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Irma Gräfin Sztáray

Aus den letzten Jahren der
Kaiserin Elisabeth

Irma Gräfin Sztáray

Aus den letzten Jahren der

Kaiserin
Elisabeth

Mit einem Vorwort

von

Brigitte Hamann

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Der Text dieser Neuauflage entspricht dem der Originalausgabe von 1909, die für Österreich-Ungarn und Bosnien-Herzegowina bei Adolf Holzhausen in Wien, für das Deutsche Reich und die übrigen Länder bei Wilhelm Engelmann in Leipzig erschienen ist.

Der Übersichtlichkeit wegen wurden die Ereignisse den entsprechenden Jahren zugeordnet, außerdem Druckfehler korrigiert.

Der Verlag dankt an dieser Stelle dem Antiquariat Heinemann, Starnberg, das diese Ausgabe freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Sonderproduktion 1. Auflage 2005

© 2004 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Wolfgang Heinzel
unter Verwendung des Originalschutzumschlages
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11/14,5 Punkt Janson BQ Roman
Druck und Bindung: Ueberreuter Buchproduktion, Korneuburg
Printed in Austria
ISBN 3-85002-921-2
eISBN 978-3-902862-66-2

Inhalt

Vorwort zur Neuauflage

Vorwort

1894

1895

1896

1897

1898

Register

Vorwort zur Neuauflage

Dieses Buch erschien in Wien zum ersten Mal 1909, elf Jahre nach Elisabeths Tod. Die Autorin, Gräfin Irma Sztáray von Sztára und Nagy-Mihály, war wie keine andere befugt, über die letzten Lebensjahre der Kaiserin zu berichten. Denn sie war am 10. September 1898 als begleitende Hofdame die erste und wichtigste Augenzeugin der Mordtat am Ufer des Genfer Sees. In ihren Armen starb die sechzigjährige Elisabeth, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn. Sztáray war auch bei der Obduktion anwesend und mußte schließlich dem Kaiser in Wien Bericht erstatten über die Einzelheiten und Umstände des Todes.

Hofdame der Kaiserin Elisabeth zu sein, war in den neunziger Jahren alles andere als glamourös. Seit dem Selbstmord ihres einzigen Sohnes Rudolf 1889 mied Elisabeth mehr denn je die Öffentlichkeit, ließ sich in Wien kaum noch sehen und reiste – stets schwarz gekleidet – mit nur wenigen Begleitern inkognito durch Europa. Spätestens seit 1889 gab es massive Gerüchte, sie sei geisteskrank. Rasch wurden Parallelen gezogen zu ihrem »Königsvetter« Ludwig II. und dessen Bruder und Nachfolger, König Otto, der in einer Anstalt verwahrt werden mußte. Aber diese genetische Disposition stammte nicht von gemeinsamen Vorfahren, war also irrelevant. Elisabeths Familienerbe – wie das ihrer Schwestern – war eindeutig die Melancholie: Hoffnungslosigkeit, Hang zu Einsamkeit, Depressionen, Angst vor Menschen. Diesen Qualen suchte sie durch körperliche Ertüchtigung zu begegnen, vor allem in stundenlangen täglichen Gewaltmärschen bei Wind und Wetter und in raschem Tempo.

An Hofbällen und eleganten gesellschaftlichen Ereignissen nahm Elisabeth längst nicht mehr teil. Die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände für die Hofdame der Kaiserin waren nicht etwa elegante Kleider, sondern gutes Schuhwerk, Regenkleidung und wetterfeste Hüte. Sie mußte eine robuste Natur haben, um körperliche Strapazen auszuhalten – und höchst genügsam sein, was das Essen betraf. Denn da Elisabeth in Rücksicht auf ihre Figur äußerst wenig aß, hungerte auch die diensthabende Hofdame.

