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Chrisanna Burkhardt

     EISENJAHRE     

Chrisanna Burkhardt

EISENJAHRE

Die heiteren Seiten härterer Zeiten

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© 2009 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Herstellung: studio e, Josef Embacher
Umschlagfoto: IMAGNO/Schostal Archiv
Herstellung und Satz: studio e Josef Embacher
Gesetzt aus der 11,5/15 New Caledonia
Gedruckt in der EU

ISBN 3-85002-678-9
eISBN 978-3-902862-48-8

Meiner Mutter in Dankbarkeit
für zahllose Erzählungen und Aufzeichnungen
und den Angehörigen und Nachkommen
der Familien Bürger, Burkhardt, Chia, Conzales,
Ettl, Glöckel, Haydo, Jemelka, Kainrath, Kornfeld,
Krames, Molnar, Neusiedler, Pehofer, Reis, Rippl,
Rosenbüchler, Schlosser, Schiessl-Kürner,
Spanblöchel, Zenz sowie allen Bewohnern einst
und immer noch kleiner Städte gewidmet

INHALT

Prolog

Die kleine Stadt

Die Schicksalsgans

Nägel mit Köpfen

Die tanzende Tante

Camera obscura

Menschele

Bewegte Bilder

Die Macht der Medien

Der starke Mann

Fremde Zungen

Das gottgewollte Talent

Weihnachtsfriede

Haariges

Gebranntes Kind

Der König der Zigeuner

Letzte Worte

Epilog

PROLOG

Eisen hat einen seltsamen Geruch. Für alle, die Eisen lieben, ist er angenehm. Eisen lebt. Es ist kalt, solange es nicht berührt wird, und erwärmt sich, wenn man es mit der Hand umschließt. Es nimmt die Wärme des menschlichen Körpers auf und gibt im Gegenzug etwas von seiner Kraft ab. Eisen ist Bestandteil unseres Blutes. Ist zu wenig dieses wichtigen Elementes vorhanden, werden wir krank. Fehlt es überhaupt, gehen wir zugrunde.

Kunststoff hat auch einen seltsamen Geruch, aber keinen angenehmen: Er ist leblose Materie, nimmt menschliche Wärme nicht an und hat nichts an Kraft abzugeben. Kunststoff ist nicht Bestandteil unseres Blutes. Geschieht es aber, werden wir krank oder gehen daran zugrunde. Wir brauchen Kunststoff nicht wirklich, es wäre noch genug Eisen vorhanden, um ihn zu ersetzen. Dass es nicht so ist, mag daran liegen, dass nicht alle Eisen zu lieben und zu brauchen glauben.

Ihre Kindheit war vom Geruch des Eisens erfüllt gewesen. Sie hatte es glühen und Funken sprühen gesehen, wenn es in der Schmiede bearbeitet wurde, sein wunderbares Farbenspiel und seine Wandlungsfähigkeit bewundert. Aber ebenso das Rosten und den Zerfall. – Oft hatte sie an der braunroten Schicht gekratzt und in dünn gerostete Flächen mit den Fingern Löcher gebohrt. Irgendwie aber waren auch jene Teile, wo sich der Rost schon durchgefressen hatte, von einer bizarren Schönheit, weil daraus Gesichter und Gestalten hervortraten und ihre wundersamen Geschichten erzählten. Trotzdem blieb dabei das Gefühl der Enttäuschung und Trauer, weil es nicht sein durfte, dass Eisen so schwach, so angreifbar und zerstörbar wurde.

In der neuen Welt, in die sie einzutreten hatte, galt es als unpraktisch und war durch Kunststoffe ersetzt worden. Sie vermisste das Eisen und seinen Geruch so sehr, dass sie später einmal in einem fremden Land, im Gefühl von Trostlosigkeit und Mangel an Perspektiven, einen Schrottplatz aufsuchte, wo sie inmitten der Trümmer halbverrosteter Eisenteile kauerte und mit geschlossenen Augen spürte, wie sich ein Stück Eisen in ihrer Hand erwärmte und es seine Kraft in sie überströmen ließ. Wenigstens empfand sie es so und darauf kam es schließlich an, um der Plastikwelt für wenige tröstliche Momente den Rücken kehren zu können. Weil jene Jahre für immer unauslöschlich blieben: die Eisenjahre.

