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KARL MERKATZ
EIN SCHAMERL
BRAUCHT
VIER HAXEN

KARL MERKATZ

EIN SCHAMERL BRAUCHT VIER HAXEN

Aufgezeichnet von
Christoph Frühwirth

Mit 110 Abbildungen

AMALTHEA

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagfotos: © Peter Faschingleitner (vorne, rechte Klappe),
Pressefoto Günter Jagoutz (hinten oben);
© Privatarchiv Karl Merkatz (hinten Mitte und unten)

Lektorat: Martin Bruny

Satz: Gabi Adébisi-Schuster
Gesetzt aus der Sina Nova 11,2/14,4 pt

ISBN 978-3-99050-007-1
eISBN 978-3-902998-95-8

»Ich bin Schauspieler und Tischler.«

INHALT

PROLOG: EIN SCHAMERL BRAUCHT VIER HAXEN

ERSTER HAXEN: DAS LEBEN

Filmleben: König und Diva

Lebensstationen

Wegkreuzungen: 1955, 1987, 2005 Ein Wiener Neustädter geht nicht unter 1940 bis 1951: Vom Lausbuam zum Lehrbuam 1952 bis 1976: Salzburg, Hamburg, München: Theater im Engagement Die Wessely, Corti und der Prolet

Lebensfreunde

Thomas Bernhard: Reiten, reiten durch den Tag, durch die Nacht Hans-Jürgen Bode: Töte den Buddha in dir Dietmar Pflegerl: mein Theaterregisseur Franz Antel: mein Filmregisseur Kurt Weinzierl: den Schalk im Nacken

Lebensfreiheit: Australien

Big things Buschfeuer No worries Walkabout Was du nicht im Kopf hast, hast du im Tank Leben im Backofen Highway Fair go Nanny-State Down Under

Aus meinem privaten Fotoalbum

ZWEITER HAXEN: DIE FAMILIE

Film-Familie: Einer für alle, alle für einen

Mann und Frau

Erste Busserl Rote Fledermaus in der Theaterkantine Ein Unfall mit Folgen Verlobter mit grauem Haar Die Ring, deppata Bua! Leben aus dem Koffer Gemeinsamer Arbeitsweg Wurzeln schlagen Frau im Haus

Irrsdorf: Mensch unter Menschen

Quengert, das Familienrefugium

Aus meinem privaten Fotoalbum

DRITTER HAXEN: DAS HANDWERK

Film-Handwerk: Drehen bei Nacht und Nebel

Drehpausen-Gespräch

Schauspieler-Latein

Anekdoten Regisseure Proben Kritiker Dramatiker Drehbuchautor Star Figur Spielroutine Spielerische Unschuld Drei Damen – und ich am Grill Anatevka -auf der Bühne mit Tochter Josefine

Aus meinem privaten Fotoalbum

VIERTER HAXEN: DER GLAUBE

Film und Glaube: Im Sarg mit den Klageweibern

Glauben heißt nichts wissen

Mutter Maria

Himmel und Hölle

Amtskirche

Alpha und Omega

Glaube nichts, prüfe alles

Unfall mit Todesfolge: Sieben letzte Worte

EPILOG: AM SCHAMERL HOCKEN

»DER BLUNZENKÖNIG«: CATERING BEIM FILM

Blunzen, König!

Der Blunzen-Gugelhupf

Catering-Rezepte vom »Blunzenkönig-Dreh«

DAS TAGWERK

Theater im Engagement

Theater als Gast

Theater-Monologe

Fernsehen

Kino

AUSZEICHNUNGEN

DER »ECHTE WIENER«:
EINE SPURENSUCHE VON CHRISTOPH FRÜHWIRTH

PERSONENREGISTER

BILDNACHWEIS

TEXTNACHWEIS

PROLOG: EIN SCHAMERL BRAUCHT VIER HAXEN

Zwiegespräch im Vorfeld dieses Buches. Ich bespreche mit meinem langjährigen künstlerischen Visavis, dem Schriftsteller Christoph Frühwirth, die vorliegende Biografie. Wir suchen nach einem Buchtitel, der mein Leben am besten zusammenfasst, und kommen auf das Schamerl, das vier Haxen braucht, damit es nicht wackelt.

Ich hab zwei Berufe gelernt. Der erste, mein Lehrberuf, ist die Tischlerei. Mein erstes Werkstück war ein Schamerl. Der Geselle hat mir die Einzelteile auf der Maschine zurechtgeschnitten, also das Grundmaß vorgegeben. Anschließend musste ich per Hand den exakten Winkel millimetergenau einrichten: den Winkel ansetzen, ausmessen und das Brett mit der Handsäge in Form bringen. Danach wurde mir gezeigt, wie man das Schlitzloch stemmt und die Einzelteile ineinanderfügt. Eine punktgenaue Arbeit, bei der ich fürs Leben gelernt hab. Das Maß ergibt die Form. Und ein Schamerl braucht vier exakt gleich lange Haxen, damit es nicht wackelt.

Frühwirth und ich haben uns entschieden, von diesen vier Haxen ausgehend die vier großen Themen meines Lebens zu erarbeiten: das Leben an sich, die Familie, das Handwerk und den Glauben.

