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Gerhard Tötschinger

Von St. Stephan nach St. Marx

Gerhard Tötschinger

Von St. Stephan
nach St. Marx

Die Wiener Bezirke I, II und III

Wiener Geschichten für Fortgeschrittene

Mit 50 Abbildungen
und ausführlichem Register

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Inhalt

Vorwort

Von Kreuzen und Heiligen.
Die Wappen der Bezirke I, II und III

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Wien I: Innere Stadt

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Wien II: Leopoldstadt

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Wien III: Landstraße

Nachwort

Weiterführende Literatur

Bildnachweis

Der Autor

Personen- und Ortsregister

Vorwort

Es stritte gegen den Plan dieses Buches, die ziemlich beträchtliche Anzahl der Gelehrten und Schriftsteller Wiens namentlich darin aufzuführen, oder deren Verdienste würdigen zu wollen.« So leitet Anton Ziegler sein Adressenbuch der Tonkünstler, Dilettanten, Hof-, Kammer-, Theater- und Kirchenmusiker, Wien 1823 ein.

Und so beginnt auch hier der Autor, indem er die vielen »Gelehrten und Schriftsteller Wiens«, ohne die das vorliegende Buch nicht möglich wäre, nur im Ganzen, aber nicht im Einzelnen nennt. Es sind zu viele im Laufe mehrerer Jahrhunderte, von Jans Enenkel und Wolfgang Schmeltzl, ja sogar Enea Silvio Piccolomini, bis Felix Czeike und Ferdinand Opll. Geschichte auf wissenschaftlich gesichertem Fundament lebendig zu schildern, war lange Zeit verpönt, notabene wenn der Autor kein Historiker, sondern ein Erzähler ist.

Das ist kein Reiseführer, hier wird auch nicht ein Anschein von Vollständigkeit erhoben. Dafür gibt es eine breite Literatur, allgemein oder detailliert im Blick auf zahllose besondere Gebiete. Und vor allem – Wien ist nicht ein Buch, Wien ist eine Bibliothek. Nimmt man den Klassiker der Kunstführer zur Hand, das Dehio-Handbuch, wird das ganz schnell klar. Alleine der Band I. Bezirk – Innere Stadt umfasst 1095 Seiten, das Kapitel »Schottenstift« zählt 19 und der Stephansdom 86 Seiten, alle eng bedruckt und mit Plänen ausgestattet.

Zwar werden wir hier auch Hinweise zur weiterführenden Information bringen, aber das Buch selbst widmet sich lieber den sonst weniger ausführlich behandelten Aspekten.

In diesem Band geht es um drei Bezirke von Wien, um den 1., 2. und 3. Das ist keine willkürliche Wahl. Die Verbindung zwischen diesen Ortsteilen ist eng, ihre Geschichten greifen ineinander. Die Geschichte des 1. Bezirks ist gleichzeitig die Geschichte der Stadt Wien – daher wird ihr mehr Raum zugestanden als jener der anderen Bezirke.

Zuletzt eine kurze Bemerkung: Dieses Buch wird immer wieder daran erinnern, dass es aus einer Vortragsreihe hervorgegangen ist. Dabei wurde öfters sehr Persönliches erwähnt, und das wird auch auf diesen Seiten so sein.

Von Kreuzen und Heiligen.
Die Wappen
der Bezirke I, II und III

Jeder der 23 Bezirke der Stadt Wien hat sein eigenes Wappen. Die Innere Stadt, der 1. Bezirk, führt das Stadtwappen, ein weißes Kreuz auf rotem Grund, es besteht seit dem 13. Jahrhundert. Der 2. Bezirk, Leopoldstadt, hat ein dreigeteiltes Wappen. Da sieht man auf silbernem Hintergrund den hl. Leopold, den Namenspatron, auf einer grünen Wiese stehen. Er hat ein goldenes Schwert, einen blauen Rock und einen roten Mantel, hermelinbesetzt. Er trägt den Österreichischen Herzogshut, links hält er die Fahne von Niederösterreich, rechts das Modell eines Kirchenbaus. Ihm gegenüber – das Symbol für das Jagdwesen: Ein weißer Hirsch, Zwölfender, trägt inmitten eines goldenen Geweihs ein Kreuz, der Hubertushirsch. Die heutige Praterstraße hieß früher Jägerzeile, der Prater war stets auch Jagdgebiet.

St. Nepomuk steht für den Bezirksteil Zwischenbrücken. Er wird durch die Zunge dargestellt, das Schweigen symbolisierend, Ursache seines Martyriums. Rot auf blauem Grund, umgeben von einem Heiligenschein mit fünf Sternen. Nepomuk hat das Beichtgeheimnis entgegen dem Befehl des Königs nicht gebrochen, er wurde in der Moldau ertränkt und ist somit der Schutzpatron der Brücken. Das Gebiet zwischen dem großen Donauarm und dem kleineren ist also nach seiner Lage benannt.

Der 1. Bezirk war mit dem 2. jahrhundertelang nur durch eine einzige Holzbrücke verbunden, die Schlagbrücke – vor dem Roten Turm, die heutige Schwedenbrücke. Das Gebiet des 2. Bezirks hieß einst »Werd gegenüber dem Roten Turm«, Werd ist ein altes Wort für Insel.

Auch der Bezirk Landstraße hat ein dreigeteiltes Wappen. Der hl. Nikolaus erinnert daran, dass an der Landstraße vor langer Zeit das Niklaskloster stand. Das Gebiet hieß bis ins 13. Jahrhundert Niklasvorstadt, dann aber setzte sich die Hauptverkehrsader durch, die alte Römerstraße, und gab dem Stadtteil seinen Namen. Die beiden anderen Wappenfelder stehen für die Bezirksteile Erdberg und Weißgerber. Eine Erdbeere mit Blättern und Blüten soll den Namen der alten Siedlung erklären, doch der kommt von einem wirklichen Erd-Berg, einem Schutzwall des 12. Jahrhunderts.

Die Weißgerber lebten berufsbedingt nahe am Wasser, die beiden silbernen Böcke im unteren Teil des Wappens sind ihr Symbol – sowohl für das lederverarbeitende Handwerk als auch für den Ortsteil.

