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CHRISTIAN REICHHOLD

DIE ÖSCARS®

CHRISTIAN REICHHOLD

DIE

ÖSCARS®

ÖSTERREICH BEIM WICHTIGSTEN
FILMPREIS DER WELT

Mit 44 Abbildungen

AMALTHEA

INHALT

Vorwort

Welcome to Hollywood

Onkel Oscar

Die große Illusion

Music, Maestro, please!

Im Anfang war der Traum

Goldene Jahre in Hollywood: 19361944

2004 – Das Jahr, als wir Kontakt aufnahmen

Wie ein Wilder

2006 – Sauper’s Nightmare

Ein Oscar® für Fremde und Freunde

2007 – Das Fest der anderen

Casablanca

2008 – Ein echter Oscar® für die Fälscher

Beruf: Oscar®-Gewinner oder so ähnlich …

2009 – Revanche (r-vänch, -väsh)

»… uuuuund Äktschn!«

2010 – Alles Walzer!

… die im Dunkeln

Es ist angerichtet

Hollywood und Olympia

2013 – Amour Unchained

Aber da war doch noch wer …

Holt mich hier raus!

Es ist doch alles Gold, was glänzt!

Say Goodbye to Hollywood

Anhang

Liste der österreichischen Oscar®-Preisträger

Liste der österreichischen Beiträge zum »Besten ausländischen Film«

Literatur

Personenregister

Bildnachweis

Danksagung

VORWORT

Kein Mensch will ein Vorwort lesen, daher halte ich mich kurz. Die Idee zu diesem Buch entstand fernab von Hollywood, an einem entspannten, sonnigen Samstagnachmittag im niederösterreichischen Weinviertel, und sie kam leider nicht mir.

Georg Markus und seine Frau Daniela waren zu Gast, außerdem die Künstlerin Heide Proksch und die Verlegerin Brigitte Sinhuber-Harenberg. Georg Markus steckte gerade mitten in der Arbeit für sein Buch »Alles nur Zufall?«, und genau dafür war er (ebenso lange wie vergeblich) auf der Suche nach einem Foto von Maximilian Schell bei der Oscar®-Verleihung 1962, bei der er die Trophäe als bester Hauptdarsteller für seine Rolle in »Das Urteil von Nürnberg« gewonnen hatte. Diese Möglichkeit zum Protzen wollte ich natürlich nicht ungenutzt lassen. Ich ging in mein Arbeitszimmer, kam nach weniger als einer Minute mit dem gesuchten Bild zurück und überreichte es dem überraschten Kollegen.

»Das kann ich nicht annehmen«, sagte Georg Markus nach einer kurzen Schrecksekunde, »weil du das Foto ja für dein Buch brauchen wirst.«

Jetzt war ich der Überraschte, weil ich doch gar nichts von einem solchen Buch wusste.

»Jedes Jahr bist du bei der Oscar®-Verleihung«, warf Heide Proksch ein, »hast mit allen gefeiert, die in letzter Zeit gewonnen haben.«

»Ja, und dann die anderen Österreicher bei den Oscars®, die schon früher erfolgreich waren«, ergänzte Georg, »die ganzen Komponisten, von Max Steiner über Friedrich Loewe bis Korngold, die Regisseure und all die anderen hinter der Kamera, über die musst du unbedingt schreiben!«

»Sehr gute Idee. Das machen wir«, nickte Brigitte Sinhuber-Harenberg zustimmend. »Und was nehmen wir als Titel?«

Zugegeben, ich wäre schon auch gern gefragt worden, ob ich dieses Buch überhaupt schreiben will, aber vieler Überredungskünste hätte es freilich nicht bedurft.

Bereits bei den ersten Recherchen in den Archiven der Filmakademie in Los Angeles, die seit 1929 die wohl wichtigsten Filmpreise der Welt vergibt, zeigte sich, dass viel mehr heimische Künstler, als man gemeinhin glaubt, in Hollywood erfolgreich waren. Heutzutage denkt man natürlich zunächst an Christoph Waltz, an Michael Haneke und Stefan Ruzowitzky, dann an Billy Wilder und Maximilian Schell, vielleicht noch an Fred Zinnemann und Otto Preminger (der nie einen Oscar® gewonnen hat), wohl kaum an George Pal (sechs Oscars®), Sam Spiegel (vier Oscars®) oder Paul Muni (Oscar® als bester Hauptdarsteller 1937), bestimmt nicht an George Froeschel (beste Drehbuchadaption, 1943) oder John Alton (beste Kamera für »Ein Amerikaner in Paris«, 1952). Nicht zu vergessen: Auch »Casablanca«-Regisseur Michael Curtiz, geboren 1888 als Mihály Kertész Kaminer in Österreich-Ungarn, hat zwei Oscars® gewonnen – eigentlich recht bescheiden im Vergleich zu den 14 Oscars®, die bei Viennale-Präsident Eric Pleskow zu Hause stehen. Die Liste und die Geschichte(n) der Preisträger könnten ein ganzes Buch füllen – hier ist es!

Und weil wir in den letzten paar Jahren gar so stolz auf »unsere« Erfolge bei den Oscars® waren: Zwischen 1934 und 1955, also noch ehe die Kategorie »Bester fremdsprachiger Film« überhaupt existierte, gab es nur drei Jahre, in denen kein Österreicher unter den Oscar®-Gewinnern war, das erfolgreichste war 1961 mit sage und schreibe sechs Oscars®, knapp gefolgt von 1944 mit fünf Oscars® für heimatlose Österreicher, die in Hollywood Zuflucht fanden, weil unser Land damals gar nicht existierte. Für allzu viel patriotische Freude über die zahlreichen »österreichischen« Erfolge im Laufe der mittlerweile 85 Jahre langen Oscar®-Geschichte (und ich hoffe, möglichst wenige übersehen oder vergessen zu haben) besteht also kein Anlass, weil jeder Preis, ob gerechtfertigt oder nicht, stets einer individuellen künstlerischen Einzelleistung gilt, nicht einer Nation. Und vor allem deshalb, weil uns ein Mal öfter vor Augen geführt wird, wie viele in Österreich geborene Künstlerpersönlichkeiten im Augenblick ihres größten beruflichen Erfolgs längst andere Staatsbürgerschaften hatten, weil in ihrer alten Heimat kein Platz mehr für sie war.

Die von mir verwendeten Zitate sind entweder persönlichen Gesprächen oder einschlägiger (und vertrauenswürdiger) Literatur entnommen. Ob sie authentisch sind? – Vertrauen Sie mir.

