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Heinz Marecek

Leben ohne Rezept

mit Christine

Heinz Marecek

Leben ohne
Rezept

mit Christine

Mit 54 Abbildungen

AMALTHEA

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© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Für Anna, die mir gezeigt hat,
dass Liebe, Humor und Fantasie
wichtiger sind als jedes Rezept.

Christine

Für alle Freunde, die da sind,
die da waren – und die vielleicht

noch kommen.

Wenn dir ein Arzt ein Rezept für ein Medikament gibt – hoffen.

Wenn dir ein Koch ein Rezept für eine Speise gibt – ausprobieren.

Wenn dir ein Mensch ein Rezept fürs Leben gibt – wegwerfen!

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Leben ohne Rezept

Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen Über die Götter und alle die Dinge, von denen ich spreche.

Sollte einer auch einst die vollkommenste Wahrheit verkünden, Wissen könnt’ er das nicht: Es ist alles durchwebt von Vermutung.

Xenophanes

Als ich diese Sätze zum ersten Mal las, haben sie mich verblüfft wie kein anderer Satz eines abendländischen Denkers davor. Und danach. Ein seltenes Kleinod intellektueller Redlichkeit und Einsicht. Und wahrscheinlich gibt es heute – zweieinhalb Jahrtausende, nachdem diese Hexameter geschrieben wurden – keinen ernst zu nehmenden Naturwissenschafter, der ihnen nicht schlicht und einfach zustimmen würde.

Spätestens seit das imposante, elegante, scheinbar felsenfeste Gedankengebäude Newtons vor 100 Jahren von Einstein ins Wanken gebracht wurde, wissen die Physiker, dass sie mit Vermutungen, Annäherungen und Hypothesen arbeiten. Mit vielleicht sehr schönen, sehr brauchbaren Theorien, die aber jederzeit durch neue, bessere ersetzt werden können. Sie wissen es und versuchen sich durch Nachdenken, durch Ausprobieren der Wahrheit zu nähern. Sie wissen aber, dass es immer nur eine Annäherung geben wird. Einstein selbst hat seine Relativitätstheorie als Eintagsfliege bezeichnet, weil er wusste, wie kurzlebig Theorien sein können und wie rasch sie durch neue, bessere, verdrängt werden können, die ihrerseits natürlich auch nur eine begrenzte Lebensdauer haben.

Oder wie Xenophanes es ebenso bescheiden formulierte: »Nicht von Beginn an enthüllen die Götter den Sterblichen alles, aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bess’re.«

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel sinnloses Leid der Menschheit erspart hätte werden können, wenn diese Zeilen die Beachtung gefunden hätten, die sie verdienen.

Da ich im Gegensatz zu meiner Frau, die jahrelang am Grauen Kloster (klingt nur so, ist aber einfach ein humanistisches Gymnasium in Berlin) mit Latein und Altgriechisch vollgepumpt wurde, weder die eine noch die andere Sprache je gelernt habe (auch spätere Versuche, das Latinum während meiner paar Semester am Dolmetsch-Institut nachzuholen, verliefen im Sande), weiß ich nicht, wie diese Worte von Xenophanes im Original klingen. Aber im Grunde weiß das niemand. Höchstens wie sie geschrieben wurden. Aber wie sie klangen, können wir eben nur vermuten.

Eines wissen wir allerdings ziemlich sicher: Das größte Leid wurde immer dann den Menschen zugefügt – und wird es heute noch, Tag für Tag, mit unverminderter Grausamkeit –, wenn andere Menschen glauben, im Besitz einer gesicherten Wahrheit zu sein, und diese mit Zähnen und Klauen, und was immer sie sonst bei der Hand haben, verteidigen. Aber eine Wahrheit, die keine Fragen zulässt, keine Diskussion, keine Kritik, ist keine Wahrheit, sondern ein Dogma. Und Dogmen müssen immer, da ja Vernunft und Logik als Prüfinstrumente nicht zugelassen werden, mit Gewalt verteidigt werden. Egal, ob sie von Diktatoren, von politischen Parteien oder von Glaubensgemeinschaften aufgestellt wurden.