Bevor ich in die Tiefe dringe, möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick in die Schreibwerkstatt verschaffen. Lauschen Sie jenem Zwiegespräch, das uns zum Buchtitel hingeführt hat.

Christoph Frühwirth: Ein Buch über dich, da müssen wir auf jeden Fall auch über deine beiden erlernten Berufe plaudern.

Karl Merkatz: Den einen hab ich ja nur erlernt, weil der andere meinen Eltern als Hungerleider-Beruf gegolten hat.

Deine Leidenschaft ist also von Kind an beim Schauspiel gelegen?

Beim Kasperltheater. Als Kinder haben wir ein paar Bretter zusammengenagelt und unser Publikum mit Kasperl und Krokodil unterhalten.

Da haben sich bei dir ja schon von klein auf beide Berufe überschnitten.

Ja, und zum Zeitpunkt meines ersten richtigen Theaterabends bin ich dann an der berühmten Weggabelung gestanden. 14 war ich damals, hab mich für eine Lehre entscheiden müssen und gleichzeitig im Pfarrtheater den »Verlorenen Sohn« von Erich Eckert gespielt.

Die berühmte Gewissensfrage: Verlorener oder braver Sohn?

Das Gewissen haben mir meine Eltern abgenommen, indem sie gemeint haben: »Du wirst Tischler!«

Machen wir einen Zeitsprung. Vier Jahre später. Das zerbombte Wien: Du bist Tischlergeselle in Wien und findest in einem Bombentrichter ein altes Soufflier-Buch.

Das hab ich heut noch, ganz zerfleddert ist es. Dieses Büchel hab ich fortan im Schurz stecken gehabt. (Anmerkung: wie am Buchcover.)

Ein schönes Bild.

Mehr als das. Das Büchel im Schurz hat mir ein Gefühl dafür gegeben, was ich wirklich will.

Du bist ja jemand, der sehr sensitiv an die Dinge herangeht …

Das Gefühl ist das Um und Auf bei der Erarbeitung einer Rolle wie auch bei der Arbeit an einem Werkstück. Ich hab als Tischler einen Winkel vorgegeben. Der ist das Maß, mit dem ich dem Stück eine Form geb. So weit die technische Seite. Der Rest ist das Gefühl.

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Gespräch unter Freunden: mit Autor Christoph Frühwirth

Um auf das von dir eingangs erwähnte Schamerl zurückzukommen: Was hast du dabei gelernt?

Bei diesem Schamerl hab ich fürs Leben gelernt: Wenn’s wackelt, hast du einen Fehler gemacht und musst von vorne beginnen. Ich bin nie fehlerfrei gewesen, musste im Leben wie im Beruf immer wieder von vorne beginnen. Jeder Neubeginn ist für mich wie ein neues Schamerl gewesen.

Und damit haben wir, am Beginn der Arbeit zu diesem Buch, einen passenden Titel: Ein Schamerl braucht vier Haxen.

Wennst meinst, mir soll’s recht sein.

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Wer hier die Rampensau ist: mit Film-Schwein Marianne

ERSTER HAXEN: DAS LEBEN

»Warum der Thomas Bernhard ein Lebensfreund ist? Weil wir beinahe gemeinsam aus dem Leben geschieden wären.«

FILMLEBEN: KÖNIG UND DIVA

Oktober 2014. Ein Filmdreh am Land. Genauer gesagt in Ottenthal, einem kleinen Weinviertler Dorf an der Grenze zur Tschechei. Ein windschiefer Stadel, der bereits für einige Wochen die neue Heimstatt von Marianne ist. Sie ist der heimliche Star des Kinofilms »Der Blunzenkönig«, der nach einem Stück von Christoph Frühwirth in Szene gesetzt wird. Eine Sau, die die Rolle ihres Lebens spielt: sich selbst.

Der Protagonist des Films, Franz König senior, ein Fleischerwirt im Unruhestand, sucht immer dann ihre Nähe, wenn er gerade mit der Welt hadert. Ich verkörpere diesen Fleischhauer, der im Gegensatz zum Bockerer, meiner Paraderolle im Theater wie im Kino, nicht nur in der Fleischbank, sondern auch hinter der Schank steht. Die einzige Parallele zwischen den beiden Figuren ist der Beruf – wobei der Franz König, im Unterschied zum Karl Bockerer, mit den geänderten Ernährungsgewohnheiten seines Umfeldes und nicht mit einer sich veränderten politischen Lage zu kämpfen hat.

»Nix im Leben währt ewig, Mariann’!«, sind die ersten Worte, die ich drehbuchgemäß zu sagen habe.

Im Mai 2004, zehn Jahre vor diesem Drehtag, hat das Projekt begonnen – mit meiner Ansage auf dem Anrufbeantworter des Autors: »Hier spricht Ihr Blunzenkönig!«

Banal, launig. Die launige Banalität – eine persönliche Grundentspanntheit bei gleichzeitiger Ernsthaftigkeit in der Arbeit – zeichnet unser Verhältnis aus. Ich hab das Manuskript drei Monate bereits bei mir zu Hause liegen gehabt. Drei Monate, in denen ich Down Under gewesen bin, in Australien. Nach meiner Rückkehr hab ich es gelesen und einen Entschluss infrage gestellt, den ich nach dem für den Oscar nominierten Film »Der Bockerer« gefasst hatte: Du spielst nie wieder einen Fleischer!

