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Sigrun Roßmanith

Sind Frauen die besseren Mörder?

Sigrun Roßmanith

Sind Frauen

die besseren

Mörder?

Spektakuläre Fälle
einer Gerichtspsychiaterin

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Besuchen Sie uns im Internet unter:

© 2013 by Amalthea Signum Verlag, Wien

ISBN 978-3-85002-843-1
eISBN 978-3-902862-74-7

Inhalt

Vorwort

Antwort

Die Mörderinnen und ich

Meine Aufgaben

Das Gespräch

Die Gerichtsverhandlung

Es gibt fast immer einen Grund

Gift und Geld

Liebe, Sex und Eifersucht

Überforderung und innere Stimmen

Das Märchen von der friedfertigen Frau

Das Leid ist der Friedfertigkeit Tod

Der kranke weibliche Geist

Leben schenken und Tod bringen

Von Urbildern und Anteilen

Der verborgene Zwilling

Zahlen, Gesetze und Hintergründe

Ein verzerrtes Bild der Realität

Vom Denken und Handeln

Die Stimmen des Verbrechens

Stiefmütter: Märchen und Wirklichkeit

Amen

Mord aus Barmherzigkeit

Das späte Geständnis

Vertauschte Rollen

Wenn Frauen Männer töten

Eins werden

Grundlegende Beziehungsprobleme

Mord ist keine Lösung

Die Rache einer gekränkten Frau

Vermeintliche Sicherheit

Nach der Tat ist alles anders

Nicht alles bleibt in der Familie

Geisteskrankheit und Raubmord

Amokläuferinnen

Gangs

Selbstmord

Erweiterter Selbstmord

Fallbeispiele

Männliche und weibliche Vorgehensweisen

Der Weg zur Gewalt – das Mitgefühl

Milgrams Experiment

Weitere Ursachen

Nachwort und eine entscheidende Antwort

Anhang

Kriminalstatistik

Ich möchte mich der großen Frage nach dem Warum
mit scheinbar kleineren Fragen nähern.
Vielleicht erfährt man etwas über das Zentrale,
das Mörderische, indem man die Peripherie abschreitet?
Und vielleicht ist unsere Gesellschaft eine generell mörderische?
Vielleicht verbergen sich hinter den sichtbar gewordenen Taten
von wenigen die verborgenen Abgründe von vielen?

Peter Turrini zu seinem Stück »Aus Liebe«, 2013

Forget your perfect offering
there is a crack in everything
that’s how the light gets in

Leonard Cohen, »Anthem«

Für meine Mutter

Vorwort

Es ist spät abends. Ich höre in den Nachrichten, dass eine junge Mutter ihre beiden Kinder aus dem vierten Stock ihres Wohnhauses geworfen hat, hinterhergesprungen ist und verletzt überlebt hat. Die Kinder sind tot. Die Meldung berührt mich tief, habe ich doch selbst zwei kleine Kinder, ungefähr im selben Alter wie die getöteten. Ich weiß, dass jede Mutter an ihre Grenzen kommt, vielleicht Unsagbares denkt, aber nie danach handelt. Ich kenne die Überforderung berufstätiger Mütter, ich bin als Psychiaterin sowohl in meiner Praxis als auch an zwei Unfallspitälern tätig, wo ich seit Jahren psychiatrische Patienten betreue. In der Nacht fällt mir die Geschichte mehrmals ein. Ich frage mich, was passiert ist. Wie es soweit kommen konnte. Ich frage mich, ob ich die Mutter behandeln werde.

Am nächsten Morgen läutet das Telefon. Am Zittern in der Stimme der Krankenschwester erkenne ich, dass die verletzte Mutter im Unfallspital auf ihrer Station aufgenommen wurde, und sie dort damit überfordert sind. Ein Teil des Pflegepersonals verachtet die Frau, sieht sie als Mörderin, der es nicht zustünde, über Leben und Tod ihrer Kinder zu bestimmen. Der andere Teil gibt die Schuld dem Ehemann, der sie offenbar in den Wahnsinn getrieben hat. Eine normale Mutter kann so etwas nicht machen, sagen sie alle. Das Schlimmste aber sei, dass die Frau sich nicht mehr erinnern kann. Sie weiß nicht, was sie getan hat, sie weiß auch nicht, dass ihre Kinder tot sind. Und niemand hat den Mut, es ihr zu sagen. Man vertröstet sie mit einer Notlüge, dass sie einen Unfall gehabt hätte und die Kinder in anderen Spitälern untergebracht wären. Jetzt braucht man jemanden, der ihr die Wahrheit sagt; es soll meine Aufgabe sein.

