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Elsie Altmann-Loos

MEIN LEBEN MIT ADOLF LOOS

Elsie Altmann-Loos

MEIN LEBEN MIT

ADOLF LOOS

Herausgegeben und mit einem Nachwort von

Adolf Opel

Mit zahlreichen Fotos und Dokumenten

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Bildnachweis
Alle Abbildungen: Sammlung Adolf Opel

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

1. DIE MUTTER

2. ES BEGANN 1917

3. DIE FREUDENMÄDCHEN

4. DER SENFTIEGEL

5. KARMA

6. BESSIE

7. DAS KLEINE ABENTEUER

8. SCHWERE JAHRE

9. WEIHNACHTEN MIT LOOS

10. DIE ZEITEN BESSERN SICH

11. OSKAR KOKOSCHKA

12. HOCHZEIT

13. DIE LETZTE BLAUE

14. RADETZKY-MARSCH

15. GLÜCKLICHER ALLTAG

16. MILLIONÄRE

17. LOOS AUF REISEN

18. SALON D’AUTOMNE 1920

19. LOOS UND DER LIEBE GOTT

20. DIE DOPPELCHIFFONNIERE

21. CHICAGO TRIBUNE

22. CÔTE D’AZUR

23. IN MEMORIAM MADAME D’ORA

24. DER KLEINE FINGER

25. DER PROZESS

26. DIE KLEINEN MÄDCHEN

27. CLAIRE

28. DIE MITZI

29. TIERGESCHICHTEN

30. DER LETZTE FRACK

Dokumentation

Adolf Loos: Zeittafel

Nachwort des Herausgebers

Personenregister

Die Autorin

Der Herausgeber

VORWORT

Dieses Buch ist für Menschen geschrieben, die fühlen, wenn etwas schön und bedeutend ist, ohne erklären zu können, warum. Es ist kein Buch für Fachleute. Die »Loos-Bücher« für Fachleute sind schon geschrieben, Fachleute haben sie für andere Fachleute geschrieben.

Ich weiß nicht, ob es mir in meinem Buch gelungen ist, Adolf Loos den Menschen näherzubringen. Dies war jedenfalls meine Absicht. Deshalb ist dieses Buch voll von kleinen Dingen, scheinbar unbedeutenden Geschehnissen, vergessenen Augenblicken, kleinen und großen Schmerzen und Freuden. Wie eben das Leben der Menschen ist. Auch der Genius ist ein Mensch. Auch er leidet, wie die gewöhnlichen Sterblichen, an vielem Unbill: an Liebe, Krankheiten, kalten Füßen, Geldsorgen und Schlaflosigkeit. Blicke ihn darum mit verständnisvollen Augen an. Die Hülle, die den größten Geist umgibt, ist aus Fleisch und Blut. Ein Mensch wie wir.

Elsie Altmann-Loos

1.
DIE MUTTER

Der kleine Junge steht auf seinen unsicheren Beinchen in der großen, sauberen Küche. Hier riecht es gut, und es gibt viel zu sehen. Der Herd, in dem das Feuer flackert, die Kupferkessel und Pfannen, die an den Wänden hängen, der große weiße Tisch, die blauweißen Kaffeetassen, alles ist schön und vertraut. Die Mutter spricht mit der Köchin, sie sprechen über den Gänsebraten für den kommenden Sonntag. Mutters Stimme klingt scharf und kalt, die der Köchin falsch und schmeichlerisch. Der kleine Junge steht zwischen den beiden. Er ist noch nicht zwei Jahre alt. Er möchte schon so gerne allein laufen können, aber jedes Mal, wenn er es versucht, fällt er hin, und alle sind böse. Nur der Vater nicht, der ist nie böse.

Der Vater steht auf dem großen Werkplatz, der sich hinter der Küche ausdehnt, und spricht mit seinen Arbeitern. Jetzt lachen diese, und man hört die tiefe Stimme des Vaters, sanft und ermahnend. Auch der kleine Junge in der Küche hört diese Stimme. Und jetzt erfasst er, er müsse nur dem Lichtstrahl, der in dem kleinen Gang, der von der Küche ins Freie führt, eingefangen ist, nachgehen, und dann findet er den Vater. Die Händchen lösen sich vorsichtig von Mutters Rockfalte, und der kleine Junge geht unsicher zum Küchenausgang. O Wunder, diesmal fällt er nicht. Jetzt steht er im Freien. Er hält sich am Türrahmen fest. Die grelle Sonne fällt auf den Platz, der von großen und kleinen Steinblöcken besät ist. Nach dem Halbdunkel der Küche tut das helle Sonnenlicht den Augen weh. Jetzt sieht er den Vater. Er ist unbeschreiblich weit weg, beinahe unerreichbar, mindestens zehn Schritte. Die kleine Hand löst sich vom Türrahmen, die Beinchen beginnen zu gehen, zu laufen, zu stolpern, und der kleine Junge fällt hin. »Adolf«, ruft der Vater und läuft, um ihm zu helfen. Er hebt den kleinen Jungen vom Boden auf und trägt ihn in die Küche. »Adolf«, sagt die Mutter mit Ärger in der Stimme, »ist er schon wieder hingefallen?« »Lass ihn doch«, sagt der Vater, »er wollte zu mir laufen, und diesmal ist es ihm beinahe gelungen. Er ist mindestens vier Schritte allein gegangen.« Der kleine Junge weint nicht, obwohl er sich beide Knie aufgeschlagen hat. Er sieht mit ernstem Gesicht auf die kleinen Steinstückchen, die er beim Fallen vom Boden aufgehoben hat. Grüne, rote, weiße Steinstückchen, ganz glatt auf der einen Seite und ungeschliffen rundherum. Die Händchen schließen sich um den kühlen Marmorschatz. Adolf Loos hat sein erstes Spielzeug und den Hauptteil seines Lebensinhaltes gefunden: das edle Material. Bald nimmt ihn der Vater so oft wie möglich auf den Bauplatz mit. Während er arbeitet, spielt Adolf mit den Marmorabfällen, baut kleine Häuser aus Holz und Stein. Wenn es regnet, sitzen Vater und Sohn in der Werkstatt. Der Vater meißelt an einem Marmorkreuz oder schleift Blöcke glatt, und Adolf sieht das Wunder der glatten Marmorplatte vor sich entstehen. Er streichelt die glatte Fläche, legt seine kleine Stirn daran und fährt mit der Zunge darüber. Der Vater lacht, hebt ihn vom Boden auf und herzt ihn. Das ist mein Sohn, denkt er – Adolf Loos ich, Adolf Loos er.

Im Hause herrscht die Mutter. In der Zwischenzeit hat sie eine kleine Schwester für Adolf geboren und ein Jahr später noch eine. Hermine und Irma. Die Schwestern sind bei der Mutter im Haus, aber Adolf ist der Sohn, sein Vater will ihn immer bei sich haben. Er lebt in der Werkstatt, auf dem Bauplatz und ist glücklich. Bis hierher dringt weder die scharfe, strenge Stimme der Mutter noch ihre harte Hand. Einmal regnet es so stark, dass man den Bauplatz nicht überqueren kann, und Vater und Sohn bleiben viele Stunden in der Werkstatt. An diesem Tag macht der Vater einen Gipsabdruck von Adolfs kleiner Hand, und am nächsten Tag sieht der Junge seine Hand in Gips unter Glas. Diese kleine Gipshand, eine Photographie vom Vater und zwei alte Stehuhren sind das Einzige, was Adolf Loos in späteren Jahren aus seinem Vaterhaus mitnimmt.