Wenn Diktatoren oder politische Parteien jede Form von Kritik gewaltsam unterdrücken, bedeutet das, dass sie vielleicht nicht so ganz von der Wahrheit ihres Systems überzeugt sind, aber gerne den Istzustand beibehalten wollen. Mit allen Mitteln. Das ist nicht sehr sympathisch, aber immerhin nachvollziehbar.

Aber was ist mit den Glaubensgemeinschaften? Die heißen doch offenbar so, weil sie etwas glauben. Warum tun sie dann aber so, als ob sie etwas wüssten? Und das sogar sicher? Dann würden sie doch Wissensgemeinschaften heißen, oder?

Ich schreibe diese Zeilen wenige Tage nach dem Anschlag auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo. Viele Vertreter des Islams haben sich am Tag danach von diesem Anschlag distanziert und erklärt, das sei Terrorismus und habe nichts mit dem Islam zu tun. Genau in jenen Tagen wurde ein Mann in Saudi-Arabien zu zehn Jahren Gefängnis und 1000 Peitschenhieben verurteilt, der es gewagt hatte, im Internet regierungs- und religionskritische Fragen zu stellen. Und die infame Behauptung aufgestellt hatte, der Islam, das Juden- und das Christentum wären gleichwertige Religionen, eine Kurzfassung der Ringparabel des großen Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing. Genau in jenen Tagen beschloss der Sultan von Brunei, die Scharia wiedereinzuführen, die unter anderem Homosexualität und Ehebruch mit Steinigung bestraft. Genau in jenen Tagen wurde in Afghanistan ein unverheiratetes Liebespaar von religiösen Fanatikern geköpft. Genau in jenen Tagen wurden unschätzbar kostbare, 3000 Jahre alte, also »vorislamische« Kunstwerke von den IS-Truppen als Götzenbilder zerstört. Hat das auch nichts mit dem Islam zu tun?

Natürlich hat es. Aber, Vorsicht, nicht nur mit dem Islam! Der fällt zwar zurzeit besonders unangenehm auf, es hat auch über sein Verbreitungsgebiet nie auch nur der leiseste Hauch von Aufklärung geweht, aber im Grunde zeigen seine gewaltbereiten Fundamentalisten nur das wahre Gesicht aller Religionen.

Religionen haben immer, wenn sie die Macht dazu hatten, Gewalt, Zerstörung und Grausamkeit für durchaus probate Mittel zu ihrer Behauptung und Verbreitung angesehen. Und es können schon morgen in Nordirland Bomben hochgehen und zwischen Katholiken und Protestanten die Fetzen fliegen.

Ich glaube, es war Jassir Arafat, der gesagt hat: »Die meisten Kriege finden statt, um herauszufinden, wer den stärkeren unsichtbaren Freund hat.« Es würde doch dem hartnäckigsten Atheisten kaum einfallen, den Vatikan, den Mailänder Dom oder Notre Dame, als Götzenbilder zu zerstören. Für solche Aktionen bedarf es wirklich der Religion. Egal welcher.

Die Christen und die Moslems haben sich zwar besonders ausgezeichnet, aber auch das Alte Testament strotzt von Grausamkeiten aller Art. Den Gehorsam eines Mannes zu prüfen, indem man von ihm verlangt, seinen eigenen Sohn zu schlachten, ist doch eine Perversion, zu der nur ein Gott fähig ist. Aber der Gott des Alten Testamentes ist ja ein grausamer, eifersüchtiger, kleinlicher und rachedürstender. Es wurde auch bei den Juden gerne gesteinigt. Dabei fällt mir einer meiner Lieblingswitze ein:

In Galiläa, Kanaan oder Nazareth, also irgendwo im Heiligen Land, soll eine Ehebrecherin gesteinigt werden. Alle stehen im Kreis um sie herum, jeder hat einen Stein in der Handbereit, zu werfen.

