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Philipp Traun

»BIN GESUND UND GUTER DINGE«

Philipp Traun

»BIN GESUND
UND
GUTER DINGE«

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Für meine Eltern

Marie-Therese          Ferdinand

ZU HAUSE

Die letzten Worte, die mein Großvater sagte, bevor er vorübergehend aufhörte in sinnvollen Sätzen zu sprechen, waren: »Ihr alle verdankt eure Existenz diesem Plastikbein.« Er zog umständlich, da er schon damals im Rollstuhl saß, seine Hose aus, schnallte eine Prothese vom rechten Oberschenkel und hielt sie, wie eine Trophäe, in die Luft.

Wir gingen und fuhren gerade durch die Ahnensäle, ich trug leichte und dunkelblaue Sportschuhe von Superga, eine kurze olivgrüne Militärhose und ein schwarzes T-Shirt von American Apparel. Meine zweite komplette und frische Garnitur an Kleidung heute und die Tage hier neigten sich dem Ende zu und auch das dreisame Leben von Mila, Großvater und mir hier im Schloss, denn ein Immobilieninvestor hatte zugeschlagen, der Kaufvertrag war heute unterschrieben worden, wir hatten ausgesorgt. Großvater würde in ein Luxusheim übersiedeln und ich war einigermaßen überrascht, denn weder hatte ich davor von dieser Prothese gehört noch gewusst, dass es einen Zusammenhang zwischen künstlichen Gliedmaßen und Existenzen gab.

»Wen meinst du mit ihr?«, fragte ich, doch Großvater schwieg, er schleuderte die Prothese durch den Saal und seine Hose hinterher. Urin schwappte durch seinen Katheter und ein großes Schweigen begleitete das Zuendegehen unserer Zeit im Schloss. Es war Anfang September, der Hof war verwahrlost, die Schlossdächer waren löchrig. Ein Gewitter zog auf, die Vereinten Nationen hatten das Jahr 2012 zum Jahr des Wüstensperlings ausgerufen und die Fassaden bröckelten ab. Ein letztes Mal vielleicht wurde mein Großvater heute durch sein Schloss geschoben, durch die Ahnensäle, in den Festsaal und weiter durch die vielen kahlen und scheinbar zwecklosen Zimmer, den Behindertenaufzug hinunter in den bewohnten Teil, in dem wir lebten, und in den großen Salon, wo Mila schon Tee und Sherry für Großvater vorbereitet hatte.

»Ich glaube, das war es jetzt endgültig«, sagte ich und deutete auf Großvater.

»Wo ist sein rechtes Bein?«, fragte Mila.

»Er hat überhaupt keins!«, antwortete ich.

»Wo ist seine Prothese?«, fragte Mila.

»Du wusstest von ihr?«, und Mila nickte. Ich nickte auch, denn natürlich wusste sie davon, sie pflegte meinen Großvater und badete ihn sogar, und einen Moment lang war ich erleichtert, niemals zuvor von der Prothese gehört zu haben.

»Die liegt im Ahnensaal«, sagte ich.

»Und die Hose?«, fragte Mila.

»Von der wusstest du auch?«, fragte ich. Mila lächelte und ich ging. Verließ das Schloss durch das Haupttor, der Himmel wurde weit, kein Mensch zu sehen und ich war über die Dinge plötzlich nicht mehr so erleichtert, denn wer weiß, dachte ich.

Die Gewitterwolken bäumten sich hoch über der Erde auf. Sie stauten sich, als wären sie auf eine Wand gestoßen und wer weiß, dachte ich, während ich in Richtung Dorf spazierte. Vielleicht würde Großvater einen Körperteil nach dem anderen durch die Ahnensäle schleudern und würde dazu nur sagen: »Ihr alle verdankt eure Existenz diesem Plastikarm!«, oder »Ihr alle verdankt eure Existenz dieser Plastiknase!« Mein Großvater würde sich langsam in seine Plastikteile auflösen und ich würde bis zu seiner Komplettauflösung noch immer nicht wissen, wer wir alle eigentlich waren?

Es war schwül, die Schwalben flogen tief über die Wiesen, die um das Schloss lagen und vor sich hin wucherten. Irgendetwas ging zu Ende, dachte ich und dieses Ende staute sich, so wie dieses Gewitter, am westlichen Horizont und wartete nur auf den richtigen Augenblick, um auf uns niederzugehen. Die letzten zwanzig Jahre waren ein Rückzug.

Ein paar Fliegen schwirrten um mich, und vielleicht war ich auch in den Facettenaugen dieser Insekten kurz vor dem Ende oder sogar schon Kadaver, denn Tiere begriffen so ein Ende früher als wir Menschen. Sie schwirrten um mich auf der Suche nach totem Fleisch, und vielleicht hatten sie ja recht und ich verweste am lebendigen Leib.

Schule, Matura, acht Monate Militärdienst, ein ewiges Geschichtestudium, und was für andere der Weg hinaus war, war für mich ein Weg zurück und hinein gewesen, immer tiefer hinter die Mauern des Schlosses, hinter die Mauern von Alkohol und Drogen, von oberflächlichen Affären mit den letzten Frauen, die noch immer an den letzten Glanz der Aristokratie glaubten, oder an mein entnervtes und letztes Aufbäumen dagegen. Kam ganz auf die Frau an, und auch ganz darauf, worauf ich gerade Lust hatte, denn manchmal war ich exzentrischer Monarchist und Universalerbe, manchmal gelangweilter und beleidigter Trotzkist im ländlichen Exil, doch meistens lag ich zugedröhnt und betrunken im Festsaal, starrte an die Decke und wartete auf Karl und seine nächste Heroinlieferung.

Immer seltener verließ ich das Schloss und das Dorf, um in Wien meinen Studien- oder anderen Angelegenheiten nachzugehen, immer seltener und schwächer wurde meine Sehnsucht danach und die Sehnsucht überhaupt. Das Einzige, was ich tat, war Schreiben.

Die Fliegen wurden von einem Windstoß von meinem Arm geweht, der Weg führte leicht bergauf, die ersten Dorfhäuser lagen rechts und links, hinter mir ging die Sonne unter und ich betrat den Gasthof zur Post.

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, sagte Karl, als ich mich zu ihm setzte. Er saß über einer Zeitung.