Der kleine Junge wächst heran, er kann schon gehen, laufen, springen, sprechen und lachen. Er weint fast nie. Er ist ein Junge, ein Junge weint nicht, und außerdem hat er auch keinen Grund zum Weinen. Er hat seinen Vater, er liebt und verehrt ihn, der Vater ist gut zu ihm, er darf ihm bei der Arbeit helfen, er erklärt ihm alles, wozu die Werkzeuge da sind, wie man sie anwendet, wie die Steinblöcke heißen, aus welchen Ländern sie kommen, wie man sie behandelt und wozu sie dienen. Alles ist interessant, leidenschaftlich interessant. Der Junge spielt nicht wie andere Kinder, er will kein Holzpferdchen, keinen Kreisel, keinen runden Reifen, der über den Rasen läuft. Er ist glücklich mit seinem Vater, mit dem Marmor und dem edlen Holz. Dass man hin und wieder ins Haus zurück muss, mit Mutter und Schwestern bei Tische sitzt, muss eben mit in Kauf genommen werden.

Trotzdem liebt der Junge sein Vaterhaus. Es ist ein großes schönes Bürgerhaus, alles ist rein und ordentlich, und alles ist vertraut: sein Bett, Mutters Fußschemel, Vaters Lehnstuhl. Aber er liebt es, auf dem Bauplatz zu stehen und das Haus hinter sich zu fühlen. Die Sicherheit seines Hauses hinter sich und die Freiheit des Arbeitsplatzes vor sich, so muss das Leben des Mannes gestaltet sein.

Die Schule ist ein unvermeidliches Übel. Adolf ist ein schlechter Schüler. Er ist nicht dumm, nicht ungezogen, aber er ist nicht interessiert an all der Weisheit, die Lehrer und Erzieher vor ihm ausbreiten. Er sitzt in sich versunken da und denkt an seine Welt. An seine eigene Welt. Der Vater, der Bauplatz, fremde Länder, warum hat der Neger auf dem Bild einen Ring durch die Nase gezogen? Endlich ist der Schultag zu Ende, und wenn man sich beeilt, bleibt noch Zeit, um auf den Bauplatz zu laufen und Vater zu helfen.

Trotz aller Gleichgültigkeit in der Schule lernt Adolf doch im Laufe der Zeit lesen, schreiben und rechnen. Jetzt steht er vor dem Tor der Werkstatt und liest zum ersten Mal: Adolf Loos, Grabsteine und Kreuze. Er ist ganz erstaunt, wie leicht es ist, diese Worte zu lesen, und nun macht ihm das Leben auf dem Werkplatz doppelte Freude. Er geht von einem Arbeiter zum anderen, sieht beim Schaffen zu, bewundert die Sicherheit der arbeitenden Hände und den Rhythmus der Arbeit. Vor allem aber bewundert er die Meisterschaft des Vaters und die Fügsamkeit des Materials. Die Hämmer klingen, die Räder surren, die Männer schaffen, das Werk entsteht. Adolf Loos sitzt auf einem Marmorblock und ist glücklich.

Eines Tages stehen die Räder still. Auf dem Bauplatz lastet eine drückende Schwüle. Die Arbeiter stehen in kleinen Gruppen vor der Küchentüre, die Mützen in der Hand. Sie atmen schwer. Adolf steht in seiner Stube und sieht auf den leeren Werkplatz hinaus. Er kann das Unglück gar nicht fassen, aber die Stille und Leere da draußen bestätigen, was man ihm gesagt hat: Vater ist gestorben. Ganz plötzlich und unerwartet. Vater ist tot. Vater ist tot, und er ist allein.

Jetzt beginnt ein schweres Leben. Alles ist anders. Die Mutter, diese schweigsame, kleine Frau, nimmt mit Strenge und Energie die Zügel in die Hand. In eine ihrer Hände. In der anderen hält sie die Peitsche.

Adolf Loos ist zehn Jahre alt, als sein geliebter Vater stirbt. Mit ihm sterben die glücklichen Kindertage. Und zwischen Mutter und Sohn entsteht ein Hass, so tief, so unauslöschlich, wie er sonst nur in griechischen Tragödien zu finden ist. Das Geschäft leidet nicht unter Vaters Tod. Es wird ein Werkmeister angestellt, und die Mutter nimmt die Verwaltung in die Hände. Sie, die immer streng und sparsam gewesen ist, übertreibt diese beiden Eigenschaften nach Vaters Tod bis zur Grausamkeit. Den Kindern wird alles versagt, was nicht unbedingt zur Erhaltung des Körpers und des Geistes notwendig ist. Nahrung und Kleidung für den Körper, Kirchgang für den Geist. Aber es gibt weder Spiel noch Vergnügen, nicht die kleinste Zärtlichkeit. Die Mutter spricht die Kinder in der dritten Person an – »Er hat sich schlecht benommen, er gehe auf sein Zimmer« –, und schon deshalb kann keine innige Beziehung zwischen ihr und den Kindern entstehen. Und mit Grausamkeit tötet diese arme Frau das Einzige, was ihr geblieben war: die Liebe ihrer Kinder.

Hermine und Irma passen sich in allem der Mutter an, und bald sind die drei Verbündete. Verbündet gegen den einzigen Rebellen in der Familie. Für Adolf Loos ist jeder Tag eine Schlacht. Die Mutter verlangt von ihm strenges Studium und eine makellose Lebensführung. Sie erklärt ihm, dass er, als einziger Mann in der Familie, schon von klein an nur an seine Schwestern und ihr Wohlergehen zu denken habe. Er sei verpflichtet zu studieren, das Geschäft zu übernehmen und für sie alle zu sorgen. Wie gern hätte er all das getan, wenn Vater es von ihm verlangt hätte.

Im Gymnasium ist er der schlechteste Schüler. Er liest alle möglichen Bücher unter der Bank während der Schulstunden und kümmert sich überhaupt nicht um die Ermahnungen und Strafen, die nur so auf ihn herabregneten. Trotzdem wiederholt er kein Jahr, gegen Schulschluss studiert er immer sehr eifrig, um aufsteigen zu können. Sitzenbleiben bedeutet ein Jahr länger Schule und Heim ertragen zu müssen. Sein Taufpate, der sich ein wenig für ihn interessiert, rät der Mutter, ihn doch ein Jahr nach Melk in die Klosterschule zu schicken. Als das Jahr um ist, atmen die Patres in Melk auf. Sie senden den jungen Loos mit den schlechtesten Noten (diese hatte er in Zeichnen und Betragen) zurück und weigern sich, ihn im nächsten Schuljahr wieder aufzunehmen. Er muss also in Brünn weiterstudieren und absolviert dort das Gymnasium bis zur Reifeprüfung.