Da tritt Jesus unter sie und sagt: »Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!«

Verlegene Pause.

Einer nach dem anderen legt seinen Stein auf den Boden, einer nach dem anderen verdrückt sich murrend.

Da kommt eine Frau, hebt einen Stein auf und wirft ihn nach der Sünderin.

Jesus dreht sich verblüfft um, schaut betreten zu Boden und sagt kopfschüttelnd, mit leisem Vorwurf in der Stimme: »Mama!«

Bei den Christen wurde ja nur deshalb nicht gesteinigt, weil es in den von ihnen dominierten Ländern weniger Steine gab, dafür mehr Bäume. Genug Holz, um Scheiterhaufen zu errichten – also wurde nicht gesteinigt, sondern verbrannt. Geschmackssache. Aber wenn es um Grausamkeit ging, haben sich die Christen nie lumpen lassen. Kreuzzüge, Pogrome, Inquisition und der Dreißigjährige Krieg haben in der Geschichte des Abendlandes tiefe Narben hinterlassen.

Papst Nikolaus V. hat in einer speziellen Bulle dem portugiesischen König für seine Amerika-Raubzüge genaue Anweisungen gegeben. Sein Rezept war: »… die Länder zu erobern, ihre Bewohner zu vertreiben, zu unterjochen und in die ewige Knechtschaft zu treiben.« Das war ein Aufruf zum Sklavenhandel.

Jedes bessere Kloster hatte auch bald Sklaven – für die Landwirtschaft und zur persönlichen Bedienung. Martin Luther hat jedem Mann, der gegen die aufständischen Bauern kämpfte, einen Bauern umbrachte und dabei selbst ums Leben kam, einen Platz im Himmel versprochen. Zwar nicht auch noch 72 Jungfrauen, aber die Ähnlichkeit mit dem Dschihad ist doch verblüffend.

Mastro Titta, der legendäre Henker des Kirchenstaates, hat unter sechs Päpsten gedient und über 500 Todesurteile vollstreckt. Mit der Axt, der Keule, dem Strang und der Guillotine. Das letzte Todesurteil im Kirchenstaat wurde 1870 vollzogen, also ungefähr 100 Jahre, nachdem Leopold II. die Todesstrafe in der Toscana abgeschafft hatte, unter dem letzten »Papstkönig«, Pius IX., der im Ersten Vatikanischen Konzil nicht nur die »Unfehlbarkeit des Papstes« zum Dogma gemacht hat, sondern der auch 1874 allen Menschen, die sich aktiv oder passiv an den Wahlen beteiligen sollten, mit Exkommunikation drohte. Und der nebenbei auch die Schriften des kritischen Theologen Johannes Günther verbot, der ein enger, langjähriger Freund meines Ur-Urgroßonkels Emanuel Veith war.

Der kam als Sohn eines Rabbiners auf die Welt, studierte in Prag Veterinärmedizin, wurde Professor an der tierärztlichen Hochschule in Wien, ließ sich irgendwann taufen, studierte katholische Theologie, trat kurzfristig dem Redemptoristen-Orden bei und endete als – für seine Reden berühmter – Domprediger von St. Stephan.

So viel zu »Leben ohne Rezept«. Logisch, dass dieser verdienstvolle Mann seliggesprochen wurde – nein, nicht mein Verwandter, sondern Pius IX. Und sein Nachfolger, Leo XIII., hat Kaiser Franz Joseph überredet, den braven Christen Lueger als Bürgermeister von Wien zu bestätigen, was der Kaiser vorher drei Mal verweigert hatte, weil er die Gleichberechtigung der Wiener Bürger durch dessen rabiaten Antisemitismus gefährdet sah.

Ich habe in meinem letzten Buch noch bedauert, dass sich die Wiener Universität auf dem Dr.-Karl-Lueger-Ring befände und dass sich daran auch nicht so bald etwas ändern würde. Ich habe mich geirrt. Dieses Stück Ring heißt heute Universitäts-Ring. Natürlich hat das nichts mit meinem Buch zu tun. Aber es ist erfreulich.

