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Egyd Gstättner

Hansi Hinterseer
rettet die Welt

Egyd Gstättner

Hansi Hinterseer
rettet die Welt

... oder die Besteigung
des Küniglberges

Satiren

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Die Amalthea-Akademie

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© 2013 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: Martin Guhl
Schutzumschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter vielseitig
Lektorat: Elisabeth Fleissner
Herstellung: WWproject
Gesetzt aus der 11,5/14 pt Caslon Pro
Gedruckt in der EU
ISBN 978-3-85002-830-1
eISBN 978-3-902862-22-8

Inhalt

Introitus

Vor hundert Jahren

Egyd des Jahres

Prophet Hinterseer

Publikumslieblinge

12. Februar

Waltz und Rapp

Jahrhundertsaga

Bildung

Wetten, dass?

Gottschalk!

Nichts am Freitag

Büchergutschein

»Hurenkind«

Publikumsliebling

Pax für Fux

Biene für Lugner

Aura

Die Masse macht’s

Auf der Flucht vor AA

Sommerquiz

Wenn Männer kochen

Über Karlich

Kurzer Lederrock

Pärchen

Korrektur

Grinser

Größe

Die Besteigung des Küniglberges

Macht-TV

Themenschwerpunkte

Das Drama Höggerls

Wassertheurerfan

Die Brille

Edelstein Ingrid

Stirb langsam

Mirjam freut sich

PPP

Übermensch

GIS

Kinder

Tische

Report

Faymannisierung

Moderator

Streik

Eine Welt kommt!

Goldene Bullen (Krimis und Kommissare)

Tölzer Apokalypse

Tobendes Ich

Columbo

Barnaby

Emre

Derrick

Wort zum Sonntag

Schnell heraußen

Laurenti

Armer Armin

Kottan

Wallander

Ruster Leiche

Tatort

Kooperation

Sherlock

Gewalt

Trara, trara, die Hochkultur!

Schlüssel.art

Curling

Ordnung

Zoglauers Lust

Alles falsch

Künstlersterben

Hackl im Kreuz

Handke

Hofmannsthals Ende

Unartgenossen

Mahler auf der Couch

Neues Buch

Sein oder Nichtsein

Kuppelporno

Kabarett

Poet Falco

Heller. Aber ganz.

Eh wuaschd

Kelche, die vorüberziehen (Stilblüten)

Es blüht

Krieg

Fellatio

Einmarsch

Zimmer & Polzer

Ist Prohaska lustig?

Prohaskas Personalpronomen

Krankls Kelch

Piefke

Letzter Wille

Hubschrauber und Huhn

Wimbledon

Wenn Prüller brüllt

In memoriam

Lwiw

Zu meiner Zeit

Political correctness

Wo die Heimat ist – und was sie ist

Berghaarpräsident

Herr Präsident!

Europa’s next Top Politician

Aschonprovokatör

Der letzte Petzi

Unschuldsvermutung

Aloha’Oe, Lili’uokalani!

Ostende

Jasomirgott am Life Ball

Franz und Sisi

Wir sind Kaiser

Motivforscher

Kolosseum

Dickens, Freud und Freund

Austria 12 points

Der Song Contest in Österreich und Deutschland

Totos Triumph

Oslo

San Remo

Gianna

Jetzt anders

Robinsons Waterloo

Heilige Nadine

Ein Kind (von Conchita Wurst)

Anything go

Helgason

Aserbaidschan

Schweden

A Buach

Ein bisschen Werbung

Der Hausverstand

Pangzion

Educated guess

Boris Becker trinkt!

Rufen Sie nicht an

Die Wahrheit ist den Schweinen wurst

Bauer sucht Sau

Werbung

Im Glashaus

Wer im Glashaus sitzt

Die Probleme der Religionsredaktion

Medjugorje

Heuer schenken wir uns nichts

Weihnachtsmann

Fasten

Traurigkeit

Bergdoktor

Volksmusikabend

Leihpilger

Letzte Versuchung

Reality und Realität

Hinaus!