Ich wecke meine Kinder, zu den Krankenbesuchen nehme ich sie stets mit. Ich überlege, wie ich der Mutter die Hiobsbotschaft beibringen soll, da fragt mich meine vierjährige Tochter: »Warum lachst du heute nicht, Mama?« Ich weiß keine Antwort. Kinder spüren, wie es den Eltern geht, sie lässt nicht locker. Ich erzähle ihr, dass ich gleich eine Frau behandeln werde, deren Kinder tot sind. Meine Tochter schaut mich an und fragt: »Glaubst du, ist sie so traurig wie du?«

Wir fahren ins Krankenhaus; ich höre, was passiert ist. Die junge Mutter wollte nach einem Sorgerechtsstreit alles auslöschen. Ihr Leben und das ihrer Kinder. Ohne sie hat für sie nichts mehr einen Sinn. Sie nimmt die Pistole, zielt auf die Kinder, drückt ab. Sie will, dass sie ohne Schmerzen sterben und sich dann selbst richten. Aber so soll es nicht sein, es löst sich kein Schuss, die Waffe klemmt. Sie packt die Kinder, die sich wehren und um ihr Leben laufen. Möbel, Blumentöpfe, alles wird umgeworfen, die Wohnung sieht nachher aus wie ein Schlachtfeld. Sie holt die Kinder ein, sie schleppt sie auf den Balkon, sie schleudert sie vom vierten Stock. Sie springt ihnen nach. Sie landet auf dem Dach eines vorbeifahrenden Polizeiautos. Sie bricht sich ein paar Knochen, mehr nicht. Die Kinder liegen auf dem Asphalt, in Blutlachen, röchelnd, sterbend, eines ist schon am Unfallort tot. An nichts davon kann sich die Mutter erinnern.

Ich sage ihr die furchtbare Wahrheit. In einfachen Worten, andere finde ich nicht dafür. Ich schaue in dunkle, traurige, weit aufgerissene Augen. Ich spüre mein Herz im Hals schlagen. »Das kann nicht sein, ich kann mir nicht das Liebste auf der Welt selbst genommen haben«, sagt sie tonlos. »Doch«, sage ich, »so muss es gewesen sein, vielleicht in tiefer Verzweiflung.« Sie nickt, ohne es selbst zu merken, gedankenverloren, zerstreut, ohne Erinnerung. Manchmal zieht die Natur einen Schleier über das Gewusste. Manchmal kann man sonst nicht überleben. Wir bleiben noch eine Zeit lang sitzen, wortlos und doch im Schweigen eng verbunden. Ich fühle meine Ohnmacht und den Wunsch, alles wieder gutzumachen. Ich spüre, dass das Schicksal dieser Frau mein eigenes streift.

Ich werde ihre erloschenen Augen und ihren leeren Gesichtsausdruck nie vergessen. Es war, als würde ich in das Antlitz meines Albtraums schauen. Ich wusste von diesem Augenblick an, dass niemand, auch ich nicht, vor Wahnsinnstaten gefeit ist. Die Stimme der Vernunft spricht anders als das tief verletzte, mörderische Gefühl. Auch diese Frau konnte nicht fassen, was sie getan hatte. Der Zugang zur Wahnsinnstat blieb versperrt. Dabei war sie gar nicht wahnsinnig, aus psychiatrischer Sicht. Niemand, weder sie selbst noch jemand aus ihrer Familie, konnte ihr Handeln verstehen. Aber viele wussten, dass man die Tragödie verhindern hätte können, wenn man nur rechtzeitig gehandelt hätte. Im Nachhinein wissen immer alle, was man im Vorhinein tun hätte müssen.

