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GEORG MARKUS

Schlag nach
bei Markus

GEORG MARKUS

Schlag nach
bei Markus

Österreich in seinen besten
Geschichten und Anekdoten

Mit 113 Abbildungen

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Bildnachweis

Imagno (Seiten 14, 15, 18, 19, 37, 42, 53, 89, 93, 115, 134, 181, 183, 188, 212, 215, 227, 235, 248, 282, 292, 297), Fritz Klinsky (22), Bruno Haberzettl (32, 236), Imagno/Österreichische Nationalbibliothek (35, 47, 61, 67, 79, 127, 131, 137f, 167, 178 links und rechts, 191, 197, 223, 231), Fred Riedmann (49), Demel (52), Österreichische Nationalbibliothek (58, 81, 124, 127, 280, 324), Wien Museum (63, 176), Rudolf Angerer (64), Gerhard Bartl (84), Peter Bohr/privat (92), Gustav Peichl/Ironimus (102), Familie Schuschnigg/privat (109), Kristian Bissuti (112), H. E. Köhler (140), Bezirksmuseum Favoriten (144), Gerhard Kunze (152), Bestattungsmuseum Wien (160), Sigmund-Freud-Copyrights Ltd., London (151), Theater in der Josefstadt (162), Filmarchiv Austria (169), Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com (173), Familie Hörbiger/privat (185), Moriz Nähr (190), Institut der Geschichte der Medizin/Universität Wien (194), ORF (199, 234, 253), Gerald Zugmann (201), Margit Münster/Theater in der Josefstadt (204), Telebunk (219), Deutsches Filmmuseum/Frankfurt am Main (220), defd-Archiv-Foto (221), Oskar Anrather (240), Doliwa (243), Votava (260), Madame d’Ora (268), Hofkammerarchiv Wien (270), Kriminalmuseum Wien (275), Theater in der Josefstadt/Ernst Hausknost (276), Georg Markus (284), »Die Bühne« (288), Fritz C. Maier (290), Cherica Schreyer-Hartmann (295), Herbert Kofler (310), Teutopress (323) sowie Amalthea Verlag, Privatarchiv des Autors und »Kurier«-Archiv.

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3. Auflage Dezember 2011

INHALT

Für Daniela, Mathias
und Moritz in Liebe

BITTE, WO SOLL ICH NACHSCHLAGEN?

Vorwort von William Shakespeare

Sehr geehrter Mr. Markus,

wie ich soeben erfahre, planen Sie allen Ernstes, ein Machwerk mit dem Titel Schlag nach bei Markus auf den Buchmarkt zu bringen, wogegen ich auf das Schärfste protestiere, da diese Worte eindeutig der weltberühmten Liedzeile Schlag nach bei Shakespeare nachempfunden und daher ausschließlich mir zuzuordnen sind.

Wer immer Sie sein mögen, Mr. Markus: Ich bin der Meinung, dass Ihnen diese Zeile nicht zusteht. Cole Porter hat das Chanson mit dem Originaltitel Brush Up Your Shakespeare für das Musical Kiss me, Kate geschrieben, und ich werde Mr. Porter persönlich auf diesen Fall einer eklatanten Urheberrechtsverletzung hinweisen.

Angeblich soll in Ihrem Buch, wie ich dem Untertitel entnehme, »Österreich in seinen besten Geschichten und Anekdoten« dargestellt werden. Ich nehme an, Sie meinen damit jenes zu meinen Lebzeiten von Kaiser Karl V. regierte Reich, in dem die Sonne nicht unterging. Heute ist eben jenes Austria so klein, dass die Sonne darin kaum aufgeht. Es stellt sich daher die Frage, wen diese Geschichten überhaupt interessieren sollen.

Aber das ist Ihr Problem. Mich hingegen erzürnt, dass es Sie, Mr. Markus, laut Wikipedia tatsächlich gibt, während das bei mir gar nicht so sicher ist. Ich habe, wie Shakespeare-Forscher herausgefunden haben, nie gelebt, wurde aber laut Meyers Konversationslexikon im April 1564 in Stratford-upon-Avon geboren. Natürlich habe ich diese Diskussion vorhergesehen, als ich meinen Hamlet in seinem großen Monolog sagen ließ: »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.«

Fest steht, dass Sie der Umstand meiner möglichen Nichtexistenz keineswegs berechtigt, das Brush Up Your Shakespeare für Ihre zwielichtigen Zwecke zu verwenden.

Übrigens: Wenn Sie schon meinen Namen für Ihre Propaganda einsetzen, warum komme ich dann in Ihrem Buch nur zweimal vor? Einmal auf Seite 64, wo das Schicksal eines österreichischen Politikers namens Figl zu einem Historiendrama von Shakerspeare’scher Dimension hochstilisiert wird, und das andere Mal auf Seite 74, auf der Sie von einer billigen Verwechslung meiner Person mit meinem Schriftstellerkollegen Roda Roda hinweisen.

Auf diesem Niveau geht’s dann munter weiter in Ihrem Buch, ich nenne nur einige Kapitel: Applaus für den Kaiser, Bischof mit sechs Kindern, Fahr ma Euer Gnaden, Rebläuse und Reichsbrücken, Verrückte Pferde usw.

Angesichts des Buchtitels Schlag nach bei Markus schrecken Sie offenbar nicht davor zurück, derlei Histörchen in einem Atemzug mit dem Kaufmann von Venedig, mit Was ihr wollt, dem Sommernachtstraum und anderen Klassikern aus meiner Feder zu nennen. Und wenn Sie unter dem Stichwort Love Story von der Affäre einer gewissen Marlene Dietrich mit einem Willi Forst erzählen, dann darf ich darauf hinweisen, dass ich – so es mich tatsächlich gegeben hat – zu diesem Thema eine Tragödie mit dem Titel Romeo und Julia geschrieben habe. Jeder weitere Kommentar erübrigt sich.