»Alles Gute zum zweiten Geburtstag«, sagte ich.

»Ebenfalls!«

Der Gasthof war leer.

»Hier steht, dass Europa früher oder später wieder in seine Länder zerfallen wird, und nicht nur in seine Länder, sondern darüber hinaus auch in ein nördliches und südliches Europa, und Österreich läge ähnlich wie vor 1989 als Puffer wieder zwischen den Blöcken.«

»Zwei Jahre!«, sagte ich.

»Zwei Jahre!«, wiederholte er gedankenverloren.

Karl nahm einen Schluck von seinem Kaffee, eine Zigarette verrauchte im Aschenbecher, dann faltete er die Zeitung, warf sie in hohem Bogen hinter die Theke und sie löste sich während des Fluges in ihre Einzelseiten auf.

»So wie diese Zeitung«, sagte er und zog an seiner Zigarette. Dann kam sein Blick, der Blick, den ich oft schon beobachtet hatte. Es waren seine Pupillen, die Augenbrauen, die einen Moment zusammenzuckten, und er presste seine Lippen zusammen, als würden sie mit aller Kraft zurückhalten, was im Begriff war, gerade aus ihnen herauszukommen.

Karl und ich waren hier, im selben Dorf, aufgewachsen, doch Freunde waren wir erst mit elf oder zwölf geworden, nämlich an einem Sonntag nach der Kirche, als Großvater, Großmutter und ich hier essen gewesen waren und Karl, damals schon im Wirtshauseinsatz, mir ein Himbeersoda über Hose und Hemd geschüttet hatte.

Vor einigen Monaten hatte Karl den Gasthof zur Post von seinem verstorbenen Vater übernommen. Er hatte zwar immer gesagt, dass er niemals und so weiter … aber dann war ihm die Sache doch gelegen gekommen. Das Einzige, was Karl, außer in seinem Gasthaus zu sitzen, zu warten und zu erben, noch tat, war sich intensiv mit den Möglichkeiten des Internets auseinanderzusetzen. Einmal hatte er sich in den Computer des größten österreichischen Pizzalieferservices gehackt und das Wiener Parlament mit Pizza Diavolo überschwemmt. Ein andermal verschaffte er sich Zugriff zur Seite eines österreichischen Tourismusverbands und ersetzte das Startbild von Bergen, Seen und Fröhlichkeit mit dem Bild einer Massenschlägerei und dem Satz »Urlaub bei Feinden«. Früher hatte ich ihn gebeten, die Mails unserer Pflegerinnen zu überwachen, denn ich wollte sicher sein, dass Großvater in guten Händen war, doch niemals konnte mir Karl schlechte Nachrichten überbringen. Alle Pflegerinnen waren in Ordnung gewesen, und auch Mila schien in Ordnung. Sie schrieb höchstens an ihren Bezirkspolitiker-Freund in Wien und die Nachrichten zwischen den beiden waren nur ein Austausch von Befindlichkeiten.

»Warum nicht?«, hatte er damals, als sein Vater gestorben war, gesagt und den Gasthof übernommen.

Das Gewitter hielt die ganze Nacht, als hätte es sich an den Schlosstürmen verfangen. Ich konnte nicht schlafen, denn das Gewitter war unheimlich und die Nacht wurde von sekundenlang stehenden Blitzen immer wieder hell erleuchtet.

Ich setzte mich auf, mit jeder Wetterentladung strahlten die Fresken meines Turmzimmers auf mich herab, die kleinen Figuren, deren Gesichter über die Zeit unkenntlich geworden waren. Figuren, die in symbolischen Szenen miteinander verbunden waren, im Tanz, in Liebe, im Leben und im Sterben. Ich stand auf und drehte das Licht an, nahm die schwere Taschenlampe vom Fensterbrett und verließ das Zimmer.

Ich ging an Milas Schlafzimmer vorbei, ihr ukrainisches Beten wurde vom Donner verschluckt, so wie der Schein meiner Lampe von den Blitzen. Ich stellte mir Milas Gesicht vor, schmal, zart, und dennoch stark im Ausdruck, hübsch. Ihre dunkelbraunen Augen, die so viel mehr als ihre 35 Jahre ausdrückten, »eine alte Seele«, hatte Großvater manchmal gesagt. Ich ging weiter, vorbei an den Schlaf- und Wohnräumen meines Großvaters, die Schlossmauern bebten unter der Wucht des Wetters, durch die Dächer jagte der Wind, unter mir knarrte der Boden und jeder meiner Schritte konnte mein letzter hier sein.

Ich leuchtete die Gänge ab, die vielen kleinen Risse im vergilbten Verputz der Wände, die Eisentür zum großen Archiv, das ich mittlerweile nur noch selten betrat und in dem eine kaputte Kuckucksuhr hing, in dem in gestapelten Kartons die Geschichte meiner alten und aussterbenden Familie lagerte, in Form von Dokumenten und Urkunden, Siegeln, kaiserlichen Depeschen, Personalabrechnungen, Abschusszahlen von Hirschen, Fasanen, Enten, Rehböcken Wildschweinen und sogar einem Menschen, den Großvater vor vielen Jahren während einer Treibjagd von einem Baum geschossen hatte und dafür niemals belangt oder auch nur ins polizeiliche Verhör genommen worden war. Und in Form eines Zeitungsberichts über einen Passagierflug am 7. Jänner 1991 von Hongkong nach Wien.

Ich betrat das Archiv, die Taschenlampe voraus. Es roch nach trockenem und altem Papier, das Gewitter schlug gegen die vernagelten Fenster. In der Mitte stand ein langer, bis auf einen sechsarmigen Kerzenständer leerer Tisch, auf dem Großvater früher gesessen hatte, einmal in der Woche, konzentriert Unterlagen durchblätterte und »Keinen Mucks!« zu mir sagte. Seine Haare waren damals schon weiß, glatt zurückfrisiert, manchmal strich er sich mit der Hand über den Kopf, wenn ihm eine Strähne ins Gesicht fiel, manchmal strich er mir über den Kopf und manchmal fuhr er sich über seinen Schnurrbart. Meistens ließ ich ihn irgendwann allein, wanderte durch die Säle und vermisste meine Eltern, die sich irgendwo über Westthailand in Luft aufgelöst hatten. Die Säle des Schlosses waren nur noch brüchige Mauern um mich und brüchige Decken über mir und ein brüchiger Boden unter mir. Alles war im Vergehen und Verfallen erstarrt.

