Image

René Otto Knor

Sonja Littig-Wengersky

images

JA, ich bin mir s!cher

René Otto Knor

Sonja Littig-Wengersky

JA

ICH BIN MIR

S!CHER

So coachen Sie sich
zu Glück & Erfolg

Image

Besuchen Sie uns im Internet unter

© 2012 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien

Inhalt

1A

David im Wunderland

1B

Die Macht der Scheinwelt

2A

Bitte nicht einsteigen

2B

Festhalten um jeden Preis

3A

Das letzte Mal

3B

Erkenntnis der Polarität

4A

Der Lift fährt in beide Richtungen

4B

Grenzen werden sichtbar

5A

Stern von der Uni

5B

Der wirklich gute Unterschied

6A

Champagner und Galle

6B

Der Schlüssel

7

Schluss

Liebe Freundin, lieber Freund,

ICH WEISS NICHT, welche Hoffnungen und Erwartungen dich dazu bewogen haben, dieses Buch zu lesen. Und da ich dich nicht persönlich kenne, kann ich nur vermuten, welche der vielen Möglichkeiten dieses Buches du für dich nutzen willst.

Einerseits kann ich mir vorstellen, dass es sehr spannend für dich sein kann, die eine oder andere deiner Denk- und Verhaltensweisen zu erkennen und zu analysieren. Vielleicht kannst du mit meiner Hilfe eine Veränderung deiner alten Verhaltensmuster erarbeiten – wenn du das möchtest. Andererseits kann es sein, dass du dich mit der Fülle der Informationen vertraut machen möchtest. Ich lade dich nun ein, mit mir gemeinsam die Denk- und Verhaltensmuster von David, des Mannes, den wir auf seinem Weg der Veränderung begleiten wollen, zu betrachten.

Du hast vielleicht noch keine konkrete Vorstellung davon, ob oder was du verändern, was du erreichen möchtest. Vielleicht bist du ja zufrieden in deiner aktuellen Situation. Vielleicht gibt es aber auch Punkte, die dich belasten? Vielleicht willst du deine Geldsorgen loswerden oder in einer liebevollen Partnerschaft leben oder mit deinen pubertierenden Kindern besser klarkommen, vielleicht ein Laster aufgeben oder auch den Glauben an die Menschheit und an dich selbst wieder finden?

Welche Ziele auch immer du haben magst, du hast mit diesem Buch die Möglichkeit, dich bei den Verwirklichungen deiner Vorstellungen unterstützen zu lassen. Dabei kann ich natürlich nicht garantieren, dass du nach dem Lesen dieses Buches alle deine persönlichen Ziele erreicht haben wirst. In der Regel verlangt die Entwicklung neuer Verhaltensweisen mehr oder weniger Zeit. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass du dich freier und sicherer fühlen und lernen wirst, deine speziellen Fähigkeiten zu entwickeln. Und nach einiger Zeit wirst du zu deiner eigenen Überraschung erkennen, wie du besser mit Situationen fertig wirst, in denen du früher befürchtet hast zu versagen.

Manche von euch wundern sich vielleicht über meine vertrauliche Anrede »Freundin/Freund« und denken: »Er ist doch gar nicht mein Freund.« Und doch erlaube ich mir, dir gleich von Beginn an als Freund zu begegnen. Ein Freund ist jemand, der es gut mit dir meint.

Denn ein Fremder ist ein Freund, den wir noch nicht kennen.

1A

David im Wunderland

ES IST JETZT BEREITS DAS DRITTE MAL in dieser Woche, dass ich mitten in der Nacht aufwache. Es ist dunkel, und ich fühle Panik in mir hochsteigen. Ich bin verschwitzt, mein Puls rast, und meine Gedanken kreisen nur darum, mich zu beruhigen. Ich muss wieder einschlafen. Ich kann den Schlaf nicht nachholen. Die Zeit, die ich jetzt hier, genau in diesem Moment, mit Gedankenwälzen verbringe, gibt mir niemand zurück. Warum bin ich jetzt wach?