Doch dieser Text hat mir vom Bauchgefühl her gefallen. Und trotzdem, auch nach dem Rückruf des Autors ist zwischen uns nichts geklärt gewesen. Ich hab im Laufe meines Lebens eine ganz eigene Art des Mich-Windens entwickelt. Ich versuche eine neue Arbeit gefühlsmäßig zu fassen, ehe ich dann definitiv sage: »Greif mas!«

Wenn ich allerdings ein Projekt »greif«, in diesem Fall war es die Studioaufnahme des Hörbuches zum »Blunzenkönig«, dann geh ich in die Tiefe. Ich klopf den Text hinten und vorne ab, kehr das Unterste zuoberst. Man darf die Worte, die jemand zu Papier gebracht hat, nicht geringschätzen. Literatur ist für mich das Maß, das die Form ergibt.

Die meisten von Ihnen kennen mich vermutlich zwar vor allem als Mundl, aber ich schätze eigentlich François Villon, Samuel Beckett und Franz Kafka. Ich weiß schon gar nicht mehr, wohin mit meinen ganzen Büchern. Vom Dachboden über das Schlafzimmer bis hinunter in den Keller meines Hauses erstreckt sich meine Bibliothek.

Zuerst lese ich einen Text einmal ganz naiv. Danach denk ich ihn durch, mach mir da und dort Anmerkungen. Und beim dritten Durchgehen verlass ich mich nur mehr auf mein Gefühl. Das heißt, ich probier ihn im kleinen Kreis aus. Erreich ich das Publikum, ist es gut, wenn nicht, lass ich es bleiben.

Den »Blunzenkönig« hab ich in der Bankfiliale meines Freundes Franz in Strasswalchen vorgestellt. Er hatte ein paar Kunden eingeladen und ich meine Familie und Bekannte. Eine Handvoll Vertrauter. Ich las den Text, und die Reaktionen waren durch die Bank positiv. Auch der Autor, Frühwirth, war anwesend. Noch am gleichen Abend hab ich zu ihm gesagt: »Greif mas!« Also wurde ein Tonstudio für die Hörbuch-Aufnahme gebucht, für zwei Tage, da auch Musik eingespielt werden sollte.

August 2004. Am Vortag der Aufnahme ruf ich den regieführenden Autor an: »Ich bin stark verkühlt und weiß nicht, ob ich kommen kann.«

Es ist früher Vormittag, mittlerweile unsere fixe Zeit in der Vorbereitungsphase. Am späten Nachmittag bin ich vor Ort. Krächzende Stimme, das Schneuztüchel wie ein Spielrequisit ständig in der Hand.

Wir machen gemeinsam mit dem Musiker, dem Tubisten Johann Grabner, einen lockeren Durchlauf – und anschließend einen feuchtfröhlichen Durchmarsch, um die aufkommende Grippe zu bekämpfen.

Am darauffolgenden Tag geht’s frühmorgens ins Studio. Mein Krächzen ist einer Fistel-Heiserkeit gewichen, die Temperatur gestiegen. Der Tubist wirkt nervös, der Aufnahmeleiter Roland Baumann resignativ. Wieder ein lockerer Durchlauf, der Einfachheit halber gleich zusammen mit dem Tubisten, wie bei der Probe am Vortag.

Ich bitte ihn, gleich live zum Vortrag zu spielen, danach könne man die Aufnahme ja Schritt für Schritt einspielen. Der Tubist agiert souverän, ich selber dilettantisch: Textaussetzer, Timing-Schwierigkeiten, eine kaum verstehbare Stimme. Was tun?

Wir setzen uns erst mal in den Aufenthaltsraum und trinken starken, schwarzen Kaffee! Eine Stille, die mir die Brust zuschnürt, dominiert den Raum.

Irgendwann beim zweiten Kaffee versuche ich Optimismus zu streuen: »Probieren wir’s noch einmal.«

Ich besinne mich auf eine Gabe, die mir gegeben ist: Hab ich eine Figur einmal vom Bauch her erfasst, muss ich mich nur mehr auf dieses Gefühl einlassen. Ich bin ein reiner Gefühls-Schauspieler. Einer, der eine Figur ganz und gar spüren muss. Spüre ich sie, dann sind auch handwerkliche Schwierigkeiten vergessen.

Genauso mache ich es auch dieses Mal. Ich hole den Franz König ganz nahe an mich heran – und schon sind die Stimmprobleme und die Textaussetzer vergessen. Ich bin Franz König.

Eine Stunde später ist das Hörbuch in Echtzeit mit dem Musiker eingespielt. Beim Mittagessen dann die Nachricht aus dem Studio: »Ihr könnt’s das Masterbandl abholen!«

Auf das im Herbst 2004 bei der »Bibliophilen Edition« erschienene Hörbuch folgt 2005 bis 2008 eine ausgedehnte Bühnentournee durch die Bundesländer, die 2014 im windschiefen Stadl des Weinviertler Dorfes Ottenthal endet. Genauer: im Stall der Filmsau Marianne.