DIE KLEINE STADT

Eine kleine Stadt in der Provinz. Man könnte sogar sagen irgendeine kleine Stadt, weil sie anderen historischen Städten in vielen Belangen gleicht. Diese hier ist schon über 900 Jahre alt, daher mit einer respektablen Historie ausgestattet, die je nach Autor einige Varianten aufweist, aber trotzdem noch immer reichlich mit Relikten und Monumenten aus alten Zeiten versehen ist. Etwa den Resten der Stadtmauer, der ehemaligen Wehrkirche, einer Pestsäule, verschiedenen mehrere hunderte Jahre alten Gebäude, Plätzen, deren Besonderheit nur in den Erzählungen liegt, die sich um sie ranken ...

Wie die von dem hartherzigen Ritter, der aus schnöder Habsucht seinen eigenen Bruder erschlug (oder mit dem Schwert durchbohrte ... je nach Erzähler). Weil aber doch nicht völlig rettungslos böse, bereute er die Tat und gelobte, zur Buße neun Kirchen zu erbauen. – Weshalb gerade neun? Vielleicht, weil sechs, elf ... ebenso viele Fragen aufgeworfen hätten. Jedenfalls, so erzählt die Sage, wäre ihm ohnehin das Geld ausgegangen und er habe stattdessen nur eine Kirche und acht Bildstöcke errichtet ... Alles eine Frage des Verhandlungsgeschickes, auch vor fast tausend Jahren. So aber sei der Name entstanden ... Wirklich!

»Unsinn«, zerstörten Historiker und auch Sprachforscher diese blutrünstig berührende Legende. Der Ort wäre weit und breit der einzige gewesen, der eine Wehrkirche errichtet hatte. Eine ganz neue ... Also wäre man zur »Neuen Kirche« geflüchtet, wann immer sich Bedrohliches ankündete. Und aufgrund der in der Gegend üblichen, nachlässigen Aussprache wäre aus »Neuen« Neun geworden. So sagt man aber fast wortgleich auch über andere Städte gleichen Namens, weshalb bohrender Verdacht aufkommt, es könnte wenigstens in einem Fall völlig anders gewesen sein.

Ursprünglich eine Keltensiedlung, später Römern so sehr zur Heimat geworden, dass sie dem Heimatmuseum aufwändige, erstaunlich gut erhaltene Grabsteine hinterließen – zugegeben: wahrscheinlich nicht mit diesem Vorsatz. Im 11. Jahrhundert erstmals als niuwenchirgun erwähnt, mit Markt- und Münzrecht ausgestattet, aber erst 1920 zur Stadt erhoben, litt diese Region im 13. Jahrhundert unter der offensichtlichen Bevorzugung einer nahen, etwas größeren Stadt durch die Babenberger. Ein Stachel, der auch nach fast tausend Jahren genetisch vererbt im Fleisch der Niuwenchirgunern sitzt, weil die Bewohner der gehätschelten »allzeit getreuen« Babenberger Stadt noch immer ein wenig hochmütig auf den schon im Mittelalter regen Markt und die später bedeutende Industrieregion hinabschielen.

Aber auch Neuzeitlicheres gibt es zu berichten. Etwa von der Zwischenkriegszeit des vorigen Jahrhunderts. Lange schon war der Ort Mittelpunkt der weitreichenden Region, in der sich auch die Sommerresidenz des letzten österreichischen Kaisers befunden hatte. Daher fand sich hier eine bunte Mischung aus Bürgern, Aristokraten, Handwerkern, Arbeitern, aus sehr Armen und sehr Reichen und aus durchschnittlich Armen und Reichen zusammen. Auch vieler sozialer Einrichtungen konnte sich die Stadt bereits in vorigen Jahrhunderten rühmen: einer Reihe von Schulen, einem vorbildlichen Krankenhaus, Stadtpark, Schwimmbad, auch einem Armenhaus – für Notfälle. Aus der französischen Schweiz wanderten Fabrikanten ein, errichteten imposante Werke und gründeten Banken (Schweizer eben). Die Textilindustrie mit Weberei, Spinnerei, Näherei, Färberei und Blaudruck war in der Region sehr dominant, ebenso die industrielle Holzschraubenerzeugung. Eine multikulturelle Bevölkerung also, auch nach dem Zerfall der Donaumonarchie.

