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CHRISTOPH FÄLBL
NIKO FORMANEK
ROMAN FRANKL

Papa m.b.H.

CHRISTOPH FÄLBL
NIKO FORMANEK
ROMAN FRANKL

Papa m.b.H.

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Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2013 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Vorwort

Exodus

Kind muss her

Die Einschlafmethode

Evolution gegen Sex

Regenschirm & Sexspielzeug

Der Trafikant

Flugreise

Kinder sind teuer

Urlaubsfesseln

Erpressung

Wir Männer

Mütterzombies im Kaffeehaus

Backanleitung

Der Handwerker

Flirtzone H&M

Facebook-Rache

Synchronschwimmen

Meerschweinchen

Neue Mutti

Rauchend im Riesenrad

Telefonat aus der Hölle

Schulanmeldung

Ich bin schwanger

Endlich wieder Papa

Vorwort

Guten Morgen, mein Name ist Christoph Fälbl und ich habe zwei Kinder.

Guten Tag, mein Name ist Niko Formanek und ich habe auch zwei Kinder.

Guten Abend, mein Name ist Roman Frankl und, wie es der Zufall will, habe ich auch zwei Kinder.

Wir haben also sechs zu dritt. Das wären dann also sechs Kinder ... plus drei Väter ... die Mütter darf man natürlich auch nicht vergessen ... also insgesamt 12 Personen. Da haben wir zur Fußballmannschaft sogar noch einen Ersatzspieler.

Eine ganze Menge Leute sind das. Fast schon ein Kindergarten. Und was heißt das jetzt für uns?

»Daraus müssen wir ein Soloprogramm machen!« – Christoph war ganz begeistert.

»Zu dritt?«

»Nein, nur ich.«

»Da bin ich beruhigt.«

»Aber wir schreiben es zu dritt.«

Es war uns ganz klar, wir verfügen über eine enorme Erfahrung, was das Leben mit Kindern betrifft. Eine Erfahrung, die man weder in der Wüste, noch im Duty Free Shop eines Flughafens mitten im südamerikanischen Urwald einfach so kaufen kann. Eine Erfahrung, die man sich schwer erarbeiten muss.

Die Erfahrung eines wahren Vaters.

Und weil wir diese weisen Erkenntnisse der Väter der ganzen Welt unmöglich vorenthalten konnten, nahmen wir unsere Federn in die Hände und begannen zu schreiben. Monate später legten wir die Federn zur Seite und kauften uns jeder einen Laptop. Das Schreiben war danach zwar nicht mehr so schön, dafür aber wesentlich effektiver. Und so entstand Christoph Fälbls Soloprogramm »Papa m.b.H.«

Die Säle waren voll, die Väter waren dankbar und haben uns geliebt, die Mütter weniger, aber die haben sich zumindest dafür bedankt und den Kindern war es wurscht. Unser Manager war begeistert und eines Tages kam er zu uns und sagte:

»Meine Herren, der Amalthea Verlag hat angerufen. Die haben das Programm gesehen und wollen, dass wir daraus ein Buch machen!«

»Wer ist wir?«

»Ihr!«

»Und wie sollen wir das machen?«

»Zuerst mal ein Vorwort schreiben.«

»Wozu, ein Vorwort liest doch kein Mensch.«

»Doch.«

»Nein. Niemand tut das. Ich weiß es.«

»Aber so ein schöner Anfang wäre doch nicht schlecht.«

»Ich glaub, ich hab was!«

Einen wunderbaren Satz – wenn auch ein bisserl von uns geändert – des amerikanischen Lyrikers Ogden Nash:

»Every child must have something to ignore And that’s what fathers are created for.«

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Exodus

Gestern war der schlimmste Tag meines Lebens. Zuerst die Marita und dann der Anruf, der alles veränderte.

