronprinzen Rudolf, die einige Jahre nach seinem Tod zur Sozialdemokratin mutierte, war ihm besonders ans Herz gewachsen.

Franz Joseph war für weibliche Schönheit durchaus empfänglich. Er unterhielt ein langjähriges Liebesverhältnis zu einer bildhübschen Frau namens Anna Nahowski, von dem seine Sisi wahrscheinlich nichts wusste und das in manchen Biographien nur nebenbei erwähnt wird. Die Begegnungen mit dem Kaiser und ihr Leben danach hat die Tochter eines Korbwarenfabrikanten in Tagebüchern festgehalten. Ein Teil ihrer Aufzeichnungen wurde vor längerer Zeit veröffentlicht, vor Kurzem wurden sie zur Gänze publiziert. Ein überzeugender Hinweis auf die Vaterschaft Franz Josephs für Helene und Franz, die Kinder Anna Nahowskis, findet sich in beiden Publikationen nicht.

Die jahrzehntelange Beziehung des Kaisers zu Katharina Schratt, die ich im abschließenden Kapitel meines Buches darstelle, war abwechslungsreich, platonisch war sie meiner Meinung nach nicht.

Jüngst sind Briefe aufgetaucht, die auch eine leidenschaftliche Liaison zwischen dem prominenten Grafen Hans Wilczek und der lebenslustigen Schauspielerin dokumentieren. Der Kaiser und der Graf waren allerdings nicht die einzigen Liebhaber und Verehrer der Schratt. Franz Joseph war zu Recht auf seine Nebenbuhler eifersüchtig.

Schon wieder ein Buch über Franz Joseph? Ja. Aus den dargelegten Gründen.

FÜR WERTVOLLE HINWEISE und die Erlaubnis zur Verwendung von Passagen aus seinem Nahowski-Buch danke ich Prof. Dr. Herwig Knaus sehr herzlich.

Der gehorsame Sohn

Franz Joseph und seine Mutter Sophie

AN EINEM DONNERSTAGNACHMITTAG mitten im Herbst, am 4. November 1824, geben einander in der festlich geschmückten Wiener Augustinerkirche Prinzessin Sophie und Erzherzog Franz Karl das Jawort. Die Heirat zwischen der Tochter des Bayernkönigs Maximilian Josef I. und dem Sohn des österreichischen Kaisers Franz I. ist von den beiden Höfen in München und Wien eingefädelt worden. Der Kardinal-Erzbischof von Olmütz, Erzherzog Rudolf, der den Lebensbund besiegelt, segnet eine dynastische Ehe. Das Brautpaar passt rein figürlich nicht gut zusammen. Das ist augenscheinlich.

Die 19-jährige Braut bietet einen herzerfrischenden Anblick. Sophie ist zwar keine Venus, aber sie hat ein hübsches, anmutiges Gesicht und eine attraktive, ein wenig mollige Figur. Sie wirkt frisch, gesund und natürlich.

Der Bräutigam ist eine völlig unattraktive Erscheinung. Er ist klein und schmächtig, sein länglicher Schädel sitzt unproportioniert auf seinem Körper, sein ausdrucksloses Gesicht wird von der typischen Habsburger-Unterlippe beherrscht.

Schwerer noch als diese körperlichen Unterschiede wiegt die charakterliche und geistige Unterschiedlichkeit des Paares. Sophie ist hochintelligent, ehrgeizig, energisch und willensstark, Franz Karl geistlos, gutmütig, träge und entscheidungsschwach. Er ist in jeder Hinsicht unbedeutend. Aber er ist eine gute Partie. Es ist freilich gar keine Frage, wer in dieser Ehe die erste Geige spielen wird. Die beiden Partner haben nur eines gemeinsam: eine tief wurzelnde Religiosität.

image

Sophie, die Königstochter aus Bayern, war am Wiener Kaiserhof in jungen Jahren eine herzerfrischende Erscheinung.

Der Vater des Erzherzogs, Kaiser Franz I., ist zum Zeitpunkt der Eheschließung 56 Jahre alt. Er ist nicht eben von robuster Gesundheit. Er ist häufig unpässlich, laboriert an Erkältungen und Fieberanfällen und leidet immer wieder an heftigen Zahnschmerzen. Mit 60 ist er zahnlos. Der Biedermeier-Kaiser, der auch ungemütlich und unbequem sein kann, wenn es darauf ankommt, hat schwere Zeiten hinter sich. Die Krisenjahre, in die ihn Napoleon Bonaparte, der verhasste Emporkömmling aus Korsika, gestürzt hat, haben seiner körperlichen und seelischen Konstitution arg zugesetzt. Aber der »gute Kaiser Franz« ist zählebig. An seine Nachfolge muss er freilich schon denken. Sein ältester Sohn, der nach dem Gesetz der Primogenitur das Erbe antreten soll, macht ihm seit der Geburt große Sorgen. Ferdinand Karl ist Epileptiker und geistesschwach. Ob er das Erbe antreten kann, ist mehr als ungewiss. In Hofkreisen wird es bezweifelt, und auch der Herr Papa hat ernste Bedenken. Zufall oder nicht: Eben im Jahr 1824, als der nächste Anwärter auf den Thron die lebenslustige Wittelsbacherin Sophie heiratet, holt der Kaiser ein ärztliches Gutachten über die Regierungs- und Ehefähigkeit Ferdinands ein. Er sei beides nicht, lautet das Attest. Ferdinand neige zu Schlaganfällen und sei impotent. Nachkommen seien von ihm nicht zu erwarten. Für Franz Karl und seine Gemahlin eröffnen sich dynastische Chancen. Die durch die Heirat zur Erzherzogin gewordene Sophie hat eine rege Phantasie. Der 19-jährige Backfisch aus Bayern träumt davon, einmal Kaiserin von Österreich zu werden. Das lässt sie vergessen, dass sie einem Simandl, wie die Wiener sagen, das Jawort gegeben hat.

