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Adieu Wien – Bonjour Paris

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Susanna Kubelka

Adieu Wien –
Bonjour Paris

ROMAN

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Für Celestine

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KAPITEL I

Wien, 1971. Es begann mit einem Anruf wenige Tage vor Ostern. Das ist viele Jahre her, doch ich erinnere mich genau an das Gespräch, das mein ganzes Leben verändern sollte.

Es war kurz vor neun, draußen war es stürmisch und kalt, ich hatte eben gefrühstückt, als mein neues weißes Telefon klingelte.

»Fräulein Valentin?«, fragte eine fremde Männerstimme.

»Spricht.«

»Bleiben Sie bitte am Apparat.«

»Hallo, Kitty?«, das war meine schöne Freundin Rita, »mach dich fertig, du fährst nach Budapest.«

»Was soll ich dort?«

»Übersetzen.«

»Ausgerechnet Budapest«, stöhnte ich, denn Ungarn lag damals noch hinter dem Eisernen Vorhang und die ehemals prächtige Stadt war verwahrlost, schäbig, trist und grau. Ich hatte mir schon einmal die Ohren abgefroren um diese Jahreszeit in Budapest und keine Lust, das ausgerechnet heute zu wiederholen.

»Ja, Budapest«, sagte Rita, »aber diesmal wird es dir gefallen!«

Rita leitete ein Übersetzungsbüro. Zu ihren Kunden gehörten auch die großen Ringstraßenhotels und wann immer ein prominenter Gast jemanden brauchte, der fließend Englisch und Französisch konnte, gute Manieren hatte und viel, viel Geduld, vermittelte sie mich.

»Rita, ich will nicht«, sagte ich bestimmt.

»Hörst du mir bitte zu?«

»Ich höre. Aber nicht mehr lang. Um zehn ist S.A.P. in Anglistik und ich muss pünktlich sein.«

»Um zehn ist was?«

»Seminar-Aufnahms-Prüfung! In Englisch! Schriftlich! Lebenswichtig! Ich komme sonst nicht in den zweiten Studienabschnitt.«

»Aha. Und wie lang dauert das?«

»Bis zwölf.«

Rita lachte selbstgefällig: »Wieder einmal richtig kalkuliert. Ich habe dem Kunden gesagt, du holst ihn um eins ab.«

»Rita! Es freut mich nicht!«

»Nein? Einhundert Dollar pro Tag in bar auf die Hand plus Spesen freut dich nicht?«

Ich sank auf mein rotes Sofa. So viel Geld? Davon lebt man als arme Studentin viele Wochen in Saus und Braus.

»Mit wem soll ich denn dorthin?«

»Mit einem Amerikaner. Berühmter Journalist. Es werden zum ersten Mal Wahlen abgehalten. Er braucht einen Dolmetscher.«

»Rita, im Kommunismus wählt man nicht.«

»Die Ungarn versuchens halt. Ihr wohnt auf der Margareteninsel im besten Hotel.«

»Wieso zahlt er so viel?«

»Schwerreiche Zeitung. Geld spielt keine Rolle. Er kann einen Helikopter mieten, Lunch in Athen, Abendessen in Rom, das findet er ganz normal.«

»Wie heißt die Zeitung?«

»ABC News.«

»Und wo sitzen die?«

»In New York. Aber mein Kunde ist für Europa verantwortlich. Seine Redaktion ist in Paris. Dort lebt er auch in einer Art Palast. Er hat ein riesiges Spesenkonto.«

»Danke, du hast mich überzeugt. Wann muss ich wo sein?«

»Um eins im Hotel Sacher. Du fragst nach Mister Clifford Thatcher, eleganter Herr, sehr groß, sehr nervös, wie die meisten Journalisten. Bitte, sei pünktlich auf die Minute, okay?«

»Okay. Verlass dich auf mich!«

Ich schaffte die Prüfung mit links. Das Thema lautete »Drei Mann in einem Boot«. Es ging jedoch nicht um den brillant-komischen Roman von Jerome K. Jerome, sondern man wollte wissen, ob wir im Stande waren, ein- und dieselbe Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven zu erzählen.

Kein Problem für mich.

Seit meiner Kindheit habe ich gern geschrieben, also erfand ich eine Regatta in Key West: Jim, den Journalisten, nervös und gereizt, Joe, den Börsenmakler, Kettenraucher, Magengeschwür, und den Modeschöpfer Yves, der gleich in Ohnmacht fällt, weil er seinen Augenbrauenstift vergessen hatte im Büro.

Jedenfalls, diese drei machen alles falsch, gewinnen aber doch und jeder erzählt eine andere Fabel, warum nur ihm und ihm allein, der Sieg zu verdanken war.

Ich schrieb zehn Seiten, es wurde eine amüsante Kurzgeschichte, ich war pünktlich fertig und um halb eins bereits unterwegs zum Hotel.

Ich trug meinen hochmodernen schwarzen Maxi-Mantel, eine Wohltat nach den Minis, in denen ich mich im Winter halbtot gefroren hatte, darunter Belltrousers, die vom Knie abwärts weiter wurden, und einen selbstgestrickten, engen roten Pulli aus Bouclé.

Das Haar hatte ich zu einem Rossschwanz aufgebunden, ich war ungeschminkt, ein alter Trick von mir, damit wirke ich nämlich wie ein Seelchen, kindlich, süß und jung, und aus Erfahrung wusste ich: Amerikaner fliegen darauf!

Jedenfalls, ich war sicher, dass ich Mister Thatcher gefallen würde. Ich bin keine Sexbombe, die Männer bemerken mich immer erst auf den zweiten Blick, doch das schadet mir nicht. Was sie nämlich auf den zweiten Blick sehen, gefällt ihnen dann: ein fröhliches Gesicht, große, dunkle, treue Augen, lange Wimpern, Grübchen in den Wangen, zarte Hände und Füße, eine schlanke Mitte, halblanges braunes Haar mit rötlichem Glanz.

Der Rest ist innere Schönheit. Ich meine jetzt ganz einfach Charme. Als ich ein Kind war, hatte man das schon bemerkt: »Ihre Kitty wirds noch weit bringen mit ihrem Scharmee«, sagte unsere mollige blonde Bäckersfrau zu meiner Mutter. Und der Scharmee oder Charme hat mir mehr gebracht als die längsten Beine und das edelste Profil.

Ist man nämlich wirklich schön, gepflegt, elegant, denken viele Männer gleich: Für die bin ich nicht gut genug und dann hassen sie dich! Siehe Rita. Der geht das schon seit Jahren so. Sie ist schön wie ein Filmstar und meistens allein! Manche Männer haben sogar Angst vor ihr.

Im Unterschied zu mir. Vor mir fürchtet sich keiner.

Ich war immer von Verehrern umringt. Als ich mit fünfzehn tanzen lernte, brauchte ich meinem Herrn nur tief in die Augen zu sehen, meine Hand auf seine zu legen, ein, zwei Sekunden länger als nötig, schon folgte er mir wie ein Hündchen und lungerte abends in der Allee hinter unserem Haus herum.

Besagte Allee besteht aus prächtigen, weißblühenden Kastanien und unter diesen Kastanien bekam ich meinen ersten Kuss von Klaus, Walter, Jürgen und Kurt, hörte mein erstes »Ich liebe dich!« von Peter, Felix und Max, dort sah ich im Sommer die Glühwürmchen schimmern, ging Hand in Hand mit Christoph und Hans zum Gittertor, wo unser Garten begann, im Grund war alles völlig harmlos, platonisch, aber aufregend und wunderbar. Jedenfalls, solange ich denken konnte, warteten Verehrer auf mich unter den Kastanien und ich fand das ganz normal!