Es würde der Kirche auch heute noch viel einfallen. Es fällt ihr ja auch viel ein, zum Beispiel, dass es allemal besser ist, Aids zu kriegen, als ein Kondom zu benützen. Wie viel lebens- und menschenverachtender geht’s eigentlich noch?

Aber zum Glück hat der Sturm der Aufklärung über die traditionellen Verbreitungsgebiete der christlichen Glaubensgemeinschaften geweht, in denen Religionen zwar respektiert und geschützt werden, aber über keinerlei legislative oder exekutive Gewalt verfügen. Wie gut das ist, zeigt jener aparte Zwischenfall, der sich erst vor wenigen Jahren in der Grabeskirche in Jerusalem abgespielt hat. Die Kirche wird seit langer Zeit von christlichen Mönchen verwaltet. Griechisch-orthodoxen, äthiopischen, ägyptischkoptischen und Franziskanern. Es gibt aufgrund des eher beengten Raumes einen genauen Zeitplan, wer wann wo was darf. Besonders um Ostern herrscht ein ziemliches Gedränge, weil jeder für seine Feiern und Gottesdienste möglichst viel Zeit haben möchte. Das führt zu gelegentlichen Reibereien, und die Stimmung unter den Mönchen ist oft eine gespannte.

An einem heißen Sommertag rückte ein alter äthiopischer Mönch seinen Sessel in den Schatten – der fiel aber just in diesem Moment in einen Bereich, der seit Menschengedenken für die Kopten reserviert war. Es kam zu Auseinandersetzungen, die rasch in Handgreiflichkeiten übergingen, und kurze Zeit später wurden elf christliche Mönche ins Spital von Jerusalem eingeliefert – mit Verletzungen von Steinwürfen, die ihnen andere christliche Mönche zugefügt hatten. »Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!«

Und wem das noch nicht komisch genug ist: Den Schlüssel für die Grabeskirche hat seit Jahrhunderten eine moslemische Familie. Eigentlich haben zwei Familien einen Schlüssel: eine, die ihn aufbewahrt, und eine, die die Kirche auf- und zusperrt. Weil man den Schlüssel keinem der christlichen Ordensbrüder anvertrauen will – er könnte ja seinen christlichen Brüdern die Tür vor der Nase zusperren.

Aber man wird sich vielleicht eines Tages die Grabeskirche, die al-Aqsa Moschee, den Felsendom und die Klagemauer so ansehen, wie man sich das Kolosseum, die Akropolis oder die Pyramiden ansieht. Wo ja auch niemand mehr Menschen umbringt, die nicht an Jupiter, Zeus oder den Sonnengott Ra glauben. Und jeder erklärt dem anderen die Geschichte, die Schönheiten und die Geheimnisse seiner Heiligtümer – statt einander gegenseitig den Schädel einzuschlagen. Das wäre doch eine hübsche Abwechslung.

Aber was ist es, das Gewalt und Grausamkeit zu systemimmanenten Phänomenen von Religion macht? Vielleicht macht es Menschen einfach besonders wütend, wenn sie etwas glauben, das sich nicht erklären und schon gar nicht beweisen lässt, von dem sie aber trotzdem wollen, dass andere Menschen es auch glauben. Oder zumindest widerspruchslos akzeptieren. Vielleicht weil sie es selber auch nicht so ganz glauben, sich das aber nicht eingestehen und jene hassen, die sich dieses Dilemma gar nicht erst antun. Nächstenliebende Christen, die wussten, dass den armen Heiden das Paradies verwehrt bleibt, hätten die doch eigentlich immer bedauern müssen.

Woher aber kam der Hass? Warum sie verfolgen? Verbrennen? Abschlachten? Warum?

Ich war ein besonders neugieriges Kind und habe unter dem »Warum-Syndrom« gelitten. Das hat meine Eltern manchmal zur Verzweiflung gebracht. Offenbar kannten sie dieses zauberhafte Gedicht von Erich Kästner nicht:

Es ist schon so: Die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt, entsteht.
Denk an die Frage eines Kindes:
Was tut der Wind, wenn er nicht weht?

