image

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.amalthea.at

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT

Umschlagmotive: © iStock.com

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH,

Heimstetten

Gesetzt aus der 11/13,1 pt Minion Pro

ISBN 978-3-99050-014-9

eISBN 978-3-903083-01-1

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Günther R. Leopold

Schwarzer Nebel

GÜNTHER R. LEOPOLD

SCHWARZER NEBEL

EIN PHOENIX KRIMI

SIGNUM

1.

Obwohl Mr. John Smith mit seiner Knickerbocker-Hose und dem großkarierten Sporthemd durchaus adrett aussah, hätte man in ihm schwerlich einen Millionär vermutet – noch dazu einen Multimillionär! Und doch gehörte der etwas knöchern wirkende Engländer zu jenen Kreisen, die es sich aufgrund ihres Bankkontos leisten können, ihre Zeit auf luxuriösen Segeljachten oder exklusiven Partys zu verbringen. Das Seltsame aber war, dass John Smith davon nichts wusste!

Er stand am Ufer des Sees und starrte nachdenklich auf die leicht gekräuselten Wellen, als müsste er noch heute das Geheimnis der dunkelgrünen Tiefe enträtseln. Seit er zum ersten Mal den See entdeckt hatte, zog ihn die eigenartige, fast melancholische Färbung des Wassers in ihren Bann. Aber so sehr er sich auch bemühte, seine forschenden Blicke konnten die grünen Schleier nicht durchdringen. Er trieb dieses Spiel einige Male am Tage, wusste von vornherein, dass es zu keinem Ergebnis führte und konnte es doch nicht lassen: Vielleicht weil es ihn an sein Spiel mit der Vergangenheit erinnerte, das ebenso fruchtlos verlief und das er ebenso immer aufs Neue versuchte. Denn obwohl man John Smith für einen Mann Ende fünfzig halten konnte, war er erst siebzehn Jahre alt.

Siebzehn Jahre war es nämlich her, dass der heutige John Smith auf einem schmutzigen Frachter zwischen Madagaskar und Ceylon – dem heutigen Sri Lanka – das Licht seiner neuen Welt erblickt hatte. Er war damals – darin bestand das Rätsel seines Lebens – ein Mann Anfang vierzig. Ein blinder Passagier, der sich nicht etwa an nichts erinnern wollte – der sich an nichts erinnern konnte! Ein Mann ohne Papiere – ein Mann ohne Vergangenheit. Er sprach Englisch, ein gepflegtes Englisch, wie man es an den Universitäten von Oxford und Cambridge hört, doch mit leicht irischem Akzent; die einzige Tatsache, die wenigstens gewisse Rückschlüsse auf sein früheres Leben zuließ. Aber wie er auf das Schiff gekommen war, woher er stammte, welchen Beruf er ausgeübt hatte, das alles war in dunkle Fetzen schwarzen Nebels getaucht.

»Schwarzer Nebel« – woher nur kannte er dieses Wort, diesen ganz besonderen Ausdruck? Das war keine bloße Umschreibung seines Gedächtnisverlustes. Dahinter steckte mehr! Das war ein Begriff seiner verlorenen Vergangenheit, eine Spur zurück ins Gestern, der er immer wieder nachzugehen versuchte, die sich aber immer wieder verlief und ihn mit einem Gefühl ungelöster Spannung zurückließ.

Man hatte ihn am Äquator mit Meerwasser getauft und ihm den gebräuchlichsten aller Namen gegeben: John Smith. Ein ausgleichendes Schicksal hatte ihn im Hafen von Colombo das Kind eines amerikanischen Ölmillionärs retten lassen: Eine klaffende, von scharfen Haifischzähnen stammende Schenkelwunde und ein nicht unbeträchtliches Legat, das ihn frei und unabhängig machte, waren die Folge gewesen. John Smith musste zugeben, dass sich das Schicksal für seine verlorene Vergangenheit erkenntlich gezeigt hatte. Und wusste er überhaupt, ob es sich lohnte, dem Phantom eines anderen Namens, eines anderen Lebens, nachzujagen? Das er es doch tat, war jener gleichen Hartnäckigkeit zuzuschreiben, mit der er im Augenblick die grüne, lockende Tiefe des Sees zu durchdringen suchte. Als er es nach weiteren zehn Minuten mit einer Art von Bedauern aufgab, verspürte er dasselbe Gefühl ungelöster Spannung, das ihm von seinem Stöbern aus der Vergangenheit her so vertraut war. Mit einem Laut des Unwillens schüttelte er sich, als könne er wie ein nasser Hund die lästigen Gedanken gleich Tropfen abschütteln. Dann zündete er sich eine Pfeife an, deren blaue Rauchringe die Schwarzen Nebel mit sich nahmen.

