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Christopher Long
der fall loos

Christopher Long

der fall loos

Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Martina Strobl
Mit 30 Abbildungen

Amalthea

Titel des amerikanischen Originalmanuskripts : » Loos on Trial «

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Vorwort

1 | Die Verhaftung

2 | Der Angeklagte

3 | Der Sachverhalt

4 | Die Enthaftung

5 | Der Fall Theodor Beer

6 | P. A.

7 | Über Wahrheit und Lüge im moralischen Sinn

8 | Der neue Anwalt

9 | Der Prozess

10 | Das Urteil

Nachwort

Anmerkungen

Quellenverzeichnis

Personenregister

Bildnachweis

Vorwort

Anfang September 1928 verhaftete die Wiener Polizei den bekannten Architekten Adolf Loos wegen des Vorwurfs von Kindesmissbrauch. Zwei junge Mädchen ( und später noch ein drittes ) im Alter von acht bis zehn Jahren beschuldigten Loos, er habe sie unsittlich berührt, als er Aktzeichnungen von ihnen anfertigte. Es folgte ein öffentlicher Skandal, der in einem spektakulären Prozess mündete. Die Causa wurde zu einem berühmten Gerichtsfall, in dem Loos und seine Unterstützer den Kritikern von Loos gegenüberstanden. In der begleitenden Kontroverse ging es jedoch um mehr als bloß die Frage, ob Loos schuldig oder nicht schuldig war. Alle Beteiligten – sowie auch die breite Öffentlichkeit – sahen die Angelegenheit, wie in den späten 1920er Jahren in Österreich durchaus üblich, aus einer politischen und einer kulturellen Perspektive. In der Affäre standen einander die Linken und die Rechten, aber auch die Vertreter der Moderne und deren konservative Kritiker gegenüber.

Diese Geschichte ist nicht angenehm. Ich habe das Buch nicht geschrieben, weil ich den dringenden Wunsch hatte, mich mit diesem dunklen Thema zu beschäftigen. Vielmehr wollte ich mit meiner ausführlichen Studie eine Lücke in der wissenschaftlichen Literatur über Loos schließen. In all den Jahren, die ich über Loos im Speziellen und die Geschichte der modernen Architektur in Österreich im Allgemeinen las und forschte, fand ich kleine Hinweise auf diesen Prozess und auf Loos’ » Verbrechen «. Allzu oft jedoch enthielten die knappen Anmerkungen oder Beiträge nur wenige Details oder die Passagen erschienen irgendwie bereinigt. Auch fanden sich da und dort Sensationsberichte, die, selbst wenn kaum Einzelheiten beschrieben wurden, fehlerhaft wirkten.

Als ich meine Forschungen zu diesem Thema ernsthaft anging, entdeckte ich, dass sehr wohl einiges auf diesem Gebiet bereits getan war : Es gab den aufschlussreichen, wenn auch sehr knappen Buchbeitrag von Klaralinda Ma, publiziert 2008, der den » Fall Loos « sachlich beschrieb, und eine weitere interessante und scharfsichtige Arbeit aus dem Jahr 2012 von Frederic J. Schwartz, einem in London wirkenden Wissenschaftler. Am wichtigsten aber war wohl der bestens recherchierte Artikel in Die Presse sowie der Radiobeitrag für Ö1 – Diagonal von dem österreichischen Journalisten und Historiker Andreas Weigel – ebenfalls aus dem Jahr 2008. Dennoch war mir klar, dass darüber hinaus eine Reihe von Aspekten einer genaueren Untersuchung bedurfte und in einen größeren Kontext gestellt werden musste.

Gerade als die Arbeit an meinem Buch abgeschlossen war – genauer gesagt direkt an jenem Tag, als die Druckfreigabe erfolgen sollte – erfuhr ich, dass die lange verloren geglaubte Gerichtsakte über Loos’ Verhaftung und Verhör, die Vernehmung der Hauptzeugen sowie den Prozess selbst wieder aufgetaucht war. Die neuen Dokumente ergänzen das, was wir bisher wussten, aber an den Fakten ändern sie im Grunde nichts. Im Rahmen dieses Buches habe ich versucht, die Verhaftung und den Prozess um Loos im weiteren Kontext der Medienberichterstattung zu betrachten, um herauszufinden, was tatsächlich in jenem Spätsommer und Herbst des Jahres 1928 geschehen war. Wie wurde die Causa von der Öffentlichkeit wahrgenommen? Was bedeutete dies zur damaligen Zeit? Dieses Buch taucht in eine lange vergessene Vergangenheit ein. Es will die Geschichte – ohne Sensationsgier – neu erzählen, um deren tiefere Bedeutung für ihre Zeit zu enthüllen. Meine Ausführungen stützen sich insbesondere auf die zeitgenössischen Zeitungsberichte, die, auch für sich genommen, eine eigene, fesselnde Geschichte dessen erzählen, wie der Fall damals für die breite Masse wirkte und was diese wusste und dachte.