Da gab es einen Gemeindearzt, der zur allgemeinen Verwirrung gleichen Familiennamens war wie der Veterinär. Nicht selten kam es vor, dass den geplagten Arzt, der nicht nur die Stadtbevölkerung, sondern auch die umliegenden Dörfer zu betreuen hatte, mündliche oder telefonische Hilferufe aufgeregter Bäuerleins erreichten: »Mit der Sau ist es so weit!« Ein einziges Mal deutete der Arzt die Aufforderung, zu »der blöden Kuh« zu kommen, falsch und so oblag es dann dem auf eindringliche und ausdrückliche Empfehlung herbeigerufenen Veterinär, der Bauerntochter bei der Geburt ihres dritten unehelichen Kindes beizustehen.

Da war auch der katholische Stadtpfarrer, nie einem guten Tropfen abgeneigt, der den mit Messwein gefüllten Kelch während der Messe hochhielt. »Prost!«, rief da eines der fürwitzigen Schäflein in die geheiligte Zeremonie hinein. Unbeirrt leerte der Pfarrer den Kelch, hob ihn dann in Richtung des frevlerischen Frechdachses und zwinkerte »Amen!«.

»Ob Ihr Pfarrer auch einmal heiraten dürft?«, neckten ihn einige am Wirtshaustisch, wohl wissend um das Gerücht, das von einer unfrommen Verbindung zu einer ansehnlichen Gemeindeschwester berichtete. »Werde ich selbst nicht mehr erleben«, seufzte der Pfarrer. »Aber vielleicht die Kinder ...«

Einmal schlenderte er mit dem Bürgermeister über den Hauptplatz. Angeregt durch das Gespräch, entfuhr Hochwürden ein lautes, durchaus weltliches Verdauungsgeräusch. »Aber, Hochwürden! Was werden die Leute denken?«, tadelte der Gemeindehöchste. »Dass Sie es waren«, erwiderte der Pfarrer fröhlich.

Gar nicht so weit gefehlt. Denn seit einem peinlichen Auftritt trauten die Leute diesem Bürgermeister jegliches Missgeschick zu. Es war in den späten 20er Jahren, als sich ein höchst angesehenes Regierungsmitglied ankündete. Eigentlich war es nur auf der Durchreise, aber es wollte auch kurz zur Bevölkerung der kleinen Stadt sprechen, teilte man direkt aus Wien mit. – Große Aufregung in der Stadtgemeinde. Der geachtete Deutschprofessor des Gymnasiums wurde beauftragt, eine besonders geistreiche Begrüßungsrede zu entwerfen, die der Bürgermeister dem Ehrengast vortragen würde. Die Rede soll brillant gewesen sein, in kurzen, aber einprägsamen Sätzen die Bedeutung der kleinen Stadt hervorhebend, wie auch der Freude Ausdruck verleihend, dass die hohe Regierungspersönlichkeit der Bevölkerung die Ehre gab.

»Und vergessen Sie nicht, sich selbst vorzustellen!«, riet man dem Bürgermeister, der schließlich an jenem denkwürdigen Tag hochrot vor Aufregung bei der Ortseinfahrt stand, wo Kinder Blumen streuten, Girlanden geschwenkt wurden und die Stadtkapelle eine feierliche Begrüßungsmelodie intonierte.

Begonnen damit, dass die hochstehende Persönlichkeit sich tatsächlich auf der Durchreise befand, aber nicht von Wien kommend, sondern schon wieder dorthin zurückfahrend, und sich daher das Begrüßungskomitee am falschen Ende der Stadt placiert hatte, verwischte sich die in sorgfältiger Schönschrift mit Tinte geschriebene Rede durch verstärkte Schweißeinwirkung in der Brusttasche des bürgermeisterlichen Festgewandes. Zudem erwies es sich als schwierig, die etwas starrköpfige Bevölkerung zu animieren, sich nunmehr in die entgegengesetzte Richtung zu wenden.