Eines wusste die Frau sicher: Unter keinen Umständen wollte sie am Leben bleiben. Schlimmer als die Todesstrafe war es für sie, mit dem grausamen, selbst verursachten Schicksal weiterleben zu müssen. Sie sprach mich als Mutter an, bat mich innig, sie von ihrem Leid zu erlösen. Am liebsten hätte ich mit ihr geweint. Aber in solchen Situationen gibt es keinen anderen Weg, als der entsetzlichen Wahrheit ins Auge zu schauen. Die unerträgliche Situation auszuhalten. Da zu sein, dabei zu bleiben. Selbst das Leid ein Stückchen weit mitzutragen, ohne daran zugrunde zu gehen. Das habe ich versucht. Stefan Zweig nannte es echtes Mitleid. Wenn wir vorschnell trösten, was ich damals so gerne getan hätte, um meine eigene Ohnmacht abzuschütteln, versuchen wir nur, uns selbst aus der Unerträglichkeit zu erlösen. Das war es, was ich damals spürte.

Ich war froh, dass die Justizwachebeamten rund um die Uhr auf die Patientin aufpassten. Üblicherweise ist das wegen der Fluchtgefahr nötig. Hier diente es dazu, ihr unfreiwilliges Weiterleben zu gewährleisten. Monatelang habe ich sie begleitet. Von ihrer tiefsten Verzweiflung bis zur ersten Hoffnung, wieder im Leben, einem ohne Kinder, Fuß zu fassen. Wie jede Schuld von einem Bedürfnis nach Sühne begleitet wird, hatte sie den Wunsch, in einem indischen Waisenhaus elternlosen Kindern zu helfen. Für viele ist der Gedanke wahrscheinlich unfassbar, dass eine Kindsmörderin dazu imstande ist.

Und es kam auch nicht dazu. Der psychiatrische Gerichtsgutachter hatte die Frau als zurechnungsfähig eingestuft. Das bedeutet, sie habe genau gewusst, was sie tat. Damit war ihr eine lange Freiheitsstrafe sicher, und man überstellte sie wegen ihrer Selbstmordgefährdung in eine psychiatrische Abteilung. Jede Hoffnung auf eine Zukunft war zerstört. Ich konnte die Ansicht meines Kollegen nicht teilen, aber damals war ich noch nicht als Gutachterin, sondern als behandelnde Ärztin tätig. Die Frau schrieb mir mehrmals aus der Anstalt und bat mich, sie weiter zu behandeln, was aber dort nicht mehr möglich war. Ihre Stimmungen schwankten, es war ein ständiges Auf und Ab, die Selbstmordgedanken kamen und gingen. Sie fand keine Ruhe. Nur die vielen Briefe, die sie bekam, hielten sie am Leben. Selbst mitfühlende Mütter schrieben ihr, was mich erstaunte.

Dann hörte ich lange Zeit nichts mehr von ihr. Eines Tages sagten sie im Radio, dass sie sich umgebracht hatte. Es geschah an einem der ersten Wintertage, eineinhalb Jahre nachdem sie ihre Kinder vom Balkon geworfen hatte. Heimlich sammelte sie eine Überdosis Beruhigungsmittel, nahm sie, ging in den Wald, der das Anstaltsgelände umgibt, legte sich in den Schnee, schlief ein und erfror. Sie ging unbemerkt, man fand sie erst Tage später. Auch mein Leben nahm eine Wende. Ich entschied mich, Gerichtspsychiaterin zu werden. So begann es.

Antwort

Nichts fürchtet der Mensch mehr,
als die Berührung durch Unbekanntes.
Man will sehen, was nach einem greift,
man will es erkennen oder zumindest einreihen können.
Überall weicht der Mensch der Berührung durch Fremdes aus
.

Elias Canetti

Ein Buch muss einen Spannungsbogen haben, hat man mir gesagt. Der soll mit dem ersten Satz beginnen und sich bestenfalls erst mit dem letzten wieder schließen, hat man mir erzählt. Man darf nichts zu früh verraten und nichts zu spät erklären. So gesehen ist es vermutlich nicht im Sinne der Dramaturgie, dass ich schon jetzt die alles entscheidende Frage beantworte. Ja, Frauen sind die besseren Mörder.