Anhand der Dreharbeiten zum Kinofilm »Der Blunzenkönig« möchte ich Ihnen ein bissel einen Eindruck von meiner Arbeit verschaffen.

Weit über 100 TV- und Kinofilme hab ich gedreht, und doch ist es alles andere als Routine, wenn du mit einem Viech drehst. Ich steh also in diesem Stadel und misch in einem Plastikeimer das Körndlfutter für meine Sau ab. An einem morschen Holzgatter im Hintergrund lehnen einige Tafelständer, auf denen in krakeliger Schrift für einen letzten Sautanz geworben wird. – Für die Jüngeren: Der Sautanz, das ist der alljährliche Schlachttag gewesen, an dem die Bauern in der Vorzeit des Kühlschranks und der Gefriertruhe ein ganzes Schwein verarbeitet haben. Leber und Nierndln sind sofort verkocht, der Rest gepökelt, sprich: konserviert worden. Dieses durchaus archaische Treiben ist durch die EU weitgehend verboten.

Bei unserem Dreh ist die Welt aber noch in Ordnung, das Leben in der ländlichen Einschicht nahe der tschechischen Grenze scheint im Lot. Nicht ganz so im Lot ist der Dreh dieser vom handwerklichen Aufwand überschaubaren Szene.

»Innen. Tag. Saustall. Ich füttere meine letzte Sau.« – Das ist die knappe Drehbuchanweisung. Ich bin allein, keine Statisten. Der Drehort ist wetterunabhängig. Aber es gibt einen ganz entscheidenden Faktor, von dem Gedeih und Verderb dieser Szene abhängig sind: die Sau.

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Als Blunzenkönig Franz König auf Abschiedstournee durch Österreich (oben). Ein angenehmer Dreh: mit Regisseur Leopold Maria Bauer und dem produzierenden Kameramann Robert Winkler (unten)

Es ist früher Morgen, als sich die technische Crew an den Drehort begibt, um das Licht einzurichten, also die Scheinwerfer zu justieren und die Schienen für die Kamerafahrt zu legen. Unbeeindruckt vom geschäftigen Treiben liegt die Sau fett und schwer im Heu.

Sie müsse von selbst aufwachen, dürfe nicht geweckt werden, hat ihr Besitzer, ein örtlicher Landwirt, der Crew eingebläut. Solange sie am Aufbau sind, kümmern sich die Techniker nicht weiter um das Viech. Doch als Kameramann Robert Winkler und Regisseur Leopold Maria Bauer am Set erscheinen, wird erstmals der eine oder andere Seitenblick auf die vor sich hindösende Sau geworfen. Bei einer technischen Probe (die ohne mich stattfindet) werden die Einstellungen Schritt für Schritt besprochen. Die Sau schläft unbeeindruckt vor sich hin.

Winkler, gleichzeitig auch Produzent des Films, fragt nach der Zeit. Drehtage kosten Geld. Und Dreh-Verzögerungen kosten sehr viel Geld. Der Landwirt steigt in die improvisierte Schweinebucht und versucht sich an einem wirkungsvollen Aufweckmittel: Schmatz-Geräusche. Tatsächlich, die Sau wälzt sich kurz und strampelt sich mit einem Ruck in die Höhe.

Gerade als ich gemütlich vor dem Stadel einen Frühstückskaffee im Pappbecher schlürfe, werde ich ans Set geholt. Ich kann zusehen, wie die Sau mit dem Rüssel im lockeren Erdreich unter dem Heu nach Essbarem gräbt.

Der Landwirt befriedigt das unmittelbar nach dem Aufwachen einsetzende Hungergefühl mit Mais im Schauferl. Die erste Einstellung ist ein treuherziger Blick der Sau auf mich, den sie fütternden Fleischhauer. Doch die Sau, ganz Diva, frisst zwar in ruckartigen Stößen, liefert allerdings nicht den gewünschten Blick ins Kameraobjektiv.

Ich hab mein halbes Leben lang selbst Tiere gehabt und zeige deshalb Verständnis für das tierische Verhalten: »Die könn’ ma ned beeindrucken!«

Doch ein unverstellterDoch ein unverstellter Blick aufs Landleben hat seinen Preis. Der macht sich am Ende eines Drehtages bemerkbar. Also mahnt der Regisseur zu Disziplin. In diesem Fall zur Disziplinierung der Rampensau wider Willen. Ein Balken wird in der Schweinebucht eingezogen und die Bewegungsfreiheit der Sau erheblich eingeschränkt. Anschließend wird mit einem Heuballen nachgeholfen, den die Sau überwinden muss, um ans Futter zu kommen. Dabei hebt sie automatisch den Blick: direkt in die Kamera, die hinter dem Heuballen in Position gebracht ist. Ein zufriedenes Schmatzen, ein erleichtertes Grinsen. Die Sau ist »im Kasten«, wie es der Branchenjargon salopp auf den Punkt bringt.

Auf den tierischen Blick folgt ein Wechsel der Perspektive. Das Spiel beginnt von Neuem: Bewegungsradius begrenzen, Hindernis aufbauen, Schweinsäuglein heranzoomen … Nach einer schweißtreibenden guten Stunde sind die für die Szene notwendigen schweinischen Blicke »eingefangen«.