Ich brauche die Energie morgen. Da werde ich dann dafür die Konsequenzen zu spüren bekommen. Ich werde völlig kaputt sein. So kaputt, als würden mir Bleigewichte an Armen und Beinen hängen, so kaputt, als wären meine Augenlider magnetisch gepolt. Ich habe einfach keine Chance, sie offen zu halten. Keine Ahnung, was mich geweckt hat. Geräusche waren es nicht, soweit ich mich erinnern kann.

Wenn ich nur dahinterkäme, was diese Schlafstörungen auslöst, könnte ich sie in den Griff kriegen. Die Grübelei macht mich aber auf keinen Fall müde. Verzweifelt ziehe ich mir die Bettdecke über den Kopf und verharre so einige Minuten. Es wird heiß und stickig. Ich kann meinen Herzschlag hören, er ist eindeutig zu schnell. Ich reiße mir die Bettdecke wieder vom Gesicht und drehe den Kopf auf die rechte Seite. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigt Viertel vor vier. ICH MUSS EINSCHLAFEN. Sonst überstehe ich den morgigen Tag niemals.

Mit dieser Angst gehe ich nun schon fast jede Nacht zu Bett. Die Angst, wieder aufzuwachen, viel zu früh und mit dieser Panik, die dein Herz klopfen lässt wie einen Presslufthammer. Meine Hand tastet jedes Mal nach dem Körper der Frau, die mir jedes Mal ihren Rücken zudreht und nie aufwacht, wenn ich sie berühre.

UM FÜNF UHR STEHE ICH DANN AUF, wenn ich es nicht mehr ertrage, neben ihr zu liegen und mir die Geräusche, die sie von sich gibt, anzuhören. Kein richtiges Schnarchen, aber Atmen auch nicht. Ich würde ihr gerne sagen, sie soll leise sein, wage es aber nicht.

Bereits im Anzug und mit einer Tasse Kaffee setze ich mich dann vor den Fernseher – Teleshopping auf fast allen Kanälen. Manchmal schlafe ich dabei kurz ein, während ich mir die neuesten Messer- oder Entsaftertrends ansehe, und weiß dann, wenn ich aufwache, gar nicht genau, wo ich bin.

Es kommt oft vor, dass mich das schlechte Gewissen plagt: »Ich sollte die Zeit besser nutzen, carpe diem und der ganze Mist. Mich auf meine Arbeit vorbereiten, die Wohnung aufräumen.« Mir würden noch mindestens 20 Dinge einfallen, die ich tun könnte, sollte, müsste, aber ich tue sie nicht. Meine Gesundheit leidet, ich war schon seit über einem Jahr bei keinem Arzt mehr, obwohl ich ständig Magenbeschwerden und Rückenschmerzen habe. Mir ist klar, dass sich das jemand ansehen sollte, aber ich habe die Zeit einfach nicht. Sport ist auch schon seit einer Ewigkeit ein Fremdwort für mich.

Mein Gähnen verjagt diese Gedanken aber relativ schnell, Bequemlichkeit ist ein Luxus, den ich mir nur zu dieser Zeit leisten kann. Niemand sieht mich, vor niemandem muss ich mich rechtfertigen.

DER PIEPTON DES WECKERS aus dem Schlafzimmer gibt mir das Zeichen, die Wohnung zu verlassen. Früher versuchten Nina und ich miteinander zu frühstücken. Wir sind jetzt seit mehr als fünf Jahren zusammen, aber funktioniert hat die Beziehung nur anfangs gut, als wir uns beide noch nicht so aneinander gewöhnt hatten. Inzwischen läuft alles nur noch selbstverständlich, automatisiert. Selbst der Sex.

Sie bemüht sich kaum noch, mir zu gefallen, und lässt sich immer mehr gehen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie den Respekt vor mir verloren hat. Es sind Kleinigkeiten, die mir auffallen, natürlich, aber es ist mittlerweile sicher schon mehr als drei Tage her, dass sie sich die Haare gewaschen hat. Sie muss ja nicht raus auf die Straße, wenn sie nicht will. Sie kann den ganzen Tag in Schlabberpullis und Jogginghosen herumlaufen – nur früher wollte sie das nicht.