Der Bürgermeister war am Ende seiner psychischen Kräfte, als endlich die Wagen heranfuhren, mit zurückgeklapptem Verdeck, die geachtete Persönlichkeit hoch aufgerichtet, weiß behandschuht nach allen Seiten winkend, möglicherweise etwas irritiert von der mehrheitlichen Rückenansicht der Bevölkerung und den abgewandten Köpfen. Unter den ehrfürchtig ersterbenden Klängen der Blasmusik stieg sie schließlich aus dem Wagen und schritt auf die Stadtväter zu. Man schubste den vor Aufregung starren Bürgermeister nach vorne und zischte ihm nochmals zur Erinnerung zu: »Stellen Sie sich vor!«

»Willkommen«, stammelte er. »Stellen Sie sich vor, ich bin der Bürgermeister ...«

Was soll’s, die Leute hatten wieder etwas zu bereden und zu belachen. Ein wenig Spott musste sich ein Bürgermeister dieser Stadt schon gefallen lassen, war es doch seinem Amtsvorgänger wesentlich schlechter ergangen. Als der einer Forderung nicht zustimmen wollte, stürmte eine rabiate Gruppe Aufständischer das Rathaus, schleppte ihn auf den Hauptplatz und hängte ihn dort kurzerhand an der Pestsäule auf. Selbstverständlich blieben auch sie nicht unbestraft und wurden im Kreisgericht angeklagt und hingerichtet, aber die gesamte Angelegenheit ging durch die heimische Presse und hatte überregionale Konsequenzen.

Als einige Zeit später Stadtbewohner in die Steiermark reisten und dort, nach ihrer Herkunft befragt, den Stadtnamen preisgaben, verstummten die braven Steirer erst betreten und vergewisserten sich dann stirnrunzelnd: »Von dort, wo sie immer alle Bürgermeister aufhängen?«

Mangelhafte Sorgfalt bei Recherche und Berichterstattung sowie Verallgemeinerungen sind demnach keinesfalls nur unliebsame Phänomene unserer Tage. Jedenfalls hatte sich die kleine Stadt ihren Ruf für längere Zeit gründlich verdorben.

Da war auch der alte, von Arthrose und dem Leben gebeugte Mann, der mit seinen Ziegen in einer baufälligen Hütte hauste und täglich auf die Anger jenseits der Bahngleise zog. Weil er auf engstem Raum mit den Ziegen zusammen hauste, hatten sein Haar, seine Kleidung, vielleicht auch jede einzelne seiner Poren den deftigen Ziegengeruch aufgenommen und nur sehr böse Zungen behaupteten, es wäre umgekehrt gewesen. Nicht nur »Heidi« hatte ihren »Geißenpeter«, auch die kleine Stadt ihren »Goaßpoldl«1, der manchmal bei der Schmiede Halt machte, um sich zu vergewissern, dass seine Ziegen keine Behufung benötigten. Nein, versicherte man ihm, nicht nötig, alles in Ordnung ...

Ja, die Schmiede – eine der wesentlichen Einrichtungen der Stadt, deren Errichtung durch einen weiß gefiederten Vogel begründet war. Keine anmutige Friedenstaube, keine kluge Eule, kein wappenschmückender Adler bestimmten als gefiederte Klischeevorstellung das Schicksal des Schmiedes. Es war eine Gans, gut gemästet, mit prachtvollem weißem Gefieder, zu nichts anderem bestimmt als goldbraun gebraten, umkränzt von Rotkraut und anderen Beilagen, auf einem Silbertablett serviert, eine festliche Tafel zu krönen, aber nicht ihn, sondern seinen Sinn nach Gerechtigkeit und Anständigkeit nährend ...

1 »Ziegen-Leopold«

DIE SCHICKSALSGANS

An einem Oktobertag des Jahres 1909 wurde Raimund N., Zögling an der k.u.k. Lehrerbildungsanstalt zu W., erstmals mit dem für ihn damals noch überraschenden Indiz für Beamtenbestechlichkeit konfrontiert. Raimund befand sich zu Beginn des fünften Semesters seiner Ausbildung, als er unerwartet zum Rektor der Schule gerufen wurde.

Sich keiner Schuld bewusst, betrat er also das holzgetäfelte Büro, wo der Schulvorstand an seinem ausladenden Schreibtisch gerade sein Gabelfrühstück einnahm und wartete in respektvollem Abstand ab, bis sich der nunmehr friedlich Gesättigte zurücklehnte und ihn eingehend, durchaus nicht unfreundlich, musterte. Dann fragte er ihn in beiläufigem Tonfall, ob es ihm an dieser Schule gefalle, was Raimund bejahte. Ob er sich auch der großen Verantwortung bewusst sei, die ihn nach Abschluss seiner Ausbildung erwartete?