Außerdem wollte Elisabeth, wie sie bereits in den sechziger Jahren als stolze Königin von Ungarn durchgesetzt hatte, nur eine ungarische Hofdame haben. Sie sprach auch in Wien grundsätzlich ungarisch, sogar mit ihrem Ehemann Kaiser Franz Joseph und ihren Kindern. Aber die alten ungarischen Getreuen waren längst müde geworden: Elisabeths beste Freundin und Vorleserin Ida Ferenczy war zu schwach für Reisestrapazen. Nach zwanzig Dienstjahren gab auch die Hofdame Gräfin Marie Festetics 1891 erschöpft auf. Ihre Nachfolgerin, die junge Gräfin Janka Mikes, stellte 1894, als sie heiraten wollte, der Kaiserin die damals knapp 30jährige unverheiratete Gräfin Irma Sztáray als passende Begleiterin für Elisabeths geplante Winterreise vor. Die Reise auf der kaiserlichen Yacht »Miramare« führte über Marseille nach Algier, von dort an die Riviera, dann nach Korsika, Neapel und schließlich für einen längeren Aufenthalt nach Korfu.

Irma erwies sich als ruhig, geduldig und ausdauernd – und war der Kaiserin schwärmerisch ergeben. Da Elisabeth es zeitlebens haßte, Briefe zu schreiben, übernahm die Hofdame bald auch die Korrespondenz und schickte vor allem dem Kaiser regelmäßig ausführliche Berichte über die Stationen der Reisen und Elisabeths oft besorgniserregenden gesundheitlichen Zustand.

Vom ersten Tag an berichtete die Gräfin auch fleißig ihrer Familie über ihre Erlebnisse mit der Kaiserin. Diese Briefe machte sie später, nun 45 Jahre alt, zur Grundlage des vorliegenden Buches, das selbstverständlich eine kritiklose Hymne auf die tote Kaiserin ist und die oft trostlose Realität verschönt und im nachhinein idealisiert. Wie die Realität aussah, kann man eher dem Tagebuch von Elisabeths jüngster Tochter, Erzherzogin Marie Valérie, entnehmen, so der Eintragung vom 13. Mai 1898: »… die tiefe Traurigkeit, die Mama früher doch nur zeitweilig umfing, verläßt sie jetzt nie mehr. Da gibt es keinen, auch nur vorübergehenden Sonnenblick mehr – alles ist düster, trostlos. – Die beiden Worte: hoffen und sich freuen, hat Mama für immer aus ihrem Leben gestrichen, sagt sie. Ihre physische Kraft war eben ihre größte Freude – und diese Kraft hat sie verlassen.«

Trotz aller romantischen Verklärung sind in diesem Buch viele wichtige Einzelheiten über Elisabeths Eigenarten zu finden. Berührend die Szene, wie Elisabeth mit Irma Sztáray unerkannt durch München streifte, auf der Maximilianstraße vor dem ehemaligen Familienpalais stehenblieb und zu den Fenstern ihres Mädchenzimmers hinaufschaute. Irma erwähnt auch einige für Elisabeth typische Späße, so wenn sie mit ihrem Griechischlehrer in griechisch über die anwesende verständnislose Hofdame sprach – und mit dieser in ungarisch über den anwesenden ebenso wenig verstehenden Griechen. Dieses Spiel liebte sie auch in Wien, wo sie Ungarisch als Geheimsprache der Eingeweihten handhabte – und als Mittel, um die wenig geschätzte böhmische Aristokratie auszugrenzen.

Einen großen Teil des Buches nehmen naturgemäß die letzten Tage in der Schweiz ein: »Sie verblutete sich nach innen; Schmerzen hatte sie keine und ohne den Tod zu ahnen, betrat sie die Schwelle der Ewigkeit.« Irma schildert auch die eindrucksvolle Begegnung mit dem Witwer Kaiser Franz Joseph, der der Hofdame als ganz außerordentliche Geste zweimal die Hand küßte. Denn es war die Hand, die seiner toten »Engels-Sisi« die Augen zugedrückt hatte.

In ihrer Bescheidenheit erwähnt Irma Sztáray nicht die ihren Rang weit überragende Ehrung, mit der ihr der Kaiser seinen Dank für treue Dienste aussprach: Sie erhielt als erste den von ihm gestifteten neuen Elisabeth-Orden in der höchsten Klasse, dem Großkreuz.

Gräfin Irma Sztáray starb am 3. September 1940 auf dem Familiensitz Szobráncz in Ungarn unverheiratet im Alter von 76 Jahren. 42 Jahre waren seit dem Genfer Attentat vergangen, Jahre, die Irma ganz dem Andenken an ihre Königin widmete, der sie die aufregendsten Jahre ihres Lebens verdankte.