VON WIEN IST SOPHIE BEGEISTERT. Sie ist ein paar Wochen vor der Hochzeit in der Hofburg zu Besuch gewesen. Karoline Auguste, die vierte Gemahlin des Kaisers, die eng mit ihr verwandt ist, hat es sich nicht nehmen lassen, ihr die Donaumetropole zu zeigen. Die weitläufige Kaiserresidenz, die prachtvollen Palais, die herrlichen Kirchen machten auf sie einen überwältigenden Eindruck. Und auch die Umgebung der Stadt gefiel ihr. Schloss Laxenburg mit seinem riesigen Park, den verschlungenen Wegen, den Grotten, Teichen und Wasserspielen fand sie entzückend. Selbst die Kleinstadt Baden, wo der Kaiser im Sommer zur Kur weilt, imponierte ihr. Im Hofburgtheater erlebte sie eine großartige Aufführung von Shakespeares »Romeo und Julia«, doch entsprach die ungekürzte Fassung des Stückes nicht ganz ihren Moralvorstellungen. Die herzige, junge Frau mit ihren biedermeierlichen Ringellöckchen ist lieb anzuschauen, aber sie wurde streng puritanisch erzogen und hat stockkonservative Ansichten.

In die Wiener Hofburg passt sie ausgezeichnet, fügt sie sich geistig nahtlos ein. Der Kaiser und die Kaiserin erfüllen ihr jeden Wunsch. Sie hat ihren eigenen Hofstaat, sie bekommt jährlich eine ansehnliche Apanage. Der Vater hat sie neben dem üblichen Hausrat reichlich mit Perlenketten, Diademen, Armbändern, Ringen und Ohrgehängen ausgestattet. Trotzdem findet sich die tiefkatholische Erzherzogin, die zweimal am Tag die heilige Messe besucht, in ihrer Umgebung lange Zeit nur schwer zurecht. Sie hängt mit großer Liebe an ihren Eltern, vor allem an der fürsorglichen Mutter, die sie geradezu anbetet. Sophie hat Heimweh. »Mein Herz, meine Seele, ich kann nur sagen mein Enthusiasmus gehören noch ganz und gar München«, schreibt sie ihr. Die 19-jährige Erzherzogin fühlt sich in dem weitläufigen Gebäudekomplex der Wiener Hofburg einsam. Ihr Mann überhäuft sie mit Geschenken, aber er ist ein Langeweiler. Von Flitterwochen ist weit und breit keine Spur. Franz Karl lebt in den Tag hinein, er hat keinen fest umrissenen Aufgabenbereich. Neben ihrer Religiosität verbindet das junge Ehepaar nur ihre gemeinsame Theaterbegeisterung und das Tanzen.

Die wichtigste Ansprechpartnerin am Hof ist die Kaiserin. Sie, die ebenfalls aus Bayern stammt, ist das Bindeglied zur Heimat. Sie tröstet sie, wenn sie vom Heimweh geplagt wird, muntert sie auf, steht ihr mit Rat und Tat zur Seite. Sie teilt mit ihr die kaiserliche Loge im Hofburgtheater, vertieft ihre Liebe zur Schauspielkunst.

Karoline Auguste ist eine ausgesprochen gütige und liebenswerte Person. Die Kaiserin widmet sich im familiären Bereich ganz der Aufgabe, ihrem Gemahl zu Diensten zu sein. Sie stellt ihre eigene Person völlig in den Hintergrund, ist zu jeder Zeit für ihn da, geht ganz in der Obsorge für ihn auf. Sie kümmert sich buchstäblich um alles, was den geliebten Gemahl betrifft, von der Gesundheit bis zur Garderobe. Sie stopft ihm ab und zu sogar ein Loch im Gehrock und versucht, ihm den Alltag zu erleichtern, Verdrießlichkeiten von ihm fernzuhalten, ihn aufzuheitern. Sie umsorgt ihn mit rührender Hingabe, wenn ihr »bester Schatz« unpässlich ist. Und das ist er sehr oft. 1826 erkrankt der Kaiser so schwer, dass ihm die Sterbesakramente verabreicht werden. Karoline Auguste weicht nicht von seinem Bett und pflegt ihn mithilfe der Ärzte gesund.

Die Kaiserin ist auch ungeheuer kinderliebend und hat eine geschickte pädagogische Hand. Der Stiefmutter fliegen die Herzen der noch am Hof lebenden Sprösslinge des Kaisers aus dessen erster Ehe zu. Sie kümmert sich vor allem auch um den geistesschwachen Ferdinand.