Durchaus, denn er habe sich für diesen Beruf aus tiefster Überzeugung entschieden.

Ah ja ... Ein guter Schüler sei er, bemerkte der Rektor, sogar ein sehr guter. Und war denn nicht vor kurzer Zeit der Vater unerwartet verstorben?

Leider habe das seine Richtigkeit.

Bedauerlich, bedauerlich, hm, hm ... Gab es da nicht auch Geschwister? – Ach ja, eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder, gleichfalls als brav und gewissenhaft bekannt. Gewiss erfreulich für die Frau Mutter, die arme Witwe, die als fleißig und gottgefällig bekannt war. Fleißig, ja ... Hatte sie sich nicht eine gut gehende Landwirtschaft aufgebaut, die nun die gesamte Familie ernährte?

Eine recht kleine Landschaft, ja.

Der Direktor stocherte in den Zähnen und bemerkte entschieden, dass die Größe eines landwirtschaftlichen Betriebes letztlich nicht das Wichtigste war. Immerhin war doch die Frau Mutter des N. in der Lage, das Obst und Gemüse jeden Freitag am Markt zu verkaufen. Nebst Eiern und selbstgemachten Marmeladen, wohlgemerkt ... Nicht zu vergessen, die weithin gerühmten Gänse, die, wie man so sagte, hervorragend gemästet, von außerordentlich saftiger Konsistenz wären ... Eine wahre Gaumenfreude, wie man so hörte ...

Raimund konnte den Geschmack dieser Gänse nicht beurteilen, da weder er noch die übrige Familie es sich bislang hätten leisten können, ein Exemplar aus der mütterlichen Federviehzucht zu verspeisen. Der Erlös für eine solche Gans reichte aus, um die Familie – zwar bescheiden, aber doch – für einige Tage zu ernähren.

Lehrer also wollte der Schüler Raimund werden, soso, mhm ... Eine verantwortungsvolle Aufgabe hatte er sich da ausgesucht, nicht für jeden Beliebigen gemacht, sondern eben nur für solche, die sich ihrer wichtigen Rolle innerhalb der kaiserlich-königlichen Monarchie bewusst waren. Ein Lehramt war im Interesse des geliebten Volkes Seiner gnädigen Majestät, da die Geschicke eines Volkes wesentlich vom Grad seiner Bildung, ergo von den Schulen, abhinge. Daher wäre diese Schule besonders wählerisch mit ihren Zöglingen. Ja, ja ... Auch Raimund N. dürfe sich als bevorzugt betrachten, hatte er doch mit seiner Aufnahme in diese Schule ein Privileg erworben. Von dem reichen Wissensschatz gar nicht zu reden. Hm, hm ...

Wenn sich nun etwa die Frau Mutter des N. für die besonderen Bemühungen um das Fortkommen ihres Sohnes erkenntlich zeigen wollte, dann würde man das nicht missdeuten, sollte die Frau Mutter diesbezüglich Bedenken hegen. Kleine Aufmerksamkeiten als Ausdruck von Dankbarkeit wären durchaus nicht ungewöhnlich. Selbst er, der Herr Rektor, könnte sich herbeilassen, etwa ... nun, sagen wir – vielleicht eine dieser vortrefflichen Gänse, auch zwei, wenn’s sein müsste, als Zeichen der Dankbarkeit anzunehmen. Am besten rechtzeitig zu »Martini«, nicht wahr? – Ja, ja ... Dann dürfe er sich jetzt wieder entfernen und weiterhin so brav und ordentlich sein, damit er zu einem guten, aufrechten Pädagogen heranreife. Und beste Empfehlungen auch an die Frau Mutter, diese gute, fleißige Seele.

Auf dem Heimweg von der Schule überdachte Schüler Raimund N. den Tag und das, was er seiner Mutter mitzuteilen hatte. Dass sie Ende Oktober eine oder gar zwei ihrer sorgsam gehüteten und gemästeten Gänse, die ihrem nahen Ende unschuldsvoll entgegenschnatterten, nicht wie sonst auf den Markt oder zu den schon vorgemerkten Kunden bringen sollte, sondern zu dem dickbäuchigen Schulvorstand. Erstmals erkannte er, was Ungerechtigkeit bedeutet und gleichzeitig erwachte auch das Bewusstsein, über die Möglichkeit zu verfügen »Nein!« zu sagen. Sich aufzulehnen – mit allen Konsequenzen. Sein Weg führte an einer Schmiede vorbei und das funkensprühende Hämmern auf weißgeglühtem Eisen dämpfte seine dumpf schlummernde Wut.

