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Cornelius Obonya
Kommen Sie bitte weiter vor

Cornelius Obonya
Aufgezeichnet von Haide Tenner

Kommen Sie bitte weiter vor

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Inhalt

Prolog

»Glaubt nicht alles!«

Tradition und Familie

Die Verkleidungskiste aus der Kindheit

»Tritt nicht auf, sondern komm durch die Tür«
Begegnungen mit Regisseurinnen und Regisseuren

Kostüme, Requisiten und andere Geheimnisse
Das Handwerk des Schauspielers

Die Stimme ist das Schönste an mir

Die Stimme als Instrument

Der Körper als Instrument

Der Knopf im Ohr
Technische Hilfsmittel

(Be)merkenswerte Stücke – und was ich nicht mag

Raimund – Verschwender und Alpenkönig

Der Kissenmann

Liebe Jelena

Heimfindevermögen

Jugend ohne Gott

Caligula

Erlebnisse mit dem Publikum

Die unsichtbare Angst

Filmen: Eine Frage der Disziplin

Die Mutprobe und die Angst um das eigene Kind

Der Wettbewerb und der rot-grün bewegte Bürger

Spanien und die Erfahrungen mit der Fremdenpolizei

Mein Herz – niemandem!
und der Bezug zwischen Kunst und Politik

So wie du bist und der Umgang mit Behinderung

Ein halbes Leben und der Umgang mit Rache und Gerechtigkeit

Spuren des Bösen – Zauberberg und das Bild der anderen

Meine Schwester – zwei Tanten und ein Cousin

Die Heilerin – die Arbeit mit der Mutter

Rien ne va plus – Kottan – die Großcousine

TV-Serien

Tatort/Granit und die wahren Geschichten

Nur ein Schritt – eine wahre Geschichte im Kino

Mein Mörder – eine weitere wahre Geschichte im Kino

Man kann das alles wissen
Der politisch interessierte Schauspieler

Das Babyorakel
Fortbewegungsmittel und Reisen

Attila

»Du kriegst deine Nackte«

»Schau, der Jedermann!«

So weit bin ich gekommen
Der Blick in die Zukunft

Epilog

Rollenverzeichnis

Theater

Film

Fernsehen

Hörspiele

Hörfunk (ORF/Ö1)

Stammbaum der Familien Hörbiger und Wessely (Auswahl)

Bildnachweis

Personenregister

Prolog

image »Für eine Biografie bin ich zu jung«, war die spontane Reaktion von Cornelius Obonya, als ich ihm in der Kantine des Burgtheaters ein gemeinsames Buch vorschlug. In einem meiner monatlichen Künstlergespräche am Wiener Burgtheater hatten wir einen äußerst angeregten Dialog geführt, und ich hatte dabei die große Bandbreite seiner Interessen und seines Wissens gespürt, ihn als besonders sympathische und nachdenkliche Persönlichkeit empfunden.

Kommen Sie bitte weiter vor ist nun ein sehr persönliches Buch geworden über den Beruf des Schauspielers und die Leidenschaft für das Theater. In vielen Stunden Gespräch erlebte ich ihn als offenen, uneitlen und ehrlichen Menschen, fern jeder Selbstzufriedenheit und voller Neugier, auch auf politische und gesellschaftliche Fragen. Er erzählte mir von seiner Familie, von Begegnungen, vom Zauber und den Geheimnissen der Bühne.

Den Sprachduktus und die Ausdrucksweise von Cornelius Obonya habe ich in diesem Buch nach Möglichkeit erhalten. Es blieben seine Erzählungen, die anhand persönlicher Erlebnisse besondere Einblicke in die Welt des Theaters ermöglichen. Der Redefluss wurde von mir dirigiert, und die Geschichten wurden geordnet. Meine Anmerkungen, Kommentare und Erläuterungen dienen als sachliche Ergänzungen. Die im Buch besprochenen Theaterstücke und Filme entsprechen der subjektiven Auswahl Cornelius Obonyas, Vollständigkeit ist dabei nicht angestrebt. Sie findet sich im Rollenverzeichnis im Anhang.

»Kommen Sie bitte weiter vor« waren die ersten Worte, die jemals zu Cornelius Obonya auf einer Bühne gesagt wurden. Als sich der 17-Jährige am Max Reinhardt Seminar in Wien bewarb, wollte er für seinen Monolog vom Bühnenhintergrund nach vorne kommen, stand also nicht aus Schüchternheit, sondern aus Gespür für theatralische Effekte weit hinten. Im ersten Atemholen hörte er aus dem Zuschauerraum, wo die Professoren der Auswahljury saßen, diesen Satz. Es ist typisch für ihn, dass er der Aufforderung nicht Folge leistete. Und er ist dennoch weiter vorgekommen. So wurde er, was er ist.

Cornelius Obonya gehört zu jenen Schauspielern, die sich nicht auf ein Genre festlegen lassen. Umso bunter ist die Palette seiner Tätigkeiten, umso vielschichtiger, was er über die Bühne zu sagen hat. Cabaret bei Gerhard Bronner, der Sensationserfolg Cordoba, in dem er als Solist 26 Rollen spielte, die Hauptrolle im Musical The Producers, Salzburgs Jedermann, Liederabende und Lesungen, Film- und Fernsehrollen von Literaturverfilmung bis Unterhaltungsserie, unzählige Radiosendungen und die unterschiedlichsten Theaterrollen in Deutschland und Österreich, berühmte Klassiker ebenso wie Uraufführungen ergeben ein spannendes Gesamtbild des Cornelius Obonya. image

Wien, im August 2013

Haide Tenner

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»Glaubt nicht alles!«

Meine Frau und ich haben vor ein paar Jahren im Orpheum einen sogenannten Terrorclown gesehen, den Italiener Leo Bassi. Das ist ein Clown, der ununterbrochen mit der Angst des Publikums spielt, plötzlich ausgewählt und auf die Bühne gezerrt zu werden. Er holt sich dann auch zwei Leute, aber bis dahin vergehen Stunden, denn das ist schon Teil des Ganzen. Er hat das als »stretto culo« bezeichnet, das »angespannte Popoloch« – die Angst, die man davor hat, geholt zu werden. Das Publikum zieht den Kopf ein: Gott sei Dank, vor mir sitzt ein Großer.

