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Katharina Messner

Ein Kater im Himmel

Katharina Messner

Ein Kater im
Himmel

Geschichten aus
dem Paradies

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Inhalt

Im Planetarium sucht man mich vergebens

Petrus, der Türsteher

Störungsfreier Fernsehempfang

Und Tizian ging über den Regenbogen

Miau, tritt ein, dies Heim ist dein!

Leichenschmaus für Tizian

Kann man dem Herrgott den Tag stehlen?

Linke Wolkenzeile, gleich neben Petrus

Unterwegs auf himmlischen Wegen

Lukulls Cat-Catering

Katzenkommunikation

Die kleine Schwarze im kleinen Schwarzen

Tanzen zwischen den Sternen

Im Probesaal

Katzengrasgeflüster

Die Konkurrenz tanzt an

Ich tanze mit dir in den Himmel hinein

See You Later, Alligator

Himmlische Sieger

Himmlischer Alltag

Tizian macht den Führerschein

Tizian und der Leasingmann

Freies Training und Qualifying

Das Milchstraßenrennen

Tizian, der Sonntagsfahrer

Blumencorso?

Wer braucht schon die Menschen?

Auf die Pfoten, fertig, los!

Im Tal der Glücksschmiede

Wer wandert, muss auch rasten

Im Tal der Helden

Im Tal der Finanzjongleure

Pegasus e.V., ein himmlisches Reisebüro

Im Tal der Dichter

Wolkenstopp

Im Tal der Wissenschaftler

Die Versprechens-Schachteln

Im Tal der Maler

Frühstück der Wanderer

Wie schnell ist der gestiefelte Kater?

Im Tal der Märchen

Wie ist sie so, die Großmutter?

Grüß Gott, liebe Großmutter!

Im Planetarium sucht man mich vergebens

Unlängst war die Frau, deren vornehmste Aufgabe früher darin bestand, Katzenfutterdosen heimzuschleppen, im Planetarium. Staunend saß sie im dunklen Saal, den Kopf weit zurückgelehnt, den Samt des Sessels seidenweich im Nacken. Vor ihren Augen breitete sich die unendliche Weite des Sternenhimmels aus. Glitzerpunkt an Glitzerpunkt im Nachtblau.

Die Sternguckerin war begeistert. Eine warme Stimme aus dem Off erzählte von der dunklen Seite des Mondes, von Sternenhaufen und Tierkreiszeichen. Die Frau schaute und staunte, und staunte und schaute. Sie sah so viel, den Großen Hund und den Kleinen Hund, den Stier, den Löwen, die Zwillinge, den Krebs. Nur mich entdeckte sie nicht.

Mich kann man nämlich hier oben nicht mit den Augen entdecken, nur mit dem Gefühl. Auch bin ich viel zu flott unterwegs, um als ständige, fixe Größe ins planetarische Ordnungssystem zu passen. Allerdings: Bei der Namensgebung für die Sternbilder dürften sich die Menschen ruhig einmal etwas Gescheites einfallen lassen. Von wegen »Kleiner Hund«! Wenn am Himmel schon unser größter Konkurrent um die Gunst der Zweibeiner, der Hund!, sein eigenes Sternbild hat, dann steht uns Samtpfoten erst recht eines zu! Miau! Da hat eben auch eine »Kleine Katze« am nächtlichen Firmament zu glänzen. Und am besten gleich daneben noch eine Sternenansammlung namens »Die kleinen Mäuse«. Die würde jedoch, so viel kann ich garantieren, nicht allzu lange zu sehen sein – ich würde sie schon bald ratzeputz vertilgen. Zumindest symbolisch. Ein köstlicher Sternenschmaus!

Und mitten hinein ins Zentrum jeder Himmelsschau gehört das Sternbild »Großer Kater«. Das wäre nach mir benannt. Ausschließlich nach mir. Denn das von der »Kleinen Katze« wird ja meinen Dimensionen nicht annähernd gerecht. Ich war, bin und bleibe nun einmal der Größte. Tizian magnus, magnificus. Auf Erden – und im Himmel, meinem neuen Zuhause.