Ich hab schon die Nacht davor nicht schlafen können, hab mich ständig von links nach rechts und dann wieder von rechts nach links gedreht und dabei alle Schafe, die ich jemals in meinem ganzen Leben kennengelernt habe, gezählt. KollegInnen, LehrerInnen, Ausbilder und viele mehr. Um fünf in der Früh hab ich dann endgültig die Schnauze voll gehabt, bin aufgestanden, hab mich angezogen und bin laufen gegangen. Ich weiß nicht, wie lange ich gelaufen bin, aber als ich, völlig atemlos und verschwitzt, wieder nach Hause kam, warteten die drei schon in den Startlöchern: Marita, die Reisetasche und der Koffer.

Meine Tochter, meine geliebte Tochter, meine Marita stand mit dem Koffer da, um sich von mir zu verabschieden.

Und wenn ich Koffer sage, dann meine ich nicht die riesige Reisetasche, die links von ihr am Boden lag. Nein. Ich meine damit den Koffer, der rechts neben ihr stand. Der Koffer im gestrickten Pullover. Der Koffer mit der komischen Haarpracht und mit der merkwürdigen Brille auf seiner schiefen Nase.

Ich war fertig. Fix und fertig. Trotz Atemlosigkeit und dem dringenden Bedürfnis nach einem Sauerstoffzelt hab ich sofort versucht, die Situation noch irgendwie zu retten.

»Wieso wollt ihr denn schon so früh fahren? Die neue Wohnung rennt euch doch nicht davon?«

»Wir waren schon so aufgeregt, dass wir gar nicht schlafen konnten.«

»Was du nicht sagst. Wirklich? Ich hab herrlich geschlafen!«

»Aber Papa, du bist doch ganz früh aufgestanden.«

»Ja, weil … ich schon ausgeschlafen war. Ich hab zwar kurz, aber gut geschlafen. Das ist in meinem Alter so.«

»Wir nicht.«

»Kind, nicht dass ihr zu müde seid und dass du dann beim Fahren einschläfst!«

»Es fährt eh mein Freund.«

»Wer?«

»Mein Freund.«

»Aaahh, ja, natürlich, der da … dein Freund. Er hat aber auch kaum geschlafen, so wie der ausschaut. Legt’s euch noch a bisserl hin oder fahrt überhaupt erst morgen. Morgen kommt schon die Mama zurück, da könnt ihr euch auch von ihr verabschieden …«

»Wir haben ihr schon ein Bussi gegeben.«

»Ah so ... na dann. Und habt ihr schon was gegessen? Ich mach euch schnell noch dein Lieblingsfrühstück! Was war das noch gleich? ... Eier! Ja, ich mach euch weiche Eier!«

»Papa, weißt du überhaupt, wie das geht?«

»Natürlich weiß ich das! Warum sollte ich das nicht wissen? Das kann doch nicht so schwer sein, oder? Gekochte Eier können zumindest nicht anbrennen.«

»Na ja ...«

»Geh, das eine Mal. Aber bitte, dann warte auf die Mama, die macht euch was.«

»Bis morgen warten? Nein. Wir bleiben eh beim Mäci stehen, mach dir keine Sorgen.«

»Beim Mäci?! Kann man dort überhaupt frühstücken? Such dir was Gesundes aus.«

»Papa, ich bin alt genug. Ich weiß, was ich essen soll.«

»Für mich bleibst du immer mein Mausilein.«

Mein Mausilein! Es war also so weit. Mein Mausilein, mein kleines Baby zog aus. Ich war verzweifelt, ich wusste nicht, was ich machen soll.

»Papa, was ist denn? Weinst du jetzt?«

»Was tue ich? Weinen? Nein, das ist der Zug ... die Tür ist offen ... also. Bussi, mein Liebling, ich hab dich lieb, hast du nix vergessen? Schau noch einmal gründlich nach.«

»Papa, ich hab alles.«

»Gut, ihr seid ja nicht aus der Welt, eh nur auf der anderen Seite der Stadt. Also, auf zu neuen Ufern ... auf Wiedersehen, Herr ... Huber.«

Und plötzlich, quasi aus dem Nichts und zur völligen Überraschung aller Anwesenden hat er seinen Mund aufgemacht und gesprochen.