Mein Leitstern nämlich heißt Venus!

Ich war immer verliebt in irgendwen und irgendwas, in die Liebe, in das Leben, in die Schönheit der Tiere, der Blumen, der Bäume, in die funkelnden Sterne und den glitzernden Kosmos, der uns umgibt. Und in den großzügigen Schöpfer, der uns teilhaben lässt an seinem unfassbar grandiosen Wunderwerk.

Lauwarm bin ich nicht! Ich verliebe mich Hals über Kopf und man verliebt sich Hals über Kopf in mich! Und derzeit liebe ich mein Studium der Anglistik und Germanistik und habe mir vorgenommen, dass das bis zum Abschluss so bleibt!

Von der kalten, windigen Straße trat ich hinein in das weltberühmte Hotel. Es war wunderbar warm beheizt. Ich nahm die Kapuze ab und zog die Handschuhe aus.

»Guten Tag, Fräulein Valentin«, sagte der Mann am Empfang.

»Grüß Gott, Herr Kurt! Wie gehts?«

»Viel Arbeit. Der Herr, den sie suchen, steht dort drüben.«

»Wartet er schon lang?«

»Eine Viertelstunde.«

Aha, dachte ich, ein Überpünktlicher! Und wieder ein grauer, gehetzter, unglücklicher Mann, denn »grau« war mein erster Eindruck: graues Haar, grauer Mantel, grauer Schal, graue Aktenmappe, graue Miene, grauer Rauch!

Er stand neben dem offenen Kamin in der großen Halle, rauchte gierig und blickte verstört in Richtung Eingang! Er war offensichtlich schlecht gelaunt.

Nun gut! Diesen Typ Mann kannte ich, ja, auf den war ich geradezu spezialisiert. Wetten? In zwei Minuten ist er sanft wie ein Lamm. Wenn nicht auf den ersten, dann sicher auf den zweiten Blick. Und lächelnd schritt ich auf ihn zu.

»Mister Thatcher, I suppose? Ich bin Kitty Valentin. Ihre Dolmetscherin.« Ich sagte es in meinem besten Oxford English, aber Clifford ließ das kalt.

»Ich dachte schon, Sie kommen nicht mehr«, zischte er und streifte mich mit einem völlig desinteressierten Blick.

»Das tut mir leid. Man hat mich für eins hierher bestellt.«

»Ja, um eins! Jetzt ist es drei Minuten nach!« Es klang eisig.

»Tut mir leid«, sagte ich sanft.

Clifford drückte seine Zigarette aus: »Wir müssen hinter den Eisernen Vorhang! Ich hasse diese Reisen. Die Grenzkontrollen sind ekelhaft. Ich habe immer Angst, ich komme nicht mehr heil zurück. Ist das Ihr ganzes Gepäck?«

Er zeigte auf den hübschen, kleinen Strohkoffer, den ich in der Hand hielt.

»Ja. Wir bleiben nur eine Nacht, oder?«

Clifford nickte und sah mir endlich voll ins Gesicht, diesmal bedeutend länger. Seine Augen weiteten sich.

»Wie heißen Sie?«

»Kitty Valentin.«

»Hübscher Name.«

»Danke. Ich hab auch am 14. Februar Geburtstag.«

»Oh, you’re a happy Valentine!« Er lächelte mich an.

Plötzlich hatte er es gar nicht mehr eilig und ich sah, dass er strahlend weiße Zähne hatte und einen vollen, sinnlichen Mund. Er war sehr groß, einen ganzen Kopf größer als ich, mit dichten, schwarzen Brauen und braun-grün gesprenkelten Augen. Echte Journalistenaugen, scharf, suchend, angespannt, wie die einer Raubkatze auf der Jagd. Das machte ihn weniger herrschaftlich, doch es verlieh ihm eine gewisse tierische Anziehungskraft.

Und die spürte ich plötzlich. Ich wurde verlegen und senkte den Kopf.

»Sie haben Grübchen in den Wangen«, stellte Clifford fest, »that’s really sweet!«

Dann bückte er sich und griff nach seiner Reiseschreibmaschine.

Ich erstarrte. Denn … was hatte er da plötzlich in der Hand? Eine kleine, elegante Olivetti, wie ich sie mir schon seit Jahren wünschte. Sie steckte in einer Tragtasche mit blauem Griff und war so hübsch, mein Herz begann höher zu schlagen.

»Gibts ein Problem?«, Clifford musterte mich erstaunt.

»Nein. Ich bewundere ihre Schreibmaschine.«

»Meine Schreibmaschine? Wieso?«

»Davon träumen alle Studenten in Wien.«

»Dann kaufen Sie sich doch eine.«

»Viel zu teuer. Aber wenn ich fertig bin mit dem Studium sofort!«

Clifford runzelte die Stirn, dachte kurz nach, nickte und ließ mir den Vortritt. Wir verließen das Hotel.

Draußen stürmte es immer noch, doch ein großer, schwarzer Mercedes mit Sitzen aus echtem Leder und einem schweigsamen blonden Fahrer namens Max wartete auf uns.

Wir stiegen ein und dann geschah etwas Seltsames: Der große Mann, mit der Allmacht der Presse hinter sich, sprach nicht über die Wahlen in Ungarn, den Ölpreis, den Kalten Krieg, das Wirtschaftswunder oder über seine Zeitung. Nein! Er kannte nur ein einziges Thema: seine unglückliche Ehe!

Und das faszinierte mich.

In Europa sprachen Männer damals nämlich nie von ihren Frauen. Schon gar nicht mit einer anderen, jüngeren, die man eben kennengelernt hatte.

Ich kam viel herum und sämtliche Ehemänner logen wie gedruckt, spielten den freien Kavalier, flirteten unverschämt mit jedem hübschen Kind, solang »die Alte« brav zu Hause saß.

Das hatte mich immer schon empört! Hier aber war ein Amerikaner, ein Herr, ein berühmter Journalist und gestand gleich im ersten Moment, dass er nicht mehr frei, sondern gebunden war! Ein Ausbund an Ehrlichkeit, dachte ich. Dem kann man vertrauen! Blind!

Ich lauschte gebannt und erfuhr: Seine Frau war frigide, gab viel zu viel Geld aus, war zu dick, zu aggressiv, zu arrogant, zu rechthaberisch. Man schlief zwar noch im selben Bett, doch auf ihrer Seite lag eine Schachtel Ohropax und nach der griff sie jede Nacht und nie nach ihm … Es war eine erstaunliche Beichte und sie dauerte fast bis zur ungarischen Grenze.

»Haben Sie schon genug?«, fragte er plötzlich. »Langweile ich Sie mit meiner Litanei?«

»Überhaupt nicht! Das ist hochinteressant!«

»Normalerweise ist das Thema tabu. Aber Sie leben in Wien und ich in Paris, Sie können es niemand erzählen, den ich kenne, außerdem habe ich das Gefühl, Sie verstehen mich. Meine Frau hat mich nie verstanden. Es ist ein Trauerspiel!«

Wir waren inzwischen am Eisernen Vorhang angelangt, der damals noch Europa teilte, und die Kontrolle dauerte, wie Clifford befürchtet hatte, stundenlang.

Ein Glück, dass man den Mercedes nicht zerlegte, und um ein Haar hätte man Cliffords Schreibmaschine konfisziert. Maschinengewehre, Betonblocks, Stacheldraht, bissige Hunde, es war entwürdigend und schüchterte uns derart ein, wir sprachen die ganze Fahrt bis Budapest kein weiteres Wort.