Moor im Spital!

Liebesgeschichten & Adjektiva

Verlierer

Schlechte Geschichte

Kampusch

Mondlandung

Arno Dübel

Frühstücksfernsehen

Am Zahnfleisch

Galileio-TV

Fernsehgeschichte

Canetti beim Casting

TV Totalschaden

Opferlogik

Nichts

Auf der Insel

Spuren

Eins

Esti, die Umwegrentable

Concordia

Sex Sex Sex

Sex-Talk

Sex Sex Sex

Summer of 69

Ehebruch und Sexskandal

Meine Hochzeit

Kreuz und Kinderkrise

Penthouse

Kant

Thema

Ins Lond einischaun

Wir Ösis

Wie indiskret!

Hasen-TV

Beim Arzt vom Wörthersee

Am Titicaca See

Haider & Haider

Der Superförster

Herzkino

Gelächter aus dem Off

Satiregesetz

Der Witz

Star Dreck

Vampir-TV

Englisch

Wiiilma!

Filmstar

Scherzinfarkt

Forellenfurz

Qualitätshumor

Greatest Britain

Fernbedienung

Flatterball

Der Fernsehtechniker

Selbstanzeige

Introitus

Vor 100 Jahren

Vor hundert Jahren wurde der »Fernseher« erfunden, jedenfalls das Wort.

1912 schrieb mein Vorgänger Egon Friedell in seiner Glosse den Satz: »Höchstwahrscheinlich steht uns die Erfindung des Fernsehers bevor.« Und weiter denkt er: »Der Schriftsteller wird zurücktreten, weil die Technik zu vollkommen entwickelt ist. (...) Gar nicht ausgeschlossen, dass es in hundert Jahren eine Art der publizistischen Wirksamkeit geben wird, die der Schriftstellerei an Eindringlichkeit, Vielseitigkeit und Beweglichkeit ebenso überlegen ist, wie das Buch und die Tageszeitung dem Kanzelredner und Wanderprediger ...«

Jetzt ist es hundert Jahre später, und es ist so weit. Leider. »Es ist möglich«, so Friedell, »dass die Dichtkunst mit der Zeit überhaupt verschwinden wird.« Vorbei die Zeit, als sie konkurrenzlos war – als Meinungsbildung, als Gewissensbildung, als Unterhaltung, als sie die Hoheit hatte über Nachtkästchen, Couch, Sofa und Diwan, als die Neuerscheinung eines Buches noch ein lange erwartetes Ereignis war, sozusagen ein »Medienspektakel«. Früher wurde Dichtung nur durch den Analphabetismus behindert, danach auch durch Kino, Radio, Fernsehen im Verdrängungswettbewerb besiegt, zuletzt außerdem durch neue elektronische Medien, von denen Friedell noch keine Ahnung hatte – und die die Menschen rund um die Uhr gebucht (!) haben.

»Damit ist aber keineswegs gesagt, dass die Dichter verschwinden werden«, so Friedell. Das stimmt: Eines wenigstens können und dürfen sie, was sie vor hundert Jahren nicht konnten: Fernsehkolumnen schreiben.

Egyd des Jahres

Leider wurde ich dieses Jahr nicht »Schriftsteller des Jahres«, und denkbar knapp auch nicht »Kolumnist des Jahres«, »Satiriker des Jahres« oder »Nicht-in-eine-Schublade-zu-Zwängender-des-Jahres«. Nicht einmal »Chefoutsider«, »Off-Scene-Messias« oder »Low-Budget-and-No-Lobby-Novelist of the year« sind sich ausgegangen. Denkbar knapp bin ich an einer Nominierung für den »besten Bundesländerroman in einem Hauptstadtverlag« vorbeigeschrammt.

