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JOHANNES NEUHOFER

DER JOHANNESWEG

Aufgezeichnet von
Andrea Fehringer & Thomas Köpf

JOHANNES NEUHOFER

DER JOHANNESWEG

So finden Sie zur Einkehr
und Zufriedenheit

Aufgezeichnet von
Andrea Fehringer & Thomas Köpf

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© 2012 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Schutzumschlag: Engelskapelle und Johannesbrunnen am Hof
der Familie Irxenmayr in Pierbach, © Verband Mühlviertler Alm
Wanderkarte auf Seite 228/229: © GISDAT/Michael Strasser
Herstellung: Franz Hanns
Gesetzt aus der 11/14 Punkt Minion
Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-902862-12-9


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Am Ziel

Angekommen.

Eigentlich könnte ich das Buch damit schon beenden. Mit dem Wort ist alles gesagt. Wer angekommen ist, ist dort, wo er hin wollte im Leben. Er hat seinen Platz gefunden. Er ist daheim. Er ist bei sich. Umgeben von Menschen, mit denen er alt werden möchte. Angekommen. Fertig.

Im Verlag hat man mir gesagt, dass das so nicht geht. Das genügt nicht für ein Buch, Herr Doktor, haben sie gesagt, Sie als Hautarzt wissen das vielleicht nicht, ist ja nicht direkt Ihr Metier. Aber Autoren arbeiten nicht so.

Das hat mich schon stutzig gemacht. Aber dann ist mir ein polnischer Autor eingefallen, Stanislaw Lec hat er geheißen. Und er hat gesagt: »Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller.« Das hat mir eingeleuchtet, man soll von den Guten lernen.

Wobei es so gar nicht mein Ehrgeiz ist, mich als Schriftsteller hervorzutun. Ich möchte nur in Worte fassen, worauf es mir ankommt.

Und das ist: ankommen.

Ich persönlich bin optimistisch, dass es mir bald gelingen dürfte. Ich habe eine Idee, wie es auch anderen gelingen könnte. Ich habe eine Vision von dem Weg, den man gehen muss. Zu sich. Auf andere zu. Und mit ihnen in eine bessere Gesellschaft. Ich nannte ihn Johannesweg.

Wobei es so gar nicht meine Eitelkeit ist, mich als Person in den Vordergrund zu stellen. Ich wollte nur einen Namen haben, für das, womit ich auf die Leute zukommen möchte. In meinem Freundeskreis hat man mir gesagt, dass das schon in Ordnung ist. So heißt du halt einmal, Johannes, haben sie gesagt, mit dem Namen bist du auf die Welt gekommen. Damit hat dein Lebensweg begonnen.

Und damit beginnt der Weg eines jeden. Jeder kommt auf die Welt und damit zum ersten Mal an.

Gleich nach der Geburt ist man also dort, wo man sein Lebtag wieder hin will. Vielleicht nicht unbedingt schon am richtigen Platz, aber ganz bei sich. Nur weiß man das noch nicht. Und noch viel weniger kann man was dafür. Man hat nichts dazu getan, um auf die Welt zu kommen. Umso mehr kann man dafür tun, seinen Weg zu finden. Das Leben ist ungerecht, fad ist es nicht.

Deshalb strudelt man sich von dem Tag der Geburt an dafür ab, auf sein Ziel zuzusteuern. Auf einer Geraden ist man dabei nicht unterwegs, das brauche ich niemandem zu erzählen, der auf eigenen Beinen stehen kann. Bei manchen ist das früher, bei anderen später. Meistens ist man einigermaßen selbstständig, wenn man nicht mehr fragt, wo man herkommt, und nicht mehr sagt, wo man hingeht. An dieser Weggabelung geht es dann in alle Richtungen zum Erwachsensein.

Egal, welche man nimmt, man schleicht sich auf Umwegen ans Ziel an. Was vorwiegend daran liegt, dass man es noch gar nicht kennt, dieses Ziel. Das ist mitunter ärgerlich, aber nicht schlecht eingerichtet vom Leben. Man muss schon einmal falsch abbiegen, um den richtigen Weg zu finden. Man muss schon hie und da in die verkehrte Richtung rennen, um den rechten Weg zu erkennen. Man muss schon ab und zu Abkürzungen nehmen, um Zeit zu gewinnen. Man muss schon da und dort in Sackgassen landen, um sich neu zu orientieren. Man muss sich schon dann und wann auf dem Weg anderer verirren, um auf den eigenen einzuschwenken. Man muss schon immer wieder stehen bleiben, um weiterzukommen. Die Methode ist mühsam, unsinnig ist sie nicht.

Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, ist man alt genug, um sie auszunutzen. Das hab nicht ich mir ausgedacht, das ist von William Somerset Maugham. Ich hab’s nur weitergedacht und bin draufgekommen, dass man seine Erfahrungen in jedem Alter anders ausnutzt.

Bis zwanzig kommt es einem nicht so sehr drauf an, dass man ankommt, sondern wie man bei anderen ankommt.

Man ist Kind, in der Pubertät, ein Jugendlicher. Alles Lebensphasen, in denen man sich überhaupt nicht auskennt. Und je mehr man über sich erfährt, desto weniger weiß man etwas mit sich anzufangen. Was das eine Stadium vom anderen unterscheidet, sind Vorsilben. Man will geliebt, beliebt, verliebt sein. Ankommen, das hätte ich mir als Tattoo auf die Stirn ritzen lassen, ist in dem Alter noch kein Thema. Man wär schon froh, wenn man wüsste, wo man hin soll mit sich.

Und doch sind diese Jahre der Prägestempel auf dem Leben. Und wenn die Erfahrungen die Summe aller Irrtümer sind, dann werden sie während dieser Zeit vorwiegend von anderen begangen. Wo man hineingeboren wird, wie man erzogen ist, womit man aufwachsen musste, bestimmt, wem man vertraut, was man sich zutraut, ob man sich überhaupt was traut. Den Rucksack, den man später auf dem Buckel hat, schleppt man seit damals mit. Wie schwer man daran zu tragen hat, entscheidet man nicht selber. Wie lange man ihn trägt, schon.