Die Mutter schaltet und waltet im Haus. Sie ist eine vorzügliche Hausfrau, eine gute Verwalterin. Die Dienstboten gehorchen, ihr Wort ist Gesetz. Die Schränke sind bis oben gefüllt mit Linnen und Hausrat, das Silber ist immer blitzblank, nichts fehlt in der Vorratskammer, der Tisch ist tadellos gedeckt und an Festtagen überreich bestellt. Den Kindern mangelt nichts im Haus, wenn sie sich ganz den Geboten der Mutter fügen. Adolf beobachtet die Mutter ununterbrochen, und alles, selbst das Gute, das sie tut, erzeugt in seinem Herzen Hass. Seine gute Kleidung, der Wohlstand im Haus können das Verständnis und die Zärtlichkeit, nach denen sein junges Herz verlangt, nicht ersetzen. Er ist ein Junge, er wächst heran, er fühlt sein Anrecht auf Fröhlichkeit und Freundschaft. Aber alles ist ihm versagt – er darf keinen Freund haben, es gibt kein Taschengeld, kein Zirkus oder Theater wird besucht. Während der Woche gibt es nur den streng bewachten Gang zur Schule und zurück. Sonntag früh geht man in die Kirche, und nach dem Mittagessen wird der große Landauer angespannt und die Familie fährt spazieren. Wenn sich Adolf während der Woche gut benommen hat, darf er beim Kutscher auf dem Bock sitzen. Die Mutter stammt von einer kleinadeligen Familie, den Baronen Wecker von Roseneck, ab. Einmal im Jahr wird diese Familie, die auch in Mähren lebt, besucht. Adolf ist schon ein großer Junge, er möchte sich gerne den Mädchen nähern, der Mann ist in ihm erwacht. Aber die Mutter hat scharfe Augen. Kein junges Dienstmädchen ist im Haus, und wenn der Taufpate bei seinen spärlichen Besuchen einen Gulden springen lässt, muss dieser sofort in die Sparbüchse geworfen werden.

Adolf ist ein Gefangener. Er liegt auf seinem Bett und grübelt. Die Mutter ist sein Kerkermeister, wie hasst er sie. Die Schwestern sind ihm gleichgültig, zwei dumme Mädchen, aber sie gehören irgendwie zum Hausrat. Sie sind nicht besonders hübsch, aber er, der Junge, ist schön, hochgewachsen, mit einem edlen Gesicht. Hasst ihn die Mutter deswegen? Oder hasst sie sich selbst, weil sie ein Genie geboren hat? Ist sie so kleinbürgerlich, dass sie Genie mit Monstrum verwechselt? Oder ist es wirklich Angst vor der Zukunft, die sie für die beiden Töchter fühlt? Vielleicht ist es ein Vorgefühl, das sich in späteren Jahren auch wirklich bestätigt. Denn beide Töchter, die so sehr bevorzugten und befürsorgten, sterben jung. Adolf jedoch, der Verfolgte und unerbittlich Gestrafte, überlebt die Mutter um zwölf Jahre.

Wenn Loos in späteren Jahren von seiner Kindheit spricht, erzählt er nie etwas anderes. Der Tod des Vaters, der Hass gegen die Mutter. Er, der ein sehr gutes Gedächtnis für Menschen und Ereignisse besitzt, nennt nie den Namen eines Freundes, weder in noch außerhalb der Schule, erwähnt niemals ein heiteres Ereignis. Seine einzigen Freunde sind die Arbeiter auf dem Bauplatz, die er nach der Schule besuchen geht. Die Mutter bewacht den Werkplatz vom Hause aus und sieht Adolf, wie er mit den Leuten spricht, ihnen bei der Arbeit zusieht und hilft. Dagegen ist nichts einzuwenden, er lernt eben alles, was dazu gehört, um bald das Geschäft übernehmen zu können. So klug sie ist, sie kann Adolfs Gedanken nicht lesen. Und seine Einsamkeit hat ihn schweigsam werden lassen. Wozu mit diesen drei weiblichen Wesen von seinen Träumen sprechen, sie würden ihn noch mehr verfolgen und ans Haus fesseln wollen. Er liegt allein in seinem Zimmer, schweigt und denkt. Der Hass ist schon so stark geworden, dass er nicht mehr weh tut. Im Gegenteil, er ist sein Gefährte, er schläft nachts mit ihm und wacht am Morgen mit ihm auf. Ohne diesen Hass könnte er gar nicht mehr leben, und vielleicht war er der Dünger für das Ackerland, auf welchem Loos’ Charakter und Talent wuchsen. Denn jeder, der Loos gut gekannt hat, weiß, dass sein Charakter und sein Genie unzertrennlich waren.

Endlich ist die Schulzeit um. Jetzt muss Loos an den Militärdienst denken. Da er das Gymnasium absolviert hat, gebührt ihm das sogenannte »Einjährig-Freiwilligen-Jahr«, das heißt ein Jahr Militärdienst. Die Einjährigen haben den Weg zum Offizier vor sich, während die üblichen Jugendlichen, die nur die Bürgerschule besucht haben oder die vom Land kommen und kaum lesen und schreiben können, drei Jahre Militärdienst machen müssen und nur den Grad eines Unteroffiziers erreichen können. Adolf wird sein Einjährigenjahr in Wien bei den Kaiserjägern abdienen. Kein junger Mann freut sich auf den Militärdienst. Aber Adolf ist glücklich. Endlich, endlich öffnet sich die Kerkertür, und gegen den Kaiser kann selbst die Mutter nichts unternehmen. Für ein ganzes Jahr gehört Adolf dem Kaiser Franz Joseph: »Lang lebe unser Kaiser!«

Die Mutter und der Pate bringen den künftigen Soldaten nach Wien und erledigen alle Einzelheiten: das Bestellen der Uniform, das Beschaffen der Papiere und alle übrigen Formalitäten. Die ärztliche Untersuchung fällt gut aus, obwohl Adolf schon etwas schwerhörig ist, aber dieses Übel ist kaum merkbar. Er hat einen wunderbar gebauten Körper, ist groß und stark, hat gute Augen. Tauglich.

Adolf kann die Rückreise der Mutter kaum erwarten. Die Mutter selbst will so bald wie möglich nach Hause fahren, das Haus und die Töchter sind allein. Und so kehrt sie denn sehr rasch nach Brünn zurück, mit dem beruhigenden Gedanken im Herzen, dass Adolf in der großen Armee schon parieren lernen werde. Ein Jahr ist bald vorbei, dann kommt der Sohn nach Hause zurück, und weder der Kaiser noch sonst jemand hat ein Anrecht auf ihn. Nur sie, die Mutter, die ihn für sich erzogen hat. Sie sitzt ruhig in ihrem Abteil 1. Klasse im Zuge nach Brünn und blickt auf die Getreidefelder, die vorüberfliegen. Es scheint eine gute Ernte zu werden. Ihr Herz ist ruhig, sie hat das Gefühl, dass das Schwierigste schon hinter ihr liegt.

Endlich ist Loos mit dem Paten allein. In drei Tagen muss er in die Kaserne übersiedeln. Der Pate führt ihn in den Prater, ins Restaurant, ins Theater und endlich, endlich in ein Bordell. Während die Mutter ruhig in ihren großen Eiderdaunen schläft, liegt er zwischen den Beinen einer Frau. Endlich ist er ein Mann.