Auf Fußnoten habe ich bewusst verzichtet, weil ich unterhalten, aber keine Dissertation schreiben wollte. Dieses Buch schichtet abwechselnd persönliche Erlebnisse, gesammelt bei zahlreichen ORF-»Seitenblicke«-Dreharbeiten während der letzten Jahre, und historische Fakten und Legenden, die nur schwer voneinander zu unterscheiden und daher seriöserweise nicht zu trennen sind. Es versucht gar nicht erst den Anspruch zu erheben, eine vollständige Enzyklopädie sämtlicher Österreicher zu sein, die es bis nach Hollywood geschafft haben. Es erzählt wie sein Autor Geschichten, kommt wie er mitunter vom Hundertsten ins Tausendste, verknüpft Namen und Schicksale, sucht und findet (wenn auch nicht immer), enthüllt, verklärt und spinnt – nicht nur, wie es war, sondern vielmehr, wie es vielleicht auch gewesen sein könnte, und versucht so, dem Mythos der größten Traumfabrik der Welt etwas näher zu kommen. Denn Hollywood ist nicht bloß ein Stadtteil von Los Angeles, es ist eine Geisteshaltung. Und für die vielen, die an dieser Geisteshaltung irgendwann verzweifeln mussten, nicht weniger als ein sonniger Albtraum.

WELCOME TO HOLLYWOOD

»Die Vorstellung, die ich von Hollywood hatte, endete an dem Tag, als ich nach Hollywood kam.«

George Clooney, zweifacher Oscar®-Preisträger

Falls Sie’s noch nicht wissen sollten: Flugreisen sind heutzutage wirklich kein Vergnügen. Schon gar nicht in die USA nach »September 11th«. Maßnahmen im Dienste der Sicherheit für alle gehen aufs Konto der Bequemlichkeit jedes Einzelnen. Ich meine nicht nur das drei- bis vierfache Kontrollieren sämtlicher Passdaten vor dem etwas erniedrigenden Schuh-Ausziehen beim Check-in (hat die rechte Socke da wirklich ein Loch?) und die Tatsache, wildfremden Beamten erklären zu müssen, warum beziehungsweise wofür man einen Nasenspray mit sich führt. Ich denke auch gar nicht an die 14 Stunden auf einem engen Sitzplatz in der Mittelreihe, eingekeilt zwischen übergewichtigen, transpirierenden Knoblauch-Aficionados und hyperaktiven Kleinkindern. Auch nicht ans Ausfüllen der Zollformulare im Flieger – das waren vor ein paar Jahren ja sogar noch mehr. Also an nichts Spezielles, sondern all das zusammen.

Außerdem beginnt’s seit einiger Zeit ja sogar noch etwas früher: zu Hause, am Computer. Wer nicht rechtzeitig seine Passagierdaten bekannt gibt, inklusive dem Grund der Reise, der Kreditkartennummer (falls Sie noch keine haben, Sie werden eine brauchen) und der genauen Adresse in den USA, der braucht sich erst gar nicht Richtung Flughafen zu bemühen.

Wer dort beruflich tätig ist – und sei’s auch nur für einen kurzen »Seitenblick« auf die Oscar®-Verleihung –, benötigt sowieso ein Arbeitsvisum. Das wird vom US-Konsulat im jeweiligen Wohnort ausgestellt, vorausgesetzt, man meistert den Internet-Spießrutenlauf zum dafür notwendigen Interview. Bewaffnet mit einer Menge Bestätigungen und Fotos in der vorgeschriebenen Größe (früher gab’s in ganz Wien nur einen Fotografen, der diese Norm spontan liefern konnte; er hat mittlerweile wegen Reichtums geschlossen), begibt man sich dann überpünktlich zum Termin. Und auf dem Konsulat bekommt man einen Vorgeschmack auf die Einreiseformalitäten. Wie später auch am Flughafen werden einem beim Sicherheits-Check Schlüssel, Handy, eben alles Metallene, abgenommen und bis zum Verlassen der Räumlichkeiten verwahrt – unentgeltlich, immerhin … Dann beginnt das Ausfüllen der Fragebögen, selbstverständlich in Englisch, aber trotzdem nicht allzu schwer zu verstehen. Es geht schlicht darum, alle Fragen mit Nein zu beantworten. Wurden Sie je wegen Kriegsverbrechen verurteilt? Planen Sie den Sturz der amerikanischen Regierung? Sind Sie Mitglied einer Terrororganisation? – Eben.

Vorausgesetzt, Sie haben auch alle erforderlichen Unterlagen dabei und hinterlassen beim kurzen Gespräch mit dem Konsul keinen allzu miesen Eindruck, kriegen Sie wahrscheinlich Ihr Visum. Natürlich nicht gleich, sondern auf dem Postweg. Ihr Pass bleibt bis dahin auf dem Konsulat. Warum er dann samt frischem Visum nach all den Sicherheitsvorkehrungen und Überprüfungen nicht einmal per Einschreiben geschickt wird, sondern ganz normal im 08/15-Kuvert, bleibt eines der vielen unergründlichen Geheimnisse der US-Behörden und lässt sich – wie alle anderen auch – nicht ändern. Offensichtlich haben die sonst so misstrauischen Amerikaner zumindest ihren Glauben an die österreichischen Briefträger noch nicht ganz verloren.

Endlich in den Vereinigten Staaten gelandet, nehmen die Einreiseformalitäten ihren Lauf. Die Fluggäste werden in zwei Kategorien eingeteilt: in »US-Bürger« und in »Besucher«. Zugegeben, das stundenlange Anstehen in Warteschlangen ist nach einem 14-Stunden-Flug ein wenig nervig, andererseits: Man müsste ja nicht und hätte auch in Europa bleiben können.

Telefonieren als Zeitvertreib in der Ankunftshalle ist nicht nur verboten, sondern auch unmöglich. Die Behörden haben Störsender installiert, die den Handy-Empfang unterbinden. Man kann sich also ganz auf das konzentrieren, was früher oder später auf einen zukommt: das Gespräch mit dem »Immigration Officer«. Er entscheidet nach einer nochmaligen Kontrolle der Reisedokumente, der Abnahme der Fingerabdrücke und einem Foto, ob man jetzt endlich in die USA einreisen darf oder nicht. Denn wer sein Visum für eine Garantie dafür hält, befindet sich im Irrtum.

»We are the face of our nation« steht auf dem Plakat, das einen dieser stolzen Beamten im Vollprofil in Uniform zeigt. Endlich an der Reihe, schiebe ich meinen Pass über das Pult. »Good Morning«, sage ich, bekomme aber keine Antwort.

»Mein« Immigration Officer blättert mit gummibehandschuhten Händen in den österreichischen Papieren, dennoch fragt er: »Where do you come from?«

»Austria«, antworte ich knapp.

Worauf er beginnt, sich auf Spanisch mit mir zu unterhalten.

Ich versuche, ihm schonend zu verdeutlichen, dass in Österreich nicht spanisch, sondern deutsch gesprochen wird.

Er schaut mich überrascht an und sagt, etwas beleidigt: »Close enough.« Dann fragt er mich nach dem Grund meines Besuchs.

»Oscar«, antworte ich.

»Oscar who?«, fragt er.