»Ich heiße Gruber.«

»Sag ich ja, Gruber, klar. Auf Wiedersehen, Herr Huber, Gruber, natürlich Gruber, Franz, äh, Fritz, ja, genau, Fritz Huber, Gruber ... Ja, eh, jetzt merk ich mir’s. Passen Sie gut auf meine Tochter auf.«

»Selbstverständlich. Sie brauchen keine Angst zu haben. Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen. Bussi, mein Schatz.«

»Bussi, Papa. Und Kopf hoch. Ist halb so schlimm.«

Sie drehte sich um und ging einfach weg. Mit dem Koffer. Wenigstens hat der Koffer die Reisetasche getragen. Ich stand im Vorzimmer und konnte mich nicht bewegen. Plötzlich stürzte ich zur Tür.

»Und ruf uns an! ... Wir sind immer für dich da! ... Wenn du was brauchst, dann ... weißt eh ...«

Keine Antwort. Ich wollte schon die Tür zumachen, aber im letzten Moment hab ich noch einmal geschrien:

»Hast sicher nichts vergessen?! ...«

Stille.

»Und zieh dich warm an!«

Ich habe die Tür langsam zugemacht und bin noch langsamer ins Wohnzimmer gegangen. Wem sag ich das, sie weiß eh alles besser.

In derselben Sekunde stand ich schon wieder im Stiegenhaus.

»Marita! Wenn du willst, kannst immer zurückkommen! Jederzeit ... Dein Bett wartet auf dich ... die Mama und ich ... wir würden uns sehr ... also wir ... freuen ...«

So, und jetzt bleibt die Tür zu! Kinder! Ich glaub es einfach nicht. Jetzt sind beide Kinder weg. Das gibt’s doch nicht. Nach ... Moment ... nach wie vielen Jahren? Wie alt ist sie jetzt? 20? Ja. Nach 20 Jahren. Nein! Was sag ich denn da für einen Blödsinn! 20 Jahre. Was für 20 Jahre?! 22 Jahre! Es waren doch 22! Das Mäderl ist doch schon 22.

Um Gottes willen, ich Trottel ... und der Emil? Der Emil ... der ist ... wart einmal ... der Emil ist ... ist ... älter.

Geh! Gibt’s des! ... Ja klar! Er ist 25! Eben, sag ich ja! 25. Und auch schon verheiratet. Der Emil ist schon 25! Und verheiratet.

Gibt’s des? Nur, weil er seit einem Jahr nicht mehr hier wohnt, weiß ich nicht mehr, wie alt er ist. Was bin ich denn nur für ein Vater?! War ich schon immer so? War ich ein schlechter Vater?

Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf.

Ich muss was trinken. Nein, warum soll ich jetzt was trinken? Bin ich verrückt oder was?! Es ist erst neun Uhr in der Früh ... obwohl ... nein. Auf gar keinen Fall. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. 25 Jahre. Eigentlich 26. Na klar. 26. Wenn man die ganze Herumtuerei davor rechnet. Die ganze Schwangerschaft. Die Hektik, die ganzen unnötigen Sachen. Ja! Dann sind es doch mindestens 27 Jahre.

Und verheiratet bin ich schon gefühlte 100.

Mindestens.

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Kind muss her

Wie war das am Anfang?

Damals haben alle zu uns gesagt: »Beruf läuft, Ehe funktioniert wunderbar, Wohnung passt. Jetzt braucht ihr unbedingt noch ein Kind.«

Hab ich gesagt: »Nein, ich bin anders. Wozu jetzt ein Kind? Das hat noch Zeit, wer ma mal schauen, ob überhaupt? ... Ich will das Leben genießen. Ich hab eh einen Hund. Familiengründung ist doch was für Spießer. Ich will frei bleiben. Jetzt können wir’s uns leisten, dass wir reisen, uns die Welt anschauen, verrückte Sachen machen. Nein, nein, nein, nein ... ich lass mir doch nicht von einem Kind das Leben rauben.«

Dann rief mich meine Frau an: »Wir sind schwanger!«

Ich hab geheult wie ein Schlosshund, ich hab mich so gefreut. Das war so schön. Ich werde Vater ... mein eigen Fleisch und Blut!