Der Militärdienst ist für Adolf nicht das Schlimmste. Er ist an eine strenge Disziplin gewöhnt und fühlt sich in der Kaserne viel freier als zu Hause. Er ist unter jungen Menschen, und wenn er sich auch nur mäßig für diese interessiert, sie stören ihn nicht. An den freien Tagen macht er es wie alle anderen, er steigt den Mädchen nach und sucht Abenteuer. Er mietet ein kleines Zimmer, wo er die freien Nächte verbringen kann. Der Pate borgt ihm Geld, und außerdem macht er Schulden wie alle jungen Leute aus gutem Haus. Wenn die Mutter die Schulden bezahlen muss, gibt es jedes Mal einen kleinen Weltuntergang. Und gerade das macht Adolf Spaß. Endlich hat er die Möglichkeit, der Mutter weh zu tun. Außerdem ist es seine größte Freude, Geld auszugeben. Geld ist für ihn nur ein Stück Papier, das man ausgibt und das immer wieder zurückkommt, Geld hat keinen wirklichen Wert, aber was kann man alles damit kaufen – schöne Lederstiefel, Zigaretten, Silberdosen. Man kann einen freien Tag auf dem Land verbringen, man kann nach Klosterneuburg fahren und »Fasslrutschen«, man geht in den Wurstelprater und zahlt den Mädchen unzählige Fahrten auf Ringelspiel und Schaukel, die Mädchen schreien und heben die Beine, man sieht ihre Unterröcke und Schnürstiefel, und alles das ist sehr aufregend. Natürlich kostet das Geld, 100 Kronen, 200, 300 Kronen, die Mutter wird recht wütend sein, und gerade das ist das Lustigste daran.

Einmal entschließt sich die Mutter, nach Wien zu fahren, um mit dem Hauptmann zu sprechen. Doch dieser kann nichts unternehmen. Adolf Loos ist ein braver Soldat, er ist schon Fähnrich, er ist sauber, pünktlich und liebt das Exerzieren. Im Frieden ist es nicht besonders schwer, Soldat zu sein, außerdem betrinkt er sich nie, ist sehr gut erzogen, höflich, der Hauptmann versteht die Mutter nicht recht. Weiß sie nicht, dass ihr Sohn ein junger Mann ist? Und an seinen freien Tagen kann er machen, was er will. Die Mutter fährt verärgert nach Brünn zurück. Der Kaiser Franz Joseph ist stärker als sie. Die Männer überhaupt, sie einigen sich und sind dann stärker als eine Witwe mit zwei unverheirateten Töchtern. Aber es dauert nur noch sechs Monate, tröstet sie sich, dann werden wir ja sehen, wer stärker ist.

Die sechs Monate vergehen, der Militärdienst ist beendet. Loos ist ein fescher Leutnant mit einem kleinen blonden Schnurrbart, der sehr gut zu dem goldenen Stern auf seinem Kragen passt. Als er die Uniform ablegen muss, bleiben ihm nur der kleine Schnurrbart und der feste Entschluss, nicht mehr ins Elternhaus zurückzukehren.

Die Mutter ist verzweifelt. Sie bestürmt ihn mit Briefen, mit Drohungen. Sie kommt selbst nach Wien, um ihn zur Heimkehr zu bewegen. Aber alles gleitet an ihm ab. Mutter und Sohn haben den gleichen Charakter, keiner von beiden gibt jemals nach. Die Mutter fährt schließlich nach Brünn zurück, aber sie ist sehr böse auf den ungeratenen Sohn. Adolf bleibt in Wien und weiß noch nicht recht, was er anfangen soll. Natürlich will er bauen lernen. Dazu muss er vor allem zeichnen lernen, denn Zeichnen ist sein schwächster Punkt, und er weiß, dass er für das Architekturstudium zeichnen können muss, wenn auch nur, um anderen verständlich zu machen, was er bauen will. So inskribiert er an der Akademie der bildenden Künste, befreundet sich mit den weiblichen Aktmodellen und verbringt so viele Stunden in der Akademie, ohne einen Strich zu zeichnen. Er lebt von wenig und von nichts, so wie er es von den Malern lernt, und entdeckt, dass die Freiheit mehr wert ist als die Sicherheit. Er fährt von Zeit zu Zeit nach Brünn, um etwas Geld zu erbitten, aber die Mutter wird immer geiziger, immer unerbittlicher. Der Hass zwischen den beiden wächst und wuchert. Die Töchter sind verbittert und auf dem besten Weg, alte Mädchen zu werden. Loos hält es einfach nicht aus bei ihnen. In Wien ist er frei – arm, hungrig, aber frei. Immer gibt es etwas zu sehen, die Breughel-Gemälde im Museum, die Schatzkammer der Habsburger, die blühenden Kastanien im Prater, die Ostermesse in der Hofkirche mit dem gesamten Hochadel in Galauniform. Und die Spanische Reitschule, »Tristan und Isolde« in der Hofoper, und wenn man sehr müde ist, den Stephansdom, um sich zu erholen und zu erbauen.

Und nachts gibt es die Mädchen. Sie gehen auf und ab und schauen einen an und manchmal hat man das Geld, um mitzugehen.

Und dann kommt ein schwarzer Tag, wo man fiebrig aufwacht und rasch zum Arzt laufen muss. Der schwarze Tag, an dem man erfährt, dass man eine schwere Krankheit hat. Aber eine Syphilis war damals nicht nur ein Unglück, ein Todesurteil auf Raten, es war auch die größte Schande, die ein junger Mann über seine Familie bringen konnte.

Adolf tut alles, was ihm der Arzt anrät. Aber das Leiden ist schon sehr stark vorgeschritten, eine Hodenentzündung ist die Folge. Der Arzt rät dem jungen Patienten, nach Hause zu fahren, da er einer guten und strengen Pflege bedürfe. Und da schluckt Loos seinen Stolz herunter, fährt nach Hause und gesteht der Mutter die Wahrheit. Die Mutter ist fassungslos, sie starrt ihn an – ist das ihr Sohn? Sie kann die Schande kaum ertragen, denn für sie ist das kein Unglück, nur Schande, Schande, Schande. Aber sie nimmt den verlorenen Sohn auf, gibt ihm sein Bett und lässt ihn pflegen und kurieren. Vielleicht, denkt sie, sieht er jetzt ein, dass er zu Hause bleiben, für sie und die Schwestern sorgen und das Geschäft führen muss. Diese leise Hoffnung glimmt in ihrem Herzen und treibt sie dazu, keine Kosten zu scheuen, um den Sohn gesund zu machen.