An dieser Stelle hätte ich laut loslachen können: »Come on, die ganze Welt kennt Oscar, der hält den ganzen Laden hier doch schließlich am Laufen. Von überall her kommen Journalisten, Kameracrews und Filmschaffende nach Los Angeles zur Verleihung am nächsten Wochenende, die Zeitungen sind voll, die Magazine, das Fernsehen – und du sitzt da und kennst Oscar® nicht …?«

Doch der zu 100 Prozent humorfreie Typ hat meinen Pass in der Hand, und auf seiner Stirn steht deutlich lesbar: »Niemand zu Hause.«

Also atme ich tief durch, bemühe mich um Selbstbeherrschung, lächle ihn freundlich an und sage dann: »My uncle Oscar!«

Er macht eine Notiz auf seinem Computer, stempelt meinen Pass und schiebt ihn übers Pult zurück. Der Beamte lächelt jetzt auch und sagt: »Welcome home – take care.«

Ich werd’s mir merken …

ONKEL OSCAR

»Der Oscar® ist die wertvollste und zugleich billigste Reklame, die jemals erfunden wurde.«

Frank Capra, dreifacher Oscar®-Preisträger

Am 16. Mai 1929 geboren, 34,4 Zentimeter groß, 4,25 Kilo schwer. Materialwert: circa 300 Dollar. Gesetzlich geschützter Verkaufspreis: präzise ein (1) Dollar. Ideeller Wert: unbezahlbar.

Die mit 24 Karat Gold überzogene Nickel-Kupfer-Silber-Legierung begann ihre Karriere als Academy Award of Merit. Geburtshelfer war die damals gerade zwei Jahre junge Academy of Motion Picture Arts and Sciences®, kurz A.M.P.A.S.® Von 36 Filmschaffenden (Produzenten, Regisseuren, Schauspielern, Autoren und Kinobesitzern) gegründet, bemühte sich die Filmakademie von Los Angeles um ein wenig Imagepflege und stiftete deshalb einen Preis. Der Legende nach soll Cedric Gibbons, Artdirector bei MGM, ihn während eines Banketts auf ein Tischtuch skizziert und einem Kunststudenten namens George Stanley den Auftrag erteilt haben, daraus eine Skulptur zu machen. Margaret Herrick, Sekretärin bei der Akademie (deren Bibliothek heute ihren Namen trägt), rief beim Anblick der Statuette aus: »Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar!«

Wahrscheinlich verlief die Entstehungsgeschichte des berühmten Schwertträgers mit der stoischen Miene, der auf einer stilisierten Filmrolle thront, ganz anders. Doch wen kümmert’s? In Hollywood hat man auf eine gute Geschichte seit jeher mehr gegeben als auf die Wahrheit.

Als am besagten 16. Mai 1929 im Blossom Room des Roosevelt-Hotel in Los Angeles die ersten Oscars® (die damals aber noch nicht so genannt wurden) vergeben wurden, hielt sich das öffentliche Interesse in Grenzen. Die ganze Zeremonie dauerte keine fünf Minuten, die zwölf Gewinner standen lange im Voraus fest und kamen zum Teil nicht einmal persönlich vorbei, um ihre Trophäen entgegenzunehmen. Emil Jannings beispielsweise, der als bester Darsteller (gleich für zwei Filme) ausgezeichnet wurde. Ein vorsichtiger Deutscher, der Hollywood misstraute. Zwar ließ er sich von der Paramount für 10.000 Dollar die Woche engagieren, wollte sein Geld aber in Gold ausbezahlt haben. Noch vor der offiziellen Überreichung war Jannings aufgrund mangelnder Englischkenntnisse in panischer Angst vor dem Tonfilm zurück nach Berlin geeilt, wo er gemeinsam mit Marlene Dietrich für »Der blaue Engel« vor der Kamera stand, just einem der ersten Filme, der nicht nur mit Ton, sondern gleich zweisprachig – deutsch und englisch – gedreht wurde. Seinen Oscar® bekam Jannings jedenfalls als Stummfilmdarsteller, und er gewann in dieser Kategorie sogar gegen einen gewissen Charles Chaplin. »The Jazz Singer«, der erste Tonfilm der Kinogeschichte, bekam immerhin einen Anerkennungspreis. Erst 83 Jahre danach wurde mit »The Artist« zum zweiten und wohl auch letzten Mal ein Stummfilm zum besten Film des Jahres gekürt.

Im Dritten Reich spielte Emil Jannings später eine höchst unrühmliche Rolle und wurde dafür 1945 mit einem lebenslangen Auftrittsverbot belegt. Als die Alliierten 1945 in sein Haus kamen, um ihn festzunehmen, hielt er ihnen als Zeichen seiner amerikafreundlichen Gesinnung den goldenen Oscar® entgegen. Genützt hat es ihm nichts, geächtet und vergessen starb Jannings fünf Jahre später im Salzkammergut, wo er auch begraben liegt.

Janet Gaynor, die Erste, die als beste Darstellerin geehrt wurde, bedauerte später, dass sie ihren Preis gleich im ersten Jahr gewonnen hatte: »Es war eher eine Party als ein Fest. Natürlich hat es mich gefreut, aber weil es das erste Mal war, bedeutete der Academy Award® natürlich nicht dasselbe wie heute. Hätte ich damals gewusst, was er bedeutet, wäre ich wahrscheinlich überwältigt gewesen.« Einige Zeitungen brachten kurze Artikel, die Radiosender ignorierten diese erste Verleihung völlig.

Von Anfang an gab es Gerüchte, dass es bei der Preisvergabe nicht ganz mit rechten Dingen zuging. Genährt wurden diese Spekulationen durch die Tatsache, dass die frühen Zusammenkünfte der Academy von MGM-Boss Louis B. Mayer finanziert wurden und er sich – so wurde gemunkelt – dafür auch ein Vetorecht erkauft hatte. Das würde erklären, warum besonders in den ersten Jahren Geschäftsinteressen (und hier vor allem die von Mr. Mayer) über künstlerische Qualität gestellt und aus heutiger Sicht so manche Fehlentscheidung getroffen wurde. Zum Beispiel wurde »Metropolis« von Fritz Lang (der in Wien geboren wurde) bei der ersten Oscar®-Verleihung nicht einmal nominiert. Heute gilt der Streifen als einer der bedeutendsten Klassiker der expressionistischen Filmkunst und wurde 2001 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO ernannt.

Erst 1935 sollte sich das Prozedere der Wahl grundlegend ändern, als die Notare von Price-Waterhouse (heute PricewaterhouseCoopers) erstmals das Auszählen der Stimmzettel übernahmen. Dennoch sickerten mitunter noch vorschnell Informationen durch. In der Anfangszeit wurde nachträglich auch noch bekannt gegeben, wer wie viele Stimmen bekommen hatte und somit Zweiter, Dritter, Vierter wurde, und 1940 wurde die Liste der Gewinner bereits vor der Verleihung in der »L. A. Times« abgedruckt, was verständlicherweise einen Skandal auslöste. Seit damals werden die Namen der Gewinner unmittelbar nach der Auszählung der abgegebenen Stimmen in Kuverts versiegelt und bis zur Zeremonie sicher verwahrt. Zwei idente Kuvert-Sets werden unmittelbar vor Beginn der Gala von zwei Notaren in zwei Aktentaschen auf zwei unterschiedlichen Wegen zur Zeremonie gebracht, bei der dann einer links und der andere rechts hinter der Bühne steht. Erst knapp vor ihrem Auftritt wird den Präsentatoren der jeweilige Umschlag ausgehändigt. Alles ist top secret.