Ich bin so einiges von dem, was mich bedrückt hat, erst sehr spät losgeworden. Wie ein Lastenesel konnte ich lange nicht unterscheiden, ob man mir Klumpert oder was von Wert aufgeladen hat. Bis ich endlich den Mut aufbrachte, den Rucksack aufzumachen, den Inhalt anzuschauen und das Schwerwiegendste auszumisten. Mir war erheblich leichter nachher. Und mit jedem Plunder, den ich abwerfe, haben es die anderen leichter mit mir.

Bis dreißig ist man dem Ankommen noch immer nicht viel näher. Man kommt ziemlich dran, auf vieles drauf und an manchem nicht vorbei.

Man ist ein Twen. Und damit in der Lebensphase der großen Entscheidungen. Was könnte ich werden? Mit wem möchte ich mich zusammentun? Wie oft will ich mich vermehren? Ich bin Hautarzt geworden. Ich habe meine erste Frau geheiratet. Ich habe zwei Kinder bekommen. Und eine Ahnung, wieso etliches schiefläuft im Leben.

Die ersten Erfahrungen, auf denen meine Idee zum Johannesweg fußt, machte ich in der Praxis. An der Haut sieht man, ob sich jemand wohl fühlt in ihr oder ob ihn was krank macht. Ich sammelte die Fakten, konnte sie aber noch nicht zusammensetzen. Die Botschaft, dass etwas nicht stimmt an, mit und um uns, war bei mir angekommen. Aber ich war selber einer, an dem etwas nicht stimmte. Zu beschäftigt, um mich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Zu geschafft, um mehr zu tun, als mir die Reputation des Tüchtigen und meiner Familie die Existenz des guten Mittelstandes zu erschaffen. In der Sturm-und-Drang-Zeit besteht der Sinn des Lebens darin, voranzukommen.

Ab vierzig kommt man langsam dazu, sich Gedanken übers Ankommen zu machen, und darüber, was da auf einen zukommen könnte.

Man ist in den besten Jahren. Man hat sich im Leben eingelebt. Bei den einen wachsen die Sorgen mit den Kindern mit, die anderen haben ihre eigenen Probleme. Das, was man sich aufgebaut hat, ist fast fertig. Man feiert Dachgleiche. Und hegt doch schon die leise Befürchtung, die Decke könnte einem auf den Kopf fallen.

Mit zunehmender medizinischer Kompetenz gelang es mir nach und nach, die Mitteilungen der Haut immer schneller zu lesen und immer besser zu verstehen. Midlifecrisis stand auf meiner. Aber Ärzte sind miese Patienten, insbesondere in der eigenen Praxis. Bei den anderen wusste ich genau, was nicht in Ordnung war. Ich hatte gelernt, ihnen unter die Haut zu schauen. Bei mir schummelte ich mich um die Diagnose herum, dass es so nicht weitergehen konnte.

Schließlich sagte ich es mir. So kann es nicht weitergehen. Wenn es so weitergeht, bist du tot, lange bevor du stirbst. Die Therapie, die du brauchst, heißt Veränderung, verschreib sie dir endlich. Und ich verschrieb sie mir. Ich heiratete meine zweite Frau. Sie schenkte mir zwei Kinder. Und eine neue Lebensaufgabe. Wir bauten den Johanneshof um. Den Platz, an dem ich ankommen sollte.

Ab sechzig kommt man nicht drum herum, dass einen das überkommt, was man die Gunst des Alters nennt.

Man ist im Spätsommer des Lebens. Man ist ein bisschen bequemer, ein bisschen gesetzter, ein bisschen nachdenklicher geworden. Man ist noch gut zu Fuß, aber man überlegt sich seine Schritte genauer. Die Siebenmeilenstiefel, die man so lange getragen hat, zieht man nur noch in Gedanken an. Wenn jemand die Beine in die Hand nimmt, dann ist es die Fantasie, die den Wunschvorstellungen, den nicht erfüllten Träumen auf den Fersen bleiben will.

Bei mir begann sie zu galoppieren, als ich mir vorstellte, was ich mit dem Herbst meines Lebens anstellen sollte. Am Ball zu bleiben, indem ich ihn mit einem Schläger über neun Löcher treibe, erschien mir etwas wenig. Und die Lösung war kein Golfplatz mit achtzehn Löchern. Die Lösung war der Johannesweg.

Hintergrund des Ganzen ist ein globales Gefühl der Unruhe und der Unsicherheit. In ökonomisch holprigen Zeiten sehnen sich die Menschen wieder nach Substanz, nach wahren Werten wie Freundschaft, Familie, Glaube, Zuversicht. Was man sucht, findet man in keinem Sparbuch, keiner Aktie und keinem Wertpapier. Man sucht das Vertrauen in sich und in die Zukunft, man sucht das Glück. Der Johannesweg soll den Menschen den Mut machen, den sie brauchen, um nach vorne zu schauen. Er soll ihnen dabei helfen, sich wieder auf sich selbst zu besinnen. Und er soll ihre geistige und körperliche Gesundheit fördern.

Um zu sehen, wie nötig wir das haben, braucht man kein Arzt zu sein. Aber es hilft. Man lügt sich leichter in die Tasche eines Nadelstreifsakkos als in die auf einem weißen Kittel. Der Anstieg der Burnout-Erkrankungen ist kein Geheimnis. Der Stress nimmt überhand. Gemeinsam mit dem Rest der unerträglichen Schwere des Seins fügt sich alles in eine gewisse Endzeitstimmung. Die latente Panik macht langsam, aber sicher krank. Das möchte ich ändern.

Und irgendwann, dort auf meinem Johanneshof, angekommen in der Gewissheit, dass ich mehr als Golfspielen will, hatte ich die Idee, wie das funktionieren könnte. Es sind bloß zwölf Stationen, über die man zum Ziel kommt. Und das ist für jeden Einzelnen: gesund und zufrieden bis ins hohe Alter im Einklang mit den Gesetzen der Natur und in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu leben.