Er holt sich dann tatsächlich zwei heraus und hypnotisiert sie. Und es funktioniert, die machen alles, was er sagt. Man denkt: Das ist fantastisch, ich wohne da wirklich einer Hypnose bei. Und am Ende erklärt er: Seid ihr alle irre geworden? Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass zwei frei gewählte Leute … Natürlich haben wir das vorher abgesprochen, was glaubt ihr denn? Wie vertrottelt könnt ihr sein? Die ganze Nummer hat nur den einen Sinn, dass ich euch zeigen wollte: Glaubt nicht alles, was ihr seht, hinterfragt die Dinge und denkt nach. Bevor ihr Angst habt, denkt nach. Denkt nach, bevor ihr etwas redet. Denkt, bevor ihr jubelt.

Genau darum geht es auch bei Monty Python. Ein anderer Zugang, aber derselbe Effekt. Zum Beispiel in dem Film Life of Brian: die Angst weglachen, die einem von der Amtskirche gerne eingeredet wird. Da bin auch ich ein gebranntes Kind. Systeme grundsätzlich mit Humor zu hinterfragen, die Dinge hochzunehmen, nicht ernst zu nehmen, Bürgerlichkeiten, Spießigkeiten, Gewissheiten infrage zu stellen, das ist Monty Python. Und das ist auch ein Prinzip meines Lebens.

Tradition und Familie

image Dass die Liebe zum Theater von Generation zu Generation weitergegeben werden kann, dafür ist die bedeutendste Schauspielerdynastie Österreichs ein eindrucksvolles Beispiel. Am Beginn steht Josephine Wessely, Ende des 19. Jahrhunderts Schauspielerin am k.u.k. Hofburgtheater. Sie wurde nur 27 Jahre alt.

Die nahtlose Reihe beginnt jedoch mit ihrer Nichte Paula Wessely, verheiratet mit Attila Hörbiger, beide geliebt, bewundert und wegen ihrer Haltung in der Nazizeit kritisiert und angefeindet, und mit Paul Hörbiger, dem beliebten Volksschauspieler. Elisabeth Orth, eine der Töchter des Schauspielerehepaares (sie hat den Mädchennamen ihrer Großmutter als Künstlernamen gewählt) und selbst eine der herausragendsten Schauspielerinnen des deutschen Sprachraums, heiratet den Burgschauspieler Hanns Obonya. Ihr Sohn, Cornelius Obonya, wächst daher in einer Welt auf, in der das Theater Mittelpunkt und Selbstverständlichkeit ist. Eltern und Tanten (Christiane und Maresa Hörbiger) prägen sein Weltbild. Später werden auch seine Cousins Sascha Bigler und Manuel Witting Teil dieser Theaterwelt.

Alle drei Hörbiger-Töchter haben jeweils einen Sohn, der in der Welt von Film und Theater arbeitet. Und alle drei Söhne haben wieder Söhne (sogar in der gleichen Altersreihenfolge), die noch sehr klein sind, aber auch mit der Selbstverständlichkeit des Theaters aufwachsen. image

Mein erster Theatereindruck, an den ich mich erinnern kann, war Der Verschwender im Burgtheater. Raimund mit meinem Großvater. Walther Reyer war Flottwell. Mein Großvater hat den Zauberer gespielt, der ihm sagt: Ich versteck dir dein Geld, ich vergrab das hier. Das war ein großer Eindruck vor allem deshalb, weil mein Vater damals für einen erkrankten Kollegen einen der beiden Baumeister am Anfang übernommen hat. Ich war sechs oder sieben Jahre alt und fürchtete mich nach der Vorstellung noch stundenlang. Im zweiten Teil gab es eine Szene mit einem Boot mit zerfetztem Segel, und in meiner Erinnerung verbindet sich das mit echtem Blitz-und-Donner-Ton. Als ich dann hinter die Bühne geführt wurde und ein paar Sachen anschauen durfte, habe ich mich, glaube ich, vor diesem zerfetzten Segelboot sehr gefürchtet.

Das ist mein erster wirklicher Theatereindruck. Ansonsten habe ich Theater nur so mitbekommen, dass es das große Textlernen gab – hauptsächlich meiner Mutter. Verbunden mit einer gewissen Angst. Der Text war für meine Mutter immer das Allerwichtigste. Wenn ich später, nach diesem Verschwender, im Theater saß und meine Mutter auf der Bühne sah, dachte ich mir im Zuschauerraum immer: Hoffentlich kann sie den Text. Das habe ich von zu Hause mitbekommen, dass das offensichtlich eine Mühe bzw. ein Problem darstellt.

Als ich dann selber diesen Beruf anfing, habe ich mir sofort eine Textangstlosigkeit antrainiert, denn dieses Problem wollte ich nicht haben und ich habe es auch nicht. Ich lerne vollständig anders Text als meine Mutter: Sie ist darauf angewiesen, abgehört zu werden. Das Abhören löst bei mir jedoch grundsätzliche Panik aus, vergleichbar der Prüfungsangst in der Schule. Ich bin in dieser Hinsicht absolut Solist oder Alleinlerner. Meine Frau sagt immer: Wir müssen das Parkett in der Küche bald auswechseln, weil du da einen Graben hineingegangen hast. Denn ich bin ein manischer Auf-und-ab-Geher.