Sie haben zwar mit großer Geduld immer wieder versucht, meine Warums zu beantworten, aber irgendwann waren sie überfordert und es kam das finale, erschöpfte, manchmal auch verärgerte: »Weil das halt so ist!«

Ich habe meine Eltern wirklich geliebt, sie hatten auch beide viele liebenswerte Eigenschaften, aber dieses: »Weil das halt so ist!« hat mich immer unglaublich frustriert. Ich habe es nie für eine akzeptable Antwort gehalten. Es klingt wie ein Dogma. Und Dogmen haben mich stets zum Widerspruch gereizt.

Darum konnte ich nie viel mit Religion anfangen. Ich habe mir schon sehr früh vorgenommen, sollte ich je Kinder haben, diesen Satz aus meinem Wortschatz zu streichen. Ich habe Fehler bei der Erziehung meiner Kinder gemacht, wer macht die nicht, aber diesen habe ich sicher nicht gemacht. Ich glaube nicht, dass ich je auf irgendeine Frage meiner Kinder gesagt habe: »Weil das halt so ist!«

Was ich sehr oft gesagt habe, besonders wenn Fragen metaphysischer Art gestellt wurden, aber auch bei vielen anderen, war: »Das weiß ich nicht.« Ganz einfach aus dem Grund, weil ich wirklich viele Sachen nicht weiß. Und nie ein Problem hatte, das meinen Kindern zu sagen.

Ich glaube nicht, dass Kinder von ihren Eltern erwarten, allwissend zu sein. Sie erwarten nicht von ihren Eltern, alles zu können. Wenn sie im Zirkus fliegende Menschen unter der Zirkuskuppel sehen, rechnen sie nicht damit, dass Mami und Papi dasselbe zu Hause am Wohnzimmerluster vorführen.

Wenn aber Kinder nicht glauben, einen allwissenden und allmächtigen Vater zu haben, wieso glauben das dann so viele Erwachsene? Weil ihnen als Gegenleistung etwas versprochen wird? Weil sie dafür ein Glücksrezept erhalten? So wie man in einem chinesischen Restaurant Glückskekse erhält, in denen kleine Zettel mit klugen Sprüchen und Prophezeiungen stecken? Aus Angst vor dem Tod? Weil da gibt es doch noch als besonderen Schlussverkaufs-Bonus das Paradies! Jenes Paradies, aus dem die beiden vertrieben wurden, die vom Baum der Erkenntnis genascht haben, obwohl es ihnen ausdrücklich verboten worden war.

Eine wirklich interessante Alternative: entweder im Paradies blöd bleiben oder nach Erkenntnis streben – dann aber raus! Und weil die das falsche Obst gegessen haben, kommen bis heute alle Kinder als unwerte Sünder auf die Welt? Ist das zu glauben?

Na ja, offenbar gibt es eine ganze Menge Leute, die das tun. Das ist vielleicht überhaupt der größte Vorwurf, den man den Religionen machen kann: Sie lehren die Menschen, es sei völlig in Ordnung, die Welt nicht zu verstehen. Es sei sogar verwerflich und hoffärtig, es überhaupt zu versuchen!

Das wird nur noch übertroffen von einer Geringschätzung des Diesseits – also des Lebens. Das ist doch gar nicht so wichtig, das ist nur die Übergangsphase, eine Vorbereitung auf das wahre Leben – im Jenseits. Warum sonst würden intelligente Menschen ein Flugzeug in ein Hochhaus lenken? Alle ihre Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen, für ein Paradies aufgeben, das ihnen ihre Religion verspricht? Aber sind 72 Jungfrauen wirklich so eine Mezzie? Das ist doch eher, wenn der Ausdruck in diesem Zusammenhang erlaubt ist, eine Heidenarbeit.