Viele Monate vergehen, und Loos verbringt sie im Bett, mit unsagbaren Schmerzen und großer Niedergeschlagenheit. Aber nach und nach wird er gesund. Eines Tages erklärt ihn der Arzt für geheilt, vollkommen geheilt, die Krankheit ist schon nicht mehr übertragbar, aber sie hat eine Möglichkeit zerstört: Loos kann niemals mehr Kinder zeugen, die Vaterschaft ist ihm für immer versagt. Aber er ist, Gott sei bedankt, wieder gesund. Dass er nie Vater sein wird, bedrückt ihn nicht, im Gegenteil. Er hat nichts gegen kleine Kinder, aber er hasst alle verliebten Eltern, die mit Erzählungen über ihre Wunderkinder alle Welt belästigen. Außerdem behagt ihm die Sicherheit, niemals ein unschuldiges Mädchen schwängern zu können oder gar die Vaterschaft eines fremden Kindes auf sich nehmen zu müssen. Seine Unfruchtbarkeit ist für ihn ein Fingerzeig Gottes. Er ist vollkommen frei und sieht seinen Weg vor sich. Ebenso wie der katholische Priester kein Weib nehmen darf, damit er keine Kinder zeuge und sich nur Gott und seinen Gläubigen widmen kann, so muss er, Adolf Loos, der Menschheit dienen. Ein Mann, der selbst Kinder hat, kann das nicht. Er wird immer und unter allen Umständen zuerst an das Wohl seiner Kinder denken. So wie der Priester den Menschen den Weg zum ewigen Leben vorbereiten muss, so muss er, Adolf Loos, den Menschen zeigen, wie man leben muss, um den Himmel schon auf Erden zu finden. In seiner Kindheit hat er diesen Himmel entbehrt, aber er weiß, das Leben und die Welt sind eine wunderbare Gottesgabe, man muss nur lernen, sie richtig zu nutzen. Er blickt um sich und sieht das Leben seiner Landsleute. Und obwohl Österreich damals noch ein reiches Land war, eine mächtige Monarchie, findet Loos plötzlich alles kleinlich und unerträglich. Die Sehnsucht nach einem großen, fernen Land erwacht in ihm: Amerika. Aber vorderhand ist daran nicht zu denken.

Zunächst fährt er nach Dresden auf die Technische Hochschule. Er will dort alles lernen, was man braucht, um bauen zu können und auch um das Geschäft des Vaters zu übernehmen. In Dresden studiert er fleißig, aber er fühlt sich in Deutschland nicht wohl. In der Technischen Hochschule wird er angefeindet, weil er sich keiner Studentenverbindung anschließen will. Ihm graut vor den Studenten mit Schmissen im Gesicht, und man behandelt ihn wie einen Feigling, weil er selbst keine Schmisse haben will. Er verbringt zwei Jahre in Dresden, und als er merkt, dass er nichts mehr dazulernen kann, kehrt er nach Hause zurück.

In Chicago wird 1893 die Weltausstellung eröffnet. Adolf Loos beginnt von Amerika zu träumen. Tag und Nacht denkt er an das ferne Paradies. Er bestürmt die Mutter, ihn nach Amerika fahren zu lassen, um die Weltausstellung besuchen zu können. Doch die Mutter will nichts davon wissen. Adolf soll zu Hause bleiben und das Geschäft des Vaters übernehmen. Hat er noch nicht genug Unheil angerichtet? Hat sein Militärjahr noch nicht genug Geld gekostet? Jetzt will er gar noch reisen! Aber Loos erklärt, dass er auf keinen Fall zu Hause bleiben und das Geschäft auch nicht übernehmen würde. Er will bauen lernen. Der Kampf mit der Mutter dauert viele Wochen. Wieder greift der Taufpate in das Leben Adolfs ein, und nach endlosen Unterredungen gelingt es ihm, die Mutter zu überzeugen. Der wichtigste und überzeugendste Punkt bei der endlichen Entscheidung, Adolf nach Amerika gehen zu lassen, war die Tatsache, dass man damals beinahe alle Taugenichtse nach Amerika schickte. Die wohlhabenden Leute in Europa wurden auf diese Weise für wenig Geld ihre unangenehmen Verwandten los. Die Rückreise bezahlten sie nicht, und wenn die europäischen Vagabunden auch nicht alle Millionäre in Amerika geworden sind, die meisten haben wenigstens gelernt, sich ihr Brot selbst zu verdienen, haben Familien gegründet und sind heute schon die Vorfahren der neuen Generationen.

Die Mutter willigte also ein. Sie gab den Kampf auf, aber sie stellte eine Bedingung: Sie bezahlt die Reise und gibt etwas Geld für den Anfang. Adolf jedoch muss unterschreiben, dass er auf das Erbe und das Geschäft seines Vaters verzichtet, dass alle seine Rechte auf die Schwestern übergehen, dass er niemals mehr Ansprüche an seine Mutter stellen und sein Vaterhaus nie mehr betreten wird. Loos unterschreibt alles. Er hält sein Versprechen, bis auf einen Punkt. Das Vaterhaus muss er noch zweimal betreten, und in beiden Fällen auf Wunsch der Mutter. Das aber war viele Jahre später, als zuerst Hermine und dann auch Irma starben. Adolf Loos hatte über die Mutter gesiegt, er fuhr nach Amerika, mit wenig Geld und einem Brief an Verwandte seines Vaters, eine wohlhabende Familie in Philadelphia, in der Tasche.

Nur wer Loos auf Reisen gekannt hat, kann sich annähernd vorstellen, was diese erste große Fahrt für ihn bedeutet haben muss. Die überschäumende Lebensfreude, die er immer fühlte, ob es ihm gut oder schlecht ging, überstieg dabei alle Grenzen. Er kannte keine Müdigkeit, hatte kein Nahrungsbedürfnis, es gab keine Unbequemlichkeit, die ihn am vollkommenen Genuss einer Reise hindern konnte. Mit offenen Sinnen genoss er das neue Land, die Einwohner, ihre Sitten, ihre Wohnstätten, ihre Werkzeuge, ihre Kleidung, ihre Nahrung und ihre Künste. Er begeisterte sich für alles, was das neue Land von Österreich unterschied. Ob es sich nun um geräucherten Aal oder Käse, um Klosettpapier, um Kleider, Bilder, Schmuck oder Menschen handelte – immer war alles Fremdländische viel wertvoller, schöner und erstrebenswerter. Und trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass Loos der typischste Wiener war, der beste Österreicher, dass er Wien und Österreich innigst geliebt hat und dass eben nur Wien der Ort war, wo sein Schicksal sich erfüllen konnte: das tragische Schicksal aller wirklich großen Wiener Geister.

Über sein Leben in Amerika hat Loos selbst viel Wertvolles geschrieben. Ich fühle mich jedoch nicht berufen, über Loos als Künstler zu berichten. Nur den Menschen Loos habe ich gut gekannt.

Was ich wohl nie recht begriffen habe, war, wieso Loos, der in Amerika in größter Armut lebte, trotzdem so viel lernen, so viel vom neuen Geist des neuen Landes erfassen konnte. Anfangs lebt er in der YMCA (Young Men’s Christian Association), wo er ein Zimmer mit zwei anderen jungen Männern teilt, von denen einer, ein Rumäne, nach kurzer Zeit verhaftet wird, weil er Canthariden verkaufte. Loos ist sehr verärgert, dass der Zimmergenosse nie etwas von den Canthariden erzählt hat, denn, so sagt er, diese seien schwer zu beschaffen und es müsse doch interessant sein, ihre Wirkung an einem widerspenstigen Mädchen zu erproben.