Als John Smith zu dem intimen, idyllischen, im Wald gelegenen Campingplatz zurückkehrte, erinnerte er sich, dass verschiedene seiner Vorräte bedenklich zur Neige gingen. Er hatte schon gestern einiges nachzukaufen beabsichtigt und es auf heute verschoben. Mit einem bedauernden Blick auf die mächtige Seemauer, eine Felswand, die sich jenseits des Waldes aufbaute und den See in seiner ganzen Ostlänge einschloss, holte er seinen abgeschabten Rucksack aus dem Zelt.

John Smith hielt nicht viel von »Reputation« – oder wie immer man den Zug zum Angeben umschreiben mochte. Er hätte sich dank seiner gesicherten Vermögensverhältnisse ein weitaus bequemeres, eindrucksvolleres Zelt leisten können. Aber er liebte das kleine, unscheinbare graue Etwas, das sich neben den prunkvollen Zeltpalästen der anderen wie ein armseliges Pförtnerhäuschen ausnahm. Irgendwie hegte er eine unbewusste Ahnung, dass er schon früher einmal viele Tage seines Lebens in einem ebenso grauen, unscheinbaren Etwas verbracht haben musste. Darauf führte er auch seine Vorliebe fürs Campen zurück und es erklärte die Tatsache, dass er im Augenblick wie ein motorisierter Zigeuner mit seinem kleinen Austin durch halb Europa zog.

Er war von Griechenland über Serbien und Kroatien nach Österreich gekommen und wollte von Graz aus über Salzburg nach München weiter. Als er aber von der Höhe der Prebichler Passstraße aus zum ersten Mal auf die im Tal gelegene Bergbaustadt Eisenerz blickte, glaubte John Smith einige Augenblicke lang, eine unsichtbare Hand könnte die Schwarzen Nebel seiner Vergangenheit für Sekunden zerteilen. Der rotbraune, in Terrassen abgestufte Erzberg, übrigens ein Gelände für weltbekannte Motorrad-Trials, erweckte mit seinen Gleisanlagen und Geröllhalden in ihm das Gefühl, dass er das alles – oder doch etwas ganz Ähnliches – schon irgendwo gesehen haben musste; mehr noch, dass es einen bedeutenden Teil seines früheren Lebens ausgemacht hatte.

Das – und nicht die romantische Schönheit des nahegelegenen Leopoldsteinersees – war der wahre Grund, warum John Smith seit zehn Tagen seine Reise unterbrochen hatte. Gleich einem Forscher fühlte der Mann ohne Vergangenheit, dass er ganz dicht vor einer Entdeckung stand, die seinem Leben eine entscheidende Wendung geben würde. Er versäumte es nicht, mehrmals am Tag nach dem kleinen Industrieort hinüberzufahren und auf dessen rotbraunes Wahrzeichen zu starren. »Du brauchst nur in den Schwarzen Nebel hineinzugreifen!« Immer wieder suggerierte sich John Smith diesen Befehl. Aber es blieb bei einem blinden Tasten, einem suchenden Tappen, das nichts Greifbares zu Tage förderte. Das Gesicht einer Frau tauchte wieder für Sekunden auf, die John Smith vor zwei Monaten in London durch Zufall gesehen hatte. Er konnte es sich nicht erklären, in welchem Zusammenhang es mit Eisenerz, einem österreichischen Bergbauort, stehen sollte? Und doch kehrte dieses Antlitz mit der hartnäckigen Beständigkeit eines Albtraumes wieder, gerade jetzt, da der rotbraune Berg mit seinen von Menschenhand geschlagenen Wunden ihn in diese eigenartige Spannung versetzt hatte. Ein Frauengesicht – ein Bergbaubetrieb – »Schwarzer Nebel«! – John Smith wusste mit diesen Begriffen nichts Rechtes anzufangen. Aber auch die scheinbar zusammenhanglosen Stücke eines Puzzlespieles fügen sich ganz zwanglos ineinander, wenn man nur den richtigen Ausgangspunkt dafür findet.

Unwillig, wie ein in die Seite getretenes Tier, sprang der verstaubte Austin unter erheblichem Ächzen an. Ganz mechanisch hatte John Smith den Rucksack auf den Hintersitzen verstaut, während seine Gedanken in fremden Fernen weilten. Erst als sich der Wagen bereits mühsam in Bewegung gesetzt hatte, kam ihm zu Bewusstsein, dass er ja vorgehabt hatte, zu Fuß zu gehen. Er warf sich selbst einen wenig schmeichelhaften Ausdruck an den Kopf, brachte den Austin wieder auf seinen angestammten Parkplatz zurück und schlug kurz darauf den durch dichten Fichtenwald führenden Höhenweg ein.