Die Disziplin habe ich von meiner Mutter gelernt, denn mein Vater hatte keine Disziplin. Er war ein purer Bauchmensch. Hanns Obonya war ein beliebter Einspringer, weil er aberwitzig schnell auswendig lernen konnte. Für ihn war alles spielerisch. Er kam aus einer anderen, anstrengungsloseren Ecke. Mein Vater las die Textseite und konnte sie, weil er im Kopf ein Foto davon machte. Das kann ich nicht. Aber ich habe mir sehr schnell angewöhnt, ganz streng nach Sinn zu lernen. Ich versuche Text so zu lernen, dass ich, wenn mir tatsächlich der Satz, wie er gehört, nicht einfallen sollte, problemlos einen Satz in der vorgegebenen Sprache erfinden könnte. So, dass es das Publikum nicht merkt.

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Auf dem Weg ins Leben

Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nicht vorbereitet bin. Ohne Hausübung geht es nicht. Aber ich lerne sehr schnell.

Ab dem Alter von fünf, sechs Jahren, wahrscheinlich schon seit ich gehen konnte, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern, wurde ich hinter die Bühne mitgenommen und durfte auch die Schwerter anfassen. Natürlich waren die Waffen damals das Interessanteste. Eine faszinierende Welt.

Heute ist die Hinterbühne für mich ein heiliger Raum. Gewisse Dinge haben da zu passieren oder haben nicht zu passieren. Wenn man im Burgtheater hinaufschaut in die Schwärze, und man sieht vor lauter Größe die Decke schon kaum mehr – das ist mein Schutzraum. Das ist der Raum, in dem ich mich bewege. Da kenne ich alles.

Ich bin nicht abergläubisch, aber es gibt im Zusammenhang mit der Bühne viele Gesetze. Zum Beispiel, dass man nicht mit einer Kopfbedeckung, auch nicht mit Essen und Trinken quer über die Bühne geht. Man pfeift nicht in einem Theater. Das sind alles Regeln, die langsam verschwinden.

Auch meine Mutter hat darauf bestanden. Nicht auf dem Aberglauben, aber darauf, dass es gewisse Dinge gibt, die man nicht tut. Da kann sie richtig aggressiv werden. Es geht darum, etwas Besonderes aufrechtzuerhalten. Das Theater, die Bühne ist ein heiliger Raum. Man befindet sich eben nicht auf der Straße, nicht im Wohnzimmer, nicht in der Küche, sondern hier soll eine magische Welt entstehen für ein zahlendes Publikum.

Es gab an der Schaubühne in Berlin, wo ich in den Neunzigerjahren engagiert war, einen klein gewachsenen Techniker, der hieß Ralph. Er nannte sich selber Ralpi und stellte sich immer vor mit den Worten: »Tach, ick bin der Ralpi aus’m Wedding.« Und Ralpi aus dem Wedding war eine Legende an der Schaubühne, weil er einen Sturz aus der Rasterdecke auf die offene Bühne überlebt hatte. Er war immer mit einem aberwitzigen Werkzeugwagen unterwegs, auf dem er alles peinlich genau eingeteilt hatte. Eine unglaubliche Ordnung. Auf diesem Werkzeugwagen befand sich eine funktionierende Kaffeemaschine mit frischer Milch und erstklassigem Kaffee. Es musste das Beste sein. Wenn man gefragt hat, ob man unter Umständen einmal den Kaffee zahlen dürfte, war dieser Mensch tödlich beleidigt. Die einzige Bedingung, und da wurde er ebenso ungehalten, wie wenn man ihm Bezahlung angeboten hat: Man hatte grundsätzlich Löffel, Milch, alles, was dazugehört, wieder so hinzulegen, wie es dagestanden hatte, ganz präzise.

Eines Tages wollte ich meine Mutter besuchen, Hedda Gabler stand auf dem Programm. Die Türe zur Bühne stand offen, es war nicht viel Betrieb, und drinnen machte Ralpi mit einem jüngeren Kollegen gemeinsam das Bühnenbild sauber und richtete alles für die Vorstellung her. Ich gehe hinein und sage: Hallo Ralpi! Wo ist denn meine Mutter? … Und plötzlich sieht Ralpi, wie der jüngere Kollege den Staub, der da zusammengekehrt war, einfach unter das Sofa wischt. Worauf Ralpi dem auf gut Berlinerisch sagt: Was machst du da? Was soll denn das werden? Worauf der sagt: Na ja, ich schieb das halt drunter. Das ist ja nur das Bühnenbild. Da sagt Ralpi: Nee, mein Freund. Das hier ist keine Bühne. Das ist das Wohnzimmer von Hedda Gabler, und das ist sauber. Jetzt räum das bitte hier raus, aber flockig!

Das sind Theaterfanatiker, die man nur lieben kann. Auch wenn das Publikum niemals sehen würde, wo der Staub ist, aber irgendwo daruntergekehrten Staub gibt es nicht.

Als Kind war ich bei Proben nie dabei. Das hätten meine Eltern nicht gewollt. 1979/80 war ich im Halbinternat, bei den Schotten in der Nähe des Burgtheaters, und blieb nach der Schule, wenn ich auf meine Mutter wartete oder wenn sie eine Vorstellung spielte, gleich im Theater und machte in ihrer Garderobe meine Aufgaben. Alle waren sehr nett zu mir. Ich kann mich an Verhaltensweisen der Menschen von damals mir gegenüber erinnern, weil ich sie jetzt an meinem eigenen Sohn sehe. Er bekommt das Theater als einen Ort mit, an dem grundsätzlich gut miteinander umgegangen wird. Jetzt erinnere ich mich anhand seiner Kindheit an meine eigene.