Das Kaiserpaar bringt der jungen Erzherzogin aus Bayern großes Verständnis entgegen. Der Kaiser ist im Familienkreis ausgesprochen liebenswürdig, spricht ein unverfälschtes Wienerisch und pflegt seine Schrullen. Er sammelt Bücher und Porträts. Seine Bibliothek, in der er sich stundenlang aufhält, umfasst 10.000 kostbare Bände. Seine große Leidenschaft, wenn man bei seinem Phlegma überhaupt von einer solchen sprechen kann, gehört Blumen und exotischen Pflanzen, die er aus aller Welt herbeischaffen lässt. Im »Kaisergarten«, den er nach seinen Vorstellungen gestalten hat lassen, stutzt er mit einer Heckenschere eigenhändig die Sträucher zurecht, schneidet er mit einer Baumsäge die dürren Äste von den Bäumen. Die Parkanlage von Schloss Laxenburg, die man heute noch bewundern kann, ist seine ureigenste Schöpfung. Franz schätzt seinen Hofgärtner mehr als seine Hofräte, seine Blumen mehr als die Akten, die man ihm täglich zur Unterschrift vorlegt. Er kann aber auch familiäre Entscheidungen von großer Tragweite treffen. Sophie wird es noch zu spüren bekommen.

AM WIENER KAISERHOF lebt seit 1814 auch der Sohn Napoleons aus der Ehe mit Marie Louise, einer Tochter des Kaisers. Er soll hier, vom Vater getrennt und von der Mutter verlassen, zu einem »loyalen und redlichen deutschen Prinzen« erzogen werden. Keine leichte Aufgabe, wie sich bald herausstellt. Nur widerwillig lässt der Herzog von Reichstadt die vom Kaiser angeordneten Erziehungsmaßnahmen über sich ergehen und fügt sich nur unwillig in sein Schicksal. Der kleine Herzog ist zum Zeitpunkt der Verehelichung Sophies 14 Jahre alt und schwärmt die junge Frau mit pubertärer Verliebtheit an. Die Erzherzogin weiß sein Verhalten richtig einzuschätzen. »Fränzchen [so wird der Napoleon-Sprössling am Kaiserhof gerufen] war ganz verschämt und hoch errötend, als ich an sein Bett kam«, schreibt sie der Mama nach München. Sie kommt mit dem schwierigen Jüngling, der seinen Erziehern die Hölle heiß macht und für sein Verhalten ein paar Mal sogar die Rute zu spüren bekommt, ausgezeichnet zurecht. Er folgt ihr auf das Wort und frisst ihr, jovial formuliert, aus der Hand.

In den paar Jahren, die er noch zu leben hat, wächst Fränzchen zu einem hübschen jungen Mann heran. Mit seinen tiefblauen Augen, dem fein geschnittenen Gesicht und dem dichten blonden Haar, schlank und großgewachsen, strahlt er vornehme Eleganz aus. Sophie macht er galant den Hof, schenkt ihr Blumen, »packte sie oft ungestüm an, um sie zu küssen«, wie sie der Mutter nicht ohne einen Anflug von Geschmeicheltheit berichtet. Und fügt hinzu: »Ich sagte ihm, dass nur Kinder solche Dinge tun und nicht ein junger Mann wie er.« Sophie und das zum Franz gewordene Fränzchen gehen im Park von Schönbrunn spazieren, besuchen gemeinsam Vorstellungen im Hofburgtheater und schlagen sich beim Hofball die Nacht um die Ohren. Den Ehegatten bringen die harmlosen Vergnügungen seiner Gattin nicht aus der Ruhe, auch wenn Mitglieder des Kaiserhauses und vor allem die Bediensteten hinter vorgehaltener Hand tuscheln. Denn da ist noch einer, der Sophie unmissverständlich den Hof macht: Gustav Wasa, der ehemalige Kronprinz von Schweden. Franz Karl nimmt es gelassen. Als Gatte stellt er seinen Mann, kommt er seinen ehelichen Pflichten eifrig nach.

image

Der Sohn Napoleons, der am Wiener Kaiserhof aufwuchs, verliebte sich bis über beide Ohren in die hübsche Erzherzogin.

Bereits ein paar Monate nach der Hochzeit stellt sich bei seiner Gemahlin die erste Schwangerschaft ein. Aber Sophie erleidet eine Fehlgeburt, eine »fausse couche«, wie man das in Adelskreisen nennt. Sophie ist unendlich traurig, aber die Ärzte trösten sie. Das könne passieren. In den folgenden Jahren hat sie insgesamt fünf Fehlgeburten. Sophie ist verzweifelt, hat depressive Schübe. Die Mediziner sind ratlos, verschreiben ihr alle möglichen Rezepturen, verordnen Trinkkuren und Bäder. Sophie absolviert ein paar Kuren im Schwefel-Moorbad Pirawarth nordöstlich von Wien, wo sie sich unendlich fadisiert. Auch Solebäder in Ischl zeitigen keinen Erfolg. Längst schon schwirren am Hof die Gerüchte. Die junge, kerngesunde Prinzessin aus Bayern könne keine Kinder kriegen. Da müsse etwas nicht stimmen. Denn dass sie an dieser Misere die Schuld trägt, steht in dieser männerdominierten Welt außer Frage.

Den Gemahl berühren die seelischen Nöte seiner Frau wenig. Sophie stellt ihm auch ein gutes Zeugnis aus. Nein, nein, es stimme alles zwischen ihnen. »Ich bin recht glücklich und es wäre ja auch schwierig, daß ich es nicht wäre. Man kann nicht besser sein als mein Gatte und er liebt mich so zärtlich«, schreibt sie Anfang August 1827 an die Großmutter, und der Mutter berichtet sie ein paar Monate später: »Mein guter Franz hat mir diesmal so viel Freude gemacht, er ist so viel reifer geworden …« Er ist so viel reifer geworden – wie das klingt. Franz Karl ist jetzt immerhin 25 Jahre alt.