Zuhause angekommen, sagte er seiner Mutter nichts von dem Gespräch mit dem Schulvorsteher, sondern dass er die Schule verlassen und schon am kommenden Montag in eine Lehre beim Schmied eintreten würde.

So hatte der verhinderte Lehrer also das Schmiedehandwerk erlernt, war sogar Schmiedemeister und inzwischen auch noch Familienvater geworden, als er sich entschloss, sich in der kleinen Stadt niederzulassen. Er erwarb ein Grundstück in jenem Teil der Stadt, der Steinfeld genannt wurde, jenseits des Schwarza Flusses, zehn bis fünfzehn Gehminuten vom Stadtkern entfernt, daher billiger als das zentrumsnahe elegante Mühlfeld mit seinen Villen, aber doch nobler als das Lerchenfeld.

Dort erbaute er die Schmiede, dahinter ein Wohnhaus samt Dienstbotentrakt, mit einer rundum laufenden Veranda, wo er jeden Morgen mit Ehefrau und Sohn frühstückte, ehe er sich in seine Werkstatt begab. Eines der Pferde kam pünktlich jeden Morgen zum Fenster der Veranda, um sich ein Stück Zucker zu holen. Auch dann noch, als die Frau des Schmiedes an einer unheilbaren Krankheit zu leiden begann und jeden Morgen im Rollstuhl auf die Veranda geschoben wurde. Eines Nachts starb sie und am Morgen danach kam das Pferd zum ersten Mal nicht und auch danach kein einziges Mal mehr, um sich sein Zuckerstück abzuholen. »Weil Tiere klüger sind als die meisten Menschen«, sagte der Schmied, der nun verwitwet war und seinen einzigen Sohn großzog.

Nach einigen Jahren ergab es sich, dass er eine junge Witwe kennenlernte, deren Mann tödlich verunglückt war und sie mit zwei kleinen Töchtern zurückgelassen hatte. Sie lebte von einer schmalen Rente und dem kleinen Ertrag aus ein paar Patenten, die er als Konstrukteur bei den Fliegerwerken angemeldet hatte. Die Zeiten waren härter geworden, überhaupt seit der Inflation. Die Summe aus einer Erbschaft hätte ausgereicht, um ein Mietshaus zu erwerben, aus dessen Erträgen die Familie gut hätte leben können, aber nach dem großen Börsenkrach reichte der Wert gerade noch aus, um ein Kaffeeservice zu erwerben (»Erst ein Haus mit sechs Mietwohnungen und dann nur ein paar Häferln ...«, pflegte sie zu achselzuckend zu erzählen).

Sie war eine vitale, umsichtige Frau, die immer davon geträumt hatte, ein eigenes Geschäft zu führen. Das gefiel dem Schmied, sie gefiel ihm noch mehr, er gefiel ihr auch, und in diesem Gefühl gegenseitigen Wohlgefallens entwickelte sich eine Liebe, wie sie nur wenigen Menschen beschieden ist. Das mag kitschig oder unglaubwürdig klingen, aber in den fast fünfzig Jahren ihrer Ehe fiel nie ein böses Wort, begegneten sie einander mit Achtung, Verständnis und Vertrauen, waren sie einander so innig verbunden, als wären sie zu einer Einheit verschmolzen.

Sie liebten einander wahrhaftig und unverbrüchlich, in guten und in schlechten Tagen, wirklich bis in den Tod, ganz wie es dem Ehegelübde entsprach, weil sie beide Menschen waren, die nicht etwas einfach so dahin sagten, wenn sie es nicht meinten. Nicht, dass sie immer einer Meinung gewesen wären, aber gegenseitiger Respekt verhinderte Kränkendes oder gar Beleidigendes, weshalb Auseinandersetzungen stets ruhig, im gegenseitigen Bemühen, den Anderen auf liebevolle Weise vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, erfolgten.