So eng verbunden die Schicksale dieser Stadtteile sind, so wenig verbunden waren ihre Durchgangsstraßen. Der Donauarm, der mit dem nicht korrekten Namen Donaukanal leben muss, war jahrhundertelang nur durch Fähren zu überwinden. Erst 1776 wurde hier eine Brücke gebaut, die in zeitgemäßer Form auch heute besteht, die Rotundenbrücke. Sie verbindet die Rasumofskygasse, 3. Bezirk, in gerader Linie mit dem Prater, mit der Rotundenallee.

Wien I

Innere Stadt

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Stadtgründung: 1. Jahrhundert n. Chr.
Bezirksgründung: 1850
Fläche: 3,01 km2
Bezirksmuseum:
Wipplingerstraße 10, Altes Rathaus

Wien – Kaiserstadt seit 2000 Jahren

Um 2000 v. Chr., in der Altsteinzeit, hat es im Wiener Raum erste Siedlungen gegeben. Archäologische Funde haben den Beweis erbracht – die wichtigsten im 13. Bezirk, in der Titlgasse. Mehr zu diesem Thema erzählt das Naturhistorische Museum mit einer Vielzahl von Funden.

Je näher wir zur Gegenwart kommen, desto aufregender wird diese Frühgeschichte. Der Leopoldsberg hat eine größere Zahl von Beweisen für eine Besiedlung ab dem 9. Jahrhundert v. Chr., in der Eisenzeit, freigegeben. Das war die Zeit der Kelten – kein Volk in unserem Sinn, vielmehr ein Sammelbegriff für zahlreiche Stämme. Ihre Siedlungen sind auch im 11. und 22. Bezirk nachgewiesen, vor allem aber im 3. Dort wurden 1926 zwei Töpferöfen ausgegraben, in der Folge ließ sich ein Siedlungsgebiet von großem Umfang nachweisen, bis heute 78 ha.

Eine zweite keltische Besiedlungswelle kam mit dem letzten Jahrhundert vor Christus, Boier erreichten in einer frühen Völkerwanderung aus dem Osten das keltische Königreich Noricum, heute österreichisches Gebiet. Sie besiedelten das Wiener Becken, dehnten ihren Herrschaftsbereich gegen Osten aus – und wurden nach wenigen Jahrzehnten von den Dakern, die vom Schwarzen Meer kamen, und den Skordiskern aus dem heutigen Serbien vernichtet.

Rom fürchtete diese Unruhen an seiner nördlichen Grenze und kam immer wieder zu kurzen militärischen Aktionen gegen diese wechselnden Mächte – doch das hatte kaum Folgen. Die Krieger aus dem Norden waren dadurch nicht eingeschüchtert, brachen ihrerseits südwärts auf und zogen plündernd und brandschatzend durch das römische Istrien. Damit hatten sie es allerdings zu bunt getrieben, Kaiser Augustus ließ sich nicht länger auf der Nase herumtanzen, sondern setzte seine Legionen gegen den Markomannenkönig Marbod in Bewegung.

Sie waren ab dem Jahr 6 n. Chr. unter dem Befehl des kaiserlichen Stiefsohns Tiberius erfolgreich, waren nicht so unglücklich wie ihre Kameraden später, 9. n. Chr., im Teutoburger Wald, wo der Generalissimus drei Legionen, Elitetruppen des römischen Heeres, in den Untergang führte. Der Kaisersohn war als Schlachtenlenker offenbar tüchtiger als der arme Quintilius Varus, der vor allem in einem verzweifelten Ausruf seines Kaisers weiterlebt, im Gegensatz zu seinen Tausenden Soldaten: »Vare, Vare, redde legiones!« Varus, gib mir meine Legionen wieder!

Tiberius freilich rückte mit anderer Macht an – alle zwölf Legionen, die in Germanien, Illyricum und Raetien stationiert waren, wurden eingesetzt. Ein Vertrag mit Marbod brachte den – vorläufigen – Frieden.

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Rekonstruktion eines Lagertors von Vindobona

Um diese Zeit also standen die Römer in Noricum und in Pannonien und errichteten im Jahr 8. n. Chr. ihre Herrschaft mit der Hauptstadt Carnuntum, die lange andauern sollte – und keinen Nachteil für das eroberte Land bedeutete. In einer Verwaltungsreform wurde im Jahr 50 n. Chr. das Wiener Becken vom Königreich Noricum getrennt und der jungen Provinz Pannonien zugeschlagen.

Das war bei Weitem nicht die einzige Neuerung! Dass es im Raum Wien schon lange vor dem legendären Kaiser Probus (232–282) Wein gegeben hat, ist bewiesen – nur ist nicht ganz klar, ob die Reben aus dem Süden importiert oder hier, an Ort und Stelle, selbst gezüchtet waren. Die jedenfalls nunmehr veredelte Weinkultur ist nur einer von vielen Beweisen für die über die einfache Keltensiedlung Venusia hereinbrechende römische Kulturinvasion.

Wohl hatte die kolonisierte Bevölkerung schon gewusst, sich in wehrhaften Siedlungen mit Palisaden zu schützen, sie wussten zu weben, mit Eisen umzugehen, Met zu keltern, kannten Goldschmuck und schufen ihre Kunstwerke. Sie hatten zum ersten Mal in Mitteleuropa Münzgeld – Söldner, aus Hellas heimgekehrt, hatten es gebracht und es wurde eifrig imitiert, eine berechtigte Kulturtechnik, auch schon gefälscht!

Doch mit der römischen Lebensweise, die ab der Zeitenwende für Jahrhunderte bestand, wurde in Venusia alles anders. Das war auch notwendig, denn mit der keltischen Glanzzeit war es im 1. Jahrhundert v. Chr. bergab gegangen.

Die Römer errichteten ein Militärlager, zuerst in der üblichen einfachen Weise befestigter Campingplätze, wie sie es auf ihren Feldzügen vielfach erprobt hatten, dann Gebäude aus Holz, am Judenplatz hat man sie erforscht. Diesen folgten massive Steinbauten als Kasernen, auf 20 ha.

Zur Donauseite wurde das Lager durch den natürlichen Abhang geschützt, im Westen durch den Ottakringer Bach – das kann man sich heutzutage nur schwer vorstellen. Er hatte auch nichts mit dem heutigen 16. Bezirk zu tun, er begrenzte das Lager im Bereich Strauchgasse/Tiefer Graben. 70 n. Chr. lag hier die Legio XIII Gemina. Ihr folgten bald Einheiten der Legio XV Apollinaris, das beweist ein Grabstein. Ein Legionär mit Namen C. Atius, verstorben noch in seiner Dienstzeit mit erst 28 Jahren, hat uns auf diese Weise das erste erhaltene Schriftstück der Römerzeit geliefert.