Nach kurzer Zeit verlässt er die YMCA und wohnt mit zwei Maurern zusammen, die ihm Gelegenheitsarbeit verschaffen. Wenn er keine Arbeit hat, steht er stundenlang Schlange vor einem der großen Geschäftshäuser, die in Notzeiten Brot an die Arbeitslosen verteilen. Eine andere Firma gibt an zwei bestimmten Tagen in der Woche Kaffee und Zucker aus. Das Brot ist wunderbar, ebenso der Kaffee, und man gibt ihm genug für zwei bis drei Tage. Er kocht mit den Zimmergenossen in ihrem gemeinsamen Wohnraum auf einem Spirituskocher die herrlichsten Mahlzeiten. Meistens arbeitet er nachts als Tellerwäscher. Später übersiedelt er zu einem jüdischen Schneider in der Bowery, wo man ihn auf einem alten Sofa schlafen lässt. Hie und da verbringt er einige Tage mit den reichen Verwandten in Philadelphia oder auf Long Island. Er besucht die Ausstellung in Chicago und sieht sich alles genau an.

Aber er findet keine Arbeit. Trotzdem, als er nach drei Jahren aus Amerika zurückkehrt, ist er schon der große Adolf Loos, der alles gelernt hat, der seiner selbst vollkommen sicher ist, der weiß, wie man baut, wie man lebt, der große Adolf Loos, den so wenige verstehen und die meisten hassen und bekämpfen werden und dessen Werk doch alle überleben wird.

Wenn er von Amerika erzählt, spricht er nie von Frauen. Nur ganz allgemein lobte er ihre Lieblichkeit, ihre Anmut und Freundlichkeit: Die Amerikanerin spricht nicht, sie zwitschert wie ein Vögelchen. Sie kleidet sich mit hellen, waschbaren Kleidern, und auf dem Land verkleidet sie sich nicht als Dirndl, wie es die Österreicherin tut. Sie kocht in zehn Minuten das herrlichste Mahl und in ihrer Küche riecht es nie nach Zwiebel. Sie ist, alles in allem, eine Halbgöttin. Sie lächelt immer und ist ewig jung. Aber kein Name klingt in seinen Erzählungen, keine bestimmte Erinnerung scheint auf. Die Vögelchen haben wahrscheinlich nicht für den armen Tellerwäscher gezwitschert.

Aber alle amerikanischen Lieder, die um die Jahrhundertwende in Amerika modern waren, singt Loos sein Leben lang mit seiner dünnen Gesangsstimme: »East Side – West Side«, »Rosy, Rosy«, »In the Bowery« und »On a bicycle built for two«.

Eines Tages kehrt Loos nach Österreich zurück. Der äußere Vorwand ist seine Einberufung zu den Manövern. Er ist Reserveleutnant, und falls er der Einberufung nicht Folge leistet, gilt er als Deserteur. Jedoch glaube ich, er kam zurück, weil seine Zeit in Amerika um war. Er hatte alles gelernt, was zu lernen war. In Amerika ist nichts mehr für ihn zu tun. Seit seiner Abreise sind drei Jahre vergangen.

Hermine ist inzwischen ein kränkliches Mädchen geworden, aber Irma hat mehr Glück, zumindest scheint es so. Sie hat einen Mann gefunden und geheiratet. Und obwohl der Mann kein guter Ehemann war, sondern ein richtiger »Haderlump«, wie Loos sich ausdrückte, gebar sie ihm 1897 einen Sohn, den kleinen Walter. Dann überstürzen sich die unglückseligen Ereignisse. Walters Vater verlässt seine Frau Irma, nicht ohne vorher ihren Vermögensanteil vergeudet zu haben. Kurze Zeit darauf stirbt Hermine, die lungenkrank war. Die Mutter lässt Loos verständigen und zum Begräbnis rufen, und dieser folgt dem Ruf der Mutter, spielt seine Rolle als Haupt der Familie und begleitet die tote Schwester zur Familiengruft. Bald muss er den Besuch wiederholen, Irma folgt ihrer Schwester nach kurzer Zeit. Jetzt ist die Mutter ganz allein mit dem kleinen Walter. Der aber gehört ihr, nur ihr, und den erzieht sie ganz nach ihrem Willen.

Walters Vater ist verschwunden, aber Walter ist sein Sohn und trägt seinen Namen. Es ist ein tschechischer Name, der nie genannt wird. Wieder beginnt die Mutter an das Geschäft zu denken, das jetzt für den kleinen Walter bestimmt ist. Und nun ist es an ihr, um etwas bitten zu müssen. Sie will den fremden Namen nicht über dem Geschäftstor sehen. So wendet sie sich an den verhassten Sohn und bittet ihn, Walter zu adoptieren, damit dieser berechtigt sei, den Namen Loos zu führen. Adolf willigt ein. Er adoptiert den Neffen, gibt ihm seinen Namen, damit der Name Loos bestehen bleibt, wenn Walter nach dem Tod der Mutter das Geschäft erbt.

Es vergehen Jahre, Mutter und Sohn leben getrennt, die Mutter in Brünn erzieht ihr Enkelkind und führt das Geschäft, der Sohn in Wien baut, kämpft, wird bekämpft, heiratet, lässt sich scheiden, reist viel in der Welt herum, ist ein berühmter Mann, aber keiner von beiden will etwas vom anderen wissen. Der große Hass liegt wie ein Granitblock zwischen ihnen.

Die Mutter ist schon mehr als 80 Jahre alt, Loos mehr als 50. Im Jahr 1921 erscheint eines Tages bei uns ein blonder junger Mann. Es ist Walter. Er kommt mit einer Botschaft. Die Mutter ist sehr krank. Sie hat keine Angst vor dem Tod, aber Angst zu sterben, ohne Walter und sein Erbe sichergestellt zu haben. Sie hat ihren Sohn wohl enterbt, aber er könnte doch das Testament anfechten, wenn sie einmal tot ist. So bietet sie denn eine Abstandssumme, 10 000 tschechische Kronen, wenn Loos unterschreibt, dass er Walters Erbe nicht anfechten wird. Die Mutter will den Sohn nicht sehen. Eine Reise nach Brünn wäre vergeblich. Und so unterschreibt Loos die Verzichtserklärung. Kurze Zeit darauf stirbt die Mutter und nimmt ihren Hass mit ins Grab. Loos fährt nicht zum Begräbnis. Er sprach nie mehr von seiner Mutter.

2.
ES BEGANN 1917

Wir liegen auf dem großen Ruhebett, der »Couch«, im dunkel getäfelten Wohnzimmer in Loos’ Wohnung. Wir liegen eng aneinandergeschmiegt unter den dicken Plaids, vollkommen angezogen, denn alles geschah so plötzlich, ich betrat das Zimmer, von der Straße kommend, wir wollten ins Dorotheum gehen, um einen japanischen Wandschirm anzusehen, den ich kaufen wollte, Loos hatte sich schon seinen Hut aufgesetzt – aber plötzlich umarmte er mich und trug mich auf das Ruhebett. Und jetzt liegen wir ganz still und wissen nicht, was uns geschieht. Wenigstens ich weiß es nicht.

Ich bin 17 Jahre alt und noch ganz unerfahren. Mein Herz klopft zum Zerspringen. Auch sein Herz klopft stark, ich spüre es durch seine dicke Homespunjacke; aber er spricht kein Wort, sondern schließt nur die Augen und drückt mich zart und vorsichtig an sich. Ich weiß nicht, wie lange wir so bleiben, ohne zu sprechen, ohne uns zu bewegen. Durch das Fenster scheint ein grauer Septembernachmittag, es ist ein früher, nasskalter Kriegsherbst. Im Zimmer ist es kalt, aber unter der dicken Decke fühlen wir keine Kälte.

