image

GERHARD TÖTSCHINGER

SHERLOCK HOLMES

UND DAS GEHEIMNIS VON

MAYERLING

GERHARD TÖTSCHINGER

SHERLOCK HOLMES

UND DAS GEHEIMNIS VON

MAYERLING

image

Besuchen Sie uns im Internet unter
www.amalthea.at

© 2008 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Umschlagabbildung: Archiv Hamann
Herstellung: studio e, Josef Embacher
Gesetzt aus der 12/14 pt Berkeley
Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-85002-657-4
eISBN 978-3-902862-47-1

Die Personen der Handlung

Sherlock Holmes

 

Dr. John Watson

sein Mitbewohner und rechte Hand

Dr. Ion Svensson

stammt aus Island, Professor am Jesuitenkolleg Stella Matutina in Feldkirch, Vorarlberg

Dr. Heinrich

einst Mitschüler von Dr. Watson in

Schellenberg

Feldkirch

Dr. Schellenberg sen.

der Vater

Gellert von Gáldy

einstiger Mitschüler in Feldkirch, ungarischer Patriot, setzt seine Hoffnungen auf Kronprinz Rudolf

Karl Mayerhofer

genannt „Hungerl“, Fiakerunternehmer und beliebter Wienerliedsänger

Josef Bratfisch

Fiaker, angestellt bei dem vorigen

Mizzi Caspar

Soubrette, übt eher den Beruf einer Hausbesitzerin und Puffmutter aus

Johanna Wolf

deren Verwalterin

Ein Herr Novak

deutschnational, nennt sich Obizzi

Prof. Siebenrock

wissenschaftlicher Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums in Wien

Rudolf von Österreich

Sohn von Kaiser Franz Joseph I., Thronfolger

Mary Vetsera

Baronesse

Božena

Zofe

Federico, Gianni und

nennen sich jetzt Bandiera,

Beppe Molinari

Anarchisten aus Venedig.

Dr. Marcell Frydmann

Rechtsanwalt und Herausgeber des »Fremdenblatts«

X

ein Medium

andere

Stoffverkäufer, Polizisten, Verschwörer, Kellner, Zeitungsverkäufer, Wirte, Zugschaffner, Geigenbauer, ehemalige Mitschüler aus Feldkirch

Diese Reise hätte ich nicht einmal antreten dürfen.

Meine Lebensumstände ließen das damals absolut nicht zu. Aber vor allem, was mich erwartete – und davon hatte ich ja nichts ahnen können – lässt mich heute schaudern.

Meine Geldprobleme waren im frühen Herbst des Jahres 1888 beängstigend groß geworden. An eine Finanzierung meiner durchaus bescheidenen Ansprüche an den Alltag war auf diesem Wege nicht zu denken. Ich musste mir eingestehen, dass ich als Schriftsteller nicht würde überleben können.

Dabei hatte ich mich zu einem großen Schritt entschlossen, zu einer ganz wesentlichen Veränderung meines Lebens. Meine Hochzeit mit Mary war für Mitte November vorgesehen, und im Dezember sollte ich meine neue Praxis in Paddington beziehen.

Eine größere Wohnung, eine junge Ehefrau, hohe Kosten, um eine alte ärztliche Praxis auf modernen Stand zu bringen – und kein Geld. Ich hatte zwar eine meiner Geschichten bei einem Verlag unterbringen können, aber das Honorar war bescheiden. Und meine Pension aus den Jahren bei der Armee konnte mich alleine nicht ernähren, noch weniger ein Paar, und schon gar nicht eine Familie. Meine Braut war mittellos und hatte auch kein Erbe zu erwarten. Ihr Vater war unter seltsamen Umständen zu Tode gekommen, die ohnehin bald zur Sprache kommen werden.

So stand ich im September da, mit vielen Sorgen und wenigen Hoffnungen, als mich ein Brief aus Wien erreichte. Er trug nicht den Namen eines Absenders, sondern den einer Schulklasse, da stand nur »Maturajahrgang 1878«. Das Schreiben war eine Einladung in die kleine österreichische Stadt Feldkirch, zum Klassentreffen.

Zwei Jahre hatte ich dort an der Jesuitenschule verbracht, einer berühmten Schule. In der Stella Matutina sollte ich die deutsche Sprache erlernen, auf Wunsch meines Vaters. Er hatte eine schwärmerische Neigung zu deutscher Dichtung, dazu kam die Verehrung des deutschen Prinzen Albert, den sich unsere Königin zum Ehemann gewählt hatte.

Und schließlich bekam mein Vater etwas Träumerisches, wenn er von Elisabeth, der Kaiserin von Österreich, zu sprechen begann. Zwar hatte er sie niemals selbst gesehen, ja er kannte nicht einmal eine Fotografie der berühmt schönen Frau. Doch die Zeichnungen und Schilderungen in allen möglichen Blättern genügten ihm. Dass Kaiserin Elisabeth zudem auch noch, wie er selbst, den Dichter Heinrich Heine verehrte, steigerte meines Vaters Schwärmerei.

Ihr Weltruf als verwegene Reiterin hingegen irritierte ihn. Frauen müssen so etwas nicht können, erklärte er immer wieder, und auch Königin Victoria trete nicht bei Parforceritten an.

Mein Vater informierte sich über eine ganze Reihe von Schulen in Deutschland und in Österreich, doch die meisten der empfohlenen Institute erwiesen sich als zu kostspielig. Meine Familie ließ den Plan fallen, ich studierte an Privatschulen meines Heimatlandes. Mit dreizehn Jahren durfte ich eine große Reise mitmachen, die uns bis Australien führte. Bald danach stand ich vor dem Beginn eines Universitätsstudiums, und da kam meinem Vater der alte Plan in den Sinn – die deutsche Kultur, die deutsche Sprache.

So fand ich mich also mit achtzehn Jahren in Feldkirch in Vorarlberg, älter als meine Mitschüler, die ihre Matura noch vor sich hatten. Ich blieb, bis ich fast zwanzig Jahre alt und der deutschen Sprache mächtig war.

Und dorthin, zur Stella Matutina nach Feldkirch, sollte ich nun also wieder reisen, trotz Hochzeitstermin und Praxisübernahme und Finanzproblemen.

Von einer bestimmten Person, von deren Klarsicht ja immer wieder hier die Rede sein wird, die beinahe mein gesamtes Leben begleitet hat, wollte ich justament keinerlei Rat annehmen, auch wenn sie mein komplettes Vertrauen und wirkliche Hochachtung hatte: von Sherlock Holmes.