Denn dort am Ende des Regenbogens, der großen Brücke in die nächste Dimension, lebe ich nun. Auch wenn ich mir vorher nicht hätte träumen lassen, dass ich sterblich bin – jetzt bin ich tot. Und stellen Sie sich vor: Ich bin es gerne! Aber das weiß ich erst, seitdem ich hier bin. Wir Katzentiere denken diesbezüglich nicht anders als die Menschen: Der Tod betrifft immer nur die anderen. Bis es einen erwischt.

Mich hat es erwischt. An einem 8. März, dem Weltfrauentag. Keine Ahnung, ob das etwas zu bedeuten hat. Eher nicht. Schon interessanter finde ich da den Spruch, der an diesem Tag auf dem Wandkalender meiner Futtermanagerin zu lesen war: »Wenn du dich auf den Weg machst, öffnet der Horizont seine Grenzen.«

Und genauso ist mir geschehen: Niemand belästigte mich auf meinem farbenfrohen Weg über den Regenbogen. Keine Katzenpasskontrolle, kein Impfnachweis, kein Visum, keine Aufenthaltsgenehmigung, kein Einkommensnachweis, keine Staatsbürgerschaftsurkunde, keine Chipnummer, kein polizeiliches Führungszeugnis, kein Nachweis von irgendwelchen Sprachkenntnissen – nichts wurde von mir verlangt. Einfach so bin ich hinübergelaufen, auf vier leichten Pfoten. Einfach so hat man mich dort angenommen, ganz unbürokratisch, als ob ich immer schon dazugehört hätte. Es war wie Heimkommen. In dieses Leben nach dem Leben.

Der einzige Haken an der Sache war: Unten auf der Erde sah das Ganze nicht so schön aus. Ein toter Tizian unter dem weißen Sessel, auf dem ich sonst so gerne lag und schnurrte. Mein alter kleiner Körper, regungslos, ohne das kleinste Pfotenzucken, Augenblinzeln, Schnurrbarthaaresträuben. Neben mir meine Futtermanagerin, in Tränen aufgelöst. Ihr zur Seite die treue Nachbarin, unter Schluchzen herbeigerufen, um Beistand gebeten. Auch sie in Tränen. Welch ein Katzenjammer! Und ich konnte mich nicht bemerkbar machen. Konnte nicht sagen: »Hört auf zu weinen! Mir geht es gut! Euch wird es auch bald wieder gut gehen. Denn so wie die Zeit verfliegt, wird auch eure Traurigkeit verfliegen!«

Petrus, der Türsteher

Glaubt mir, alle Vorstellungen vom guten alten Petrus an der Himmelstür gehen an der überirdischen Realität vorbei. Weißer Rauschebart? Wallendes Gewand? Scheppernder Schlüsselbund? Dazu die vielen Witze: Kommt ein Kater an die Himmelstür, fragt der Petrus … Kommt der Tizian an die Himmelstür, fragt der Petrus …

Von wegen! Alles ganz anders. Das Wichtigste: Petrus ist kein alter Tattergreis. Das ist ja das Schöne: Man darf sich fürs jenseitige Leben selbst das Alter auswählen, in dem man sich am wohlsten fühlt. Wir nennen das hier die himmlische Verjüngungskur. Wenig überraschend: Weder die schiere Jugend noch das Alter sind die bevorzugte Erscheinungsform, sondern die gestandene Lebensmitte. Lauter flotte, fitte Jenseitige.

Petrus ist ein drahtiger, durchtrainierter Türsteher. Er läuft jeden Wolkenmarathon unter 2 Stunden 50 Minuten. Beim Triathlon im vorigen Jahr war er allerdings nur Drittletzter. Das ärgert ihn bis heute. Erstens hatte er für die Wolkenkrauldistanz nicht genug trainiert und verlor hier schon Zeit, und zweitens verirrte er sich beim Radsprint um den Mond. Möglich, dass ihn der Mann im Mond irritierte, jedenfalls konnte er seinen immensen Rückstand beim abschließenden Laufwettbewerb nicht mehr aufholen. Und das, obwohl er die aerodynamischen Schuhe von der göttlichen Konkurrenz, von der siegreichen Nike, trug. Übrigens: Die spricht hier oben jeder so aus, wie man sie schreibt: Nike, nicht Neiki, Neikai oder sonst irgendwie verdenglischt.