April 2004Brigitte Hamann

image Vorwort image

Die Jahre eilen. Und wie sie vorüberziehen, ist’s mir, als würde der Lufthauch, den ihre rauschenden Fittiche mir zuwehen, immer kühler.

Mich fröstelt. Der feuchte Herbst, der kalte Winter senden mir, ganz nahe schon, ihre traurigen Grüße zu. Ich muß eilen, denn auch das Leben eilt.

Unter solchen Gedanken suchte ich die Briefe hervor, die ich an meine Mutter geschrieben, und will versuchen, sie für ein Buch der Pietät zu benützen, dessen Niederschrift ich mir in den schwersten Stunden meines Lebens angelobt habe.

Die Briefe stammen sämtlich aus den Tagen, in denen ich im Dienste unserer erhabenen Frau, der Kaiserin und Königin Elisabeth gestanden; ihnen sind diese Aufzeichnungen entnommen und geleiten sie treu bis an das Grab.

Ich weiß, daß meine Feder schwach ist, und habe dennoch das Gefühl, daß es gut war, diese Arbeit zu tun.

Der Glückliche, dem es dereinst vergönnt sein wird, die erhabene Gestalt unserer Herrscherin in der vollen Wahrheit ihrer strahlend poetischen Erscheinung für die Nachwelt zu verewigen, mag auch diese bescheidenen Aufzeichnungen zur Hand nehmen, er wird ihnen Züge entlehnen, ohne die ihr Bild nicht vollständig wäre, er wird da Offenbarungen finden, die aus der Tiefe ihrer gesegneten Seele emporgeschwebt sind. Mir ist es ein beglückendes Bewußtsein, auf solche Weise Mitarbeiterin jenes glücklichen Künstlers zu werden und bei einer würdigen Darstellung der Gestalt unserer Kaiserin durch meine schwärmerische Liebe für sie werktätig zu sein.

Szobráncz, 10. September 1909

Irma Gräfin Sztáray

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Ein Brief aus Ischl. Noch niemals brachte mir die Post eine freudigere Botschaft. Was ich nach dem Lesen dieses Briefes empfand, kann nur der ermessen, dem es zumindest einmal gegeben ward, ein stillgehegtes heißes Verlangen urplötzlich, wie auf ein Zauberwort, erfüllt zu sehen.

Immer wieder durchlas ich den Brief und ich fühlte, daß meine Sonne den Zenith erreicht hatte.

Hätte in diesem Augenblicke das Buch des Schicksals vor mir gelegen, es wäre mir vielleicht gar nicht eingefallen, hineinzublicken, so sehr bemächtigte sich meiner die Fülle der Gegenwart. Und doch gestaltete sich der Tag, an dem dieser Brief in mein stilles Szobránczer Heim flog, fast verhängnisvoll.

Ich machte in heiterer Gesellschaft einen Ausflug nach dem nahegelegenen lieblichen Meerauge. Bergab fahrend, wurde mein Kleid vom Rade erfaßt, das mich mit sich fortschleifte. Ich schwebte in Lebensgefahr. Glücklicherweise gelang es noch rechtzeitig, den Wagen zum Stillstande zu bringen. Mein Kleid war zerrissen, sonst kam ich mit dem bloßen Schreck davon.

Ich stand noch ganz unter dem Eindrucke dieses Erlebnisses, als ich, zu Hause angekommen, glücklich bewegt, den Ischler Brief las. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin ließ mich zu sich berufen und gleichzeitig befragen, ob ich Kraft genug in mir fühlte, um sie auf ihren für diesen Winter geplanten weiten Reisen zu begleiten. Ach, ich fühlte in diesem Augenblicke die Kraft, mit ihr bis ans Ende der Welt zu gehen!

Was ich antwortete?

Am nächsten Tage reiste ich nach Ischl.

In begreiflicher Befangenheit stieg ich auf dem Ischler Perron aus, von wo mich ein Hofwagen in die kaiserliche Villa brachte. Der Hof dinierte eben. Ich begab mich daher zu Frau Ida v. Ferenczy*, deren tiefinnerliches Wesen und herzlicher Empfang sehr beruhigend auf mich wirkten.