Einerseits erschien es mir wie ein Bruch zwischen engsten Freunden, was ich da vorhatte – eine Ehe, eine andere Wohnung. Und ich konnte mir nicht verheimlichen, dass er seine eigenen, sehr kritischen Anmerkungen machen würde, was meine Geldknappheit betraf.

Es gab eine Zeit, da war mir ein Pferderennen wichtiger als fast alles andere, und immer wieder konnte meine Armeepension meine Wettschulden nicht decken. Damals empfahl er mir, mein Scheckbuch lieber in seinem Schreibtisch zu verwahren, nicht in meinem eigenen. Und ich musste ihm recht geben. Da war also zu befürchten, Holmes würde mich auch diesmal, verlobt und nach neuer Praxis suchend, nicht ganz ernst nehmen. Ich hatte – ungern denke ich heute daran – zeitweise mein Scheckbuch bei meinem Freund und Mitbewohner in Verwahrung geben müssen, um mich vor mir selber zu schützen. Es war um die Zeit des Falls der »tanzenden Männchen«.

Andererseits hatte ich ja miterlebt, wie auch für Holmes ganz unerwartet der Gedanke an eine Art von Leben aufkam, dass ihn, den Musikfreund, eine Sängerin, zudem eine schöne Frau, in seiner Hagestolzüberzeugung ins Wanken brachte. Und würde Holmes imstande sein, alleine, ohne Partner, die Bakerstreet inklusive Frau zu finanzieren?

Das Gespräch zwischen uns beiden musste ja unbedingt früher oder später geführt werden. In diesen Wochen im beginnenden Herbst 1888 wäre es freilich kaum dazu gekommen. Holmes war sehr häufig von London abwesend. Seit dem »Blutigen Sonntag« vom 13. November 1887 hatte man den Meisterdenker immer wieder bei öffentlichen Aufgaben um Hilfe gebeten. Damals waren hunderte Arbeitslose am Trafalgar Square versammelt gewesen, entgegen einem polizeilichen Verbot. Holmes hatte die sich in diesen Tagen aufbauende Stimmung erkannt und mehrmals die Polizei gewarnt. Am 13. nun griff eine berittene Polizeieinheit die Menge an, es gab mehr als hundert Verletzte und zwei Tote.

Holmes zog sich nach diesem Blutsonntag von öffentlichen Aufgaben für einige Zeit zurück. Sein neues Interesse an psychischen Forschungen brachte ihm einen längeren Aufenthalt in Cambridge. So war ich also alleine mit meinen Entscheidungen, alleine beim Antritt nach Wien.

Ich habe tagelang über eine Antwort auf die Einladung zu meinem Klassentreffen nachgedacht, erst nach einer Woche kam ich zu einem Entschluss. Ich hatte zunächst noch gehofft, Mary mitnehmen zu können. Doch der Kassensturz, zu dem ich mich zwingen musste, die Bilanz meiner aktuellen Finanzlage, vor der ich seit Wochen die Augen zu schließen versuchte, brachte die Entscheidung. Mary selbst hatte mir geraten, lieber alleine zu reisen. Die anderen würden wohl auch nicht alle ihre Ehefrauen oder Verlobten mitbringen, meinte sie, und da sie auch nicht Deutsch sprach, wie sollte sie sich in dem kleinen Ort unterhalten? So wollte auch ich auf diese Reise verzichten. Aber die Aussicht, unter jenen meiner Mitschüler, die denselben Beruf ergriffen hatten wie ich, und in österreichischen Ärztekreisen also eventuell gute Kontakte zu knüpfen, zu Kongressen und Vorträgen eingeladen zu werden, endlich auch die Hoffnung, in der österreichischen Hauptstadt meine Erfahrungen in der Augenheilkunde erweitern zu können, all das führte nach acht Tagen der Unsicherheit zu meiner Zusage.

Meine Verlobte Mary Morstan hatte zudem auch noch einen weiteren Gedanken in ihrem schönen blonden Köpfchen mit den unvergesslichen blauen Augen so lange mit sich getragen und immer wieder geprüft und von allen Seiten bedacht. Sie hatte den Eindruck, Holmes beeinflusse mich durch seine Persönlichkeit, seine imponierende Präsenz, so sehr, dass ich darüber mein eigenes Leben vernachlässigte. Eine Begegnung mit meiner eigenen Vergangenheit werde mir gut tun.

Seither sind zwar etliche Jahre vergangen, aber die Umstände meiner Fahrt durch halb Europa zu meinem Klassentreffen und die bald darauf folgende zweite Reise sind mir so intensiv in Erinnerung, als hätte ich diese Reisen erst gestern beendet. Alles, was damals mir, meinem Freund Holmes, dem Land Österreich-Ungarn, ja der Welt, widerfahren ist, ließ und lässt sich nicht vergessen, nicht im Großen, nicht im Detail.

Die Planung meiner Reise wurde zur nächsten Hürde. Ja, mit Geld und Zeit, dann wäre das kein Problem gewesen. Aber mir fehlte es an beidem. Der allgemein gerühmte Orientexpress hätte mich über Paris und Mailand nach Venedig und Triest, dann weiter über Innsbruck an mein Ziel gebracht, das schien mir die verlockendste Route. Auch Paris – Lausanne und mit Nebenlinien bis Feldkirch zu reisen hätte mir gefallen. Ich rechnete, und die Differenzen waren zu hoch.

So stand ich am Montag, dem 10. November 1888, auf einem Perron der Victoria-und-Albert-Station, mit kleinem Gepäck, nur zwei Koffern, und bestieg den Zug nach Paris. Von da würde ich mit einer Fahrkarte dritter Klasse über Straßburg nach München weiterfahren und schließlich von München einen Zug nach Feldkirch nehmen, wobei es mit einem einzigen Zug eben gewiss nicht getan sein würde. Man konnte mir in London nicht exakt Auskunft geben, wie oft ich umzusteigen hatte, und äußerte auch Bedenken wegen eines möglichen frühen Wintereinbruchs, der in Österreichs Bergen zu Problemen führen könnte.

Die Reise nahm einen angenehmen Verlauf, insofern, als ich Glück hatte mit diversen Anschlüssen. Weniger angenehm war der Mangel an Komfort, aber dazu hatte ich mich ja selbst entschlossen. Endlich wirklich nicht angenehm war meine Ankunft.