ENDE DES JAHRES 1829 ist Sophie nach einer Kur in Ischl wieder schwanger. Zum sechsten Mal. Und diesmal vermeint sie zu spüren, dass sie die Leibesfrucht wird behalten können. »Ich für meinen Teil würde fast mit dem gleichen Vergnügen ein kleines Töchterchen empfangen als einen Buben, aber ich muß für den Kaiser und meinen Franz einen Knaben wünschen«, schreibt sie der geliebten Mutter zuversichtlich. Ein Sohn würde ihr Ansehen bei Hof natürlich erheblich stärken. Nichts anderes erwartet man von der Frau eines Erzherzogs, der in der Erbfolgeordnung an zweiter Stelle steht.

In der Hofburg löst die Nachricht von der neuerlichen Schwangerschaft Sophies Betriebsamkeit aus. Der angesehene Leibarzt der Erzherzogin, der aus Italien stammende Giovanni Malfatti, tritt in Aktion und verordnet der Schwangeren strengste Bettruhe. Malfatti gestattet es der Erzherzogin, nach dem Mittag- und Abendessen im Zimmer eine paar Verdauungsschritte zu machen. Nicht mehr. Sophie fügt sich zunächst widerstandslos den Anordnungen des Arztes. Nach ein paar Monaten Zimmerarrest begehrt sie auf und setzt durch, dass sie in einer Sänfte in das Kärntnertortheater getragen wird, um dort Aufführungen beizuwohnen, die sie interessieren. Im Mai übersiedelt sie dann mit dem Gemahl und dem Hofstaat nach Schönbrunn. Nach dem langen Winter in der düsteren Hofburg genießt sie bei kurzen Spaziergängen auf dem herrlichen Parkgelände die würzige Luft.

So ungetrübt, wie sie sich das vorgestellt hat, verlaufen die restlichen Schwangerschaftsmonate allerdings nicht. Der Kaiser will jetzt eine endgültige Entscheidung in der Frage seiner Nachfolge treffen und verlangt von seinem Leibarzt, Dr. Andreas Ferdinand von Stifft, ein neues ärztliches Gutachten über die Regierungsfähigkeit seines ältesten Sohnes.

Und siehe da, der prominente Mediziner, der sechs Jahre zuvor dem Kronprinzen die Throneignung abgesprochen hat, kommt diesmal zu einem ganz anderen Ergebnis. Ferdinand sei durchaus befähigt, das Erbe anzutreten, befindet er jetzt. Und auch gegen eine Verehelichung sei nichts einzuwenden.

Als Sophie die fachliche Meinungsänderung des Hofarztes hinterbracht wird, fällt sie aus allen Wolken. Das kann doch nicht sein. Sie hat vor ein paar Wochen einen epileptischen Anfall des Schwagers mit angesehen und den Vorfall gleich der Mutter geschildert: »Ferdinand war schauerlich entstellt, sein Mund stand ständig offen und sein Gesicht erschien dadurch noch um zwei Finger länger«, formuliert sie. Gott allein wisse, was aus diesem Unglücklichen noch werden wird. Und dieser Mann soll das Kaiserreich Österreich regieren, das nach Russland zweitgrößte Staatsgebilde Europas? Aber die Weichen sind gestellt, da hilft alles nichts. Sophie kann es einfach nicht fassen.

Noch ein zweites Ereignis erschüttert sie in diesen Tagen und Wochen. Im Juli 1830 ist in Frankreich (wieder einmal) eine Revolution ausgebrochen. Der König muss abdanken, aber das Land bleibt eine Monarchie. Allerdings mit einer liberalen Verfassung. Der revolutionäre Funke springt dann auf andere Länder über. Belgien trennt sich von den Niederlanden, die Polen erheben sich gegen das zaristische Russland, Griechenland schüttelt die osmanische Herrschaft ab, in einigen deutschen Staaten kommt es zu Unruhen. Auch in Österreich regt sich ideeller Widerstand gegen das polizeistaatliche Metternichsche Unterdrückungssystem. Die Schriftsteller mucken auf.

Die hellhörige, scharfsichtige Erzherzogin macht sich Sorgen um den Fortbestand der alten monarchischen Ordnung in Europa. Alles Übel komme von diesem hässlichen, verächtlichen Frankreich, wettert sie. Und fügt hinzu: »Warum zerstört der liebe Gott nicht Paris? Das ist meine Lieblingsidee.«

Die bevorstehende Geburt ihres ersten Kindes beschäftigt sie aber verständlicherweise mehr als die politischen Ereignisse.

Die Vorbereitungen für das freudige Ereignis sind längst angelaufen. Eine Kindskammer, die aus einer Kindsfrau, einem Kindermädchen, Leiblakeien, einer Kammerfrau und einem »Küchenmensch« besteht, wird eingerichtet. Solche Personen sind leicht zu finden. Der Lohn ist zwar karg, aber man bekommt Kost, Quartier und viele Zusatzleistungen mit der Chance auf eine lebenslange Anstellung. Eine Aja, eine Erzieherin, zu finden, ist natürlich schwieriger. Es muss eine Dame untadeligen Rufes sein mit entsprechenden pädagogischen Qualitäten.