Wie lässt Cole Porter so schön singen? Schlag nach bei Shakespeare, bei dem steht was drin! Was, Mr. Markus, steht denn bei Ihnen drin? Geschichten über mir gänzlich unbekannte Figuren namens Mozart, Mahler, Strauß, Schnitzler, Friedell, Sisi, Slezak, Freud, Makart, Hundertwasser, Kokoschka, Raab, Kreisky, Qualtinger, Karajan, Prawy, Wessely, Moser … Wie sollen es diese finsteren Gestalten mit meinen Heroen Othello, Macbeth, König Lear, Julius Caesar, Richard III., Heinrich dem IV., V., VI. oder gar dem VIII. aufnehmen? Wenn Sie mich jetzt fragen, wo ich in Zukunft nachschlagen werde, kann ich nur antworten: Bei Ihnen sicher nicht, Herr Kollege Markus!

Mit vorzüglicher Hochachtung,
William Shakespeare

ES IST WIRKLICH EINE FRECHHEIT!

Sehr geehrter Mr. Shakespeare,

das ist mir jetzt aber peinlich! Sie haben vollkommen recht, es ist wirklich eine Frechheit, das geflügelte Wort Schlag nach bei Shakespeare dermaßen missbräuchlich zu verwenden. Tatsächlich hatte ich nichts anderes im Sinn, als die Auflage dieses Buches mithilfe Ihres berühmten Namens ins Unermessliche zu steigern.

Natürlich liegen Welten zwischen Ihrem Othello und meinem Hans Moser. Denn während Sie, hochverehrter Dichterfürst, in Ihren Historiendramen die großen Momente der Weltgeschichte niederschrieben, begnüge ich mich hier mit Begebenheiten, die sich am Rande derselben ereigneten.

So sehr mich Ihr geschätztes Vorwort einerseits erschüttert, kann ich ihm aber auch etwas Gutes abgewinnen: Immer auf der Suche nach historischen Sensationen, halte ich mit Ihrem Schreiben nun den ultimativen Beweis in Händen, dass Sie wirklich existiert haben und möglicherweise sogar immer noch existieren.

In tiefer Ergebenheit,
Georg Markus

Der Autor dankt Victoria Bauernberger, Cathérine Benigni, Carina Kerschbaumsteiner vom Amalthea Verlag und Dietmar Schmitz, die ihn bei der Arbeit zu diesem Buch unterstützten.

A

Applaus für den Kaiser

ABSCHIED VON DER BÜHNE

Leo Slezak, 1873–1946, Tenor an der Wiener Hofoper.

Am 17. April 1934 ging Kammersänger Leo Slezak nach einer Vorstellung an der Wiener Staatsoper nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Liesl, heute habe ich zum letzten Mal gesungen, so einen schönen Abend werde ich nicht mehr haben.« Der sechzigjährige Tenor war nach einer besonders gelungenen Othello-Vorstellung vom Publikum umjubelt worden und kam auf die Idee, diesen triumphalen Abend als Schlussakkord seiner Opernkarriere zu sehen.

Er begab sich am nächsten Tag in die Direktion, um seinen Entschluss bei Direktor Clemens Krauss zu deponieren. Der reagierte bestürzt: »Aber Slezak, Sie können doch nicht nach 33 Jahren verschwinden, ohne sich von Ihren Wienern zu verabschieden.«

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Beendete seine Opernkarriere ganz plötzlich: Leo Slezak

»Ich gehe«, erwiderte Slezak, »nicht einmal zu fremden Begräbnissen, warum soll ich zu meinem eigenen gehen?«

Tatsächlich ist der weltberühmte Tenor nach diesem Abend nie wieder auf einer Bühne gestanden. »In der Vollkraft meines Schaffens bin ich abgegangen«, schreibt er in seinen Memoiren. »Mein sehnlichstes Gebet, nicht als alternder Sänger noch singen zu müssen und bemitleidet zu werden, wurde mir erfüllt.« Slezak setzte seine Karriere als nicht minder erfolgreicher Filmkomiker fort.

Berühmt für seinen beißenden Witz, hatte er in der alten Hofoper einmal zu seinem Garderobier gesagt: »Novak, heut Nacht hab ich von Ihnen geträumt. Wenn das noch einmal vorkommt, kriegen S’ a Watschen!«

AMADEUS

Wolfgang Amadeus Mozart, 1756–1791, Komponist.

Dass Mozart als Kleinkind am Hofe Maria Theresias spielte, ist bekannt – wie es zu dem Auftritt kam, weniger: Joseph Graf Pálffy fuhr im Jahre 1762 durch Linz, wo man die Passagiere der Postkutsche auf einen Pferdewechsel, der eine Stunde dauern sollte, hinwies. Dem Grafen fiel während des Wartens ein Aushang auf, der das Konzert eines sechsjährigen Knaben bewarb. Pálffy besuchte die Aufführung, um die Wartezeit zu überbrücken, und war von dem kleinen Virtuosen namens Wolfgang Amadeus Mozart so begeistert, dass er am nächsten Tag Maria Theresias ältestem Sohn, dem späteren Kaiser Joseph II., von dem Wunderkind vorschwärmte. Joseph informierte seine Mutter von der kleinen Sensation, und diese erteilte Befehl, die Familie Mozart nach Wien zu holen.

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Auftritt in Schönbrunn: das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart

So kam es zu Mozarts historischem Auftritt vor Maria Theresia am 13. Oktober 1762 in Schloss Schönbrunn.

ANFÄNGER

Franz Schalk, 1863–1931, Dirigent und Direktor der Wiener Staatsoper.

Franz Schalk, der Dirigent und Wiener Operndirektor, war berühmt für seinen beißenden Spott und seine strenge Kritik, aber auch dafür, dass ihm die Förderung von Nachwuchskräften wichtig war. Eines Tages sollte ein junger Harfenist im Orchester mitwirken. Der Anfänger war befangen und übersah bei seiner ersten Probe den Einsatz. Schalk klopfte ab und ließ die Stelle wiederholen. Aber auch diesmal setzte der Harfenist nicht ein. Wütend blickte der Direktor auf den Unglücklichen und schrie: »Ich habe geglaubt, Sie sind Anfänger. Warum fangen Sie dann nicht an?«

APPLAUS

Hans Holt, 1909–2001, Film- und Theaterschauspieler.