Vor Premieren wurde ich von meinem Kindermädchen sehr abgeschirmt. Später war mir dann klar, dass meine Mutter mehr oder minder nicht mehr auf diesem Planeten war, je näher die Premiere rückte. Wie wir alle, mir geht es heute genauso. Meine Mutter hat mir das auch erklärt und hat es offensichtlich besser gemacht als ihre Mutter. Die war einfach weg. Mir aber wurden die Gesetzmäßigkeiten erklärt, so wusste ich, in welchem Zustand sie ist bzw. sein muss.

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Mit Mutter Elisabeth Orth, 1971

Ich habe auch die unendliche Bewunderung und Respektsbezeugung, wie man sie als Schauspieler wahrscheinlich nur in Österreich erfährt, mitbekommen und war maßlos stolz darauf. Aber ich habe relativ früh erkannt, dass Schauspieler kein Wohlfühlberuf und kein sozialer Beruf ist. Denn es ist im Grunde vollkommen uninteressant, wie wir uns fühlen. Als ich am Anfang meiner eigenen Bühnentätigkeit mit meiner Mutter darüber geredet habe, hat sie gesagt: Es ist egal, woran du auf der Bühne denkst, nur denken musst du. Es gibt Leute, die bringen ein Publikum zum Heulen, wenn sie an ein Wurstbrot denken. Das Denken allein, die Intensität nimmt der Zuschauer wahr, nicht wie ich mich fühle.

Es ist auch kein sozialer Beruf im Sinne von »Wir haben uns lieb und fassen uns alle an den Händen und sind eine Gemeinschaft«. Denn jeder kämpft um die bessere Rolle. Konkurrenz gibt es immer. An der Schaubühne in Berlin war es eine merkwürdige Situation, ständig gesagt zu bekommen, dass es ein gemeinschaftlich geführtes Theater ist und dass alle gleich sind. Trotzdem haben immer nur diejenigen größere Rollen gespielt, die ein bisschen gleicher waren. Das ist an jedem Theater so, weil es hier um Talent und Könnerschaft geht.

Diese altmodischen Kämpfe, wer hat die beste Pointe auf der Bühne – da gab es ja legendäre Auseinandersetzungen –, können ganz lustig sein. In Wirklichkeit ist dieses Verhalten stückstörend, teilweise gedanken- und textvernichtend, weil es dann um nichts anderes mehr geht. Ich weiß heute: Je mehr ich den Kollegen leben lasse, desto besser komme ich selbst heraus.

In meinem Elternhaus gab es unendliche Gespräche über Theater. Es wurde natürlich auch über Kollegen geredet: was der wieder macht oder nicht, ob er es gut macht oder nicht. Bei den Telefongesprächen zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter – der Rekord liegt bei drei Stunden – kamen sie vom Hundertsten ins Tausendste. Es gab kaum ein Gespräch, bei dem meine Großmutter nicht irgendwann einmal in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gelandet ist mit ihren Erzählungen und meine Mutter sich nicht über die Nazizeit aufgeregt hat. Oder es ging um Tagespolitisches am Burgtheater.

Es wurde so viel über Politik geredet, weil meine Mutter und auch mein Vater generell politisch hochinteressiert waren. Auch an Israel. Das kommt aus der grundsätzlichen Beschäftigung meiner Mutter mit der Nazizeit. Sie erzählte, dass sie einfach aus Respekt, aus Wiedergutmachungswunsch sehr pro-israelisch eingestellt war. Aber diese Einstellung hat sich mit den Jahren durch verschiedenste Begegnungen, die wir beide hatten, in eine objektivere Haltung gewandelt. Die Existenz dieses Staates hat die eigene Schuldfrage ein bisschen erleichtert. Das ändert sich dann, wenn man merkt, dass diese Legende auch negative Seiten hat.

Ich bin nach wie vor ein großer Israel-Freund. Aber man muss sich daran gewöhnen, dass es ein normales Land geworden ist, das sich trotz alledem noch im Kriegszustand befindet. Ich habe dort unfassbar nette Menschen kennengelernt, aber man muss dem Staat Israel gegenüber kritisch sein dürfen, auch wenn man das Land liebt. Man kann viel Negatives über Israel sagen, aber die Haltung der Israelis muss allen klar sein: Wir sind genug geprügelt worden, wir gehen hier nicht mehr weg. Schluss.

Ich war vor Kurzem mit meiner Familie wieder in Israel, und es war eine Riesenüberraschung zu sehen, dass die Orthodoxen und teilweise Ultraorthodoxen das Straßenbild von Jerusalem prägen, während sie früher eigentlich nur im Orthodoxen-Viertel Mea Shearim zu sehen waren. Die Stadt ist schön, und sie hat allein schon durch ihre Vielfältigkeit eine sehr starke Wirkung. Vor 20 Jahren war das anders. Jerusalem ist sehr konservativ geworden. Vor allem im Gegensatz zu Tel Aviv, das umso säkularer ist. Tel Aviv ist eine Stadt, in der ich zumindest für ein paar Jahre leben könnte, die offen und frei ist, die unglaublich viel bietet. Ich kann durch eine Allee gehen, da sieht es aus wie in Grinzing unter den Bäumen, und ich gehe um die Ecke und stehe in Ostberlin, weil die Bauten aus der gleichen Zeit stammen. Natürlich hat man auch den Strand, und es ist alles offen, weit und klar. Diese beiden Städte, Jerusalem und Tel Aviv, das sind zwei Welten, sie unterscheiden sich wie Feuer und Wasser.