Die Sonne hatte einen flimmernden Dunstmantel über die kleine Stadt gebreitet. Mit trägen Flügelschlägen kreisten einige Raubvögel über den rötlichen Geröllhalden. Wenn sie in die gleißende Bahn der Sonnenstrahlen gerieten, schienen sie für Sekunden zu verglühen, tauchten aber im nächsten Moment wieder unversehrt aus dem sengenden Licht auf. John Smith war am Waldrand stehen geblieben und saugte das bereits vertraut gewordene Bild mit dem gleichen Gefühl quälender Unruhe ein, das ihn bereits beim ersten Mal befallen hatte. Was war der Grund, dass ihn der Anblick eines aufgelassenen Bergbaubetriebes in solch einen Zustand fieberhafter Erwartung stürzen konnte?

Müde setzte der Engländer seinen Weg fort. Der einstündige Marsch hatte ihn weniger erschöpft als das augenblickliche Grübeln. Noch immer wollte sich der Schwarze Nebel nicht lichten.

Nachdem sich John Smith mit den für ihn unentbehrlichen Rauchwaren versorgt hatte, betrat er ein Molkereigeschäft, das ihn mit einer Auslage nett arrangierter Käsesorten zum Eintreten verlockt hatte. Der Laden war ziemlich voll und John Smith, wie jeder Engländer ein Meister in der Kunst des Anstellens, ließ seinen Blick gelangweilt über die Regale mit Milch, Eier, Butter und Margarine gleiten. Er schien nicht recht bei der Sache zu sein, sonst hätte er es bestimmt gemerkt, dass sich eine erst nach ihm gekommene Frau rücksichtslos vordrängte. Wieder hatte sich der rotbraune Berg zwischen die weißen Milchflaschen und die bunten Käseschachteln geschoben. Und in diesem Augenblick geschah es: Die eben erst eingetretene Frau hatte sich inzwischen weiter nach vorne gedrängt. »Ich bekomme eine Senna!« forderte sie mit harter, energischer Stimme.

»Bitte sehr, eine Senna!« Der Verkäufer schien ein serviles Echo. Es war das Letzte, was John Smith hörte. Es war, als ob jemand in seinem Inneren einen weithin hallenden Gong angeschlagen hätte. Die Schallwellen des Gonges schienen sich immer weiter und weiter fortzupflanzen und in John Smith eine ganze Kettenreaktion hervorzurufen: Senna! … Senna! … Senna! … Senna! Gleichzeitig hatte sich ein irrsinnig gewordener Filmstreifen übereinanderstürzender Bilder eingeschaltet: ein weißgetünchtes Hotel in fiebernder Hölle – Whiskydunst und qualmender Rauch und dazwischen groß aufgerissene, gierige Augen, die sich in ihn bohrten, als wären es giftige Dolchspitzen – ein ins Unendliche verzerrter Arzt, der nur aus einem weißen Kittel zu bestehen schien und mit einer überdimensionalen Injektionsspritze auf ihn zukam! – Und dann wieder das Gesicht jener Frau aus London, die sich mit mitleidigem Lächeln und einer kühlen Hand über ihn beugte und …

In diesem Augenblick versank John Smith in dem sich immer stärker drehenden Kreisel hektischer Erinnerungen. Als er wieder zu sich kam, umgafften ihn einige Köpfe mit dem Ausdruck freudiger Sensationsgier, während man eine kalte Kompresse um seinen Kopf schlang. Das nasse Tuch erinnerte John Smith wieder an die kühle Hand aus seiner Bilderflucht. Als er sich langsam, noch leicht benommen, aufrichtete, war aus John Smith James Richard Haugerty geworden. Und dieser James Richard Haugerty wusste endlich, warum ihm der Berg, das Gesicht der Frau und das Wort »Senna« so sehr beunruhigt hatten.

John Smith – oder besser gesagt James Haugerty – hätte später nicht mehr sagen können, wie er wieder zu seinem Zelt zurückgekommen war. Der Abend des gleichen Tages sah ihn ungewöhnlich lange vor seiner Feuerstelle sitzen. Seine Pfeife, an der er ab und zu rein mechanisch sog, war längst ausgegangen. Zwischen seinen Fingern drehte er einen Becher jener Margarine, deren Name James Haugerty einen solchen Schock versetzt hatte. »Senna« entzifferte er und »Delikatess-Margarine« und »Frischhaltepackung« und »tischfertig« und etwas, das der Name der Erzeugerfirma sein musste. Er hatte sich ein Röllchen der gelblichweißen Masse aus dem Becher geschält und es auf eine dicke Schnitte schwarzen Landbrotes gestrichen. Es schmeckte köstlich und war von echter Teebutter kaum zu unterscheiden. Aber James Haugerty hätte in diesem Augenblick auch eine mindere Sorte mit dem gleichen Entzücken genossen. »Welch ein Zufall!«, überlegte er. »Zuerst der Berg mit denselben Anlagen und Maschinen, die mir ein halbes Leben lang so vertraut gewesen waren und nun noch das gleiche Wort!«