Hans Holt war am Beginn seiner Schauspielkarriere in der böhmischen Provinz engagiert, wo die Menschen nach dem Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie noch lange nicht fassen konnten, dass das alte Habsburgerreich nicht mehr existierte. Als Holt im Stadttheater von Reichenberg in Fritz Kreislers Operette Sissy als Kaiser Franz Joseph auftrat, wurde er vom Publikum mit stürmischen Ovationen begrüßt. Stolz spielte und sang er seinen Part und ging danach hoch erhobenen Hauptes von der Bühne ab.

Ein Kollege holte ihn jedoch gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: »Glaub nur ja nicht«, warnte der alte Theaterhase, »dass der Applaus dir gegolten hat. Der war für’n Kaiser!«

ARCHITEKTUR

Walter Gropius, 1883–1969, Architekt, »Bauhaus«-Gründer.

Als sich der bedeutende Architekt Walter Gropius – zweiter Ehemann der legendären Muse Alma Mahler-Werfel – zum ersten Mal in New York aufhielt, zeigte ihm ein Fremdenführer das Empire State Building und fügte voller Stolz hinzu:

»Es ist vollkommen brandsicher.« Da erwiderte Gropius:

»Das ist der Fehler.«

ÄRZTE-HANDSCHRIFT

Joseph Škoda, 1805–1881, Mitbegründer der Zweiten Medizinischen Schule.

Als Student erhielt der später berühmte Internist Joseph von Škoda von seinem Professor die Aufgabe übertragen, eine Reihe interessanter Versuchsprotokolle abzuschreiben. Škoda war noch nicht Arzt, hatte aber eine Handschrift, als wäre er schon einer. Eines Tages erhielt er vom Professor einen Zettel, auf dem er ihn mit neuen Aufgaben versorgte. Als Postskriptum fügte er noch an: »Ich muss Sie dringend bitten, Herr Kollege, sich einer besseren Schrift zu befleißigen, es ist eine Zumutung, Ihre Hieroglyphen zu entziffern, und Sie rauben mir damit meine Zeit.«

Am nächsten Tag fand auch der Professor einen Zettel auf seinem Schreibtisch: »Ihren Aufträgen, sehr geehrter Herr Professor, komme ich gerne nach. Die in der Nachschrift geäußerten Wünsche kann ich leider nicht erfüllen, da ich das Postskriptum nicht zu lesen vermochte.«

ATTENTAT AN DER UNIVERSITÄT

Moritz Schlick, 1882–1936, Gründer des liberalen »Wiener Kreises«.

Als der prominente Physiker und Philosoph Professor Moritz Schlick am Vormittag des 22. Juni 1936 an der Universität Wien zu seiner Vorlesung eilte, wurde er bereits an der Haupttreppe von seinem ehemaligen Studenten Hans Nelböck erwartet. Der 33-jährige Mann zog eine Pistole und schoss auf den Gründer des Wiener Kreises. Schlick brach tot zusammen.

In der Gerichtsverhandlung im Mai 1937 kam der Hintergrund des Attentats zur Sprache: Nelböck hatte sich während des Philosophiestudiums in seine hübsche Studienkollegin Sylvia Borowitzka verliebt, die ihm jedoch eröffnete, dass sie mit Schlick liiert sei. Nun wurde der Professor für Nelböck zum Feindbild, er drohte mehrmals, ihn zu ermorden, woraufhin dieser Anzeige erstattete und der Student in die Heilanstalt am Steinhof gesperrt wurde.

Die Aufenthalte in der Psychiatrie standen dem jungen Doktor Nelböck wiederum bei seiner Karriere im Wege, insbesondere wurde er für einen angestrebten Posten an der Volkshochschule abgelehnt. Der sich krankhaft steigernde Hass auf Professor Schlick, dem er die Schuld an seinem privaten und beruflichen Scheitern gab, wurde immer größer, bis es zu den Ereignissen an der Haupttreppe der Universität kam. Hans Nelböck wurde zu zehn Jahren schwerem Kerker verurteilt, jedoch nach dem »Anschluss« von den Nationalsozialisten, die Schlicks »positivistische Lehre« ablehnten, freigelassen. Nelböck starb 1954 im Alter von 51 Jahren in Wien.

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Am Morgen des 22. Juni 1936 von seinem ehemaligen Studenten erschossen: Professor Moritz Schlick

ATTERSEE

Gustav Mahler ließ sich von der wunderschönen Landschaft des Attersees und seiner Umgebung, wo er ein »Komponierhäuschen« genanntes Feriendomizil besaß, inspirieren. Als er dort eines Sommers den Besuch seines Kollegen Bruno Walter erhielt, fiel ihm auf, dass dieser sich jeden Berg, jeden Baum und jeden Strauch ganz genau ansah. Mahler nahm den Dirigenten ins Visier und sagte: »Sie brauchen sich gar nicht mehr umzusehen. Hier herum hab ich schon alles wegkomponiert!«

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»Alles wegkomponiert«: Gustav Mahlers Komponierhäuschen am Attersee

AUDIENZ

Für Audienz-Besucher galten die strengen Regeln des Protokolls.

Die Montag- und Donnerstagvormittage waren in der Hofburg und in Schönbrunn für Audienzen reserviert. Im Prinzip hatte jeder Staatsbürger mit gutem Leumund die Möglichkeit, Kaiser Franz Joseph persönlich zu sprechen. Entsprechend dicht war das Programm an den Besuchstagen: »Gestern hatte ich 127, heute werde ich 108 Audienzen geben«, schreibt Franz Joseph in einem Brief an Katharina Schratt. Insgesamt empfing der Kaiser in den fast sieben Jahrzehnten seiner Regentschaft rund 250 000 Personen. Seine Hand reichte er nur Ministern, Geheimen Räten und Aristokraten, niemals jedoch bürgerlichen Besuchern. Herren erschienen im Frack, Militärs in Uniform, Damen im hochgeschlossenen Kleid mit Hut. Für Arme und Mittellose gab es keine Toilettenvorschriften. Pro Audienz waren bis zu zehn Minuten vorgesehen.