Ist es denn auch zu verwundern, dachte ich bei mir, daß ich jetzt so überaus bewegt bin? Wie aus einem Traume erwachend, stehe ich da am ersehnten Ziele! Ihr werde ich dienen dürfen, die ich bisher nur aus der Ferne mit verehrenden Gedanken begleitete! Und da ich mich heute an ihre Seite stelle, fühle ich die ganze Bedeutung dieses Augenblickes; mein Herz pocht und meine Seele bebt. Ich kenne ja die Kaiserin gar nicht.

Den Nachmittag verbrachte ich mit Gräfin Mikes, Hofdame Ihrer Majestät. Dankbar gedenke ich dessen, daß sie es war, die mir während der Spazierfahrt die ersten Weisungen für meinen künftigen Dienst erteilte.

Ich erinnere mich, daß sich mir aus dieser, auch die Details erörternden gütigen Belehrung zwei charakteristische Momente sofort in die Seele prägten.

Erstens, daß Ihre Majestät nur mit geraden, aufrichtigen Menschen sympathisiere und gerne auch ein unangenehmes Wort gestatte, wenn es nur wahr sei; weiters, daß sie mit Rücksicht auf ihre empfindlichen Nerven von ihrer Umgebung unbedingte Selbstbeherrschung und eine wohltuend wirkende Ruhe erwarte. Der ersten Bedingung glaubte ich leicht entsprechen zu können, hinsichtlich der zweiten aber vertraute ich auf Gott und gelobte mir die größte Selbstbeherrschung. Am nächsten Morgen empfing mich Gräfin Mikes mit dem Bedeuten, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach noch im Laufe des Vormittags vorgestellt werden würde, es sich daher empfehle, mich rechtzeitig bereit zu halten. Doch kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, kam schon der Befehl, wir sollten unverzüglich kommen, Ihre Majestät erwarte uns.

So geschah es, daß ich nicht einmal mehr in meine Wohnung gehen konnte; die Gräfin half mir mit ihrer Toilette aus und ich trat in fremden Kleidern zum ersten Male vor die Kaiserin.

Der große Augenblick war nun da.

Pochenden Herzens stand ich mit meiner Gefährtin an der Ecke der Villa und gleich darauf erblickte ich Ihre Majestät; sie promenierte. Unter ihrem großen weißen Schirme ergoß sich das Licht auf das aufgelöst herabwallende Haar, das wie eine schimmernde Hülle ihre königliche Gestalt umfloß. Jetzt wandte sie sich, wir näherten uns und ich wurde vorgestellt.

Sie hatte etwas in ihrem Wesen, das faszinierte. Während ihr leuchtendes trauriges Auge zum ersten Male auf mir ruhte, stand ich wie im Banne eines überirdischen Wesens und meine Seele empfand gleichsam schmerzlich ihre Minderwertigkeit und Alltäglichkeit. Ob sie es wahrnahm, weiß ich nicht, doch kam sie mir selbst zu Hilfe mit ihrem holdseligen Lächeln, das bezauberte und – befreite. Es war eine einzig unvergeßliche Audienz.

Durch Fragen, die sie an mich richtete, und durch Antworten auf meine Fragen suchte mich die hohe Frau in entzückend freundlicher Unmittelbarkeit kennenzulernen.

Meine Befangenheit schwand wie Nebeldünste im Sonnenschein. Ich fühlte die Nähe einer großen und guten Seele, die mich ermutigte, ja erhob.

Ich empfand, daß ich die Höhe ihres Fluges niemals erreichen würde, und doch fühlte ich mich durch ihre Güte wie mit emporgehoben.

Ich fühlte ihre sieghafte Macht, und schon hier, bei der ersten Begegnung, gab ich ihr meine ganze Seele zu eigen, kraft jener unwiderstehlichen Anziehungskraft der Seelen, die nach höheren Regionen streben.

Beim Abschied küßte mich die Kaiserin. Wie glücklich war ich!

Wenn sich in diesem Augenblicke der Schleier des Schicksals gehoben und ich die letzte Station dieses Kalvarienberges erblickt hätte! – Aber auch dann wäre ich mit ihr gegangen.

Noch lange sah ich der herrlichen Gestalt nach, die sich entfernte, dann ging auch ich. Und in dieser glücklichen Stunde wurde mein Schicksal besiegelt – mit schwarzem Siegel besiegelt.