Aber ich hatte mich in Clifford nicht geirrt. Er war ein echter Gentleman, ein Ehrenmann.

Er benahm sich souverän, nahm alles mit Humor, das verwahrloste Hotel, die schäbigen Badezimmer, den blechernen Lärm der Klospülungen, die uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf rissen.

Er beschwerte sich nicht über das totgekochte Essen ohne jeglichen Geschmack, das miserable Hotelorchester, denn jeder Musiker mit Talent war längst in den Westen geflohen.

Und das Beste: Er verirrte sich nicht »zufällig« in mein Zimmer, legte seine Hand nicht »zufällig« auf meine, erzählte keine anzüglichen Witze, starrte nicht auf meine Beine oder meine Brüste, und die Arbeit mit ihm war ein Gedicht!

Die Pressekonferenz am nächsten Tag war auf Deutsch und nie verlor er die Geduld, wenn ich nicht sofort das richtige Wort auf Englisch fand. Er ermutigte mich sogar, eigene Fragen zu stellen und am Schluss bekam ich noch ein Lob: »Schade, dass ich Sie nicht mit nach Paris nehmen kann. Sie haben Sprachtalent. You are a very intelligent young lady!«

Zum Abschluss fuhren wir dann hoch zur berühmten Fischerbastei mit Blick über die ganze Stadt und Clifford ließ sich mit mir fotografieren.

»Verraten Sie mir Ihre Adresse?«, fragte er dann. »Ich möchte Ihnen das Bild schicken. Aus Paris.«

Hochzufrieden kamen wir am Sonntagabend nach Wien zurück.

»Wir trinken noch ein Glas zusammen«, meinte Cliff, »gleich hier im Hotel. Ist Ihnen das recht?«

Und er führte mich in die entzückende Blaue Bar. Dort war noch ein Tisch frei, in der Ecke gegenüber der Tür, und Clifford fragte, was ich trinken wollte.

»Ananas mit Ginger Ale«, sagte ich, »wenn es das gibt.«

»Natürlich gibts das«, meinte Cliff, bestellte Brandy für sich und fuhr dann kurz in sein Zimmer hoch.

Als er zurückkam, zog er ein Kuvert aus seiner Aktenmappe und reichte es mir.

Dreihundert Dollar waren drin, viel mehr als ausgemacht!

»Danke«, rief ich erfreut, »das ist wirklich großzügig!« Und ich gab ihm meine Hand, obwohl ich wusste, dass das in Amerika nicht üblich war.

Er nahm sie sofort, hielt sie lange fest und sah mich an mit seinen Katzenaugen:

»Kein Ring«, er zeigte auf meine Finger, »noch nicht verlobt?«

»Nein, noch nicht.«

»Aber viele Verehrer?«

»Es geht.«

»Wenn Sie nach Paris kommen, Miss Valentine, lade ich Sie zum Essen ein. In ein weltberühmtes Restaurant. Das bin ich Ihnen schuldig nach zwei Tagen Billigfraß.«

»Wann fliegen Sie zurück?«

»Morgen, mit der ersten Maschine. Sagen Sie ganz ehrlich: Mögen Sie mich?«

»Sie sind ausgesprochen sympathisch.«

»Aber ich bin so viel älter. Ich bin vierundvierzig. Und Sie?«

»Neunundzwanzig.«

»Dann sind Sie fünfzehn Jahre jünger! Und Sie sehen aus wie achtzehn.«

»Danke für das Kompliment.«

»Kein Kompliment! Reine Wahrheit. Sie sind auch sehr charmant. Genau so stellt man sich in Amerika eine Europäerin vor.«

Er sah auf die Uhr: »Ich muss jetzt leider gehen. Moment! Sie kriegen noch ein Geschenk!«

»Aber Sie haben mir doch gerade so viel Geld bezahlt.«

»Nein, nein. Was anderes. Etwas, das Sie wirklich freut.« Und er überreichte mir seine Schreibmaschine!

Sprachlos starrte ich auf die entzückende, kleine, flache Olivetti und dann auf Clifford und stammelte: »Das kann ich nicht annehmen.«

Er lachte: »Doch, das können Sie. Wir haben fünf oder sechs davon in der Redaktion. Die da gehört jetzt Ihnen und wenn Sie darauf schreiben, denken Sie an mich.«

Er gab mir seine Karte: »Wenn Sie nach Paris kommen, rufen Sie mich an. Versprochen?«

Dann stand er auf, begleitete mich vor das Hotel und ließ mich vom Chauffeur nach Hause führen.

In Jubelstimmung meldete ich mich bei Rita. Sie war noch im Büro.

»Hallo, Kitty spricht. Ich hab dir keine Schande gemacht. Es ist alles gut gegangen.«

»Weiß ich schon.«

»Woher?«

»Mr. Thatcher hat mir gedankt, dass ich dich empfohlen habe.«

»Er hat dich angerufen?«

»Mhm.«

»Du, Rita, er hat mir ein wunderbares Geschenk gemacht.«

»Er hat dir mehr bezahlt?«

»Das auch. Aber er hat mir seine Schreibmaschine geschenkt.«

»Was, die kleine Olivetti? Mich frisst der Neid!«

»Die blaue Olivetti Lettera 22! Und die Tragtasche ist grau. Hat einen blauen Griff und zwei blaue Streifen und einen blauen Reißverschluss. Und sie ist ganz leicht. Ein Traum! Ich bin so aufgeregt, ich kann sicher die ganze Nacht nicht schlafen. Auf der Maschine schreibe ich die Seminararbeiten und die Dissertation und wenn ich Frau Doktor bin, halt dich fest, dann schreibe ich einen Roman.«

»Vergiss den Roman«, sagte Rita, »das hab ich auch versucht, nach dreißig Seiten ist mir nichts mehr eingefallen, alle wollen Romane schreiben, keiner kanns. Das ist Schwerarbeit. Das schaffst du nie!«

»Meinst du?«, fragte ich enttäuscht.

»Reine Zeitverschwendung. Aber du, eine indiskrete Frage, so ein teures Geschenk: Hat er dich belästigt?«

»Nein, hat er nicht. Wieso fragst du?«

»Ich hab inzwischen erfahren, dass er ein Herz für hübsche Frauen hat.«

»Wer sagt das?«

»Der Nachtportier vom Hotel Sacher. Als er letztes Mal in Wien war, hat er die ganze Nacht im Moulin Rouge verbracht. Er ist um sieben Uhr früh heimgekommen und nicht allein!«

»So ein Unsinn! Er ist ein echter Gentleman. Er hat sofort zugegeben, dass er verheiratet ist. Er hat mir stundenlang von seiner Frau erzählt.«

»Er hat nicht geflirtet mit dir?«

»Überhaupt nicht. Aber er hat meine Adresse und die Telefonnummer. Wenn er wiederkommt, ruft er mich an. Ganz unverbindlich. Verstehst du?«

»Wenn er sich die nächsten drei Tage nicht meldet, siehst du ihn nie wieder«, sagte Rita trocken.

»Glaubst du?«

»Das ist meine Erfahrung. Männer vergessen schnell. So, ich muss noch was tun. Wir reden morgen weiter.«

Clifford rief nicht an, Rita hatte recht gehabt!

Also dachte ich nicht mehr an ihn, bis plötzlich ein Brief aus Paris kam, mit einem Foto, einem teuren Farbbild noch dazu: Clifford und ich fröhlich lachend auf der Fischerbastei, die Haare zerzaust vom Wind!