Und im Jahr 114 kam eine ganz besondere Truppe nach Vindobona, die sich zuvor in Spanien, am Niederrhein, schließlich in Ungarn bewährt hatte – die Legio X Pia Fidelis, die zehnte Legion »diensteifrig und treu«. Dieses Wiener Hausregiment, also Deutschmeister-Vorgänger, blieb bis zum Ende des römischen Wien, bis ungefähr 400. Ihm zur Seite standen auch kleinere Kavallerieeinheiten.

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Plan von Vindobona

Rund um die militärische Siedlung ließen sich Händler, Wirte und Handwerker nieder, für deren Umsatz die gut verdienenden Legionäre sorgten. Am Donauhafen, der Schiffsanlegestelle am Salzgries, kamen Lebensmittel und Alltagsgüter an. Mit Fleisch versorgte man sich von den Landgütern der Umgebung, vor allem Rindfleisch, Schweinefleisch war teurer. Beliebt waren Linsen und Erbsen und neben diesen Hülsenfrüchten vor allem Gemüse, Zwiebeln, Knoblauch. Obst stand in der Beliebtheit an erster Stelle – in offenbar reicher Fülle: Zwetschken, Birnen, Äpfel, natürlich Weintrauben. Aber es gab, nachgewiesen, auch Kirschen! Verwunderlich, denn wenn man daran denkt, dass der berühmte reiche Lucullus aus dem pontischen Pharmakeia, heute Giresun in der Türkei, erst im letzten Jahrhundert v. Chr. die Kirsche nach Rom brachte, hat sie offenbar schnell Karriere gemacht. Bald war sie überall im römischen Weltreich zu finden.

Das viele Wasser, das man für den täglichen Bedarf, aber auch für den aus Rom importierten Luxus von den Thermen bis zum Kanalbetrieb benötigte, floss aus dem nahen Kalksburg nach Vindobona. Das Trinkwasser trachtete man nach Möglichkeit aus dem eigenen Hausbrunnen zu gewinnen.

Die ersten Ziegel waren ein Import aus Aquileja, später hat man sie selbst hier gebrannt. Eine Ziegelei wurde im Gebiet von Hernals entdeckt, ebenso in der Zivilstadt, dem heutigen 3. Bezirk. In der Mechelgasse, nahe dem Botanischen Garten, fand man das Lager des Ziegelfabrikanten Marcus Antonius Tiberianus mit gestempelten Ziegeln. Dass Frauen nicht nur im Sozialwesen oder als Hausfrau und Mutter beschäftigt waren, beweist auch ein Ziegelstempel. Eine Fabrikantin namens Attilia hatte ihren Betrieb in Carnuntum und lieferte auch nach Vindobona. Luxuswaren wurden in immer höherer Zahl importiert, die Zivilstadt außerhalb der Lagermauern wuchs und wuchs, zu Beginn des 2. Jahrhunderts lebten hier rund 30 000 Menschen.

Wie sahen diese frühen Wiener aus, woher stammten sie? Da waren die keltischen Venusia-Bewohner – und die neu angekommenen Römer. Von den Kelten können wir uns ein Bild machen, d. h. wir bekommen es geliefert – auf Grabsteinen. Wer auf sich hielt, hielt es mit den Römern. Der elegante Herr zog seine Hosen aus und trug Toga. Die Frauen hielten eher an der traditionellen Tracht fest, obwohl sich nach und nach auf allen Gebieten, auch auf dem der Mode, zeigte, dass man nun alla romana lebte. Die neuen Machthaber waren großzügig mit dem Völkerrecht umgegangen, die Oberschicht erfreute sich bald vollzählig des römischen Bürgerrechts. Und wer nicht zu diesen oberen Zehntausend gehörte, dem stand ein anderer Weg offen: Wer unter die Soldaten wollte, hatte sich zumeist dazu entschieden, weil nach dem Abrüsten auch ihm das Bürgerrecht sicher war.

Das Leben im Lager selbst hatte zivilbürgerlichen Charakter. Viele Soldaten waren Familienväter, ihre Frauen und Kinder lebten in der nahen Zivilstadt oder in der Vorstadt, nahe der Kaserne.

Die Lagerhauptsraße via principalis durchmaß das gesamt Areal, gequert von der via decumana und der praetoria. An den Enden dieser Straßen standen mächtige Türme, an die 30 m hoch, mit Zinnen und von Steinmetzhand geziert, mit Inschriften, eindrucksvoll für Passanten und Besucher. Die Lagertore mit diesen Türmen standen in der Kramergasse/Ertlgasse – Porta Principalis Dextra, bei der Hohen Brücke – Porta Principalis Sinistra, am Ende der Tuchlauben beim Graben – die Porta Decumana, und bei der Kirche Maria am Gestade, knapp vor der Donau – die Porta Praetoria.

Die Zivilstadt hatte ihr eigenes Leben, nicht aber ihre eigene Verwaltung. Diese und die Rechtsprechung lagen in den Händen des Militärkommandanten. Allerdings hatte die Zivilstadt, nicht zu verwechseln mit der unmittelbar neben dem Legionslager liegenden Lagerstadt, ihr eigenes Kapitol – an der Stelle des einstigen Aspernbahnhofs, ihr Forum – wahrscheinlich nahe der Rennwegkaserne. Die Hauptstraße, in etwa ein Vorläufer des Rennwegs, führte in Richtung des Castells Ala Nova – Schwechat – und weiter nach Carnuntum, also entlang dem Hauptarm der Donau. Sie war von Wohnhäusern und Handwerkerbetrieben gesäumt.

Wenn auch die höchste geschätzte Einwohnerzahl dieser Kleinstadt bei nur 15 000 Menschen lag, den römischen Alltag mag man sich durchaus im Vergleich mit größeren Siedlungen vorzustellen. Denn Rom trachtete, den eroberten Ländern und Völkern zu zeigen, was Zivilisation heißt. Der Anschein von Provinz wurde weitgehend vermieden – Straßen, Wasserversorgung, Statuen an öffentlichen Plätzen, hohe Gebäude. Die oftmals prachtvollen Bauten machten auf die Bevölkerung und auf Besucher schweren Eindruck. Wenn die Germanen aus der nahen Siedlung am anderen Donauufer zum Einkaufen und Liefern kamen, staunten sie – und ahmten bald nach, was sie hinter dem Limes kennengelernt hatten: lebhaftes Treiben auf den Marktplätzen, Händlerbuden, Schreibstuben, Klatsch und Tratsch an den Brunnen und den öffentlichen Wasserabgabestellen der staatlichen Versorgung und oft ein reichhaltiges Freizeitangebot.