Diese zwölf Stationen sind Gegenstand meiner Vision und Inhalt dieses Buches. Sie sind einleuchtend, leicht zu praktizieren sind sie nicht. Sonst wären wir alle schon dort angekommen, wo wir hin wollen. Sonst wäre die Gesellschaft schon die, in der wir leben wollen.

Ich möchte jeden bewegen mit meiner Idee. Sie soll ans Herz gehen und einem in die Glieder fahren. Einen seelisch aufrichten und körperlich antreiben. Um die Stationen geistig durchzugehen, habe ich sie hier aufgeschrieben. Um sie physisch zu durchwandern, gibt es den Johannesweg auch in natura. In Oberösterreich, ausgehend von der Gemeinde Pierbach im Mühlviertel.

Der Johannesweg ist die österreichische Antwort auf den Jakobsweg. Es ist kein Ausstieg, es ist ein Einlenken. Zweiundsiebzig Kilometer lang schlängelt sich der Weg durch ein paar der sehenswertesten Gegenden des Landes und führt ans Licht. Das Symbol des Lichts in der Pflanzenwelt ist die weiße Lilie. Deshalb wurde die Strecke nach der Form ihrer Blüte abgesteckt. Würde jemand den Johannesweg vom Himmel aus betrachten, läge eine riesige Lilie unter ihm.

Der Tag, an dem der Johannesweg erstmals begangen wird, ist der Tag von Johannes dem Täufer. Er war der Cousin von Jesus und der erste Rufer in der Wüste. Seine Worte haben viel mit den Werten zu tun, die heute, zweitausend Jahre später, wieder von Bedeutung sind. Dass auch der Täufer ein Johannes war, fügt sich wie ein kostbarer, alter Stein ins Mosaik meiner Vision von einer neuen Zukunft.

Wobei es so gar nicht meine Intention ist, mich hier mit einer Art Religion hervorzutun. Die Werte, um die es mir geht, kommen in jeder Religion vor. Die zwölf Stationen des Johanneswegs sind weder Gebote noch Dogmen, weder Glaubenssätze noch Vorschriften, weder Befehle noch Aufträge. Sie haben nichts mit Müssen zu tun, sie mögen das Können fördern. Sie sind eine Einladung, sich der Pflichten aller zu besinnen, um die Rechte jedes Einzelnen zu stärken. Das ist der Sinn dieser Bewegung.

Um miteinander etwas zu bewirken, habe ich einen Verein zum Johannesweg gegründet. Wer ihm beitreten will, hilft nicht nur sich selbst auf seinem Weg in ein gesundes Morgen, sondern auch anderen. Mit dem Mitgliedsbeitrag werden bedürftige und behinderte Menschen unterstützt. Das ist der Zweck dieser Gemeinschaft.

Wer im Unterholz des Johanneswegs nach esoterischem Kleinod suchen will, wird mit Sicherheit enttäuscht sein. Mit Esoterik kann und will ich nicht aufwarten. Meine Absicht ist es nicht, andere von dem zu überzeugen, wovon ich überzeugt bin. Schlimmer, ich habe gar keine Absicht. Ich hatte nur eine Idee. Und leiste mir den Luxus einer Vision. Mit erhobenem Zeigefinger kann man mit niemandem Hand in Hand gehen. Schon gar nicht auf dem Johannesweg.

Ich lade jeden ein, mich zu begleiten. Ich freue mich über alle, die mitkommen. Ich wünsche jedem, dass er ankommt. Am Ziel seines Johanneswegs.

Am Weg

Die zwölf Stationen des Johanneswegs

1

Humor soll dein Leben begleiten, denn er beflügelt deinen Geist und erfreut die Gesellschaft.

»Schau, da kommen wieder zwei.« Der Spatz fetzt über die Köpfe der Wanderer hinweg, schießt mit Karacho auf die Lerche zu und schubst sie beim Landen fast vom Ast. »Tschuldigung.«

»Macht nichts«, gluckst die Lerche, »hast du Angst, dass ich runterflieg?«

»Sehr witzig«, brummt es von unten herauf. Eine Bulldogge sitzt vor dem Baum und kaut an einem Rindenstück herum.

»Du bist immer so verbissen«, tschilpt die Lerche hinunter.

Der Spatz nickt. »Genau wie die zwei Wanderer dort; schauen aus, als hätten sie noch nie was zum Lachen gehabt.«

»Muss ja nicht jeder so ein heiteres Gemüt haben wie du«, schnauzt die Bulldogge.

»Müssen nicht.« Der Spatz flattert auf und versucht, sich auf der Schnauze der Bulldogge niederzulassen. »Man muss sich auch nicht von allen auf der Nase herumtanzen lassen, oder?«

Die Bulldogge schnappt nach dem geflügelten Frechdachs, beißt ins Leere, verliert ein bisschen das Gleichgewicht und taumelt gegen die Sonnenblume, die lächelnd neben dem Baum wächst. »Irgendwas steht einem immer im Weg«, knurrt er.

»Ich bin ganz geknickt«, sagt die Sonnenblume.

»Jetzt sind die zwei fast am Hof vom Irxenmayr und haben immer noch kein Wort miteinander geredet«, meldet der Spatz.

»Wenn sie so weiter rennen, knallen sie noch frontal gegen die Kapelle«, sagt die Lerche. »Seit sie den Waldweg heraufgekommen sind, haben sie noch kein einziges Mal vom Boden aufgeschaut.«

»Vielleicht suchen sie was«, sagt die Bulldogge.

»Vielleicht den Humor, den sie verloren haben«, sagt die Lerche.

»Vielleicht finden sie ihn wieder«, sagt die Sonnenblume, »wär ja nicht das erste Mal auf dem Johannesweg«.

»Jetzt biegen sie zum Brunnen ab«, sagt der Spatz.

»Vielleicht haben sie Durst«, sagt die Bulldogge.