Am geheimen Wahlvorgang hat sich seit 1941 bis zum heutigen Tag nichts geändert, außer, dass die Stimmabgabe für die mittlerweile rund 6000 Akademiemitglieder seit ein paar Jahren auch via Internet möglich ist.

Auch Österreicher waren bereits bei der allerersten Verleihung im Oscar®-Rennen am Start, mit nominierten Filmen von Alexander Korda und Josef von Sternberg.

Alexander Korda, 1893 im k. u. k. Österreich-Ungarn geboren, begann seine Karriere in Budapest, ehe er zu Alexander Kolowrat-Krakowskys Sascha-Film nach Wien kam, wo er Großprojekte wie das zwölf Millionen Kronen teure Bibel-Spektakel »Samson und Delila« (1922) realisierte. Sein Film »Das Liebesleben der schönen Helena« wurde 1929 für die besten Zwischentitel nominiert, eine Oscar®-Kategorie, die mit Ankunft des Tonfilms im Jahr darauf auch schon wieder Geschichte war.

Alexander Korda verhalf Charles Laughton 1933 mit »Das Privatleben Heinrichs VIII.« zu seinem einzigen Oscar®, sein Streifen »Der Dieb von Bagdad« (1940) wurde mit drei Oscars® prämiert. Die heute wohl bekanntesten Filme, die Alexander Korda produzierte, sind die 1942 von Ernst Lubitsch inszenierte Hitler-Parodie »Sein oder Nichtsein«, die mit einer Oscar®-Nominierung für die beste Musik abgespeist wurde, für die Korda selbst aber als erster Filmschaffender der Geschichte vom englischen König zum Ritter geschlagen wurde, und – natürlich – »Der dritte Mann« (1949), mit dem er dem Nachkriegs-Wien ein filmisches und musikalisches Denkmal setzte. Anton Karas wurde mit seinem Zitherspiel zum Weltstar, für preiswürdig empfand man sein »Harry-Lime-Theme«, das sich zum Millionenerfolg entwickelte, damals aber nicht. Zwar konnte sich Karas mit dem erzitherten Geld einen Heurigen in Sievering kaufen, doch diese »Weinschenke zum Dritten Mann« musste ihre Pforten bald darauf wieder schließen: »30 Mal pro Abend hab ich immer dieselbe Melodie gezupft – die Leute sind aber nur zum Zuhören gekommen, nicht zum Essen«, stellte Karas resignierend fest. Einen Oscar® gab’s aber doch für den »Dritten Mann«: für die Kameraarbeit von Robert Krasker, der trotz deutsch klingendem Namen aus Australien stammt.

Der 1894 in Wien geborene Josef von Sternberg gilt nicht nur als Entdecker von Marlene Dietrich, sondern auch als einer der großen Visionäre des Films. Heute sind vor allem jene Werke in Erinnerung, mit denen er die Dietrich zur Ikone stilisierte: »Der blaue Engel«, »Marokko«, »Blonde Venus« oder »Shanghai-Express«. Mit seinen subtilen Schöpfungen aus Licht und Schatten zielte der Exzentriker vordergründig nicht auf ein großes Publikum ab, sondern wollte, wie er sagte, damit jeden Einzelnen berühren. Die Akademie dankte es von Sternberg mit zwei Oscar®-Nominierungen für die beste Regiearbeit, 1931 und 1932.

Viele der Schwierigkeiten mit Produzenten, die sich durch sein ganzes Berufsleben zogen, basierten unter anderem auf seiner Eigenschaft, in Bildern zu denken und zu argumentieren: »Es ist sehr wohl möglich, dass Max Reinhardt mich beeinflusst hat, aber nicht direkt, sondern indem er mir zeigte, dass es in der Technik der Regie keine Grenzen gibt«, schrieb Josef von Sternberg, gegen Minderwertigkeitskomplexe stets resistent, in seiner Autobiografie.

Marlene Dietrich blieb ihrem »Meister« zeit seines Lebens verbunden: Als sie in den 1940er-Jahren einmal von einem anderen Regisseur inszeniert wurde, der nicht gleich wusste, wie man sie richtig ausleuchtet, hauchte das ewige Glamourgirl ungeduldig: »Wo bist du, Jo…?« Und als sie einem berühmten Landsmann ihres Lieblingsregisseurs einmal erklärte, wie er es gedreht hätte, antwortete der nur knapp: »Schon möglich – aber mein Name ist Fritz Lang.«

Auch bei der zweiten Oscar®-Verleihung gab es eine Nominierung für einen Österreicher, und es sollte nicht seine einzige bleiben. Paul Muni, 1895 in Lemberg (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine) geboren, wurde gleich für sein Debüt in Hollywood honoriert, und das nicht nur von der Akademie. Zunächst erhielt der als Meshilem Meier Weisenfreund geborene Mime einen neuen Namen, und dann auch noch gleich eine neue Nationalität.

In einem ersten Pressebericht des Filmstudios war über ihn zu lesen: »Mr. William Fox persönlich hat den berühmten russischen Schauspieler Paul Muni für den Film entdeckt.«

Als er dagegen protestieren wollte, erklärte ihm der Presseagent des Studios: »Russisch ist bei uns die höfliche Umschreibung von Jiddisch.«

Filmpionier William Fox war ebenso Altösterreicher. 1879 als Wilhelm Fuchs geboren, emigrierte die Familie schon recht bald in die USA, wo William 1915 die Fox-Film-Company gründete, mit der er 1919 nach Hollywood übersiedelte. Sein Unternehmen ging nach ereignisreichen Produktionsjahren in die 20th Century Fox über, jener Filmfirma mit der wohl schönsten Fanfare und den berühmten kreisenden Scheinwerfern am Nachthimmel über Hollywood.

Doch wir waren bei Paul Muni. Bei nur 23 Filmauftritten konnte er am Ende seines Lebens auf fünf Nominierungen und einen Oscar® zurückblicken – davon später mehr. Just jene Rolle, die wohl seine bekannteste wurde, blieb aber unbelohnt: die Hauptrolle in Howard Hawks »Scarface« (1932), einer freien Biografie von Al Capone, der damals gerade ins Gefängnis wandern musste. Dieser Streifen gilt längst als Meilenstein der Filmgeschichte und als Klassiker des Gangsterfilm-Genres.

Auch der Abräumer des Jahres 1932 geht genau genommen auf das Konto einer Österreicherin, denn bester Film des Jahres wurde »Menschen im Hotel« mit Greta Garbo und John Barrymore in den Hauptrollen, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Vicki Baum. Die 1888 in Wien geborene Schriftstellerin hatte die Einladung der MGM, selbst am Drehbuch mitzuarbeiten, dankbar angenommen, schließlich wurden ihre Bücher schon bald danach von den Nationalsozialisten öffentlich verbrannt. In den USA schrieb sie weitere Bestseller, wie »Hotel Shanghai«, »Kautschuk« und »Vor Rehen wird gewarnt«. Auch für die Filmindustrie blieb sie tätig, handelte sich aber aus, sechs Monate im Jahr Zeit für ihre Bücher zu bekommen.