Ich raste wieder zur Tür, machte sie auf und schrie: »Und vergiss nicht, dass ich dich ...«

In dem Moment bemerkte ich unsere Nachbarin, die gerade im Stiegenhaus einen Schlüsselbund aufzuheben versuchte.

»Aaaah, grüß Sie, Frau Pospischil! Jetzt hab ich Sie gar net ... weil Sie so tief und weit unten ... Was machen Sie da überhaupt?«

»Guten Morgen, Herr Fälbl. Was sind Sie denn so durcheinander?«

»Na ja, wissen Sie ... mei’ Mädl ...«

»Was ist passiert?«

»Nix. Also doch! Natürlich! Es ist was passiert. Die Marita ist g’rad ausgezogen. Meine Tochter.«

»Was? Die kleine Rita? Ausgezogen?«

»Genau. Und deshalb bin ich leicht ... dings.«

»Jo, es ist halt so, na ... so ist das Leben ... Da kann man nix machen.«

»Oh doch! Da kann man schon was machen. Ich als Vater könnte zum Beispiel ...«

»Nix könnten Sie. Vergessen Sie es. Und, wo wohnt sie jetzt?«

»Na wo?! Was glauben Sie? Weit weg. Noch dazu zusammen mit ihrem Freund.«

»Schön. Wie heißt er denn?«

»Wer?«

»Na, ihr Freund.«

»Ah, der. Hab ich vergessen. Weiß ich nicht.«

»Also wie jetzt?«

»Trottel!«

»Hören S’ auf.«

»Bitte sehr. Auf Wiedersehen.«

Blöde, alte Funz’n.

Ich war schon in der Küche, als ich noch immer diese dämliche Frage als Nachhall im Hirn hatte: »Und, wo wohnt sie denn jetzt? Wo wohnt sie denn? Wo wohnt sie denn?«

Als ob ich schlechter wäre als ihr Freund, der Vollkoffer. Ihr Freund, wie heißt der noch schnell? Freund.

Und mit wem ist sie zum ersten Mal geschwommen? Mit mir oder mit ihrem Freund? Mit wem ist sie zum ersten Mal auf den Skiern gestanden? Mit mir oder mit ihrem Freund? Und wer hat ihr das Radfahren beigebracht? Ich oder ihr Freund?!

Jessas na! Das war was ... das Radfahren ... als sie den Zahn verloren hat.

Meine Frau weiß es bis heute nicht. Na, dass es meine Schuld war. Also Schuld? Man kann doch nicht von Schuld sprechen. Ich hab sie nur angeschoben. Und weil es dort a bisserl bergab ging, ist sie halt immer schneller und schneller geworden. Das war auch gut so. Jeder weiß: Je schneller man mit einem Radl fährt, desto weniger leicht kippt man um. Und desto schneller fährt man in die Mülltonne. Warum war die überhaupt dort? Der blöde Mistkübel. Eine Mülltonne gehört nicht auf den Gehsteig. Außer am Dienstag. Und da auch erst in der Früh! Aber ganz sicher nicht schon am Montagabend. Unsere Nachbarn waren so was von rücksichtslos.

Meiner Frau haben wir erzählt, dass der Zahn beim Eisessen rausgefallen ist. Er hat eh schon gewackelt. Unglaublich, wie das Mädel schon damals knallhart ein G’schichterl druck’n hat können. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Rita – ohne Zahn, aber mit großer Lücke und trotz Unfall und falschem Alibi für den Papa – wie immer gut. Die kommt halt nach mir: schläft wie eine Tote und schnarcht wie ein Großer.