So habe ich mit diesem Buch versucht, möglichst viele Fakten, die nach so langer Zeit noch rekonstruiert werden können, zusammenzutragen und die Ereignisse anschaulich und leidenschaftslos zu erzählen. Mein Ziel liegt weder darin, Loos zu verurteilen, noch ihn zu verteidigen, vielmehr ist es der Versuch aufzubrechen, was für lange Zeit als abgeschlossenes Kapitel galt.

Dieses Buch entstand über mehrere Jahre und ich hätte es ohne die freundliche Unterstützung einiger Menschen nicht schreiben und publizieren können. Mein besonderer Dank gilt Isben Önen und Christine Gloggengiesser für ihren außerordentlichen Einsatz, als sie mir halfen, die Geschichte von Loos’ Prozess und der näheren Umstände aufzuspüren. Isben verbrachte viele Stunden bei der Recherche in den Archiven und Bibliotheken Wiens und Christine erforschte die Biografien der vier kleinen Mädchen, die das Herzstück dieser Affäre bilden. Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei Ida Freudenreichs Enkelsohn Ludwig Krawarik, der mir alles, was er über das frühe Leben seiner Großmutter wusste, erzählte. Außerdem übergab er mir eine Fotografie von ihr, die ungefähr zum Zeitpunkt des Prozesses entstanden ist.

Es gab noch viele andere, die mich unterstützten : Adolf Opel ( Wien ) , Victor Ross ( London ) , Felicitas Ruhm ( Wien ) und Wolfgang Thaler ( Wien ) lieferten mir Ideen oder Hinweise. Ich danke auch Eike Feß vom Arnold Schönberg Center in Wien für seine Hilfe.

Großen Dank schulde ich Claudia Mazanek und Madeleine Pichler für das sorgfältige Lektorat des Buches, Peter Duniecki für das schöne Buchdesign und Eva Martina Strobl für die ausgezeichnete Übersetzung. Ich danke auch ganz besonders Elizabeth Clegg, R. Scott Gill, Brigitte Groihofer, Steven Keylon, Martin Enge und Gailyn Saroyan, die eine frühe Version des Manuskripts gelesen und mir viele hilfreiche Anregungen gegeben haben. Etwaige Fehler oder Irrtümer, die möglicherweise stehengeblieben sind, sind allein mir und nicht ihnen anzulasten.

Schließlich möchte ich noch meiner Frau Gia Marie Houck danken, die zu dieser Arbeit viel mehr beigetragen hat, als sie ahnt.

Christopher Long

Austin, Februar 2015

1 | Die Verhaftung

Am Dienstag, dem 4. September 1928, kamen um 10.30 Uhr zwei Kriminalbeamte der Wiener Polizei in Zivil in das Haus Bösendorferstraße 3, in dem sich die Wohnung des Architekten Adolf Loos befand. Sie gingen in den obersten, den vierten Stock und klopften an Loos’ Tür. Seine langjährige Haushälterin Mitzi Schnabl öffnete ihnen und führte sie in die Wohnung.

Abb. 1

Die Männer waren bereits am frühen Abend des Vortags zur Wohnung gekommen ; doch da hatten sie Loos nicht angetroffen. Nun aber, nach einem kurzen Gespräch – das nicht länger als ein paar Minuten dauerte – forderte einer der Kriminalbeamten Loos auf, mit ihm auf das Polizeikommissariat zu kommen. Der andere Beamte blieb, um die Wohnung zu durchsuchen.1

Das Polizeikommissariat lag nicht allzu weit entfernt im 1. Wiener Gemeindebezirk, am Schottenring 11, schräg gegenüber der Börse. In dem Gebäude hatte sich kurze Zeit das Hotel Anna befunden, bevor es in den 1870er Jahren umgewidmet worden war, heute existiert es nicht mehr. Es war eines der üblichen Ringstraßengebäude, ein großes Palais im Neorenaissance-Stil. Trotz der vier großen Ecktürme erinnerte es eher an ein Wohnhaus als an ein Amtshaus – sein Aussehen verschleierte den ernsthaften Zweck.