AUFSICHTSRAT

Der Hof- und Gerichtsadvokat Josef Kopp zählte am Beginn des 20. Jahrhunderts zu den führenden Rechtsanwälten Wiens. Einmal hatte er eine angesehene Wiener Familie, die durch ungünstige Veranlagungen ihrer Hausbank das ganze Vermögen verloren hatte, vor dem Strafgericht zu vertreten. Kopps Anklage im Prozess begann mit den Worten: »Hohes Gericht! Es war einmal eine Bande von Räubern, die biedere Kaufleute in den Hinterhalt lockte …«

Hier unterbrach ihn der Vorsitzende und erklärte, einen so direkten Angriff nicht dulden zu können. Kopp bat höflich um Entschuldigung und erklärte, dass er seine Rede nun anders formulieren müsse. Und er begann: »Hohes Gericht! Es war einmal der Aufsichtsrat einer Bank …«

AUSGERECHNET BANANEN

Friedl Weiss, 1896–1998, Solotänzerin, Sängerin, Schauspielerin.

Die Wienerin Friedl Weiss hat als Schauspielerin, Operettensängerin und Solotänzerin keine allzu große Karriere gemacht, allerdings ist ihr der deutsche Text eines Liedes zu danken, das um die Welt ging. Sie war in den 1920er Jahren mit dem Lehár-Librettisten Fritz Löhner-Beda verlobt, der eines Tages nach Hause kam und verzweifelt stöhnte: »Stell dir vor, ich soll den deutschen Text zu einem amerikanischen Schlager schreiben. Irgendwas mit Bananen.«

»Ausgerechnet Bananen?«, fragte Friedl Weiss.

Fritz Löhner-Beda, 1883–1942, Schriftsteller, Librettist.

»Das ist die Zeile«, erkannte Löhner-Beda und dichtete weiter: »Ausgerechnet Bananen/Bananen verlangt sie von mir/ Nicht Erbsen, nicht Bohnen/Auch keine Melonen/Das ist ein Schikan von ihr …«

Der deutsche Text eines Welthits war geboren. Fritz Löhner-Beda hat Friedl Weiss an den Tantiemen des Schlagers beteiligt.

AUSREDENKALENDER

Paul Morgan, 1886–1938, Kabarettist.

Im Jahre 1930 entwarf der Schriftsteller und Kabarettist Paul Morgan einen »Ausredenkalender für schlechten Theaterbesuch«, dessen Gültigkeit bis heute unverändert blieb.

JÄNNER: Silvester hat zu viel gekostet. Das Publikum ist noch müde.

FEBRUAR: Bessere Leute gehen jetzt auf Winterurlaub. Die vielen Bälle! Der Monat ist zu kurz.

MÄRZ: Wenn die ersten Veilchen sprießen, ist’s Schluss mit dem Theater. Die Tage werden länger. Es ist schon abnormal warm. Es ist noch zu kalt.

APRIL: Bei dem Aprilwetter? Man kann abends schon im Freien sitzen. Ostern steht vor der Tür.

MAI: Im Stadtpark wimmelt es vor Liebespaaren. Pfingsten steht vor der Tür.

JUNI–JULI–AUGUST: Die Stadt ist leer. Wer soll ins Theater gehen? Der einzige Theatermonat ist der September.

SEPTEMBER: Nicht im September! Die Leute sind noch nicht vom Land zurück. Man hat im Sommer zu viel Geld ausgegeben.

OKTOBER: Man wurde im September zu oft enttäuscht. Nach den vielen Premieren wollen die Leute ausschnaufen. Die Frauen haben nichts anzuziehen.

NOVEMBER: Das Wetter ist zu feucht, da geht doch kein Mensch aus. Weihnachten steht vor der Tür.

DEZEMBER: Ich bitte Sie, im Weihnachtsmonat! Die Leute gehen zu den Feiertagen nicht an die Theaterkasse, weil sie denken, es ist ausverkauft. Es schneit zu sehr. Ja, wenn es nur schneien würde! Die Kaufleute haben heuer ein katastrophales Weihnachtsgeschäft. Die Geschäfte gehen so gut, dass die Kaufleute keine Zeit haben, ins Theater zu gehen.

AUSRUTSCHER

Eigentlich war Bruno Kreisky für sein sicheres Auftreten bekannt – und doch gibt es ein Foto, das den regierenden Bundeskanzler am Boden liegend zeigt. Es wurde am 10. Oktober 1971 vor seinem Wahllokal in Wien-Döbling aufgenommen – ausgerechnet an einem Tag, der ihm den größten Triumph seiner Laufbahn brachte, hatte er doch für seine Partei zum ersten Mal die absolute Mehrheit erreicht.

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Kreiskys Sturz, nachdem seine Maßschuhe neue Metallplättchen erhalten hatten

Zu Fall gebracht hat Kreisky auch nicht die Politik, sondern sein Schuster: Kreisky war Stammkunde der Wiener Maßwerkstätte von Béla Nagy – heute Georg Materna – zu dessen prominenter Klientel die Familien Hohenlohe, Fürstenberg und Starhemberg ebenso zählten wie die Politiker Thomas Klestil, Rudolf Sallinger – und Kreisky eben.

Am Tag seines tiefen Falls trug dieser ein neues, mit Metallplättchen versehenes Paar Schuhe. Und in den ersten Tagen besteht bei Maßschuhen besondere Rutschgefahr.

AUSSENMINISTER

Ottokar Graf Czernin, 1872–1932, k. u. k. Minister des Äußeren.

Ottokar Graf Czernin gehörte dem engeren Kreis um den Thronfolger Franz Ferdinand an. Um seine diplomatische Karriere zu beschleunigen, drang der Erzherzog darauf, dass Czernin im Oktober 1913 zum k. u. k. Gesandten in Bukarest ernannt werde. Als sich der Graf als Österreich-Ungarns künftiger Botschafter beim Kaiser vorstellte, begrüßte ihn Franz Joseph mit den Worten: »Ah, Sie sind der, der Außenminister wird, wenn ich gestorben bin.«

Er sollte damit recht behalten: Kaiser Karl ernannte Czernin am 22. Dezember 1916 zum Außenminister. Vier Wochen nach dem Tod des alten Kaisers.