Die Wahl fällt nach längerer Suche auf Luise Baronin von Sturmfeder. Die bei Antritt ihres Amtes 41-jährige Baronin stammt aus dem niederen preußischen Adel. Sie ist unverheiratet, aber ein erzieherisches Naturtalent, kinderliebend, einfühlsam und konsequent bei der Durchsetzung ihrer Grundsätze. Ihr verdanken wir wertvolle Berichte über die Geburt und die Kindheit des späteren Kaisers. Die Baronin findet sich Mitte Juli 1830 bei der Erzherzogin zu einem Einführungsgespräch ein und erhält von ihr zu ihrer Überraschung nur sehr allgemeine Anweisungen. Sophie, so scheint es, ist eine grundvernünftige junge Frau, die ihr einen erzieherischen Spielraum lassen wird.

DER TAG DER GEBURT naht heran, es ist alles vorbereitet. Das Obersthofmeisteramt hat genau festgelegt, wer dem Geburtsakt beiwohnen darf. Die Geburt eines Kindes am Wiener Kaiserhof ist beinahe ein Staatsakt, der sich vor den Blicken der nächsten Angehörigen und Anverwandten vollzieht. Sie drängen sich im Kreißzimmer um das Bett der werdenden Mutter, hoffen und bangen mit ihr, verfolgen mit gespannter Aufmerksamkeit jede Körperbewegung. In den benachbarten Räumen tummeln sich zahlreiche Hofbedienstete, Hofdamen und Zofen, Kammerherren und Adjutanten. Auch sie warten auf die entscheidende Stunde.

Der Kaiser hat die ruhigsten Zimmer zur Verfügung gestellt und kommt von seiner Sommerresidenz in Baden nach Schönbrunn, auch die Mutter und die Zwillingsschwester Sophies sind aus München angereist.

Die Erzherzogin ist guter Dinge. Sie »liegt auf der Chaiselongue und sieht vortrefflich aus und ist recht lustig, ich glaube, wenn man sie gehen ließe, wäre es besser, das Liegen ist ihr zuwider«, berichtet Luise Sturmfeder.

Am Nachmittag des 16. August 1830 teilt die Hebamme dem Ehemann mit, dass die Geburt für den Abend zu erwarten sei. Nun wird eilends im Gebärzimmer ein Altar aufgerichtet, und der Hofkaplan eröffnet einen Gebetsreigen, der erst nach der glücklichen Geburt des Kindes enden wird. Diese lässt allerdings auf sich warten. Ein Tag und eine Nacht vergehen, die werdende Mutter windet sich vor Schmerzen, ihr Wehklagen geht den Anwesenden durch Mark und Bein. Schließlich werden zwei Ärzte zu Hilfe gerufen, die eine Zangengeburt vornehmen müssen. Am 18. August 1830 kommt das Kind zur Welt. Es ist ein Sohn. Jubel bricht los, die Freude ist grenzenlos. Mit einem Dankgebet endet das für alle Beteiligten aufregende Ereignis. Die Erzherzogin ist total erschöpft, aber glücklich. »Meine arme Sophie hat sich während der zwei vollen Tage und Nächte dauernden grausamen Leidens wie ein Engel benommen«, berichtet Sophies Mutter nach München.

Die amtliche »Wiener Zeitung« teilt am nächsten Tag mit: »Ihre kaiserl. Hoheit, die durchlauchtige Frau Erzherzogin Sophie, Gemahlin Sr. kaiserl. Hoheit des durchlauchtigen Erzherzogs Franz Carl, sind gestern den 18ten d. M. um ein Viertel nach neun Uhr Vormittags in dem k. k. Lustschlosse Schönbrunn, welches Höchstdieselben bewohnen, von einem Erzherzoge glücklich entbunden worden, und befinden sich sammt dem neugeborenen Erzherzoge, mit Rücksicht auf die Umstände bei erwünschtem Wohlseyn.«

DAS NEUE MITGLIED DES KAISERHAUSES wird zwei Tage nach seiner Geburt in der Schönbrunner Schlosskapelle auf den Namen Franz Joseph Karl getauft. Taufpate ist der kaiserliche Großvater. Dann kommt das Baby in die Obhut der Aja und des Pflegepersonals. Es besteht aus einer Kinderfrau, einem Kindermädchen, einer Köchin, einer Kammerzofe, einem Hausmädchen, einem Küchenmädchen und zwei Dienern.

Baronin Sturmfeder hat alle Hände voll zu tun. Sie ärgert sich über die Ärzte, die viertelstündlich die drei kleinen Wunden am Hinterkopf versorgen, die der Knabe bei der Zangengeburt erlitten hat. Sie versuchen die Wunden zunächst mit feuchten Umschlägen zu heilen. Vergeblich. Dann brennen sie die Verletzungen mit Lapis aus, was der Säugling mit herzzerreißendem Geschrei quittiert. »Vier Ärzte doktern an ihm herum, Gott sei Dank, dass er kerngesund ist«, vermerkt sie anklagend in ihren Notizen.