Fast jedes Mal, wenn ich wieder ins Archiv zurückkam, stand Großvater an einem der vernagelten Fenster und sagte mit seiner unverkennbar sanften und dunklen Stimme: »Schön, dass es euch gibt, Paul!«, und es war Großvaters Stimme, warum mir die Klänge der Menschen so nahgingen.

»Schön, dass es euch gibt, Paul!«, doch außer Großvater und mir war da niemand. Später, wenn es dunkel war, kam Großvater zu mir, ich sollte mich neben ihn setzen, dann senkte er die Stimme und es begann ein Spiel, das mich bis weit in meine Jugend faszinierte. »Es wird einmal etwas passieren …«, begann er, »man weiß nur nicht wann und man weiß auch nicht wo …«, und Großvaters Stimme wurde immer bedrohlicher, die Zukunft immer düsterer, »man weiß nur, dass es passieren wird …«, erzählte er weiter. Er verstrickte mich Wort für Wort in eine kommende Katastrophe. Ich saß wie auf Nadeln, nichts auf dieser Erde rührte sich, und irgendwann und plötzlich brüllte er los. Ich zuckte zusammen und ein tiefer Schauer ließ mich erbeben. Es war jedes Mal nur sein Brüllen, das da irgendwann einmal passieren sollte, und dennoch und vielleicht gerade deswegen liebte ich dieses Spiel. Es gab mir ein Gefühl von Leben und das Gefühl, dass ich dieses Leben nicht nur auf den Anrufbeantworter dieser Welt sprach.

Ich leuchtete über die Regale, über die in der Dunkelheit kaum sichtbar nummerierten und in riesigen Kästen geschlichteten Kartons, die bis zur Decke reichten und die Wände des ganzen Raums einnahmen. Ich setzte mich, zündete die sechs Kerzen an und löschte die Taschenlampe.

Manchmal blieb Großvater den ganzen Nachmittag bis spätnachts über den Unterlagen sitzen, die alte Köchin brachte Tee und Sherry, er rauchte kurze Zigarren, der Geruch lag noch immer in der Luft, er murmelte und folgte den Zeilen mit seinem Zeigefinger. Es war still und einsam damals, kein Geräusch drang durch die Schlossmauern und es war so still und einsam, als wäre eine Glasglocke über unser Leben gestülpt worden. Draußen und weit entfernt war ein Flugzeug vom Himmel gestürzt, irgendetwas schmerzte noch immer, doch kein Geräusch drang durch diese Schlossmauern und nichts hatte sich geändert. Die alte Köchin war gestorben, zwanzig Jahre war das alles her, und ich hob den Kerzenständer vom Tisch und dachte, dass es vielleicht das Beste wäre, dieses Archiv und diese Kartons, dieses Schloss und diese ganze Vergangenheit einfach in Feuer aufgehen zu lassen. Der Rauch des Feuers würde wie ein grauer Abschied über die Landschaft wehen und immer dünner werden, bis nichts mehr übrig war außer Schutt und Asche und ein zu einem Klumpen geschmolzener Plastikgroßvater.

Ich ging durch den Raum, der Kerzenständer war schwer, ich schob die Vorhänge zur Seite. Dahinter lagen Geweihe, Papierrollen, tote Fliegen und andere Insekten, eine kleine Holzkiste mit der Aufschrift »Schubumkehr 1980–1991« stand in einer Fensternische, die Tür zum Turm war unverschlossen, zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann. Ich leuchtete hinein, eine beschlagene Holztruhe stand an einer der Wände, sonst nichts, ein Turm nur für eine Truhe, dachte ich und zog die Truhe aus dem Turm bis zum Tisch. Das Wort »Privat« stand auf einer der Seiten. Ein viel zu kleines Sicherheitsschloss hing am Verschlussscharnier. Ich betrachtete die Truhe, ich betrachtete die hunderten, vielleicht tausenden Kartons, und all das, dachte ich, würde in einer viel größeren Geschichte und Vergangenheit aufgehen und verschwinden, denn übermorgen würde Herr Schmid von der Landesregierung mit seinem blauen Golf, der erloschenen Pfeife und dem »Ich bremse auch für Tiere«-Aufkleber kommen, und er und seine Männer würden die Kisten in ihre LKWs packen, eine nach der anderen, von der ersten mit Inhalten über das 12. Jahrhundert bis zur letzten vom 7. Jänner 1991, denn danach war nichts mehr geschehen. Zwanzig Jahre! Großvater hatte einen Schlaganfall erlitten, manchmal saß ich vor dem Fernseher und schaute Woody-Allen-Filme, die Köchin war gestorben, neue Angestellte kamen, Pflegerinnen vor allem, und es war nur typisch für Großvater, dass nicht er für immer ging, sondern all die neuen Pflegerinnen aus der Slowakei, aus Polen, Ungarn und Bulgarien. Bis vor zwei Jahren Mila kam, und sie kam mit dem Selbstvertrauen eines Flugzeugträgers.

Mila blieb und ich stand seit Jahrtausenden kurz vor dem Abschluss meines Geschichtestudiums, ein Kamin war vom Dach gebrochen und lag verstreut in seinen steinernen Einzelteilen im Hof herum, die Fresken lösten sich auf, manchmal ging das Klopapier aus und wir benützten Küchenrollen oder Taschentücher und freitags gab es Fisch.

Mit der Taschenlampe schlug ich das Schloss der Truhe auf.

Einmal im Monat kam Doktor Zach und besah sich Großvater, ich hatte einen Roman veröffentlicht, vor fast zwei Jahren jetzt, der Behindertenaufzug wurde eingebaut, die Sommer waren heiß, die Winter kalt und eines Tages stand Herr Luchs mit Anwälten und einem Geldkoffer vor der Tür und was blieb uns schon anderes übrig.

In der Truhe lag ein einziger dicker Ordner mit der Aufschrift »Russland 1941–1942«.

An manchen Tagen passierte nichts und wir ließen die Zeit vergehen.