Abb. 2

Loos’ Verhaftung und Abführung war so schnell vor sich gegangen, dass er bei seiner Ankunft im Polizeikommissariat immer noch dieselbe große zusammengerollte Architekturzeichnung in der Hand hielt wie zu dem Zeitpunkt, als die Polizei in seine Wohnung gekommen war.2 Er wurde stundenlang verhört, ein wegen seiner fortgeschrittenen Schwerhörigkeit für alle sehr ermüdender Vorgang.

Da man annahm, dass Fluchtgefahr bestand – die Zeitungen berichteten später, dass Loos seine Rückkehr nach Paris plante, wo er in den vorangegangenen vier Jahren gelebt hatte –, und da er einen tschechoslowakischen Reisepass hatte, ordnete der Untersuchungsrichter an, ihn in Gewahrsam zu nehmen.3 Am nächsten Tag, dem 5. September, wurde Loos in das Landesgericht für Strafsachen im 8. Bezirk gebracht, formell angeklagt und in der Zelle Nummer E2 105, einer der sogenannten » Intelligenzzellen «, die für prominente Persönlichkeiten und Intellektuelle vorgesehen waren, untergebracht.4

Die Nachricht über seine Verhaftung wurde gegen Mitternacht desselben Tages veröffentlicht und von der Nachrichtenagentur Korrespondenz Wilhelm verbreitet. Am Morgen des 6. September berichteten alle Zeitungen der Stadt darüber.

Die Artikel, die zwar in einigen Details voneinander abwichen, gaben im Wesentlichen alle dieselben Informationen wieder : Loos wurde beschuldigt, sich an zwei Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren in seiner Wohnung » schwer vergangen « zu haben. Die Mädchen seien zu ihm gekommen, um Modell zu stehen. Er habe sie entkleidet und gebadet, und – das wurde stillschweigend unterstellt – er habe sie unsittlich berührt, möglicherweise sei noch mehr vorgefallen.5

Nach und nach wurden weitere Details bekannt. In ihrer Abendausgabe desselben Tages veröffentlichte die Neue Freie Presse, die führende Tageszeitung der Stadt, eine umfassendere Darstellung. Den Anschuldigungen lag ursprünglich die Anzeige einer Frau zugrunde, die als » Bedienerin « bezeichnet wurde. Sie war die Mutter einer Schulkameradin der beiden fraglichen Mädchen und deren Nachbarin. Von ihrer Tochter hatte sie gehört, dass es einen » Herrn in der Inneren Stadt « gab, der Mädchen für das Modellstehen zwei Schilling pro Stunde anbot. Sie hatte in Erfahrung gebracht, dass der Mann den Mädchen die Teilnahme an einem Programm versprach, im Rahmen dessen sie nach Paris reisen, ein Jahr bei einer Familie leben, Französisch lernen und Tanzunterricht nehmen könnten. Alarmiert von der Vorstellung, es handle sich um den Versuch, junge Mädchen ins Ausland zu locken, um sie an Bordelle zu verkaufen – in den Wiener Zeitungen hatte es in den Wochen davor Berichte über das Verschwinden junger Mädchen gegeben – , eilte sie aufs Polizeikommissariat im Bezirk Währing, wo sie und die Familien der beiden Mädchen wohnten, und berichtete über ihren Verdacht.6

Die Kriminalbeamten gingen sofort zur Wohnung der Mädchen und sprachen mit einem von ihnen, mit der zehnjährigen Marie Fiedler, genannt Mizzi. Sie bestätigte die Geschichte. Das Mädchen erzählte, es sei mehrere Male in die Wohnung des Mannes gegangen und habe ihm Modell gestanden. Die mit der Untersuchung beauftragten Beamten kannten zunächst die Identität dieses Herrn nicht. Erst als sie mit Anton Fiedler, dem Vater des Mädchens, sprachen, begannen sich einige Details zu klären.7