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Die Einschlafmethode

Der Emil nicht. Jessas na, der Emil, mein Herr Sohn. Der hat immer so schlecht geschlafen. Des war ein Tschoch. Er war jede Nacht mindestens fünfmal wach. Da musst du sechsmal aufstehen. Beim sechsten Mal bist dann schon so drin, dass du nach einer Stunde automatisch wieder aufstehst. Obwohl das Kind gar nicht mehr schreit. Und dann kannst du natürlich nicht mehr einschlafen. Hat mir meine Frau gesagt.

Aber, Gott sei Dank, gab es damals eine sehr gute, eine fast weltberühmte Einschlafmethode. Ich war ganz begeistert, als ich davon gelesen habe, und hab sofort gewusst – das ist es! Das ist was für mich.

Und die geht so ... die Einschlafmethode. Wie war das noch schnell? Also: Wenn das Baby schreit, geht man ins Kinderzimmer und sagt: »Es ist alles in Ordnung, der Papa ist da, mach dir keine Sorgen, schlaf.«

Dann geht man aus dem Zimmer wieder raus, und falls das Baby immer noch schreien sollte, wartet man eine Minute und wiederholt danach die ganze Prozedur. Und zwar so lange, bis das Baby irgendwann von selber einschläft. Eines darf man aber nicht vergessen: Die Wartepausen müssen immer verlängert werden. Und man darf das Kind natürlich nie aus dem Bettchen rausnehmen. Das wäre ein ganz großer Fehler. Na? Ist die nicht toll?! Die Einschlafmethode! Sag ich ja.

Ich hab mich also schon richtig darauf gefreut, sie endlich ausprobieren zu können. Nur hab ich nicht bedacht, dass mein Sohn mein Sohn ist. Die folgenden zwei Nächte hat er wunderbar geschlafen! Kein Mucks, kein gar nix. Typisch.

Ich war dann schon richtig bös: »Warum schreist denn nicht?! Ich hab da eine super Einschlafmethode und du pennst wie ein polnischer Gastarbeiter nach einem ganzen Tag auf der Baustelle.«

In der dritten Nacht hab ich’s nicht mehr ausgehalten. Ich bin ganz leise aufgestanden, ins Kinderzimmer gegangen, hab vorsichtig die Tür aufgemacht und laut geniest.

Keine Reaktion.

Ich war etwas enttäuscht und wollte schon meine Nieserei fortsetzen, als das Kind plötzlich erwachte und zu schreien anfing. Na endlich! Er schreit! Wunderbar! Herrlich! Braver Bub! Überglücklich habe ich die Schreiorgie kurz genossen, um dann endlich sagen zu können: »Es ist alles in Ordnung. Der Papa ist da. Mach dir keine Sorgen. Schlaf.«

Dann hab ich sein Zimmer verlassen. Im Vorzimmer hab ich voll Glück und Freude über das immer noch schreiende Baby gewartet. Ich feuerte es sogar in Gedanken an. Danach bin ich wieder ins Kinderzimmer gegangen und sagte fast genauso wie beim ersten Mal, aber doch nicht mehr ganz so rund: »Es ist alles in Ordnung, gell, der Papa ist da, mach dir keine Sorgen, schlaf schön.«

Dann bin ich wieder raus aus dem Kinderzimmer und wartete. Diesmal aber versuchte ich die Zeit mit Wassertrinken und mit einigen Tanzschritten (ich tanze nämlich sehr gut – obwohl ich gleich bei der ersten Folge der Dancing Stars-Staffel rausgeflogen bin) totzuschlagen. Dann ging ich wieder zu meinem, immer noch furchtbar schreienden, Baby und sagte schon ein bisserl ungeduldig: »Pass auf: Es ist eh alles in Ordnung. Ja, der Papa ist eh da, mach dir keine Sorgen und schlaf. Bitte!«

Danach ging ich schnell raus. Ich war jetzt schon etwas nervös. Damals entdeckte ich auch, dass man es durchaus schaffen kann, sich gleichzeitig die Ohren zuzuhalten und auf die Uhr zu schauen. Als ich danach ins Kinderzimmer kam, sprach ich schon in einem etwas gereizteren Ton: »Hearst, bist deppat? Es ist doch alles paletti! Ich bin eh da, mach dir keine Sorgen – was hast denn du schon für Sorgen in deinem Alter? Hackl mal was, heirat’ und dann kannst Sorgen haben. Schlaf jetzt!«