Ich habe weder den Grammy, noch den Nestroy, noch den Oscar, noch die Mickey Maus für die Rolle des besten männlichen Nebendarstellers in »Report«, »les.art« oder »Bundesland heute« bekommen. »Frau des Jahres« war ja von vornherein ausgeschlossen. Der »Ehrenbernhard« für das »längste Satzgefüge des Jahres« wird ja leider – mit oder ohne Gala – noch ebenso wenig vergeben wie der »Winkler-Award« (für die meisten Partizipialkonstruktionen auf einer Seite) oder der »Streeruwitz-Award« (für die meisten Interpunktionen in einem Absatz), der »Qualti« für den grantigsten Gesellschaftskritiker des Jahres oder der »Andre« für die kryptischsten Fingerbewegungen während Interviews. Zweifelsohne hätte ich die alle eindrucksvoll abgeräumt und mich eine Glaskristallfigur schwenkend vor einer großen Festgemeinde freudestrahlend bei meinen Eltern bedanken können, bei meiner Frau, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre (bei der Gelegenheit: Küsschenküsschen!), bei all jenen – nennen wir sie: aufrechte Proseccokulturlobbyisten, die mit großem Wohlwollen und unermüdlicher blablabla ...

Über diverse Szeneeitelkeitsorgien und Selbstverchrist-baumungen am Jahresende, über die Veroscarisierung und Verhollywoodisierung europäischer Kultur und Literatur könnte man getrost unbeteiligt hinwegsehen, wären solche Preisverleihungen und ihre Galas heute nicht reine Marktmachtinstrumente, mit der Teile der Branche mittels permanenter, aufdringlicher Selbstabfeierung auf sich aufmerksam machten und von denen sich auch sämtliche Medien erpressen lassen. Nicht nur beim bildenden Künstler sind die hin- und hergeschobenen Auszeichnungen mittlerweile viel wichtiger als die Zeichnungen (heuer zeichnet A B aus, nächstes Jahr B A: kulturelles Kommutativgesetz). Das Preisetragen ist viel entscheidender als das Werkeschaffen. Manch einer trägt seinen Preis wie einen Orden, nein, wie einen akademischen, nein, wie einen Amtstitel. Ohne das Präfix »XX-Preisträger« seinen Namen zu nennen, ist im Grund eine Ehrenbeleidigung. Es wäre kein Wunder mehr, würden in unserer Ära des super-oberflächlichen Kulturkapitalismus im Werkverzeichnis nur noch die Preise angeführt! Nur Autounfälle sind noch karrierewirksamer. Es kommt allerdings schon drauf an, welche Marke man geschrottet hat. (Ein Japaner bringt nix! Nur Maserati, Lamborghini, solche Sonnenwägen!) Am anderen Ende der Oscar-Nacht stehen die »Stillen«, die dem »Druck nicht gewachsen sind« und sich vor den Zug oder aus dem Fenster stürzen. »And the loser is ...«

Valossn! Valossn! Um nicht gänzlich in Depression zu versinken, habe ich heuer zum ersten Mal die Wahl zum »Egyd des Jahres« veranstaltet. Nominiert waren außer mir noch der Heilige, der Vorderteil einer E-Gitarre und der französische Fremdenführer, le guide. And the winner was – trara, trara & Trommelwirbel – ladies & Leserinnen, Egyd des Jahres wurde niemand Geringerer als – ich! Triumph! Ich habe es ja immer gewusst! Einmal würde ich es schaffen! Sollte ich mir gleich einen Glitzeranzug kaufen? Ich gratulierte mir herzlich. Ich dankte mir. Ich freute mich. Ich war total überrascht, aber auch überaus bescheiden und gab den (undotierten) Preis an mein Publikum weiter. So wurde ich noch sympathischer, und standing ovations waren mir sicher.

Ich versprach meinem Publikum, dass mir die hohe Auszeichnung nicht zu Kopf steigen, sondern dass ich hart weiterarbeiten würde, um auch im kommenden Jahr wieder Egyd des Jahres zu werden.