Die Freundlichkeit der Menschen ist nach wie vor groß. Erstaunlich, wie wenig an mögliche Bomben gedacht wird. Man lebt einfach und mit Lust. In Tel Aviv geht jede Nacht die Post ab. Natürlich haben die Menschen Angst. Aber sie können mit dieser Angst aus Gewohnheit ganz gut umgehen. Alle sind sofort vorsichtig und hellhörig, wenn irgendetwas passiert, die Bedrohung ist ständig da. Wenn Netanjahu argumentiert, wir haben die Mauer erfolgreich gegen palästinensische Übergriffe gebaut, dann ist es sehr schwer, sie als ein Unding zu bezeichnen.

Ich habe einen wunderbaren, langjährigen Freund, den ehemaligen Chefredakteur der Jerusalem Post, Ari Rath, der heute ein 87-jähriger Mann ist. Er ist 1938 als 13-Jähriger allein mit seinem Bruder nach Israel emigriert. Auch dieser Bruder, Meshulam, lebt noch, ich habe ihn kennengelernt, er ist heute 91. Die beiden Brüder hatten, als sie ankamen, beschlossen (und das war damals in Palästina, also noch nicht im Staat Israel), dass sie ab jetzt nur mehr Hebräisch miteinander sprechen werden, was sie bis zum heutigen Tag einhalten, obwohl ihre Muttersprache Deutsch ist. Ihr Vater war im KZ, hat aber überlebt. Die Mutter hat sich umgebracht, als sie noch Kinder waren.

Ari habe ich durch meine Mutter auf einer Demonstration in der Waldheim-Zeit kennengelernt. Er ließ sich überreden, wieder nach Österreich zu kommen, weil ihm die Affäre Waldheim wichtig war, und hat auch mit Waldheim selber geredet. Er wurde immer wieder eingeladen. Seither verbindet uns eine gute Freundschaft. Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben, ihr Titel: Ari heißt Löwe. Ich durfte sie beim Bundespräsidenten und im Unterrichtsministerium vorstellen.

Durch Ari Rath habe ich die Haltung eines Israeli kennengelernt, der bei der Staatsgründung dabei war, der sämtliche Kriege miterlebt und der immer für Frieden argumentiert hat. Auch um den Preis, dass man die eigene Legende, die sich um die Gründung des Staates Israel gebildet hat, anschwärzen muss. Er gehört zu denjenigen, die sagen: Wenn ihr Hass schürt, die Siedlungen erweitert und die Mauer baut, wird es keinen Frieden geben.

Mein Vater war ein sehr konservativer Mensch. Er war in einem ähnlichen Verein wie Waldheim und als ganz junger Mann Bereiter bei der SA. Meine Mutter hat mir immer erzählt, bei ihm sei keine politische Überzeugung dahinter gewesen, sondern die SA habe meinem Vater das Hobby Reiten finanziert. Seine Eltern hatten selber kaum ein Einkommen, und man war auf diese Weise in Sicherheit.

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Becket oder die Ehre Gottes: Wolfgang Gasser, Hanns Obonya, Wolfgang Schauer, Michael Janisch (oben, v.l.n.r.); Hanns Obonya bei Dreharbeiten zur TV-Serie Der Kurier der Kaiserin (unten)

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Wasserspiele mit dem Vater

Mein Vater hat dann den Krieg am eigenen Leib miterlebt. Ich kann mich dunkel an Schreie in der Nacht erinnern, weil er schlecht geträumt hat, denn er war in Russland dabei. Er hat meiner Mutter erzählt, dass er damals tatsächlich die Moskauer Straßenbahn schon durchs Fernglas sehen konnte. Da war er 22 Jahre alt, ein ganz normaler junger Mann, wie alle anderen auch. Als er auf der Flucht einmal übernachtete, wollte er auf einem Feld Schutz unter Büschen suchen. Aber als er aufwachte, waren das keine Büsche, sondern die Leichen seiner Kameraden, denn er hatte sich auf einem Schlachtfeld versteckt. Ganz früh hat er alle Zähne durch Skorbut verloren. Er kannte den Krieg, und das hat ihn sehr verändert.

image Der Vater von Cornelius Obonya war der Schauspieler Hanns Obonya, geboren 1922, Ensemblemitglied am Burgtheater, der ab den Sechzigerjahren auch regelmäßig bei den Salzburger Festspielen zu sehen war, unter anderem als Armer Nachbar im Jedermann.

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Behütet von den Eltern und dem Kindermädchen Trude Prohaska

Die letzte seiner zahlreichen Fernsehrollen hatte er in Peter Turrinis Alpensaga. Wie jetzt sein Sohn Cornelius war auch er ein beliebter Sprecher in Radioproduktionen. Hanns Obonya starb an Krebs, als sein Sohn neun Jahre alt war. Cornelius Obonya wuchs als Einzelkind auf, hat aber aus den beiden früheren Ehen seines Vaters zwei Halbbrüder. Mit einem von ihnen steht er in gutem Kontakt. Der 70-Jährige hatte selbst schon einen Sohn, bevor Cornelius geboren wurde, sodass dieser bei seiner Geburt schon Onkel war. image

Es gibt so Weniges von meinem Vater, an das ich mich konkret erinnern kann. Wenn ich Fotos von ihm sehe, kommt das damalige Gefühl zurück. Zum Beispiel, dass mein Vater mit mir in einem kleinen aufblasbaren, runden Bassin auf der Terrasse sitzt, als ich drei, vier war. Genauso wie ich das auf dieser Terrasse dann später mit meinem Sohn gemacht habe.