Ich bin aus dem Kinderzimmer rausgelaufen und zündete mir sofort eine Zigarette an. Die hab ich dann in einem solchen Höllentempo geraucht, dass ich fast den Filter geschluckt hätte. Danach war ich erledigt, deprimiert und verzweifelt. Sollte ich vielleicht mit dem Rauchen Schluss machen? Nein. Ich stürzte zurück ins Kinderzimmer und fing an mit Tränen in den Augen das Baby anzuflehen: »Schau, bitte, es ist wirklich alles in Ordnung. Alles ... wirklich ... Der Papa ist da und ich schwör’s dir, du brauchst dir gar keine Sorgen zu machen, schlaf a bissi, bitte!«

Ich stand bewegungslos im Vorzimmer und starrte dabei auf einen Punkt an der Wand. Dabei bemerkte ich, wie schirch sie ist, die Wand. Wir sollten wieder mal ausmalen. Es muss hier heller, fröhlicher sein. Und plötzlich hatte ich die Idee. Ich bin sofort ins Kinderzimmer gegangen und hab versucht unglaublich lustig zu sein.

Ich fürchte nur, meine damalige Lustigkeit war nicht ganz echt. Sie hatte leichte Tendenzen zu Hysterie und Aggressivität. »Halli, hallooo! Wie ich sehe, ist hier alles in bester Ordnung und der Humpa Dumpa Schokoladeneisverkäufer ist da. Der lustige und liebe Papa. Also, mein Schatzi, mach dir gar keine Sorgen und jetzt kuschle dich in dein süßes Pölsterchen und schlaaaaaf gut.«

Ich verließ tanzend das Kinderzimmer. Beim nächsten Mal als ich ins Zimmer kam, war ich ganz ruhig und ohne jegliche Gefühle. Meine Stimme klang wie die von Arnie im »Terminator«: »Es ist alles in Ordnung. Der Papa ist da, mach dir keine Sorgen, schlaf.«

Und schon war ich wieder weg. Das Babygeschrei wurde jetzt noch lauter. Als ich mich in meiner Verzweiflung entschloss das Kind sofort unter die kalte Dusche zu halten, hörte die Schreierei auf einmal auf. Ich blieb vor der Tür stehen, dann machte ich sie vorsichtig auf und das Baby hat sofort angefangen zu schreien.

Ich machte schnell die Tür wieder zu.

Stille.

Tür auf.

Geschrei.

Tür zu.

Stille.

Dieses Spielchen wiederholten wir noch einige Male. Dann sprang ich mit einem langen Satz ins Zimmer. »Jetzt hör mal gut zu, du kleiner Scheißer! Willst mich frotzeln?! Glaubst du, es ist alles in Ordnung?! Da täuschst du dich gewaltig, mein Junge. Es ist überhaupt nix in Ordnung! Und der Papa ist gor net da! Ich bin nicht der Papa! Ich bin der Teufel persönlich. Also du solltest dir jetzt ordentliche Sorgen machen, weil jetzt bist du wirklich im Arsch! Außer du schläfst! Und zwar sofort! Auf der Stelle!!! Und noch was – ich gehe jetzt, dann kommt die Mama, da wirst was erleben!!!«

Ich ging mit einem Türknall aus seinem Zimmer raus. Plötzlich – schlechtes Gewissen. Das arme Kind kann sich doch nicht anders ausdrücken. Ich ging also wieder zurück ins Kinderzimmer und nahm den Buben aus dem Bettchen. Während ich mit ihm spazierte, hat der Kleine ein Bäuerchen gemacht, gefurzt, gepupst und ist dann sofort herrlich, ohne zu schreien, eingeschlafen.

Da schau her. Deswegen hat er geschrien. Armer Bub. Und ganz der Papa. Danach war ich so erledigt, dass ich gleich ins Bett gefallen bin. Ich hab nur noch mal schnell gerülpst, einen Schas gelassen und bin sofort eingeschlafen.