An Gladiatorenkämpfen oder der Tierhatz konnte man sich hier freilich nicht erfreuen, dazu musste man in die Provinzhauptstadt reisen, nach Carnuntum, wo es auch zwei Amphitheater gab, eines für die Soldaten, eines in der Zivilstadt. Dort gab es sogar eine Gladiatorenschule.

Eine Therme hingegen besaßen sowohl das Militärlager Vindobona als auch die Zivilstadt. Denn sie hatte nicht einfach der Unterhaltung zu dienen, sie war wesentlicher Teil der Hygiene. Duschen gab es noch nicht, sich am Morgen zu waschen, war unüblich. Die Therme war in den allermeisten Fällen die einzige Möglichkeit zu ausgiebigerer Körperpflege, nur wenige große Haushalte leisteten sich eigene Thermenanlagen.

Die Therme im Lager hatte die bedeutenden Maße von 100 m mal 60 m, man muss sie sich in der Gegend Marc-Aurel-Straße/Sterngasse vorstellen. Dort stößt man beim Flanieren durch die Innenstadt auf mehrere große Steinblöcke, die auf den ersten Blick für ein Werk des Bildhauers Fritz Wotruba gehalten werden könnten – es sind aber mächtige Quader der römischen Badeanlage.

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Römische Bausteine der Badeanlage von Vindobona, gefunden 1962

Die zivilstädtische Therme war einfacher und nicht so umfangreich, in der Oberzellergasse hat man ihre Spuren entdeckt. Die Thermen waren wesentlicher Bestandteil des römischen Lebens: Badeanstalt, Sauna, Massagepraxis, Beautycenter, Sportanlage, alles in einem. Natürlich blühte auch der Tratsch – wie übrigens ebenso in den öffentlichen Toilettenanlagen, den Latrinen. Wo man an verschwiegenen Orten zusammensaß, ging es eben gar nicht verschwiegen zu. Der Begriff Latrinengerücht ist auch heute noch in Gebrauch. Am Eingang der Latrine saß nicht eine später so genannte Klofrau, sondern ein Sklave, der einen Krug vor sich stehen hatte. In diesen hatte man seinen Obulus zu entrichten, das Entrée. Kaiser Vespasian hatte diese Häuslabgabe eingeführt und auf Kritik erklärt: »Pecunia non olet!« Geld stinkt nicht. Ihm zu Ehren heißt auch noch in unseren Tagen eine öffentliche Toilette in Rom Vespasiana.

Einträchtig saß man hier zusammen – Männer, aber auch Frauen, nach Geschlecht getrennt, verschiedensten Rangs und Standes. Der eine oder andere große Herr freilich leistete sich und den Seinen eine private Hauslatrine, aber das war eine seltene Ausnahme.

Apropos verschwiegene Orte – wie verbrachten die Wiener Römer ihre Freizeit, wenn sie nicht in der Therme waren? Bei den upper ten gab es natürlich luxuriöse Angebote, selbst für Frauen. Reiche Römer veranstalteten großzügige Abendeinladungen, Herren und Damen lagen da einträchtig beisammen, verzehrten Kostspieliges und tranken – zuerst noch im Rahmen, doch waren die Damen nicht mehr dabei, was das Zeug hielt. Das war in der fernen Metropole so und wurde allenthalben imitiert.

Aber nicht von Krethi und Plethi. Für die weniger wohlhabende Bevölkerung, für den Großteil also, gab es andere Möglichkeiten. Die Ehefrauen hatten ihre Kinder und Nachbarinnen, die Thermen und das dortige Schönheitsangebot. Auch die Tempelbesuche, der religiöse Kult, verlangten ihre Zeit. Das galt auch für die Männer, aber … man weiß ja.

Die Freizeit ließ sich in den Kneipen verbringen, »in taberna quando sumus« heißt es in den Carmina burana. Die gehobene Kneipe, ein Gasthaus, hieß popina. Das konnte schon eine Weinstube sein – und stand in zumeist schlimmem Ruf. Den Wein zu panschen war offenbar allgemein üblich, und popino, Wirt, galt als Schimpfwort.

Martial, der geniale römische Humorist und Denker, fand in unehrlichen Weinwirten eine immer genutzte Quelle für Spott – und warnte selbst vor dem Import! Über einen Weinhändler in Marseille, der häufig nach Rom lieferte, schrieb er: »Du kommst seit langer Zeit nicht mehr nach Rom. Damit du nicht deine eigenen Weine trinken musst.«

Diese Kneipen gaben nicht nur Gelegenheit zum Trinken, sie boten auch Hinterzimmer an, die dem Glücksspiel und der Prostitution dienten. Dort trafen sich aber nicht die Angehörigen der besseren Kreise, die auf ihren guten Ruf achteten.

Wer mehr über Vindobona wissen will, besuche die Museen – vor allem das Römermuseum am Hohen Markt. Dort lernt man eine Hypokaustenheizung, Vorform der Fußbodenheizung, kennen, sieht Häuser von Tribunen, höheren Offizieren – dorthin bringt man Kinder und Enkel zum spielerischen Kennenlernen der Antike. Aber auch das Feuerwehrmuseum mitten im Lager, Am Hof, hat einiges zu bieten. So gibt es hier einen antiken Kanaldeckel, bestes Design, immer wieder anzutreffen, auch in Museen anderer Städte. Im Keller verläuft der Abwasserkanal von Vindobona, und Grabsteine berichten von der römischen Feuerwehr!

Im Frühjahr 2015 gab es in Wien eine archäologische Sensation. Auf einer Großbaustelle der Post im 3. Bezirk wurden plötzlich die Arbeiten unterbrochen. Die Archäologen, die wie stets in solchen Fällen die Erdarbeiten begleiteten, kamen zum Einsatz. Man war auf das frühe Vindobona, auf das 1. Jahrhundert n. Chr. gestoßen.