Prophet Hinterseer

Die Ferienwoche nutzte ich zum Jahresrückblicksurfen auf verschiedenen Kanälen. Lasset euch sagen: Es deprimierte mich sehr! Schreckliche Finanzkrise! Schreckliche Wirtschaftskrise! Schreckliche Finanzwirtschaftskrise! Schreckliche Politbankdebakel! Schreckliche Buschbrände und Erdbeben! Schreckliche Spitzelakten, Flugzeugabstürze, Stadtarchiveinstürze und Klimagipfeleinstürze! Schreckliche Mittelschulamokläufe, Keller-kerkerausräumungen, Hochzeitsmassaker und Blutbäder! Schreckliche Provisionsschinderei, Spesenritterei und Korruption! Schreckliche menschliche und gesellschaftliche Verwahrlosung mitsamt Gewaltexzessen, außerdem Neonazistöraktionen! Schreckliche, schwere Unruhen in Gottesstaaten, außerdem wilde Proteste gegen schreckliche Unterrichtsminister!

Ist die Welt zum Jahreswechsel also ganz verloren? Noch nicht ganz! Denn zu uns Elenden und Verschreckten spricht von hoch oben auch der Prophet Hinterseer! Und was kündet er uns mit der Ziehharmonika vor der Brust? Hansi, der Hinterseer sagt: »Wenn ich von einem Berg hinunterschaue, die Sonne und das Wasser sehe, dann fühle ich, dass die Welt heilbar ist.« (Wort des lebendigen H.) Dank sei H.! Bärig! Tja, meine Lieben! Das Wesentliche ist für den Fernseher unsichtbar. Man sieht nur mit dem Hinterseer gut!

Publikumslieblinge

12. Februar

Ist es Ihnen aufgefallen? Erfinden kann man so etwas nicht! Der 12. Februar wird in die Geschichte eingehen. Der negativste und der positivste Österreicher in der Geschichte der Republik (beide haben als Nachnamen einen Vornamen) haben denselben Todestag! Der Negativösterreicher Thomas Bernhard und der Positivösterreicher Peter Alexander haben beide am 12. Februar dieses Land (und diese Welt) für immer verlassen – davon erholt es sich nimmermehr.

Gut: Der Positivösterreicher ist 84, der Negativösterreicher bloß 58 Jahre alt geworden. Aber der könnte argumentieren, dass er sich 26 Jahre Leben/Leiden und »Verschlimmerungsprozess« (T. B.) erspart hat. Gerade in den letzten Jahren seines Lebens ist dem armen, armen Positivösterreicher das Positive leider ziemlich vergangen. Die schlimmsten, niemals besungenen, niemals heraufbeschworenen Befürchtungen sind Wirklichkeit geworden. Das Schlimmste ist, wenn einem der Lebensmensch stirbt, und das Schlimmste ist, wenn einem das Kind stirbt. Viel darf man vom Schicksal ja nicht verlangen, weder Ruhm, noch Erfolg, noch ein 40-Millionen-Publikum, aber das muss man vom Schicksal verlangen können, dass man stirbt – und seine Kinder leben. Als wäre die Orpheussituation nicht traurig genug gewesen! »Hier ist kein Mensch mehr!«, muss Peter Alexander sich zuletzt gedacht haben. »Steck dir deine Sorgen an den Hut« hat er nicht mehr gesungen. Über sein Schweigen am Lebensende ist viel geschrieben worden, aber nicht, wie viel Weltekel darin gesteckt haben muss! Ich kann mir gut vorstellen, dass er zuletzt eher »Alte Meister« (der Roman vom Tod des Lebensmenschen) oder »Auslöschung« gelesen hat. »Ich möchte nicht in der Zukunft leben müssen!« »Nach meinem Tod darf nichts mehr von mir veröffentlicht werden, worunter auch Briefe und Zettel zu verstehen sind ...« Wer ist jetzt wer – und was ist von wem? Gegen Lebensende hin haben sich Negativösterreicher und Positivösterreicher angenähert. Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt’s beide gleich ...; gewöhnlich enden also auch die großen Optimisten tragisch, und Peter Alexander erhielt in »Heldenplatz« – unter dem Pseudonym Professor Robert sogar eine Gastrolle: »Ich protestiere nicht / ich protestiere gegen nichts mehr / alle Proteste verbieten sich am Lebensende ... ich will meine Ruhe haben ... das ist schließlich mein Lebensabend / und der ist schon gleich zu Ende ... da müsste man ja ununterbrochen / Tag und Nacht protestieren / denn überall wird alles vernichtet / überall wird die Natur vernichtet / die Natur und die Architektur – alles / bald wird alles vernichtet sein / die ganze Welt wird bald nicht mehr wiederzuerkennen sein ... ich unterschreibe schon so viele Jahre nichts mehr / ich protestiere schon Jahrzehnte gegen nichts mehr ... ich weiß genau, was los ist / aber ich lasse mich nicht mehr darauf ein / ich will mich nicht mehr darauf einlassen / das kann man von mir nicht mehr verlangen / ich bin ein alter Mann, das ist keine Entschuldigung / aber ich kann doch Verständnis erwarten oder nicht«. Doch, lieber Peter Alexander, doch, doch! Die Wirklichkeit ist so schlimm, dass sie nicht besungen werden kann! Und im Angesicht des Todes ist alles lächerlich, Pedro, alles!