Erst jetzt bin ich mit meinem Text an der Reihe. Routiniert heb ich an: »Nix im Leben währt ewig …«

Da läuten die Glocken im benachbarten Kirchturm.

Tonmeister Dieter Draxler, der sein Mischpult außerhalb des Stadels aufgebaut hat, stürmt herein: »Schnitt!«

Nächster Versuch. Ein Traktor fährt neben dem Stadel vorbei.

»Schnitt!«

Dritter Versuch. Ich schaufel Körndln aus dem Plastikeimer – und vergesse den Anfangssatz.

Auf einmal stört eine Kreissäge die angespannte Crew auf. Ein Mitarbeiter wird losgeschickt, um den Störenfried zu lokalisieren.

Warten.

Der Mitarbeiter kommt unverrichteter Dinge zurück. Das Geräusch endet so schnell, wie es gekommen ist.

Ich konzentrier mich und fahre fort im Text: »Irgendwann hat ois a End, weil, nur wo a End is, kann’s an Anfang geben …«

Da knarrt das Stadl-Tor.

Die Aufnahme-Crew geht zurück auf Anfang.

Es braucht einen ganzen Vormittag, um das einseitige Gespräch zwischen dem alten Fleischhauer und seiner letzten Sau auf Zelluloid zu bannen.

Beim Drehen am Originalschauplatz ist Disziplin das Allerwichtigste. Andererseits ist mir Authentizität sehr wichtig. Denn ein Film mag zwar verdichtetes Leben sein, das heißt, man bringt in einer kurzen Szene eine Lebenseinstellung auf den Punkt; niemals allerdings – und das ist für mich ein ungeschriebenes Gesetz – darf er abgebildetes Leben sein. Eine Abbildung ist immer etwas Künstliches. Leben aber spiegelt unsere Realität wider: im Hier und Jetzt. Das Leben ist für mich also mehr als ein Fundament. Es ist die Basis all meines Tuns.

LEBENSSTATIONEN

Wegkreuzungen: 1955, 1987, 2005

Der Schriftsteller Erwin Strittmatter hat einen wunderbaren Gedanken in Worte gefasst: »Das Leben ist verknotet, man erkennt nicht, von wo der Faden kommt.«

Wenn ich diesen Gedankenfaden aufgreifen darf: Mitten im Leben stehend, kann man noch nicht wissen, wo der Faden beginnt. Am Ende des Lebensweges tut man sich da bereits leichter. Nun lässt sich das Knäuel, das wir Leben nennen, entwirren – und der Faden wird greifbar.

Dieser Faden ist wie eine Linie oder, noch besser, ein Weg. Als Butzerl krabbelst du anfangs über den Boden, dann tappst du als Kleinkind unsicher herum. Mit dem Heranwachsen stellst du dich auf beide Beine und gehst immer sicherer. In der Jugend marschierst du forsch drauflos und stolperst ständig über deine eigenen Beine. Dann kommt die Sturm-und-Drang-Zeit, in der du verschiedene Wege zu gehen versuchst. Mit dem Erwachsenwerden wird dir bewusst, dass du einen Fußabdruck hinterlässt. Und im Alter wird dir das Gehen wieder mühsam, du setzt vorsichtig und zögerlich einen Fuß vor den anderen.

Der Weg, den wir zu gehen haben, ist uns vorgegeben. Manchmal ist es ein Winterweg, mal vom Schnee verweht, mal geräumt, dann wieder ist es ein Sommerweg, aber es ist ein Weg, der zu einem Zielpunkt führt. Ein roter Faden, der uns durch das Leben führt.

Apropos Rot: Wie jeder Weg wird auch unser Lebensweg von Kreuzungen gesäumt. Da steht eine Ampel, die einem Zeichen gibt: »Grün« bedeutet, du darfst weitergehen, »Gelb« zeigt dir an, dass du warten musst. Und »Rot« heißt: Stopp. Die Kreuzung ist für mich jene Station, an der mein Leben verhandelt wird.

Drei Mal ist mein Leben verhandelt worden. Drei Mal hat die Ampel »rot« aufgeleuchtet.

Das erste Mal, 1955, als ich als junger Mann in Heilbronn in einen schweren Unfall verwickelt wurde, der mich fast ein Bein gekostet hätte.

Das zweite Mal, 1987 war’s, als ich in Australien einen Blick in den Himmel fast mit meiner persönlichen Himmelfahrt bezahlt hätte.

Und das dritte Mal, 2005, als ich einen Autounfall mit Todesfolge zu verantworten hatte.

Der dritte Schicksalsschlag hätte mich beinahe aus der Bahn geworfen. Hier hat mir mein Glaube wieder zurück ins Leben geholfen. Ich kann diesen Unfall und die Folgen nicht mehr rückgängig machen. Ich habe mich vor dem irdischen Gericht dafür verantwortet. Und ich habe selbst Verantwortung übernommen. Aber ich weiß auch: Es ist Schicksal gewesen. Diesem Schicksal muss ich mich im Hier und Jetzt stellen. Tagtäglich. Und mit allen Konsequenzen.