Und als ich es genauer betrachtete, dieses unbeschwerte, sonnige Bild, kam plötzlich eine Ahnung über mich, dass es doch noch ein Nachspiel geben könnte und dass es schön sein würde, ihn wiederzusehen.

Und dann vergaß ich ihn prompt!

Durchstudierte Nächte, Prüfungen, drei Seminare, Ferien und – hurra! – ein Stipendium ab Herbst! Freude an den faszinierenden Büchern, die ich las, Übersetzungen als Nebenverdienst, jedenfalls, acht Monate lang dachte ich kaum noch an Clifford Thatcher!

Dann plötzlich griff das Schicksal ein.

Ohne mein Zutun wurde er wieder aktuell.

Zwei Tage vor Weihnachten bekam ich einen Anruf, von meiner lieben Freundin Irma! Sie war vor zehn Jahren aus Ostdeutschland nach Frankreich geflohen, unter lebensgefährlichen Umständen. Inzwischen hatte sie einen Sohn von einem Franzosen und arbeitete als Sekretärin in Paris. Ich hatte ewig nichts mehr von ihr gehört.

»Hallo, Kitty! Hier spricht Irma.«

»Irma! So eine Überraschung. Wie gehts dir? Und wie gehts Michou? Ist er schon in der Schule? Ist er gesund?«

»Alles bestens! Kitty, hör zu. Große Neuigkeiten: Ich bin verlobt und ich gebe ein riesiges Fest zu Silvester, du musst unbedingt kommen, wir haben ein herrliches Appartement …«

»Wer ist wir?«, unterbrach ich erstaunt, denn Irma lebte vom Vater ihres Sohnes getrennt.

»Patrik. Große Liebe. Wir kennen uns seit Ostern. Er ist bei IBM und verdient viel Geld. Am besten, du kommst gleich nach Weihnachten und bleibst die ganze Zeit bei mir.«

»Das stört ihn nicht? Deinen Patrik?«

»Nein. Er ist nicht da. Er fährt aufs Land zu seiner Mutter, und Michou ist in den Alpen. Skifahren mit seinem Vater. Wir sind ganz allein, wir machens uns gemütlich, es gibt so viel zu erzählen!«

»Ich muss erst fragen, was die Fahrt kostet.«

»Ruf die Mitfahrerzentrale an. Das kommt billiger als der Zug.«

»Ja, das mach ich.«

»Dann könntest du in vier Tagen bei mir sein.«

»So Gott will!«

»Er wird schon wollen. Wie ich dich kenne, bist du fleißig und hast Tag und Nacht studiert?«

»Ich bin die Erste im Institut und die Letzte, die aus der Bibliothek nach Hause geht. Aber du, es macht mir so viel Spaß!«

»Und die Liebe?«

»Keine Zeit! Ich bin in das Studium verliebt.«

»Also, dann sehen wir uns in Paris. Ich ruf dich morgen wieder an und sag mir ja nicht ab!«

Ich legte auf und dachte: So ein Glück! Irma wird doch noch heiraten und eine richtige Familie haben, was sie immer wollte, hier in Westeuropa, in Sicherheit!

Und ich soll sie besuchen! Aber seltsam, warum gerade jetzt? Jahrelang hatten wir einander nur Karten geschrieben. Hatte das einen tieferen Sinn?

Außerdem, es gab da einen neuen Verehrer namens Karl, ein Studienkollege, wirklich nett. Er hatte mich über Silvester nach Innsbruck eingeladen.

Ich war noch nicht verliebt in ihn, es war alles noch rein platonisch, ich hatte aber schon zugesagt! Zu dumm!

Ich dachte kurz nach, dann rief ich meine Mutter an.

»Mutti, weißt du, was passiert ist? Irma hat sich wieder gemeldet. Sie hat mich eingeladen nach Paris.«

»Wann?«

»Gleich nach Weihnachten.«

»Fein! Oder stimmt was nicht?«

»Ich hab Karl versprochen, ich fahre mit ihm nach Innsbruck. Er will mich seinen Eltern vorstellen.«

»Wie lang hast du Irma nicht gesehen?«

»Drei Jahre.«

»Das ist lang. Karl siehst du jeden Tag.«

»Ja, stimmt … Paris ist schon verlockend.«

»Dann fahr hin. Amüsiere dich. Du bist jung, das gibt schöne Erinnerungen. Davon kannst du zehren, wenn du auf der Uni wieder so viel lernen musst!«

»Und der arme Karl?«

»Der läuft dir nicht weg.«

»Und was sag ich ihm?«

»Die Wahrheit! Das wird er schon verstehen. Man wird nicht alle Tage nach Paris eingeladen.«

»Mutti, bist du sicher?«

»Ganz sicher. Ich an deiner Stelle würde das tun.«

Also doch Paris!

Ich horchte in mich hinein. Aber was war das? Ich hatte plötzlich Herzklopfen bis zum Hals. Es brauste in meinen Ohren. Oh Gott, das kannte ich. Da braute sich was zusammen am Horizont. Irgendwas Wildes, Aufregendes, Neues wartete in Paris auf mich.

Meine Knie begannen zu zittern. Ich sank auf mein rotes Sofa. Und obwohl ich keine Sekunde lang an Clifford Thatcher dachte, wusste ich plötzlich mit absoluter Gewissheit, dass diese Reise mein ganzes Leben verändern würde.

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KAPITEL II

Ich fuhr mit dem Zug nach Paris. Über Nacht. Mit dem Orient-Express. Meine Mutter hatte mir zu Weihnachten die Reise geschenkt. Und im Liegewagen, während der langen Fahrt – eintausenddreihundert Kilometer sind es von Wien nach Paris, fiel mir plötzlich Clifford Thatcher wieder ein!

Wie schon erwähnt, hatte ich acht Monate nichts von ihm gehört und nicht mehr an ihn gedacht. Er war ja verheiratet und nicht mehr frei!

Aber plötzlich sah ich ihn ganz deutlich vor mir: sein intelligentes Gesicht, seine Katzenaugen, seine schönen Hände, seinen vollen Mund! Und als wir Paris erreichten und ich meinen Pass verstaute, den der Schaffner mir zurückgebracht hatte, entdeckte ich zu meiner Überraschung Cliffords Visitenkarte in meiner Handtasche! Ohne es zu wissen, hatte ich sie acht Monate mit mir herumgeschleppt!

Wie gebannt starrte ich auf das kleine, schön gestochene Kärtchen. Doch ich kam nicht zum Grübeln. Der Zug hielt am Gare de l’Est, Irma klopfte ans Fenster, schnell griff ich nach meinem Strohkoffer und stieg aus.

Da stand sie: groß, blond, strahlend, in einem langen, blauen, eleganten Mantel.

»Hallo, Kitty! Du hast dir die Haare wachsen lassen!«

»Hallo, Irma!« Wir umarmten uns fest. »Du bist blonder als früher! Passt dir gut!«

»Die Franzosen lieben Blondinen. Blaue Augen, blondes Haar, ich helfe nach mit Wasserstoff. Ich tus für Patrik.«

»Ist er stolz auf dich?«

»Und wie.«

»Erzähl’ mir von ihm.«

Eifrig plaudernd verließen wir den Bahnhof. Und draußen gab es eine Überraschung: lrma hatte einen eigenen Wagen. Unerhörter Luxus.

Also fuhren wir nicht unterirdisch mit der Metro, nein, über die berühmten Boulevards gings nach Haus.

Glücklich sah ich auf die glitzernden Lichter, die weihnachtlich geschmückten Cafés und Restaurants, die eleganten Boutiquen, die großen Warenhäuser mit ihren weltberühmten Auslagen!

Alles war so fröhlich, so lebendig, verglichen mit Wien.