Mit Los Angeles hat Vicki Baum sich dennoch nie ganz anfreunden können. »Seitdem wir hier in diesem übelriechenden, khakifarbenen Smogzelt leben, wissen wir kaum noch, wie es damals gewesen ist«, schrieb sie in ihrer Autobiografie.

Sie starb 1960 in Hollywood, fast 40 Jahre danach wurde in ihrer Heimatstadt Wien ein Platz nach ihr benannt.

Damals, in der Kinderzeit des Tonfilms, wurden Filme, denen eine Chance auf dem internationalen Markt gegeben wurde, zugleich – Szene für Szene – oft von denselben Darstellern in mehreren Sprachen gedreht, zum Beispiel »Der blaue Engel« (1930). Erst ein paar Jahre später, und nicht zuletzt aufgrund der politischen Ereignisse, wurde dann derselbe Stoff von verschiedenen Regisseuren und Schauspielern in unterschiedlichen Sprachen und Ländern erarbeitet. Wie 1934 »Maskerade«, der erste Film von Paula Wessely. Autor Walter Reisch nahm sein Buch mit nach Hollywood, wo es im Jahr darauf als »Escapade« mit Luise Rainer verfilmt wurde – auch dazu kommen wir noch. Die Synchronisation der Dialoge, bei der in der Regel andere Schauspieler übersetzte Textteile zu den Lippenbewegungen der Darsteller auf der Leinwand sprechen, kam erst später, denn einstweilen bestand gerade in Deutschland daran kein allzu großer Bedarf. Unter dem Einfluss des heranziehenden Nationalsozialismus änderte sich sogar die Wahl der Filmstoffe. Auf einmal galt es, nicht bloß zu unterhalten, sondern das nationale Gewissen des Publikums wachzurütteln. Man hob glorreiche Vorbilder aus der Vergangenheit wie zum Beispiel Friedrich den Großen hervor, um die Zuschauer einerseits über die wenig erbauliche Gegenwart hinwegzutrösten und andererseits an sogenannte bessere Zeiten zu erinnern, als das Land noch den starken Führer hatte, den es wieder brauchen würde. Politische Diskussionen wurden, solange sie überhaupt noch gestattet waren, ins Kino verlagert, wo bereits 1931 Nazi-Störtrupps Vorführungen des Antikriegsfilms »Im Westen nichts Neues« (der knapp zuvor mit dem Oscar® als bester Film ausgezeichnet worden war) verhinderten – eines der ganz wenigen Filme, von dem es eine Stummfilm- und eine Tonfilmfassung gibt und der schon damals eine deutsche Version bekam, wenn auch um 40 Minuten gekürzt.

Nach dem 30. Jänner 1933 und der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde ohnehin alles schlagartig anders. Von den 29 Filmateliers in Deutschland waren binnen dreier Monate nur noch elf in Betrieb. Die UFA, die 1932 beachtliche zehn Millionen Mark eingenommen hatte, spielte ein Jahr danach vergleichsweise jämmerliche 80.000 Mark ein. Die Spitzenkräfte des deutschsprachigen Kinos mussten ihr Leben retten und ihre Koffer packen. Viele gingen ins vorerst noch freie Österreich, doch so gut wie alle, die es rechtzeitig schafften, zog es früher oder später nach Hollywood.

Oft denkt man beim Film zunächst an Schauspieler und Regisseure, und nicht ganz zu Unrecht wird auch heute noch an der UCLA, der Universität von Los Angeles, gelehrt, dass der amerikanische Film ohne so kreative Geister wie Josef von Sternberg, Fritz Lang, Erich von Stroheim, Billy Wilder, Otto Preminger oder Fred Zinnemann arm wäre (dass einige von ihnen in den USA nie einen Preis, geschweige denn einen Oscar®, gewonnen haben, steht auf einem anderen Blatt, ist vielleicht aber auch gar nicht so wichtig). Doch ganz besonders erfolgreich waren Österreicher in einer anderen Kategorie, für die jedoch erst nach 1933 Oscars® vergeben wurden und die wir etwas später unter die Lupe nehmen werden.

DIE GROSSE ILLUSION

»Hollywood – das ist jener Ort, wo sogar Charlton Heston mit seinem Nussknacker-Charme Preise fürs Schauspielen gewinnt.«

Shirley Knight, Oscar®-Nominierung 1960

Wen die unverhohlene Bewunderung für die große amerikanische Traumfabrik stört, der sollte sich vor Augen führen, dass die vielleicht besten Hollywoodfilme von Leuten wie dem Briten Alfred Hitchcock, dem Italiener Frank Capra, dem Russen Lewis Milestone, dem Deutschen Ernst Lubitsch, dem Polen Roman Polanski, dem Tschechen Miloš Forman, dem Griechen Elia Kazan, den bereits erwähnten Österreichern Wilder, Preminger, Zinnemann und unzähligen anderen Künstlern vieler anderer Nationen geschaffen wurden. Zugegeben, es sind wohl auch ein paar Amerikaner dabei …

Wahrscheinlich war Hollywood in Wirklichkeit nie, was es angeblich war. Mein Gott, wie enttäuscht war ich doch bei meinem ersten Besuch! Das war 1993. Glanz und Glamour hatte ich vor meinem geistigen Auge, Blitzlichtgewitter und Stars unter sanft sich wiegenden Palmwedeln, alles blitzsauber und beinahe so antiseptisch wie in US-Fernsehserien. Und dann das. Es gab damals wahrscheinlich Müllhalden in Österreich, die mehr Flair und Ausstrahlung hatten als dieses Kaff, das angeblich die Hauptstadt der Unterhaltungsindustrie war.

Wir stiegen im Holiday Inn ab, einem 1972 erbauten Mittelklasseschuppen in zentraler Lage (mittlerweile ist es Teil des 2001 eröffneten Hollywood & Highland-Komplexes, hat um 165 Millionen Dollar seinen Besitzer gewechselt und ist um beinah ebenso viel neu renoviert worden). Zentral war allerdings ein relativer Begriff. Stimmt, es waren nur wenige Schritte zum berühmten Grauman’s Theatre, jenem im Stil einer chinesischen Pagode gebauten Kino, vor dem die Stars seit 1927 ihre Hand- und Fußabdrücke in Beton verewigen. 2013 sicherte sich ein chinesischer Elektronikkonzern um fünf Millionen Dollar die Namensrechte vom Chinese Theatre, das noch immer fixer Bestandteil aller Sightseeing-Touren durch Los Angeles ist. Will man dort privat fotografieren: No problem! Mit einem professionell aussehenden Apparat, gar mit einer Videokamera? Nur mit »special permission«, einer schriftlichen Erlaubnis, die im Voraus eingeholt werden muss. Kann aber dauern. Nicht gewusst? Sorry, Sir. – Aber: ein Halbschritt nach hinten, dann ist sogar filmen okay. – Äh, why? – Weil man dann nicht mehr auf dem Grundstück selbst, sondern auf dem Gehsteig davor steht, der ohnehin den besseren Überblick über alle Betonplatten bietet. Hier Privatgrund, da öffentlicher Grund, understand? Noch zehn Zentimeter zurück, Sir – jetzt noch zwei … thank you for your cooperation. – Na ja, Amerikaner halt … Aber zum Beispiel diese Sehenswürdigkeit war wirklich in »walking distance« – selbst für Amerikaner, die jede Strecke über 100 Meter bekanntlich lieber mit dem Auto zurücklegen. Auch das hat seine Gründe. In weiten Teilen der USA geht man davon aus, dass nur Obdachlose oder Verbrecher zu Fuß gehen. Dementsprechend oft sind passionierte Spaziergänger aus Europa dort auch beliebte Opfer ausgedehnter Polizeikontrollen, die bekanntlich ja gar nicht so ungefährlich sein können.