Ich schaltete die Taschenlampe an, blies die Kerzen aus, schloss die Truhe, stellte die »Schubumkehr«-Truhe darauf und zog die beiden Kisten durch die Gänge und hinunter. Mila hatte aufgehört zu beten, ich stellte mir ihr schlafendes Gesicht vor, ihre geschlossenen, von Träumen bewegten Augen, und zog die Truhen weiter in mein Zimmer.

Und an manchen Tagen schien die Zeit keinen Augenblick zu vergehen, ein unheimliches Gewitter hatte sich in den Schlosstürmen verfangen, Blitze erhellten die Fresken über mir, ich holte den Russland-Ordner aus der »Privat«-Kiste, schob die Kisten dann unter das Bett, legte mich hin, es begann zu dämmern und ich las.

14. Mai 1941, Warschau

an dem gemessen ist die ganze Hess-Affäre eine Bagatelle.

Wir haben es nicht notwendig um Prestigeverluste zu bangen. Das ist wieder was für die Miesmacher. Ich bin nach dreieinhalbstündiger Fahrt 2. Kl. D-Zug um 14.30 Uhr dort angekommen. Ich habe zwanzig Unteroffiziere und Mannschaften mit mir gehabt, um die ich mich etwas zu kümmern hatte. Sie wurden in einer Kaserne untergebracht, erhielten umsonst Essen, Kino-, Theater-, Schwimmbadkarten und nahmen an einer Führung durch die Stadt teil. Ich wurde in einem sogenannten Offiziersheim untergebracht, recht gut, rein, mit Bad. Habe diese 3 Tage gut genützt. Bin sehr viel herumgelaufen, meistens mit zwei biederen Infanterieoffizieren, die ich im Hotel kennenlernte, und habe sehr viel gesehen. Gesamteindruck: interessant, aber etwas abstoßend, beeindruckt auch durch das Gefühl, ein unerwünschter Gast zu sein (zum Unterschied von Frankreich), dann durch die Schutt- und Trümmerhaufen in der Stadt und durch die wirklich einmalige Grausigkeit des Ghettos. Das Stadtbild ist nicht schön, da schöne alte Gebäude, die es viele gibt, wie Oper, Palais Brühl, Palais Potocky, das königliche Schloß etc. ganz mit Mietskasernen verbaut sind. Außerdem die enorme Zerstörung durch die Bombardements. Habe kein einziges Haus gesehen, das nicht irgendeine Spur des Krieges hat. Mitten im Großstadtbetrieb völlig ausgebrannte fünfstöckige, ganze Häuserblocks als Schutthaufen. Nach vorsichtigen Schätzungen liegen seit eineinhalb Jahren unter diesen Trümmern 50.000 Tote. In den Straßen auffallend arme und sehr elegante Menschen. Aber z. B. lange nicht so viele Bettler wie bei uns in der Systemzeit. Sehr hübsche, schicke und rassige Frauen, die absolut mit Paris konkurrieren können. Geschäfte nicht besonders, und alles sehr teuer. Dieser Umstand und die Begleitung der beiden biederen Infanteristen hat mir geholfen, mich um die Verlockungen der Großstadt nicht erhaschen zu lassen. Unsere Abende waren ziemlich bescheiden. Waren zweimal in guten Kabaretts und einmal bei einer ausgezeichneten Aufführung der »lustigen Witwe« im Warschauer Stadttheater.

Mein ganzes Warschauer Sejour stand jedoch im Zeichen der Besichtigung des Ghettos. Habe niemals vorher derart Schreckliches gesehen. Das Warschauer Ghetto beträgt ein Viertel der Stadt, beherbergt 400.000 Juden und ist mit einer Mauer abgeschlossen. Schon bei meinen Wanderungen durch die Stadt bin ich immer wieder in Straßen gekommen, die plötzlich mit einer ca. fünf Meter hohen Mauer abgeschlossen waren, so daß man nicht hineinsehen konnte. Es war die Ghettomauer. An drei oder vier Stellen, unter strengster Bewachung sind Eingänge. Das Betreten des Ghettos ist mit Ausnahme der dort diensttuenden SS und anderer Organe verboten. Nur das Durchfahren des Ghettos ist erlaubt, man darf aber nirgends aussteigen. Es ist eine Stadt für sich, mit eigener jüdischer Verwaltung und jüdischer Polizei. In welchen Mengen das Ghetto Lebensmittel von der Außenwelt erhält, weiß ich nicht. Auch muß ich darauf verzichten, die interessantesten Details zu berichten. Ich habe mir mit drei Wachtmeistern meiner Schützlinge eine Pferdedroschke genommen und bin kreuz und quer durch das Ghetto gefahren. Schon auf der kleinen Fahrt hat man gesehen, daß ziemlicher Platzmangel sein muß, denn die Straßen waren so dicht gedrängt mit Juden, daß man kaum durchkonnte. Sehr unangenehm ist, daß die Juden uns hier in Polen grüßen müssen, und es ist immer eine Woge rechts und links neben dem Wagen durch die Menge gegangen. Alle tragen, wie überall hier, die weiße Armbinde mit dem Sionstern. Die Straßen sind erfüllt von einem lauten Geschrei, weil sie auf der Straße ihre Geschäfte machen. 80 % haben scheinbar nichts zu tun. Zum Glück können sie nur ihre Rassengenossen betrügen und sie scheinen das auch rücksichtslos zu tun, denn wir sahen hin und wieder sehr elegante Juden und Jüdinnen in Pelz usw. Aber das waren vielleicht 2 %. Der weitaus größte Teil ist in einem erbärmlichen Zustand. Zu dem Geschrei der Händler kommt das Geschrei der Bettler, die in der Überzahl sind. Hauptsächlich Kinder. Dazwischen Leichen, mit Zeitungspapier zugedeckt am Trottoir. Es soll hier Nachtlokale geben, eleganter als in der Außenstadt, in denen man vom Poulard bis zu französischem Champagner alles bekommt, natürlich zu horrenden Preisen. Waren froh, als wir nach ca. einer Dreiviertelstunde aus der nebenbei stinkenden Hölle heraus waren. Scheinbar ein Volk, das nicht in der Gemeinschaft leben kann. Aber außer dem Ekel müßte man als Antisemit kein Mitleid verspüren.

