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Brigitte Sinhuber (Hg.)

»Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang«

Brigitte Sinhuber (Hg.)

»Die Welt steht auf
kein’ Fall mehr lang«

Nestroy für Anfänger

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www.amalthea.at

© 2012 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Gesetzt aus der 12/14,5 pt Adobe Garamond
Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-85002-813-4
eISBN 978-3-902862-56-3

Inhalt

Mein Nestroy

Vorwort von Andreas Vitásek

Zum Titel des Buches

Alter

Armut

Bescheidenheit

Beziehungsglück

Dank

Dichter

Dummheit

Echtheit

Ehe

Ehre

Enttäuschung

Faulheit

Flatterhaftigkeit

Frauen

Freunde

Gäste

Gedankenfreiheit

Gefühle

Gelehrtheit

Gemeingut

Gerechtigkeit

Gesundheit

Gewohnheit

Glaubenszweifel

Glück

Großmut

Heiraten

Herz

Hoffnung

Huldigung

Identität

Karriere

Kartenspiel

Kinder

Kochkunst

Lebensschule

Liebe

Lügen

Männer

Menschen

Menschenkenntnis

Mobilität

Nächstenliebe

Nachwelt

Narrheit

National

Orthographie

Paradies

Politik

Position

Rätsel

Reichtum

Rollenspiel

Schadenfreude

Schein

Schicksal

Schutzengel

Schwärmerei

Selbstmord

Testament

Teufel

Tod

Trinker

Ungeduld

Verblüffung

Vergangenheit

Vergnügen

Verhältnisse

Vorurteil

Wahrheit

Weltbürger

Weltuntergang

Wirtschaftswachstum

Wirtshaus

Zeit

Zensur

Zufall

Zukunft

Mein Nestroy

Ein Vorwort von Andreas Vitásek

Jeder kennt Nestroy. Irgendwie. Man hat den Jux mit verteilten Rollen in der Schule gelesen, je nach Jahrgang aus weißen oder gelben Heftchen, man hat irgendwann einmal eine Sommertheateraufführung in Bad Oberunterirgendwo gesehen. Die Hosen der Schauspieler waren gestreift und die Kulisse hat immer gewackelt, wenn sich ein Darsteller angelehnt hat. Das war lustig. Irgendwie. Und gesungen wurde auch. Und der Hauptdarsteller hat dann noch ein paar Zusatzstrophen dargeboten, darin ging es um Abfangjäger, korrupte Politiker und andere immergleiche Tagesaktualitäten. Ja, und dann war doch einmal so eine Fernsehaufzeichnung einer Inszenierung, da hat der Lohner seine Beine unter dem Sessel verknotet. Eine rote Perücke hat er aufgehabt, und ein bisschen böse war er auch, grantig, und das war wirklich lustig.

Jeder kennt Nestroy. Seinen Nestroy halt. Aber kein Lebender kann wirklich wissen, wie Nestroy Theater gespielt hat. Weder gibt es Filmdokumente noch Tonaufnahmen. Es existieren nur gestellte Fotos, auf denen er – Standbein, Spielbein – in einer figurentypischen, fast Commedia dell’arte ähnlichen Pose, erstarrt dasteht. Eine Spinne in Bernstein eingeschlossen. Und es kursieren Berichte von Zeitzeugen, Anekdoten, vom Fluss der Zeit rundgeschliffen, die in einem die Lust wachsen lassen, bei einer solchen wilden Aufführung dabei gewesen zu sein. Bekannte Anekdoten, wie die Semmelanekdote, nach der Nestroy, als er wegen einer Kritik an den Bäckern und ihren immer kleiner werdenden Semmeln im Arrest einsitzen musste, am nächsten Tag auf der Bühne seinem Publikum mit einer Jacke, bestückt mit vielen kleinen Semmeln als Knöpfe, entgegentrat. Und meinte, die Semmeln wurden ihm in der Haft durchs Schlüsselloch gereicht. Das ist wunderbar. Und es steht in keinem Stücktext.