Ich habe ja überhaupt mein Problem mit Paradiesen. Da halte ich es mit Heinrich Heine: »… den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.« Ich verstehe nicht einmal die Sehnsucht danach. Ständig singt irgendwo ein Chor oder es bläst jemand eine Schalmei. Man weiß von jedem Tag genau, wie er abläuft? Bis in alle Ewigkeit? Schrecklich!

Wie hat Goethe mit großer Einsicht in die menschliche Natur gesagt: »Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen.« Das Paradies ist einfach kein menschliches Biotop. Eine Utopie. Noch dazu eine ziemlich langweilige.

Das Spannende ist doch, jeden Tag neugierig in die Hand zu nehmen, wie ein Tischler ein Stück Holz oder ein Schuster ein Stück Leder, und zu überlegen, was man damit anfangen kann. Wo kann man was verbessern, wo was reparieren? Es gibt keinen größeren Spaß im Leben, keine größere Befriedigung, als etwas Falsches ein klein wenig richtiger zu machen. Ein bisschen weniger falsch. Behutsame Lösungs- und Verbesserungsvorschläge zu machen, wodurch vielleicht unnötiges Leid oder unnötige Kränkung in unserer kleineren oder größeren Umgebung vermindert werden kann. In ständigen Gesprächen mit anderen, unseren Kindern, unseren Freunden und natürlich auch mit Menschen, die ganz anders denken, als wir. Aber immer zu wissen, wie fehleranfällig unsere Versuche sind, wie unvermeidlich Rückschläge und Enttäuschungen. Das ist vielleicht nicht sehr viel – aber sicher besser, als obskure Orakelsprüche, ominöse Prophezeiungen oder todsichere Rezepte.

13. Dezember 1961

Die erste Küche, an die ich mich erinnern kann, war in unserer Altbauwohnung am Roseneck in Berlin. In der Mitte stand ein großer Tisch, links davon der Herd mit Backrohr, auf der anderen Seite die Abwasch. Man musste jedes Mal um den ganzen Tisch herum, wenn man vom Herd zur Abwasch wollte. Es war somit alles andere als eine Einbauküche.

Angeschlossen an die Küche war ein geräumiges Kabinett, die Speisekammer, in der unsere Haushälterin ihr Schmalz hütete, besser gesagt: versteckte. Meine Mutter wollte diese Köstlichkeit nämlich nicht in ihrem Haushalt und ahnte nicht, dass ich als Verbündete unserer Maria regelmäßig meine Schmalzbrote bekam, sozusagen als Provision für meine Verschwiegenheit.

Das große Fenster ging in den Hof, der eigentlich kein Hof mehr war, weil nur unser Haus noch stand. Das gegenüberliegende Haus war zu großen Teilen ausgebombt, die Fassade war in Trümmern und wurde lange nicht wiederaufgebaut, weil – wie man damals sagte – die Besitzverhältnisse »ungeklärt« waren. Wenn in diesem Nicht-mehr-Hof ein Leierkastenmann spielte, durfte ich ihm aus dem Fenster in Papier eingewickelte Münzen hinunterwerfen. Da wir im vierten Stock wohnten und es sehr weit war bis in den Hof hinunter, holte ich enorm aus, weil ich fürchtete, das Geld würde sonst unten nicht ankommen.

Am Vorabend des Geburtstages meiner Mutter weihte mein Vater mich in die Schule des Backens ein. Offenbar war er in Sorge, dass meine Mutter, die ein halbes Jahr zuvor meinen ersten kleinen Bruder auf die Welt gebracht hatte, zu sehr mit der Aufzucht beschäftigt war und nicht die Zeit fände, sich selbst einen Kuchen zu backen. Aber ein Geburtstag ohne Kuchen durfte nicht sein. Eier, Butter, Zucker waren in seiner Kindheit keine Selbstverständlichkeit und so war eine Torte oder ein Kuchen für ihn bis ins hohe Alter Voraussetzung für jede Festlichkeit. Bis zu ihrem Tod hat er seiner Mutter nach jedem Konzert eine Torte geschickt, um den Erfolg mit ihr zu teilen.