Ich hatte ja alles in allem fünf verschiedene Züge und also Ankunftsbahnhöfe verbraucht, und es gab zum ersten Mal eine deutliche Verspätung. Ein technisches Problem, ich kenne mich da nicht sehr gut aus, hatte dazu geführt – gefrorenes Wasser, glaube ich. Und es hatte während der Fahrt nach Feldkirch stark zu schneien begonnen. Der einzige hauptberufliche Kofferträger, den ich im Schneetreiben auf dem Bahnhof Feldkirch sehen konnte, hatte sich auf den vordersten Waggon konzentriert, mit Recht, denn da stand »I« und nicht »III«, und dementsprechend feudal war der Auftritt einer kleinen Familie, deren Diener sich um das Gepäck bemühte und einen Teil eben diesem Kofferträger übergab, der mit seinen Auftraggebern im Schneetreiben verschwand. Ich blickte weiter um mich, auf Hilfe hoffend, aber es gab sie nicht. Also schleppte ich meine beiden Koffer in die kleine Bahnhofshalle und war froh, dort eine Möglichkeit zur Aufbewahrung zu finden. Und ich stapfte durch den tiefen Neuschnee, der laufend Verstärkung bekam, zum Tagungsort meiner einstigen Schulklasse.

Kleine gewundene Gassen, die unter anderen Bedingungen meine Aufmerksamkeit und mein Wohlgefallen hätten genießen können, erinnerten mich an die fast zweiundzwanzig Monate, die ich im Städtchen gelebt hatte. Dass sich nicht ein Mensch auf diesen Gassen und dem schönen langen Hauptplatz zeigte, kümmerte mich nicht. Ich kannte meinen Weg. Im Ratskeller hatte ich damals mein erstes Glas österreichischen Biers getrunken.

Die kleine Eingangshalle war mit bunten Fresken geschmückt, biertrinkenden Putti und einigen Faunen, die ihr Klassenziel schon erreicht hatten und das durch merkwürdige Verrenkungen zu erkennen gaben. Eine breite doppelte Schwenktüre mit buntem Glas und Messinggriffen, gleich dahinter ein großer gusseiserner Kleiderständer – alles war wie vor zehn Jahren, nichts hier hatte sich verändert seit meinem letzten Schultag. Ich begann, mir den Schnee von den Schuhen und dem Mantel zu klopfen, aber ich kam nicht weit damit, denn meine späte und nicht mehr erwartete Ankunft im Ratskeller führte zu einem Tumult, sobald man sie bemerkt hatte. Aber diesen Augenblick des Wiedersehens konnte ich noch hinauszögern. Der Anblick, der sich mir da bot, machte mir zu viel Vergnügen.

Schon seit Stunden war das Fest im Gange, dicke Rauchschwaden und bunte Girlanden beherrschten die durchsungenen Räume. In der Mitte des Saals stand ein großes Bierfass, über dessen Inhalt ein weißbärtiger Gehrockträger mit einem Lorbeerkranz im spärlichen Haar, das Gesicht kirschenrot, wachte. Er hatte den Oberbefehl über die Bierverteilung inne, despotisch nahm er seine hohe Aufgabe wahr. Seinem Habitus entsprechend und zwecks höherer Verdeutlichung seiner Würde, hatte er sich rittlings auf das Fass gesetzt, wodurch der Unversehrtheit seines Beinkleids und seines Gilets eine nahe Grenze sicher war. Ähnlich gespannt wie seine Hose war auch ich, nämlich auf ihren Träger. Ich kannte das Gesicht, oder besser, das Gesicht unter dem Gesicht. Wer war das nur? Mir war dieser Blick unter den buschigen Augenbrauen vertraut. Wieder einmal beneidete ich das phänomenale Personengedächtnis meines genialen Freundes Holmes.

Ich nahm eines der vielen leeren Biergläser, stellte mich in die Reihe der vor dem Fasse Wartenden und rückte nach und nach vor. Noch vier Rücken sah ich vor mir, die Hände trugen leere Humpen, jetzt nur noch drei. Einer war abgewiesen worden – der nächste deklamierte: »O Bier, du meine Leidenschaft, ich liebe den, der dich erschafft!« Auch er wurde unter großem Gelächter vom Fasse weggescheucht, der Bierbacchus setzte zu diesem Zweck seine Gehilfen ein.

Einer noch – er hatte Erfolg mit einem kurzen, hübsch gesungenen Lied in einem mir unbekannten deutschen Dialekt, die Gehilfen öffneten den Zapfhahn, ich wurde vor den Allmächtigen geschoben, der mich augenblicklich mit großem Interesse ansah. Also nur, wer einen Sinnspruch oder ein kurzes Gedicht rezitieren konnte, durfte auf Gnade hoffen und verließ den bürgerlichen Bacchus mit vollem Bierkrug. Andere wurden zurückgewiesen und mussten sich von neuem anstellen. Ich hatte das Ritual schon an der Eingangstüre mit ihrem bunten Glas, einer künstlerischen Verherrlichung des angeblichen Bierpatrons Gambrinus, erkannt, und hatte es ja nun kurz studieren können.

Mein Repertoire auf diesem von mir wenig geschätztem Gebiet stammte fast zur Gänze aus der Militärzeit, und so plante ich, im schottischen Wortlaut meiner Kindheit, ein Lied zu singen, das in den Offizierscasinos in Afghanistan jeden Abend beendet hatte, eine Verherrlichung von Malt-Whisky, denn zu Bier fiel mir nichts ein. Verzweifelt suchte ich den Textbeginn, »O my Glenlivet«, äh, und mir kam nichts weiter in den Sinn, sinnlos, ich war dran. »A plaine of sighing and grief!«

Das kam so heraus aus mir. Der Dicke wäre fast von seinem Fass gefallen, so begeistert war er, warum auch immer, er streckte die Arme nach mir aus, brüllte: »Jawohl, hole die Pest Kummer und Sorgen!«, und deutete eine Art Segnung an.

Und damit begann der Tumult.

Umringt von Neugierigen, die dem am weitesten Angereisten unentwegt die Hand schüttelten, konnte ich mich nicht einmal aus meinem Winterpelz befreien. Und jeder hatte andere Fragen.

»Sag, was hat man mir von dir erzählt, eigentlich bist du Detektiv?«

»Hörst, ich beneide dich! Das Leben als Abenteurer muss toll sein – anders als meines als Notariatsgehilfe meines Vaters.«

»Gelt, du warst in Indien? Tigerjäger?« Ein Kellner kam mir zu Hilfe, er nahm meinen Mantel und brachte mir, ohne nach meinem Wunsch gefragt zu haben, einen randvollen Bierkrug.