»Vielleicht haben sie bloß einen trockenen Humor«, sagt die Lerche.

»Ich zwitscher mir jetzt einen Schluck vom Irxenmayr seiner Quelle des Lebens hinein«, sagt der Spatz, »und dann mach ich mir eine Gaudi mit den Menschen«.

»Jede Freude ohne Alkohol ist gespielt.«

ALTES OBERÖSTERREICHISCHES SPRICHWORT

Wer schmunzelt, ist kein Abstinenzler. Und bevor jetzt gleich wer »aber Herr Doktor«, sagt, möchte ich etwas klarstellen. Mit Abstinenz meine ich nicht unbedingt das Pipperln. Mir geht’s nicht darum, ob man am Alkohol nippen soll. Mir geht’s darum, ob man am Leben nippen kann. Für mich ist Abstinenz nichts Flüssiges.

Für mich ist Abstinenz etwas Überflüssiges. Sich etwas zu verzwicken, das einem hilft, die Dinge leichter zu nehmen, kann ich als Arzt nicht gutheißen. Wenn ich könnte, würde ich das Lachen in Familienpackungen verschreiben.

Ich habe das Rezept an mir ausprobiert. Über Jahre. Und in jeder seiner fröhlichen Formen. Als Saft zum Kudern. Tropfenweise, damit es sich leichter grinst. Als Tablette fürs leise Lächeln. Als Brause, da perlt das Lachen nur so. In Kapseln, die sind gut fürs stetige Kichern. Und mit der Spritze, für einen anständigen Lachkrampf. Immer, wenn ich regelmäßig gelacht habe, hat mich das vor Maladien aller Art bewahrt. Egal, in welcher Überdosis ich mir die Lachsalven auch hineingepfiffen habe, sie sind mir immer nur noch besser bekommen.

Das Einzige, was ich am Lachen auszusetzen habe, ist: Es macht nicht abhängig. Daran arbeite ich noch. Dazu bin ich in die Forschung gegangen. Über den Johannesweg. Der Humor war meine erste Etappe.

Jetzt musst du wissen, ich bin Arzt von Beruf und Wanderer aus Überzeugung. Ein Pilger auf der Reise. Wer immer sich mir anschließen will, ist mir willkommen. Je mehr Füße eine Idee bekommt, desto sicherer steht sie da. Und es ist ganz gleich, wem sie gehören, diese Füße. Einzelgänger laufen mir vielleicht an einer Kreuzung über den Johannesweg, begleiten mich ein Stück und suchen sich dann ihre Route wieder abseits der Pfade, auf denen alle gehen. Mitläufer mögen die zarte Hoffnung hegen, dass ich schon die eine oder andere Abkürzung kenne, und folgen mir, um sich Umwege zu ersparen. Gruppen halten wahrscheinlich mit mir Schritt, weil sie gern etwas Gemeinsames auf die Beine stellen. Wie auch immer.

Der Johannesweg ist für alle ausgelegt, die im Leben weiterkommen wollen. Jeder kann sich mitnehmen, was er will. Ich habe Gedanken, Worte und Taten in meinem Bauchladen. Langt hinein und bedient euch. Ich erzähle euch währenddessen, wie ich vorgegangen bin. Was ich mir überlegt habe. Warum es mir heute besser geht als früher. Und warum es morgen uns allen besser gehen könnte als jetzt.

Die Zeichen der Zeit sind beunruhigend. Fünfzig Prozent der Menschen sterben an Herzinfarkt und Schlaganfall. Neunhunderttausend Menschen stopfen sich allein in Österreich mit Psychopharmaka voll. Depressionen drücken bleiern auf die Gemüter, Geisteskrankheiten steigen an wie verrückt. Burnout brennt das Seelenheil weg, den Flammenwerfer bedient dabei fidel die Furcht. Immer mehr Leute sind krank, weil so vieles aus den Fugen geraten ist. Die Welt zittert vor sich selbst, vor dem, was ist, und dem, was kommen mag. Entschließt es sich, nicht zu kommen, macht das die Sache allerdings auch nicht besser. Die Angst sucht sich dann nur einen anderen Grund, um unter die Haut zu gehen.

Aber Panik ist ein schlechter Ratgeber. Sie lähmt die Denke. Hemmt den Fortschritt. Stoppt den Fluss. Als Dermatologe weiß ich, wovon ich spreche. Die Haut, das hat schon Sigmund Freud so gesehen, ist der Spiegel der Seele. Ich schau jeden Tag hinein in Dutzende dieser Spiegel, und sie zeigen mir mannigfaltige Bilder. Trübe Stellen, Flecken, Verfärbungen. Da blättert was ab, dort reißt was auf, hier wird was porös. Was immer unter die Haut geht, auf der Haut lässt es seine Spuren.

Als Arzt überlege ich mir, welches Pflaster ich auflegen soll. Als Johannes lege ich ein Lächeln drauf. Und hoffe auf eine gesunde Epidemie, weil nichts so ansteckend ist wie gute Laune. Allein mit dieser Eigenschaft hat es der Humor an den Anfang des Johanneswegs geschafft. Einen solchen Begleiter brauchte man auch im Leben von Beginn an. Hat man ihn verpasst, muss das Schicksal schon recht gut aufgelegt sein, um den Hofnarren zu spielen. Eigentlich kenne ich nur wenige, denen es gelungen ist, dem Humor-Los zu entkommen.

Einen davon sehe ich noch vor mir, den Herrn Professor, wie er mit marmorner Miene gesundheitspolitisch bedeutsame Worte ins Auditorium spuckt, ohne irgendeine Regung, an der man die Idee eines Gefühls hätte erkennen können. Er dozierte wie ein Roboter, er war ein medizinischer Automat, genau richtig für einen Ärztekongress. In meiner Zunft ziemt es sich nicht, bei wichtigen Anlässen locker zu sein. Man wahrt Distanz, um keinen Zweifel zu lassen: Hier steht eine Autorität. Nicht in Weiß, sondern in Tweed, aber wurscht. Autorität bleibt Autorität. Ich bin der Adler, und du bist der Wurm.