In hora mortis: zwei Riesenösterreicher, die sozusagen die Skala des Möglichen in diesem Land aufgespannt haben, jeder an einem Ende: der Meister des Trostes und der Meister der Trostlosigkeit. Und – Ironie des Schicksals: So weit sie auch entfernt waren, kommen die Todestagsgenossen am selben Friedhof, dem in Grinzing endgültig und für immer zusammen. Tu infelix Austria: Es wird ein Grinzing sein, und wir werden nicht mehr sein ...

Waltz und Rapp

Es ist 2.48, da meldet sich die innere Stimme von Peter Rapp: »Was hat der Waltz, das ich nicht hab?« Gleich antwortet die zweite innere Stimme: »Naja, du hättest Österreich schon frühzeitig verlassen und nach Berlin und London ziehen müssen! Weißt du, wie in Berlin und London die Wiener Schnitzel und die Leberknödelsuppen schmecken? Ich sag’s dir: Wääähhhh! Und ORF gibt’s dort auch keinen!

Und du hättest halt einen diabolischen SS-Mann spielen müssen – und vorher Roy Black! Bei der Oscar-Verleihung ›Ganz in Weiß‹ singen müssen. Dank dir wüsste die Welt dann, wie Roy Black heute aussehen würde.« – IS 1: »Aber die Penelope hätte mich geküsst!« – IS 2: »Aber bloß auf die Wange. So richtig in den Kopf gebissen hätte sie dir nicht, um mit Garfield zu sprechen. Jetzt müsstest du dich sinnlos von Party zu Party treiben lassen und anschließend Sigmund Freud spielen. 17 Jahre Kieferkrebs, und dann – gewissermaßen vom diabolischen SS-Mann vertrieben – nach London! Wieder keine Wiener Schnitzel! Wääähhh! Ich werde den Freud ablehnen! Ich werde den Freud nicht spielen! Tröste dich, Peter: Tobias Moretti und Günther Tolar haben nicht einmal für ihre Darstellung von Adolf Hitler einen Oscar bekommen!«

Es ist 2.49, und da schläft Peter Rapp friedlich vor dem Bildschirm ein.

(IS 1: Innere Stimme 1; IS 2: Innere Stimme 2)

Jahrhundertsaga

Bankier Bockelmann: »Was sagen die Leute auf der Straße draußen? Wird es Krieg geben?« – Chauffeur: »Ich weiß nicht.« – Bankier (mit schreckstarrem Gesicht): »Das ist kein gutes Zeichen ...« Das hat schon was von Dostojewski! So viel habe ich über diese Zeit gelesen. Dank der Fünf-Sterne-Jahrhundertsaga weiß ich jetzt endlich wirklich, wie es vor dem Ersten Weltkrieg war!