Doch eine Ampel zeigt nach dem »Rot« wieder auf »Grün«. Daher hat mich der erste, der Heilbronner Schicksalsschlag auch zu meiner Martha geführt. Dazu später. Ich möchte die Ordnung nicht durcheinanderbringen und an den Beginn des Weges zurückkehren. Dorthin, wo noch keine Weggabelungen sind, wo es noch nicht heißt: rechts oder links. Wo ich einfach in die Welt gestolpert bin, ohne mir den Kopf über die Richtung zerbrechen zu müssen. Ich kehre zurück an den Ort meiner Kindheit.

Ein Wiener Neustädter geht nicht unter

Wenn ich an mein Heranwachsen denk, sehe ich ein Bild vor mir: Ich, ein schmächtiger, aufgeweckter »Bua« im Volksschulalter, schlendere auf dem Schulweg einen zugefrorenen Bach entlang.

Es ist tiefster Winter. Ich trag allerdings kurze Hosen, ein Jopperl und Halbschuhe. Das Eis lockt!

Patsch! Ich breche ein. Mit letzter Kraft rette ich mich ans Ufer …

Der »Bua«, der ich damals war, geht heute rasant auf die 85 zu. Denke ich jedoch an meinen Beinahe-Untergang von damals, muss ich zugeben: Mir sitzt der Übermut noch heute manchmal im Nacken.

Geboren wurde ich am 17. November 1930. Meine Geburtsstadt ist – nein, nicht Wien, wie die meisten fälschlich denken – Wiener Neustadt. Das ist sogar verbrieft, hat mir doch 1995 der damalige Bürgermeister Peter Wittmann diesen Umstand, für den ich nix kann, mit dem Ehrenring der Stadt gedankt. Er hat bei mir im Büro einen Ehrenplatz, der Ring.

Ich streife erinnerungsselig durch »meine« Stadt. Meine ersten 19 Lebensjahre hab ich hier verbracht. Eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Beim Anblick der wuchtigen Stadtmauer fällt mir spontan Luis Trenker ein. Und das Kino – meine erste große Leidenschaft. Die zweite Leidenschaft waren die Abenteuer des schneidigen Südtiroler Bergfex. Ein Mannsbild, das kraxelt wie eine Berggämse.

Und was ein Trenker konnte, das konnte ein Merkatz allemal: nämlich auf die Stadtmauer kraxeln. Leider bin ich nicht mehr heruntergekommen, und die Feuerwehr musste, ganz filmreif, ausrücken, um mich aus der lichten Höhe zu retten.

Wir, meine Eltern und meine Schwester Hilda, haben im De-Cente-Hof in der Wiener Straße gewohnt. Ich war ein echtes »Schlüsselkind«. Mein Vater hat als Dreher in den Rax-Werken gearbeitet, die Mutter als Weberin im burgenländischen Neudörfl, einem der vielen Vororte der weitläufigen Region Wiener Neustadt. Schlüsselkind, den Begriff können Sie durchaus wörtlich nehmen. Der Bomben wegen – ich bin ja ein Kriegskind – hätte ich den Schlüssel immer um den Hals tragen müssen. Aber nicht so der kleine Karli. Der trug ihn, wie es sich gehört, in der Hosentasche.

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Ehre, wem Ehre gebührt? Mit dem damaligen Bürgermeister Peter Wittmann bei der Verleihung des Ehrenringes der Stadt Wiener Neustadt

Doch zurück zum De-Cente-Hof. Hier befand sich das Elektrogeschäft eines gewissen Herrn Ott. Dort hab ich das erste Mal in meinem Leben ein Telefon gesehen. Ein Telefon! Ich hab den Herrn Ott so lange angebettelt, bis er mir einen Anruf bei meiner älteren Schwester Hilda an deren Arbeitsplatz erlaubt hat.

Sie wurde umständlich zum Telefon gerufen, am anderen Ende der Leitung der kleine Bruder: »Servus, ich wollt dich nur hören!«

Die fernmündliche Schimpfkanonade klingt mir heute noch in den Ohren.

Schauplatzwechsel: der »Liebfrauen-Dom«, ein berühmter spätromanischer Kirchenbau. Da hab ich Julia, meine erste große Liebe, kennengelernt: Maiandacht im Dom. Wir Buben haben in den Betbänken gekniet, daneben standen die Mädchen. Darunter sie. Ich starrte sie blöd an, sie grinste frech zurück. Ein paar Tage später schlenderten wir schon Hand in Hand durch die Stadt, die Julia und ich, ihr Romeo.

Zufällig sah uns der Dom-Kurat: »Hände auseinander, aber sofort!«

Er war ein gar gestrenger Herr, der Herr Kurat. Gut, ich war erst zehn Jahre alt zu dem Zeitpunkt. Früh entwickelt. Der Herr Kurat hingegen muss ein wahrer Spätzünder gewesen sein. Jedenfalls traf ich ihn Jahre später wieder, ich arbeitete damals bereits als Geselle in Wien, in der Weltstadt mit Herz. Deren touristisches Motto nahm der Herr Kurat allzu wörtlich: Hand in Hand schlenderte er mit der Dame seines Herzens durch die Innenstadt.

Ich komme an der Ecke Ungargasse/Hauptplatz zum Stehen – und da ist sie wieder präsent, die unselige Zeit unter einem verhinderten Wiener Kunststudenten und Postkartenmaler namens Adolf Hitler.