Vor zwei Jahren und vier Monaten waren Karl und ich auf Entzug gegangen, denn Karl war neben mir zu einem seiner besten Kunden geworden. So lagen wir oft gemeinsam unter der hohen Decke des Festsaals, die Nadel noch in den Venen, der Gürtel um den Oberarm, das Besteck in Reichweite, kicherten, schwiegen, schliefen, durch den Saal donnerte Musik. Es gab keinen schöneren Rausch und es gab kein böseres Erwachen. Direkt in den Entzug, direkt in die eiskalte Gier und in eine brennende Stille. Der Festsaal, der gerade noch die ganze Welt gewesen war, war zu einer Zelle aus Schweiß und Angst geworden.

Ich lag im Bett, gestern war der zweite Jahrestag unserer Entlassung aus der Entzugsklinik gewesen, das Gewitter war niemals hier gewesen, nur noch Licht, das in sanftem Grell durch mein Zimmer schien. Auf meinem Schreibtisch lag ein originalverpacktes Exemplar meines ersten Romans. Wer hatte gedacht, dass das jemals passieren würde? Nun riefen manchmal Journalisten an, um mich zu fragen, ob das alles wirklich so gewesen sei, der Schlüssel, der Keller und das Skelett in den Donauauen?

»Die volle und ganze Halbwahrheit.«

Ich zog die Kisten unter dem Bett hervor. Nichts rührte sich, die Stille des Schlosses war manchmal betäubend oder ließ mich selbst ertauben oder die ganze Welt verstummen und das Quietschen der Bettfedern, das Schleifen meiner Füße über den Turmzimmerboden, das Aneinanderreiben meiner Pyjamahosen waren nur Erinnerungen an eine Zeit, als diese ganze Welt noch manchmal Geräusche machte und ich noch manchmal zuhörte. Schritte, die sich näherten, das Klopfen an meiner Tür und die Ruhe danach …

»Jetzt nicht!«, sagte ich.

»Die Veteranen kommen heute«, sagte Mila.

»Und?«

»Ich hab heut keine Lust auf den geilen Gusig, aber ich habe alles vorbereitet«, sagte Mila.

… die Schritte, die sich von der Tür entfernten, das Kratzen der Scharniere, als ich die »Privat«-Kiste aufmachte.

Ich öffnete den Russland-Ordner, drinnen lagen hunderte Briefe und Tagebuchseiten aus den Jahren zwischen 1941–1942, ungeordnet und teilweise schwer zu lesen, Schwarzweißfotos meines jungen Großvaters im Krieg, die Haare zurückfrisiert, der Schnurrbart war dunkler als heute, er saß in Uniform auf einem Pferd, reitend durch eine Schneelandschaft. Da waren Fahrzeuge und Fußsoldaten, alles wirkte chaotisch, »tief in Russland« stand auf der Rückseite des Bildes, »tief beeindruckt« auf der Rückseite eines anderen, auf der Vorderseite Adolf Hitler mit ein paar anderen hochdekorierten Spinnern vor einer Kompanie, darunter Großvater.

Es war immer dasselbe, die über die Jahrzehnte aufgeblähte Präsenz Hitlers wuchs aus dem Foto wie ein Geschwür und dieses Foto kam mir wie das manipulierte Gegenstück eines dieser »Suchen-Sie-fünf-Fehler«-Bildrätsel vor und der erste Fehler war Großvater. Ich suchte weiter, denn vielleicht waren da noch unsere alte Köchin, meine Eltern und im Hintergrund ich selbst und das Rätsel wäre gelöst. Doch ich sah nur Menschen, in totaler Achtung und Gehorsam, von Mimik entleerte Gesichter, Unbekannte in Wehrmachtsuniformen, meinen Großvater, »tief beeindruckt«, und nichts war gelöst. Eher wuchs jetzt das komplette Bild, das »Suchen-Sie-fünf-Fehler«-Rätsel samt damaligem Großvater und dieser aufgeblähten Präsenz Hitlers aus dem Bild hinaus und hinein in mein Turmzimmer. Ich besah mir meinen damaligen Großvater genauer. Damals war er noch kein Großvater, nicht mal Vater, vielleicht 18-jährig, sein Blick starr und hell nach vorn gerichtet, in Stellung, und nichts schien auf einen Witz hinzudeuten, nichts auf nur einen einzigen Fehler, der das Ganze aus der Bedeutung hob. Witzlos und fehlerfrei! Und so war das eben: Das Fehlerfreie war immer witzlos, und das Witzlose leblos. Allenfalls würde eine Adrenalinspritze mitten ins Herz helfen, so wie es bei mir geholfen hatte, vor über zwei Jahren, als ich mich in einem Zustand von Leblosigkeit befunden hatte: mitten ins Herz.

Ich betrachtete das Foto lange, ging mehrmals über die Gesichter der Soldaten und legte es dann auf den Boden. Ich begann die Briefe und Tagebuchseiten getrennt und nach Datum zu ordnen. Es war kaum ein Kriegstag vergangen, an dem Großvater nicht geschrieben hatte, und es gab kaum einen Brief, der nicht durch die Hände der Zensur gegangen war oder von Großvater selbst unleserlich gemacht wurde. Zeilenweise waren die Worte und Sätze geschwärzt worden, penibel und für immer ausgelöscht.

1. August 1942, Veselé

Lieber Leutnant Max!

Wie Sie wissen, ist mein Deutsch nicht so gut, denn trotz meiner Herkunft, ich wurde in russischer Sprache gebracht. Aber ich versuche dies:

Mein Leben ist einsam. Da unsere wunderbare Erfahrung, ich denke fast jeden Tag an Sie. Wann war das? Ich denke, daß am 6. Mai, kurz vor Ihrer Abreise nach Österreich. Jeden Tag den Verwundeten, Verletzte mehr als neu, das ist ein schrecklicher Anblick. Mit Ihrer Heimreise ist es einsam um mich herum. Es ist sehr einsam! Die Tage werden kürzer, und jetzt sind Sie in keinem meiner Erinnerungen, für jeden Soldaten sehe ich dich.

A. Alle Ihre Liebe

PS: Ich hoffe, Sie verstehen.