Großes Kino (wenn auch bloß im TV)! Thomas Mann! Tolstoi! Bockelmann! Buddenbrooks. Krieg und Frieden. Aber bitte mit Sahne. Man kann die Gesamtwirkung und die Aura eines deutschen Schlagerstars in ihrem ganzen Umfang erst ermessen, wenn man das Schicksal seines Großvaters in den Wirren des Ersten Weltkriegs kennt – und die Wirrungen des Vaters im Zweiten. So erhellt sich auch sein eigenes Heldendrama, sich gegen den Schrott der Plattenfirmen zu wehren (z. B. »Roter Wein aus Portofino«) und musikalisch das durchzusetzen, was er selbst ist und eine ganze Generation und Nation bewegt (z. B. »Merci Chérie«, »Siebzehn Jahr, blondes Haar«, »Was ich sagen will, sagt mein Klavier« ...). Naja.

Interessieren würde mich jetzt schon: Was hat der Großvater von Freddy Quinn gemacht? Was der Großvater von Karel Gott? Was die Großväter von Lordi und Ruslana? Was die Großväter von Roberto Blanco und Mireille Mathieu?

Bildung

Nicht Animosität, nicht Aversion, nur das Unwidersprochene zieht mich hinan. Und es war eben wieder einmal Udo Jürgens, der in einem Interview gesagt hat: »Mein Publikum ist durch die Bank nicht ungebildet!« Der andächtige Journalist ist nickend zur nächsten Frage übergegangen. Ich hätte sofort zurückgefragt: Woher wissen Sie denn das? Gibt’s an der Kassa Eignungsprüfungen? Muss man sein Maturazeugnis mitbringen? Ui, dann müssten aber einige Politiker, die sich als Ihre Fans deklarieren, leider draußen bleiben ... Wird man, bevor man zu Ihrem Konzert darf, nicht bloß von Security-Leuten, sondern auch von einem Security-Philosophen perlustriert?

Oder war Ihr Statement einfach eine »captatio benevolentiae?« (Übrigens: Weiß Ihr Publikum, was das heißt?) Ist Latein noch zeitgemäß und was halten Sie von der Zentralmatura? Von Multiple-Choice-Test-Bildung? Ist das normierte Kreuzerlmachen nicht gleichzeitig Ende des Alphabetismus und Anfang des Analphabetismus? Ach ja! Der Vorhang zu und alle Fragen offen. (Weiß Ihr Publikum übrigens, von wem das ist?)

Wenn ich so indiskret sein darf: Mein Publikum war in »Deutsch« nie schlechter als »Befriedigend« – außer der Professor ist ihm aufgesessen. Dann lautete die Parole: »Widerstand!«

Das führt uns, Herr Prof. h. c., zur zentralen Frage: »Was ist Bildung? Ist Bildung nicht das, was übrig bleibt, wenn alles andere vergessen ist?«

Wetten, dass ...?

»Wetten, dass ...?«, die Wärmestube alternder deutscher Tennisspieler, war wieder am Programm. Das Format stammt aus einer Zeit, als das Wort Format eine Bedeutung hatte, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Die Sendung begleitet schon drei Generationen durchs Leben: Meine Eltern kannten sie. Ich kenne sie. Meine Kinder kennen sie. Immer war der Fernseher eingeschaltet. Aber interessanterweise hat nie jemand zugeschaut: Der Vater legte Patiencen. Die Mutter studierte Kochbücher. Ich beschäftigte mich mit meiner Freundin oder meiner späteren Frau. Die Tochter spielt mit ihren Barbiepuppen oder Nintendo und erschafft irgendwelche virtuelle Kreaturen, hauptsächlich natürlich next Topmodels. Wirklich auf den Bildschirm schauen nur unsere beiden Kaninchen.