B

Bischof mit sechs Kindern

BANKROTT

Kaiser Franz II., 1768–1835, letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reichs.

Als Finanzminister Franz Graf von O’Donell starb, weilte Kaiser Franz II. gerade in Prag, wo er sich sofort auf die Suche nach einem Nachfolger für dieses schwierige Amt begab. Er befahl den Verwalter des Hradschin, Joseph Graf von Wallis, zu sich und sagte ihm: »Ich will Sie, lieber Graf, für Ihre treuen Dienste belohnen. O’Donell ist tot, Sie sollen sein Nachfolger werden.«

»Ich bitte Eure Majestät«, meinte der Verwalter, »allergnädigst bedenken zu wollen, dass ich vom Finanzwesen nichts verstehe und mich auch darum nie gekümmert habe.«

»Das macht gar nichts«, entgegnete der Kaiser, »genau solche Leute brauche ich. Sie waren ein treuer Burggraf und werden ein nicht minder treuer Finanzminister sein.«

Es folgte, was zu erwarten war: der Staatsbankrott.

BEETHOVENS MÖRDER

Johann Malfatti, 1775–1859, Arzt Beethovens und des Kaiserhauses.

Der aus Italien stammende Arzt Johann Malfatti eröffnete in jungen Jahren eine Ordination in Wien, deren prominentester Patient Ludwig van Beethoven war. Das Musikgenie vertraute nur Malfatti, verliebte sich aber unglückseligerweise in dessen Tochter Hedwig. Als das hübsche Mädchen ihn zurückwies, reagierte der Komponist beleidigt: »Mein Arzt ist ein pfiffiger Italiener und hat es mehr auf meine Börse als auf meine Gesundheit abgesehen.« Malfatti weigerte sich daraufhin, Beethoven je wieder zu behandeln.

Im Frühjahr 1827 verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Komponisten dermaßen, dass ein Konsilium von vier Fachärzten an sein Krankenlager trat, das von dem Musikgenie mit den Worten empfangen wurde: »Alle Ärzte sind Esel, nur Malfatti kann mir helfen!« Von seinen Kollegen über den Ernst der Lage unterrichtet, besuchte Malfatti den früheren Patienten in seiner Wohnung in der Schwarzspanierstraße. Er erkannte das nahende Ende des an Leberzirrhose und Lungenentzündung erkrankten Beethoven und gestattete ihm eine Portion Punscheis. Wenige Tage danach war Beethoven tot.

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Sein Arzt weigerte sich, das Musikgenie weiterhin zu behandeln: Beethoven

Anton Schindler, 1795–1864, Sekretär Beethovens und sein Biograf.

Anton Schindler, der erste Biograf des Komponisten, bezeichnete Malfatti als »Beethovens Mörder«, da dieser seiner Behandlungsmethode zum Opfer gefallen sei. Die Behauptungen Schindlers waren jedoch nur ein persönlicher Rachefeldzug gegen Malfatti, der Beethoven – wohl nicht zu Unrecht – als Alkoholiker bezeichnet hatte. Dies passte Schindler nicht ins Konzept, da er den Komponisten in seinem Buch glorifizieren wollte.

Dem Obduktionsbefund und späteren Untersuchungen des Schädelknochens ist zu entnehmen, dass Beethovens Zustand hoffnungslos war und das Punscheis absolut nichts mit seinem Ableben zu tun hatte. Malfatti wollte nichts anderes, als Beethoven die letzten Stunden zu erleichtern.

BEETHOVENS TAUBHEIT

Ludwig van Beethoven, 1770–1827, Komponist. Ab 1802 schwerhörig, ab 1818 taub.

Als die sterblichen Überreste Ludwig van Beethovens 36 Jahre nach seinem Tod vom Währinger Friedhof in ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof umgebettet wurden, nahm der Wiener Arzt Franz Romeo Seligmann widerrechtlich einige »Beethoven-Souvenirs« an sich, darunter Fragmente des Schädelknochens. Seligmann vererbte die in einer Blechbüchse aufbewahrten Reliquien an seinen Sohn, und diese wurden dann von einer Generation zur anderen weitergereicht.

Im Jahre 1972 machte es sich der Wiener Medizinhistoriker Hans Bankl zur Aufgabe, den Spuren von Beethovens verschwundenen Knochen nachzugehen. Es gelang ihm, den in Frankreich lebenden Urgroßneffen Seligmanns auszuforschen, der tatsächlich im Besitz der Überreste des Musikgenies war: Thomas Desmines war sofort bereit, die Knochen nach Wien zu schicken, wo dann Bankl und sein Kollege Hans Jesserer eine eingehende anatomische Untersuchung vornahmen, deren Ergebnis die Beethoven-Forschung revolutionierte: Der Ursprung seiner Taubheit war nicht, wie bisher angenommen, das Knochenleiden Morbus Paget. Beethovens Gehörlosigkeit war vielmehr auf eine Otosklerose, eine frühzeitige Verknöcherung des Gehörorgans, zurückzuführen. Eine kleine »Entwendung« hatte ein sensationelles Forschungsergebnis ermöglicht.

BEFÖRDERUNG

Um Sitte und Moral im Staat hochzuhalten, gab Maria Theresia den Befehl, Offiziere, die von den Mitgliedern der Keuschheitskommission bei Geheimprostituierten erwischt wurden, von jeglicher Beförderung zu sperren. Als man dies einem alten General mitteilte, seufzte er: »Was für ein Glück, dass dieses Gesetz nicht schon früher gegolten hat. Sonst wäre ich heut noch Leutnant.«

BEGRÄBNIS

Ernst Haeusserman, 1916–1984. Direktor des Wiener Burgtheaters.