Am nächsten Morgen kroch ein kleiner, verstaubter Austin mühsam dieselbe Straße zurück, die er vor elf Tagen gekommen war. Sechs Stunden später bestieg James Haugerty mit einem Pass, der noch immer auf John Smith lautete, die Kursmaschine Graz – Wien mit Anschluss nach London. In seinem Gepäck befanden sich sechs Senna-Becher, die Haugerty in Heathrow ordnungsgemäß verzollte. Der Beamte wunderte sich noch, wozu ein Reisender ausgerechnet sechs Margarinebecher der gleichen Sorte benötigte. Sie sollten im Laufe der nächsten Wochen im Leben von sechs »ehrenwerten« Männern und Frauen eine entscheidende, unheilvolle Bedeutung erlangen.

2.

Inspektor Millers vom Greenwich Kommissariat war ausnahmsweise strahlender Laune. Das kam selten vor, da er für gewöhnlich eine eindrucksvolle Miene berechtigter Verbitterung zur Schau trug. Gestern Abend jedoch schien ihm ein guter Fang geglückt: Man hatte Diamanten-Sandy verhaftet, als er mit der gesamten Beute aus seinem letzten großen Einbruch in einen der Schuppen der Harvey-Docks untertauchen wollte. Die Verhaftung war ein Musterbeispiel dafür, dass ein Beamter der Londoner Polizei »jederzeit und überall« – eine Lieblingsphrase des Inspektors – im Dienst zu sein hatte. Nicht das Millers bei Sandys Festnahme seine Hand auch tatsächlich im Spiel gehabt hätte. Der Inspektor vertrat jedoch die Ansicht, und er wusste sich damit einig mit verschiedenen Regiments- und Divisionskommandeuren des letzten Krieges, dass die Erfolge der Untergebenen hauptsächlich als Verdienst der Vorgesetzten zu werten waren.

»Ich habe so ein Gefühl, als ob unser Gast heute singen würde!« Sergeant Watts kam eben von der Zelle des Einbrechers und trug eine ausgesprochen hoffnungsvolle Miene zur Schau. »Die Schicksalsschläge der letzten Zeit müssen Sandy demoralisiert haben!«

Der Inspektor nickte mit einem Lächeln, das Watts die Überzeugung brachte, dass Millers auch Sandys private Schicksalsschläge auf sein Konto gebucht wissen wollte. Dabei hatte Sandy die letzten beiden Male bloß Pech gehabt. Sogar in Scotland Yard war man dieser Ansicht. Aber die Branche fragte nicht nach Pech oder Schuld. Erfolg oder Misserfolg – allein darauf kam es an; und Diamanten-Sandy schien in letzter Zeit etwas aus dem Rennen gekommen!

»Wirklich, er macht einen beinahe mitleiderregenden Eindruck«, setzte der Sergeant seinen Lagebericht fort. »Der Melancholiker wird mit ihm leichtes Spiel haben!«

»Der Melancholiker?« Millers’ strahlende Miene erlosch, als ob man einem zwölfbirnigen Luster den Strom abgedreht hätte. »Zum Teufel noch mal, Watts, wollen Sie mir nicht erklären, was der ver…, was Chefinspektor Hutchingson von Scotland Yard mit unserem Vogel zu tun hat?«

»Ja … hm … natürlich«, der Sergeant druckste herum, als ob er an einem zu großen Bissen zu kauen hätte. Dann holte er tief Luft und nahm beinahe so etwas wie Haltung an. »Sie waren doch vorhin auf einen Sprung … draußen.« Watts hütete sich wohlweislich, die Vorliebe des Inspektors für einen oftmaligen Schluck im gegenüberliegenden Pub näher zu umschreiben. »In der Zwischenzeit kam ein Anruf vom Yard durch. Der traurige Sam, ich meine, Chefinspektor Hutchingson, war persönlich am Apparat. Er forderte ausdrücklich, dass wir mit der Vernehmung bis zu seiner Ankunft warten sollten!«

»Wie, er bemüht sich persönlich?« Der Inspektor schien wenig erfreut. »Es hieß doch, nach Wachsgesichts Ende wäre Hutchingson in Pension gegangen?« »Nein, er hat sich nur eine längere Auszeit genommen.« Watts warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Er genießt im Yard wieder seine ›traurige‹ Berühmtheit. Und was uns betrifft, gegen Mittag wollte er vorbeischauen. Scheint ganz so, als ob hinter der Sache mehr stecken würde!«

»Für die da oben wieder ein Grund, um sich wichtig zu machen!« Inspektor Millers hegte wenig Sympathien für den Yard im Allgemeinen und Samuel Hutchingson im Besonderen. Er hatte zusammen mit dem Chefinspektor die Bänke der Polizeischule in Hendon gedrückt und konnte es nicht verwinden, dass Hutchingson inzwischen einer der Oberen von Scotland Yard geworden war, während er sich mit dem Kleinkram von Greenwich herumschlagen musste. Außerdem konnte er Hutchingsons melancholische Posen nicht ausstehen, die dem Chefinspektor zu seiner ›traurigen‹ Berühmtheit verholfen hatten.