Mit einer der wesentlichsten Persönlichkeiten der Kaiserzeit Roms ist Wien verbunden – mit Marc Aurel. In Vindobona hat er lange gelebt, im Kampf um die Sicherung der Nordgrenze.

Mit vollem Namen hieß er als Imperator Caesar M. Aurelius Antoninus Augustus, geboren am Mons Caelius in Rom am 26. April 121. Er gehörte zur Gruppe der Adoptivkaiser, fünf aufeinanderfolgenden Monarchen, die keinen leiblichen Erben hinterließen, also wurde die Nachfolge durch Adoption geregelt. Die Reihe begann mit Nerva (96–98), weiter ging es mit Trajan (98–117), Hadrian (117–136) und Antoninus Pius (136–161), bis eben Marc Aurel. Aus der Reihe ragt der vorausblickende Hadrian, der seinen Sohn Antoninus Pius gleich auch den Enkel adoptieren ließ, Marc Aurel. Diesem folgte sein leiblicher Sohn Commodus.

Mit Nerva begann eine für Rom glückliche Epoche. Der Historiker Cassius Dio nennt sie in seiner Römischen Geschichte ein »Goldenes Zeitalter«, dem eines von »Rost und Eisen« folgte.

Marc Aurel war der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa, der philosophischen Richtung, die durch ein halbes Jahrtausend die griechische und die römische Kultur geprägt hat. Die Schriften des »Philosophen auf dem Kaiserthron« sind das letzte Zeugnis von Bedeutung für diese Strömung. Er schrieb diese Gedanken oftmals auch im Feld, die Selbstbetrachtungen, die als Wege zu sich selbst den sinnvolleren Namen bekommen haben, entsprechend dem griechischen gnothi seauton, erkenne dich selbst.

Marc Aurels Vater war früh gestorben, er wuchs bei seinem Großvater Annius Verus auf, der mit Kaiser Hadrian befreundet war. Wie sehr Marc Aurel selbst die weitblickenden Entscheidungen seiner Vorgänger und deren Charakter geschätzt hat, geht aus seinen Schriften immer wieder hervor. Aber auch für seine leiblichen Vorfahren ist er dem Schicksal dankbar: »Meinem Großvater Verus, für Gutmütigkeit und Freisein von Zorn. Vom Ruf und in Erinnerung an meinen Vater – Zurückhaltung und Männlichkeit.«

Die Pflichterfüllung und die Gelassenheit – diese beiden Eigenschaften, die Marc Aurel von sich fordert, haben ihn in den fast 2000 Jahren seit seinem Tod zum Vorbild für viele Menschen gemacht, auch immer wieder für Staatsmänner.

Schon zu Lebzeiten ehrte man ihn an vielen Orten mit einer überlebensgroßen Reiterstatue, 165 n. Chr. zum Dank für seinen Sieg über die Parther. Sie hat den Bildersturm der Jahrhunderte überstanden, weil man den bärtigen Herrn für Kaiser Konstantin hielt, der dem Christentum zur Toleranz verholfen hat.

Marc Aurel starb 181, wahrscheinlich in Vindobona, vielleicht in Sirmium, einer Stadt ohne Nachfolge in der Gegenwart, in der Vojvodina, am Balkan.

Um das Jahr 300 kam das Christentum nach Pannonien, wenige Jahre darauf war Konstantin Kaiser, der als »der Große« in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. 313 wurde in der »Mailänder Vereinbarung« das Christentum zur religio licita, erlaubten Religion, Konstantin für Westrom, Licinius für Ostrom hatten sie getroffen. In der Kaiserkonferenz des Jahres 308, während der Carnuntum für kurze Zeit in der Weltpolitik mitwirkte und der wir das sogenannte Heidentor von Carnuntum verdanken, hatte Rom, die Machtverhältnisse klärend, die politischen Bedingungen geschaffen.

Das beginnende 4. Jahrhundert wurde zum letzten der römischen Herrschaft im heutigen Österreich. Mit dem Jahr 400 setzt die Geschichtsschreibung den Beginn der Völkerwanderung an, die ja nicht schlagartig eingesetzt hat, sondern schon vorher begonnen hatte. Nun folgte Fremdherrschaft auf Fremdherrschaft. Wer damals meinte, Vindobona muss Vindobona bleiben, wurde nachhaltig enttäuscht. Die Hunnen, die Goten, die Langobarden, die Awaren kamen als Eroberer. Westrom sank im Jahr 476 ins Grab der Geschichte, bald danach war auch auf österreichischem Boden eine lange und über viele Jahre glückliche Epoche endgültig zu Ende. Odoaker, seit 476 »König von Italien«, ein neuer Titel, entsandte seinen Bruder Hunulf in die Provinzen Noricum und Pannonien. Die letzten romanischen Bewohner wurden in den Süden übersiedelt.

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts schon war das alte Vindobona einer gewaltigen Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Was noch bewohnbar war, wurde weiter bewohnt. Der Plan des frühmittelalterlichen Wien zeigt, dass die römischen Straßenzüge sich noch lange, zum Teil bis heute, erhalten haben. Die römische Mauer und selbst ihre Tore wurden 1156 Teil der Stadtmauer und blieben bis um 1200 bestehen.

Nach dem Fall Roms dürfte Vindobona zu einem großen slawischen Reich unter einem gewissen Samo gehört haben. Doch darüber haben wir keine schriftlichen Nachrichten. Diese Jahrhunderte haben der Geschichtsschreibung immer wieder Rätsel aufgegeben.

Das künftige Wien taucht im späten 8. Jahrhundert aus dem Dunkel wieder auf. Karl der Große könnte zwischen 791 und 796 in Wien gewesen sein. Die Peterskirche zeigt ihn in barocker Darstellung – ihr heutiges Erscheinungsbild täuscht darüber hinweg, dass es sich hier um das älteste Gotteshaus, die erste Pfarre Wiens, handelt. Sie wurde im späten 4. Jahrhundert, also zu Beginn der Christianisierung unseres Raums, errichtet – in den Mauern einer ehemaligen Kaserne.