Es existiert eine großartige historisch-kritische Nestroy Gesamtausgabe – wenn man einmal davon absieht, dass in der Zeit der Herausgabe der Verlag gewechselt wurde und die Bücher sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild unterscheiden –, aber es gibt natürlich keine Sammlung der an der Zensur vorbeigeschummelten Textpassagen, der Improvisationen, der Aparts und der angeblich mitunter auch sehr derben Zoten. Das alles war für den Moment, Theater ist eine transitorische Kunst, sie passiert im Jetzt und geht vorüber. Raimund soll einmal gesagt haben, er weigere sich, Nestroy als Rappelkopf zu sehen – ja, Nestroy spielte auch Raimundrollen! –, denn er habe gehört, er spiele ihn nicht als Menschenfeind, sondern als Menschenfresser. Raimund gegen Nestroy, das ist wie Beatles gegen Stones, wie Austria gegen Rapid, oder vielleicht eher wie Kapfenberg gegen Simmering. Das ist »Brudalidäd«. Ja, und da bin ich schon an dem Punkt, auf den ich hinauswollte: Nestroy ist auch Kabarett. Vom Allerfeinsten, aber sicher nicht fein. Akzeptiert das, ihr »lächerlichen Vomkunstrichterstuhlherabdieleutevernichtenwoller« (© Nestroy). Ihr, die ihr einen Nestroypreis vergebt, den Nestroy wahrscheinlich nie erhalten hätte, noch dazu im Burgtheater, das Nestroy zu seinen Lebzeiten den künstlerischen Eingang stets verwehrt hat. Möge der künstliche Ausgang euer Schicksal sein.

Eine delikater Zugang zum wahren Nestroy sind auch seine Briefe. Der wohl interessanteste ist der zwanghafte Anbandelungsbrief an die junge Schauspielerin Karoline Käfer. Hier offenbart sich ein extrem neurotischer Nestroy, gegen den Woody Allen ein in sich ruhender Buddha ist.

Inwieweit kann uns jetzt ein Zitat aus einem Stück den Verfasser näherbringen? Und ist das überhaupt der Sinn einer Zitatesammlung? Könnte eine solche Sammlung nicht auch eine persönliche Hausapotheke sein, in der man Notfallstropfen gegen seelische Alltagswehwehchen aufbewahrt? Das muss der Leser für sich allein beantworten. Ganz sicher liest niemand – Lektoren ausgenommen – eine solche Sammlung kontinuierlich von der ersten Seite bis zur letzten durch, und wenn, sollte er vielleicht auch einen Spezialisten zu Rate ziehen. Vielmehr wird man so ein Buch willkürlich an einer Stelle aufschlagen und mit etwas Glück auf einen Satz stoßen, der einem ein Lächeln entlockt, einen Gedanken abringt, weil ..., ja, warum? Was macht ein Zitat aus? Warum wird ein Stück des Textes zum geflügelten Wort, bekommt Flügel und erhebt sich über die restliche Textlandschaft? Vielleicht, weil dieser Satz, dieser Ausspruch, auf mehr verweist, als auf die Stückfigur, der er in den Mund gelegt wurde. Und weil er sogar die Person des Dichters überflügelt, weil er allgemeingültig ist.

Sein oder Nichtsein, das ist nicht nur eine Frage Hamlets und auch nicht nur eine Frage Shakespeares, es ist die ultimative Frage der Menschheit.

Betrachten wir einmal das bekannte Nestroy-Zitat »Wenn alle Stricke reißen, häng’ ich mich auf«. Es ist auf den ersten Blick komisch, weil es Sprachwitz hat, es ist aber auch komisch, weil man unter der witzigen Oberfläche ein Grauen spürt. Und wenn man da etwas nachspürt, wittert man das Kokettieren mit dem Tod, aber auch eine ungeheure Feigheit vor der Konsequenz – denn wenn alle Stricke reißen, kann ich mich ja nicht aufhängen, aber ich kann immer noch davon reden. Und auf einmal steht der Wiener an sich vor einem. So beschreibt im besten Fall ein Ausspruch nicht nur den Charakter einer Figur, sondern den eines ganzen Menschenschlags.