Deshalb sind sie nicht die schlechteren Menschen. Sie sind aber auch nicht die besseren.

Frauen sind nicht bösartiger als Männer. Aber sie sind raffinierter und entschlossener, wenn es darum geht, jemanden umzubringen. Sie sind flexibler und einfallsreicher. Sie sind geduldiger und vollkommen unauffällig. Viele werden mit einem Tötungsdelikt zum ersten Mal straffällig, ausgenommen süchtige und verwahrloste Frauen, die in einem Gewaltmilieu aufgewachsen sind. Andere wiederum planen ihr Verbrechen genau. Fehlende Körperkraft ersetzen sie durch mehr Kreativität. Oft machen sie ihr Opfer wehrlos, bevor sie es attackieren und töten. Dann haben sie ein leichtes Spiel. Wenn es darauf ankommt, hat das schwache Geschlecht ungemeine Stärke. Die Beschreibung von Frauen als Mörderinnen soll dabei keineswegs an die über die Jahrhunderte so beliebte Diffamierung des weiblichen Geschlechts anschließen.

Es geht hier nicht um die Verunglimpfung von Frauen, nicht um die Hinrichtung der weiblichen Seele.

Das hat die Geschichte oft genug und mit nicht nachlassender Begeisterung erledigt. Immer wieder hat man Frauen als hinterhältig, durchtrieben, boshaft und gemein dargestellt. Immer wieder hat man sie bloß für ihre Fähigkeiten, einfach für ihre effiziente Überlebensausstattung bestraft. Und so ganz sind wir heute noch nicht darüber hinweg. Nicht nur das Christentum prägte ein masochistisches Frauenbild in einer patriarchalen Welt. Auch die Psychoanalyse beschritt diesen Weg.

Die Feministinnen haben ihr Geschlecht schließlich aus ihrer Abhängigkeit erlöst. Gleichzeitig nahmen sie damit aber auch etwas weg. Die Emanzipation hat der Frau ihre dunkle Seite genommen, der Schweizer Psychiater C. G. Jung nannte diesen Teil der Persönlichkeit den Schatten. Die dunklen Anteile ihrer Seele wurden nach außen, auf die Männer, verlagert. Quasi um das Böse abzuschieben, zu vermeiden. Damit mutierte das ehemals schwache zum starken Geschlecht, und der Mann wurde in den femininen Schattenwinkel verwiesen.

Friedfertige Frauen, wie sie der Feminismus hervorbrachte, sind nicht stark, sie sind schattenlos. Starke Frauen haben Zugang zu ihrer hellen und zu ihrer dunklen Seite. Sie kennen beide. Sie spüren beide. Sie akzeptieren beide. Nun, da die dunkle Seite, das Böse sozusagen, auf die Männer projiziert war, stand man bald einem zwischengeschlechtlichen Kollateralschaden gegenüber. Viele waren vom Feminismus begeistert und haben gesagt: Endlich passiert etwas, endlich setzt sich jemand für die Rechte der Entrechteten ein. Keine Frage, die Frauenbewegung hat viel erreicht. Aber sie hat auch viele Männer k.o. geschlagen. Als sie wieder aufstanden, waren sie überangepasste Muttersöhnchen, die sich für ihre Stärke entschuldigten und ihre maskulinen Züge versteckten. Es entstand ein Typ Mann, den kaum eine Frau will. Ein Mann, der seinen Mann nicht stehen kann. Auch wenn Frauen vorgeben, sanfte Männer zu bevorzugen, verachten sie im Grunde die, die schwach sind. Immer wieder kommen Klientinnen in meine Praxis, die sich genau darüber beklagen. Und Männer, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Nebenwirkung: Potenzstörung.

Die Rollen haben sich also geändert. Es gibt Männer, die dem eigenen Stereotyp gar nicht mehr entsprechen. Und Frauen, die alle Vorurteile widerlegen. Und es gibt Frauen, die töten. Ihren Partner, die Freunde, die Eltern, die Kinder. Die meisten Täterinnen sind Konfliktmörderinnen, die zu ihren Opfern eine enge Beziehung haben. Der häufigste Tatort ist die Familie. Das am häufigsten verwendete Tatwerkzeug ist das Messer. Auch diverse Haushaltsgegenstände werden gerne benutzt. Und immer öfter begehen Frauen ihre Morde auch mit Schusswaffen. Wenn es um Untreue geht, töten sie eher den Geliebten als die Rivalin. Ein Beispiel für die tödliche Kreativität: Eine betrogene Frau aus Asien küsste ihren Partner innig und schob ihm dabei eine Zyankalikapsel in den Mund, die er schlucken musste. Sie verschränkte die Liebeshandlung mit dem Mord.