Bis ins hohe Alter sah man sie Hände haltend zusammensitzen, einander umarmend einschlafen, sogar am liebsten gemeinsam aus einem einzigen Teller essen, »weil es so besser schmeckt ...«, weshalb es außerhalb der eigenen Wände von getrennten Tellern nie wirklich gut schmeckte. Eine Liebe, die auch die Latte für alle rund herum so hoch legt, macht es besonders den Nachkommen nicht leicht, in eigenen Beziehungen das richtige Maß zu erkennen oder sich bewusst zu machen, dass eine außergewöhnliche Liebe nur außergewöhnlich liebenden Menschen beschieden ist.

Sie heirateten also. Die Familie war jetzt viel größer, der Schmied hatte seine Mutter zu sich geholt, die Frau holte ihre Mutter dazu. Dann richtete sie sich in einem Teil der Veranda ein Büro ein und begann seine Geschäfte zu führen. Die gesamte Veranda war holzvertäfelt, ein Tisch nebst Bank und Stühlen stand für die Besucher bereit, an der Wand hing das Telefon. Sie herrschte an ihrem schwarzen Schreibtisch mit Aufsätzen, vielen Laden und Messingknöpfen, den kleine Hände einmal in kindlicher Blödheit mit grüner Farbe aufzufrischen versuchten. Auf dem Schreibtisch stand eine »Adler«-Schreibmaschine, deren Farbband noch händisch zurückzuspulen war. Weil ihr das surrende Geräusch auf die Nerven ging, übertönte sie es mit einem kleinen Gesang, der hauptsächlich aus »Dulli-Dulliöh« bestand. Behaftet mit solchen Kindheitseindrücken fiel es ihren Nachkommen im späteren Leben nicht leicht, sich zu vergegenwärtigen, dass ein Farbband, nicht aber ein »Dulliöh« anzuschaffen war, trotzdem möchte man ergründen, wie sie wohl die Toner der neuzeitlichen Laserdrucker benamst hätte ...

Sie rechnete, führte die Bücher, tippte Briefe und Rechnungen, zahlte jeden Samstag die Löhne aus. Sie war eine Prachtfrau mit einem katastrophalen Namensgedächtnis. Weil sie über ein ausgeprägtes parodistisches Talent verfügte, verlegte sie sich darauf, die gesuchte Person, deren Name ihr nicht oder nur völlig verdreht einfallen wollte, nachzuahmen. Wenn sie abends berichtete, wer vorgesprochen hatte, verwandelte sie sich etwa in einen Buckligen oder Hinkenden, nuschelte oder bellte brummig. Amüsiert verfolgte der Schmied das abendliche Privatkabarett, lachte herzlich und rief dann anerkennend aus: »Weiß schon! Das muss der ... gewesen sein ...«

Sie war auch eine hervorragende Köchin. Mit raschen Schritten trippelte sie zwischen Küche und Büro hin und her, zauberte pünktlich um zwölf Uhr dampfende Köstlichkeiten auf den Tisch, pflanzte einen Gemüsegarten an, kaufte Äcker und Wälder, die sie von Pächtern und Dienstboten, manchmal auch von Familienmitgliedern bearbeiten ließ, und legte auch selbst oft genug Hand an. Sie ließ die Stallungen vergrößern, hielt Hühner, eine Kuh, Ziegen, Schweine ... Am Morgen ging sie selbst in den Stall, um Eier einzusammeln und frische Milch für den Frühstückstisch zu melken.

Egal, woran sie arbeitete, sie streckte dabei immer die Zungenspitze aus dem Mundwinkel heraus. Einmal betrachtete sie der Schmied liebevoll, wie sie so in der Küche stand und blitzartig etwas mit einem scharfen Messer hackte. »Geht es denn mit deinem Zünglein um so viel besser?«, neckte er sie. Irritiert verschwand die Zungenspitze wieder zwischen den Lippen, gleich darauf schnitt sie sich in den Finger. »Siehst du!«, sagte sie ein wenig vorwurfsvoll.

Er wusste, was er an ihr hatte. Und umgekehrt – sie wusste, welchem Mann sie diese Prachtfrau sein wollte und war.