Als wichtiger Funktionär hielt sich der Herr Professor an protokollarische Exaktheit. Sein Alltag bestand aus einer Reihe unverrückbarer Regeln. Sein Habitus trug die Waffen zackiger Strenge. Trotzdem konnte ich ihn gar nicht so schlecht leiden, ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass er stets bemüht war, das Beste für alles und jeden zu erreichen und im Streitfall einen fairen Kompromiss zu suchen.

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Der erste Kraftplatz und offizieller Ausgangspunkt des Johannesweges, der Johannesbrunnen mit der Engelskapelle beim Hof der Familie Irxenmayr

Er entstammte einer angesehenen bürgerlichen Familie und war mit einer Dame ähnlicher Provenienz verheiratet. Sehr attraktiv und unbescholten bis ins limbische System, etwas anderes hätte auch nicht zum Herrn Professor gepasst. Ebenso wenig wie ein Witz. Seine diesbezüglichen Andeutungen hatten nicht einmal den Placeboeffekt eines Schmähs. Er sagte Dinge wie: »Der Norbert schaut neuerdings aus wie ein Chirurg.«

Was immer er damit andeuten wollte. Sind etwa Chirurgen schlechtere Dermatologen? Und wer war überhaupt der Norbert? Ich weiß es nicht, und ich hütete mich, ihn danach zu fragen. Überhaupt gab ich mir stets Mühe, mich nicht in seine endlosen Fachsimpeleien verstricken zu lassen. Außer bei offiziellen Anlässen und beruflichen Gelegenheiten, wo man ohne ihn einfach nicht auskam, war ich über die Distanz zu ihm nicht unglücklich.

Mit seiner Kombination aus Bedeutsamkeit und Beharrlichkeit gab er der Marke Ich ein standesgemäßes Etikett und machte sich zum Wärter seines unbestreitbaren Vermögens und zum Gefangenen seines unantastbar starren Verhaltens. Schöner Kontrast, gell? Menschen sind aber so, das wird man nicht beschönigen, das braucht man nicht verdammen. Sie sind unterschiedlich in der Ausrichtung. Wie Vektoren einer kniffligen mathematischen Gleichung, die schon gar nicht von mir gelöst werden kann und als Paradoxon auf der Tafel steht, bis sie bloß noch zerdrückte Kreide ist, die unter dem Löschschwamm zerbröckelt. Aber jetzt bin ich da etwas abgedriftet, verzeih.

Jedenfalls traf ich diese Eminenz anlässlich eines Sommerfestes Jahre später wieder und erkannte ihn kaum. Der Herr Professor war locker. Der Herr Professor hatte Scherze auf den Lippen. Der Herr Professor sprach genauso intelligent wie zuvor, aber richtig spaßig. Der Herr Professor war nicht mehr wiederzuerkennen. Genau wie seine Witze. Es machte auf einmal Freude, mit ihm zu reden, sei es privat oder beruflich. Seine Vorträge waren von luftiger, geradezu flockiger Beschaffenheit. Er nahm die Dinge immer noch ernst und doch auf die leichte Schulter.

Mir ist er vorgekommen wie dieser Gregor Samsa in Franz Kafkas Verwandlung, jener Mann, der in der Früh aufwacht und erkennt, dass er ein Käfer ist. Mein Freund, der Professor, hatte eher eine umgekehrte Verwandlung durchgemacht. Dieser Gregor Samsa krabbelte nicht mehr, er stand da als liebenswerter Mensch.

Ich fragte ihn: »Sag einmal, hast du neue Tabletten?«

»Nein«, sagte er, »aber eine neue Krawatte«.

Was immer es war, es hatte geholfen. Der Herr Professor war auf einmal lustig. Und gut drauf.

»Ich habe mich analysiert«, sagte er, »kein Schmäh«.

Und dann erzählte er mir, wie das hergegangen ist.

Irgendwann, meinte er, habe er sich selber nicht mehr leiden können. Er habe so viel Distanz zur Umwelt aufgebaut, dass er sich selbst abhanden gekommen war. Und er habe erkannt, wie man die meisten Probleme lösen konnte. Sah man sie als den Funken an, den sie im Spiel des Lebens darstellten, ging einem ein Licht auf. Und näherte man sich ihnen humorvoll, wurden sie auf einmal leicht und ließen sich ohne jedes Kräftemessen beheben.

Was der Herr Professor gefunden hatte, war nichts anderes als eine positive Lebenseinstellung. Er sah keinen Grund mehr, graugesichtig und hochkorrekt durch den Tag zu stelzen, um seine Würde zur Schau zu stellen, primär als Primar und dann noch vor seiner Frau. Auf einmal hatte er nicht mehr den Ausdruck im Gesicht, den man mit Kardinälen aus dem Mittelalter oder Generälen vom sowjetischen Militär verbindet. Auf einmal war er nur mehr mein Freund.

Es muss nicht immer etwas Großes passieren, das dein Leben ändert. Charles Dickens hat einmal gesagt: »Der Humor nimmt die Welt hin, wie sie ist, sucht sie nicht zu verbessern und zu belehren, sondern mit Weisheit zu ertragen.« Es muss kein Komet neben einem einschlagen, bis das Traummännlein munter wird und sagt: Guten Morrrrgen, schau, so geht’s auch, so einfach ist es zu leben.

Manchmal braucht man nur kleine Rädchen drehen, einen Kippschalter umlegen oder jemanden anlächeln, und schon können die Dinge anders laufen. Ich sage bewusst können, weil Humor etwas Ätherisches ist. Man kann ihn nicht angreifen, nicht umarmen. Und schon gar nicht für immer festhalten. Wenn der Humor weg ist, werden die Dinge unlustig. Dieses Naturgesetz ist unerbittlich.