Im Vergleich der Geschlechter zeigt sich auch, dass Frauen zwar die kreativeren Mörder sind, aber lange nicht so fleißig. Männer töten etwa zehn Mal öfter. Was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass auch Frauen zu brutaler Gewalt fähig sind. In der internationalen Literatur gehen Mörderinnen fast komplett unter. Auch in der Kriminalstatistik der UNO wird ihnen eher Platz als Opfer denn als Täterinnen eingeräumt. Man könnte die weibliche Gewalt geradezu übersehen, und es schleicht sich der Gedanke ein, dass man das mordende Weibliche verschleiern wolle. Frauenrechtler argumentieren, die Verbrechen würden stets aus dem Zusammenhang gerissen und Berichte darüber nur männliche Aggression rechtfertigen. Und doch gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass zum Beispiel häusliche Gewalt von Männern und Frauen ausgeübt wird. Zu gleichen Teilen. Solche Ergebnisse werden oft als polemisch oder frauenverachtend abgewinkt. Ansinnen dieses Buches ist das nicht.

Ein vorurteilsfreier Blick auf die weibliche Gewalt, genauer gesagt: auf die körperlich angewandte, weibliche Gewalt. Den soll dieses Buch vermitteln. Die bekannte, weithin unbestrittene Domäne der Frauen ist die emotionale Gewalt. In diesem Fach sind sie Meister. Sie töten mit Blicken und Bevormundungen, mit Nörgeleien und Vorwürfen, mit Verweigerung, mit Schweigen und mitunter auch mit endlosem Kinderwunsch. Sobald die Gewalt physisch wird, sucht man den Auslöser meistens woanders. Als würden Frauen nie von sich aus aktiv. Als würden sie sich nur immer selbst verteidigen. Es mag ein jahrelanges Martyrium, eine Spirale der Demütigung, mit einem Mord enden. Bis dass der gewaltsame Tod sie scheidet. Aber Frauen können durchaus auch kräftig zuschlagen, wenn sie töten. Sie tun es seltener als Männer. Sie haben weniger Kraft als Männer. Aber sie sind nicht weniger grausam oder brutal.

Es gibt Frauen, die morden, weil sie von ihren Gefühlen übermannt werden. Wenn sie in Rage sind. Gerade in Suchtbeziehungen ist das oft der Fall. Aber üblicherweise sind sie nicht alkoholisiert, wenn sie jemanden umbringen. Zum Töten müssen sie sich keinen Mut antrinken. Die, die den Mord planen, machen sich ganz schnell ein Bild von ihrem Opfer. Sie scannen es sozusagen. Sie machen sich mit den Umständen vertraut. Und sie warten auf eine günstige Gelegenheit. Im Warten sind Frauen geübt, Warten gehört zum Leben einer Frau.

Mitunter engagieren sie einen Auftragskiller, vielleicht sogar noch vom ahnungslosen Opfer bezahlt. Ein Ehepaar hob gemeinsam Geld ab. Für eine neue Küche, wie er dachte. Für den Mann, der ihn töten würde, wie sie wusste. Unter dem Vorwand eines Verkehrsunfalles stoppte der Killer das Paar dann im Auto. Als der Ehemann ausstieg, um zu helfen, schoss er ihn in den Kopf. Der Mann verstarb an der Unfallstelle, die Ehefrau half dem Killer, die Leiche zu zerstückeln und in Plastiksäcke zu verpacken. Sie hatte das Gefühl, er habe es verdient. Jahrzehntelang hatte er sie geschlagen. Sie hatte die Tat in der Fantasie durchgespielt. Sie hatte den Tag der Erlösung herbeigesehnt. Es war eine gerechte Strafe, sagte sie vor Gericht. Gott kannte ihr Leiden und habe ihr geholfen, es zu beenden. Davon war sie überzeugt.