Als ich sie das erste Mal gesehen habe, war das wie ein kleiner Blitzeinschlag. Liebe auf den ersten Blick? Keine Ahnung, aber ich wusste, dass ich diese Frau haben musste. Sie war so selbstbewusst und stolz. Ihr Gang wie der eines edlen Tieres. Eigentlich komisch, sie fände das wahrscheinlich frauenfeindlich. Nach mehreren Jahren Beziehung ändern sich eben viele Dinge. Hinter ihrem Körper und ihrem Talent steckt nicht die Frau, die ich gerne gehabt hätte. Kann sie halten, was ihre Fassade versprochen hat?

Ich konnte die Erwartungen, die sie an mich stellte, als wir zusammen kamen, wohl auch nicht erfüllen. Der charismatische Typ, der bei einer renommierten Investmentfirma arbeitet. Der Job war absolut nicht schlecht: hohes Einstiegsgehalt, Aufstiegsmöglichkeiten, was will man mehr? Was will ich mehr?

Mehr Geld, mehr Sex, mehr Liebe? Ich habe zu viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe doch viel erreicht, oder etwa nicht? Ich bin doch erfolgreich. Gut, so wie zu meinen Anfangszeiten sind die Zahlen nicht mehr, aber bei wem ist das schon so? Was heißt überhaupt »war« – der Job ist immer noch nicht schlecht.

In Wahrheit bin ich ein Studienabbrecher und hatte reines Glück. Beziehungen haben mir die Anstellung verschafft, nicht Qualifikationen oder gar Charme, den Nina wohl bei mir gesehen hat. Diese drei letzten Prüfungen, die ich noch bräuchte, um das Studium abzuschließen, werden mir wohl ewig nachhängen. Ich muss gestehen: Insgeheim ärgert mich das. Es gibt mir das Gefühl, als hätte ich nicht durchgehalten, hätte es nicht bis zur Ziellinie geschafft, wie alle anderen.

ICH PARKE MEINEN NEUEN AUDI A5 in der Tiefgarage, steige aus und sperre mit einem Druck auf die Fernbedienung an meinem Schlüsselbund ab. Mein ist vielleicht etwas übertrieben, er ist geleast – gehört also der Bank, was ich allerdings in Gesprächen gerne vergesse zu erwähnen. Ich bin schon auf dem Weg zum Lift, als der vertraute Signalton erklingt, der mir versichert, dass alle Türen verschlossen sind.

In der Firma sind alle freundlich zu mir. Ich bezeichne das auch gerne als »arbeitsfreundlich« – ist gleich geheuchelte Freundlichkeit in der Hoffnung auf Vorteile oder um Rivalitäten und Neid zu überdecken. Oder bilde ich mir das nur ein? Blödsinn! Man kann das nicht übersehen. Es knistert geradezu in der Luft vor angespannter Stimmung. Das spornt mich an. Der Neid anderer ist eine gute Antriebsquelle. Ein ganzer Stapel von Unterlagen türmt sich auf meinem Schreibtisch, als ich ins Büro komme, das ich mir mit einer Kollegin und meiner Assistentin Esther teile. Sie sind aber nett, »arbeitsfreundlich« eben. Das stört mich nicht. Auf dem Weg nach oben hat man sowieso keine Freunde. Schon zu Beginn des Tages genervt und vor allem müde, beginne ich die ersten Telefonate zu erledigen. Die Kunden waren auch schon mal besser gelaunt. Wie kann man sich darüber überhaupt wundern, jetzt – in diesen Zeiten?

»Morgen, David, du schaust heute aber gar nicht gut aus, bist du krank?«, fragt Petra, die gerade zur Tür hereinkommt.

»Nein, nein, alles in Ordnung, gestern ist es nur etwas länger geworden. Ich war mit Freunden unterwegs«, antworte ich, denke aber daran, sie zu fragen, was sie sich eigentlich da herausnimmt, mit 20 Kilo Übergewicht mich als schlecht aussehend zu bezeichnen, und dass sie meine Schlafstörungen wohl kaum etwas angehen.