Ein Mangel an Humor verkrampft. Einen selber und, das Kunststück gelingt auch nur ihm, die anderen. Auf Dauer machen die Entzugserscheinungen sogar krank. Als Arzt wird einem das vielleicht schneller bewusst. Der ökonomische und soziale Druck von heute braucht ein Ventil, damit der Kessel nicht explodiert. Damit uns kein Cocktail aus Stresshormonen um die Ohren fliegt, das Immunsystem nicht durchknallt oder der Stoffwechsel gesprengt wird. Die Haut als Repräsentationsorgan der menschlichen Ganzheit spiegelt oft die Not in verschiedensten, ursächlich nicht erfassbaren Krankheitsbildern wider, meistens verbunden mit unerträglichem Jucken. Die Haut will uns sagen: Amigo, bleib locker, nimm’s leicht, dann funktioniert alles besser.

Hört man der Haut nicht zu, verschafft sie sich anderweitig Aufmerksamkeit. Bläschen an Händen und Füßen, Entzündungsherde und Schwellungen, als ob man in einen Brennnesselhaufen gefallen wäre. Allesamt Symptome, die ich tagtäglich in der Praxis behandeln muss. Und immer öfter sind sie auf die Abwesenheit von Humor und Lebensfreude zurückzuführen. Sind die beiden Mangelware, begünstigt das den Ausbruch ernsthafter Krankheiten.

Allen voran in meinem Fach Neurodermitis. Von der hat vor dreißig Jahren, als ich noch ein dermatologischer Backfisch war, kein Mensch geredet, sie war eine Rarität. Die einen glaubten, Neuro-Termiten wären besondere Schaben, die sich neuerdings über die Menschen hermachten nach Art eines Dermatozoenwahns. Andere waren auf eine bizarre Weise stolz, so eine eigentümliche Krankheit zu haben, und gingen davon aus, dass ihr außergewöhnliches Leiden auch eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit in der Behandlung nach sich ziehen müsse. Neurodermitis holte sich irgendwie Anspruch auf eine klinische Sonderstellung, führte auf einmal ein Popstar-Dasein, quasi der Jimi Hendrix unter den Hautkranken. Heute ist Neurodermitis ein Massenproblem, und zwar nicht, weil die Welt so schlecht oder die Luft so verpestet oder der Mensch so degeneriert ist. Sondern weil die Haut Hilfe schreit.

Zum ersten Mal erlebte ich es in meiner Zeit an der Innsbrucker Klinik. Ein Schulmädchen führte mir deutlich vor Augen, wie sehr ein Krankheitsverlauf davon abhängt, ob man etwas zu lachen hat oder nicht. Der Gesundheitszustand des Kindes passte sich dem Auf und Ab der elterlichen Ehe fast aufs Datum genau an. In den friedlichen Phasen war das Mädel über Monate beschwerdefrei, wurde an der Beziehungsfront gekämpft, war die Tochter das erste Opfer. Als die Eltern ihren Rosenkrieg schließlich mit rostigen Klingen und vor Gericht fochten, hatte das Kind im Nu schwerste Entzündungen am ganzen Körper, wir mussten sie stationär aufnehmen. Jetzt frag ich dich: Was tust du als Arzt? Wie bekämpfst du die Symptome bei einer Patientin, wenn die Krankheit gar nicht ihr innewohnt, sondern wem andern? In Wahrheit musst du das Cortison einpacken und das hervorzaubern, was ihr am meisten fehlt: ein Lächeln.

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Die Kleine Naarn (oder das Ottenbacherl) begleitet den Wandernden

Und ich rede da nicht von einer Geste der Anteilnahme, von einem Trostpflaster der Menschlichkeit. Ich rede vom Lachen als Medizin. Als körpereigenes Wundermittel. Lachen hat eine Rückkoppelung direkt ins limbische System, das Wohlfühlzentrum im Organismus, und verbreitet dort die beste aller Botschaften, nämlich: Alles ist, wie es sein soll. Lachen hat eine starke Heilkraft gegen den Krankheitserreger Trübsinn, der die Basis für Depression und viele psychosomatische Erkrankungen ist. Die Chinesen absolvieren Lachseminare gescheiterweise schon als Prävention. Das ist insofern nötig, weil gekünsteltes Gelächter als Arznei so viel taugt wie Karottensaft als Verhütungsmittel.

Das Lächeln muss echt sein, sonst wirkt es nicht. Man muss es in den Augen sehen, sonst zählt es nicht. Es ist wie synthetischer Süßstoff gegen süße Natürlichkeit. Humor ist der Zucker, Witzeln nur das Saccharin.

Frohsinn aktiviert Selbstheilungskräfte. Ich hab das einer Patientin tatsächlich einmal verordnet, kein Scherz. Sie, die Hofratsgattin, war wie eine Schaufensterpuppe in einem sehr teuren Geschäft. Keine Locke in ihrem getrimmten Haar war je falsch platziert, ihre Kleidung der Stoff, aus dem die Perfektion ist. Nur eins funktionierte nicht nach ihren strengen Regeln: ihre Haut. Der Juckreiz war nicht in den Griff zu bekommen, sie war schon bei allen Kapazitäten, und alle Untersuchungen waren o. B., ohne Befund, wie wir das so schön sagen, wenn scheinbar alles passt.

»Stellen Sie sich einmal hierher, vor den Spiegel, und lachen Sie herzhaft«, sagte ich dieser Dame, »auch zu Hause und regelmäßig, jede Stunde einmal«.

Mit der deutlichen Besserung durch die Verordnung, die sie anfangs für lächerlich hielt, hatte sie nie gerechnet. »Sie sind ein komischer Arzt«, sagte sie. Für mich war das ein wunderbares Kompliment.

Als dein Weggefährte, aber auch als Arzt des Vertrauens kann ich dir nur dasselbe raten wie der Frau Hofrat. Lach! Ha. Hahahaha. Auch ohne Juckreiz. Stell dir ein paar Neuro-Termiten vor, die die Welt nicht mehr verstehen, weil du so fröhlich bist, und lach sie so aus, dass sie dich auf ewig für Sperrgebiet erklären.