Der Fernseher läuft einfach, weil er zur Familie gehört, und weil es unhöflich wäre, ihn auszuschalten. Aber ich bin so ignorant, dass ich kein Interesse für das Privatleben deutscher Wimbledonsieger von 19irgend was habe. Könnte der ORF nicht wenigstens während des elendiglichen Beckersmalltalks ausblenden und etwas Eigenes senden? Meinetwegen das Testbild! Ich habe es satt, ein Nebenmarkt zu sein!

Bei der letzten Ausgabe gab es übrigens noch einen schweren Fehler! Ist er Ihnen aufgefallen? Ohne einsichtigen Grund gab es keinen Auftritt von Peter Maffay.

Gottschalk!

Kaum ist der griechische Premier zurückgetreten, gibt es auch schon einen neuen. In Italien geht’s ebenso. Sogar ein ÖVP-Obmann lässt sich im Fall der Fälle über Nacht austauschen. Wirklich schwer zu ersetzen aber ist ganz ein anderer, und seit einem Jahr hat die westliche Welt kaum noch ein anderes Thema: Wer wird der neue »Wetten, dass ...?«-Moderator?

Das Anforderungsprofil ist heikel: Der Smalltalkaholic muss mit Schauspielerinnen, Modeschöpfern, Models und Fußballern über nichts und wieder nichts plaudern können, Wettangebote vorlesen, die ihn selbst am allerwenigsten interessieren, und die Musik seiner Enkel ansagen. Außerdem jede Sendung ein paar Augenblicke schweizerln und nasal wienerln und nuscheln wie Hans Moser.

So ein Mann ist schwer zu finden. Manche meinen, man sollte »Wetten, dass ...?« einstellen. Manche plädieren dafür, das ganze ZDF zuzusperren oder das Fernsehen schlechthin rückgängig zu machen. Wenn schon Lagerfeuer, dann richtig. Ich denke, Gottschalk lässt sich überhaupt nur durch Gottschalk ersetzen, das heißt, durch ein Gottschalk-Double. Man sollte in Deutschland einen Gottschalk-Imitationswettbewerb veranstalten, wie es die Elvis-Fans in den USA praktizieren: Germany’s next Top-Gottschalk. Apropos: Hans Moser selbst wurde bei einem Hans-Moser-Ähnlichkeitswettbewerb einmal Dritter ...

Nichts am Freitag

Mein bester Freund ist weg! Einfach abgehauen. Einfach so. Er heißt Michael Niavarani. Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt – aber wer kennt in Zeiten wie unseren seinen besten Freund schon persönlich? Man muss schon froh sein, wenn man überhaupt einen hat! Seine Feinde bekommt man ja auch nicht mehr zu Gesicht. Die sitzen unsichtbar irgendwo in irgendwelchen Kuben aus Glas, Chrom und Stahl, hecken irgendwelche Gemeinheiten aus, intrigieren einen ins Abseits und mobben einen ins Out. Der Vorteil, wenn man seine Freunde nicht kennt, ist, dass man nicht mit ihnen streiten kann. Daran zerbrechen ja die meisten Freundschaften. Niavarani (wir sind per Sie) war sehr beschäftigt. Viel Zeit hatte er nie für mich. Aber am Freitagabend immer. Wir hatten viel Spaß miteinander. Er hat mich gelehrt, jedes Phänomen zwischen Himmel und Erde dahingehend zu überprüfen, ob es als Ding der Woche taugt. Er hat mich gelehrt, dass man sich von einem Peter-Alexander-Imitator wegen seiner Nutellasucht aufziehen lassen kann, ohne gleich auszuzucken. Menschlich sehr berührend. Und zum »Traumschiff« hat er »Bettnässer« assoziiert, der König der Kalauer! Was haben wir gelacht! Und letzten Freitag steht er einfach auf und sagt: »So. Sommerpause. In zwei Monaten sehen wir uns wieder!« Ja, darf man das als bester Freund? Ich bin entsetzt. Jetzt stehe ich vor dem Nichts. Zumindest am Freitag.