In der breiten Avenue Montaigne blieb Irma plötzlich stehen.

»Was ist los?«, fragte ich erstaunt.

»Umleitung. Also, wie fahre ich jetzt am besten? Okay. Weiß schon. Am schnellsten gehts über die Rue du Boccador hinunter zur Seine.«

Rue du Boccador?

Mein Herz begann schneller zu schlagen. Den Namen hatte ich nämlich eben gelesen, auf Cliffords Visitenkarte. In der Rue du Boccador war die Redaktion von ABC News!

»Was gibts?«, fragte Irma überrascht.

»Wieso?«

»Du bist auf einmal ganz rot im Gesicht.«

»Ich?«

»Ja, du«, lachte Irma, »was ist los?«

»Tut mir leid«, sagte ich verlegen und wandte den Kopf ab.

»Also, was gibts in der Rue du Boccador? Ein Geheimnis?«

»Ein Bekannter von mir hat dort sein Büro.«

Irma begann zu kichern: »Das muss aber ein aufregender Bekannter sein. Frisch verliebt?«

»Nein, gar nicht!«, protestierte ich sofort.

»Das ist aber ganz neu. Du bist doch immer in irgendwen verliebt. Apropos verliebt, erinnerst du dich an Leon Pralin, von der Île de Bréhat?«

Wir kannten einander nämlich von Bréhat, Irma und ich, von dieser berühmt schönen Insel vor der bretonischen Küste, mit rosa Felsen und hundert winzigen Inselchen rundherum. Vor zehn Jahren waren wir beide Au-pairs gewesen, in Paris, ich nach dem Abitur, Irma nach ihrer gelungenen Flucht aus dem Osten. Und unsere Gastfamilien verbrachten die Ferien auf Bréhat. In romantischen alten Häusern aus Stein, mit Gärten, in denen Föhren wuchsen und Feigenbäume und so viele Blumen, dass man die Hausmauern kaum noch sah!

Und was geschah?

Leon Pralin verliebte sich in mich, obwohl er verlobt war mit Catherine, der Tochter des Bürgermeisters. Es war ein turbulenter Sommer gewesen, voll Heimlichtuerei und ohne Happy End, denn ich fuhr schließlich zurück nach Wien.

»Weißt du, was aus ihm geworden ist? Aus Leon?«

»Ja, er ist Journalist bei France Soir.«

»Hat er Catherine geheiratet?«

»Nein. Aber er kommt zu Silvester und wird dir alles erzählen. Du, ich hab schon fast alle Freunde von früher zusammen. Manche hab ich jahrelang nicht mehr gesehen, das wird ein tolles Fest. Pass auf, ich sag dir jetzt, wer kommt.«

Sie begann die Namen aufzuzählen und als sie fertig war, waren wir am Boulevard Lannes angelangt und Irma parkte ihr Auto vor einem prächtigen Haus mit einem hohen, grünen Eingangstor.

»Da wohnst du?« Ich konnte es nicht fassen.

»Jawohl, meine Liebe. Hierher kann man Gäste einladen!«

Wir stiegen aus und Irma sperrte den Wagen ab.

»Gratuliere«, sagte ich, denn ein Haus war eleganter als das andere und gleich gegenüber lag der Bois de Boulogne, der berühmte Park, mit zwei kleinen Seen, hübschen Restaurants und der weltbekannten Pferderennbahn von Longchamp.

»Warte, bis du die Wohnung siehst!« Irma ging mir voran zum Lift. Und die Wohnung, im sechsten Stock, mit weiter Sicht über die hohen Bäume, übertraf tatsächlich meine kühnsten Erwartungen.

Irma hatte früher immer winzig klein gewohnt, so wie ich derzeit lebte, in einer bescheidenen Studentenwohnung unterm Dach und jetzt besaß sie einen riesigen Salon, ein Ess- und drei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine sonnige Küche, Marmorkamine, hohe Spiegel, Glastüren, echtes Eichenparkett. Und das Gästezimmer war mit einem weißen Spannteppich ausgelegt und hatte ein eigenes, blau-weiß gekacheltes Bad.

»Ein eigenes Bad«, sagte ich voll Bewunderung, denn in meiner kleinen Wohnung in Wien gab es nur eine Dusche.

»Und ein sehr gutes Bett, liebe Kitty, da wirst du gut schlafen.«

»Und wo schläfst du?«

»Dort hinten. Wo der Gang aufhört. Das Zimmer neben dir gehört Michou.«

Irma sah auf die Uhr.

»Kitty, ich muss gleich wieder weg. Tut mir leid.«

»Warum?«

»Mein Chef geht morgen auf Urlaub. Ich muss noch arbeiten. Ich hab ziemlich viel zu schreiben.«

»Geh nur, geh nur! Wir sehen uns dann abends.«

»Der Kühlschrank ist voll. Nimm dir, was du willst. Und wenn du ausgehst, lass bitte den Schlüssel bei der Concierge.«

»Mach ich! Schön ist es bei dir. Wie in einem Luxushotel.«

»Ich freu mich, dass du da bist. Fühl dich wie zu Hause.«

Kaum war ich allein, merkte ich erst, wie müde ich von der langen Reise war.

Also packte ich meinen Strohkoffer aus, legte mich auf das breite Bett und schlief sofort ein. Und träumte von Clifford Thatcher. Es war wie verhext!

Als ich ein paar Stunden später erwachte, sah ich immer noch sein Gesicht vor mir, seine schönen, vollen, sinnlichen Lippen, die schwarzen Brauen, die grün-braunen Katzenaugen und den gewissen Blick, als er sagte: »Sie haben Grübchen, wenn Sie lachen. Das ist hübsch!«

Warum zum Teufel ging mir der Mann nicht aus dem Kopf?

Ich stand auf und nahm ein langes, heißes Bad.

Eine Wohltat nach der Nacht im Zug. Und kaum war ich fertig, schrillte im Salon das Telefon.

Es war Irma.

»Hallo, Kitty. Tut mir leid, ich bin immer noch nicht fertig. Ziemlich sicher wird es Mitternacht.«

»Macht nichts. Soll ich dir was kochen?«

»Danke, nein. Das wird mir zu spät. Ich will nur sagen, warte nicht auf mich. Geh ruhig schlafen, wenn du müde wirst. Wir sehen uns dann beim Frühstück. Hoffentlich langweilst du dich nicht allein.«

»Keine Sorge!«

»Weißt du was? Auf den Champs-Elysées hängt noch die Weihnachtsbeleuchtung. Das musst du sehen! Geh in ein Café. Oder ins Kino. Ich komme dann, sobald ich kann.«

Ich legte den Hörer auf. Und ohne zu denken, ganz automatisch holte ich Cliffords Visitenkarte aus meiner Handtasche.

Doch dann zögerte ich.

Es war keine gute Idee, einen verheirateten Mann zwischen den Feiertagen anzurufen. Vielleicht war er verreist? Mit Frau und Sohn? War Ski fahren? Hatte mich längst vergessen? Wusste gar nicht mehr, wie ich hieß? Was wollte ich überhaupt von ihm?

Ich dachte nach. Dabei stellte ich fest, dass ich Hunger hatte. Wunderbar. Hatte er mir nicht ein Essen versprochen? In einem weltberühmten Restaurant? Damals, zu Ostern, in Wien?

Ich fasste Mut und wählte die Nummer in der Rue du Boccador.

Es läutete und läutete. Endlich hob man ab.