Zweimal im Jahr kamen die Veteranen, Herr Gusig, Herr Swoboda und Herr Haderer, die letzten noch Lebenden aus Großvaters Zug. Sie setzten sich in den Salon und nippten an ihren Whisky- oder Weinbrandgläsern, rauchten Zigarre und plauderten über ihren Krieg, ihre gefallenen und gestorbenen Kameraden. Einer hatte Jahre nach Kriegsende Selbstmord begangen, viele waren eines natürlichen Todes gestorben, ein anderer parkte im September 1989 seinen Opel Kadett betrunken auf den Westbahngeleisen und wurde vom Intercity W. A. Mozart zermalmt.

Ich konnte mich daran erinnern, da mein Großvater damals lachend in mein Zimmer kam, mir die Geschichte von Herrn Reidlinger erzählte und ich saß damals im Bett und stellte mir einen von tausenden Geigern und Trompetern und Dirigenten besetzten Zug vor, die musizierend und dirigierend und haargesträubt über die Gleise in Richtung Paris oder umgekehrt ratterten, und der Lärm und die Musik waren einfach zu groß. Ich saß damals nur weiter im Bett, selbst haargesträubt, während Großvater weiter lachte und erzählte. Ein anderer Kamerad saß, genauso wie meine Eltern, im Flugzeug über Thailand. Das war komisch. Doch am Ende der Geschichte hörte Großvater zu lachen auf, sah mich minutenlang schweigend und verwirrt an und sagte schließlich: »Irgendwann wirst du das alles auch lustig finden.«

Manchmal, als Kind, lauschte ich und hörte den Veteranengeschichten über die Toten zu und niemals, so kam mir vor, sprachen sie über sich selbst. Ich hatte das Gefühl, dass erst der Tod diese Menschen und Veteranen und Kameraden aus ihrem Schweigen über sich selbst holte. Von Jahr zu Jahr wurden sie weniger und von Jahr zu Jahr gab es mehr zu besprechen. Großvater meinte nach diesen Treffen immer: »Irgendwann sind wir dann alle weg!«

»Logisch!«, antwortete ich.

Herr Swoboda fiel geistig und körperlich in die Abteilung Großvater und kam mit slowakischer Pflegerin, die beiden anderen waren für ihr Alter in noch gutem Zustand, über neunzig, und plauderten, als ich die Tür öffnete, gerade über »diesen herrlichen Tag im September« und wie oft man wohl noch einen weiteren September erleben dürfe? Das fragte ich mich manchmal auch, doch statt an »dürfe« dachte ich eher an »müsse«.

»Wo ist Mila?«, fragte Gusig.

»Die hat heute was anderes zu tun, aber sie hat alles vorbereitet«, antwortete ich.

»Stangenschuss!«, sagte Swoboda aus seinem Rollstuhl heraus. Die Pflegerin legte ihm ihre Hand auf den Kopf, versuchte ihn zu beruhigen, denn es konnte vorkommen, dass Herr Swoboda in Rage geriet und dann stundenlang dasselbe Wort wiederholte. Er würde auf eine harmlose Frage wie »Wollen Sie Tee mit Rum oder lieber Sherry?« nur mit »Stangenschuss« antworten, aber auch ungefragt wäre »Stangenschuss« die Antwort.

Vor einem halben Jahr hatte Swoboda die Ereignisse eines ganzen ereignislosen Nachmittags in pneumatischer Regelmäßigkeit mit »Lüftungsschacht« kommentiert, so lange, bis mein Großvater ihn mit den Worten »Jetzt halt dein Maul, Franz!« zu bremsen versucht hatte. »Lüftungsschacht!«

»Stangenschuss!«, sagte ich in Richtung Swoboda, der sah auf, sagte: »Achtungserfolg!«, und grinste und so wurde »Achtungserfolg« zum letzten Leitwort des letzten Veteranennachmittags in unserem Zuhause.

»Mein Großvater ist im Salon«, sagte ich, die Kameraden traten ein, und ich blickte ihnen nach, bis sie in den hinteren Räumen verschwanden. Ich blickte noch einige Minuten weiter, die Zimmerfluchten entlang, irgendwo in Gedanken verschwunden, zwischen den Fotografien aus Großvaters Kiste und den Menschen, die aus diesen Fotografien und der Kiste entstiegen waren. Ich sah jetzt wieder die Gesichter der Soldaten und meine Gedanken bündelten sich in jener einen Fotografie.

Vor einem Fenster in der Küche stand Mila, irgendetwas dort draußen fesselte ihre Aufmerksamkeit. Ich stellte mich hinter sie, draußen lag der Hof zwischen den verfallenden Fassaden, darüber der wolkenlose Himmel. Ich trat näher an Mila, ich roch ihre frisch gewaschenen Haare, Nuss und Lavendel. Draußen rührte sich nichts, die Haut an ihrem Hals erinnerte mich an glatt gespülte Steine an Flussufern, ihre Halswirbel erinnerten mich an gar nichts und die ganze Situation erinnerte mich an eine Frau, der ich vor Jahren begegnet war, wenige Tage nach meiner Buchpräsentation, mit der ich dann auch genau hier stand, vor dem Fenster, und in den Hof sah.

»Braucht man ein Visum für die Ukraine?«, fragte ich Mila.

»Nein!«

»Und für Russland?«

»Bin ich das Außenministerium?«, fragte Mila noch immer auf den Hof und den Himmel konzentriert.

»Ich halte diese Männer nicht aus«, sagte sie.

Die Frau hieß Anna, ich bekam eine Erektion, sie drückte sich an mich und wir trieben es vor dem Fenster, kurz und intensiv, während draußen nichts geschah, außer, dass ein heißer Sommer kam. Und plötzlich war der Herbst da, auf den hohen Stromleitungen sammelten sich Zugvögel zu ihrem Flug in den Süden, und auch Anna packte wieder ihre Sachen und verabschiedete sich mit den Worten: »Keine Erektionen lügen nicht« und »Werde erwachsen«.