Büchergutschein

Es gibt Freitage, an denen auch die österreichische Paradekabarettformation, die Hektiker, vor halbleeren Sälen auftritt. Konnte das Publikum ahnen, dass 38 Euro Eintritt zu teuer sind für zehn Jahre alte, in Routine erstarrte Gags, Sketches und Parodien, die man schon vor Äonen im Fernsehen konsumieren konnte? Nein. War die Generalprobe des Musikantenstadls eine zu große Konkurrenz? Wohl kaum. Andere Zielgruppe. Viktor Gernot und Florian Scheuba waren eine übermächtige Konkurrenz für sich selbst. Denn während sie sich live zum x-ten Mal wiederholten, waren sie gleichzeitig, wenn auch aufgezeichnet, im Fernsehen bei »Was gibt es Neues?« neu und spritzig und witzig: Ein neuer Beleg für die alte These, dass das Fernsehen nicht nur viel, viel billiger, sondern auch viel, viel besser als die Wirklichkeit ist. Man ist stets enttäuscht, wenn man Menschen kennen lernt, die man nur aus dem Fernsehen kannte: Sie sind in Wirklichkeit kleiner und dicker, älter und langweiliger, von den Hautunreinheiten einmal ganz abgesehen.

»Was gibt es Neues?« jedenfalls halte ich für eines der ganz wenigen wirklich gelungenen Formate im ORF: Es war auch schon alt, musste nicht eigens herbeireformiert werden. Und Kultstatus hat die Sendung für mich schon, weil es 300-Euro-Büchergutscheine zu gewinnen gibt. Sensationell! Wo findet man das sonst noch?

»Hurenkind«

Eines der großen Ziele meines Lebens ist es, einmal einen 300-Euro-Büchergutschein zu gewinnen. Deshalb habe ich dem Rateteam von »Was gibt es Neues?«, wie viele andere Österreicher auch, eine Frage gemailt. Sie lautete: »Was ist ein Hurenkind?«. Seither verfolge ich gespannt jede Sendung, aber meine Frage kommt und kommt nicht.

»Solch ordinäre Sachen«, erklärt meine Nachbarin, Frau Wegscheider, »scheiden die sicher aus.« – »Aber woher denn! Der Niavarani und die Marold schweinigeln doch unentwegt! Letztens wurde gefragt, was ein ›Hofschlauchührer‹ ist, und Nia hat im ›Kulturnagel‹ den ›Zipfel von Holender‹ vermutet.«

»Ja«, gab Frau Wegscheider zurück, »aber ein Hurenkind ist doch ganz etwas anderes!« Genau: Beim »Hurenkind« handelt es sich nämlich um einen Spezialbegriff aus der Setzer- oder Druckersprache. Der Setzer spricht von einem »Hurenkind«, wenn ein Absatz auf der ersten Zeile einer neuen Seite endet. Das ist schriftbildlich unschön und soll vermieden werden. Analog dazu gibt es auch den »Schusterbub(en)«: Davon spricht man, wenn ein neuer Absatz auf der letzten Zeile einer alten Seite beginnt.

Trotzdem wurde meine Frage nicht gestellt. Dabei wollte ich nur für mein neues Buch Werbung machen, in dem es weder Schusterbuben noch Hurenkinder gibt.

Publikumsliebling

Mirjam Weichselbraun ist ein Publikumsliebling. Denn sie ist zuckersüß und superlieb und zauberschön, und deswegen darf sie die »Dancing Stars« moderieren. Hat sie die »Große Chance« nicht auch schon moderiert? Und den Opernball? Und die Song-Contest-Quali? Mirjam W. moderiert im Grund alles, was sich bewegt. Und deswegen darf sie auch werben, und zwar für denselben Supermarkt wie James Bond. Sie, die Castingshowmoderatorin, wurde selber nicht gecastet, jedenfalls nicht in einer Castingshow, in aller Fernsehöffentlichkeit. Wir lernen: Ein Publikumsliebling wird nicht vom Publikum ausgesucht. Er wird ihm vorgesetzt.