Auch zwei weitere Kinder gebar sie ihm noch, von denen aber nur die Tochter am Leben blieb. Die Tochter wurde nach der ersten Frau des Schmiedes benannt, der Sohn nach dem verstorbenen Ehemann der Frau. Beide liebten sie alle vier Kinder so, als wäre jedes ihr eigenes. Der Schmied hatte nun drei Töchter zu seinem Sohn dazubekommen und die Frau hatte den Sohn, den sie sich immer gewünscht hatte. Sie waren eine glückliche Familie, in der nie die Silbe »Stief« in irgendeinem Zusammenhang verwendet wurde.

Bei aller innigen Liebe überwachte die Frau aber auch den Geschäftsgang der Schmiede. Der Schmied war nämlich herzensgut und daher auch anfällig für Bitten und Betteleien und häufig ein wenig zu großzügig. Vielleicht trug auch einer seiner bevorzugten Aussprüche dazu bei: »Man kann nie wissen, weil man sowieso nichts weiß.«

Es gab drei Gebetshäuser: die einstige Wehrkirche der Katholiken, die von den Einwanderern aus der französischen Schweiz errichtete Kirche der Protestanten sowie eine Synagoge (deren ausgebrannte Ruine zu Ende der 70er Jahre leider abgerissen wurde).

Toleranz und Herzlichkeit waren dem Schmied naturgegeben. So, wie er seine bunt gemischte Familie ohne Unterschied liebte, jedes Kind als sein eigenes betrachtete und auch so umsorgte, waren ihm alle Menschen willkommen und seiner Freundlichkeit gewiss.

Selbst in den Wirren des Ersten Weltkriegs hatte ihm seine Gewaltlosigkeit nicht nur das Leben gerettet, sondern ihm für wenige Augenblicke einen für alle Zeit unbekannten Freund beschert. Er war als junger Soldat seiner Kompanie nachgetaumelt, als er plötzlich einem einzelnen Feind gegenüberstand, der sofort die Waffe gegen ihn erhob. Anstatt gleichfalls verteidigend die seine in Anschlag zu bringen, hatte er sich lediglich die Jacke aufgerissen und den – wahrscheinlich russischen – Soldaten aufgefordert: »Da schieß eben, du Depp!« Das Schimpfwort bezog sich weniger auf die Person, als viel mehr auf die verachtungswerte Waffe.

Der Andere hielt den Lauf noch sekundenlang gegen die bereitwillig dargebotene Brust, ließ ihn aber schließlich sinken, lachte laut auf und klopfte dem jungen Soldaten sogar anerkennend auf die Schulter.

»Du gut, du Depp«, wiederholte er mehrmals kehlig und teilte dann sogar mit ihm einen Magenwände verätzenden Trunk aus seiner Feldflasche, ehe er sich wieder ins Kriegstreiben stürzte. Zum Abschied reichte er dem jungen Raimund nochmals die Hand. »Du Depp!«, sagte er dabei mehrmals feierlich und nahm dies vielleicht als Ausdruck höchsten Respekts oder versöhnlicher Geste mit nach Hause, wie der Schmied öfters in trauter Runde anmerkte. Nicht verächtlich über die Unwissenheit des Gegners, sondern anerkennend, dass sich einer davon hatte abhalten lassen, einen unbekannten Feind sinnlos niederzumetzeln. »Und ein Depp ist schließlich jeder, der sich in einen Krieg treiben lässt«, setzte er dann hinzu.

Deshalb erscheint es auch selbstverständlich, dass er allen drei Glaubensgemeinschaften denselben Respekt zollte, weshalb er auch in allen drei Gebetshäusern quasi allgegenwärtig war – mit schmiedeeisernem Zierwerk (sollte es tatsächlich ein Himmelstor geben, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit schmiedeeisern. Man wird ja sehen.) Ausgelöst wurde dies durch den Pastor, dem der prachtvolle Backsteinbau, anfangs des 19. Jahrhunderts von einem namhaften Wiener Architekten errichtet, überantwortet war, in dem sich die evangelische Glaubensgemeinschaft einfand. Er blickte eines Tages beim kleinen Straßeneingang zur Schmiede hinein, wo der Schmied gerade mit wuchtigen Schlägen Eisen zwang, sich in die von ihm gewünschte Form bringen zu lassen. Erst ging das Hüsteln des Pastors im Lärm des Gehämmers unter, aber als er schließlich ins Blickfeld des Schmiedes trat, fand er doch dessen Aufmerksamkeit.