Am selben Tage war ich zur Hoftafel geladen, an der jedoch die Kaiserin nicht teilnahm. Ich saß neben dem kleinen bayrischen Prinzen Konrad und ergötzte mich an ihm, denn er war ein ebenso unverfälschter kleiner Schelm wie andere Schelmchen dieses Alters, die nicht im Purpur geboren sind. Seine Erziehung war sehr streng. Er bekam keine Mehlspeise, bis er seinen Braten nicht verzehrt hatte, und mich belustigte gerade die Spitzfindigkeit, mit der Konrad diesem Zwange teils auswich, teils ihm ein Schnippchen schlug.

Einen tiefen Eindruck machte auf mich die außerordentliche Zuvorkommenheit unseres erhabenen Kaisers Damen gegenüber; er läßt diesen stets den Vortritt in den Saal und nimmt aus der Schüssel immer erst nach der präsidierenden Dame, wäre diese auch die jüngste Diensttuende.

Mit Rücksicht auf dieses Gehaben hörte ich oft die Bemerkung, daß Seine Majestät nicht nur ein großer Herrscher, sondern auch der erste Ritter sei. Aber es ist mehr als das: Es ist die ihm angeborene kaiserliche Vornehmheit!

Unsere Abreise fiel auf den ersten Tag des Dezembers. Die Burg verlassend, fuhr ich, von den guten Wünschen meiner Kolleginnen und Bekannten begleitet, zum Bahnhofe, wo einige Minuten später auch Ihre Majestäten eintrafen.

Der Kaiser verabschiedete sich mit Wärme und Herzlichkeit von der hohen Frau und reichte mir dann mit einigen gütigen Worten die Hand, worauf wir abreisten.

Mir war’s, als ob mit dem Sonderzuge das Rad des Schicksals mich dahintrüge und von diesem Augenblicke ab mein Geschick mit der Kaiserin für immer unzertrennlich verbunden wäre.

Ich erwachte an einem herrlichen Morgen. Himmel und Erde strahlten, selbst der Karst glitzerte und glänzte mit beschneitem Haupte herab auf die sommerlich lächelnde Gegend.

Ein voller Strahl dieses Leuchtens fiel auf das Tuskulum des verewigten Kaisers Maximilian, das schöne Miramare, wo wir jetzt anlangten. Noch blühten in voller Pracht die Rosen. Wie schön wäre es, hier länger zu weilen, wo die poesievolle Umgebung dem Wesen der Kaiserin so sehr entspricht! Leider blieben wir nur wenige Stunden; denn dort in der kleinen Bucht unter dem Schlosse wiegt sich schon die weiße Jacht, die »Miramare«. Sie harrt unser, uns hinauszutragen in die azurne Unendlichkeit.

Der Augenblick der Einschiffung war gekommen. Zwischen dem Spalier der Offiziere bestiegen wir das Verdeck.

Kommandant Wachtel stellt die Herren der hohen Frau vor, die für jeden einzelnen ein freundliches Wort hat, und erbittet dann die Erlaubnis, das Zeichen zur Abfahrt geben zu dürfen.

Die Kaiserin gab die Erlaubnis und begab sich sofort auf das für sie reservierte Promenadedeck, von wo sie die Abfahrt mitansah.

Von dieser ungefähr fünfzig Schritte langen Brücke betrachtete die Kaiserin das friedliche Spiel und die tosenden Kämpfe der Elemente; hier pflegte sie sich auch vorlesen zu lassen, wenn sie im Auf und Niedergehen ermüdete oder ihrer immer regen Phantasie eine andere Richtung zu geben wünschte.

Wie ich sie jetzt dort oben auf und niederschweben sah, vermochte ich nicht das Auge von ihr zu wenden. Ihrer schlanken Gestalt schienen Fittiche zu wachsen und ihr leuchtender Blick verriet, daß ihre Seele hier an der Schwelle der Unendlichkeit fessellos sich erhob, hinaus in das Unermeßliche, in das Geheimnisvolle.

Jetzt wurden die Anker gelichtet. Als ob diese Kette in meinem Herzen erklirrt wäre und mich hinweggerissen hätte aus einem sicheren ruhigen Hafen. Der schwimmende Palast verläßt leicht schaukelnd und majestätisch die Bucht, während Wasservögel in auffallend großer Zahl ruhelos das Schiff umkreisen.

Dieses geräuschvolle Flattern der Möwen und der sich soeben erhebende Wind, der noch keine Wellen wirft, aber doch schon das Meer erzittern macht, wecken meine schlimmsten Ahnungen.