Plötzlich springt Loos auf und schnürt seine beiden Schnürschuhe mit den verhassten Papiersohlen auf, zieht mir die Schuhe und die feuchten Strümpfe aus und sagt »Armes Kind« und reibt mir vorsichtig die Füße warm. Dann legt er sich wieder neben mich, umarmt und küsst mich. – »Warum legst du die Arme nicht um meinen Hals?«, fragt er, »bin ich dir zuwider?« Um Gottes willen denke ich, spürt er denn nicht, wie verliebt ich bin? Aber ich bin ganz unerfahren, ich kenne die Spielregeln nicht. Folgsam lege ich die Arme um seinen Hals, sein Kopf ruht in meinen Händen, ich spüre das feine, schon etwas schüttere Haar zwischen meinen Fingern, ich sehe das geliebte, schöne Antlitz mit den geschlossenen Augen dicht vor mir, mein Herz zerspringt fast vor Zärtlichkeit. Langsam beginnt es ganz dunkel im Zimmer zu werden. Die weißen Wände leuchten zwischen den dunklen Holzbalken. Der Straßenlärm, das Klingklang der Straßenbahn tönt so ferne hier im 5. Stock. Alles ist wie in einem Traum.

Loos küsst mich wieder, aber jetzt fühle ich Gefahr in seiner Umarmung. Ich mache mich los und springe auf. Auch er erhebt sich und jetzt folgt die notwendige, wenn auch etwas peinliche Erklärung. – »Ja, ich bin noch Jungfrau. Ich bin einem jungen Mann versprochen, aber er ist im Feld und ich war noch nie mit ihm allein.«

Meine Mutter hat mich mit diesem jungen Mann verlobt, als ich eben 14 Jahre alt geworden war, gerade als der Krieg begann; meine Mutter arrangiert alles in meinem Leben, aber sie gibt auch gut acht auf mich, nie hat sie uns allein gelassen. Im Grunde bin ich froh darüber, denn ich liebe den jungen Mann nicht. Aber jetzt ist Krieg, er ist im Feld und kommt nur alle sechs Monate auf ein paar Tage nach Wien, und so ist alles leichter zu ertragen.

Loos denkt nach. Er schüttelt den Kopf. »Was die Bürger nur für einen Wahn mit der Jungfrauenschaft haben«, sagt er. »Aber hab keine Angst, ich tu dir nichts. Du wirst deine Unschuld nicht verlieren. Ich habe kein Recht, dich unglücklich zu machen«, sagt er. Wir legten uns wieder auf die Couch, es war zu kalt im Zimmer, um zu sitzen. Loos lag jetzt ganz still, und ich konnte sehen, dass er nachdachte. Wenn er dachte und überlegte, hatte sein Gesicht einen ganz besonderen Ausdruck, er sah durch alle Dinge hindurch und vergaß die Umwelt. Vielleicht trug auch seine Schwerhörigkeit dazu bei. Ich lag also ganz still und wartete, was jetzt passieren würde, aber ich fühlte mich ziemlich unglücklich. Plötzlich erschrak ich. Loos hatte seine Hand auf mein Geschlecht gelegt, und wenn ich auch vollkommen angezogen war, spürte ich doch den Druck und den Magnetismus der ersten Männerhand, die mich berührte. »Erschrick nicht«, sagte er, »ich tu dir nichts. Ich will nur etwas sagen, etwas, das sehr wichtig ist, und ich bin es dir schuldig. Ich weiß ja nicht, ob du wiederkommen wirst, aber das musst du lernen. Siehst du, DAS«, und er drückte sanft auf meinen empfindlichsten Teil, »das ist das Wichtigste auf Erden. Um das dreht sich die ganze Welt. Wenn es das Geschlecht der Frau nicht gäbe, würde niemand arbeiten, denn niemand würde es interessieren, Geld zu verdienen, wozu, wenn man es niemandem geben kann? Wer würde sich etwas kaufen wollen, wenn er damit keinen Eindruck auf eine Frau machen könnte? Wen würde es interessieren, ein größeres Auto, eine schönere Krawatte zu besitzen? Die Fabriken würden stillstehen, die Erfinder nichts mehr erfinden wollen, selbst die Dichter hätten nichts zu besingen, wenn es keine Mädchen gäbe. Und die Arbeiter, die Bauern, würden sie etwa trachten, Geld zu verdienen, wenn sie niemanden hätten, kein Mädchen, das man mit einem schönen Halstuch oder einer färbigen Schleife erobern kann? Nein, ohne DAS wäre die Welt schon längst stillgestanden. Natürlich sind wir zu kultiviert, um uns das einzugestehen. Aber die Wilden malen ihre Totems überall hin, sie schämen sich nicht, die Wahrheit einzugestehen. Sie leben noch im Paradies. Wir, wir schämen uns. Weißt du, warum die Männer auf der Jungfrauenschaft der Frau bestehen? Damit die Frau keine Vergleichsmöglichkeit hat. Wenn die Braut nicht als Jungfrau ins Brautbett steigt, kann sie vielleicht herausfinden, dass ihr Mann gar nichts Besonderes ist, aber die Jungfrau hat keine Vergleichsmöglichkeit, denn sie kennt nichts anderes. Das ist der springende Punkt.« – Wieder spürte ich den sanften Druck seiner Hand. – »Vergiss das nicht, darum dreht sich die ganze Welt. Und jetzt ist es Zeit, dass du nach Hause gehst.«

Obwohl Loos schon 47 Jahre alt war, wurde er gerade in dieser Herbstwoche zum Militärdienst einberufen. Er war schon sehr taub, aber der Staat brauchte alle Männer, alte, junge, taube und halbblinde, alle wurden gerufen. Loos war Reserveoffizier, und sein Kader befand sich in Sankt Pölten. Er rückte somit in diese kleine Stadt ein. Da er Kurse und Vorträge in Wien hielt, wurde ihm gestattet, nur dreimal die Woche Dienst zu leisten. Es handelte sich natürlich um Bürodienst, ich konnte aber nie herausfinden, was er eigentlich in diesem Büro machte. Die übrigen drei Wochentage verbrachte er in Wien, und an den Nachmittagen waren wir beisammen. Die ganze Woche hindurch hatte ich Tanzstunde bei den Schwestern Wiesenthal, außerdem gab ich selber schon Tanzunterricht, und wenn ich um neun Uhr abends zu Hause war, schöpfte niemand Verdacht. Unsere Glückseligkeit begann dreimal in der Woche um drei Uhr Nachmittag und endete um acht Uhr abends.

An diesen Nachmittagen durchlebte ich mit Loos sein ganzes bisheriges Leben. Es gab nichts zu essen und außer Wasser nichts zu trinken. Es gab kein Stückchen Kohle, um das Zimmer zu heizen. Es gab kein Theater, kein Kino, nichts. Radio und Fernsehen waren noch lange nicht erfunden. In den Kaffeehäusern gab es keinen Kaffee und zu viele Bekannte, wir aber wollten allein sein.