In diesem Augenblick betrat ein Mann das Kommissariat, dem man allein schon aufgrund seiner Tasche den Arzt anmerken konnte. Er stellte sich als Dr. Laxbill vor und verlangte, sofort zu dem verhafteten Einbrecher geführt zu werden. Inspektor Millers schien einer Explosion nahe.

»Und sonst wollen Sie nichts?«, schnaubte er. »Vielleicht sollen wir ihn noch auf ihr ehrliches Gesicht hin entlassen?«

Der Doktor hatte aus seiner Tasche eine Injektionsspritze hervorgeholt und unterbrach nun erstaunt seine Vorbereitungen. »Hat Sie denn der Chefinspektor nicht informiert?«, fragte er mit weicher, fast unmännlich klingender Stimme. »Hutchingson wollte doch den Gefangenen einem Verhör unterziehen? Hm, es wäre nicht das erste Mal, dass ich dem Chefinspektor mit einem kleinen Injektiönchen geholfen hätte!« Dr. Laxbill deutete auf seine Spritze und entnahm hierauf einer Schachtel eine mit hellgelber Flüssigkeit gefüllte Phiole. »Haben Sie noch nichts von Wahrheitsseren gehört? Aber vielleicht wird Sie dieses Papier hier mehr überzeugen!«

Der Inspektor war wie elektrisiert. »Wahrheitsserum!«, keuchte er. »Also das sind die Methoden, mit denen der große Hutchingson seine Erfolge zustande bringt! Wahrheitsserum! Da kann natürlich unsereins nicht Schritt halten! Wirklich, es ist traurig!« Zweifellos hätte sich der Melancholiker gefreut, wenn er gewusst hätte, dass Millers eben seinen Lieblingsausdruck verwendete.

»Das können Sie dann mit dem Chefinspektor ausmachen!« Dr. Laxbill hatte seine Vorbereitungen vollendet. »Also, wo ist der Gefangene?«

»Ich wasche meine Hände in Unschuld!« Der Inspektor unterstrich seine Worte mit einer dementsprechenden Handbewegung. »Sergeant Watts, zeigen Sie dem Doktor den Weg! Es geschieht auf alleinige Verantwortung des Chefinspektors!« Aber das hörte der Doktor bereits nicht mehr. Es hätte ihn auch wenig gestört.

Diamanten-Sandy gehörte zu jenen Leuten, die von Natur aus eine unüberwindbare Abneigung gegen alles haben, was mit Medizin und Doktoren zusammenhängt. Er machte auch hier im Kommissariat Greenwich keine Ausnahme. Doch Dr. Laxbill schien an derartiges einigermaßen gewöhnt zu sein. Gleichmütig füllte er die Injektionsspritze mit der hellgelben Flüssigkeit, während der Einbrecher etwas von »Menschenrechten«, »Verfassung« und »persönlicher Freiheit« zeterte.

Umso erstaunter war Sergeant Watts, als Diamanten-Sandy plötzlich mit lammfrommer Miene selbst den Ärmel emporstreifte und dem Doktor seinen tätowierten Arm hinstreckte. Dabei hatte Laxbill kein Wort mit dem Häftling gewechselt. Was Sergeant Watts aber von seinem Standpunkt aus nicht sehen konnte, war der Blick des Einbrechers, der wie gebannt der rechten Hand des schmächtigen Mediziners folgte: Ein schmaler Ring, über und über mit kleinen Brillianten besetzt, funkelte und glitzerte, sooft der Doktor eine Bewegung machte. Laxbill hatte das Augenspiel seines Gegenübers bemerkt. Ein dünnes Lächeln spielte um seine Lippen. Mit einem beruhigenden Kopfnicken meinte er leichthin: »Keine Angst, das hilft bestimmt!«

Noch nie hatte sich Diamanten-Sandy so bereitwillig in die Hand eines Mediziners begeben. Hätte er geahnt, was die gelblich-weiße Flüssigkeit wirklich bedeutete, er hätte sich lieber den Arm abhacken lassen, als wie eben jetzt den Einstich der Nadel mit einem zustimmenden Lächeln zu quittieren!