Die Aja steht den ganzen Tag unter Stress. Schon in aller Früh kommt der Vater, um nach dem Befinden seines Sohnes zu fragen. Dann wird das Kind gebadet, danach findet sich die Mutter ein, um es zu stillen – zweimal am Tag, die übrigen Male wird es von einer Amme gesäugt. Und auch der Kaiser will den Enkel täglich sehen. Zu jeder Zeit und Unzeit finden sich Besucher ein, die den Säugling voller Entzücken beäugen und eine Ähnlichkeit mit dem Vater, dem Großvater und anderen Persönlichkeiten aus der habsburgischen Ahnenreihe glauben feststellen zu können. »So etwas habe ich noch nie erlebt, das Kind von dem ärmsten Taglöhner wird nicht so gequält, wie diese kleine, unglückliche kaiserliche Hoheit«, jammert die Baronin. Die Aja muss sich mit den Ärzten und der Hebamme auch darüber streiten, ob sie mit dem Kind an einem warmen Septembertag an die frische Luft darf. Um Himmels willen, meinen sie, es könnte sich ja verkühlen.

Am besten versteht sich die Baronin mit der Erzherzogin. Sophie ist eine ausgesprochen fürsorgliche Mutter. Sie hilft dann und wann beim Wickeln und Anziehen, überwacht, als das Kind älter wird, die Ernährung, beobachtet dessen Entwicklung und gibt vernünftige erzieherische Anweisungen.

»Es liegt so hübsch in seinem Bettchen«, berichtet sie einen Monat nach der Geburt der Mutter in München. Und ein paar Tage später schwärmt sie: »Das liebe Kind ist so leutselig, die grantigsten Menschen sind ihm willkommen … auch den Kaiser lächelt er so freundlich an und das macht ihn glücklich.«

Die stolze Mama registriert mit Aufmerksamkeit den kleinsten Entwicklungsfortschritt des Buben: »Das liebe Kind hat zu unserer großen Freude seinen ersten Zahn bekommen und das ohne jede Unpässlichkeit mit Ausnahme der Nacht zuvor, in der er viel weinte«, berichtet sie Anfang März 1831 der »guten, verehrten Mama«. Zwei Monate später gibt es wieder eine bedeutende Neuigkeit zu vermelden. Der Kleine hat das erste Mal das Wort »Papa« über die Lippen gebracht. Ein paar Jahre später bewundert er den Großvater, der sich viel mit ihm beschäftigt. Niemand macht auf ihn einen größeren Eindruck als der Kaiser, der mit ihm täglich eine Stunde spielt. Er ist für ihn eine Respektsperson. Eine kleine Handbewegung genügt, und schon benimmt sich der Enkel, wie es sich gehört.

Der kleine Erzherzog entwickelt sich wie jedes andere Kind auch, nur wird es am Kaiserhof eben mit besonderer Aufmerksamkeit registriert. Mit neun Monaten wird er entwöhnt und von da an mit Kuhmilch ernährt, mit 13 Monaten macht er ohne Hilfe seine ersten paar Schritte. Die Mutter schwärmt weiter von ihrem Sohn: »Du hast keine Idee«, schreibt sie nach München, »wie ausgezeichnet sich dieser Kleine entwickelt, wie hübsch, lebhaft, intelligent, gut, zärtlich er ist. Es ist süß mitanzusehen … wie gerne er Reichstadt hat. Dieser besucht ihn oft und lässt sich nach türkischer Art mit gekreuzten Beinen vor ihm nieder. Da wälzt er sich auf allen vieren zu ihm hin und legt mit einem einschmeichelnden Lächeln sein hübsches Köpfchen auf Reichstadts Fuß … Franzi ist derart lustig und lebhaft, daß man glauben könnte, er sei schon ein Kind von eineinhalb Jahren und nicht bloß ein Kerlchen von kaum zehn Monaten.«

Sophie ist in ihren kleinen Sohn vernarrt, und sie prägt schon im Kleinkind die spätere Vorliebe Franz Josephs für das Militärische. Sie lässt ihm eine kleine Uniform schneidern, beschenkt ihn mit einer Grenadiermütze, einem Säbel und einem kleinen Tornister. Und findet ihn zum Fressen gern, wenn er damit vor ihr posiert. Dem Kleinen bereitet es eine Riesenfreude, wenn er von seinem Kinderzimmer aus der Wachablöse im Burghof zuschauen darf. Im Alter von 18 Monaten, so wird berichtet, kann er bereits einen einfachen Soldaten von einem Offizier unterscheiden, im Alter von drei Jahren kennt er bereits die Rangabzeichen der Armee.

Dem kaiserlichen Großvater gefällt es. Er übt mit ihm den Gleichschritt und die militärischen Kommandoworte.

Das Exerzieren lernt Franzi von einem Korporal, der ihm gleich auch ein paar Brocken Ungarisch beibringt. Ansonsten spricht der Bub den am Hof Kaiser Franz I. üblichen Wiener Dialekt.

Auch zu Weihnachten bekommt Franzi in der Hauptsache militärisches Spielzeug und militärische Ausrüstung. Der Fünfjährige jubelt über eine Kürassieruniform, der Sechsjährige über ein Flobertgewehr, mit dem er das Scheibenschießen lernt. Das Kriegsspiel ist seine Lieblingsbeschäftigung.

DIE BARONIN STURMFEDER erzieht ihren kleinen Schützling zur Ordnungsliebe, Höflichkeit und Pünktlichkeit. Sie weist ihn zurecht, wenn er sich ungebührlich benimmt. Sie achtet auch streng darauf, dass er jeden Tag sein Morgen- und Abendgebet verrichtet. Die Einhaltung der Gebote und Verbote der römischkatholischen Kirche ist am Wiener Kaiserhof seit Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit, gehört gewissermaßen zum höfischen Zeremoniell.