Der Vater sagte aus, dass der betreffende Mann Adolf Loos sei. Er sei Loos etwa zwei Wochen zuvor zum ersten Mal begegnet. Fiedler war ein pensionierter Postunterbeamter und musste mit seiner kleinen Pension eine Frau und drei Kinder ernähren. Um über die Runden zu kommen, hatte er einen Teilzeitjob als Modell in der Akademie der bildenden Künste angenommen. Dort hatte er Loos kennengelernt. Loos habe ihn gefragt, ob er nicht junge Mädchen im Alter zwischen acht und zwölf kenne, die ihm Modell stehen würden. Er habe geantwortet, dass er » zwei Töchter habe, auf die diese Beschreibung passe « und » für ein entsprechendes Entgelt würde er sie gerne zu Loos bringen «. Er gab der Polizei gegenüber an, dass er » nichts Bedenkliches « in der Frage gesehen habe, » da ja Künstler öfters Kinder nackt malen «, wie er aufgrund seiner Erfahrungen an der Akademie wusste.8

Ein oder zwei Tage später habe er seine Tochter Mizzi zu Loos’ Wohnung gebracht, erzählte er den Ermittlungsbeamten. Während der ersten Sitzung sei er bei ihr geblieben und habe nichts beobachtet, was ihm auf irgendeine Weise verdächtig erschienen wäre. Bei der zweiten Sitzung ließ er seine Tochter mit Loos allein, schließlich sah er keinen Grund, diesem nicht zu trauen. Berichten zufolge fragte Loos das Mädchen, ob es andere Mädchen kenne, die für ihn Modell stehen wollten. Es bejahte und brachte bei den nächsten Besuchen seine sieben Jahre alte Schwester Hermine sowie zwei andere Mädchen mit. Die beiden Letzteren wurden in den Zeitungen als Töchter von » Arbeitern « beschrieben, und sie waren acht und zehn Jahre alt, wie später bekannt wurde.9

Diese Mädchen sagten später aus, Loos habe ihnen vom Programm » Kinder nach Frankreich « erzählt, das er organisiert hätte. Er habe ihnen erklärt, dass er ihnen die Teilnahme an dem Programm ermöglichen könnte. Das beim Modellstehen verdiente Geld könnten sie für die Bezahlung der Reise verwenden. Laut dem Bericht der Neuen Freien Presse mussten sich alle vier Mädchen ausziehen und Loos empfing die Kinder jedes Mal nur mit einem Pyjama bekleidet. Während der Sitzungen habe er sich den Mädchen angeblich unsittlich genähert.10

In einem ausführlichen Artikel der Neuen Freien Presse wurden noch weitere Details hinzugefügt, die von dem abwichen, was der pensionierte Postbeamte der Polizei berichtet hatte. Die Hausbesorgerin von Loos’ Wohnhaus erzählte den Zeitungsreportern, dass einige Zeit zuvor » ein etwa 40jähriger Mann, der eine Hornbrille und einen gelben Regenmantel trug « (zweifellos Anton Fiedler), Loos eines Morgens besucht habe. Loos habe ihn gebeten, am selben Tag um 5 Uhr nachmittags wieder zu kommen. » Um die angegebene Zeit kam der Mann wieder und brachte ein etwa acht- bis zehnjähriges, blondes, hübsches Mädchen in die Wohnung des Künstlers und entfernte sich. « Als er wegging, fragte er die Hausbesorgerin, » ob er wohl das Kind allein in der Wohnung lassen könne, was für ein Mensch Loos sei, ob er Zeichner oder Architekt sei und ähnliches «. Er erhielt zur Antwort, dass » Loos der beste, gütigste Mensch sei, und im übrigen, wenn der Herr kein Vertrauen habe, so möge er doch wieder in die Wohnung des Architekten zurückkehren und eventuell im Vorzimmer auf das Kind warten «. Der Vater » verließ jedoch daraufhin das Haus und holte nach geraumer Zeit das Kind ab «.11