An dieser Ecke gab’s 1938 ein Wäschegeschäft. Meine Mutter hat hier auf Raten Bettwäsche gekauft.

Eines Tages sagte die Besitzerin zu ihr: »Frau Merkatz, Sie müssen keine Raten mehr zahlen, es ist alles vorbei!«

Für mich war gerade in dieser schlimmen Zeit die Kirche ein Zufluchtsort. Besonders das Wiener Neustädter Zisterzienser-Stift »Neukloster«, in dem der Pater Bernhard sein Quartier gehabt hat.

Dieser gesellige Herr mit Baucherl war für mich Pubertierenden Beichtvater und Lebensberater in einem. Ihn konnte ich fragen, wie das so ist mit den Mädchen, mit dem Kinderkriegen … Bei solchen Gesprächen hat der Pater Bernhard immer Kaffee gebraut. Für den 15-Jährigen, der ich damals war, knapp nach dem Krieg, eine Sensation, war doch Kaffee zu dieser Zeit absolute Mangelware.

Der Klosterbruder mit dem weltlichen Blick fürs Wesentliche hat mich und meine Frau auch getraut. Er war einer der Ersten, denen ich Martha vorgestellt hab – und bis zur kirchlichen Hochzeit ist sie für ihn immer »das Konkubinatscherl« gewesen.

Dann endlich, im Sommer 1957, die Trauung. Wir stehen vor dem Altar. Und was sagt der Pater Bernhard zu mir: »Wo is der Ring, depperter Bua?!«

Wie »deppert« ich damals in diesem eingangs beschriebenen Winter am sogenannten Fischa-Bacherl gewesen bin, wird mir erst jetzt, wenn ich darüber nachdenke, richtig bewusst. Und dem Schutzengel, der mich seinerzeit zuerst ans rettende Ufer und danach in die wärmende Stube heimgeleitet hat, bin ich wirklich dankbar. Aber, wie heißt’s so schön: Ein echter Wiener Neustädter geht halt nicht unter.

1940 bis 1951: Vom Lausbuam zum Lehrbuam

Reife, also charakterliche Reife, ist eine Frage des Alters. Die heutige Jugend darf mit 16 Jahren wählen. Ich frag mich, ob sie reif genug ist in ihrem jugendlichen Übermut. Zu meiner Zeit hat man als Schwelle zum Erwachsenwerden den 21. Geburtstag herangezogen. Meiner Meinung nach ist das eine Maßeinheit, die in Ordnung geht. Vorher weißt du doch gar nicht, woher der Wind weht. Und danach weht er dir oft kräftiger um die Nase, als dir lieb ist. Aber heutzutage darf man mit 16 Jahren seinen Bundespräsidenten wählen.

Wir waren in der Schulzeit, 1937 bis 1945, noch saublöd, Lausbuam eben. Und das war auch gut so! Man muss sich austoben können, kindisch sein dürfen. Der Ernst des Lebens kommt früh genug. Und spätestens, wenn gewisse Interessen in den Vordergrund treten, hat man auch die Konsequenzen zu tragen. Aber zum Vatersein komm ich noch.

In meiner Kindheit, in den 1930er-Jahren, hab ich höchstens das Vaterunser gebetet. In der Kirche. Nach dem Beichten. Wenn ich wieder einmal was angestellt gehabt hatte. Apropos: Als Schlüsselkind war es meine nobelste Aufgabe, meinem Vater, der um fünf Uhr am Nachmittag von der Arbeit heimgekommen ist, das Essen zu wärmen. Dabei gab es doch viel sinnvollere Freizeitvergnügungen als Essenwärmen. Tschicken zum Beispiel.

Schon als Schulbub hab ich geraucht wie ein Erwachsener. Also bin ich eines Tages, statt mich ums Essen zu kümmern, auf ein Sprüngerl in die Trafik ums Eck gelaufen, um »sieben Flirt für’n Vota« zu kaufen. Wieder zu Hause, schaute ich auf die Uhr: knapp vor fünf. Bei mir war ein Freund, dessen Vater bei der Feuerwehr war. Der hat nur mit den Schultern gezuckt und gemeint: »Hast Petroleum, ich zünd den Turbo!«

Selbstverständlich hatten wir Petroleum im Haus. Er schüttete großzügig das Brandmittel ins Ofenloch – und es machte einen Schnalzer, dass wir geglaubt haben, das Haus fällt zusammen.

In dem Moment hat unsere Nachbarin, Frau Kornfeld, aus dem Fenster geschaut und die Bescherung gesehen – eine Stichflamme, die aus dem Rauchfang schoss. Sie riss die Küchentür auf, stürmte herein und sah uns beide mit kohlrabenschwarzen Gesichtern, die Küche voller Rauch. Meinen Freund hat sie gleich verjagt und mich ins Freie geschickt, damit ich mir (Winter war’s) mit dem Schnee das Gesicht abreib.

In dem Moment, in dem ich gerade den Kopf in den Schnee gesteckt hab, ist mein Vater des Weges gekommen: »Karli, was machst denn da?«

»Ich spiel Schneemann!«

Solche Streiche waren ein willkommener Anlass für ein Beichtstuhl-Vaterunser. Vorher hat es jedoch meistens noch eine saftige Watschen gesetzt, als irdische Strafe.