Ganz nah vom Hotel lag auch das Hollywood Wax Museum, das es noch immer gibt, obwohl es wahrscheinlich eines der schlechtesten Wachsfigurenkabinette der Welt ist. Ohne Beipacktext würde vermutlich niemand erkennen, um wen es sich bei den ausgestellten Figuren handeln soll.

»Guiness World of Records« und »Ripley’s – Believe it or not«, Kuriositätensammlungen unterschiedlichster Weltrekorde, lagen ebenfalls gleich gegenüber der Straße, bei der es sich immerhin um den weltberühmten Hollywood Boulevard handelte. Über den zieht sich auch der größte Teil des »Walk of Fame«: in rosa Marmorsterne eingelassene Messingnamenszüge berühmter Film- und Fernsehschaffender (Christoph Waltz zum Beispiel wurde im Dezember 2014 mit Stern Nummer 2536 geehrt).

Ende der 1950er-Jahre wurde die Idee geboren, sich doch touristenwirksam bei jenen zu bedanken, die maßgeblich dazu beigetragen hatten, dass Hollywood die vielleicht bekannteste Stadt der Welt geworden war. Begonnen wurde ganz bescheiden, mit gerade einmal acht Sternen an einer Straßenkreuzung. Mit der Zeit wurden es mehr und mehr, Fans kamen, um »ihrem« Star ein Mal zu begegnen, vielleicht sogar Blumen zu bringen, und sich mit ihm, also auf ihm stehend, fotografieren zu lassen. Und so wurden bald schon hundertfach Sterne mit Namen verdienter Persönlichkeiten der Film- und Unterhaltungsindustrie angefertigt, um möglichst vielen Filmfreunden ein Motiv zu geben, doch den »Walk of Fame« zu besuchen.

Natürlich ließ sich damit auch ganz direkt ein gutes Geschäft machen. Eine Zeit lang war es gang und gäbe, diese Sterne ganz offiziell zu verkaufen. Freilich konnte sich dennoch nicht jeder auf dem Hollywood Boulevard verewigen lassen, aber gegen eine Zahlung von 15.000 Dollar an den Hollywood Historic Trust bekam man damals die Möglichkeit, beim »geheimen Auswahlkomitee« der Hollywood Chamber of Commerce einen Antrag auf einen Stern zu stellen. Der Vorsitzende dieses Komitees war zu jener Zeit ein ehemaliger Discjockey namens Johnny Grant, der sich »Ehrenbürgermeister von Hollywood« nannte und, man ahnt es, selbst auch mit einem Stern auf dem Boulevard verewigt ist – während man nach Namen wie Clint Eastwood, Lee Marvin oder Robert Redford bis heute vergeblich sucht. Bis zu seinem Tod im Jahr 2008 im Alter von fast 85 Jahren ließ Johnny Grant es sich nicht nehmen, jede »Star-Ceremony«, bei der ein neuer Stern feierlich enthüllt wurde, persönlich vorzunehmen. An ihn selbst erinnert heute nicht nur sein Stern, sondern auch ein sehr kurzer Weg, der von der Hauptstraße direkt in die Tiefgarage des ehemaligen Holiday Inn abbiegt. Das Straßenschild ist dabei fast länger als die ganze Einfahrt. Ernstgemeinte Ehrenbekundung oder subtile Bösartigkeit? Man weiß es nicht.

In Hollywood verstand man es schon seit jeher zu feiern, wofür man stets Gründe suchte und fand. 1987 feierte man 100 Jahre, dass ein Farmer seinen Grundbesitz auf den Namen »Hollywood« eintragen ließ. Als er dann nach einigen Jahren den damals noch mit 4000 Glühbirnen beleuchteten Schriftzug »Hollywoodland« auf einem Hügel seiner Farm anbringen ließ, wurde auch das 100 Jahre später gefeiert. Die letzten vier Buchstaben des berühmten Wahrzeichens (eines der wenigen der Stadt) sind übrigens irgendwann verrottet und wurden nicht mehr ersetzt, zumal die Grundstückspreise in der Zwischenzeit in den Himmel geschossen sind und jeder Quadratmeter teuer verkauft wurde.

Das Land unterm ehemaligen »land« ließ sich zunächst aber nicht veräußern, weil zunächst noch zu viele wussten, dass die Buchstaben lange Zeit beliebte Ausflugsziele potenzieller Selbstmordkandidaten waren und in den ersten Jahren niemand seinen Bungalow in das Blut jener Unglücklichen stellen wollte.

2006 feierte man dann jedenfalls das 100-Jahr-Jubiläum des ersten Drehtages des allerersten Hollywoodfilms, 2009 die 100 Jahre seit der Gründung des ersten Filmstudios. Man muss kein Hellseher sein, um zu behaupten: 2027 steht ein gigantomanisches »100 Jahre Oscar®«-Fest ins Haus. Wie auch immer sich das Filmgeschäft, die Entertainment-Industrie und Hollywood bis dahin auch entwickeln mögen, es wird gefeiert, koste es, was es wolle.

Gleich an der Ecke Hollywood/Highland gab’s vor dem Jahr 2000 auch noch das Max-Factor-Museum, einst Sitz des Make-up-Königs von Hollywood, der schon in den 1930er-Jahren seine Schminkräume farblich auf die jeweiligen Haarfarben der Kundinnen abgestimmt hatte und wo man mit etwas Glück Marlene Dietrich, Claudette Colbert, Bette Davis und Greta Garbo begegnen konnte, die sonst zwar in unterschiedlichsten Studios an verschiedenen Filmen arbeiteten – aber bei Max Factor kamen sie alle zusammen. Das historische Gebäude ist heute Sitz des Hollywood Museum, das die wahrscheinlich weltgrößte Sammlung an Film-Memorabilia beherbergt, wie das Originaltoupet von »Frankenstein« Boris Karloff oder Judy Garlands rote Schuhe aus »The Wizard of Oz«.