»Also, das ist ein Missverständnis, ich bin kein Abenteurer, trotz meiner Erfahrungen in Indien, und kein Großwildjäger und ich bin auch kein Detektiv. Aber ich habe einige Kriminalnovellen geschrieben, die übrigens auf wahren Begebenheiten beruhen –«

Weiterzusprechen war nicht möglich – alle riefen wieder durcheinander, immer wieder denselben Namen – Schellenberg. »Wo ist der denn jetzt? Der Schellenberg soll kommen!

Wo es endlich soweit ist, geht er heim! Holts den Schellenberg!«

Aber er war nicht heimgegangen. Er hatte von der Garderobe geholt, was er mir zeigen wollte. In plötzlicher Stille blickte die gesamte alte Klasse zum einstigen Mitschüler Heinrich Schellenberg, der die Aufmerksamkeit durch seltsame Gesten steigerte.

Er hob eine schmale Ledertasche mit beiden Händen in die Höhe, drehte sich mit hochgereckten Armen einmal im Kreis, mit gehobenen Augenbrauen und weit geöffneten Augen, dann machte er einige Schritte auf mich zu, ließ die Arme sinken, hielt seine Tasche vor meine Augen – und mit den Bewegungen eines Zauberkünstlers entnahm er ihr ein schmales Buch – meinen Erstling, »A Study in Scarlett«.

»Die Überraschung ist dir gelungen! Woher hast du das?«

»John, ich war zwei Wochen in Glasgow, und ohne Buch kann ich nicht einschlafen. Also brauchte ich bald Nachschub, las deinen Namen auf dem Titel und konnte dann mit deinem Buch sehr gut einschlafen.«

Zwar hatte ich auf irgendwelche hilfreichen Kontakte unter meinen alten Mitschülern gehofft, aber dass ich hier nun meinem künftigen Übersetzer gegenüberstehen würde ... Ich bin kein Hellseher. Hätte ich geahnt, welche Erfolge mir meine dichterischen Hervorbringungen gerade in den Übersetzungen ins Deutsche noch bringen würden, ich hätte mir in diesem Dezember 1888 weniger Sorgen um meine Zukunft gemacht.

Wenn ich mir heute, viele Jahre nach den Ereignissen in diesem Winter, meine Aufzeichnungen ansehe, wundere ich mich über meine Ahnungslosigkeit. Schon in diesen ersten Tagen in Österreich hätte mir die eine oder andere Bemerkung, hätte mir mancher Blick ein Zeichen sein können. Aber ich bin eben ich und ich bin nicht Sherlock Holmes. So habe ich eben vieles nicht durchschaut. Nun, da ich die Zusammenhänge, die Entwicklung kenne, kann ich, muss ich manches anders erzählen, als ich es damals, aus dem direkten Erleben berichtet hätte. Aber damals dachte ich noch nicht ernsthaft daran, einmal tatsächlich so viele Abenteuer meines Freundes niederzuschreiben. Er selbst hat mich ja dazu ermutigt, Jahre später.

»Hohe Festcorona! Omnes ad loca!«

Das war neu. Ich verstand, dass ich wie alles hier im Saal mir nun einen Platz zu suchen habe, aber den Ton, den Ausdruck hatte ich hier in dieser Runde noch nicht erlebt. Ich sah mich nach einem leeren Stuhl um, nur kurz, und ich hatte schon mehrere Angebote – »John, komm, ich habe den Platz neben mir freigehalten, für dich!«

»Nicht, setz dich dorthin! Die vertragen doch unser starkes Bier nicht!«

»Ihr habt’s es notwendig! John, bitte!«

Und ich setzte mich neben Heinrich Schellenberg.

»Silentium!«

Schlagartig wurde es tatsächlich still, der Befehl wurde allgemein befolgt, und auch das war mir nicht in Erinnerung. Der junge Mann an meiner anderen Seite deutete meine erstaunten Blicke richtig und sagte leise: »Ich erkläre es Ihnen nachher.«

Hier war also jemand mit mir nicht per Du. Ich kannte den schlanken, ja hageren Herrn nicht. Im nächsten Augenblick, von weiteren geheimnisvollen Kommandos angetrieben, erhob sich der ganze Saal von seinen Sitzen, und der unbekannte Nachbar erwies sich als ein asketisch wirkender Riese von wenigstens einhundertzweiundneunzig Zentimetern Länge, der mir zulächelte.

»Wir bringen unserem einstigen Kommilitonen einen Ehrensalamander, zum Dank für die weite Reise und die treue Freundschaft!«

Meine Ratlosigkeit steigerte sich. Der ganze Saal, alle ehemaligen und jetzigen Schüler der Stella Matutina, alle angereisten Studenten und Absolventen, die pensionierten und die aktiven Lehrer begannen mit merkwürdigen Bewegungen ihre gefüllten Bierkrüge auf der Tischplatte im Kreis zu drehen. Nur mein überlanger Tischnachbar drehte einen leeren Krug, und wiederholte: »Ich erkläre Ihnen das nachher.«

Alles hob die Biergläser und Zinnkrüge und gläsernen Humpen und mit dem Befehl »Ex!« wurde es für einige Sekunden still, dann knallten die leeren Trinkgefäße auf die Tische und allgemeiner Jubel erhob sich. Und zuletzt sang man, abermals mir zu Ehren, wie ich bald erfuhr, ein Bierlied. Der weißhaarige Bacchus gab von seinem erhöhten Platz aus weitere Befehle, die zu allgemeinem Niedersetzen und nunmehr nicht mehr organisierten privaten Gesprächen, zu Gemurmel führten.

Unter den Anwesenden waren viele, die ich gewiss noch nie gesehen hatte, die erst in den letzten Jahren in diesen Kreis gefunden hatten. Manche schienen knapp vor dem Abschluss zu stehen, einige waren deutlich älter als ich und wohl Mitglieder des Lehrkörpers, wieder andere standen gerade in meinem Alter, aber sie hatten ja einige Jahre vor mir hier ihre Reifeprüfung absolviert und ich konnte sie nicht kennen. Viele trugen bunte Bänder, vom Hemdkragen quer über die Weste gebunden, manche auch Schildmützen, in verschiedenen Farben. Wenn es das schon in der kurzen Zeit gegeben hatte, da ich hier ein etwas verspäteter Schüler war, so hatte ich es nicht gemerkt. Oder man hatte es mir nicht gezeigt, hatte den Fremden nicht einweihen wollen.