Der langjährige Burgtheaterdirektor Ernst Haeusserman lebte auf allzu großem Fuß, sodass er – obwohl er meist gut verdiente – sein Leben lang unter finanziellen Problemen litt. Eingedenk des Brauchs, prominente Mitglieder des Burgtheaters bei ihrem Begräbnis drei Mal um das Theater zu tragen, meinte er: »Mich werden’s drei Mal um die Länderbank tragen.«

BERUF: KAISER

Kaiser Joseph II., 1741–1790, Sohn Maria Theresias, großer Reformer.

Kaiser Joseph II. war wie immer, wenn er verreiste, unter seinem Pseudonym Graf Falkenstein unterwegs. Als er an einer Posttränke im Salzburgischen Station machte, verzögerte sich der übliche Pferdewechsel, da der Postmeister alle Tiere fortgeschickt hatte, um Verwandte und Freunde zur Taufe seines kurz davor geborenen Sohnes herbeizuholen.

Der volkstümliche Monarch verlor seine gute Laune nicht und bot sich als Taufpate an. Der Postmeister erkannte, dass er einen hohen Herrn vor sich hatte und erklärte, dass es ihm eine Ehre wäre.

Bald trafen die Verwandten und Freunde ein und gingen in die Kirche, wo der Ortsgeistliche die Taufe vollzog. Den Vorschriften entsprechend fragte er den Taufpaten nach seinem Namen. Der fremde Herr sagte: »Joseph.«

»Und Ihr Zuname bitte?«

»Joseph genügt.«

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Mischte sich als Graf Falkenstein gern unters Volk: Kaiser Joseph II.

»Nein, die kaiserliche Vorschrift fordert auch den Zunamen.«

»Nun so schreibt Joseph der Zweite.«

»Der Zweite?« wunderte sich der Priester. »Meinetwegen. Ihr Beruf?«

»Kaiser.«

Da schraken Pfarrer, Kaplan, Taufgäste und am meisten der Postmeister zusammen. Der Kaiser streichelte liebevoll seinen Täufling, ging auf jeden einzelnen Gast zu, schüttelte alle Hände, beglückwünschte die Eltern, reichte ein Taufgeschenk und sagte: »An der weiteren Feier kann ich leider nicht teilnehmen, ich habe noch eine weite Reise vor mir. Aber der Aufenthalt reut mich nicht. Lass er anspannen.«

Zurück blieb eine fassungslose Taufgesellschaft.

BERUFSRISIKO

Karl Kraus, 1874–1936, Gründer der Zeitschrift »Die Fackel«.

Karl Kraus konnte nicht ahnen, was er sich mit der Gründung seiner Zeitschrift Die Fackel antat. Der streitbare Feuilletonist wurde heftig angefeindet – einmal sogar gewaltsam, nachdem er den in der Wiener Tagespresse schreibenden »journalistischen Schmarotzern« schon in den ersten Ausgaben des neuen Blattes unterstellte, sie würden »der Regierung und dem Capitalismus jedwede Schweinerei nachsehen«. Kulturkritiker hielt er überhaupt für »korrupt«, da sie mit Theaterdirektoren verbrüdert wären.

Doch Kraus sollte die Auswirkungen seiner Unnachgiebigkeit am eigenen Leib zu spüren bekommen. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1899 – wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Fackel – wurde er vor einem Kaffeehaus überfallen und blutig geschlagen.

Wie sich bald herausstellte, hatten mehrere Theaterkritiker einen gerichtlich entmündigten Stückeschreiber, in dem sich – so Kraus – »Schwachsinn und Körperkraft glücklich gepaart fanden«, zu diesem tätlichen Angriff angestiftet. »Herr Kraus«, meinte einer von ihnen, »wird seine Schreibweise ändern müssen, wenn er Wert darauf legt, das erste Quartal seiner Fackel zu überleben.«

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Tätlicher Angriff auf den Kritikerpapst Karl Kraus

Nachdem er es überlebt hatte, gab Kraus in Heft 9 den folgenden Rechenschaftsbericht über das erste Quartal der Zeitschrift: »Anonyme Schmähbriefe: 236. Anonyme Drohbriefe: 83. Überfälle: 1.«

Insgesamt hat er – ohne je seine Angriffslust zu verlieren – 922 Ausgaben der Fackel herausgebracht, die letzte erschien wenige Wochen vor seinem Tod am 12. Juli 1936.

BESTER AUSLÄNDISCHER FILM

Billy Wilder, 1906–2002, Regisseur, sechsfacher Oscar-Preisträger.

Keine andere Nominierung genießt bei der alljährlichen Oscar-Verleihung in Hollywood so geringes Ansehen wie die Kategorie Bester ausländischer Film. Als der in Wien aufgewachsene Regisseur Billy Wilder 1949 mit den Dreharbeiten zu Boulevard der Dämmerung begann, wies er seinen Kameramann John F. Seitz an: »Johnny, immer etwas unscharf und leicht verwackelt. Ich möchte unbedingt den Oscar für den besten ausländischen Film gewinnen.«

BISCHOF MIT SECHS KINDERN

Heinrich Graf von Bombelles, der Erzieher des Erzherzogs und späteren Kaisers Franz Joseph, hatte eine interessante Familiengeschichte. Sein Vater, Marc Marquis de Bombelles, war ein französischer General und Diplomat, der sich im Jahre 1789 den Revolutionären angeschlossen hatte. Da er deren blutrünstiges Vorgehen nicht billigte, sagte er sich von ihnen wieder los, worauf er seines Postens als französischer Gesandter in der Republik Venedig enthoben wurde und von einem Tag zum anderen vor dem Nichts stand. Zudem hatte der verarmte Marquis nach dem Tod seiner Frau sechs kleine Kinder allein zu versorgen – eines davon war Heinrich, der spätere Erzieher Kaiser Franz Josephs.

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Schwierige Situation für den Zeremonienmeister: Der Erzbischof mit seinen sechs Söhnen – Karikatur von Bruno Haberzettl

Marc de Bombelles ging mit seinen Kindern nach Österreich, wo er eine neue, zu seinem bisherigen Berufsweg völlig konträre Karriere einschlug: der Marquis studierte Theologie, wurde Priester und nahm damit eine Berufung an, die ihm als Witwer laut katholischem Kirchenrecht durchaus erlaubt war. Bombelles brachte es sogar bis zum Bischof!