Viele Gewalttaten und Morde werden innerhalb von Beziehungen begangen. Nach den Gendertheorien morden Männer eher, um die Partnerschaft aufrecht zu erhalten. Frauen töten häufiger, wenn sie sich trennen wollen. Auch die Wiener Eisprinzessin, die zwei ihrer Ex-Partner umbrachte und ihre Leichen einbetonierte, sagte vor Gericht, dass sie die Beziehung beenden wollte, der Partner sie aber nicht losließ. Ihr erstes Opfer erschoss sie, weil er nicht aus der Wohnung ausziehen wollte. Das zweite musste wegen angeblicher Untreue sterben. Er hätte sie tief gekränkt und seelisch verletzt. Sie plante die Bremsschläuche seines Autos zu manipulieren oder einen Gasunfall in der Wohnung zu inszenieren. Der Mann ahnte nichts, annoncierte fröhlich weiter Kontaktanzeigen und traf sie bis ins Innerste. Sie versprach sich Rache, ging zum Schießtraining, stellte sich vor, wie es wohl sein würde, ihren Mann zu ermorden. Jede Handlung, ob gut oder schlecht, hat ihre Vorläufer in der Welt der Fantasie.

Es ist eine Parallelwelt, in der sich die Ungeheuerlichkeiten abspielen. Dort kann man tun, was man will. Da werden sexuelle Sehnsüchte erfüllt und Gewalthandlungen ausgelebt. Der Fall der Eisprinzessin zeigt außerdem, wie haarscharf Hass und Liebe beieinander liegen. Die gleichen Handlungen werden aus diesen nur scheinbar gegensätzlichen Gefühlen begangen. Das erste Opfer erschoss sie von hinten. Dann hat sie die Leiche zerlegt. Zusammen mit den Kettensägen hat sie die Überreste einbetoniert und im Keller unter ihrem Eissalon verborgen. Beim zweiten war sie schon geübt. Sie handelte so raffiniert wie hinterhältig. Die Männer hatten keine Chance.

Nicht nur Eisprinzessinnen können eiskalt sein. Eine Mörderin erzählte mir einmal, dass sie das Blut des gerade erschossenen Liebhabers aufwischte, dann duschte, sich schminkte, ins Bett zu ihrem neuen Liebhaber kroch und ungemein guten Sex mit ihm hatte. Dabei führte sie sich noch einmal ihre Tat vor Augen. Im Höhepunkt stellte sich vor, wie die Kugel in seinen Körper eindrang und ihn innerlich zerriss, dann schrie sie vor Lust. Das Opfer hatte ihr einmal zu oft wehgetan. Sie einmal zu oft belogen und betrogen. Dafür schwor sie Rache. Ihren Plan setzte sie gezielt um. Punktgenau. Zur richtigen Zeit. Davor hatte sie auch mit dem Opfer noch Sex gehabt. Das Gefühl, dass er von seinem baldigen Tod nichts wusste, war Balsam auf ihre Wunden. Es war ein Gefühl der Macht. Sie bestimmte, wann sein Leben zu Ende ging. Dabei berührte sie etwas Allmächtiges, sie spielte Schicksalsgöttin.

Wie kurz der Weg von der Liebe zum Hass ist, zeigt auch die Geschichte einer jungen Köchin, die nach vielen Demütigungen, Kränkungen, Beschimpfungen und Schlägen beschloss, ihren Freund mit der Hundeleine zu erdrosseln. Einerseits waren da die Mordgedanken, andererseits war da auch eine Zuwendung. Besonders, wenn es nach den Schlägen zu leidenschaftlichem Sex kam. Auch ihr Plan war bis ins kleinste Detail ausgeklügelt. Sie wollte die Leine wie ein Lasso über seinen Kopf werfen, sie zusammenziehen und ihn so zu Boden ringen. Die Leine hatte er ohnehin immer um den Hals gelegt, wenn er mit dem Hund spazieren ging, und ihre Fingerabdrücke waren auch schon drauf, DNA-Spuren also nicht ungewöhnlich. Die Köchin wartete ab, bis er wieder einmal betrunken und wackelig auf den Beinen war. Sie brachte ihn zu Fall, erschrak aber dann vor sich selbst und tarnte den Angriff als Sado-Maso-Liebesspiel. Er kam nur knapp mit dem Leben davon und konnte sich an nichts erinnern. Weil er stark alkoholisiert war, wegen des Blutstaus im Kopf, oder weil er es einfach verdrängte.