Humor ist wie ein noch nicht entdecktes Hormonsystem, das jede Zelle des Körpers betrifft. Hier warten Rezeptoren, die Zellen jucherzen lassen, wenn das Hormon andockt. Es bringt Freude in die Biologie und lässt den Körper erblühen, ähnlich wie wir es vom Östrogen bei den Damen kennen. Wenn es anschwillt, wird aus dem kleinen, unscheinbaren Mädchen eine attraktive, junge Dame mit üppigem Haar und wunderbar kurviger Silhouette. Erotische Anziehung auf zwei langen Beinen. Nur, Humor kennt keine Meno- oder Andropause. Er arbeitet lebenslang. Ohne Leistungsabfall und ohne sich zu beschweren. Humor verwertet alles, was ihm unterkommt. Selbst aus den kleinsten Freuden macht er großes Wohlbefinden, indem er den Feinstoffwechsel stimuliert und die Abwehrkräfte fördert. Damit vertreibt er die Dämonen der Ängstlichkeit, Hypochondrie und Melancholie. Er lockt die Brüderlichkeit aus ihren Verstecken und bietet dem Neid und der Schadenfreude die Stirn. Er verbreitet atmosphärische Gelassenheit, wo Zwist und Hader einst ihren Kampfplatz hatten. Humor wirkt wie eine Wunderdroge aus dem ätherischen Arzneischrank.

Das Wort Humor kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Saft oder Feuchtigkeit. In der Antike bezeichnete es die richtige Mischung der Körpersäfte, eine Kreszenz, die die Stimmung hebt. Gewissermaßen den körpereigenen Gute-Laune-Tee braut. Oder die Cuvée der Komik in winzigen Bouteillen abfüllt. Wer sie trinkt, wird auf Wikipedia so beschrieben: »Als humorvoll werden oft Personen bezeichnet, die andere zum Lachen bringen oder selbst auffällig häufig die lustigen Dinge einer Situation zum Ausdruck bringen.« Da wird er noch einmal zulangen müssen in seiner Hausbar, der Verfasser.

Na ja, Humor ist halt nicht gleich Humor. Wenn ich mich selber kurz lächerlich machen darf: Mein früheres Ich, also der alte Johannes, war nicht wirklich recht humorvoll. Zynisch vielleicht, sarkastisch mitunter oder bloß bedacht auf den schnellen Untergriff. Irgendwas Abfälliges über Blondinen und hahaha, fertig war der Schenkelklopfer. Man widmete sich wieder dem Ernst des Lebens oder dem Bier. Zu meiner Entschuldigung sei mit den Worten eines gewissen Herrn Wells gesagt: »Zynismus ist Humor in schlechtem Gesundheitszustand.« Und damit wie geschaffen für einen jungen, überarbeiteten Arzt, der Karriere machen will.

Aber Spott und Häme waren keine Motoren, die mich irgendwie weitergebracht hätten. Ironie, die elegante Schwester des Witzes, schon eher. Es sei unmöglich, witzig zu sein ohne ein bisschen Bosheit, sagen die Engländer. Sie meinen, erst die Bosheit sei der Widerhaken, der einen Witz haften lässt. Und sie müssten es wissen, so schwarz ihr Humor auch ist, er gehört zu denen, die den Regenbogen über den grauen Alltag spannen.

Die eigentlichen Spezialisten im Land des Lachens aber sind die Gelotologen, die Lach-Experten, man glaubt nicht, was es alles gibt. Achtzehn verschiedene Lach-Arten unterscheiden die Verhaltensforscher. Man lacht aus Freude oder Schadenfreude, aus Erleichterung oder Erregung, aus Nervosität oder Angst oder einfach nur, um jemanden zu grüßen. Macht man sich über wen lustig, ist es sogar ein Ausdruck von Aggression. Ein echtes, spontanes Lachen ist aber immer ein Reflex, bei dem viele körperliche Funktionen zusammenspielen. Es ist eine Art Witz-Orchester.

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Immer wieder trifft man am Johannesweg auf schöne Steinbloßhöfe – typisch für das Mühlviertel

Als Kinder haben wir das lustigste Leben. Vierhundertfünfzig Mal haben wir damals am Tag gelacht. Damit hatten wir dreißig Mal öfter was zu lachen als später als Erwachsene, da kommt uns höchstens fünfzehn Mal pro Tag ein Schmunzeln aus. Männer lachen mit zweihundertachtzig Schwingungen pro Sekunde, Frauen sogar mit fünfhundert. Dass sich deshalb mehr Krähenfüßchen rund um die zusammenge-kniffenen Augen bilden, kann ich als Hautarzt wissenschaftlich nicht bestätigen.

Lachen ist ein heftiges Vergnügen. Mit hundert Kilometern pro Stunde schießt einem der Humor die Luft aus dem Mund. Das Herz klopft sich die Seele aus dem Leib. Die Stimmbänder schwingen sich zur Höchstleistung auf. Das Zwerchfell hüpft bis zum Hals. Siebenundneunzig Muskeln sind an dem Spektakel beteiligt. Siebzehn davon im Gesicht. Kennt man sich ein bisschen aus, kommt man einem falschen Grinser leicht auf die Schliche, er beginnt immer leicht asymmetrisch. Der Jochbeinmuskel dagegen zieht beide Mundwinkel gleichzeitig nach oben und lässt erkennen: Hier lacht jemand aus vollem Herzen.