Heute lebe ich mit meiner Familie wieder in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, weil ich dieses Haus über alles liebe. Aber wir haben es komplett umgebaut. Wenn unser Sohn Attila irgendwo im Garten auf der Wiese spielt, sehe ich mich selbst.

Als meine Mutter uns ihr Haus übergeben hat, habe ich ihre Liebe zur Gartenarbeit nicht übernommen, obwohl sowohl mein Großvater als auch meine Mutter Gartenarbeitsfexe sind, wie auch meine Frau. Daher war es eine Bedingung meiner Mutter bei der Übergabe des Hauses, dass sie kommen und die Gartenarbeit machen darf. Sie hat die Liebe zum Land schon als Kind am Grundlsee gelernt. Meine Mutter hat ein kleines Büchlein über das Ausseerland geschrieben: An meine Gegend. Darin gibt es ein Foto, auf dem meine Großeltern zu sehen sind im alten, offenen Horch meines Großvaters, mit einem Gepäckanhänger, der das Design des Autos fortsetzte. Und im Fond schaut meine Mutter als kleines Mädchen heraus in die Kamera. Da waren die beiden anderen Schwestern noch nicht geboren. Das müssen die Sommerurlaube gewesen sein, von denen meine Mutter erzählt hat: Da gab es keine befestigten Straßen. Zum Grundlsee zu fahren, war ein Abenteuer.

An die Eltern meines Vaters kann ich mich nur vage erinnern. Da ist nur die Erinnerung an eine dunkle Wohnung und an einen großen Hund namens Diana, die Erinnerung an einen größeren, glatzköpfigen Mann und an eine kleinere, weißhaarige Frau, die beide sehr früh gestorben sind.

An die Eltern meiner Mutter habe ich natürlich viele Erinnerungen. Meine Großmutter Paula ist immer die Distanzierte gewesen. Keine Zuckerloma. Ich habe sie als Kind geliebt, bin auch, sobald ich laufen konnte, auf sie zugerannt – wie man mir erzählt hat –, ich kann mich aber an kein Gefühl dazu erinnern. Der Herzliche war mein Großvater. Wir haben sie Nonno und Nonna genannt, die italienische Form. Meine Tante Christiane Hörbiger hat, als der Sohn Luca ihres Sohnes Sascha geboren wurde, auch auf Nonno und Nonna bestanden. Meine Mutter hat das, als mein Sohn Attila geboren wurde, abgelehnt. Sie hat sich selber das hebräische Safta ausgesucht.

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Die kleine Elisabeth mit ihren Eltern auf der Fahrt zum Grundlsee

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An die Eltern des Vaters gibt es wenige Erinnerungen.

Ein grundsätzlicher Wesenszug meiner Großmutter Paula war die Distanz. Ich glaube, sie hatte mehr Schutzbedürfnis, als ich mir als Kind vorstellen konnte. Mittlerweile verstehe ich es besser.

Es gab Wesenszüge, die mir vollständig fremd waren. Das ist mit Sicherheit eine Generationenfrage. Ein Beispiel: Ich habe mich mit 20 Jahren in einem Interview sehr offen darüber ausgelassen, wie meine Großmutter jetzt ist. Da ich damals dieses Interview fatalerweise nicht gegengelesen und mich auch nicht beraten habe, obwohl ich das sowohl hätte tun können als auch hätte tun müssen, kamen Formulierungen vor wie »Die Oma spielt jetzt nur noch Archivar zu Hause«. Das hatte damit zu tun, dass sie damals ihre Dinge geordnet hat. Ich habe das nicht so formuliert, sondern die Journalistin, die das geschrieben hat. Dadurch, dass diese Formulierungen aber in der Zeitung standen, gab es Krach.

Meine Großmutter hat mir auch sehr übel genommen, dass ich ganz offen gesagt habe, dass sie unsympathische Rollen immer abgelehnt hatte. Das entsprach zwar der Wahrheit, für meine Großmutter war das aber etwas, was sie so nie unterschrieben hätte, wenn es von anderen kam. Wenn sie es selber sagte, war es kein Problem.

Sie hat von mir verlangt, mich zu entschuldigen. Das wollte ich gerne tun, weil ich den Fehler einsah, den ich gemacht hatte, dass man Dinge nicht so offen formuliert, weil sie der andere, der davon betroffen ist, nicht so hören möchte, sie nicht so an die Öffentlichkeit lässt. Diesen Fehler habe ich mit 20 gemacht und ich habe mich entschuldigt. Oder zumindest einen Brief geschrieben, der erklärte, warum es mir passiert ist, dass ich das sicher so nie wieder tun würde und dass ich auch nur dazulernen kann. Da wir beide zu dem Zeitpunkt in Aussee waren, war es naheliegend, dass ich ihr den Brief einfach bringe. Das habe ich getan, und meine Großmutter hat von mir verlangt, ich möge ihn ihr vorlesen. Das war natürlich ein Gang nach Canossa. Als ich ansetzte und ihn ihr tatsächlich vorlas, hat sie mich nach drei Sätzen unterbrochen: Sie möchte das nicht weiter hören, weil diesen Brief kann ich unmöglich so selber geschrieben haben. Das sei von jemand anderem formuliert.

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Paula Wessely war keine Zuckerloma

Also habe ich den Brief wieder mitgenommen. Da hat auch ein Vertrauensbruch stattgefunden im Sinne von: Wie kann die eigene Großmutter dem Enkel so misstrauen? Abgesehen davon, dass ich empört war, dass sie mir nicht zutraute, der deutschen Sprache mächtig zu sein. Ich war ja keine dreizehn mehr, ich war 20 Jahre alt.