Petrus trägt Funktionskleidung, Dreitagebart, leicht angegraute Schläfen und sieht tatsächlich ein wenig wie dieser Schauspieler in der Kaffeewerbung aus. Als himmlischen Türsteher kann man Petrus insofern bezeichnen, als er tagaus, tagein neben dem Himmelstor steht. Er hat auch schon einmal beim IGB, dem Intergalaktischen Gewerkschaftsbund, nachgefragt, ob solch überzogene Arbeitszeiten mit dem Kollektivvertrag für himmlische Angestellte, Sektion Servicepersonal, vereinbar wären. Die Antwort war eindeutig: Petrus zu sein ist ein All-in-Vertrag und überdies kein Job, sondern eine Ehre.

Also erfüllt Petrus seine Servicepflichten. Fürs Himmelstor braucht er keine Schlüssel, es steht ohnehin immer offen. Das erinnerte mich bei meiner Ankunft sofort an meine Erdenfamilie, die siebzehn Jahre lang in meinen Diensten stand (natürlich auch all inclusive, allzeit bereit, auf mein Maunzen hin alle meine Wünsche zu erfüllen). Dort gab es eine Großmutter, die lebte in einem Bauernhaus, dessen Tür immer unversperrt war, Tag und Nacht. Nicht einmal so eine Alibiaktion mit Schlüssel-unterm-Blumenkistl wurde je angedacht. Als in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts das Haus verkauft wurde, konnte man dem Käufer keinen Schlüssel geben. Man suchte, aber konnte keinen finden. Selbst die Ältesten des Clans konnten sich nicht an die Existenz solch eines exotischen Dinges erinnern. Einen Schlüssel? Den mochte die Erde verschluckt oder der Hofhund gefressen haben.

Mit dem stets unversperrten Himmelstor ist es nämlich so: Wer es einmal bis dorthin geschafft hat, wird ohnehin nicht mehr abgewiesen. Im Gegenteil, auf den himmlischen Neuankömmling wartet neben Petrus ein Empfangskomitee, dessen Zusammensetzung sich nach den Vorlieben des Neuen richtet. Bei mir waren das zwei rundliche Mieze-Hostessen im weißen und schwarzen Pelz. Sie erfreuten mich auf Anhieb. Himmlische Go-go-go-on Catgirls mit rosafarbenen Schnauzen. Sie schnurrten mir ein herzliches »Komm Herein« in die Pinselohren, machten freundliche Nasenlöcher wie nur, wackelten einladend mit den Schnurrbarthaaren und drückten mir mit sanftem Krallendruck jede Menge Informationsmaterial in die Pfote: einen allgemein gehaltenen Folder (»Willkommen im Himmel«), eine himmlische Landkarte, einen Cityführer (mit rotem Punkt: »Du befindest dich hier – da geht’s lang zu deinem Wolkenkaterheim«), einen Restaurantführer (individuell auf mich zugeschnitten mit Qualifizierung nach dem Mäuseprinzip: Vier Mäuse sind im Katzenparadies die höchste Auszeichnung), einen Knigge (»Gutes Katzenbenehmen im Himmel«), eine Sozialbroschüre (mit Sternchenalbum – für jede gute Tat gibt’s ein Sternchen), ein gCatphone (g für galaktisch) und einen Welcome-Catdrink-To-Go.

Da stand ich also, völlig losgelöst von der Erde, aber im Himmel noch nicht ganz angekommen. An den Pfoten noch die bunten Farben des Regenbogens, mit den Gedanken noch bei den Tränen der Frau, die so lange meine Katzenfutterdosen heimschleppen durfte. Mit dem Herzen und meinem Übermut aber schon in den sphärischen Gefilden: Himmel, jetzt komme ich! Apropos kulinarischer Einstand: Meine lieben Miezekatzen-Hostessen, wo geht’s denn hier zu den Mäuslein?