»Das wird Ihnen neu sein, wie auch mir, mein Herr?«

Der schlanke Mann zu meiner Rechten gehörte nicht zu dieser großen Runde, hatte zumindest keinen Anteil an ihrem Ritual, auch wenn er am prominentesten Tisch des Saales Platz bekommen oder ihn sich genommen hatte.

»Sie haben recht, ich habe meine Studien weitgehend in meiner englischen Heimat absolviert, unsere Rituale waren andere. Doch das ist ja egal, anderes Land, anderer Strand, nicht, ist es nicht so? Ich wundere mich nur, dass ich all das vor zehn Jahren noch nicht miterlebt habe, damals war ich nämlich Schüler dieses berühmten Gymnasiums.«

»Ich heiße Ion Svensson«, sagte mein Nachbar und erhob sich. Und als er seinen überlangen Körper mir zudrehte, sah ich, was er von Beruf war. Aus einem schwarzen hochgeschlossenen Gilet ragte ein Collare, der Gewerbeschein des Geistlichen.

»Maturajahrgang 1876, aber nicht hier.«

»John Watson, Hochwürden«, gab ich zur Antwort. »Maturajahrgang 1882, ebenfalls nicht hier. Und weil mein Beruf nicht so klar zu erkennen ist wie der Ihre – ich bin Arzt.«

»Oh, das hätte mich auch gereizt, Arzt ... Ich komme aus Island, wissen Sie, aus Island ... Da muss man weit laufen, um einen Arzt zu finden, in mancher Gegend … Nicht in der Hauptstadt, da gibt es sogar mehrere. Hätte mich gereizt.«

Und mein Nachbar begann zu erzählen. Er war Jesuit, Lehrer und erst seit kurzer Zeit in Feldkirch, nach Jahren in Dänemark.

»Herr Watson, uns trennen einige Jahre, aber sonst wohl wenig.« Ich unterbrach ihn.

»Zwanzig Zentimeter in der Körpergröße, zwanzig Zentimeter in der Mitte, um das hiesige Maß zu gebrauchen. Und dazu noch – zwei Berufe, zwei Religionen. Ich bin anglikanisch getauft.«

»Ach, Island, Hebriden, Schottland … Ich bin zwar dem Polarkreis noch etwas näher, was meine Herkunft betrifft, aber ich erkenne Ihren Akzent. Priester helfen, Ärzte helfen. Und es gibt eine Verbindung, von der Sie nicht wissen können, ich habe nämlich begonnen …«

Immer wieder wurde unser Gespräch von neuerlichen Befehlen in Latein unterbrochen, immer wieder hieß es aufzustehen, zu trinken, sich wieder zu setzen.

»Herr Watson, ich schreibe nämlich seit –«

»Silentium!«

»Also, ich schreibe seit einigen Jahren, nein, eigentlich seit meiner Jugend –«

»Colloquium!«

»Omnes surgite!«

Und immer wieder nahmen wir unser Thema auf, nach jeder Unterbrechung.

»Ich habe gehört, und dank Freund Schellenberg auch gesehen, dass Sie nicht nur Arzt, sondern auch Dichter sind. Das wäre ich gerne.«

»Dichter! Ich habe einiges geschrieben, weniges hat einen Verlag gefunden, und ich weiß nicht einmal, wie das weitergeht. Auch Dichter, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, müssen essen. So bin ich demnächst wieder Arzt, und nur Arzt.«

»Ich habe mich an einigen Erzählungen aus meiner eigenen Jugend versucht, die Sehnsucht nach meiner Heimat war die Triebfeder. Ich will nun trachten, einen Mann zu finden, der das Risiko einzugehen bereit ist, mein Verleger zu werden.«

Sein etwas altmodisches Deutsch hatte mich zu Anfang berührt. Nun begann es, meine Nerven zu strapazieren. Es erforderte höhere Aufmerksamkeit als die einfache Alltagssprache, und da ich entwöhnt war – ich hatte ja seit vielen Monaten diese Sprache kaum mehr gehört und gesprochen – forderte mich die Fülle an ungewohnten, wohl auch außer Gebrauch geratenen Wörtern, die mein Nachbar zu verwenden beliebte.

»Herr Svensson, ich habe eine Bitte. Eben erst angekommen, nach mehrfachem Wechsel der Züge, nach einer Reise von beinahe zweimal zwölf Stunden, wäre es mir lieb, wir könnten unseren Dialog morgen fortsetzen. Ich habe meinen Feldkirchaufenthalt für wenigstens achtundvierzig Stunden geplant. Und mein Banknachbar von einst, Heinrich Schellenberg, wird nur wenig erbaut sein, wenn ich mit ihm kein Wort wechsle.«

»Herr Watson, Sie haben mein ganzes Verständnis. Zudem muss ich sagen, dass ich im Deutschen bedauerlicherweise noch lange nicht so weit bin, die Fülle schöner alter Wörter zu kennen, die Ihren Wortschatz prägt. Es fordert mich doch sehr. Wir wollen uns morgen sehen.«

»Ach – alte Wörter, also ich –« Aber Svensson war schon in der Menge verschwunden.

Ich wandte mich zur anderen Seite, um das Gespräch mit meinem alten Freund wiederaufzunehmen. Doch Heinrichs Platz war nicht mehr besetzt.

Ich konnte ihn auch nicht an anderen Tischen sehen. Man hatte inzwischen mit dem Aufbruch begonnen. Der Saal hatte sich gut zur Hälfte geleert. Die Fenster waren geöffnet, es schneite nicht mehr. Ich begann, mich nach dem brieflich angekündigten Zimmer in einem nahen Gasthof zu sehnen. Meine Koffer waren am Bahnhof, zumindest das Zimmer hätte ich gerne gefunden.

Und auch Herr Svensson hatte wohl längst den Heimweg angetreten, mein triumphaler Empfang mündete in einsame Ratlosigkeit. Ein schlafender junger Mann hatte auf dem Nebentisch eine bequeme Position für seinen umnebelten Kopf gefunden, wir waren inzwischen die letzten Gäste.

»Herr Ober!« Der Kellner, der mich nach meinem Eintritt in den Saal von Hut und Mantel befreit hatte, besorgte das Abräumen der Tische.

»Wo können Ihre Gäste sein, alles nach Hause gegangen? Ich brauche ein Zimmer, ist dieses Haus auch ein Gasthof?«

»Nein, ist es nicht, aber es sind noch lange nicht alle nach Hause gegangen, viele der Herren sind in den Clubräumen.«

Clubräume! Vertrauter Ausdruck! Auch das hatte es zu meiner Zeit nicht gegeben.