Ordnung in mein Leben gebracht hat, ich muss es gestehen, erst die Zeit bei der Hitlerjugend. Ich hab mich zwar mit Händen und Füßen gewehrt, weil mir die braunen Rabauken überhaupt nicht koscher gewesen sind. Aber ein Gutes hatte das Strammstehen wenigstens: Du hast dich Befehlen unterordnen müssen. Das nannte sich Disziplin. Und die kann bekanntlich nie schaden.

Disziplin konnte ich in der Lehrzeit dann gut gebrauchen. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, heißt es so schön. Und wenn ich diese Feststellung ganz persönlich ergänzen darf: Die Lehrjahre, die ich vom 3. Jänner 1946 bis zum 2. Jänner 1949 erlebte, waren Hundsjahre. Aber in meiner Jugendzeit hab ich ja fürs Leben gelernt – und da wahrscheinlich meinen unbändigen Freiheitsdrang entwickelt.

Zuerst musste ich mich allerdings nach der relativ unbeschwerten Lausbuam-Zeit mit 15 Jahren an die straff organisierte Lehrbuam-Zeit gewöhnen. In der Wiener Neustädter Tischlerwerkstatt gab es eine Dreiteilung: Ganz oben im System stand der Meister. Unter ihm arbeitete der Geselle. Und der lernte die Lehrlinge an.

Der Lehrling war der sogenannte »Gspode«. Wörtlich übersetzt: der Zuspätkommende. Damit war er als derjenige gebrandmarkt, der zuletzt in den Betrieb eingetreten ist. Und den Letzten beißen bekanntlich die Hunde.

Für mich hat das im ersten halben Jahr ganz pragmatisch geheißen: Schutt räumen. Wir schrieben das Jahr 1946, der Krieg war vorbei. Die Tischlerei war in einem halbverfallenen Haus untergebracht. Die Maschinen mussten repariert werden. Und eben der Schutt weggeräumt werden.

Erst nach dieser anstrengenden Arbeit wurde ich mit der vielleicht wichtigsten Tätigkeit eines Tischlers vertraut gemacht: dem Holzrichten. Das heißt in der Praxis: mit einem Plateauwagen an den Rand der Stadt zum Holzplatz fahren, Bretter und Pfosten aufladen und die in die Tischlerei bringen. Dort hatte ich dann mit einem zweiten Lehrling am Lagerplatz das Holz nach einem vorgegebenen System zu stapeln: bis zu sechs Meter hoch. Lag nur ein einziges Brett am Stoß verkehrt, musste der ganze Stoß wieder abgetragen und von Neuem aufgestapelt werden. Das war keine Schikane eines tyrannischen Meisters, sondern Teil des notwendigen Ordnungssystems, denn die Bretter durften nicht durchhängen, sie mussten kerzengerade sein, um anschließend mit dem Hobel in Form gebracht zu werden.

Das Hobeln, und zwar noch mit der Hand, war die zweite Tätigkeit, die ich ausüben musste – bis ich Schwielen an den Händen hatte. Aber auch dieses »Zurichten« ist Teil der notwendigen Vorbereitung. Heute überkommt mich jedes Mal ein Hochgefühl, wenn der Span aus dem Hobel zischt: G’lernt ist halt g’lernt.

Erst nachdem ich diese beiden Arbeitsschritte aus dem Effeff beherrschte, durfte ich den dritten Schritt machen: mein erstes Werkstück. Ein Schamerl.

Seither weiß ich, was es heißt, Ordnung zu halten. Ein Sitzbrett. Vier Haxen. Das Sitzbrett ist so etwas wie das Fundament. Du gewinnst es aus einem Holz, das du vorher sorgsam gelagert und ausgehobelt hast. Dann bringst du es ins richtige Maß, passt ihm die vier Haxen an. Und wehe, nur ein einziger dieser Haxen ist zu lang oder zu kurz. Dann wackelt das ganze Schamerl!

In meiner Lehrzeit hat es bei Ungenauigkeit eine Watschen vom Gesellen gegeben. Im Leben gibt dir das Schicksal die Watschen. Wenn ich es mir aussuchen darf: Die Gesellen-Watschen waren weniger schmerzhaft.

Nach drei Jahren war ich schließlich selbst Geselle. 2. Jänner 1949 – auf dieses Datum datiert mein Gesellenbrief, der Tag meiner Freiheit. Er hat mich direkt aufs Arbeitsamt geführt. Ich wollte nach Wien. Raus aus der kleinstädtischen Enge Wiener Neustadts. Rein ins brodelnde Zentrum der Kultur und Unterhaltung. Der Ruf der großen, weiten Welt.

Meine erste Stelle hab ich in einer Möbelfabrik bekommen. Fließbandarbeit. Gefertigt wurden Küchenkredenzen. Ich durfte in die oberen Türen das Glas einsetzen. Geätztes Glas, sauteuer. Gleich beim ersten Mal ist das Glas zu Bruch gegangen, wenig später wieder. Nach 14 Tagen hab ich freiwillig gekündigt.