Die Hausbesorgerin gab außerdem an, dass der Vater seine Tochter am nächsten Tag wieder zu Loos gebracht habe. Beim dritten Mal kam die Tochter » bereits ohne den Mann mit einem anderen, mehr brünetten und durchaus nicht hübschen Mädchen «. Nachdem sie einige Zeit mit Loos alleine gewesen waren, » verließen die beiden Kinder dann in heiterster Laune in Begleitung des Architekten das Haus, der sie an der Hand über die Straße führte, ihnen Obst kaufte usw. «. Seit damals habe sie weder » die Kinder noch den Mann im Hause wiedergesehen «.12

Ob der Vater beim ersten Besuch bei seiner Tochter geblieben, wie er selbst aussagte, oder ob er sofort weggegangen war, wie die Hausbesorgerin behauptete, wie viele Mädchen in die Wohnung gekommen waren und wie oft, sind nur einige der widersprüchlichen Details in den frühen Berichten. Im Artikel der Abendausgabe der Neuen Freien Presse vom 6. September gibt es eine weitere erhebliche Diskrepanz. An einer Stelle wird behauptet, dass Loos seinen Pyjama nie auszog. Im selben Artikel wird an anderer Stelle berichtet, die Mädchen hätten Loos beschuldigt, er sei vollkommen nackt gewesen, als er sie zeichnete.13

Die Widersprüche sind nicht zu übersehen. Doch was über die ersten Untersuchungen in den Zeitungen stand, war zweifellos in einer Hinsicht richtig: Die unterschiedlichen Artikel spiegelten das wider, was die verschiedenen Zeugen den Ermittlern und Reportern berichteten. Ihre Widersprüche erzählen eine eigene Geschichte – darüber nämlich, wie verworren der Fall von Anfang an war. Eindeutig ist, dass die Polizei von Währing den Fall sofort aufgrund der Wohnadresse und nachdem man festgestellt hatte, dass es sich bei dem Beschuldigten um Adolf Loos handelte, an das Polizeikommissariat Innere Stadt im 1. Bezirk übertrug.14

Die Kinder und ihre Eltern wurden am Nachmittag des 3. September, einem Montag, zum ersten Mal einvernommen. Laut den Zeitungsberichten nahmen die Kriminalbeamten der Inneren Stadt zwei der Mädchen, Mizzi und eine ihrer Freundinnen, zur Vernehmung mit aufs Polizeikommissariat, nachdem die Nachbarin die Polizei alarmiert hatte, dass ein Mann möglicherweise plane, die Mädchen zu verschleppen. Obwohl in den ersten Zeitungsartikeln ihre Namen nicht genannt wurden, war das zweite Mädchen die zehnjährige Ida Freudenreich, die neben Mizzi eine der Hauptzeuginnen im Prozess gegen Loos werden sollte.

Die Mütter der Mädchen begleiteten sie aufs Kommissariat. Die Verhöre mussten, wie die Neue Freie Presse in der Folge zu berichten wusste, » sehr behutsam geführt werden, um die aufgeregten und verschüchterten Kinder nicht noch mehr durch die Fragestellung sittlich zu gefährden «.15 Erst wurden die Mütter alleine befragt. Die Polizei erfuhr von ihnen, so wurde berichtet, dass keines der Mädchen sich über ungehörige Dinge beschwert hatte. Danach wurden die Mütter gebeten, mit ihren Töchtern ohne die Kriminalbeamten zu sprechen. Dann wurden die Mädchen im Beisein ihrer Mütter befragt ( dies sollte die erste Zeugenaussage sein, die protokolliert wurde ) und schließlich verließen die Mütter den Raum und die Kinder wurden alleine befragt. In dieser Vernehmung erfuhren die Beamten Weiteres darüber, wie Loos sie gefragt hatte, ob sie ihm Modell stehen wollten, über die beabsichtigten Reisen nach Paris sowie über die mögliche » Verführung zur Unzucht «.16 Ihre Aussagen müssen überzeugend gewesen sein, denn unmittelbar danach wurden die beiden Kriminalbeamten in Loos’ Wohnung geschickt.