Produziert wird so ein ehrliches Lachen in einer Gegend im Gehirn, gegen die das Sprachzentrum ein junger Tuter ist. Diese Herkunft lässt Gelotologen darauf schließen, dass man sich, bevor man reden konnte, lachend verständigt hat. Wobei, so wirklich lustig hatte man es gar nicht damals, und damit spiele ich nicht auf die Reißzähne, Stirnhörner oder Riesenpratzen an, die einem das Leben schwer, mitunter sogar unmöglich machten. Ich beziehe mich auf die Vermutung, dass das Lachen aus dem Fletschen der Zähne entstanden sein soll. Von Angesicht zu Angesicht war der Ausbund der Fröhlichkeit also eine Drohgebärde. Ein gesundes Gebiss, mit dem man auch morgen noch kraftvoll zubeißen konnte, bedeutete Kraft. Hatte man eher löchrige Kauleisten, nahm man vor Gewalt, die einen da anlachte, besser Reißaus. Innerhalb einer Gruppe zu fletschen, wurde dagegen immer schon als Sympathiekundgebung gewertet. Freundliche Mundwinkel machen aus einer Gesellschaft eine Gemeinschaft. Schon das Geräusch lachender Menschen verbindet, und sofort wird im Gehirn ein Grinsen bestellt.

Komplette Lachmuffel sind die Stresshormone Adrenalin und Kortisol. Wenn in ihrer Nähe nur irgendwer leise gluckst, haben sie schon genug, schwirren beleidigt ab und machen den Endorphinen Platz. Die stehen schon beim leisesten Lächeln auf der Matte und reißen alle anderen mit ihrer guten Laune mit. Plötzlich springen Verdauung und Stoffwechsel an, die Verbrennung von Cholesterin geht in die heiße Phase. Puls und Blutdruck schnalzen nach oben. Das Herz-Kreislauf-System, das Zwerchfell, die Stimmbänder, die Gesichts- und Bauchmuskeln strotzen vor Bewegungsdrang. Die Lunge schafft drei- bis viermal so viel Sauerstoff herbei. Herz und Immunsystem lassen die Muskeln spielen. Der ganze Körper befördert mehr Abwehrstoffe ins Blut. Killerzellen stürzen sich mit Gebrüll auf Viren, Tumor- und Krebszellen. Der Schmerz spürt sich selber kaum mehr. Samt und sonders sind das Effekte, mit denen auch CliniClowns oder die Roten Nasen arbeiten und den Kindern Freude bringen, die sie am meisten brauchen.

Eine Langzeitstudie an fünfzigtausend Norwegern ergab, dass Humor nicht nur Kranken hilft, sondern auch Gesunde schützt. Humorvolle Menschen, fanden die Norweger heraus, werden seltener krank und leben bis zu zwanzig Prozent länger. Ein Fünftel Lebenszeit, das muss man sich einmal ausrechnen, sind bei jemandem, der hundert ist, zwanzig Jahre. Alles nur eine Frage der Einstellung im Oberstübchen.

Gelotologen konnten außerdem nachweisen, dass ein Lachanfall dieselben Gehirnregionen stimuliert und damit zumindest kurzzeitig ähnliche Empfindungen auslöst wie Kokain, ohne Spätschäden wohlgemerkt. Was für eine gesunde Art von Rausch. Sportlich betrachtet, erledigt man in zwanzig Minuten Lachen dieselbe Muskelarbeit wie bei drei Minuten intensivem Rudern. Was für ein vergnügliches Training. Bei jemandem, der kaum sportelt, kann das zwar ein bisschen wehtun. Aber nach fünf bis acht Minuten entspannt sich der Körper wieder. Die Herzfrequenz nimmt ab, der Blutdruck sinkt anhaltend. Und die Bilanz kann sich sehen lassen: Eine Minute Lachen ist so erfrischend wie fünfundvierzig Minuten Entspannungstraining. Nach einem ausführlichen Lachkrampf ist man nicht nur zufriedener, sondern auch noch topfit. Als Mann darf man ein ganz besonderes Danke hinaushauchen, Lachen soll nämlich sogar der Potenz auf die Sprünge helfen. Halleluja.

Frauen und Männer haben überhaupt einen unterschiedlichen Humor. An der Stelle, das trau ich mich wetten, nicken jetzt alle, aus beiden Lagern. Der Psychologe Allan Reiss von der Universität Stanford aber hat eine wissenschaftliche Erklärung. Er hat die Gehirnwellen von zehn Frauen und zehn Männern gemessen, während sie sich siebzig Cartoons zu Gemüte führten, und stellte fest, dass bei den Frauen der Nucleus accumbens stärker aktiviert wurde. Reiss folgerte daraus: Frauen verarbeiten Informationen analytischer als Männer. Weil Frauen keine hohen Erwartungen an eine Belohnung haben, reagierte jene weibliche Hirnregion bei der Pointe umso stärker.

Auf diese weibliche Fähigkeit hoffe ich bei der Mitteilung, dass Männer lustiger sind als Frauen. Aber vermutlich wird mir das nichts nützen. Die Herren werden denken, genau, Johannes, du bist ein klasser Bursch. Und die Damen werden die Augen verdrehen, mein Gott, was für ein Depp, wozu haben wir den Neuhofer studieren lassen. Ich kann zu meiner Verteidigung nur sagen, auch diese Sache ist wissenschaftlich nachgewiesen. Für die komödiantische Ader der Männer ist das Sexualhormon Testosteron verantwortlich. Aber, meine Damen, die Forschungsergebnisse legen auch nahe, dass Männer den Humor eher aggressiv einsetzen. Simma wieder gut?

Männer pfeifen sich nichts, wenn ihre Witze auf Kosten anderer gehen. Das hört man in jedem Wirtshaus. Sagt einer: »Wenn der Rudi so schnell wär, wie er deppert is, müsst er beim Radeln am Großglockner bergauf bremsen.«

Alle lachen, chea-chea-chea, nur der Rudi nicht. So was ist kein Ritzer mit der feinen Klinge. Die hätte Rudi nur selber ansetzen können. Indem er über sich herzieht. Selbstironie ist das Understatement des eleganten Jokers.

Würde der Humor eine Gage für seine Dienste bekommen, wäre er Schwerverdiener. Für die Jobs, die er im Alleingang erledigt, braucht man ein paar Universitätsabschlüsse. Er ist Arzt und Apotheker, Sportcoach und Psychotherapeut, Entertainer und letztlich auch noch Anti-Aging-Spezialist. Humorvolle Menschen wirken nämlich jünger auf ihre Umwelt.