»Bitte, führen Sie mich in die Clubräume.«

»Ach, Sie kennen sie nicht? Ja, dann, also, ich weiß nicht, die Clubräume –«

»Ja, bitte führen Sie mich dorthin.«

»Ich, also, ich hole gerne Herrn Professor –«

»Die Clubräume. Es ist alles in Ordnung. Und ich möchte wissen, wie mein Gasthof heißt, man hat mir ein Zimmer reserviert.«

Ich ging, weiteres Zögern nicht mehr abwartend, zur einzigen Türe, die noch immer ständig auf- und zuging, Geschirr und leere Krüge wurden abgetragen, ich blickte abwartend zurück. »Hierher, bitte.« Sehr zögerlich unterbrach der Kellner seine Arbeit und ging mit mir zu einem Gang, den ich für den Weg in den Keller, nicht zu irgendwelchen Clubräumen gehalten hätte. Das kleine Trinkgeld, das ich meiner armen Reisekasse gestattete, ließ ihn nicht schneller gehen.

Gemurmel, leicht ansteigender dumpfer Lärm, noch eine Gangwindung – und wir standen vor einer Türe, hinter der, deutlich zu hören, viele Menschen sein mussten.

»Bitte, lassen Sie mich zuerst gehen, bevor Sie eintreten, ich habe Ihnen nichts gesagt oder gezeigt! Oder?« Und urplötzlich konnte der dahinwackelnde alte Kellner sehr flott den Weg zurück nehmen.

Die Türe ließ sich endlich mit einigem Druck öffnen, nachdem die Nächststehenden sie nicht mehr als Stütze für ihre Rücken verwendeten. Zwischen den vielen Köpfen und Schultern stand ein junger Mann in der Mitte des kleinen Raums, mit nacktem Oberkörper, einen Säbel in der rechten Hand. Und vor ihm saß ein zweiter, auch er halb nackt, ohne Säbel. Sein Kopf blutete stark, auch der Oberkörper war blutüberströmt.

Die geöffnete Türe hatte den Blick einiger Zeugen der mir unverständlichen Szene angezogen. Heinrich Schellenberg drängte sich zu mir, nahm mich bei den Schultern, schob mich aus dem Zimmer. »Wie kommst du hierher, John?« Seine Frage war eher eine Rüge. Es war an mir, Fragen zu stellen.

Für Holmes wäre die merkwürdige Szenerie gewiss auf den ersten Blick klar gewesen. Seine weiten Reisen, die vielen Erfahrungen, sein scharfer Blick ...

Als ich später begann, die Ereignisse dieser Tage und Wochen zu rekonstruieren, mit meinem Gedächtnis und meinen spärlichen Aufzeichnungen und vor allem im Gespräch mit Sherlock Holmes, erfuhr ich, dass auch er, an eben diesem, meinem ersten Abend in Feldkirch, sich anschickte, von London abzureisen, und auch sein Ziel war Österreich.

image

Wenn er in seine Phasen von tiefer Konzentration versank, half ihm die Pfeife, daneben aber auch, leider in wachsendem Maße, eine spezielle Kokainlösung. Ich hatte zwar gehört, dass manche meiner Kollegen Kokain als Medizin ansahen, aber ich selbst war ganz anderer Meinung. Denn meine Zeit als Militärarzt in Afghanistan und Indien, dazu die Erzählungen meiner Kameraden, die ihr gesamtes berufliches Leben in den Kolonien des Empire verbrachten, ließen mich zu anderen Ansichten kommen, als sie von den Ärzten in Wien oder Budapest vertreten wurden. Der Fortschritt der medizinischen Forschung hat mir schließlich recht gegeben, nach vielen Jahren einer unheilvollen Entwicklung.

Und auch Sherlock Holmes kam, mit ärztlicher Hilfe, schwer unter dem Entzug der geliebten Droge leidend, schließlich wieder davon ab.

Doch damals und auch später, bis heute, verfügte er über ein weiteres Hilfsmittel, gegen das ich keinerlei Einwand hatte, das ich vielmehr schätze – seine Geige. Und an jenem Abend, als ich Schellenberg und die anderen Mitschüler von einst wieder sah, saß Holmes in Bakerstreet 221b und versuchte eine Aufgabe zu lösen, die, ein ganz seltener Fall, selbst von ihm nicht bewältigt werden konnte. Seine Geige gehorchte ihm nur zum Teil.

Neben seinen eigenen improvisierten Melodien spielte er auch einige besonders geliebte Kompositionen immer wieder. Johann Sebastian Bach vor allem war ihm außerordentlich wert, und wenn die »Kunst der Fuge« irgendwie zu hören war, ob am Klavier, ob von einem Kammerorchester, so saß Holmes im Publikum. Er wurde nicht müde, von den »beinahe unendlichen Möglichkeiten, ein einfaches d-Moll-Thema zu variieren« zu schwärmen.

»Sehen Sie nur, Watson, Ihnen ist das ja nicht ganz so wichtig«, sagte er einmal an einem der ersten Tage in unserer gemeinsamen Wohnung, und ich unterbrach ihn sofort.

»Was heißt nicht wichtig? Ich bin zwar ohne Geige, aber mit einem Grammophon eingezogen!«

»Gut, es ist Ihnen wichtig. Umso eher müssen Sie doch spüren – bei aller mathematischen Strenge dieser neunzehn kleinen Werke sind sie dennoch von zarter Schönheit, sie atmen.«

Sätze dieser Art waren von ihm fast nie zu hören, und wenn ich das Wort »Seele« aussprach, begann er sich zu langweilen. Innenleben war und ist für ihn eine Hilfe zur korrekten Deutung von Kriminalfällen.

Holmes besuchte die Konzerte berühmter Violinsolisten, vor allem, wenn Bachs Name auf den Plakaten zu sehen war. Der Musik zuliebe legte er sogar die Pfeife für einige Stunden zur Seite, um sie mit der Geige zu betrügen. Unsere Haushälterin war froh über jede dieser pfeifenlosen Stunden und unterstützte die Entscheidung für die Violine mit der wissenschaftlichen Bemerkung »Holz ist Holz«.

Ich muss diesen Aspekt von Holmes’ Leben mit einer gewissen Ausführlichkeit schildern. Denn man kann sonst nur schwer verstehen, weshalb sich jemand auf eine doch lange Reise macht, mag sie auch in eine schöne Stadt führen. Diese Geige war der Grund für Holmes’ Reiseplan.