Was da wohl kommen mag? Nur zu bald kam ein Sturm heran. Der Himmel weiß, woher urplötzlich die vielen Wanderwolken kamen und woher mit so wilder Kraft die Bora heranbrauste; ich sah nur, daß es brauste, stürmte und wogte, und nach kaum einer Stunde hatte unsere Jacht gegen den wütendsten Seesturm anzukämpfen.

Ihre Majestät mochte wohl fühlen, welch schwere Augenblicke ich jetzt durchlebte. Ich riß mich von meiner Vergangenheit los, fort von meinem ruhig dahinfließenden Leben, und vor mir lag die Ungewißheit, und das Meer, das große unbekannte, ist mir nicht freundlich gesinnt.

Die Kaiserin sah in meine Seele. Sie rief mich zu sich. An ihrer Seite, auf dem Verdeck auf und abwandelnd, lauschte ich mit Ergriffenheit ihren Worten. Ich fühlte, daß sie mein Gemüt erhellen wollte. Ihre Stimme war einschmeichelnd milde, ihr Wort ermutigend und liebkosend. Sie blickte mich mit gütigen Augen an, wie man es mit einem scheuen Kinde tut, wenn man mit einigen lieben Worten aus seiner Seele Kummer und Angst bannen will. Nur große, gütige Seelen verstehen es wie sie, befreiend auf das Gemüt einzuwirken. Und dies genügte ihr nicht; sie erhob meine Seele, um sie an den Ausbrüchen der Natur bewundernd teilnehmen zu lassen.

Zum Lobe des herrlichen Anblickes fand sie die köstlichsten Worte, sie sprach als geweihte Priesterin der Natur, die mit durchgeistigtem Antlitz in Sturm und Gefahr ihrer Meisterin seelenbewegendes Evangelium verkündet. »Wenden Sie sich nur ihr zu, erkennen Sie die erhabene große Vermittlerin! Sie allein spricht mir würdig von Gott. Sie allein ist meine einzige Fürsprecherin bei ihm!«

Und der Sturm tobte fort, gleichsam als eine erhabene würdige Begleitung dieser herrlichen Offenbarung. Die »Miramare« hielt sich tapfer, obschon die Situation gefahrdrohend schien, wie dies in den besorgten Mienen des wackeren Kommandanten Wachtel deutlich zu lesen war. Und hier hatte ich wieder Gelegenheit, einen Blick in die Seele der Kaiserin zu tun. Man sah, wie sie im Sturme gleichsam auflebte, daß ihr Auge bewundernd an dem wechselvollen Farbenspiele hing, das sich ihr ringsum bot, allein in Kenntnis der Verantwortlichkeit, die den Kommandanten belastete, beraubte sie sich dieses seltenen Naturschauspieles und gestattete, daß wir umkehrten und uns in den Hafen von Pola flüchteten. Hier warteten wir zwei Tage.

Der Sturm aber tobte immer stärker. Die hohe Frau wurde des Wartens müde und so kam es, daß unsere so poetisch begonnene Seereise in Form einer alltäglichen Eisenbahnfahrt von Pola nach Marseille endete, die mit dem Expreßzuge fast drei Tage währte. Die Kaiserin liebte Eisenbahnfahrten überhaupt nicht, weil sie der Bewegung und der reinen frischen Luft entbehren mußte. Sie schritt im Gange des Schlafwagens auf und nieder und blickte, unbekümmert um die Reisenden, durch die Fenster auf die vorüberziehenden, abwechslungsreichen Bilder. Oberitalien mit Venedig und dem alten Campanile, Romeos und Julias Geburtsstadt, der herrliche Gardasee mit dem Hintergrunde der Alpen, dann Mailand mit seinen schlanken Türmen erschienen und entschwanden im Nebelschleier des Herbsttages. Ab und zu kam Ihre Majestät in mein Coupé und erkundigte sich mit Interesse, ob mich die lange Reise nicht ermüde.

Sie selbst ermüdeten derlei Reisen nicht, doch machten sie sie zuweilen ungeduldig; dann ließ sie sich von ihrem griechischen Vorleser einiges vorlesen.