Ganz der Bub.

Ich hatte ihn zum Fressen gern.

In seiner Pubertät hab ich mir dann gewünscht, ich hätte es getan!

Übrigens – ich hab ein Weltwunder gezeugt, danke lieber Gott. Er konnte dann noch jahrelang immer wieder stundenlang wie am Spieß schreien, ohne heiser zu werden. Wenn ich nur drei Minuten so schreien würde, hätte ich das Gefühl, mit Glasscherben gegurgelt zu haben, und müsste danach wochenlang Ingwertee mit Honig von kolumbianischen Bienen trinken, Eibischzuckerl bis zum Erbrechen lutschen und dürfte nur mehr Mentholzigaretten rauchen.

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Evolution gegen Sex

Zuerst glaubt man ja noch, dass dieses ewige »In der Nacht aufwachen und nicht einschlafen können« nur mit Nahrungsaufnahmen und Verdauung zu tun hat. Dass das nach ein paar Jahren besser wird. Aber für die Kleinen geht es gar nicht um das körperliche Wohlempfinden. Ich habe lange gebraucht, um ihn zu verstehen und zu erkennen. Wen? Na den schmutzigen Krieg der Evolution gegen die Monogamie. Darum geht es. Jeder Trick und jede Waffe ist ihr recht, wenn es darum geht, treue Männer auf Abwege zu führen. Und die schlimmste Waffe dieses Krieges sind Kinder. Sie sind von Natur aus darauf gedrillt, uns in den ersten Jahren zuerst den Schlaf und dann mit der gleichen Methode das Sexleben zu rauben. Bisher hat niemand verstanden, warum dieses nahezu telepathische Talent unserer Kinder von der Natur geschaffen und über Jahrtausende perfektioniert wurde. Aber für diese fast übernatürliche Fähigkeit der Kinder, deren einziges Ziel die Verhinderung des sexuellen Vollzugs der Eltern ist, kann es nur einen Grund geben.

Vor ein paar Jahren ist mir plötzlich die Erleuchtung gekommen. Der Mechanismus diente schon immer der Erhaltung und Verbreitung unserer Art. Will sich eine Spezies gegenüber allen Widrigkeiten wie zum Beispiel Velociraptor, Säbelzahntiger, Seuchen, Umweltkatastrophen, Hungersnöte, IKEA, Volksmusik u.v.a. durchsetzen, müssen die Männchen dazu verleitet werden, ihre Samen möglichst flächendeckend zu verbreiten. Ist doch klar.

Je mehr Weibchen ein Männchen findet und befruchtet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Spezies, trotz natürlicher Selektion, überlebt. Daraus ergibt sich völlig logisch, dass die Monogamie der Natur und auch den Zielen der Evolution widerspricht. Um also nicht zu viele Männchen an die Monogamie zu verlieren und damit den Fortbestand der Spezies zu gefährden, entwickelte die Natur das Konzept »Kind«.

Klar, logisch, denn Kinder ermöglichen als solches überhaupt erst den Fortbestand. Aber das tun sie eben nicht nur durch ihre reine Existenz. Der Mechanismus ist noch viel raffinierter. Je öfter und länger ein Kind die Eltern vom Sex abhalten kann, desto größer wird der Frust, vor allem beim Mann. Und der ist dann emotional belastet, schwach, frustriert und wehrlos. Wehrlos gegen die Reize, die von anderen Weibchen ausgehen – den lauernden Raubkatzen.

Er wird quasi durch die eigenen Kinder, instrumentalisiert von der Evolution, in die Arme und in sexuelle Abenteuer mit anderen Frauen getrieben. Er ist ein hilfloser Spielball brutaler Naturgesetze, die ihn seit Millionen von Jahren vorantreiben. Denn seine naturgegebene Aufgabe war es immer, sein Genmaterial so weit und vielfältig wie möglich zu streuen, um dem Überleben und Fortbestehen der eigenen Art zu dienen.