Jahre später begegnete ich der Köchin als Gerichtsgutachterin, weil man sie wegen Diebstahls festgenommen hatte. Als sich der Warenhausdetektiv ihr in den Weg stellte und sie festhielt, wandte sie Gewalt an. Ich stellte ihr einige Fragen. Und sie erzählte mir von ihrer trostlosen Kindheit und Jugend. Prügelstrafen waren an der Tagesordnung. Ihr Vater hatte sie mit der Peitsche geschlagen. Manchmal bis zur Bewusstlosigkeit. Danach hatte er sie ins Bett getragen. Eine drastische Kombination aus Hass und Liebe. Aus Gewalt und Zuneigung. Sie prägte sich ein. Und bei ihrem Freund war es dann nicht anders. Ganz nebenbei erzählte sie mir dann die Geschichte mit der Hundeleine. Ohne einen Bezug zur eigenen Geschichte herzustellen. Das taten wir dann gemeinsam.

Die Mörderinnen und ich

Denn die einen sind im Dunkeln.
Und die anderen sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte.
Die im Dunkeln sieht man nicht
.

»Dreigroschenoper«, Bertolt Brecht

Meine Aufgaben

Der Lärm der Gefangenen am Hof mischt sich mit den Ermahnungen der Beamten. Rufe zwischen den Zellenfenstern, aus denen hin und wieder Rauch kommt. Lautstarke Beschwerden der Häftlinge. Gurrende Tauben. Es riecht schon vormittags nach Essen. Nach Kantine. Bei Schlechtwetter kommt noch der Gestank aus dem Kanal dazu. In dem karg eingerichteten Raum gibt es nur drei Farben. Die Wände sind weiß. Der Boden, der Schreibtisch, die Sessel und die EDV-Ausstattung sind grau. Die Tür ist grün. Wie die Hoffnung. Ist wohl kein Zufall. Die Häftlinge warten in einem anderen Raum, den man im Häfenjargon auch Waggon nennt, weil man dort wie in einem Zug aufgereiht sitzt. Dann werden sie aufgerufen. Und kommen zu jenen, die von Amts wegen oder aus Verteidigungsgründen mit ihnen sprechen müssen. Sie kommen auch zu mir.

Meine Aufgabe ist es, die Täter und Täterinnen zu untersuchen. Zu erfahren, was sie dazu gebracht hat, das zu tun, was sie getan haben. Ich muss die medizinischen Voraussetzungen der Schuldfähigkeit prüfen. Ob sie im Zeitpunkt der Tat unter dem Einfluss einer Geisteskrankheit, einer geistigen Behinderung, einer Bewusstseinsstörung oder einer anderen gleichwertig schweren seelischen Störung gestanden sind, die ihre Einsichtsfähigkeit und ihr Handeln prägte. Und ich muss prüfen, wie groß die Gefahr ist, dass sie wieder eine Handlung mit schweren Folgen begehen.

Manche der Täterinnen haben selbst Verletzungen davongetragen und werden von mir an der Justizabteilung im Spital untersucht. Mit jeder von ihnen spreche ich mehrmals, sie werden auch neurologisch und mit Testinstrumenten untersucht. Dann erstelle ich eine Querschnittanalyse. Alle Details sind wichtig. Was die Täterin sagt, wie sie es sagt, was sie nicht sagt. Welche Umstände vor, während und nach der Tat herrschten. Alles, was man hört, beobachtet, wahrnimmt, fließt mit ein. Ich achte darauf, ob Gefühle und Sprache zusammenpassen. Ob sie sachlich und neutral von einem schrecklichen Sachverhalt berichtet und daher von Gefühlen, vom Affekt dissoziiert ist. Ob die Emotionen zur Geschichte passen. Wenn zum Beispiel geisteskranke Täterinnen lachend über die rituelle Hinrichtung eines Menschen erzählen, nennt man das in der Fachsprache parathym.