In Marseille kamen wir um 6 Uhr früh an. Am Abend vorher ließ mir Ihre Majestät sagen, ich sollte bereit sein, da wir in der Stadt einen größeren Spaziergang machen würden. Bei dieser Gelegenheit prüfte sie mich zum ersten Male auf meine touristische Befähigung. Wir gingen mit einem Führer nach Notre Dame de la Garde, der Wallfahrtskirche der Seeleute. Auf einem hohen Berge steht sie da, wie ein Pharus die schneebedeckten Berge und die Stadt beherrschend, weit hinausblickend ins Meer, ermutigend und jenen den Weg weisend, die mit den Wellen kämpfen.

Unser Führer machte uns auf den bereitstehenden Lift aufmerksam, allein wir erstiegen die Höhe zu Fuß.

Als wir die Kirche betraten, ließ Ihre Majestät durch mich zwei große Kerzen kaufen, zündete sie an und stellte sie wortlos vor das Bild der Mutter Gottes hin: für den Kaiser und für Valérie.

Wir traten dann hinaus auf den Platz vor der Kirche, von wo sich uns ein herrlicher Ausblick darbot. Die Kaiserin blickte nur flüchtig auf die Stadt; der Hafen und das Meer nahmen ihre Aufmerksamkeit gefangen. Sie wandte sich zu mir und wies mit der Hand auf das tief unter uns gelegene Schloß If: »Sehen Sie, dieses inspirierte Dumas zu seinem Monte Christo.«

Abwärtssteigend erfragte Ihre Majestät von unserem Führer ein Restaurant, wo wir frühstücken könnten. Der gute Mann nannte nach einigem Zögern ein solches, das hieß »zum blutigen Beefsteak« und empfahl es wärmstens. Er hielt uns natürlich für Engländer. Hieraus entwickelte sich dann eine spaßige Szene. Wir treten in das Restaurant. Ich blicke um mich und sehe mit Besorgnis, daß man hier an vornehme Damenbesuche nicht gewöhnt ist und die Anwesenden uns staunend anblicken. Es war eine echte Matrosenkneipe.

Dessenungeachtet frühstückten wir sehr gut, die Sache amüsierte Ihre Majestät und so vergaß ich meine Besorgnisse. Auch später lachten wir noch viel über diesen Fall, und ich muß gestehen, daß unsere Mitgäste, vielleicht infolge der Überraschung, oder wegen einer gewissen Empfindung, sich recht anständig betragen haben.

Nach diesem intimen Frühstück blieb uns nur mehr Zeit, an Bord zu gelangen, damit sagten wir Europa Lebewohl! Auf gute Landung in Afrika. –

Der »General Chanzy« war ein großes und schönes Schiff, das bis Algier nicht mehr als 26 Stunden brauchte.

Wir standen mit der hohen Frau auf dem Verdeck. Langsam entschwindet die Stadt unseren Augen, das Ufer zeigt sich nur mehr als ein langer schwarzer Streifen; doch von dem Turme der Notre Dame de la Garde sehen wir noch deutlich die weithin leuchtende Marienstatue mit der Krone auf dem Haupte und dem Jesuskind im Arme.

Der Golfe du Lyon verdient mit Recht seinen Ruf der Gefährlichkeit und Unverläßlichkeit. Das Meer, zuvor noch spiegelglatt, ließ nach kaum einer Stunde unser Schiff schon ganz gehörig tanzen.

Ich hielt mich möglichst lange tapfer, das Schäumen und das wechselnde Farbenspiel der Wogen betrachtend, bis ich selbst die Farbe wechselte und an den schleunigen Rückzug denken mußte. Ihre Majestät bemitleidete mich mit gütigem Lächeln, namentlich weil ich mein Auge an den wilden Szenen des Sturmes nicht mehr weiden konnte. Sie widerstand wunderbar der Wellenbewegung und Seekrankheit war ihr unbekannt.