Störungsfreier Fernsehempfang

Während ich mich also höchst vergnügt in Richtung Wolkenkaterheim trollte, holte ich mir HTV1 (Himmlisches Fernsehen, erstes Programm) des SRF (Sphärenrundfunks) auf mein galaktisches Catphone. Das Einser, das ist wirklich richtiges Fernsehen, so eines, das diesen Namen auch verdient. Man sieht in genau jene Ferne, die einen grad interessiert. Man gibt die Koordinaten ein. Man sagt einfach: Oberuntersiebenbrunn Nummer 45a (Software für Spracheingabe ist Standard, ich verwende das mittlerweile oft, weil ich mit meinen Krallen jedes Display zerkratze) – und schon ist man als Zuschauer vor Ort. In Lichtgeschwindigkeit.

So etwas auf diese Art stellte sich meine Ex-Katzenfutterdosenschlepperin in ihrer Kindheit unter Fernsehen vor. Man will etwas in der Ferne sehen, etwa drüben auf der Taborstraße das Programm vom Helios-Kino, oder vis-à-vis in der Klanggasse im zweiten Stock die Wohnung (von innen!), wo diese blöde Dingsbums, diese Schulpetze aus der ersten Bankreihe, daheim ist – und schon ist man dort und kann alles beobachten, was man fern sehen möchte. Diese illusionäre Vorstellung hatte das Kind einige Wochen lang, ohne dass jemand sie korrigierte. Mit Kindern wurde damals nicht viel geredet. Sie lebten in ihrer Welt und die Erwachsenen in einer anderen. Auf das meiste musste man schon selber draufkommen. Das geschah, als im Radiogeschäft in der Klanggasse ein Fernseher in die Auslage gestellt wurde. Da flimmerten Nachrichten, Sport und irgendwelche Krimis in Schwarzweiß hinter der Scheibe. Das Programm war vorgegeben, nicht frei wählbar. Keine Voyeur-Sendungen. Die sollten erst später kommen, mit exhibitionistischen Unappetitlichkeiten als Quotenbringer. Das Kind war enttäuscht vom Medium Fernsehen.

Zurück zu HTV1: Orwells 1984 und seine Televisor-Methode, alle umständlichen Spionage- und Abhörmöglichkeiten, versteckten Kameras und Wanzen in der Deckenlampe, die Überwachungs- und Speichersysteme der NSA im 21. Jahrhundert, das alles ist, gemessen am himmlischen Standard, prähistorischer Kinderkram. Deshalb kann uns hier oben, wenn wir etwas wissen wollen, nichts verborgen bleiben. Das Gute für euch unten auf der Erde ist allerdings: Wir wollen gar nicht so viel von euch wissen. Unser Interesse an euren Angelegenheiten ist jedenfalls bedeutend geringer, als eure Neugier unser Leben hier im Himmel betreffend.

Sokrates, der abgeklärte Streunerkater aus Athen, der schon seit neun und mehr Katzenleben durch die himmlischen Gefilde flaniert und rasch mein Freund wurde, miaute es mir bald nach meiner Ankunft zu: »Ach Tizian, warte nur ein Weilchen. Je länger du hier bist, desto weniger interessiert dich das Leben auf der Erde. Mit der Zeit wird dir alles fremder. Und ferner, nicht in Kilometern, sondern mit dem Herzen. Und die Menschen, die dir wirklich wichtig sind, und denen du immer wichtig sein wirst, die kommen früher oder später ohnehin alle zu uns herauf. Nur ein wenig Geduld.«

Bei Zeus! Eh klar, dass ich als Greenhorn im Jenseits mit solchen philosophischen Gedanken nichts anfangen konnte. Alles war neu und aufregend und die Möglichkeit, pfotenfrei erste Reihe zuzuschauen, wie meine Menschen um mich trauerten, ich muss schon sagen: Es hat mich fasziniert! Das ist doch auch der Traum vieler Menschen: Bei der eigenen Beerdigung mit vollem Bewusstsein dabei zu sein. Zu beobachten, wer Krokodilstränen weint und wer wirklich traurig ist. Zu hören, wer Gutes und wer Gemeines über den Verstobenen sagt. Zu sehen, wie um den Goldschmuck und das Sparbuch gestritten wird.