»Erstens ja und zweitens nein«, antwortete ich. Dann kam der Winter, ich stand alleine vor dem Fenster und blickte auf die verschneiten Dächer und den kristallenen Himmel, bis die ersten Schneeglöckchen durch den Schnee wuchsen. Anna blieb bis heute die letzte Frau, der ich auf diese Weise begegnet war, und sie blieb auch bis heute die einzige Frau, mit der ich in Kontakt geblieben war. Auch wenn der Kontakt sich eher einseitig äußerte, denn seit Jahren und immerhin alle zwei Monate schickte sie mir aus Paris Pakete voll Kleidung, die bei irgendwelchen Fotoaufnahmen über geblieben waren. Anna wusste von meiner Neigung, mich mindestens einmal täglich umzuziehen und die getragene Kleidung dann sofort in die Waschmaschine zu geben. Das erste Paket von ihr kam mit einem kurzen Brief, in dem sie schrieb, dass sie immer noch manchmal an mich denken müsse, und mein Kasten war bis oben vollgestopft mit Armani-Hemden, Diesel-Jeans, Dior-Hosen, H&M, Second-Hand-Kleidung, Gucci-Krawatten und so weiter. Vor einigen Wochen hatte ich das erste Mal zurückgeschrieben und ich hatte geschrieben, dass ich mich bedanke und dass es jetzt reiche, denn ich könnte mich schon mindestens dreihundertsiebenundneunzigmal am Tag umziehen. Seitdem war Schluss.

»In meinen Augen sind das alles Verbrecher und Mörder und Vergewaltiger, dein Großvater ist da natürlich eine Ausnahme«, sagte Mila und diesmal blieb die Erektion aus.

Trotzdem fühlte ich Erregung und ich trat noch näher, ein paar Millimeter nur, an den Rand ihrer Aura und Wärme und die tausend kleinen Kaschmirfäden meines Benettonpullovers orientierten sich in Richtung Mila wie tausend kleine Kompassnadeln und die tausend kleinen Wollfäden ihres Pullovers richteten ihre Spitzen gegen mich.

»Ich arbeite schon für deinen Großvater«, sagte Mila, und sie wandte sich um, blickte mir direkt in die Augen, ich blickte zurück und keiner gab nach, denn was brauchte sie schon von mir und was brauchte ich schon von ihr. Seit Anna onanierte ich exakt drei Mal wöchentlich, montags, donnerstags und samstags, ins Waschbecken und betrachtete mich dabei im Waschbeckenspiegel. Niemals änderte ich den Rhythmus.

»Was meinst du damit?«, fragte ich.

»Egal«, antwortete Mila und ich sah jetzt, was sie die ganze Zeit über betrachtet hatte. Alle Rosen im Hof hatten ihre Blätter verloren, einfach so, über Nacht und es sah aus, als wäre die Party nun endgültig vorbei und wir könnten jetzt endlich nach Hause gehen und für immer dort bleiben.

»Ich will dir etwas zeigen«, sagte ich.

15. August 1942, Veselé

Lieber Leutnant Max!

Ich vermisse meine Heimat, Porkrowsk, 3000 Meilen von hier. Aber es gibt keine guten Nachrichten von dort habe ich bekommen. Die Leute sagen, daß Wolgadeutschen Tag für Tag verschwinden, nach Zentralasien und Sibirien. Niemand kann mehr genau sagen. Ich bete für mein Volk, den Adolf Hitler und immer für Sie da, und ich danke unserem Herrn, daß ich hier aufgewachsen bin in Sicherheit. Aber ich zu Hause vermissen, nicht nur mir, auch ich vermisse dich. Jeden Tag hoffe ich auf gute Nachrichten, und einen Brief aus dem Reich.

Ich habe so viele Fragen.

Wo bist du?

Wie geht es Ihnen?

Wo ist die Wunde?

Komm zurück jemals wieder?

Wahrscheinlich nicht.

Alles Liebe A.

PS: Grüße von Leutnant Riedl. Er leitet an eine Schulterdurchschuß hier, aber er ist in Ordnung.

Der ganze Fußboden war mit den noch nicht sortierten Tagebuchseiten und Briefen übersäht. Mila ging auf Zehenspitzen durch das Zimmer, behutsam, den Kopf gesenkt, manchmal blieb sie stehen und ging weiter. Über dem Foto mit Großvater und Hitler und den restlichen Spinnern stand sie länger, bückte sich, ihre Hose rutschte ein paar Zentimeter unter ihre Hüfte, ich sah den Ansatz ihres Hinterns. Das Wort Schmirgelpapier kam mir in den Sinn, sie richtete sich wieder auf und stellte sich vor meinen Schreibtisch. Sie nahm die Fotografie meiner Eltern in die Hand.

»Und was ist in der anderen Kiste?«, fragte Mila und legte das Foto flach auf den Tisch zurück.

»Keine Ahnung«, sagte ich.

»Du solltest nachsehen.«

Ich nickte, Mila verließ das Zimmer und ich stellte mich vor das Waschbecken im Badezimmer. Im Spiegel sah mein Penis größer aus, Dienstag, und ich überlegte und vielleicht sollte ich wirklich nachsehen, vielleicht war nicht nur mein Penis größer, als ich vermutete, und vielleicht sollte ich meinen Rhythmus ändern und auf andere Gedanken kommen, zum Beispiel, ob Mila rasiert war, oder ihre Brustwarzen hell oder dunkel waren? War sie noch Jungfrau, wie fühlte sich die Haut zwischen ihren Brüsten an, wie warm war es zwischen ihren Beinen? Ich würde ihren Kopf mit beiden Händen halten, die Finger tief in ihren Haaren, ihren Hals küssen, ihre Lippen, ihre Schultern, ihre Lider und Wangen, ich würde langsam in sie eindringen und sie anblicken, wie ich sie in der Küche angeblickt hatte, und sie würde zurückblicken, eine lange Zeit, denn was brauchten wir schon voneinander? Mein Körper und meine Gedanken verkrampften sich zu einem kilometerweiten Nichts, einen Augenblick nur, dann war alles vorbei. Mein Sperma rann in den Abfluss, ich ließ Wasser nach und ein ganz normaler Tag kroch langsam und schwer wieder unter meine Haut, bis alles wieder hier und jetzt war. Ich öffnete die Augen, mein Anblick verunsicherte mich, die dunklen, furchigen Augenringe, rechts über der Stirn fielen mir die Haare aus, kaum erkennbar für irgendjemand, aber ich konnte sehen, wie das Altern schleichend und unwiderruflich über mich kam. Mein Bauch, der dicker wurde, die eingeschlafenen Finger nach dem Aufwachen, das Vergessen und das Nicht-Erinnern-Wollen, all das. Wie spät mochte es wohl sein? Ich legte mich in die leere Badewanne und starrte an die weiße Decke, Spinnweben hingen in den Ecken, und je länger ich starrte, umso dunkler wurde das Weiß.