»Ich hol mir einen Kaffee, möchtest du auch etwas?«, frage ich sie, um, so schnell es geht, das Thema zu wechseln.

»Nein, danke, ich hab schon, siehst du doch!«, entgegnet sie. Erst jetzt bemerke ich den Pappbecher, der bis obenhin mit einer cremigen, zähflüssigen braunen Masse gefüllt ist, die Kaffeebohnen wahrscheinlich noch nie aus der Nähe gesehen hat, den sie mir nun entgegenhält und ihn leicht hin und her schwenkt.

Unser Büro befindet sich in der dritten Etage eines Altbaus. Trotz hoher Wände und großzügiger Räume fühle ich mich eingeengt. Die Luft steht, und die grauen, mit Papierbergen beladenen Schreibtische schaffen nicht gerade »Wohlfühlatmosphäre«. Als ich das Büro auf dem Weg zur Kaffeemaschine verlasse – eine willkommene Gelegenheit, die unausweichlich bevorstehenden Kundengespräche hinauszuschieben – mache ich einen kurzen Abstecher ins WC und betrachte mein Gesicht im Toilettenspiegel. Es ist angenehm kühl, und das grelle Licht der Neonröhren kitzelt jede einzelne Pore meiner Haut hervor. Dafür provozieren die grüngelben Fliesen ein leicht flaues Gefühl in meinem Magen.

Keine Ahnung, wovon Petra spricht, ich sehe doch aus wie immer. Ein bisschen blass höchstens. Vielleicht ein, zwei Falten mehr, aber das ist doch verständlich. Bei meinem Stress sollte ich aussehen wie 40. Um die Augen und um die Mundwinkel haben sich leichte Furchen gebildet, die sieht man aber auch nur in diesem Licht.

An der Kaffeemaschine laufe ich Martin über den Weg. Mein Chef. Zu Anfang war ich ja noch froh darüber, dass einer meiner Freunde mein Vorgesetzter ist, im Laufe der Zeit merkte ich jedoch, dass ich damit nicht so richtig klarkomme. Ich kann ihm und seiner charmanten Art nichts vorwerfen, er behandelt mich nie von oben herab wie andere Führungskräfte oder auch Kunden, aber dass er sich mir überlegen fühlt, ist nicht zu übersehen. So wie er mit mir spricht, als wäre ich der Idiot vom Dienst, dem man alles fünfmal sagen muss. Er denkt wohl, ich wäre die personifizierte Naivität. Dabei sollte er mittlerweile mitgekriegt haben, dass es nicht im Mindesten so ist.

»Hast du die Gespräche mit den beiden Großanlegern schon erledigt?«, fragt Martin.

»Ich wollte gerade anfangen«, antworte ich und bemühe mich, meinen Ärger zu unterdrücken.

Wenn ich einen von diesen Goldfischen in einem guten Moment erwische, kann er glatt eine Million in das vorgeschlagene Projekt stecken. Aber es kann auch anders kommen, wenn man so einen Kunden am falschen Fuß erwischt. Es sind schon öfter als einmal Mitarbeiter von ihnen als inkompetent angebrüllt worden. Das führte bisweilen sogar bis zur Entlassung, wenn Beschwerden bis zum Vorstand durchdringen. Andererseits bringen gute Abschlüsse eine Provision – man kann richtig gutes Geld verdienen. Das könnte ich jetzt echt gut gebrauchen!

»Dann viel Glück und lass dich nicht so schnell abwimmeln wie beim letzten Mal«, erwidert er und lächelt mich an.

»Jaja, du mich auch«, denke ich mir, lächle aber mit perfekt einstudiertem Ich-schaffe-alles-wenn-ich-will-Lächeln zurück.

»Wir sehen uns beim Mittagessen, bis nachher«, entgegne ich so freundlich, dass ich selbst überrascht bin, wie wenig einstudiert es klingt.