Er hatte plötzlich ein Nebengeräusch vernommen, das ihn beunruhigte. Auf der Stelle packte er sein geliebtes Instrument in den Geigenkasten und ließ sich zu einem jener Geigenbauer bringen, die ihm zwar immer wieder hilfreich zur Seite standen, aber auch eine arge Belastung seiner Nerven bedeuten konnten. Schon einmal hatte es solch ein Nebengeräusch gegeben, und der damals konsultierte Fachmann war schnell mit seiner Diagnose: »Der Steg! Das mache ich Ihnen in, sagen wir, einer Woche!« Aus der einen Woche wurden drei Wochen und das Geräusch war noch immer da. »Jaja, sagte der nächste, »die Darmsaiten ... weshalb spielen Sie nicht auf Metallsaiten?«

Und Holmes war schon auf dem Weg zu einem weiteren Geigenbauer. Der war erfolgreich gewesen und so zog Holmes ihn auch dieses Mal zu Rate.

»Ich habe mich auf dieses Instrument regelrecht gefreut, auch wenn der Anlass für Sie ärgerlich ist. Ich sagte Ihnen doch schon bei Ihrem ersten Besuch – ich gebe Ihnen, wenn Sie mit mir tauschen wollten, eine wunderbare Sante Seraphin, die Instrumente dieses Venezianers sind ganz selten zu finden. Aber das wäre es mir wert. Ich wünsche mir schon lange eine Jakob Stainer.« Damit war das Stichwort gefallen – Stainer, Tirol, Österreich.

Dieses Angebot, sein Instrument aus der Werkstatt des berühmten Tiroler Geigenbauers Stainer zu verkaufen oder zu tauschen, hatte Sherlock Holmes schon öfter bekommen. Aber dazu war er absolut nicht bereit. Im Gegenteil, er wollte schon lange nach Österreich reisen, in Jakob Stainers Heimat, wollte die Musikhauptstadt der Welt sehen, Wien, und vielleicht einmal selbst sogar einige Takte in Mozarts Sterbehaus spielen.

Holmes nahm seine Geige wieder mit, überlegte, welchen Fachmann er denn noch in London aufsuchen könnte – und kam auf eine Idee. »Wien! Ja, natürlich, Wien! Die Stadt muss ein Paradies für Geigenbauer sein!«

Von diesen Überlegungen konnte ich nichts wissen, als ich in Vorarlberg endlich in meinem Feldkircher Gasthof ankam. Heinrich war aus dem Gastraum mit den sonderbaren Ereignissen gestürzt, hatte mich zum Ausgang des Ratskellers gedrängt, nahm während des raschen Durchschreitens des jetzt ganz leeren Festsaales unsere Mäntel und Hüte vom Kleiderständer und überhörte beharrlich meine neugierigen Fragen.

»Warte, warte, bis wir draußen sind.« Mehr war nicht aus ihm herauszubringen. Erst auf der Straße, einige hundert Meter entfernt, knurrte er: »Was interessiert dich das? Ein Duell. Ich bin Arzt wie du, ich finde das überflüssig und dumm, aber was soll ich tun? Es ist seit einigen Jahren hier in Mode gekommen, und besser, ein Arzt ist dabei, wenn es denn schon sein muss. Heute sind gleich mehrere Ärzte dabei gewesen, sonst wäre ich nicht so schnell mit dir auf der Straße gestanden. Und hier sind wir schon: die ›Linde‹. Aber du hast ja kein Gepäck?«

Ich musste in dieser Nacht ohne meine Koffer auskommen. Der Bahnhof war längst geschlossen, sagte man mir im »Gasthof zur Linde«, und gleich am Morgen werde der Hausdiener meine Sachen holen und auf mein Zimmer bringen.

Mir war das alles sehr gleichgültig. Mein einziger Gedanke, der letzte dieses endlos langen Tages, galt dem Bett.

Der Sonnenschein drang mit Macht durch die geschlossenen Vorhänge. Ich konnte nur schätzen, wie lange ich geschlafen hatte: acht oder neun Stunden. Wann war ich hergekommen? Ja, Heinrich, er hatte mich begleitet, es war lange nach Mitternacht gewesen, mit nur ganz kurzem Gruß hatte er mich verlassen. Vielleicht war er zurück in den Ratskeller gelaufen, zu diesem Duell?

Das Duell. Auch bei uns hat es so etwas einmal gegeben, ich konnte mich freilich nicht entsinnen, in der Gegenwart je davon gehört zu haben. Ja, in den Ritterromanen von Walter Scott, aber im Alltag? Sehr seltsam. Bald sollte ich der Erklärung einen Schritt näher kommen.

image

»Guten Morgen, Herr Doktor!« Die junge Frau in der kleidsamen Tracht ihres Landstrichs kam mir mit ausgestreckter rechter Hand entgegen. »Ein verspätetes Willkommen in der ›Linde‹! Sie sind gestern so spät zu uns gekommen, da konnte ich Sie nicht mehr begrüßen.«

Wäre mir nicht zwei Monate zuvor meine Mary so besonders wichtig geworden, diese Begegnung hätte mich aus meinem Gleichgewicht bringen können. Dunkles langes Haar, zu einer kunstvollen Frisur zusammengesteckt, gab einem Gesicht den Rahmen, das vor Lebensfreude strahlte.

»Unser Hausdiener ist krank. Es hängt, vermute ich, mit einer Familienfeier zusammen, er ist gestern Großvater geworden. Mein Mann ist zum Bahnhof gefahren und holt gerade Ihr Gepäck.«

Ich war wieder auf dem Boden der Realität.

»Bis er zurückkommt, könnten Sie Ihr Frühstück genießen. Er freut sich schon auf das Wiedersehen. Und außerdem wartet ein Herr auf Sie, ein geistlicher Herr. Darf ich Ihnen den Weg zeigen –«

Wiedersehen? Wieso Wiedersehen? Und sie führte mich zur Tür des Frühstückzimmers, öffnete sie und übergab mich einer anderen Schönheit. – »Meine Schwester. Sie werden sicher Ihren englischen Tee unserem Kaffee vorziehen?«

Ich dankte, setzte mich an einen Tisch und fragte nach dem Herrn, der mich erwarte. »Er sitzt schon seit einer Stunde hier, aber er liest in einem kleinen Buch und will Sie nicht beim Frühstück stören.«

Ich erklärte, dass der Herr mich keineswegs störe, auch werde er sicher eine Tasse Tee mit mir trinken wollen, und man ging, ihn zu holen.