Marc de Bombelles, 1744–1822, französischer Diplomat und Geistlicher.

Eines Tages erschien Bischof Bombelles in Begleitung seiner Söhne bei einem Empfang in der Hofburg. Eine Tatsache, die dem Zeremonienmeister nicht nur ungewöhnlich erschien, sondern auch höchst peinlich war: Ein Bischof, der seine eigenen Kinder mitbrachte!

Da der Hofbeamte die Meldung »Bischof Bombelles mit seinen Söhnen« nicht über die Lippen brachte, kündigte er die Ankunft des Kirchenfürsten einfach so an: »Seine Eminenz, Erzbischof Marc de Bombelles – mit den Neffen seines Bruders!«

BÖHMAKELN

Als Leo Slezak nach seinem Rückzug von der Opernbühne seine Karriere als Filmschauspieler fortsetzte, erfreuten sich in den Wiener Kabaretts Slezak-Parodien besonderer Beliebtheit. So wurde der berühmte Sänger in der Literatur am Naschmarkt vom Komiker Oskar Wegrostek imitiert. Slezak – von dem es hieß, dass er sogar in den Meistersingern geböhmakelt hätte – saß im Publikum, amüsierte sich und gratulierte nach der Vorstellung: »Großartig, wirklich großartig! Nur eines, lieber Wegrostek: Kannst du mir erklären, warum du so firchterlich behmakelst, wenn du mich spielst?«

BORG-THEATER

Als leidenschaftliche Roulettespielerin war die Schauspielerin Katharina Schratt stets in Geldnöten. Immer wieder musste ihr Besitz gepfändet (und von Kaiser Franz Joseph ausgelöst) werden, ihre Burgtheatergage ließ sie sich auf Monate im Voraus bezahlen. Was ihren Kollegen Friedrich Mitterwurzer zu der spöttischen Bemerkung veranlasste: »Liebe Kathi, du bist nicht am Borg-Theater, sondern am Burg-Theater engagiert.«

BOSHAFT

Adrienne Gessner, 1896–1987, Schauspielerin des Wiener Burgtheaters.

Nach der Burgtheater-Premiere von Peter Handkes Der Ritt über den Bodensee im Jahre 1974 wurde die für ihr loses Mundwerk bekannte Schauspielerin Adrienne Gessner gefragt, wie ihr die Aufführung gefallen hätte.

»Bin in der Pause weggegangen.«

»Adrienne, in dem Stück war doch gar keine Pause.«

»Ach so, ich hab gedacht, das war die Pause.«

BOTANISCHE TRAGÖDIE

Nikolaus von Jacquin, 1727–1817, Gestalter des Schönbrunner Schlossparks.

Nikolaus von Jacquin zählte zu den angesehensten Botanikern der Welt, umso mehr traf den gebürtigen Holländer das Schicksal, das er am Wiener Hof erleiden sollte. Da zu Zeiten Maria Theresias in Flora und Fauna alles »Exotische« modern war, schickte ihn die Kaiserin in alle Welt, um im barocken Schlosspark von Schönbrunn tropische und subtropische Pflanzen einzusetzen. Fünf Jahre verbrachte Jacquin in Westindien und kam dann mit reicher Beute zurück. Zahllose, in riesigen Kisten verpackte Bäume, Heilpflanzen, Ziergewächse und Kakteen gingen in Livorno an Land und wurden von dort auf Maultieren nach Wien transportiert.

So erfolgreich die aufwendige Reise war, führte sie doch zu einer persönlichen Niederlage, die Jacquin nie verwinden konnte. Er hatte die seltenen Gewächse im Schönbrunner Schlosspark gepflanzt, doch als eines Nachts der Gehilfe des »Warmhauses« einschlief, in dem die sensiblen Pflanzen während der Wintermonate gelagert wurden, war der Ofen für mehrere Stunden außer Betrieb, und ein Großteil der über Jahre gesammelten exotischen Gewächse verendete innerhalb weniger Stunden.

BREISKY UND KREISKY

Walter Breisky, 1871–1944, Bundeskanzler.

Der eine war der längstdienende Bundeskanzler der Republik, der andere der kürzestdienende. Dreizehn Jahre lang war’s Bruno Kreisky, nur einen einzigen Tag Walter Breisky. Und das kam so: Der parteilose Kanzler Johann Schober trat am 26. Jänner 1922 wegen einer Krise mit seinem großdeutschen Koalitionspartner zurück, worauf der christlichsoziale Unterrichtsminister Walter Breisky sein Nachfolger wurde. Als 24 Stunden später die Wogen geglättet waren und Schober wieder im Kanzlerbüro Platz nehmen konnte, da hatte Breisky seine Schuldigkeit getan – und Breisky konnte gehen.

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War einen Tag österreichischer Bundeskanzler: Walter Breisky

Walter Breisky war Jurist wie sein Fast-Namensvetter Bruno, und er hatte auch böhmisch-mährische Vorfahren wie dieser. Breisky war zunächst Beamter, ehe er Staatssekretär und Minister wurde. Am 26. Jänner 1922 schlug seine große Stunde als Regierungschef, auch wenn er die Geschicke der Republik nur einen Tag lenken durfte.

Breiskys Leben endete tragisch. Er wurde im September 1944 von der Gestapo festgenommen, nachdem ihn seine Haushälterin »wegen Abhörens des Feindsenders BBC« denunziert hatte. Wieder in sein Haus in Klosterneuburg zurückgekehrt, setzte der »Ein-Tages-Kanzler« seinem Leben ein Ende.

BUH-RUFE

Der langjährige Staatsoperndirektor Ioan Holender erzählte aus seiner Zeit als junger Sänger die Geschichte eines Kollegen, der in einem Provinztheater einen äußerst mittelmäßigen Bajazzo-Prolog ablieferte und dafür vom Publikum mit leidenschaftlichen Buh-Rufen bedacht wurde.