Ob und wie wir eingekauft haben, woher wir das Rezept hatten, wie wir gerührt haben, an all das kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich sehe uns noch in der Küche in Berlin sitzen, es war schon dunkel, und immer wieder den Backofen öffnen, um zu schauen, ob der Schokoladenkuchen aufgegangen war. Müßig zu sagen, dass dieser Kuchen natürlich nie aufging, sondern sitzen blieb, weil wir ihm die ganze Zeit Frischluft zugeführt hatten.

Der Erfolg war dennoch riesig. Meine Mutter war überrascht, obwohl die Wohnung unmissverständlich nach Kuchen roch, und hat sich sehr gefreut. Ich weiß nicht, ob diese Freude der Auslöser dafür war, dass neun Monate später mein zweiter kleiner Bruder auf die Welt kam.

Schokoladekuchen

(Rezept nach meiner Großmutter)

Zutaten

400 g schwarze Schokolade

1 Mokkatasse Kaffee

6 Eier

200 g Butter

200 g Zucker

100 g Mehl

Staubzucker zum Bestreuen

Salz

Zubereitung

image Schokolade mit einer Mokkatasse Kaffee im Wasserbad schmelzen. Die Eier trennen. Das Eiweiß mit einer Prise Salz steif schlagen. Das Eigelb mit dem Zucker schaumig schlagen. Die zimmerwarme Butter in Flocken dazuschlagen, sodass eine Creme entsteht. Das Mehl langsam unterheben. Die geschmolzene Schokolade zu dieser Masse dazugeben. Zum Schluss das Eiweiß locker unterheben.

image Die gesamte Masse in eine Springform, am besten mit Backpapier ausgelegt, füllen, in das auf 150 Grad vorgeheizte Backrohr schieben und circa 45 Minuten backen. Der Kuchen soll um das Doppelte aufgehen, daher die Tür nicht öffnen. Erst nach 45 Minuten mit einer Nadel die Probe machen, ob er gut gebacken ist. Idealerweise sollte er innen noch fast flüssig sein.

image Aus dem Backrohr nehmen und auf eine Platte stürzen. Sobald der Kuchen ausgekühlt ist, mit Staubzucker bestreuen.

Berlin

Seit damals bin ich vor dem Geburtstag meiner Mutter immer sehr nervös, da ich bis heute das Gefühl habe, dass ich für das Gelingen dieses Tages die Verantwortung trage. Einen Geburtstag, den sie übrigens nie mochte, weil er einerseits bedeutet, dass sie älter wird, was sie nicht gern hat, zweitens, weil er in der dunklen Jahreszeit liegt und daher doppelt deprimierend ist.

Diese Tatsache hat sie viel später veranlasst, einen zweiten Geburtstag auf den 21. Juni zu legen. Das empörte unseren Sohn sehr, weil es für ihn implizierte, dass sie dadurch das Anrecht auf zweimalige Beschenkung hatte. Unfair.

Was sie dabei gänzlich übersah, war die Tatsache, dass dieser zweimalige Geburtstag theoretisch ja auch die Alterung beschleunigte.

In Berlin war es die meiste Zeit dunkel – oder dann in der kurzen Sommerzeit sehr hell und oft auch sehr heiß. So heiß, dass wir in der Schule hitzefrei bekamen. Gespannt haben wir in der Klasse das Thermometer beobachtet. Wenn es bis 10.30 Uhr 25 Grad im Klassenzimmer hatte, wurden wir nach Hause geschickt. Nach Hause hieß direkt von der Schule mit den Freunden ins Freibad. Wir waren in diesen Tagen schon immer auf diese Möglichkeit vorbereitet, die Schwimmsachen waren bereits im Schulranzen. Zu essen hatten wir unsere Pausenbrote und dazu kauften wir uns um wenige Pfennige Fassbrause. Das war Sommergefühl pur.