Was also würde mir das Display zeigen? Ich rief die Achterstiege auf, Erdgeschoß. Und die Sprecherin, eine junge Grizabella, sagte: »Lieber Tizian! Herzlich willkommen bei deinem persönlichen Fernsehprogramm. Die folgende Übertragung wird gesponsert von der Tierkörperverwertung.« Autsch, das saß! So etwas haut auch den stärksten Kater um.

Und Tizian ging über den Regenbogen

Flimmerfrei, in bester Himmelsqualität, sah ich die Traurigen unten auf dem blauen Planeten, meine Erden-Ex und die Nachbarin. Dazu ich im roten Pelz, schon halb steif, unterm Sessel. Drei Stunden zuvor war meine Futtermanagerin weggefahren. »Tizian, ich muss jetzt zum Zahnarzt. Danach mach ich noch ein paar Besorgungen. Schlaf gut, bis später!«

Ich lag wie immer auf meinem Sessel. Der stand in diesem Fall im Arbeitszimmer. Die Bezeichnung »mein« ist nämlich allumfassend zu verstehen. Alle Sessel, Sofas, Lehnstühle, Hocker, Drehstühle, Teppiche, Fensterbänke, einfach alles, worauf man katzenzufrieden den Tag verschlafen kann, ist, pardon, war »mein« und wurde mir von niemandem streitig gemacht. Nur um das weiche, weiße, saubere Bett gab es mein Katerleben lang Streit. Die Besitzverhältnisse blieben bis zuletzt ungeklärt. Ich wollte rein, die Frau, die mir doch sonst ohne Murren zu Diensten war, sagte Nein.

Nach den Abschiedsworten der Frau an diesem denkwürdigen Tag im März blinzelte ich träge, zuckte ein wenig mit der linken Ohrspitze und schlief sofort wieder ein. Wir hatten beide keine Ahnung, dass das unser letztes Gespräch auf Erden sein würde. Wie hätten wir es auch wissen sollen?

Ich bin (fast) im Traum hinübergewandelt. Ich wurde kurz wach, wollte zu meiner Futterschüssel schleichen (das übliche Lebensritual: essen, schlafen, essen, schlafen …) und sprang vom Sessel. Mir wurde schwarz vor Augen. Der Rest heißt: Tizian ist gestorben.

Schneller als ich es begreifen konnte, stand ich am Anfang des Regenbogens und bei wohlig kreischender Katzenmusik miaute eine Stimme: »Komm nur Tizian, komm! Wir warten schon auf dich!« Also lief ich, so schnell mich meine vier Pfoten trugen, hinauf auf dieser Regenbogenfarbenpracht. Ich fühlte mich unwahrscheinlich leicht und gut. Ein Zustand, der im himmlischen Leben normal ist. Das wusste ich da aber noch nicht. Ich wusste auch nicht, wie rasch ich mich daran gewöhnen würde. Veza Canetti schreibt in ihrem Roman »Die gelbe Straße«: »… denn der Mensch gewöhnt sich blitzschnell ans Behagen.« Wir Katzen auch. Welch katerwonniges Wohlgefühl war das: kein grauer Schleier mehr vor den Augen, keine Arthrose in den Gelenken, keine Nierenschmerzen.

Und jetzt, kaum angekommen im Himmel, sah ich auf meinem Display, mit wie viel Liebe unten von mir Abschied genommen wurde. Meine Erden-Ex holte den Fotoapparat. Sie machte drei Aufnahmen von mir und meinte: »Auch das gehört zur Erinnerung.« »Na mindestens!«, dachte ich. Früher fertigte man von berühmten verstorbenen Persönlichkeiten eine Totenmaske an. Da werden doch ein paar digitale Fotos vom seligen Tizian nicht zu viel verlangt sein. Dann packte mich die Frau in eine weiche, weiße Decke. Das fand ich stilvoll und passend. Schließlich war ich zeitlebens – und bin es heute noch – ein Fan des Weißen. Wo sonst kann katerunsereiner denn so ausdrucksstark seine Pfotenabdrücke hinterlassen? Erst ein wenig in der nassen Gartenerde herumscharren, dann schnell heim und hinauf aufs weiße Sofa. Das garantiert Aufmerksamkeit! Wetten?