Und dann kamen die Ungarn. 907 vernichteten sie bei Pressburg ein bayrisches Heer, zu den Gefallenen gehörte auch der Markgraf Luitpold. In zwei weiteren Schlachten blieben sie ebenfalls siegreich. Der Osten blieb bis zur Schlacht am Lechfeld 955, in der Nähe von Augsburg, magyarisch. Die geschlagene Armee, ja das gesamte Nomadenvolk, brach den langen Kriegszug durch Europa ab und wurde in der pannonischen Ebene sesshaft. Damit begann auch für Wien eine neue Zeit, von der man noch nicht ahnen konnte, dass sie zur Epoche werden sollte. 976 wurde die Markgrafschaft Ostarrichi geschaffen und den Babenbergern übergeben, auf ihrem Areal lag Wien.

Aber vom Hauptstadt-Status war das jahrhundertelang ärmer und ärmer gewordene einstige Vindobona noch weit entfernt. Im 10. Jahrhundert begann die Wiederbesiedlung. Die ältesten Beweise finden sich rund um die Ruprechtskirche. Von der noch älteren Peterskirche ist nichts erhalten.

Wien wird Hauptstadt

Die Babenberger verlegten ihre Residenz mehrmals, fast immer entlang der Donau, Gars am Kamp war eine Ausnahme. Es war vorausschauend, dass sie noch nicht in Wien residierten. Denn 1030 waren die Ungarn schon wieder da. Sie hatten einen Grenzstreit mit Bayern und Kaiser Konrad II. im Kampf entschieden, waren in der Schlacht erfolgreich – und zogen in Wien ein. Das Reich gab nach, Konrads Sohn Heinrich überließ den Ungarn das Gebiet zwischen Leitha und Fischa und die Magyaren ritten nach Hause, ab 1031 gehörte das noch kleine Wien wieder den Wienern.

Über Pöchlarn und danach Melk und Tulln kamen die Babenberger endlich nach Neuburg, heute Klosterneuburg. Bald bezogen sie auf dem Leopoldsberg Quartier, doch die letzten wenigen Kilometer bis Wien legten sie erst 1145 zurück, als Markgraf Heinrich II. regierte. Er wurde 1156 in den Herzogsrang erhoben, mit dem Privilegium minus dieses Jahres war Ostarrichi ein selbstständiges, nicht mehr von Bayern abhängiges Herzogtum.

Zu dieser Zeit konnte man in der jungen Residenzstadt immer noch Reste römischer Bauwerke nicht nur sehen, sondern auch bewohnen. Die Babenberger wählten alte römische Mauern für ihre Residenz, und was seit Jahrhunderten Am Hof heißt, war tatsächlich Am Hof. Der Herzog bewohnte einen mächtigen Bau, an dessen Stelle mehrere Nachfolgebauten von Bedeutung stehen: An der Ecke zur Bognergasse die Bank Austria, heute ein feudales Hotel, anschließend die Kirche zu den neun Chören der Engel und danach noch, durch einen Bogen verbunden, das Palais Collalto.

Alle diese Gebäude verdienten eine ausführliche Betrachtung – doch bleiben wir bei Heinrich II. mit dem Beinamen Jasomirgott. Der wird gedeutet als »So wahr mir Gott helfe …« An Gottesvertrauen dürfte es dem Herzog nicht gemangelt haben – kaum hatte er sich entschlossen, das väterliche Haus in Klosterneuburg zu verlassen und in das bescheidene Wien zu ziehen, berief er eine Mönchsschar in seine neue Residenz. In Regensburg hatte Heinrich in seinen Jahren als Herzog von Bayern die irischen Benediktiner der Abtei St. Jakob kennengelernt, nun berief er sie nach Wien. Man nannte sie Schotten, obgleich sie ja Iren waren. Das kam nicht aus dem Volksmund, der vielleicht von Geografie wenig wusste, es war ihre offizielle Bezeichnung. Das neu gegründete Kloster an der heutigen Freyung hieß und heißt mit vollem Namen »Benediktinerabtei Unserer lieben Frau zu den Schotten«. Der Herzog selbst nannte sie in seiner Stiftungsurkunde so, als er ihnen zusicherte, keinen anderen Orden zu berufen – »solos eligimus scottos«.

Diese Bestimmung hielten auch die Nachfolger der Babenberger, die Habsburger, bis zum Jahr 1418 aufrecht. Damals bemühten sich die Melker Benediktiner um eine Erneuerung, um der aufstrebenden Reformation zuvorzukommen. In Wien hatte die sogenannte Melker Reform ein weites Betätigungsfeld. Die Disziplin hatte nachgelassen, der Nachwuchs blieb aus. 1418 verließen die letzten sechs Mönche Wien und zogen zurück in ihr Kloster in Regensburg. Albrecht V. holte Benediktiner aus deutschen Abteien nach Wien, aber der Name blieb auch den Neulingen.

Die ersten Schotten erschienen 1155 in Wien und begannen auf der Stelle mit dem Klosterbau auf dem weiten Areal, das Heinrich Jasomirgott ihnen geschenkt hatte, knapp vor den teilweise noch römischen Mauern. 1200 wurde die Kirche geweiht.

Freilich stand hinter der Klostergründung der geistliche Gedanke, doch die Mönche kamen nicht nur als Priester. Sie brachten ihr geballtes Wissen mit, konnten lesen und schreiben und gaben dies weiter. Denn sie wirkten auch als Ärzte und Apotheker, bauten ein Spital. Sie waren kompetent im Bauwesen, in der Landwirtschaft, verfügten über Kenntnisse und Erfahrung in der Verwaltung. So war die Berufung der Schotten eine weitblickende Entscheidung gewesen.

Mit Kaiser Friedrich I., Barbarossa genannt, war Heinrich Jasomirgott verwandt. Darüber hinaus war er mit ihm durch ein frühes gemeinsames Abenteuer verbunden, das sie beide glücklich überstanden hatten: Gemeinsam waren sie zum Zweiten Kreuzzug aufgebrochen, gemeinsam erlebten sie den Untergang ihres Heeres am 26. Oktober 1147. Kaiser Friedrich wusste politische Probleme diplomatisch zu lösen, so auch im Umgang mit dem Babenberger Heinrich.

1165 erschien er selbst in Wien, wohnte zwei lange Wochen Am Hof bei seinen Verwandten – da ließ sich die kleine Residenz offenbar schon herzeigen. 24 Jahre später kam er wieder, und nicht alleine. Heinrich Jasomirgott war schon gestorben, nun war sein Sohn Leopold V. der Gastgeber, dem die Geschichte den Beinamen »der Tugendreiche« verliehen hat.