Loos war zu Beginn der Vernehmung in keiner Weise kooperativ. Sobald die Anschuldigungen gegen ihn klar waren, weigerte er sich, irgendwelche Fragen zu beantworten, und bestand darauf, nur mit dem Polizeipräsidenten, dem früheren Bundeskanzler Dr. Johann Schober, persönlich zu sprechen. Erst nach einiger Zeit und einer gewissen Überzeugungsarbeit stimmte er schließlich zu, mit den Ermittlern zu sprechen.17 Allerdings bestand ein erheblicher Teil seiner Aussage in einem weitschweifenden Monolog über sich selbst beziehungsweise über Fragen der modernen Kultur, wie die kürzlich entdeckten Gerichtsakten belegen.18 Er gab offen zu, dass die Kinder in seine Wohnung gekommen waren. Aber er behauptete, dass er sie lediglich dorthin gebeten habe, um sie zu zeichnen. Er habe einige Skizzen » in Rötel angefertigt « und er habe dies » ausschließlich aus künstlerischen Interessen getan «.19 Loos leugnete energisch jegliches Fehlverhalten. Er gab den Kriminalbeamten an, dass er den Kindern für das Modellstehen zwei Schilling pro Stunde bezahlt und sie dazu angehalten habe, das Geld zu sparen, damit sie die Reise nach Paris bezahlen könnten. Er sagte, er habe gehofft, die Kinder zu Pariser Familien, die er kannte und bei denen sie ein Jahr lang kostenlos wohnen könnten, zu bringen. Außerdem würden sie dort Französisch- und Tanzunterricht erhalten. Als Teil des Austauschprogramms hoffte er, es auch einigen französischen Mädchen ermöglichen zu können, eine Zeit in Wien zu verbringen.20 Alle Andeutungen der Mädchen, er hätte sich ihnen unsittlich genähert, seien reine Fantasie, ein Produkt ihrer Imagination.21

Während der ersten Vernehmung in seiner Wohnung war Loos, einigen Berichten zufolge, zu Beginn ruhig, fast gedämpft gewesen. Obwohl durch seine Schwerhörigkeit die Kommunikation mit den Ermittlern langwierig und mühsam war – während des gesamten Prozesses verwendete er ein Hörgerät –, war er gefasst und beherrscht. Als die Art der erhobenen Anschuldigungen offenkundiger wurde, wurde er jedoch zunehmend beunruhigt und dann sichtlich » niedergeschlagen «.22 Wie aus den Zeitungen und den Gerichtsakten hervorgeht, gab Loos bei weiteren Vernehmungen (und nachdem er mit den Aussagen der Mädchen konfrontiert worden war) zu, dass er sie als Vorbereitung für das Zeichnen entkleidet und gebadet habe, aber er wies den Vorwurf aufs Schärfste zurück, sie in irgendeiner Art » zur Unzucht verführt « zu haben. Wenn er sie auf irgendeine Weise berührt habe, insistierte er, so sei dies » rein zufällig « geschehen.23

Die Beamten, denen bewusst war, dass es einen Skandal geben würde, wenn auch nur ein Wort von Loos’ Festnahme bekannt würde, gingen äußerst vorsichtig vor. Der Polizeioberkommissär Dr. Pokorny leitete die Vernehmung der Kinder und ihrer Mütter. Nachdem Loos in das Landesgericht überstellt worden war, kümmerte sich Landesgerichtsrat Dr. Franz-Karl Wagner als Untersuchungsrichter persönlich um die Angelegenheit.24

Angesichts der Tatsache, dass Loos sehr bekannt und nicht vorbestraft war, und angesichts der offensichtlich widersprüchlichen Aussagen der beiden Mädchen hätten die Beamten an dieser Stelle die Angelegenheit gleich zu den Akten legen können. Bekannte oder wichtige Persönlichkeiten der Stadt erhielten zumeist im Zweifel recht, wenn es zu polizeilichen Ermittlungen kam, vor allem dann, wenn die Anschuldigungen von Angehörigen der Arbeiterklasse stammten.

Aber einen offensichtlich belastenden Beweis gab es. Der Kriminalbeamte, der in Loos’ Wohnung geblieben war, um sie zu durchsuchen, entdeckte ein altes Kästchen mit pornografischen Fotografien, fast alle waren Aufnahmen von jungen Mädchen.