In dieser edlen Decke lag ich auf dem Beifahrersitz. Es war ein höchst ungewöhnlicher Anblick: Ich, friedlich im Auto! Nicht ein Mal, nicht ein einziges Mal in meinem siebzehnjährigen Katerleben konnte man mich zum Tierarzt bringen, ohne dass Randale angesagt war. Ich tobte, ich schrie, ich biss in die Stäbe des Transportkorbes, ich brach mir reihenweise die Krallen ab. Ich empfand jede Autofahrt als persönliche Kriegserklärung. Und nun, nur weil ich tot war, lag ich ruhig da und ließ mich chauffieren. Der Anblick behagte mir. Ich dachte: Feine Katzen haben eben eine Chauffeuse. Ich hätte da früher draufkommen sollen. Aber es ist nie zu spät. Bereits an diesem ersten Tag im Himmel hatte ich die Idee: Ich werde selber Auto fahren! Nicht irgendeinen Wagen, sondern den großen, den Boliden mit den sieben Sternen. Mit dem werde ich über die Milchstraße flitzen und mich von niemandem überholen lassen!

Die Frau übergab mich der Assistentin des Tierarztes. Diese wollte ihr die Decke zurückgeben. »Nein«, sagte die Frau. »Ich möchte, dass es mein Tizian warm hat bis zum Verbrennen.« Dann fuhr sie weinend heim.

Damit war für mich Sendepause. Mit dem Hauptabendprogramm ging es später weiter. Da lief auf der Erde die Schmonzette »Leichenschmaus für Tizian«. Aber hier oben im Himmel ging die Party ab, die Housewarmingparty für mein neues Wolkenkaterheim. War das ein gelungenes Fest!

Miau, tritt ein, dies Heim ist dein!

Wenn in der Wisteria Lane, der Straße der desperaten Hausfrauen („deschperat“, pflegte die Wiener Urgroßmutter meiner Erdenfamilie zu sagen), jemand neu einzog, gab es meist einen zuckerbunten Kuchen zum Empfang. Auf meine Katerperson umgemünzt würde das bedeuten: Nur ein schlichter Mäusekuchen mit knusprigen Fisch-Streuseln zur Begrüßung? Schlesischer Streuselkuchen à la Tizian? Das würde doch meiner himmlischen Ankunft nicht wirklich gerecht! Für mich soll’s rohe Rosen regnen, Rindfleischrosen vom Beinscherzel! Mindestens!

Was mein Begrüßungsprogramm betraf wurde ich nicht enttäuscht. Ich trollte mich heim ins neue Heim. Die Navi-App war bereits auf mein Catphone geladen. Die sanfte Stimme (keine krächzende Computerkonserve), die ich später noch unzählige Male hören würde und von der ich doch nie erfuhr, wie die dazugehörige Sprecherin aussah, sagte: »Nach hundert Pfotenlängen links abbiegen. Auf der rechten Spur halten. Nach dreißig Pfotenlängen krallenscharf rechts abbiegen. Tizian, du hast dein Ziel erreicht: Wolke 25 auf der Höhenstraße.«

Wow, Wolke! So ein tolles Eigenheim! Das hat Klasse, dachte ich. Bis heute macht es mich glücklich, hier zu residieren. Unverbaubarer Blick auf die Erde, Himmelsblau bis zum Abwinken, Öffis um die Ecke, wahlweise die Meteoritenschnellbahn oder der Schäfchenwolken-Bummelzug. Und erst die Parkplatzsituation! Optimal himmlisch! Kein Parkverbot, kein Halteverbot, keine Kurzparkzone – ringsum die freie Parkplatzauswahl!