Doch ansonsten? Fast-Food-Buden, Pornokinos, Tattoo-Stecher, Sexshops, ein paar Filialen der Scientology Church und zahlreiche schmierige Souvenirläden. Alles geprägt von äußerster Geschmacklosigkeit, ziemlich verdreckt und gesäumt von Drogensüchtigen und Obdachlosen. Die Filmindustrie war längst in andere Stadtteile des Vier-Millionen-Einwohner-Riesenmolochs Los Angeles abgewandert, nur der berühmte Schriftzug auf dem Berghang darüber deutete darauf hin, dass man hier offensichtlich doch richtig sein musste.

Die Stars? Abgesehen von denen auf dem »Walk of Fame« waren alle längst in Nobelgegenden wie Beverly Hills, Bel Air, Malibu oder Palm Springs übersiedelt, nicht einmal zur Oscar®-Verleihung ließen sie sich hier sehen. Einige der alten Filmpaläste, die in früheren Jahren Austragungsort der Gala waren, standen inzwischen leer, dienten als Peepshow oder waren überhaupt abgerissen worden. Die Veranstaltung selbst fand mittlerweile in Downtown L.A. statt, im Dorothy-Chandler-Pavilion oder im Shrine Auditorium. Es war einfach frustrierend.

So also sah es aus, das Synonym für die amerikanische Filmwelt, das Allerheiligste der großen Traumfabrik? Doch vielleicht habe ich damals vieles noch zu verklärt betrachtet. Es gibt ja die Anekdote von den Dreharbeiten zum allerersten »Rosaroten Panther«-Film (1963). Peter Sellers sprang in der Rolle des Inspector Clouseau bekanntlich kurzfristig für Peter Ustinov ein und wurde damit eigentlich durch Zufall weltberühmt. Die Dreharbeiten zum »Rosaroten Panther«, der danach auch als Zeichentrickheld Erfolge feierte, fanden nicht in Hollywood, sondern in Italien, in den Cinecittà-Studios statt.

Als Sellers am Drehort ankam, begrüßte Regisseur Blake Edwards ihn dennoch mit den Worten: »Willkommen in Hollywood.«

»Äh, Rom, eigentlich …«, korrigierte ihn Sellers.

Worauf Edwards (dem wir Jahre später zu seinem Ehren-Oscar® gratulieren durften) den Briten freundlich auf die Schulter klopfte und meinte: »Hollywood is a State of Mind.«

Und das ist vielleicht der einzig mögliche Zugang zu diesem Phänomen, das sich nicht wirklich in Worte fassen lässt.

MUSIC, MAESTRO, PLEASE!

»Ich danke meinen Kollegen Brahms, Bach, Beethoven, Strauss …«

Dimitri Tiomkin, dreifacher Oscar®-Gewinner

Seit 1934 gibt es beim Oscar® einige neue Kategorien. Wurden bei der allerersten Verleihung, wie erwähnt, noch Stummfilmpreise für die besten Zwischentitel vergeben, war mittlerweile der Tonfilm auch in der A.M.P.A.S.® angekommen. Als direktes Resultat wurden nun auch der beste Ton, die beste Musik und das beste Lied gekürt. Und gerade in der Kategorie »Beste Musik« führte in den ersten Jahrzehnten fast kein Weg an den Österreichern in Hollywood vorbei.

Gleich im ersten Jahr gab es eine Nominierung für Max Steiner, der noch unglaubliche 23 weitere folgen sollten. Zwischen 1934 und 1955 gab es nur ein Jahr (1953), in dem der Name Max Steiner nicht auf der Liste möglicher Oscar®-Preisträger stand, in drei Jahren trat er mit jeweils zwei Nominierungen sozusagen sogar gegen sich selbst an.

Geboren wurde Maximilian Raoul Steiner 1888 im Hotel Nordbahn in der Wiener Leopoldstadt, eine Gedenktafel an dem Haus erinnert heute daran. Sein Großvater war Direktor des Theaters an der Wien, Johann Strauß, Jacques Offenbach und Richard Strauss gingen bei seinen Eltern ein und aus, er selbst absolvierte die achtjährige k. u. k. Musikakademie in nur einem Jahr, schloss sie mit 13 ab und lernte bei Gustav Mahler dirigieren. »Mahler hat mir prophezeit, es einmal zum bedeutendsten Komponisten aller Zeiten zu bringen«, erzählte Steiner später lächelnd. »Wenn er geahnt hätte, dass ich es nur bis zu Warner Brothers bringen würde …«

1912, mit 24, übernahm Max Steiner kurzfristig die Leitung des Wiener Ronacher, folgte aber schon bald dem Ruf der Ziegfeld Follies nach New York. Nachdem die großen Filmstudios zu Beginn der Tonfilmära eigene Musikabteilungen gründeten, ging er 1929 nach Hollywood, wo er auch die nächsten 42 Jahre, bis zu seinem Tod, blieb. Neben der Titelsignation der Warner Brothers, die zu Beginn aller Filme des Studios ertönt, schrieb er unter anderem die Musik zu den ersten acht Filmen von Katharine Hepburn, zu fünf Musicals mit Fred Astaire und Ginger Rogers und gleich zu 18 Filmen mit Bette Davis. Insgesamt wirkte Max Steiner im Laufe seiner langen Karriere an mehr als 300 Filmen mit. Mit seinen meist bombastischen Musikthemen, eingespielt von einem 80-Mann-Orchester, war sein Stil wegweisend für die Entwicklung der Musiksprache im noch jungen Medium Tonfilm. Insgesamt drei Mal, 1935, 1943 und 1945, erhielt er dafür den Oscar®. Weil die Bedeutung der Filmmusik von der Akademie in jenen Tagen aber doch noch nicht ganz so hoch eingeschätzt wurde wie heute, gab es für die Gewinner in dieser Kategorie zunächst keine Oscar®-Statuetten, sondern Plaketten. Außerdem wurden die Preise nicht von den Komponisten, sondern von den jeweiligen Leitern der Musikabteilungen entgegengenommen. Und bezeichnend ist wohl auch, dass einige der wichtigsten Arbeiten Max Steiners gar nicht für preiswürdig erachtet wurden. Dazu gehört unter anderem die Musik zu »King Kong« (der Pianist Oscar Levant bezeichnete »King Kong« augenzwinkernd als »eine Symphonie, die von einem Film begleitet wird«), die zu »Casablanca« (diesem Klassiker ist ein eigenes Kapitel gewidmet), vor allem aber die zu dem Welterfolg »Vom Winde verweht« – mit rund drei Stunden die wohl längste Filmmusik der Geschichte. Dabei wollte der Produzent, David O. Selznick, eigentlich nur eine Bearbeitung von klassischen Musikstücken, nichts eigens Komponiertes. Steiner setzte sich aber mit der Idee, Filmmusik als eigene, neue Kunstform zu etablieren, durch. »Vom Winde verweht« gewann letztlich zehn Oscars®, für Max Steiner blieb es bei der Nominierung. Er verlor in jenem Jahr gegen einen anderen Welterfolg: In »Der Zauberer von Oz« sang Judy Garland ihr unvergessliches Lied »Somewhere Over the Rainbow«.