Der Bariton wartete einen Augenblick, verschaffte sich mit Hilfe einer ausladenden Handbewegung Ruhe im Auditorium und rief: »Mich buhen Sie aus? Warten Sie erst, bis Sie den Tenor gehört haben!«

BUNDESHYMNE

Paula von Preradović, 1887–1951 Textautorin der Bundeshymne.

Im Jahre 1947 schrieb die österreichische Regierung einen Wettbewerb zur Textierung einer neuen Bundeshymne aus, an dem sich prominente Dichter wie Alexander Lernet-Holenia, Rudolf Henz und Franz Theodor Csokor beteiligten. Als Siegerin ging Paula von Preradović hervor, deren Worte »Land der Berge, Land am Strome« – zur Musik von Mozart – der zuständigen Kommission am besten gefielen. In dem im Unterrichtsministerium am Wiener Minoritenplatz angelegten »Akt Bundeshymne« findet sich der Vermerk: »Da der mit der höchsten Punkteanzahl bewertete Hymnenvorschlag zwei Autoren hat (Mozart und Preradović) wäre der ausgesetzte Preis von 10 000 Schilling zu teilen: 5000 Schilling entfallen auf Punktesiegerin Preradović, 5000 Schilling für Musik stehen theoretisch Mozart zu.«

BÜRGERKRIEG

Sozialdemokraten versuchten den Vormarsch des Ständestaates zu stoppen.

Am 12. Februar 1934 kam es zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen, nachdem das Linzer Arbeiterheim Hotel Schiff von der Polizei umstellt und durchsucht worden war. Der Republikanische Schutzbund antwortete mit Schüssen, und bald griffen die Kämpfe auf Wien und andere österreichische Städte über, ehe der Aufstand von Heimwehr, Militär und Polizei niedergeschlagen wurde.

Otto Bauer, 1881–1938, Sozialdemokratischer Führer.

Als alles vorbei war, erschien im Prager Tagblatt ein Leitartikel, der den sozialdemokratischen Führern Julius Deutsch und Otto Bauer vorwarf, sich in die Tschechoslowakei abgesetzt zu haben, während die von ihnen verlassenen Genossen in aussichtslosem Kampf in Wien auf den Barrikaden gestanden und fast zweihundert von ihnen ums Leben gekommen waren.

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»Da kann es schon passieren, dass man einmal die Wahrheit schreibt«: Bürgerkrieg in Wien, Februar 1934

Daraufhin sprach eine Abordnung der Sozialdemokratischen Partei bei Rudolf Keller – dem Herausgeber der Zeitung – vor, um sich über den Kommentar zu beschweren.

Keller lauschte den Vorwürfen des Delegationsleiters ohne Widerspruch, holte tief Atem und brachte dann seine Entschuldigung hervor: »Meine Herren, Sie wissen doch, wie es zugeht in einer Redaktion – besonders an einem so aufregenden und hektischen Tag wie dem gestrigen. Da herrscht ein entsetzliches Durcheinander, die Meldungen überstürzen sich, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinhören soll. Tja, meine Herren: Da kann es schon passieren, dass man einmal die Wahrheit schreibt!«

BÜRGERLICH

Konstantinhügel, Erholungsgebiet im Wiener Prater, benannt nach Konstantin Fürst Hohenlohe.

Nach einer durchzechten Nacht in einem Sacher-Separee ließen sich vier elegante Herren im Fiaker in den Prater führen, wo sie sich in einem Teich neben dem Konstantinhügel ihrer Kleider entledigten und, wie Gott sie schuf, ins Wasser sprangen. Es dauerte nicht lange, ehe ein Polizist kam und zur Amtshandlung schritt.

»Kommen Sie aus dem Wasser«, brüllte er, »ich muss Sie festnehmen.«

Die vier Herren lachten, doch der Beamte zog sein Notizbuch und forderte: »Ihre Nationale bitte!«

Kronprinz Rudolf, 1858–1889, Sohn des Kaisers.

Einer der Herren stieg aus dem Wasser, streifte seine Hose über und sagte zu dem Amtsorgan: »Darf ich bekannt machen: König Milan von Serbien, der Prince of Wales, Herr Eduard Sacher. Und ich bin der Kronprinz Rudolf.«

»Machen S’ kane blöden Witz’, das wird Sie teuer zu stehen kommen. Sie sind verhaftet.«

Die Herren zogen sich vollständig an, und als der Polizist den ersten in voller Montur sah, erstarrte er zur Salzsäule: »Kaiserliche Hoheit …«

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, lächelte der Sohn des Kaisers, »Sie lassen uns in Ruhe und vergessen die ganze Sache.«

Die Herren fuhren zurück ins Sacher, nahmen noch ein paar Flaschen Champagner zu sich und lachten über den eben erlebten Vorfall. Der Polizist freilich schrieb im Wachzimmer eine Anzeige: »Der Herr Erzherzog sowie die Hoheiten von Serbien und Windsor sowie Herr Eduard Sacher gingen nackt ins Wasser und haben damit den sittlichen Anstand verletzt.«

Die Anzeige ging ins Kommissariat, von dort ins Polizeipräsidium und dann in die Regierung. Die involvierten Beamten tuschelten, der peinliche Vorfall sprach sich in Wien schnell herum, und der k. u. k. Ministerpräsident schlug verzweifelt beide Hände über dem Kopf zusammen: »Dieser Kronprinz! Als hätten wir nicht schon genug Scherereien mit ihm. Es bleibt uns nix anderes übrig, wir müssen dem Kaiser Bericht erstatten.«

Franz Joseph las den Akt und reagierte unerwartet. »Na ja, vom Kronprinzen, dem Prince of Wales und dem König von Serbien war ja auch nichts anderes zu erwarten.« Doch dann wurde der Kaiser wütend: »Aber der Herr Sacher. Was macht ein Bürgerlicher in dieser Gesellschaft?«

BURGTHEATER

Das Burgtheater war nach einem Bombenangriff im Ronacher einquartiert.