So muss das anno Schnee in Wien, in der Kindheit meiner Katzenfutterdosenschlepperin a. D., gewesen sein. Man konnte parken, wo man wollte. Man vereinbarte als Treffpunkt Kärntner Straße Nummer 37 und blieb dann mit dem Auto genau dort stehen. Oder gegenüber bei 38. Die Kärntner Straße konnte man in beide Richtungen befahren. Einbahnstraße, später Fußgängerzone – das war noch Jahre entfernt. Die Kärntner Straße ganz langsam im Cabrio auf und ab fahren, das fällt heute schon unter Hugo-Portischtaugliche Zeitgeschichte. Ebenso die Erinnerung daran, dass man den Polizisten, die den Verkehr noch händisch regelten, zur Weihnachtszeit Weinflaschen und Geschenkkörbe vor die Füße stellte. Korruption? Bestechung? Das gab es nur als Begriffe im Duden.

Weinflaschen stellte man mir zur himmlischen Begrüßung nicht vor die Pfoten. Das hätte mich ohnehin nicht glücklich gemacht. Wir Katzen sind nämlich die geborenen Antialkoholiker und Nichtraucher. Daran können sich die Menschen ruhig ein Vorbild nehmen. Aber man breitete mir einen roten Teppich aus, so einen wie ihn Aladin in Tausendundeiner Nacht hatte, einen fliegenden, pfotengeknüpften Perserteppich. Der schwebt bis heute dekorativ vor meinem Wolkenkaterheim. Ich habe ihn nicht mehr hergegeben. Er passt schließlich hervorragend zu meinem roten Pelz und zu meinen Starallüren.

Die Willkommens-Inszenierung war perfekt: Mäusegirlanden vor der Eingangstür, Livemusik von der Cat-Combo, ein Buffet der Marke All-Tizian-Can-Eat, und dieser Spruch als Plakat zur Begrüßung: »Miau, tritt ein, dies Heim ist dein!«

Und alle, wirklich alle waren versammelt. Die Pfotengefährten, die ich selbst in meinem Erdenleben gekannt hatte, und die, von denen ich nur aus Erzählungen meiner Menschenfamilie wusste: meine Mutter Alice, mein Vorgänger Billy the Kid, Rebecco, Tigris, Panter, Sebastian, Struppi, Lumpi, der Poz aus der Friedhofsgang, Birma la Douce, Pussycat, die beiden Empfangsmiezen vom Himmelstor, das Fräulein Milchkaffe, die kleine Lillifee …

Schnurrbarthaar an Schnurrbarthaar standen sie da. Der schwarz-weiße Kari machte auf Kapellmeister, hob die Pfote zum Dirigieren und gab den Einsatz. Das hätte er sich sparen können. Welche Katze lässt sich schon dirigieren! Jeder Wolkentiger begann zu singen, wann es ihm gefiel, der eine fünf Sekunden früher, der andere sieben später. Für ungeübte Zuhörer hätte diese musikalische Darbietung glatt als Katzenkanon durchgehen können. Aber für mich war es Sphärenmusik, was da im Chor in wundervoller Katzendissonanz erklang: »We are the Champions, wir sind die Helden!« Ich verstand nämlich immer nur: »You are the Champion!« Und das bin ich wirklich, ein Held!

Leichenschmaus für Tizian

Ganz ruhig ging es indessen unten auf der Erde zu. Meine Ex-Futtermanagerin musste sich an diese neue Art der Stille gewöhnen. In der ersten Zeit hörte sie mich überall. Sie hörte mich vor der Futterschüssel maunzen: das übliche Tizian-ist-am-Verhungern-Theater in der unübertroffenen Mitleids-Inszenierung. Sie hörte mich an der Terrassentür kratzen: das übliche Raus-Rein-Raus-Spiel in der (bevorzugt nächtlichen) Endlosschleife. Wir Katzen wollen nämlich immer woanders sein, als wir grad sind. Und dort, wo wir dann sind, wollen wir nicht bleiben.

Aber es gab keinen Tizian mehr, nicht vor und nicht hinter der Terrassentür. Ich hätte ja gern von oben noch ein Schäuflein Wehmut nachgelegt. Ich war nahe dran, eine gSMS