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Drei Generationen im Gespräch

Jahre später, als meine Großmutter schon sehr viel älter war, saß ich mit ihr in Grinzing an einem Gartentisch und sagte: Darf ich das von damals noch einmal ansprechen? Sie hat dann ganz genau gewusst, ich war damals 20 und ein bisschen zu blöd, und sie war nur sehr böse auf mich und konnte nicht aus ihrer Haut. Das haben wir uns so gesagt, und damit war das Thema erledigt.

Ich habe sie einmal gefragt, ob sie verstanden hatte und ihr bewusst gewesen war, welchen Text sie in dem Heimkehr-Film sprach. Ich habe diesen Film bis heute nicht vollständig gesehen, kenne nur die neuralgischen Stellen aus Tausenden Erzählungen sowohl von meiner Mutter als auch von anderen Leuten. Da hat sie nur gesagt: »Ja.« Das war das Gespräch. Das Nachfragen erschien mir zu dem Zeitpunkt nicht möglich. Wäre das die Zuckerlgroßmutter der Kinderzeit gewesen, zu der ich von vornherein ein anderes Vertrauen gefasst hätte, hätte ich mit ihr über diese Dinge anders geredet.

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Mit Großvater Attila Hörbiger

Mit meinem Großvater habe ich nie über die Nazizeit gesprochen, sein Faszinosum war eher die Monarchie. Es war auch merkwürdigerweise kein Thema zwischen uns, weil es mir selber so ging wie vielen anderen: Obwohl mein Großvater auch in Heimkehr mitgespielt hat, wird das gar nicht so wahrgenommen wie bei meiner Großmutter. Ich habe das Problem der Nazizeit auch gefühlsmäßig mit ihr identifiziert, nicht mit meinem Großvater.

Im Grunde sind beide klassische Karrieremitläufer, auch aus einer gewissen Haltung heraus, die ich aus heutiger Sicht nicht verstehen kann: dass man sich als Künstler für Politik weder interessierte noch einsetzte. Es ging natürlich auch um Angst. Was passiert, wenn ich etwas ablehne? Meine Großmutter konnte nicht sagen: Ich weiß ganz genau, was mir passieren wird. Das wusste niemand.

Eine Verurteilung kann gar nicht stattfinden, weil die Voraussetzungen heute vollkommen andere sind. Die Bewunderung allerdings für die Menschen, die in der damaligen Zeit die für uns heute logische und richtige Entscheidung, nämlich entweder zu gehen oder sich zu wehren, getroffen haben, ist umso größer. Wir jedoch wissen, was diese Menschen damals nicht wissen konnten. Mit diesem Wissen bin ich aufgewachsen. Allerdings, was getan werden muss, ist eine klare Nachfrage und auch das Erbitten an diese Generation, 40, 50, 60 Jahre später klar zu sagen, was sie damals getan haben.

Von meiner Großmutter gibt es ein berühmtes Statement, mit dem sie sich dazu geäußert hat. Aber sie hatte Angst vor den Reaktionen, wenn sie die volle Wahrheit sagen würde. Das Stück Burgtheater von Elfriede Jelinek und die damit verbundenen Zeitungsartikel konnten nur so stattfinden, weil es keine vollständig klare Formulierung von ihr gab. Sie hatte Angst davor. Da hätte sie früher einmal wacher durch die Welt gehen und mit der Außenwelt kommunizieren müssen, um zu erkennen, dass diese Angst nicht notwendig ist. Meine Mutter hat ihr das ganz deutlich gesagt, und das war auch ein ewiger Streitpunkt zwischen den beiden. Meine Mutter ist nicht umsonst die Präsidentin der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich. Es ist ihr ein Herzensanliegen wie mir auch.

Es gibt ein Statement von Maresa Hörbiger: Sie kann sehr gut trennen zwischen der Liebe zu den Eltern und der politischen Haltung, die sie nicht teilt, die sie ablehnt. Ich glaube, auch meine Mutter trennt das. Ich denke, man kann es, man muss es. Die Liebe, die ein Kind von den Eltern bekommen hat, ist unumbringbar.

Meine Mutter war meiner Großmutter gegenüber ganz offensiv in ihrer Art, Dinge zu diskutieren. So habe ich es erlebt. Die beiden waren sich letztendlich sehr, sehr ähnlich. Auch meine Mutter hat eine Art von Distanzgefühl Menschen gegenüber. Was gut ist. Teilweise ist das gut.

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Nonna und Nonno

Es gab Situationen, in denen meine Großmutter Paula lockerer wurde. Wenn sie sich besonders sicher fühlte, sicher vor anderen Menschen, sicher, nur mit den Menschen zusammen zu sein, die sie betreffen, und wenn das dritte Glas Wein eine gewisse Lockerheit erzeugte, wie bei jedem anderen Menschen auch. Dann kam die Sechshauserstraße bei ihr heraus, woher sie kam, das Fleischhauermädel. Dann wurde der Ton wienerischer und deutlich freier. Wir konnten alle immer sehr über sie lachen. Das war ihre Absicht, sie hatte einen grandiosen Humor, den ich mir viel, viel öfter gewünscht hätte. Einen Humor, der auch andere Menschen betraf. Als meiner Großmutter zum Beispiel von uns hinterbracht wurde, dass der Platz vor dem Burgtheater jetzt in Josef-Meinrad-Platz umbenannt wird, folgte eine Pause, die wie immer genau das richtige Timing hatte, und dann kam in die Stille hinein: »Na, das ist auch a bisserl übertrieben.«

Meine Großmutter war eine Vielerzählerin und Langerzählerin. Ab einem gewissen Gesprächstempo schlug sie aberwitzige Volten durch die Jahrzehnte, und sämtliche Namen wurden ausgetauscht durch »die Ding« und »der Ding«. Das heißt, ab einem bestimmten Zeitpunkt konnte nur noch meine Mutter der Erzählung folgen.