»Genau. Ach so, warte, nein. Der Vorstand hat mich heute zum Mittagessen eingeladen, damit ich mir die neue Marketingkampagne anschaue und absegne. Hättest du vielleicht am Abend Zeit? Wir könnten sowieso wieder einmal etwas trinken gehen«, fragt Martin.

»Ich weiß noch nicht genau, eigentlich hab ich schon was vor. Ich schau mal, ob sich das verschieben lässt.«

»Was machst du denn? Wenn du etwas mit Nina unternimmst, könnten wir das ja kombinieren. Ein Abendessen zu viert?«

»Nein, Nina hat heute Abend Orchesterprobe. Ich überleg es mir noch. So, dann setz ich mich ans Telefon. Bis dann.«

»Wie peinlich«, denke ich mir. Er muss gemerkt haben, dass ich überhaupt nichts vorhabe.

Die Kollegen, die mir über den Weg laufen, grüße ich nur beiläufig. Ich versuche mich auf die bevorstehenden Telefonate zu konzentrieren. In Gedanken versunken, versuche ich sie im Kopf durchzugehen. Was werde ich sagen, wenn Herr Dallinger abhebt?

»Wunderschönen guten Tag, Herr Dallinger.«

Oder ist das zu übertrieben? Reicht ein »Schönen guten Tag«? Ein »Guten Tag«?

Das letzte Mal, als wir telefonierten, war er schon so kurz angebunden. Als wäre ich lästig und würde ihn stören. Also besser kurz und bündig. Ich hebe den Hörer ab und wähle seine Mobiltelefonnummer. Es läutet. In diesem Moment wünsche ich mir, dass er nicht abhebt. Ich habe keine Lust, mit ihm zu reden. Ich lasse es viermal läuten. Wenn er beim fünften Mal nicht abhebt, habe ich es geschafft, dann kann ich auflegen – meine persönliche Regel. Natürlich hebt er ab.

»Guten Tag, Herr Dallinger, hier spricht Herr Kaim von $ Consulting …«

»Guten Tag.«

»Ich würde gerne mit Ihnen über Ihre Anlagen und deren Optimierung sprechen.«

» Wieso das denn? Ich war doch vorigen Monat erst bei Ihnen, und wir haben die Projekte ausgewählt.«

»Das ist richtig, nur wie Sie sich sicher erinnern, habe ich Sie auf die Risiken der Projekte hingewiesen und möchte nun mit Ihnen gemeinsam eine Lösung suchen, damit Ihre Verluste nicht größer werden.«

»Welche Verluste?«

»Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Anlagen keine Gewinne gebracht haben.«

»Das ist doch aber nicht Ihr Ernst!«

»Leider doch. Ich verstehe Ihre Lage, wir alle haben in den letzten Monaten Verluste gemacht.« Hat der schon mal was von den aktuellen Kursschwankungen gehört, oder wo lebt er? »Genau deswegen rufe ich Sie ja an, damit Ihre Verluste nicht noch größer werden und wir Ihre Anlagen optimieren können.« Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll. Mir fallen nur noch Floskeln aus Verkaufsseminaren und Schulungen ein. Ich möchte das Gespräch einfach so schnell wie möglich hinter mich bringen.

» Wir beide werden gar nichts mehr miteinander machen. Das Einzige, was Sie machen werden, ist, mir mein Geld sofort zu überweisen.«

Bitte? Ich glaube, ich habe mich verhört? Das kann er nicht machen. Das gleiche Gefühl wie heute Nacht überrennt mich. Ein Schreck, eher ein Schock, der vom Kopf durch den Rücken den ganzen Körper durchzieht und das in Sekundenbruchteilen. Ruhig bleiben.

»Aber, Herr Dallinger, das ist der größte Fehler, den Sie jetzt machen können. Seit heute bieten sich Ihnen völlig neue Möglichkeiten, aktuell sind die Kurse in dieser Branche auf Talfahrt, das kann ich nicht leugnen, aber sie ist nicht unüberwindbar … wo es ein Tief gibt, gibt es auch ein Hoch – Sie wissen ja, Bullen und Bären …«

»Die Entscheidung steht fest, schlimm genug, wie Sie mit meinen Investitionen umgehen«, würgt er mich ab. Er ist eindeutig von mir genervt.