In den ersten Zeitungsberichten reichten die Schätzungen über die Anzahl der Fotografien von ein paar Hundert bis zu knapp drei Tausend. Das Boulevardblatt Illustrierte Kronen-Zeitung berichtete von exakt 2 271 Bildern – eine Zahl, die in fast allen nachfolgenden Zeitungsberichten wiederholt wurde.25 Die Zeitung musste jedoch einschränken : » Die Bilder scheinen älteren Datums zu sein und sind augenscheinlich nicht Aufnahmen des verhafteten Architekten. «26

Hier muss man anmerken, dass in Österreich zu jener Zeit der bloße Besitz solcher Fotografien an sich nicht illegal war. Für die meisten Zeitungen war jedoch die Entdeckung der Fotografien ein zusätzlicher und triftiger »Beweis« für Loos’ Schuld, ein Anzeichen für sein lüsternes Interesse an minderjährigen Mädchen. Die Fotografien scheinen auch die Polizei überzeugt zu haben, dass die Aussagen der Mädchen wahr sein könnten – obwohl die Aufnahmen schon älteren Datums waren, keines der fraglichen Mädchen zeigten und offenbar von einer anderen, nicht identifizierten Person gemacht worden waren.

Zwei Zeitungsberichte weisen außerdem auf eine zwielichtige Geschichte hin. Der Abend berichtete, dass im Frühsommer desselben Jahres die Polizei im 2. Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, Loos einvernommen hatte, nachdem beobachtet worden war, wie er im Prater mit jungen Mädchen gesprochen und ihnen Geld gegeben hatte. » Es konnte ihm jedoch damals nichts Strafbares nachgewiesen werden und es wurde auch festgestellt, daß keines der Kinder bei ihm in der Wohnung war. « Einige Zeit später habe ein anderes Mädchen, die zehnjährige Tochter eines Friseurs, seinen Eltern erzählt, dass ein Mann es angesprochen und gefragt habe, ob es für ihn Modell stehen wolle, und dass er ihm seine Karte gegeben habe. Die Eltern vermuteten, » daß es sich hier um verfängliche Dinge handeln könne «, und erstatteten bei der Polizei Anzeige. Loos wurde von der Polizei vorgeladen und vernommen, aber er wurde nur verwarnt und wieder freigelassen.27

Es gab aber auch Hinweise auf eine noch dunklere Geschichte. Die Öffentlichkeit fragte sich, ob eine Verbindung zwischen Loos’ Verhaftung und dem Verschwinden eines jungen Mädchens namens Stephanie Polna bestand, einem Vorgang, der zwei Wochen zurücklag.28

Das sechsjährige Mädchen, die Tochter einer Wäscherin, hatte in einem Park nahe der Salztorbrücke gespielt, während seine Mutter zur Arbeit ging. Das blonde, blauäugige Mädchen, das ein rotgeblümtes weißes Kleid trug, verschwand spurlos gegen 1 Uhr nachmittags.29 Zunächst gab es Spekulationen, Zigeuner hätten es mitgenommen. Eine Zeugin gab an, sie habe ein blondes Mädchen bei einer Zigeunergruppe in der Nähe des Ortes, von wo das Mädchen verschwunden war, gesehen. Ein anderer Zeuge berichtete, dass er es in Begleitung von Zigeunern in Wiener Neustadt gesehen habe. Alle Versuche der Polizei, das Kind zu finden, blieben jedoch erfolglos. Die Wiener Zeitungen berichteten täglich darüber und schrieben atemlos über jede mögliche Fährte und über jeden neuen Fahndungsmisserfolg.30

Loos’ Festnahme kurze Zeit später schlug jedoch ein » wie eine Bombe «, wie der Tagesbote Brünn berichtete:

Eine der vertraulichen Mitteilungen an die Polizei hatte damals nämlich dahin gelautet, daß im Hause Bösendorferstraße 3 ein angeblicher Kinderverderber wohne, der Mädchen im zartesten Alter unter dem Vorwande, sie als Modelle für Aktzeichnungen zu benötigen, in seine Wohnung gelockt und dort mißbraucht habe. Vielleicht stehe, so hieß es in der Anzeige, das Verschwinden der kleinen Steffi mit dem Treiben dieses Mannes im Zusammenhang. Die Polizei ging auch dieser Spur nach und schritt zur Verhaftung des Arch. Loos.31

In den Tageszeitungen wurden keine direkten Anspielungen gemacht, aber viele hegten zweifellos insgeheim einen gewissen Verdacht.