Es gab so ein Gespräch an einem Vierertisch mit meiner Großmutter, meinem Großvater, meiner Mutter und mir. Mein Großvater war damals schon weit in den Achtzigern. Wir hatten gerade gegessen, und dann ging eine Suada meiner Großmutter los, die wirklich sehr informativ und wunderschön war, nur irgendwann waren die Namen nicht mehr wichtig, sondern nur noch »die Ding« und »der Ding«. Und ich stieg langsam aus.

Meine Großmutter hatte immer, wenn sie mit voller Verve erzählte, eine Angewohnheit: Sie fing an, die Dinge, die auf dem Tisch waren, zu ordnen. Beginnend bei Dingen, die bei ihr lagen, und dann auch die von Menschen, die in ihrer Nähe saßen. Das waren in diesem Fall meine Mutter und mein Großvater. Das heißt, die Ordnung am Tisch wurde immer ausufernder. Alles wurde schachbrettartig geschoben und geordnet, und je schneller die Erzählung wurde, umso schneller wurde das Ordnen. Und nun machte meine Großmutter nach einer Dreiviertelstunde Durchreden einen großen Fehler: Sie beendet einen Teil der Geschichte und atmet durch. Und zwar richtig mit Pause, da war jetzt etwas zu Ende, und dann geht es irgendwann weiter. Diese Gelegenheit nützte mein Großvater, indem er sich an der Tischkante hochzog und mit seiner Hand herüber zu meiner Großmutter kam. Er nahm ein Glas, veränderte dessen Position deutlich, ließ sich wieder zurückfallen und sagte: »Schach«.

Ich weiß noch, dass ich vor Lachen aus dem Sessel gerutscht bin. Meine Großmutter hat nicht wirklich gelacht, aber sie musste sehr, sehr schmunzeln und sie wusste, es war ein Volltreffer.

Wenn ich einen Film mit meinen Großeltern sehe, habe ich meinen Großvater, meine Großmutter eigentlich immer sehr gerne. Ein klassisches Beispiel ist Ich und meine Frau von 1953. Diesen Film habe ich mehrfach gesehen, weil ich auch die Geschichte lustig finde, die das Gegenteil der familiären Realität der beiden Personen darstellt. Komplett umgedreht. Da war nicht mein Großvater der eher zugeknöpfte Mensch und die Großmutter hat alles erlaubt, sondern es war genau umgekehrt. Das ist schon aus Familiensichtweise ein Film, bei dem ich sehr lachen kann. Der Film ist insgesamt gut. Manchmal geht mir ein gewisser Ton meiner Großmutter, der in Richtung Gesang geht, in seiner Indirektheit aus dem damaligen Spiel heraus auf die Nerven.

Andererseits habe ich eine Aufführung von O’Neills Fast ein Poet im Kopf. Da gibt es eine besondere Sprechweise meiner Großmutter, die genial ist. Weil sie da etwas genau trifft: die wissende, lächelnde Unterwürfigkeit einer Ehefrau, die aber trotzdem alles zusammenhält. Da hat sie für mich eine Grenze erreicht, bei der ich wirklich sage: Das ist nicht anders spielbar. Das ist top. Ebenso mein Großvater, den ich in diesem Stück besonders mag.

Ich höre teilweise abenteuerliche Dinge über meine Großeltern. Vor allem finde ich es sehr lustig, wenn ständig Menschen herkommen und sagen: Ich habe ja Ihre Großeltern noch gekannt und habe Sie gekannt. Einfach, weil man als Sechsjähriger in der Zeitung stand. Aber das Wort »kennen« hat seither für mich eine vollständig andere Bedeutung.

Natürlich wird man viel auf die Familie angesprochen, und jetzt beginnen auch die blöden Vergleiche zwischen mir und meinem Großvater, denn auch er hat den Rappelkopf am Burgtheater und den Jedermann in Salzburg gespielt. Am Anfang meiner Karriere hat das niemand gemacht, erst jetzt, wo ich es wage, auch Rollen meines Großvaters zu spielen. Anscheinend werde ich ihm ähnlicher. Meine Mutter behauptet, wenn sie mich auf der Bühne sieht, dann sieht sie eine unfassbare Mischung aus meinem Großvater und meinem Vater. Das kann ich nicht beurteilen.

Ich habe die Familie nie als Belastung empfunden. Es gibt keinen Vorteil und es gibt keinen Nachteil. Immer schon haben wir uns innerhalb der Familie gesagt: Es gibt keine Hilfe. Denn die Familie kann mir noch so helfen, in den Beruf hineinzukommen, wenn ich dann auf der Bühne scheitere, dann scheitere ich ganz allein für mich. Es hat aber auch niemand von der Familie gesagt: Das würde ich an deiner Stelle nicht wagen, denn wenn du scheiterst, fällt das auch auf uns zurück. Auch das gab es nicht.

Trotzdem: Ich bin ein geborener Hörbiger, habe aber zwei Geburtsurkunden. Weil ich ein Jahr unehelich war, lautet meine erste Geburtsurkunde auf Cornelius Hörbiger. Wäre das so geblieben, hätte ich selbstverständlich meinen Namen geändert.

Die Verkleidungskiste
aus der Kindheit

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