Was man bewusst oder unbewusst will, muss in reale Handlungen umgesetzt werden. Und dafür müssen diese Bestrebungen einen Filter passieren, der die meisten Menschen davon abhält, sie auszuführen. Bei der Beurteilung der Schuldfähigkeit kommt es darauf an, die Intaktheit dieses Filters zu überprüfen.

Wobei die Frage, ob jemand eine seelische Krankheit nur simuliert oder tatsächlich hat, für mich gar nicht so wesentlich ist. Natürlich kommt das immer wieder vor. Und wenn sich dann ein Psychiater irrt, wird das medial ausgeschlachtet. Seit dem Film Einer flog über das Kuckucksnest glaubt man ohnehin, wenn man sich nur verrückt genug inszeniert, kommt man auf die Psychiatrie und wird mit Elektroschocks niedergestreckt. Erstens wird das gar nicht so gehandhabt. Und zweitens ist es nicht so einfach, geisteskrank zu wirken, wenn man es nicht ist. Heutzutage ist es zudem gar nicht leicht, in einer Psychiatrie ohne eigenes Verlangen aufgenommen zu werden. Die Kriterien dafür sind sehr streng.

Die gerichtspsychiatrische Expertise muss feststellen, ob eine seelische Erkrankung maßgeblich und unmittelbar mit der angelasteten Handlung in Bezug steht oder nicht. Wenn eine schizophrene Frau ein Fahrrad stiehlt, ist das meist unerheblich. So eine Tat hat fast nie einen unmittelbaren Bezug zu einer Geisteskrankheit. Außer, sie hat es gestohlen, um dem Teufel davonzuradeln. Nur in den seltensten Fällen werden Tötungshandlungen von Stimmen befohlen, wie oft behauptet wird. Im Einzelfall lässt es sich letztlich zwar nicht ganz exakt prüfen, aber ein abwägendes Vorausdenken beruht auf klarer Vernunft und ist unter dem Diktat von Verworrenheit eher schwer möglich.

Und wesentlich ist natürlich auch, ob bei der Tötung des Opfers mehr passiert ist, als zum Töten notwendig war. Kriminalpsychologisch spricht man von der Handschrift der Täterin. Das bedeutet, dass sie etwas getan hat, was für sie charakteristisch ist, aber nicht nötig gewesen wäre, um jemanden umzubringen. Der Leiche einen Blumenstrauß hinzulegen, sie zu verstümmeln, mit Flüssigkeiten zu überschütten, mit Exkrementen zu beschmieren, das Gesicht ab- oder sie ganz zuzudecken, um sich bereits am Tatort vom eigenen Handeln zu distanzieren. All das verrät etwas über die Beziehung der Täterin zum Opfer. Und auch über ihre psychopathologische Verfassung zum Tatzeitpunkt. Um so etwas herauszufinden, bedarf es einer engen Zusammenarbeit mit der Gerichtsmedizin, die einem sagen kann, welche Handlungen noch zu Lebzeiten und welche erst nach dem Tod begangen wurden. Oder welches Tatwerkzeug die Beschuldigte verwendet hat. Ihre Angaben stimmen mit den Erkenntnissen der Gerichtsmedizin oft nicht überein.

Bei der Arbeit der Strafgerichtsgutachter kommt es meistens darauf an, festzustellen, ob die Einsichtsfähigkeit und die Handlungsmöglichkeiten der Täterin durch eine seelische Krankheit gestört waren. Es wird eine medizinisch psychiatrische Diagnose erstellt und in Bezug zur Tat gesetzt. Es geht dabei stets darum, das Verhältnis von physischen und psychischen Voraussetzungen und der Fähigkeit zu einem sozial angepassten Verhalten zu ergründen. Dazu gehören die Prüfung der alltagstauglichen Fähigkeiten, der Intelligenz und vor allem der sozialen Kompetenz. Auch ist die Gefährlichkeit für äquivalente Handlungen in der Zukunft zu prüfen und ob die Persönlichkeit höhergradig abnorme Züge trägt.