»Gut, dann werde ich alles Nötige veranlassen, falls Sie sich doch noch anders entscheiden sollten. Ich bin den ganzen Tag erreichbar.«

»Auf Wiederhören.«

Was mache ich jetzt? Hat Petra das Gespräch mitbekommen? Nein, sie telefoniert selbst die ganze Zeit, und Esther ist noch immer nicht im Büro.

Ich hebe den Hörer ab und wähle die Nummer des anderen Kunden. Nach dem zweiten Läuten lege ich auf.

Dann rufe ich Martins Sekretärin an, sie geht sofort ran:

»Hey, hast du neue Aufträge von den Großkunden?«

»Dallinger muss erst nachdenken und meldet sich am Nachmittag noch mal, und von Meyerhoven hab ich mindestens 50-mal angerufen, der ist nicht zu erreichen«, lüge ich.

»Da gab’s aber auch schon mal bessere Neuigkeiten von dir!«

Ich denke mir: Vielleicht möchtest du ja gerne einmal mit den verdammten Cholerikern und reichen Vollidioten telefonieren und dir deren Luxusprobleme anhören. Stattdessen sage ich: »Ich weiß. Ich melde mich, sobald es Neuigkeiten gibt.«

»Ist gut, bis dann«, entgegnet sie desinteressiert.

»Bis dann.«

Will ich jetzt über die ganze Sache und ihre Konsequenzen nachdenken?

Esther ist endlich im Büro aufgetaucht, dafür ist Petra verschwunden.

»Ich gehe mittagessen«, sage ich zu ihr, und stehe von meinem Bürosessel auf.

»Schon? Wie waren die Gespräche mit den Großkunden?« Sie blickt mich verwundert an.

»Hat gepasst.«

Ich sehe, wie sie ungläubig eine ihrer Augenbrauen hinter ihrer Brille nach oben zieht.

In der Cafeteria setze ich mich allein an einen Tisch. Petra ist bereits da, die anderen Plätze an ihrem Tisch sind aber von Hühnern aus der »Wir wären gerne Künstler geworden, haben’s aber nicht geschafft«-Grafikabteilung belegt. Ich muss ohnehin den ganzen Tag mit ihr im Büro verbringen.

Als ich mich gerade widerwillig dem zähen Fleisch auf meinem Teller widmen will, schnappe ich einen Gesprächsfetzen von den Grafikerinnen auf.

»Hast du das von Dallinger gehört?«

Woher wissen die das? Hat Petra das Gespräch doch mit angehört? Hat sie mitgekriegt, dass er alle Aufträge zurückzieht? Meint sie jemand anderen? Wie viele Menschen auf der Welt heißen wohl Dallinger? Geh das Telefonat noch einmal durch! Hast du erwähnt, dass er die Gelder aus den Projekten nimmt? Nein. Hätte sie etwas anderes hören können? Wohl nicht, aber wieso schauen diese Zicken dann die ganze Zeit zu mir herüber?

Der kalte Schweiß bricht mir aus, und ich bringe keinen Bissen mehr hinunter. Ich räume mein kaum angerührtes Essen weg und fahre mit dem Lift nach oben. Auf dem Weg zum Büro hole ich mir einen Kaffee.

»Wolltest du nicht mittagessen?«, fragt Esther, als ich das Büro wieder betrete.

Ich tue, als könnte ich sie nicht hören, und setze mich an meinen Schreibtisch. Beginne die liegen gebliebenen Unterlagen durchzugehen. Unvermittelt steht sie auf und kommt zu mir.

»Was ist denn los mit dir? Du siehst wirklich nicht gut aus. Wenn du krank bist, geh doch besser nach Hause!«, versucht sie mit ruhiger Stimme zu mir durchzudringen.

Plötzlich steigt eine Welle unbändiger Aggression in mir hoch.

, schnauze ich sie an.