»Herr Dr. Watson, guten Morgen!«

»Guten Morgen, Herr Svensson, Dr. Svensson, nehme ich an?«

»Ja, aber davon mache ich wenig Gebrauch. Früher wollte ich meine Pfarrkinder nicht mit meinem Titel einschüchtern, jetzt macht es mich bei den Schülern jünger, wenn ich einfach Ion Svensson bin.« Er überreichte mir eine auf einfachem Papier gedruckte Visitenkarte, ich las »Ion Sveinsson, Künstlername Svensson. Kopenhagen.«

»Ja, den Künstlernamen haben Sie schon!« Und ich gab ihm jetzt meine Karte, »John Watson, MD. Late of the Army Medical Department.«

Und mein neuer Freund berichtete mir von seiner Heimat Island, von der Reise nach Kopenhagen, wo er die Schule besuchte und später studierte. Ich unterbrach ihn nicht, aber ich wartete ungeduldig auf einige Worte zum vergangenen Abend.

Als er aber nach einer halben Stunde erst bei seiner Absicht war, Bücher für Kinder zu verfassen, da wehrte ich mich.

»Herr Svensson, all das interessiert mich wirklich sehr, wir wollen auch gleich von Ihren literarischen Plänen sprechen, nur – ich bin so neugierig, was die mir nicht erklärlichen Ereignisse von gestern betrifft. Sie kennen ja noch gar nicht alle.« Und ich erzählte von dem Extrazimmer, von dem Duell.

Das schmale Gesicht unter dem rotblonden Haar zeigte keine Spur von Erstaunen.

»Zuerst – verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit, ich habe nur an mich gedacht. Aber ein Isländer und ein Engländer sind hier etwas sehr Seltenes, zumal wenn sie beide so gut Deutsch sprechen wie wir es tun, ist es nicht so? Da fühle ich mich eben gleich verbunden, ja vertraut, und deshalb habe ich zuerst einmal berichtet, wie ich es in meiner Schule, nein, in unserer Schule niemals könnte. Ich will niemanden langweilen – halt, ich bin schon wieder am Fabulieren, pardon, also gestern Abend. Sie hatten so verwundert gewirkt, aber Sie waren doch hier Schüler? Ich hingegen bin erst seit April des heurigen Jahres an diesem Institut.«

»Ich bin vor rund zehn Jahren zuletzt hier gewesen, damals hat es keine solchen Feste gegeben, alles war eher ruhig, auch wenn wir beim Bier saßen. Aber dieses Auf und Nieder, die Bierverteilungsordnung, die bunten Bänder, wir hatten das damals alles nicht. Und ich kenne das auch nicht von meinen Schulen in England. Das Vereinigte Königreich liebt Uniformen, aber diese Tracht gibt es bei uns nicht. Und auch wir haben an den Universitäten und an den höheren Schulen unserer Rituale, aber eben ganz andere. Als ich hier vor zehn Jahren als Schüler war, hat es alle diese Bräuche übrigens auch in Feldkirch noch nicht gegeben.

»Und das hat Sie irritiert, Doktor Watson. Ich kann es verstehen, wiewohl in meinen Studienjahren in Kopenhagen Feste dieser Art nichts Ungewöhnliches waren.«

Das war also die Erklärung, die er mir versprochen hatte. Eine zu einfache Erklärung, die hätte Svensson nicht geheimnisvoll ankündigen müssen.

»Doktor Svensson, und deshalb sind Sie hierher gekommen? Ist das alles?«

»Wenn Ihnen sonst keine Fragen einer Antwort wert scheinen, ja. Ich kenne ja nicht Ihre Erwartungen an das Wiedersehen mit der Vergangenheit, und ich möchte Sie auf gar keinen Fall auf irgendwelche Umstände hinweisen und somit verwirren, die außer mir wohl niemandem als seltsam erscheinen. Und vor allem, ich wollte Sie um Ihre Erfahrungen mit Verlagen, mit dem Verlagswesen überhaupt bitten. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, ja …«

»Was erscheint Ihnen seltsam? Mir jedenfalls der ganze gestrige Abend, soweit ich ihn mitgemacht habe, ich bin ja recht spät erst dazugestoßen. Mir war alles neu, und manches nicht angenehm. Mir war es zu laut, zu militärisch, zu – unverständlich. Ich hatte mich auf ein Rendezvous mit meiner Jugend gefreut und bin tatsächlich verwirrt worden.«

Svensson hatte sich innerlich zurückgezogen, wollte mir nicht antworten, er war anders als gestern Abend. Sein Blick wanderte unruhig durch den Raum, die Hände lagen nicht wie gestern unbewegt auf dem Tischtuch, die Finger trafen sich einmal zu einer Faust, dann waren sie gespreizt.

»Ich kann dazu nicht viel sagen, ich bin ja erst seit kurzer Zeit hier, seit April des heurigen Jahres, ich –«

»Sie haben mir das ja vorhin gesagt, aber in diesen sieben Monaten haben Sie doch Ihre Erfahrungen gemacht? Oder anders, ich darf Sie doch nach einigen Einzelheiten fragen, und wenn Sie mir keine Antworten geben möchten, bitte, ich werde Sie nicht bedrängen. – Wer war der dicke Mann im Gehrock auf dem Fass?«

Svensson lachte laut auf und, wie mir schien, erleichtert. Dieses Thema war offensichtlich nicht heikel.

»Er ist der berühmteste Student von Tirol und Vorarlberg! Falstaff nennt er sich, und dass Sie ihm mit einem Shakespearezitat beim Bierempfang die Aufwartung gemacht haben, das hat ihn doch so deutlich gefreut! Sogar ich habe den Satz erkannt, Shakespeare, Falstaff in Heinrich IV.!! Aber den Menschen müssen Sie doch kennen! Wir nennen ihn Methusalem, nicht Falstaff. Er hält, höre ich, zurzeit im achtundvierzigsten Studiensemester. Jus, notabene! Jus!«

Svensson hatte seine Selbstsicherheit wiedergefunden. Ich beschloss, sie nicht zu gefährden.

»Aber wieso nennt er sich Falstaff? Er heißt doch sicher irgendwie deutsch oder österreichisch, mit seinem Akzent, heißt meinetwegen Franz, Karl, Robert, Josef, aber doch nicht Falstaff? Nicht einmal bei uns, wo Shakespeare zuhause ist, wird man jemanden finden, der so heißt, nur am Theater.«