»Mister Thatcher ist noch nicht im Büro«, sagte eine Frauenstimme, very British, »er kommt erst am Nachmittag. Ist was auszurichten?«

»Nein, danke. Es ist privat. Ich rufe wieder an.«

Um sechzehn Uhr erreichte ich ihn dann. Ich hatte das Haus bereits verlassen.

»Clifford Thatcher«, meldete er sich mit tiefer, mürrischer Stimme, so abweisend, am liebsten hätte ich gleich wieder aufgelegt. »Hallo? Wer ist da? Ich höre nichts.«

»Hallo! Hier ist Ihre Dolmetscherin aus Wien«, sagte ich etwas zittrig.

»Können Sie lauter sprechen?«

»Hier ist Kitty Valentin. Erinnern Sie sich an mich?«

Er erinnerte sich sofort: »Oh! Hallo«, rief er erfreut, »so eine Überraschung! Sind Sie vielleicht in Paris?«

»Ja, über Silvester. Bei einer Freundin. Am Boulevard Lannes!«

»Was? Da sind Sie ja meine Nachbarin. Ich wohne in der Rue Dufrenoy.«

»Mein Schlafzimmer geht auf die Rue Dufrenoy.«

Einen Moment lang war es still. Clifford hustete kurz, dann fragte er: »Und wo sind Sie jetzt?«

»In einer Telefonzelle. Auf den Champs-Elysées.«

»Wo genau?«

»Ecke Avenue George V.«

»Ich bin in der Rue du Boccador. Wissen Sie, wo das ist? Sie sind gar nicht weit weg von mir.«

»Ja, ich weiß. Hätten Sie vielleicht Zeit für einen Kaffee?«

»Eigentlich nicht«, sagte Clifford nach kurzer Pause, »aber wenn Sie schon da sind, wissen Sie was? Ich schreibe meinen Artikel fertig und dann treffen wir uns. Kennen Sie das schöne alte Café Le Grand Corona, Place de l’Alma? Nein? Das können Sie aber nicht verfehlen. Sagen wir … um halb sechs? Wer zuerst da ist, wartet auf den anderen, okay?«

»Okay«, sagte ich, »ich freu mich.«

Aber Cliff hatte schon aufgelegt.

Ich lief noch ein bisschen herum auf den Champs, doch dann wurde mir kalt. Ich hatte meine Handschuhe vergessen und ein eisiger Wind wehte von der Seine herauf. Meine Nase war bereits rot, also ging ich gleich ins Café, um mich zu wärmen.

Ich fand es sofort. Es lag direkt auf dem Platz, am Eck zur Avenue du Président Wilson.

Es war ein klassisches Pariser Café, mit großer Glasveranda, blitzenden Lichtern, viel gemütlicher als die andern, denn es besaß einen Boden aus schönem Holz, keine kalten Fliesen, und hübsche, runde Nischen, mit gepolsterten Bänken, auf denen man sich ausbreiten konnte.

Eine dieser Nischen war noch frei, hinten an der Wand, neben einem hübschen Bücherregal. Dorthin setzte ich mich, zog meinen Mantel aus und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Rund um mich herrschte eifriges Treiben: Geschäftige Kellner eilten hin und her und die glücklichen Menschen, die in Paris wohnen durften, trafen sich mit Freunden und Bekannten, tranken Tee und Kaffee, aßen kleine, feine Kuchen, es war ein fröhliches Bild.

Noch nie aber war mir die Zeit so langsam vergangen.

Endlich war es halb sechs. Kein Cliff.

Um sechs war er immer noch nicht da.

Erst als ich schon verzweifelte und dachte, er hätte mich vergessen, eilte er durch die Tür und sah sich suchend um.

Du lieber Gott! Da war er!

Groß, stattlich und gar nicht mehr grau, denn er trug einen grünen Wintermantel aus Loden und einen roten Wollschal dazu. Unter dem Arm hielt er einen Stoß Zeitungen und die graue Aktenmappe. Seine Katzenaugen schweiften über die Tische. Jetzt hatte er mich entdeckt!

Abrupt blieb er stehen. Und dann geschah Folgendes:

In dem Moment, als sich unsere Blicke kreuzten, traf es mich wie ein Donnerschlag! Es dröhnte in meinen Ohren, so laut, dass ich dachte, das ganze Lokal müsse das jetzt gehört haben. Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen schoss, ich schnappte nach Luft, da stand Clifford schon vor mir und sah erfreut auf mich herab.

»Hallo, Happy Valentine! Willkommen in Paris, der Stadt der Lichter. Und frohe Weihnachten im Nachhinein.«

»Danke, ebenfalls«, stammelte ich und dann, als ich mich ein wenig gefangen hatte: »Sie tragen einen Lodenmantel?«

»Ja«, sagte Cliff, »den habe ich beim letzten Besuch in Wien gekauft.« Dann setzte er sich mir gegenüber und musterte mich lang.

»Zu schade, dass ich keine Zeit habe«, meinte er endlich und zündete eine Zigarette an.

»Wie lange haben Sie denn Zeit?«, fragte ich enttäuscht.

»Eine Dreiviertelstunde. Bis sieben. Ein Korrespondent ist krank, ich muss seine Artikel schreiben. Monsieur«, er winkte den Kellner herbei, »einen Martini. Dry! Und Sie? Ananas mit Ginger Ale?«

»Das wissen Sie noch?«, rief ich erstaunt, denn acht Monate waren vergangen und er hatte sich mein Lieblingsgetränk gemerkt.

»Ich vergesse nichts! Ich habe ein exzellentes Gedächtnis, das braucht man als Journalist.«

Die Gläser wurden serviert.

»Cheers, little Kitty! Wie gehts unserer Schreibmaschine?«

»Bestens. Ich habe drei Seminararbeiten darauf getippt und irgendwie träume ich von einem Roman.«

»Ich schreibe gerade einen«, sagte Clifford stolz und blies den Rauch zur Decke, »in meiner Freizeit.«

»Interessant. Worüber?«

»Einen Gold-Thriller! Über den Goldpreis und Goldschmuggel, es gibt eine wilde Liebesgeschichte und eine gefährliche Verfolgungsjagd.«

»Wie weit sind Sie denn?«

»Erst im zweiten Kapitel. Irgendwie weiß ich jetzt nicht weiter, Romane sind tückisch, neunundneunzig Prozent aller Romane werden nie fertiggeschrieben, wussten Sie das?«

»Nein. Wusste ich nicht.«

»Ich habe aber auch zwei Sachbücher verfasst. Über Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg und über die Rolle Amerikas beim Wiederaufbau von Westeuropa.«

»Warum wollen Sie dann noch einen Roman schreiben?«

»Davon träumt jeder Journalist. Jeder will als berühmter Romanschriftsteller in die Geschichte eingehen. Genauso, wie jeder Schauspieler davon träumt, dass er eines Tages Regie führen wird.« Er nahm einen großen Schluck Martini und stellte das leere Glas auf den Tisch zurück.

»Übrigens … ich habe oft an Budapest gedacht. An unsere gemeinsame Reise«, er musterte mich wieder mit seinen unwiderstehlichen Augen, »ich habe sogar bei Ihnen angerufen. Aber es war stundenlang besetzt.«

Was? Er hatte angerufen! Und ich hatte es versäumt!

»Ich habe mir gesagt: Aha, sie ist frisch verliebt, denn wenn man verliebt ist, hängt man stundenlang am Telefon …«

»Nein, gar nicht«, unterbrach ich schnell, »ich habe kein ganzes Telefon, nur einen Viertelanschluss.«

»Was heißt das?«

»Vier Hausparteien teilen sich eine Leitung. Man kommt nicht jedes Mal durch zu mir.«

»Tatsächlich?«, rief Cliff erleichtert. »Aber weil wir schon beim Thema sind, Sie haben doch sicher einen Freund? So ein hübsches, junges Kind wie Sie?«

»Momentan nicht«, murmelte ich und wurde wieder rot.