Genau fünf Minuten vor halb zwölf hielt ein schwarzer Wagen vor dem Kommissariat. Umständlich, beinahe unbeholfen, entstieg ihm eine Gestalt, deren bemerkenswerteste Eigenschaft es zu sein schien, in einem viel zu weiten Anzug zu versinken. Diese schlottrige Erscheinung war Chefinspektor Hutchingson, den sie im Yard »den Melancholiker« oder den »traurigen Sam« nannten, weil es zu seinen liebevoll gepflegten Gewohnheiten gehörte, die Welt aus einer pessimistischen Perspektive zu betrachten. Er schien genau das Gegenteil dessen, was man sich unter einem tüchtigen Detektiv oder erfolgreichen Kriminalisten vorstellte. »Diese Tatsache ist natürlich im höchsten Grade betrüblich«, pflegte der Melancholiker seinen eigenen Eindruck zu kommentieren; wer ihn aber besser kannte, wusste, dass er sich darüber freute.

Inspektor Millers, der in Gegenwart des Chefinspektors immer mit einem unbewussten Minderwertigkeitskomplex zu kämpfen hatte, empfing ihn mit hohnvollem Grinsen. Dr. Laxbill hatte ihn einen Blick hinter die Methoden des Melancholikers werfen lassen, was ihm ein neues berauschendes Gefühl der Überlegenheit gab. »Es ist traurig«, begann Millers mit deutlichem Spott und fühlte mit Befriedigung, dass er den Chefinspektor durch die Vorwegnahme seiner eigenen Redensart sichtlich ärgerte. »Ja, wirklich, es ist traurig, dass sich ein so großer Mann wie der berühmte Samuel Hutchingson eigens nach Greenwich bemühen muss, um einen kleinen Fisch wie Diamanten-Sandy zum Singen zu bringen. Aber du wirst zufrieden sein: Wir haben Sandy gedopt und gepfählt und vor allem mit deinem famosen Wahrheitsserum vollgepumpt, dass er singen wird, singen, so weit eben ein kleiner Fisch singen kann!«

»Wie schwatzhaft doch gewisse Leute im Alter werden können! Man könnte direkt melancholisch werden, wenn man bedenkt, wie stumm du in den Tagen unserer guten alten Polizeischule warst.« An der sauren Miene seines Gegenübers konnte Hutchingson ablesen, dass jetzt die Partie wieder pari stand. »Aber willst du mir nicht erklären, was der Unsinn mit dem Dopen und dem famosen Wahrheitsserum zu bedeuten hat?«

»Ah, hätte dein tüchtiger Dr. Laxbill etwa nicht aus der Schule plaudern sollen?« Inspektor Millers Augen funkelten boshaft. »Keine Angst, Sam, wir verraten nichts der Presse!«

»Dr. Laxbill? Sergeant, was hat das alles zu bedeuten?« Mit einem Schlag war alles Posenhafte von Hutchingson abgefallen. Der Inspektor konstatierte verbittert, dass sich Hutchingson um Aufklärung nicht an ihn, sondern an seinen Untergebenen gewandt hatte. In möglichst knappen Worten informierte Watts den Yard-Beamten über das Vorgefallene.

»Du dreimal verdammter Narr!«, fauchte der Chefinspektor am Ende des Berichts seinen früheren Kollegen an. Sergeant Watts konnte sich nicht genug wundern, woher der schlottrige Hutchingson auf einmal so viel Engergie und Kraft herzaubern konnte. Weitaus mehr aber wunderte sich Watts über seinen unmittelbaren Vorgesetzen, da Millers in den folgenden Sekunden mehr und mehr in sich zusammenschrumpfte, als hätte man in einen zu prall gefüllten Luftballon ein Loch gestochen. »Natürlich«, der Chefinspektor schritt erregt hin und her, »kaum glaubt mein guter Freund Millers, hinter meine Schliche und Tricks gekommen zu sein, verliert er seinen letzten Rest von Verstand und geht dem erstbesten Betrüger ins Garn. Wahrheitsserum! Dopen! Als ob ein Mann der alten Schule jemals auf solch neuzeitliche Dummheiten angewiesen wäre! Du kannst von Glück reden, wenn dich dieser Geniestreich nicht deinen Posten kostet und von noch größerem Glück wirst du reden können, wenn wir Diamanten-Sandy noch lebend in seiner Zelle antreffen!«

Aber Diamanten-Sandy lebte, wie sich die drei Polizeibeamten Sekunden später vergewissern konnten. Er starrte stumpf und teilnahmslos erst den Chefinspektor an und wandte sich hernach mit einem einfältigen Lächeln Millers zu: »Wer bin ich?«, fragte er und der gequälte Ton in seiner Stimme ließ Hutchingson aufhorchen.