Vierzehn Uhr neunundzwanzig, die Zeit an sich verging lautlos, das Foto meiner Eltern lag flach auf dem Tisch und irgendwie schien alles auf dem Foto ein wenig schief und abgeschnitten. Meine Mutter war jung, sie strahlte, im Hintergrund ragte ein Felsen aus dem Meer, ein paar Menschen, ein Tretboot wurde ins Wasser geschoben, bunte Sonnenschirme, der Sand war hellbraun, die Stirn meines Vaters lag in Falten und seine Augen waren halb geschlossen, als würde er gerade besorgt einschlafen. Ich konnte mich an den Moment erinnern, als ich abgedrückt hatte. Ich wusste noch, dass ich versucht hatte, meine Eltern im Sucher zu finden und sie in die Mitte des Bildes zu rücken, und ich wusste auch noch, dass der Sand heiß gewesen war und ich hin und her trat, meine Eltern wackelten durch den Sucher, mein Vater sagte »Jetzt mach schon!« und irgendwann drückte ich panisch ab und ein Tretboot wurde ins Wasser geschoben.

Ich war sieben Jahre, als wir in Ibiza waren, vielleicht fünf oder neun, vielleicht aber war ich niemals dort gewesen. Ich war zehn, als sie starben, und obwohl das alles keine Jahrhunderte her war, konnte ich mich nicht an sie erinnern. Irgendeine Kraft riss die Erinnerungen fort, oder riss nur meine Eltern aus diesen Erinnerungen heraus.

Ich nahm das Bild aus dem Rahmen, auf der Rückseite standen die Zahlen »11/XXI« und »11/XXIV«. Ich scannte die Rück- und Vorderseite und legte das Bild wieder in den Rahmen, speicherte die Dateien im Ordner »alt« und ließ die Zahlen durch die Suchmaschinen des Internets laufen.

»11/XXI Suchtkonferenz«, »Air Jordan Retro 11 XXI«, »Kampfgruppe 11 XXI«, »Kosmonaut 11 XXIV«, »875 der Beilagen XXIV. GP-Regierungsvorlage«, nichts, was ich mit meinen Eltern in Zusammenhang bringen konnte, oder war Mutter vielleicht Mitglied der Kampfgruppe 11 XXI gewesen, während Vater mit Air-Jordan-Basketballschuhen durch das sowjetische All flog? Wer waren meine Eltern und hatte ich irgendwo noch ein wenig Heroin versteckt? Der Gedanke kam so plötzlich und war so berauschend, dass ich erst wieder zu mir kam, als ich schon unter dem Bett lag und mit meinen Fingernägeln den Lattenrost durchsuchte. Doch da war nichts außer Einsamkeit, ein paar alte Tränen und ein rotes Matchboxauto, das zwischen Matratze und Bett klemmte, dort, wo ich früher die Drogen versteckt hatte. Ich zündete mir eine Zigarette an, blies den Rauch von unten gegen das Bett und ein paar Tränen liefen über meinen Hals unter den Pullover.

»Selber Schuld«, sagte ich.

»Wie bitte?«, fragte Mila.

Ich erschrak und schlug mir den Kopf am Lattenrost an, Staub rieselte mir ins Gesicht und ein graues Papierbriefchen landete auf meiner Stirn.

»Privatsphäre!«, sagte ich und steckte das Briefchen ein.

»Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen …«, sagte Mila.

»… und ihr habt zu hundert in einer videoüberwachten Abstellkammer gelebt«, sagte ich. Ich sah nur ihre Füße, die schmalen braunen Hausschuhe, die Mila immer trug, mit denen sie lautlos durch die Räume ging, und ich stellte sie mir vor, lautlos über die ukrainisch-ungarische Grenze schleichen und weiter in Richtung Osterreich. 17-jährig, auf eigene Faust und die Kapuze bis über die angsterfüllten Augen gezogen. Vor Monaten einmal hatte sie mir bei einer Flasche Schnaps ihre ganze Geschichte erzählt.

»Was machst du da?«, fragte Mila.

»Liegen und rauchen, aber genau das meine ich mit Privatsphäre«, sagte ich, »ich könnte hier auch eine Briefbombe basteln oder einen Kinderporno drehen und es würde dich nichts angehen.«

»Das ist nicht der Sinn von Privatsphäre«, sagte Mila.

»Was gibt es?«, fragte ich, blieb unter dem Bett liegen und rauchte weiter. Welche Geschichten, dachte ich, außer der Geschichte meiner konsequenten Selbstzerstörung und Vereinsamung konnte ich im Gegensatz zu Mila und im Gegensatz zu jedem andern Menschen schon bieten? Was konnte ich überhaupt schon bieten, außer genau dem Bild, das ich in diesem Augenblick abgab? Ich lag unter dem Bett, ich war zweiunddreißig Jahre alt, verheult und hielt ein Matchboxauto in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand und hatte ein Gramm Heroin in der Hosentasche.

Darüber hinaus und wie immer in Situationen der Ausweglosigkeit überkam mich der Harndrang.

»Ich wollte mir noch einmal die Fotos anschauen«, sagte Mila, sie wippte auf den Spitzen ihrer Schuhe.

»Mach das, aber stör mich nicht«, ich schnippte die Zigarettenasche auf den Parkettfußboden und Mila drehte sich auf den Schuhspitzen um und verschwand lautlos aus meinem Blickfeld.

»Privatsphäre«, murmelte ich.

Irgendwie war Mila in Wien gelandet und irgendwo musste ich noch frische Injektionsnadeln haben, sie kam bei einem mittelalten und wohltätigen Mann unter, der die junge Frau in der Nähe des Südbahnhofs auflas. Vielleicht über dem Waschbecken, hinter dem Spiegel, im Notfall konnte ich das Heroin rauchen oder schnupfen, ich könnte es aber auch im Klo runterspülen und diesen elenden Zwischenfall für immer vergessen. Der mittelalte Mann war jedoch nicht nur wohltätig, sondern auch sozialistischer Bezirkspolitiker und verhalf Mila zu einer Aufenthaltsgenehmigung, zu einer Krankenpflegeausbildung und schlussendlich sogar zu einer Staatsbürgerschaft, aber was mich wirklich interessierte, war ihre Flucht über die Grenzen.