»Gut zu wissen«, sagte Cliff erfreut, »nur schade, dass ich überhaupt keine Zeit habe. Aber bevor ich jetzt gleich wieder wegmuss, erzählen Sie mir noch schnell von Ihrem Leben in Wien.«

Also erzählte ich von meinem Studium, meinen Professoren, meinen Freunden, meiner Mutter und Cliff hörte mit gerunzelten Brauen zu, rauchte eine Zigarette nach der anderen, rief nach neuen Martinis, stellte unzählige Fragen und als er auf die Uhr sah, war es Mitternacht!

»Was, Mitternacht!«, rief er entsetzt und sprang auf. »Ich muss sofort in die Redaktion!«

»Ist überhaupt noch jemand da?«, fragte ich schuldbewusst.

»Ja, ja. Wir haben immer offen, rund um die Uhr, in New York ist es erst sechs Uhr abends. Wirklich wahr, noch nie im Leben ist mir die Zeit so schnell vergangen.«

»Was passiert jetzt?«

»Sie bleiben da und warten auf mich. Bin gleich zurück«, und er stürmte hinaus in die kalte Winternacht.

Eine halbe Stunde später war er wieder da, ohne Zeitungen und gut gelaunt: »Vaterland gerettet! Ich habe die Artikel delegiert und wir beide gehen jetzt zusammen essen. Versprechen aus Wien! Erinnern Sie sich? Wir fahren ins Sherwood. Das ist zwar nicht weltberühmt, aber immerhin recht gut und dann bringe ich Sie nach Hause.«

»Weiß Ihre Frau, dass Sie später kommen?«, fragte ich zögernd.

»Ja, ja. Das ist sie gewöhnt.«

»Darf ich kurz meine Freundin anrufen? Damit sie sich keine Sorgen macht!«

»Natürlich. Sagen Sie ihr, Sie sind in guter Gesellschaft und ich bringe Sie unversehrt zurück.«

Ich stieg die steile Treppe hinab zum Telefon, das sich im Halbstock befand, wie so oft in Paris, wählte, ließ es ewig lange läuten, aber Irma hob nicht ab. Seltsam. Sie müsste doch längst zu Hause sein.

Also, ehrlich! Normalerweise wäre ich sofort zurückgefahren, um zu sehen, ob irgendwas nicht stimmt. Tatsache aber war: Ich konnte nicht von Clifford weg. Ich musste in seiner Nähe sein.

»Alles okay?«, fragte er, als ich wiederkam.

»Alles wunderbar!« Ich lächelte ihn an.

»Ah, diese Grübchen«, sagte Cliff, »die habe ich vermisst. Und jetzt gehen wir. Sie müssen schon halb verhungert sein.«

Das Sherwood war ein Abendlokal, das die ganze Nacht lang offen hielt. Schauspieler trafen sich dort nach dem Theater, Sänger nach der Oper, man sah Radio- und Fernsehstars, vor allem aber ausländische Journalisten, nur keine Franzosen, denn die französische Presse hatte ein anderes Revier.

Wir fuhren mit dem Taxi in Richtung Oper und hielten vor einem Haus, vor dem auffallend viele teure Autos parkten. Das Lokal selbst war nicht zu sehen. Es lag im Tiefparterre und ich folgte Cliff eine breite Treppe hinab in einen großen, gemütlichen, schummrigen Saal.

Sofort stürzte ein Kellner auf uns zu, begrüßte uns überschwänglich und führte uns an den einzigen noch freien Tisch.

Dann reichte er uns die Speisekarten.

»Nicht nötig«, sagte Cliff, »kann ich auswendig.«

Und er bestellte irgendwas, dazu eine Flasche Bordeaux und dann begannen wir zu reden.

Im Grand Corona hatte ich von mir erzählt. Jetzt erzählte Cliff von sich: Von seinem Studium in Harvard. Von seinen Anfängen als junger Journalist bei einer internationalen Presseagentur.

Von ABC News und den Skandalen, die er aufgedeckt hatte und noch aufdecken würde, von seinen Reisen, seinem Sohn, seinem Vater, doch kein Wort von seiner Frau.

Er sprach auch immer nur in der Einzahl. Immer nur »ich«, nie »wir«. Man hatte den Eindruck, dass er zwar verheiratet, aber nicht wirklich gebunden war.

Ich hing an seinen Lippen. Eine neue Welt tat sich auf, die Welt der Präsidenten, Minister, Künstler, Schauspieler, Millionäre, Cliff konnte wunderbar erzählen und als der Kellner die Rechnung brachte, waren unsere Teller immer noch voll. Wir hatten tatsächlich vergessen zu essen. Als wir nach oben kamen, dämmerte es bereits. Die Nacht war vergangen! Wir hatten es nicht bemerkt.

»Das kann nicht wahr sein«, Clifford starrte mich an, »ich muss sofort nach Hause!«

Er stürzte auf die Straße und stoppte das nächste Taxi. »Boulevard Lannes, so schnell es geht«, rief er aufgeregt.

»Aber gern, Monsieur«, sagte der Fahrer und brauste los. Clifford beruhigte sich und lehnte sich zurück.

»Ja«, sagte er, »das war ein unverhofftes Vergnügen. Sie können zuhören, das können die wenigsten Frauen. Sie sind intelligent und sehr, sehr charmant … schade nur, dass ich keine Zeit habe.«

Dann nahm er plötzlich meine Hand.

»Darf ich das?«, fragte er leise.

Ich nickte stumm. Es hatte mir die Stimme verschlagen, was mir noch nie, nie, nie passiert war. Seine Hand war weich und gepflegt, mit schönen, langen Fingern, sie war warm und trocken, eine Hand zum Lieben, eine Beschützerhand.

»Danke«, sagte Clifford und streichelte meine Finger, was mich noch mehr verwirrte. Ich wandte den Kopf ab und starrte durch das Fenster hinaus auf die winterliche Stadt.

Wir fuhren gerade hoch zum Trocadero, um den kreisrunden Platz mit dem einzigartigen Blick auf den Eiffelturm. Ein Café liegt dort neben dem anderen und die meisten sperrten eben auf.

Böden wurden geschrubbt, Espressomaschinen dampfend in Betrieb genommen, große Säcke mit Brot und Croissants wurden geliefert, die Heizstrahler in den Glasterrassen flammten auf, Lichter wurden angestellt, ließen den Weihnachtsschmuck funkeln, die roten Kugeln, die grünen Tannengirlanden, den künstlichen weißen Glitzerschnee.

Ach, wäre das schön, dachte ich, wenn wir jetzt noch gemeinsam Kaffee trinken könnten.

»Halt!«, rief Cliff in dem Moment dem Fahrer zu. »Was bin ich Ihnen schuldig? Wir steigen hier schon aus.«

Und zu mir gewandt: »Auf die paar Minuten kommt’s jetzt auch nicht mehr an. Wir frühstücken noch zusammen, dann fahren wir endgültig heim.«

Hand in Hand gingen wir in das nächste Café. Aus den paar Minuten wurden mehrere Stunden.

Mhmmmm, köstlich, der duftende Grand Créme, das Pain au Chocolat, die Croissants, schon waren wir wieder tief im Gespräch, die Finger ineinander verschlungen. Plötzlich waren wir uns ganz vertraut.