Ich weiß nicht, warum meine Eltern das erlaubt haben. Es gab kein Handy, wir konnten sie nicht benachrichtigen und wir waren obendrein mit dem Fahrrad unterwegs. Aber das war damals normal und gab mir ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

In den dunklen Zeiten erwachte in meiner Mutter bereits ihr Dekorationsdrang, und sie versuchte, die Wohnung durch Tapezierung in einen großen Dschungel zu verwandeln. Mein Vater fühlte sich aber in unserem schmalen Esszimmer inmitten all der Lianen gar nicht mehr wohl, ja er gab sogar vor, schwindlig zu werden. Also wurde das Experiment schnell wieder übermalt, denn das Esszimmer war Lebensmittelpunkt für ihn, weil er gern und viel aß. Nur wenn er arbeitete, war er diszipliniert und hatte seine fixen Menüs, die kaum variierten: vor einer Probe zum Frühstück ein weiches Ei, am Tag einer Vorstellung zu Mittag ein Steak.

Da er damals an der Berliner Oper engagiert war und noch nicht so viel reiste wie später, war das eigentlich Alltag. Dessert gab es nie bei uns, nur zum Kaffee haben sich meine Eltern manchmal eine Tafel Frigor oder eine Packung Pischinger Ecken gegönnt. Im Berlin der frühen 1960er-Jahre waren das Spezialitäten, die man nur in der Delikatessenhandlung bekam, genauer gesagt, bei Rack am Roseneck.

Sozialer Mittelpunkt für meine Eltern, die aus der Schweiz nach Berlin gezogen waren, waren die Einladungen in die Schweizer Delegation. Dort kamen alle Schweizer zusammen, die es nach Berlin gespült hatte, darunter sehr viele Künstler: Aurèle Nicolet, der virtuose Flötist, die temperamentvolle Cembalistin und Weltbürgerin aus Chur Silvia Kind, die Tänzerin Anna Schwarz, die mit ihrem Mann Günter Grass und ihren gemeinsamen Zwillingen vis-à-vis von uns in der Karlsbader Straße in einem ausgebombten Haus lebte.

Natürlich traf man sich bald auch außerhalb der Delegation. Bei Silvia, deren Villa Kunterbunt direkt am Halensee stand, durften wir schwimmen gehen. Aurèle, der am Tag meiner Geburt seinen 30. Geburtstag feierte und meiner Mutter die Wehen mit Kartenspielen verkürzte, nahm mich oft zu Spaziergängen in den Grunewald mit. Günter Grass beschreibt ihn in Mein Jahrhundert: »… auch er ein Feuerkopf, dem das Kraushaar lodert und – wie ich einst fand – verführerisch anziehend zu Gesicht steht.«

Wenn ich nach Berlin komme, gehe ich oft unsere Route ab, und demnächst planen wir unseren gemeinsamen 150. Geburtstag.

Meine Eltern führten ein gastfreundliches Haus, sonntags gab es Brathendl und jeder war willkommen. Unvergessen, wie die Grass-Zwillinge das Huhn mit den Knochen verschlangen. Natürlich realisierte ich damals nicht, dass diese schlimmen Kinder die Söhne des späteren Nobelpreisträgers waren.

Die Grassens bezogen ihr Haus in Friedenau und wir übersiedelten vom Roseneck nach Dahlem. Günter war nicht mehr nur der großartige Dichter und Künstler, sondern trommelte zunehmend in der deutschen Politik, brachte seine Wortgewalt in den Reden des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt ein. Mein Vater baute seine internationale Karriere auf, war viel auf Tournee, und so verlor man sich.

1999 präsentierte Günter Grass Mein Jahrhundert in der Josefstadt, meine Eltern lebten damals schon mit uns in Wien, und es kam zu einem Wiedersehen und einer langen Nacht im Gutruf.

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Taufe von Bruno Grass. Kinder von links nach rechts: mein Bruder Michael, Raoul Grass, Christine Kammer, Laura Grass, Franz Grass, mein Bruder Andreas sitzend, dahinter ich mit meiner Mutter

Spina

Nicht nur mithilfe