Herzog Heinrich war Ende November 1176 beim Überqueren einer morschen Holzbrücke in Melk samt seinem Pferd eingebrochen, er verletzte sich dabei schwer und konnte nicht mehr geheilt werden. Er wurde 1177 in seiner Gründung beigesetzt, in der Kirche des Schottenstifts. Als die unruhigen Zeiten und etliche Umbauten sein Hochgrab massiv beschädigt hatten, fand man eine neue Grabstätte. In der Krypta hat der erste Herzog von Österreich seine ewige Ruhe gefunden. Dort liegt er Seite an Seite mit seiner Frau, der byzantinischen Prinzessin Theodora Komnena, und der Tochter Agnes.

Der zweite Wiener Aufenthalt Friedrich Barbarossas war eine Folge seines Aufrufs zu einem neuen Kreuzzug, er zog noch einmal in das Heilige Land. In Regensburg hatte er sein Heer gesammelt, 15 000 Mann, nun marschierte das größte Kreuzzugsheer, das es jemals gegeben hatte, nach Wien; der Kaiser reiste auf der Donau. In Wien wusste man ihn dann glanzvoll zu unterhalten.

Leopold V. hatte den weiten Platz vor seiner Wohnburg zum Turnierplatz gemacht, in seinem Palast blühte höfisches Leben. Da traten Minnesänger auf, wie der herzogliche Hofdichter Reinmar von Hagenau oder Walther von der Vogelweide, Künstler, die an den ersten Höfen des Reichs bestehen konnten. Nun sangen und dichteten sie für den Kaiser – der gerne länger blieb, was nicht zuletzt zum Wohl der Wiener Wirtschaft massiv beitrug. Die Wirte verdienten, Waren wurden getauscht, die Hufschmiede waren im Stress.

15 000 abenteuerlustige Männer auf Reisen – das muss man sich erst einmal vorstellen. Das bedeutet zuerst einmal, dass auf jeden Wiener, jung und alt, ein waffenstarrender Tourist gekommen ist. Väter und nervöse Ehemänner müssen eine schlimme Zeit gehabt haben. Dabei hatten sie noch Glück – die Franzosen und Engländer hatten sich für den Weg zu Wasser entschieden, mit Friedrich Barbarossa reisten also Norddeutsche, Bayern, Franken …

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Walter von der Vogelweide, Figurine von Helmut Krauhs, 1960

Am 11. Mai 1189 war der Kaiser in Regensburg aufgebrochen. Am 22. Mai wurde die ungarische Grenze erreicht. Solch eine große und schwer bewegliche Menschenmasse brauchte natürlich viel länger für weite Distanzen als eine heutige Vergnügungsreisegesellschaft. Immerhin, auch wenn das Gros nur einige Tage in Wien blieb, der Herrscher mit seiner Entourage blieb länger. Aber am 4. Juni war auch er in Gran, wo ihn das ungarische Königspaar erwartete.

An diesem Dritten Kreuzzug nahm auch Herzog Leopold V. teil, mit einer kleinen Begleiterschar, er brach im August 1190 auf. Für ihn und für das Reich sollte dieser Kreuzzug zum Schicksal werden, ebenso wie für Friedrich Barbarossa. Der Kaiser war auf dem Weg nach Jerusalem im Juni 1190 im Fluss Saleph ertrunken, er hatte sich, obgleich nicht mehr jung, in der Mittagshitze zu viel zugetraut.

Der Babenberger führte zunächst bei der Belagerung der Festung Akkon ab Jänner 1191 das Kommando über das deutsche Ritterheer. Im Frühjahr stellten sich ihm französische und englische Ritter zur Seite, und am 12. Juli 1191 war Akkon erobert.

Aber nun gab es einen Streit um den Vorrang. Herzog Leopold habe bei der Eroberung nur eine Nebenrolle gespielt, erklärte der König von England, Richard Löwenherz. Er soll das Banner des Babenbergers, von diesem vielleicht etwas vorschnell als Siegeszeichen aufgepflanzt, von der Mauer gerissen und in den Graben geworfen haben. Damit hebt eine Reihe von historischen Berichten an, die man unter »Dichtung und Wahrheit« subsumieren kann. Das führt uns auf Gebiete außerhalb Wiens, aber bald kehren wir zurück.

Die erste Unwahrheit ist die, jahrhundertelang auch in Schulen verbreitete, Behauptung, Österreichs Farben Rot-Weiß-Rot hätten ihren Ursprung in Akkon. Herzog Leopold habe löwengleich den ganzen Tag lang gekämpft und sich am Abend von seiner Berufskleidung befreit. Über der Rüstung trug er das weiße Kleid des Kreuzritters, nun nahm er seinen Gürtel ab – und darunter war der Stoff noch weiß, aber der große Rest war vom Blut der Feinde rot. Aha, wird Leopold V. gesagt haben, gar nicht schlecht, da haben wir also eine schöne Fahne.

Doch die babenbergischen Farben waren Rot-Silber-Rot, und im silbernen Kleid wird selbst der Herzog nicht gekämpft haben. Und wenn es wirklich so gewesen wäre, hätten auch andere größere und kleinere Länder den österreichischen Bindenschild als Symbol, denn die übrigen Ritter haben sicher nicht untätig zugesehen, wie ihnen der Herzog von Österreich die Eroberungsarbeit abnimmt. Babenbergs Farben waren außerdem schon zuvor in Gebrauch.

Auch die angebliche Folge des Fahnenstreits, die Fehde zwischen König Richard und Herzog Leopold, ist eine Legende.

Leopold V. verließ Akkon und das Heilige Land und zog nach Hause. Im Spätherbst 1191 war er wieder in Wien. Auch die Engländer hatten ihren Kreuzzug beendet, ohne ihr Ziel, Jerusalems Eroberung, zu erreichen. Der König reiste zu Schiff in Richtung Frankreich, um heimzukehren.

Nun hatte er sich aber kurz vorher mit dem früheren Verbündeten Philipp II., Frankreichs König, verfeindet. Der ließ seine Häfen für englische Schiffe sperren, ein anderer Weg musste gefunden werden. Also fuhren die Engländer über die Adria – da entstanden weitere Legenden, von Schiffbruch bis zum Überfall durch Piraten. Wie auch immer, Richard reiste weiter nach Kärnten, in Friesach erkannte man ihn – und hätte ihn beinahe festgenommen.