Späte Genugtuung wird Max Steiners Arbeit aber vom American Film Institute (AFI) zuteil. Als man 2005 eine Liste der »Größten Filmmusik-Themen aller Zeiten« erstellte, landete »Vom Winde verweht« auf dem zweiten Platz. Vor »Lawrence von Arabien«, geschlagen nur von »Star Wars«.

Neun Plätze dahinter, auf Platz elf, fand sich der Soundtrack zu »Robin Hood – König der Vagabunden«, der 1939 sehr wohl mit einem Oscar® prämiert wurde. Geschrieben wurde er von Erich Wolfgang Korngold, 1897 in Brünn geboren und neben Steiner der zweite wegweisende Komponist in der Musikabteilung der Warner Brothers.

Bereits drei Jahre zuvor, 1936, hatte er seinen ersten Oscar® gewonnen, begonnen aber hat er noch viel früher: als »Wunderkind« in Wien. Ausgebildet von Robert Fuchs und Alexander von Zemlinsky, schrieb Korngold bereits im zarten Alter von zehn Jahren seine erste Oper: »Gold«. Erichs Vater, Julius Korngold, der gefürchtetste Musikkritiker Wiens, brachte den Klavierauszug des Werks zum damaligen Hofoperndirektor Gustav Mahler, ohne den Komponisten zu nennen. Er sagte nur, die Partitur stamme von einem Zehnjährigen. »Ausgeschlossen«, antwortete ihm Mahler, »da haben Sie sich einen Bären aufbinden lassen.« Drei Jahre später stand Erich, gerade 13 Jahre jung, am Pult des k. u. k. Hofoperntheaters und dirigierte sein Ballett »Der Schneemann«. Mit der Oper »Die tote Stadt« gelang ihm 1920 ein Welterfolg.

1934 folgte Korngold dem Ruf Max Reinhardts in die USA, wo der gefeierte Regisseur seinen ersten und einzigen Hollywoodfilm drehte. »Ein Sommernachtstraum« wurde für Korngold offenbar ein Wintermärchen, zumal er von da an viele Winter in Kalifornien verbrachte, um für den Film zu arbeiten. Die klassischen Themen von so gut wie allen bedeutenden Errol-Flynn-Filmen stammen aus seiner Feder. Korngold sah darin eine Möglichkeit, anspruchsvolle Musik Millionen von Menschen nahezubringen, er erfand die »symphonische Bildpartitur«. Seine kompositorische Tätigkeit begann erst im Projektionsraum mit dem fertig geschnittenen Film, auf den er Musik »nach Maß« machte.

1938 wurde, gegen Ende seines jährlichen USA-Aufenthalts, der »Anschluss« Österreichs vollzogen. »Wir haben uns immer als Wiener gefühlt«, sagte Korngold später, »erst Hitler hat uns zu Juden gemacht.« Er blieb in den USA und nahm 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Nach dem Krieg arbeitete er wieder abwechselnd in Europa und den USA, im Filmgeschäft allerdings kam sein Stil – anders als der seines Landsmanns Max Steiner – immer mehr aus der Mode.

Im Mai 1957 hielt Steiner die Laudatio zum 60. Geburtstag seines Freundes Korngold, in der er mit ironischem Unterton anmerkte: »Ich kann es gar nicht verstehen, mein lieber Korngold, dass ich in Hollywood nach wie vor so gefragt bin, während nach dir kein Hahn mehr kräht.«

Korngold ging ans Rednerpult und erwiderte: »Schau, lieber Max, das mit dem Erfolg ist ganz einfach. Seit 20 Jahren schreibst du von mir ab, und seit 20 Jahren schreib ich von dir ab. Da darfst du dich nicht wundern, dass du so viel erfolgreicher bist als ich.«

Erich Wolfgang Korngold starb einige Monate danach und liegt in Hollywood begraben. Statt eines Grabsteins ragt eine einzelne Pinie stolz in den Himmel. Die schlichte Grabplatte ziert das Notenzitat »Glück, das mir verblieb« aus seiner Oper »Die tote Stadt«.

Noch einmal zurück zur Liste der »Größten Filmmusik-Themen aller Zeiten«. Da darf natürlich auch der Soundtrack zu »Ben Hur« nicht fehlen, den ein anderer Altösterreicher komponiert hat: der 1907 in Budapest geborene Miklós Rózsa. 1960 mit insgesamt elf Oscars® überhäuft, ist »Ben Hur« – mittlerweile ex-aequo mit »Titanic« und »Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs« – noch immer der erfolgreichste Film der Oscar®-Geschichte. Der Soundtrack ist außerdem eine typische Visitenkarte des akribisch arbeitenden Komponisten. Zwei Jahre lang forschte Rózsa in Musikarchiven auf der ganzen Welt nach passenden Musikelementen, benutzte schließlich griechische, hebräische und orientalische (weil keine römischen überliefert waren) und spielte dann mit einem 100-Mann-Orchester in 72 Studiostunden die Musik ein. Zu diesem gigantischen Aufwand addierte er noch eine neue Studioorgel, denn Miklós Rózsa bestand darauf, die Szenen, in denen Jesus Christus erscheint, mit majestätischen Orgelklängen zu unterstreichen. Und er ließ sich erfolgreich auf Wortgefechte mit den Produzenten ein, die unbedingt das Thema des Weihnachtsliedes »Adeste Fideles« in den Soundtrack eingebaut haben wollten.

Zeitgenossen beschreiben Rózsa wie seine Musik: würdig und majestätisch, aber nicht abgehoben und arrogant. Im Laufe seiner Karriere hat er bei 16 Nominierungen drei Mal einen Oscar® gewonnen. Seine Spezialität waren Monumentalfilme wie »Quo Vadis«, »Spellbound«, »Julius Caesar«, »King of Kings« (nach dessen Kinostart die Bibel in den USA als »Buch zum Film« vermarktet wurde) oder »El Cid«.

Als »Gegenmittel«, wie er einmal sagte, komponierte er zwischendurch aber auch Konzertmusik. Vor allem sein Violinkonzert, das 1953 von Jascha Heifetz uraufgeführt wurde, das Konzert für Klavier und Orchester sowie die Streichquartette gelten mittlerweile als moderne Klassiker.

Billy Wilder gelang es, den Komponisten für »Das Privatleben des Sherlock Holmes« (1970) selbst vor die Kamera zu locken. Miklós Rózsa spielte in dem kurzen Auftritt einen Dirigenten.

Ganz nebenbei unterrichtete der begeisterte Kunstsammler, der wie wenige andere in Hollywood für die Werte der »Alten Welt« stand, außerdem noch Komposition an der Universität, meinte aber: »Eines kann ich den jungen Leuten doch nicht beibringen: wie man in Hollywood einen Job bekommt.«

Wer hätte gedacht, dass auch der Komponist der Arbeiterbewegung, zugleich auch Arnold-Schönberg-Schüler und glühender Marxist, es beinahe zu zwei goldenen, imperialistischen Trophäen gebracht hätte? Tatsächlich war Hanns Eisler zwei Mal, 1944 und 1945, für den Oscar® nominiert – unterlag aber Alfred Newman und Max Steiner.