Und als ich um halb zwölf zurück zu Irmas Wohnung kam, bei hellem Wintersonnenschein, und die Concierge um den Schlüssel bat, war ich so beschwingt, ich hörte kaum, was sie mir sagte.

Sie musste es mehrmals wiederholen, bis ich begriff.

»Oh, Mademoiselle, Mademoiselle«, rief sie aufgeregt, »Madame ist nicht da!«

»Wo ist sie denn?«

»Bei Michou! Er hat sich beim Skifahren verletzt!«

»Um Gottes willen! Haben Sie eine Nummer, wo ich sie erreichen kann?«

»Nein, Mademoiselle, leider nicht. Aber sie hat gesagt, sie ruft Sie zu Mittag an.«

Tatsächlich klingelte Punkt zwölf das Telefon: »Kitty, Michou hat sich das Bein gebrochen. Noch nie in seinem ganzen Leben hat er sich verletzt. Er steht unter Schock. Ich kann ihn nicht allein lassen, ich weiß nicht, wann ich zurück nach Paris kommen kann.«

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ich sie.

»Du bist nicht böse, wenn Silvester platzt?«

»Auf keinen Fall.«

»Aber deshalb bist du gekommen!«

»Das Fest holen wir nach. Hauptsache, dein Kind wird gesund!«

Irma seufzte erleichtert auf: »Ich hab schon alle angerufen und abgesagt. Du bleibst natürlich in der Wohnung, solange du willst. Aber was machst du jetzt? Ganz allein?«

»Erinnerst du dich an die Rue du Boccador?«

»An den Bekannten mit dem Büro?«

»Genau. Ein Journalist aus Amerika. Ich hab ihn gestern Abend getroffen und heute Abend sehen wir uns noch einmal.«

»Ist er nett?«

»Er ist wahnsinnig interessant! Ich hab noch nie so einen Mann gekannt!«

»Frisch verliebt«, stellte Irma fest.

»Nicht direkt.«

»Wieso nicht«, rief Irma misstrauisch, »stimmt was nicht mit ihm?«

»Er ist verheiratet, aber nicht glücklich.«

»Das sagen alle. Ich geb dir einen guten Rat: Nimm ihn nicht ernst. Du, ich muss wieder zu Michou. Ich ruf dich morgen an.«

Ich vergaß sofort, was Irma mir geraten hatte, und machte mich besonders hübsch: Ich wusch mein Haar, zog das indische Kleid an, das ich für Silvester mitgebracht hatte, und war Punkt einundzwanzig Uhr im Grand Corona – kein Cliff!

Erst eine halbe Stunde später tauchte er auf, abgehetzt, grau im Gesicht.

»Hallo, little Kitty«, er setzte sich zu mir und bestellte Mineralwasser, »schlechte Nachricht. Ich hab überhaupt keine Zeit. Ich will dich nur noch ganz kurz sehen, bevor du wieder wegfährst nach Wien, wir essen schnell eine Kleinigkeit, ohne Wein, ich muss heute vor Mitternacht zu Hause sein!«

»Wir könnten hier einen Toast essen.«

»Nein! Jetzt hast du dich so schön gemacht, mit dem hübschen roten Kleid, wir gehen gleich hinüber, Chez Francis, da passt du besser hin.«

Chez Francis ist ein teures Restaurant. Kein Student hat sich je dorthin verirrt. Es hat den typischen Pariser Charme, weiß gedeckte Tische, rosa Tischlämpchen, überall Spiegel und Blumen, man sitzt auf bequemen Bänken, bezogen mit rotem Samt, und als wir über die Schwelle traten, war die Begrüßung wie gestern. Nur stürzte kein Kellner herbei, sondern der Chef persönlich und führte Cliff zu seinem Lieblingstisch, hinten, im großen Saal, von dem aus man das ganze Lokal überblicken konnte.

»Schön ist es hier«, sagte ich beeindruckt.

»Das ist der Sinn der Sache. Damit du bald wiederkommst, wenn ich mehr Zeit habe.«

Dann bestellte er alles Mögliche zu essen und dazu eine Flasche Sancerre. Sancerre? Hörte ich richtig? Er wollte doch keinen Wein trinken! Hey, Baby! Das beginnt ja vielversprechend! Wir würden also länger hier sitzen als nur bis Mitternacht.

Ich hatte recht. Wir saßen den ganzen Abend fest. Um ein Uhr nachts sah Clifford auf die Uhr und fragte: »Welchen Tag haben wir heute?«

»Mittwoch, 29. Dezember.«

»Gut, dann hat der Club offen.«

»Welcher Club?«

»Le Temps Perdue. Ein Privatclub. Den kennen nur Eingeweihte. Man kommt nicht immer hinein. Aber du bist heute so hübsch, es wird schon gehen.«

»Ist das ein Club für Cocktails? Oder ein Tanzclub?«

»Beides. Aber Tanzen geht sich nicht mehr aus. Wir trinken ein allerletztes Glas zum Abschied, dann sagen wir uns endgültig Adieu!«

Le Temps Perdue – die verlorene Zeit – ich hatte noch nie von diesem geheimnisvollen Club gehört. Er lag in St. Germain des Près in der engen Rue de Seine und nichts verriet, dass sich irgendwo ein Club befand. Kein Schild, keine Leuchtreklame, nur ein dunkles Eingangstor, fest versperrt mit einem Guckloch, durch das man uns lange musterte. Dann, endlich durften wir hinein.

Drinnen war es dunkel und zum Bersten voll. Die Luft war verraucht, es war ziemlich heiß, doch das vergaß man sofort: Drei Musiker standen auf einer kleinen Bühne, spielten Bass, Gitarre und Klavier und zwar umwerfend gut. Sie spielten Blues und um die Bühne herum wogten eng umschlungene Paare, manche so verliebt, dass sie sich gar nicht mehr bewegten, sondern sich im Stehen inbrünstig küssten.

»My Baby don’t love me«, schluchzte der Pianist ins Mikrofon, da lag ich schon in Cliffords Armen! Er war einen Kopf größer als ich und drückte mich fest an sich.

Oh mein Gott, dachte ich. Es war wie ein Stromstoß. Offensichtlich auch für ihn, denn er schloss die Augen und atmete schwer.

Stumm wiegten wir uns hin und her und je länger wir tanzten, desto enger schmiegten wir uns aneinander. Schließlich legte ich meinen Kopf an seine Brust und Cliff berührte mit seinen Lippen ganz sachte meine Stirn.

So tanzten wir stundenlang, einem neuen, unbeschreiblichen Glücksgefühl völlig hingegeben. Der Club schloss um fünf Uhr früh. Die Letzten, die gingen, waren wir. Hand in Hand standen wir dann auf der kalten, dunklen Straße.

»Das war schön«, sagte Cliff, »das war der schönste Abend seit Langem. Ich kann mich nicht erinnern, wann es das letzte Mal so schön war.«

Ein Taxi blieb stehen. Wir stiegen ein. Und auf der ganzen Fahrt zurück in den 16. Bezirk dachte ich nur eins: Wenn das jetzt das Ende ist, ertrage ich es nicht.

Wir stiegen aus vor Irmas Haus.

»Wie kommst du hinein?«, fragte Cliff. »Musst du die Concierge wecken?«

»Nein, ich hab den Schlüssel mit.«

»Kitty, ich muss dir was sagen. Wenn ich jetzt heimkomme, gibt’s ein fürchterliches Donnerwetter. Ich bin sicher, ich kann am Abend nicht mehr weg.«

Genau das hatte ich erwartet.

»Tut mir leid!«, sagte Clifford traurig.

Ich nickte. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Am liebsten hätte ich geweint. Stumm standen wir nebeneinander.