2 | Der Angeklagte

Die Nachricht von Loos’ Verhaftung schlug tatsächlich ein wie eine Bombe. Alle waren völlig überrascht, ausgenommen vielleicht die Polizeibeamten, die ihn schon im selben Jahr verhört hatten. Im Jahr 1928 war Loos berühmt oder, je nachdem wen man fragte, eher berüchtigt. Die in den ersten Tagen nach seiner Festnahme veröffentlichten Zeitungsberichte erwähnten alle ohne Ausnahme die Kontroverse um sein Haus am Michaelerplatz für den Herrenausstatter Goldman &Salatsch in den Jahren 1910 und 1911 (damals war er für die spartanische und unkonventionelle Gestaltung der Fassaden des Gebäudes vernichtend kritisiert worden) . Außerdem schrieben sie über seine verbalen Attacken gegen das Ornament. Viele erwähnten auch seine jüngsten Angriffe gegen Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte.

Abb. 3

Worin sich die Zeitungsberichte nach der Festnahme jedoch erheblich unterschieden, war die Art und Weise, wie sie Loos und seine Arbeiten und Ideen präsentierten. Die liberale Neue Freie Presse, die ihm während der Auseinandersetzung über das Haus am Michaelerplatz sehr zugesetzt hatte, begegnete Loos nun eher mit Sympathie. In der Abendausgabe des 6. September, in der sehr detailliert über die Festnahme und die Anschuldigungen gegen Loos berichtet wurde, brachten die Herausgeber auf der ersten Seite einen Artikel mit dem Titel » Die Tragödie eines Ästheten «, der Loos’ Karriere und Errungenschaften beschrieb. Loos wurde als » ein Künstler, vielumstritten, aber jedenfalls eine interessante Figur und ein großes Talent « bezeichnet. Nebenbei erwähnt wurde auch sein » Kampf gegen jedes Ornament «.

Das Wesentliche war vielmehr sein Streben, das ganze Leben in den Bereich jenes raffinierten Schönheitskultes zu ziehen, wie er ihn auffaßte. Er war auf seine Weise ein Ästhet und wollte es nicht nur als Architekt sein, sondern ebenso sehr als Erneuerer auf allen möglichen Gebieten, in der Speisekultur, der Kleiderkultur ; er suchte überall auf seine geistreiche Weise Anregungen zu geben, immer exzentrisch, immer unkonventionell, immer hemmungslos in der Kritik, ein arbiter elegantiarum aus dem Wiener Kaffeehausmilieu, der nun selbst das Opfer dieser Hingabe an ein gesuchtes Überraffinement des täglichen Lebens wird.32

Doch nicht alle Zeitungen behandelten Loos so freundlich. Der Tag, eine von Wiens zahlreichen Tageszeitungen für den Boulevard, schrieb unter dem Untertitel » Endlich einmal eine richtige Sensation « besonders ironisch und mit offensichtlich großem Vergnügen über die mehr als dürftigen Ermittlungsergebnisse der Polizei und andererseits nicht, ohne in dem knapp vier Spalten langen Artikel sämtliche Verdienste und Bauwerke des Architekten als revolutionär und das Publikum provozierend gewürdigt zu haben.

Der Architekt Adolf Loos, der Freund Karl Kraus’ und Peter Altenbergs, der » Stänkerer «, der mit Gott und mit der Welt überworfen ist, dem Wiener Küche ein Saufraß, die Wiener Werkstätte ein überflüssiger, unbrauchbarer Kitsch ist, Adolf Loos, der von Wien, seinen Krähwinkeleien und seiner stickigen Atmosphäre nach Paris geflüchtet ist, der Erbauer des verrückten Loos-Hauses, das alle Orthodoxen, gleichgültig ob Ästheten oder Architekten, zur Verzweiflung gebracht hat, sitzt hinter Schloß und Riegel – weil er Kinder geschändet hat. Ja – nicht mehr und nicht weniger [ … ]. Der Mann, der in diesen Stunden die schwersten seines Lebens mitmacht, ist als Künstler immer ein Einzelgänger und ein Außenseiter jener Gesellschaften gewesen, die eine bestimmte Art Kunstform als Monopol gepachtet zu haben glauben. […] 33

In den darauffolgenden Tagen brachten nahezu alle Zeitungen einen kurzen Überblick über Loos’ Leben und Karriere. Manche waren wohlwollend, andere weniger, aber alle unterstrichen wie Der Tag seinen » Außenseiter «-Status in Wien.

Loos war