Einen Augenblick schnappte der Inspektor hörbar nach Luft. »Glaube nur ja nicht, uns vorspielen zu können, dass du dein Gedächtnis verloren hast!«, fuhr Millers den Gefangenen an, und dieser wich ein paar Schritte verschüchtert zurück. Ohne lange zu zögern, trat Hutchingson dicht an ihn heran und zog sein rechtes Augenlid herunter.

»Er spielt es nicht!«, bemerkte er nach kurzer Musterung müde und winkte Millers’ Einwand entschieden ab. »Dieser Mann wird nichts mehr aussagen, was gewissen Leuten eventuell unbequem werden könnte. Diamanten-Sandy hat tatsächlich sein Gedächtnis verloren!«

Inspektor Millers wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirne. »Das kann doch nicht möglich sein!«, stammelte er.

»Doch!«, entgegnete Hutchingson unwirklich ruhig. »Das ist nun bereits der dritte Fall von Gedächtnisverlust innerhalb kurzer Frist! Und jedesmal hatten die Betreffenden mit Diamanten zu tun!«

3.

James R. Haugerty hatte sein Leben entscheidend verändert. Rein äußerlich kam es darin zum Ausdruck, dass er sich einen Bart hatte wachsen lassen und eine dickumrandete Hornbrille trug. Befriedigt stellte er fest, jener John Smith, der ihn aus seinem Passfoto her so nichtssagend anlächelte, war tot!

Gleich nach seiner Ankunft in London hatte er sich zu der führenden Detektivagentur Springley & Barner begeben und sie mit Nachforschungen bezüglich einer jungen Dame beauftragt, die seiner Schätzung nach jetzt zwanzig Jahre alt sein musste. Als James Haugerty vor achtzehn Jahren nach Südafrika gegangen war, hatte er seine Tochter in der Obhut einer alten Tante zurückgelassen. Ann Haugerty musste damals zwei Jahre alt gewesen sein, eine Halbwaise, da ihre Mutter bei Anns Geburt gestorben war. So sehr sich Haugerty aber auch bemühte, er hatte sowohl von seinem Kind als auch von dem Haus, in dem er vor achtzehn Jahren gelebt hatte, keine Vorstellung mehr.

Verschiedene Abschnitte seines Lebens traten in seiner Erinnerung zwar wieder klar zutage, aber sein Gedächtnis wies auch weiterhin große Lücken auf, die nur schwer überbrückbar schienen. Besonders private Dinge lagen noch immer in jenem geheimnisvollen Dunkel, das bisher sein ganzes Denken ausgemacht hatte. Jeder Tag aber brachte ihm neue Erinnerungsfetzen zurück, sodass sich das Bild allmählich abzurunden begann.

Außerdem glaubte Haugerty zu wissen, wie er diesen Gang beschleunigen konnte: Das Gesicht jener Frau, das ihn noch in Österreich so beunruhigt hatte, war der Ausgangspunkt seiner Nachforschungen. Wenn ihm sein wiedergefundenes Gedächtnis keinen Streich spielte, musste es sich um Mary Wigsdown handeln, eine Ärztin, die Haugerty vor vielen Jahren im damaligen Portugiesisch-Ostafrika unter eigenartigen Umständen kennengelernt hatte. Als er mit ihr vor mehr als zwei Monaten in London wieder zusammengetroffen war, kam sie eben aus einem gitterumzäunten Grundstück, dessen schweres Eisentor ein Schild mit der Aufschrift »Sanatorium für Nervenkranke« trug. Haugerty erinnerte sich an diese Einzelheit deshalb so genau, weil sie ihm damals einiges Kopfzerbrechen beschert hatte. Nun, da er das Gesicht einer Ärztin zuordnen konnte, schien dieser Umstand seine Vermutung sogar zu bekräftigen.

Es kostete ihn einige Mühe, das betreffende Grundstück in Kingsbury wieder aufzustöbern. Als Haugerty endlich vor dem Tor stand, hatte er Glück. Ein Mann, der aufgrund seiner Kappe unschwer als Portier des Sanatoriums zu erkennen war, kam eben vom Portal des weiter innen liegenden Gebäudes, um die beiden Torflügel zu öffnen. Kurz darauf bog ein nicht mehr ganz neuer Humber ein, an dessen Steuer Haugerty eine Frau zu sehen glaubte.

Obwohl er die Fahrerin von seinem Standort aus nicht erkennen konnte, bot ihm der Wagen doch Anlass, mit dem Pförtner ein unverfängliches Gespräch zu beginnen: »War das nicht eben Mrs. Wigsdown?«, versuchte Haugerty sein Glück und hatte damit überraschenden Erfolg.