Doch er reiste unbehelligt weiter, wollte über Wien nach Bayern, zu seinem Schwager Heinrich dem Löwen. Offenbar wusste er noch nicht, dass er auf der Fahndungsliste stand. Kaiser Heinrich VI. hatte Richards Festnahme mit Philipp, dem König von Frankreich, verabredet. Die Gründe dieser Abmachung führen zu weit weg vom Thema, also weiter: Richard ahnte wohl auch nicht, wie weit Leopolds Abneigung gegen ihn und Treue zum Kaiser führen könnten. Sonst hätte er kaum die Reiseroute über die Residenzstadt Wien gewählt. Jedenfalls – und das ist historisch außer Zweifel – kam er bis Erdberg, nunmehr ein Ortsteil des 3. Bezirks. Dort erkannte man ihn, der sich als einfacher Pilger getarnt hatte, in einem kleinen Gasthaus an der Ecke Erdbergstraße 41 und Schwalbengasse 17. Ein Reisegefährte soll Lebensmittel in großer Menge gekauft und in fremder Währung bezahlt haben. Am 21. Dezember 1192 wurde der König festgenommen und zu Herzog Leopold gebracht. Da standen die beiden Widersacher von Akkon einander wieder gegenüber, der mit dem Löwenherzen und der Tugendreiche.

Nach wenigen Tagen brachte man den Engländer auf die Burg Dürnstein, und der Babenberger meldete dem Kaiser die Gefangennahme. Schon am 27. Dezember traf die gute Nachricht bei Heinrich VI. ein. Der Meldereiter muss seinen Beruf beherrscht haben, notabene bei den damaligen Straßen und Ende Dezember!

Jetzt kommen wir zur nächsten Geschichtsfälschung. 1851 ist die Geschichte der Wiener Stadt und Vorstädte von Albert A. Wenedikt erschienen. In diesem Jahr hat der Tourismus in Österreich schon eine beachtlichen Umsatz gemacht. Da liest man: »Bis vor einigen Jahren hatte man – leider anstandslos – die unerhörte Frechheit, im Schlosse Greifenstein an der Donau (!!!) einen hölzernen engen Käfig, beiläufig Schweinestall, als Richards Gefängnisort den fremden Besuchern zu zeigen. Die Engländer schnitten sich, man könnte sagen balkenweise, Späne zum Andenken herunter und bewahrten solche als heilige Reliquien auf, trotzdem augenscheinlich von Zeit zu Zeit das Material sich als nagelneu angefertigt zeigte. Wie sinnlos und der geschichtlichen Wahrheit widersprechend diese Erzählung, zeigt der Brief Richards aus der Gefangenschaft an seine königliche Mutter, in welchem er ausdrücklich erwähnt, vom Herzoge in der ehrenhaftesten Art gehalten zu werden.«

Greifenstein einfach für das wahre Dürnstein zu erklären, ist schon sehr kühn. Schließlich erscheint auch noch der treue Hofsänger Blondel auf der Szene, der sich von Burg zu Burg singt, bis er seinen König gefunden hat: auch das ein Märchen.

Tatsächlich war Richard Löwenherz fast drei Monate in Leopolds Hand, am 28. März wurde der Gefangene dem Kaiser übergeben und in die Reichsburg Trifels im Pfälzer Wald gebracht. Die Bedingung dafür war der Vertrag über die Aufteilung des zu erwartenden Lösegelds gewesen. Heinrich VI. und Leopold V. bekamen jeweils die Hälfte. 23,3 t Silber hatten sie in langen Verhandlungen den Engländern und den französischen Verwandten Richards abpressen können, eine riesengroße Summe, deren heutiger Wert sich schwer schätzen lässt. Sie soll den Einkünften von zwei Jahren des englischen Staatshaushalts entsprochen haben und stürzte das Land in eine schwere Krise. Mit dem Reichstag in Mainz im Februar 1194 endete Richards Gefangenschaft.

Der Kaiser brauchte das Geld für einen Feldzug gegen das aufständische Sizilien. Herzog Leopold V. aber verwendete seinen Teil in einer Weise, die heute mit dem Modewort Nachhaltigkeit bezeichnet würde. Er ließ den alten Stadtgraben zuschütten, der von der Freyung bis St. Stephan verlief. Und er gab Wien eine moderne Stadtmauer, deren Dimensionen sich bis ins 19. Jahrhundert nicht änderten.

Das war noch lange nicht alles – Leopold gründete südlich von Wien eine neue Stadt, die auch so genannt wurde: Wiener Neustadt. Das kleine Friedberg bekam eine Stadtmauer, und Hainburgs Befestigungen wurden ausgebaut.

In dieser spannenden Zeit florierender Wirtschaft, in den Jahren zwischen 1189 und 1194, wurde in Wien eine Münzprägestätte gegründet, ältere bestanden in Enns, Krems und Fischau. Damals gab es schon eine kleine jüdische Gemeinde, der erste in Urkunden genannte Name eines Juden war Schlomo, das meint Salomon. Er hatte das Amt des Münzmeisters inne, also die Leitung der gerade gegründeten Wiener Prägestätte. Das Lösegeld für Richard Löwenherz wurde von ihm verwaltet. 1194 erscheint sein Name, wir wissen aber nur wenig von ihm. Er diente unter Leopold V. und danach unter Friedrich I. In der Seitenstettengasse, neben der Ruprechtskirche, besaß er vier Grundstücke, in der Gegend des Judenplatzes. Das war die Basis des ersten Wiener Ghettos, mit der ersten Synagoge 1204. Eine Gruppe von Kreuzfahrern, die auf ihrem Heinweg durch Wien kamen, hat Schlomo und seine Familie 1197 ermordet – dazu noch weitere Personen, insgesamt waren es 16. Das war zwar das erste, aber lange nicht das letzte Unglück, das die Wiener Judengemeinde getroffen hat.

Allerdings waren die Babenberger ungewöhnlich judenfreundlich. Ihre »Judenordnung« war die toleranteste Minderheitenregelung im deutschsprachigen Raum. Auf die Schändung jüdischer Friedhöfe und die Ermordung jüdischer Mitbürger stand die Todesstrafe. In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts wurde Wien zu einem geistigen Zentrum des Judentums. Der jüdische Friedhof lag in der Nähe des Kärntnertors. Auch in den wenigen Jahren der Herrschaft Ottokar Přemysls florierte die jüdische Gemeinde und wuchs zur größten im deutschen Sprachraum.