Luise Sturmfeder ist eine strenge Erzieherin. Sie hält an ihren Erziehungsmaßnahmen, vor allem auch im Gesundheitsbereich, fest, selbst wenn sie auf ärztlichen Widerspruch stößt. Ein Kind darf man nicht verweichlichen, es muss abgehärtet werden. Als sie einmal an einem kalten Novembertag mit dem kleinen Franzi einen Spaziergang unternimmt und der Erzherzog mit steifen Fingern in sein Zimmer zurückkehrt, schlagen einige Hofbedienstete die Hände über dem Kopf zusammen. Aber die Baronin bleibt bei ihrer Linie. Und das Leben gibt ihr Recht. Franz Joseph ist bärengesund und er wird es zeitlebens bleiben.

Im Herbst 1831 ist Sophie wieder schwanger. Diesmal schlägt sie die verzopften ärztlichen Anordnungen aus dem Wind, macht Theaterbesuche, organisiert Diners und Konzerte in der Hofburg, schwingt im Fasching das Tanzbein und genießt den Frühling im Schönbrunner Schlosspark. Die Geburt des zweiten Kindes soll anders verlaufen als die erste. Sie möchte keinen Staatsakt mehr. Sie ersucht den Kaiser, zu veranlassen, dass das Obersthofmeisteramt eine Geburt ohne großen Aufwand und mit möglichst wenigen Anwesenden vorbereitet. So geschieht es auch.

Die Erzherzogin wird von der Hofhebamme am 6. Juli 1832 rasch und komplikationslos entbunden. Es ist wieder ein Sohn, der den Namen Ferdinand Max erhält. Taufpate ist diesmal nicht der Kaiser, sondern der von Sophie geringgeschätzte Thronfolger Ferdinand.

Für den Neugeborenen wird keine neue Aja angestellt. Er wird der Obhut der Baronin Sturmfeder anvertraut, die damit so gar keine Freude hat. Sie wird jetzt noch mehr Arbeit und Verantwortung haben und fühlt sich überfordert. »Seitdem ich nicht mehr geschrieben habe, werden Dir die Zeitungen gesagt haben, was bei uns vorgegangen ist. Ich habe nun zwei Kinder, ein rechtes und ein Stiefkind, um das ich mich für den Augenblick freilich nicht annehme, welches doch alle freien Augenblicke, die ich noch hatte, in Anspruch nimmt«, klagt sie einer ihrer Angehörigen ihr Leid. Sie nennt von nun an Franz Joseph »mein Kind« und Ferdinand Max »meinen Stiefsohn«. Das freilich wirft einen Schatten auf ihre erzieherische Tätigkeit.

Ein Jahr später kommt ein dritter Bub in der Kindkammer dazu. Die Erzherzogin hat ihn am 30. Juli 1833 nach einer fast schmerzlosen Geburt zur Welt gebracht. Er hört auf den Namen Karl Ludwig. Zur Entlastung der Baronin wird eine zusätzliche Kinderfrau eingestellt.

Die Schwangerschaften nehmen kein Ende. Im Mai des nächsten Jahres erleidet Sophie einen Abortus und muss zur Erholung eine Kur in Marienbad und danach in Ischl absolvieren. Im Jänner 1835 fühlt sie sich wieder schwanger. »Ich bin also zum neuntenmal am Beginn einer Schwangerschaft. Nun, in einem Zeitraum von zehn Jahren habe ich wenigstens meine Zeit nicht verloren«, schreibt sie mit einem Anflug von Galgenhumor der Mutter. Das Kind, dem sie am 27. Oktober 1835 das Leben schenkt, wird auf den Namen Maria Anna Karolina getauft. Das Mädchen ist eine Epileptikerin. Sein Lebensfaden ist dünn gesponnen.

DIE EHRGEIZIGE ERZHERZOGIN war in den ersten fünf Jahren am Wiener Kaiserhof auch mit unangenehmen Ereignissen konfrontiert. Am 28. September 1830, nicht lange nach der Geburt ihres Sohnes Franz Joseph, wird der Kronprinz in einem feierlichen Staatsakt im Dom von Pressburg zum König von Ungarn gekrönt. Die Nachfolgefrage ist damit endgültig entschieden. Sophie ist entsetzt. Sie vermutet, dass Fürst Metternich, der die politischen Geschicke des Kaiserreiches lenkt, seine Hand dabei im Spiel gehabt hat. Metternich kann es nur recht sein, wenn ein schwacher, in diesem Fall sogar ein regierungsunfähiger Herrscher an der Spitze des Vielvölkerstaates steht.

Ferdinand macht bei der Krönungszeremonie in Pressburg, die stundenlang dauert und Stehvermögen erfordert, keine schlechte Figur. Zumindest nach außen hin. Hinter den Kulissen schaut es anders aus. »Am Ende des Krönungsmahles fiel mir auf«, berichtet sein Kammervorsteher Franz Marcel von Ségur-Cabanac seiner Gemahlin, »daß sich der Erzherzog äußerst unwohl zu fühlen schien. Ich erhob mich unverzüglich und führte ihn in ein Nebenzimmer. Ich hatte gut daran getan, denn es ging ihm tatsächlich miserabel. Niemand von uns war überrascht, denn seine Paradeuniform musste ihn einengen. Es war also nicht weiter verwunderlich, daß ihm in der doch sehr knappen Kleidung schlecht geworden war und er keinen Bissen mehr hinunterbrachte. Diese Unpässlichkeit blieb glücklicherweise ohne Folgen, und am Abend fühlte er sich wieder wohl genug, um an der von der Kaiserin gewünschten Zusammenkunft teilzunehmen. Dort spielte er wie gewöhnlich Billard.«