Für uns gab es nur »die Couch«. Bald fand ich heraus, dass die Couch nicht ins Wohnzimmer gehörte, sondern ins Schlafzimmer, dass sie das Bett war, das Loos aus Feingefühl ins Wohnzimmer transportiert hatte, um mich nicht im Schlafzimmer zu empfangen. Wir schleppten unser Lager also ins Schlafzimmer zurück, das berühmte Schlafzimmer, das Loos für Lina, seine erste Frau, eingerichtet hatte. Es muss sehr schön gewesen sein, als es neu war, mit weißen Piquée-Vorhängen rundherum, die Mauern und Kästen versteckten. Placards gab es damals noch nicht in Wien. Auf dem Ruhebett war eine Unmenge weißer Felle ausgebreitet, die auch den Boden bedeckten. So war das Zimmer, als es neu war. Jetzt waren die Felle schmutzig und von Motten zerfressen und die Vorhänge zerschlissen. Ich wusch die Vorhänge und die Felle räumten wir weg.

Im Großen und Ganzen war Loos kein Freund von Änderungen in seiner Wohnung und jedes Mal, wenn ich saubermachen wollte, sträubte er sich dagegen. Auf den Büchern im Kaminzimmer lag der Staub fingerdick. – »Lass das doch«, sagte Loos, »es hat keinen Sinn, den Staub aufzuwirbeln. Er legt sich ja doch wieder hin. Komm unter die Decke, es ist so kalt, komm.«

Und so kam es, dass er mir nach und nach sein ganzes Leben erzählte. Er liebte die vergangenen Jahre, die Gegenwart war ja so hart und unschön. Hunger, Kälte, Tod und keine Hoffnung. Wir gingen manchmal ein bisschen spazieren. Die Mauern der Häuser waren voll von Plakaten: 4. Kriegsanleihe, 5. Kriegsanleihe. »Schau«, sagte Loos, »eine Kriegsanleihe beißt die andere in den Schwanz.« Wir lachten, aber es war uns nicht zum Lachen zumute.

’s ist Krieg, ’s ist Krieg, o Gott im Himmel wehre

und lindere die Pein.

’s ist leider Krieg, und ich begehre,

nicht schuld daran zu sein.

So schrie Karl Kraus in seinem Vortrag im Kleinen Konzerthaussaal, das »Gebet des Kaisers« vortragend. Wir standen da und zitterten, und innerlich weinten wir. Dann gingen wir in die Schankstube im Hotel Imperial und aßen eine dicke Suppe. Loos war sehr magenkrank, er hatte Magengeschwüre, und die Suppe war das Einzige, was er vertrug.

Als Loos einrücken musste, ging er zu Kniže, seinem Lieblingsschneider, und bestellte sich eine Uniform, die er selbst entwarf. Statt des vorschriftsmäßigen Feldgrau wählte er die braune Farbe der amerikanischen Uniformen. Die Hose war glatt und gewöhnlich wie eine Zivilhose, die Jacke der Uniform war der der amerikanischen Offiziere nachgemacht, mit vielen großen Taschen und einem hochgeschossenen Kragen, auf dem die zwei Sterne, die ihm als Oberleutnant gebührten, glänzten. Die Uniform stand ihm wunderbar, nur war es keine österreichische Uniform. Trotzdem trug er sie immer unbekümmert und ließ sich in ihr bei Setzer photographieren. Ich fragte mich oft, was wohl die hohen Offiziere in St. Pölten zu dieser sehr hübschen Maskerade sagten. Aber sie nahmen Loos als Soldat anscheinend nicht ernst und ließen ihn in Ruhe.

Durch die Kriegskost wurde er immer kränklicher. Bald bekam er einen längeren Krankenurlaub, den wir zu Hause verbrachten.

3.
DIE FREUDENMÄDCHEN

Unermüdlich wandern die Freudenmädchen die Straße auf und ab. Unermüdlich klappern ihre vertretenen Stöckelschuhe über das Straßenpflaster. Die müden Augen werfen rasche, abschätzende Blicke auf die Vorübergehenden. An den Straßenecken ruhen sie ein bisschen aus, manchmal bildet sich eine kleine Gruppe, und sie sprechen leise und schnell miteinander. Eine zündet eine Zigarette an und raucht rasch ein paar Züge. Dann trennen sie sich, laufen auseinander und wieder beginnt das Geklapper über das Straßenpflaster. Die Jüngeren sind meistens sehr mager, tragen dünne Kleidchen und schiefe Mützen. Die Haare sind durch vieles Färben verdorben, die Zähne verfault, das Gesicht mit Schminke verschmiert. Die Älteren sind gepflegter, sauberer, meistens recht dicklich, in Samt und Seide gekleidet, mit großen Federhüten auf dem Kopf. Im großen Ganzen ist es ein rechter Karneval, der da auf und ab geht. Und immer gibt es mehr und mehr Mädchen, die dieses Gewerbe ergreifen. Sie behaupten, es sei weniger anstrengend als Wäsche waschen oder Boden scheuern. Ich glaube, sie machen einen Rechenfehler.

Die Kärntnerstraße reicht vom Stephansplatz bis zur Oper, beide Gehsteige mit herrlichen Geschäften besäumt, in den Auslagen gibt es alles, was das Herz begehrt. Die Wiener gehen den ganzen Tag spazieren, sehen die Auslagen an, kaufen in allen Geschäften auf beiden Seiten der Straße. Während des Tages sind beide Seiten der Straße gleichberechtigt, es gibt keinen Unterschied. Aber sowie es dunkel wird, ändert sich das Bild. Die Freudenmädchen nehmen von der linken Straßenseite Besitz. Nur die linke Seite ist ihnen erlaubt, wehe wenn sie die Straße überqueren würden. Aber keine versucht es, sie wissen genau, es wäre unmöglich und sie würden auf der Polizeistation enden. So kommen sie dann vorsichtig aus der Annagasse, aus der Johannesgasse und stellen sich an die Ecken. Und wenn die Geschäfte schließen, beginnt die Wanderung.

Warum habe ich vor diesen Mädchen Angst? Ich bin doch kein Kind mehr, ich weiß, wozu sie da sind. Ich weiß, sie können mir nichts tun, und doch habe ich Angst. Nicht die schrecklich große Angst, die man vor einem wütenden Stier fühlt, nicht einmal diese komische Angst, die man vor den Naschmarktweibern hat, die einen manchmal beschimpfen, wenn man mit Hut und Einkaufstasche auf den Markt geht oder es wagt, zu handeln. Nein, es ist eine kleine dunkle Angst, so wie man sie vielleicht vor Fledermäusen hat. Ich kenne keinen lebenden Menschen, der jemals irgendeinen Zusammenstoß mit einer Fledermaus hatte. Trotzdem erzählt man Jahr und Tag das alte Märchen von der Fledermaus, die sich einem ins Haar verwickelt.

Und alle glauben es.

Jetzt habe ich plötzlich Mut und sehe den Mädchen ins Gesicht. Sie haben leere Augen, bekümmerte Gesichtszüge, sie sehen mich gar nicht und gehen auf und ab. Loos hält meinen Arm, und wir gehen ruhig durch die nächtliche Kärntnerstraße, auf der linken Seite.