Es kam vor, daß sie sich anbinden ließ, um nicht hinweggespült zu werden und so unbehindert die Großartigkeit des Wellenkampfes bewundern zu können. –

Afrika empfing uns nicht mit sonderlicher Gastfreundschaft. Das Ufer verbarg sich im Nebel, das nahe Gebirge in den Wolken, bloß der vom Bergeshange her weißleuchtende arabische Stadtteil Algiers bietet dem Auge einen Ruhepunkt. Unsere Wohnung war in dem auf Mustapha supérieur gelegenen Hotel Splendide bestellt, wohin wir uns jetzt zu Wagen, auf einer schön geführten, aber stellenweise etwas steilen Serpentine begaben. Gelegentlich dieser etwa halbstündigen Wagenfahrt gewahrte ich mit Überraschung, daß unsere Kaiserin, die bekannt kühne Reiterin, im Wagen sitzend, nervöse Ängstlichkeit verriet. Es gab einen Augenblick, da hing es nur an einem Haare, daß sie nicht aus dem Wagen sprang, aus quälender Angst, die Pferde könnten den Dienst versagen und der Wagen die abschüssige Bahn zurückrollen.

In solchen Momenten mußte ihre Begleiterin um so mehr Kaltblütigkeit bewahren. Die Nerven haben eben ihre Idiosynkrasien. Es gibt Nerven, die dem Sturme der Elemente trotzen, die aber ein unangenehmer Ton, ein aufdringlicher Duft oder das momentane Gefühl der Unsicherheit sofort aus dem Gleichgewichte bringt. So war auch das Nervensystem unserer Kaiserin beschaffen, das gleichsam ihrem Wesen zu entsprechen schien. Starken Eindrücken widerstand es, einzelnen geringfügigen Angriffen gegenüber aber zeigte es große Empfindlichkeit und Schwäche.

Zwischen Tropenpflanzen halb verborgene, von Bougainvillea umrankte Villen ließen wir hinter uns. Links von der mit Eucalyptus, Mimosen und Brotbäumen umsäumten Straße taucht die herrliche Sommerresidenz des Gouverneurs auf und über ihr das in einem Gemisch von arabischem und modernem Stil, aber schloßähnlich erbaute Hotel Splendide.

So weit das Auge blickt, werfen Palmen, Kakteen und mir noch unbekannte südliche Pflanzen ihre Schatten auf den blendend weißen Weg und diese große, üppige Vegetation verwandelt die ganze Gegend in ein Paradies.

Wie herrlich wird es sein, all dies im Mondschein zu bewundern!

Die Wohnung der Kaiserin bestand, wie immer, wenn sie auf Reisen war, aus drei Räumen. Ihre Fenster blickten auf das Meer, unten breiteten sich Gärten aus, westwärts fiel ihr Blick auf die Stadt und unfern auf den herrlichen Jardin d’Essai. Das Hotel war ringsum von Terrassen umgeben, die sich der Kaiserin gleichsam als Promenade boten. Meine Wohnung trug innen und außen arabischen Charakter, was ich sehr reizend fand.

Der erste Eindruck war sehr günstig und ich sah daher mit um so größeren Erwartungen den hier zu verlebenden zwei Monaten entgegen.

Einige Tage war ich dienstfrei. Diese Zeit benützte ich, um mich im Gehen zu üben. General Berzeviczy, der derzeitige Obersthofmeister Stellvertreter, war mein gefälliger und freundlicher Trainer. Ich erprobte mich auf Höhen und Ebenen und fühlte schließlich unbedingtes Vertrauen zu meiner Marschfähigkeit.

Am 12. Dezember durchstreifte die Kaiserin mit mir die Stadt. Wir gingen geradeaus auf das Zentrum los. Nach der rue de la Lyre, rue Bab Azoun, rue de la République und dem Quai d’Alger. Der Gegensatz zwischen dem elegant modernen Stadtviertel und dem darin sich abspielenden eiligen, geschäftig pulsierenden Leben von echt orientalischem Charakter ist packend. Geräusch, ohrenbetäubendes Geschrei schwirren durcheinander und ein buntes Gewirre herrscht überall, daß man in ein Riesenkaleidoskop zu blicken vermeint und von den ewig wechselnden Farbenbildern geblendet wird.

Und über diese lärmende, ab und zu stockende bunte Menschenflut breiten wohltuend Dattelpalmen, Pinien und Bambus ihre schattenspendenden Schirme aus, die hier in den Straßen ebenso üppig gedeihen wie in der taufeuchten Atmosphäre des Urwaldes. Von einem solchen schattigen Platze betrachteten wir nun das auf und niederwogende Treiben.

Die Kaiserin war ganz entzückt; aus einem Lächeln oder einem heiteren Blick erkannte ich gleich, wenn ihr etwas gefiel oder irgendeine Kuriosität ihre Aufmerksamkeit erregte.