Auf den ersten Schritt aus dem Thronfolger-Schattendasein folgt alsbald der zweite. Der zukünftige Kaiser von Österreich muss heiraten. Für ihn eine Frau zu finden, ist allerdings nicht einfach. Nach einigen Sondierungen durch den Hof fällt die Wahl auf Maria Anna, einer Tochter Viktor Emanuels I. von Sardinien-Piemont. Sie ist fromm, hat eine sorgfältige Erziehung genossen, besitzt ein sanftes Gemüt, ist gütig, uneigennützig und mitfühlend. Eine Schönheit ist sie nicht. Ihr ovales, von der scharf geschnittenen Nase beherrschtes Gesicht sitzt auf einem Schwanenhals, sie ist schmalbrüstig, ihre Stirn ist auffallend hoch. Den Vergleich mit dem Bräutigam braucht sie allerdings nicht zu scheuen.

Nach den üblichen Formalitäten und der Unterzeichnung des Ehekontraktes tritt die bedauernswerte Braut die lange Reise von Turin nach Wien an. Der Bräutigam kommt ihr ein Stück Weges entgegen, dann zieht das Paar ganz im Gegensatz zu den sonst üblichen Gepflogenheiten unspektakulär in die Kaiserstadt ein. Und ohne viel Aufsehen geht in der Kammerkapelle der Hofburg auch im Februar 1831 die Hochzeit über die Bühne. Sophie ist erleichtert, als ihr das seltsame Ehepaar die Aufwartung macht. »Wir können dem Himmel nicht genug danken, uns ein solch gutes und sanftes Wesen gesendet zu haben«, schreibt sie ein paar Wochen nach der Hochzeit der Mutter. Und: »Ich glaube, wenn man Ferdinand nicht sagte, er solle von seinem Gattenrecht Gebrauch machen, er niemals daran denken würde, es zu tun.«

Die Jahre 1830 und 1831 waren übrigens Katastrophenjahre. Allein in Wien forderte eine Choleraepidemie 2000 Tote.

IM SOMMER 1832, als Sophie ihr zweites Kind erwartet, verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Herzogs von Reichstadt. Franzi ist ein Bild des Elends. Er hustet Eiter, sein Körper wird von Fieberanfällen geschüttelt. »Er wird immer schwächer, seine Tage scheinen gezählt zu sein. Sein Schicksal geht mir wirklich nahe«, notiert Luise Sturmfeder. Metternich, der ihn ein paar Tage vor seinem Tod besucht, schreibt dem in Linz weilenden Kaiser: »Es war ein herzzerreißender Anblick; ich erinnere mich nicht, jemals ein ärgeres Bild der Zerstörung gesehen zu haben.« Der Kaiser selbst äußert sich zwiespältig. Der unglückliche Charakter dieses Enkelkindes habe Grund gegeben, alles Üble zu fürchten, er habe politische Gesinnungen gehabt, die ganz pervers waren, aber er werde ihm abgehen. Die Mutter, die im letzten Augenblick an das Totenbett kommt, schreibt dem Kaiser: »Mein armer Sohn ist … verstorben. Der Himmel hat mein Bitten erhört und ihn sanft einschlafen lassen.«

Echt betroffen und erschüttert ist Sophie. »Ach, welch trauriger Anblick war es, das langsame Dahinwelken, das täglich Sterben dieses armen jungen Mannes im Frühling seines Lebens mit anzusehen und welch bittere Erinnerung an all die grausamen Leiden, gegen die es kein Mittel gab«, schreibt sie am Tag nach Reichstadts Tod der Mutter. Der Sohn Napoleons stirbt am 22. Juli 1832 im Alter von 21 Jahren.

Etwa zwei Wochen später verübt ein aus der Armee entlassener ehemaliger Hauptmann auf den Thronfolger in Baden bei Wien, wo er zur Kur weilt, ein Attentat. Ferdinand wird an der Schulter leicht verletzt und kurz ärztlich versorgt. Man misst dem Vorfall bei Hof keine Bedeutung bei, der Attentäter wird vom Kaiser begnadigt. Aber das Ereignis hat doch Folgen. Das darf man jedenfalls annehmen. Am 19. Dezember dieses Jahres hat Ferdinand so schwere epileptische Anfälle, dass ihm die Sterbesakramente verabreicht werden. Seine Gemahlin ist ständig an seiner Seite, betreut ihn Tag und Nacht. Sie ist am österreichischen Kaiserhof zu einer Krankenpflegerin geworden. Am Heiligen Abend wiederholt sich das schreckliche Schauspiel, am Christtag fällt der Thronfolger in einen totenähnlichen Schlaf. Sophie berichtet der Mutter nach München: »Das quälende Warten auf den letzten Augenblick dieses unglücklichen Menschen bringt mich ganz außer Rand und Band … Aber wenn es schon sein soll, ist es besser jetzt als später.«

Es sollte nicht sein. Nach zwei Tagen erwacht der Thronfolger aus seinem Heilschlaf. Drei Jahre später wird er, sehr zur Bestürzung Sophies, die Nachfolge des Vaters antreten.