»Gewiss, das war sie!«, kam die freundliche Bestätigung. Der Portier schien einem kleinen Schwatz sichtlich nicht abgeneigt. »Kennen Sie unsere Frau Doktor? Als Patient kann ich mich an Sie nicht erinnern!«

»Tatsächlich, die gute alte Mary!« Haugerty schien alten Erinnerungen nachzuhängen. »Ich kenne sie noch aus der Zeit, als sie in Afrika war!«

»Da werden Sie ja auch mit unserem Chef zusammengekommen sein, Dr. Staneville. Dr. Huston Staneville. Beide haben gemeinsam einige Zeit in Mosambik verbracht.«

Einen Augenblick lang musste sich Haugerty an den starken Gitterstäben anhalten. Staneville! Das war es! Dr. Huston Staneville! Wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme des Pförtners, die einen besorgten Ton angenommen hatte: »Sie sehen so blass aus! Ist Ihnen nicht gut?«

»Danke, es geht schon!« Haugerty lehnte sich weiter gegen das Gitter. Die Kühle des Metalls half ihm, den kleinen Schwächeanfall zu überwinden. »Dr. Staneville auch hier! Nein, so ein Zufall!«

»Wieso?« Der Pförtner fand alles ganz natürlich. »War Frau Dr. Wigsdown nicht schon in Afrika Stanevilles Assistentin?«

»Gewiss! Ich bezog den Zufall auch nur auf das heutige Zusammentreffen! Die afrikanischen Jahre, wissen Sie, das war eine nette Zeit. Die Welt ist eben klein!« Haugerty schwieg wie in Gedanken versunken. Dann fragte er scheinbar belanglos: »Hatte der Doktor nicht irgendetwas mit Diamanten zu tun?«

Die Miene seines Gegenübers zeigte deutliches Erstaunen. »Das wissen Sie auch? Dr. Staneville pflegt es nämlich nicht gerade an die große Glocke zu hängen. Er ist Mitaktionär der Britisch-Portugiesischen-Diamanten-Company. Aber wie gesagt, am besten man spricht darüber nicht. Wissenschaft und Geschäft vertragen sich nicht. Wenigstens pflegt der Chef das immer zu sagen. Wundert mich ohnedies, dass Sie darüber Bescheid wissen!«

»Na hören Sie«, in Haugertys Stimme schwang ein erregter Unterton, »wo ich an der Gründung der – hm, wie war es doch gleich, der Britisch-Portugiesischen-Diamanten-Company nicht ganz unbeteiligt war. Hat eigentlich auch Mary Wigsdown ihren Anteil erhalten?«

Der letzte Satz und vor allem der Ton, in dem er vorgebracht war, ließen es dem Pförtner ratsam erscheinen, das Gespräch zu beenden. »Nicht, dass ich wüsste«, meinte er abweisend. »Übrigens, wenn Sie etwas Näheres erfahren wollen, Dr. Wigsdown unterhält auch eine Privatordination. Die Adresse finden Sie im Telefonbuch.« Mit einem kurzen Nicken schloss der Portier das schmiedeeiserne Tor und Haugerty tippte mit zwei Fingern an die Krempe seines nicht vorhandenen Hutes.

Die Britisch-Portugiesische-Diamanten-Company hatte ihren Sitz in der Northumberland Avenue, einer der Hauptverkehrsstraßen der City. James Haugerty verbrachte einen halben Nachmittag damit, durch die mit Marmor verkleideten Gänge zu streifen und höflichen Schalterbeamten mehr oder minder nutzlose Fragen zu stellen. Als einer der Angestellten jedoch allmählich ungeduldig zu werden begann, sagte Haugerty etwas, das sein Vis-à-vis zu der Überzeugung brachte, es mit einem Verrückten zu tun zu haben: »Junger Mann, Sie müssen jeden Kunden so behandeln, als wäre er in Wirklichkeit Ihr nur unerkannt bleiben wollender Chef! Und vielleicht bin ich das auch; wer kann es wissen?«

Der Besuch bei der prunkvollen City-Firma wäre reine Zeitvergeudung gewesen, wenn Haugerty nicht anschließend Einblick in das öffentliche Handelsregister genommen hätte. Und hier fand er sie wieder, die Gestalten aus seinen Fieberträumen, die Geschöpfe aus qualmendem Rauch- und Whiskydunst, nur dass sie die Form nüchterner Buchstaben angenommen hatten und als wohlbestallte Eigentümer der Gesellschaft aufschienen: Dr. Huston Staneville, Alvaro Perez, Selim Krischna, Jules Lacroix und Marguerita Rosa. »Sie haben alle ihren Anteil erhalten«, dachte Haugerty leidenschaftslos, als ob ihn die Sache weiter nichts anginge. »Nur Mary Wigsdown haben sie vergessen.« Mary Wigsdown, deren kühle Hand wie ein unendlich wohltuender, erfrischender Umschlag sein konnte. »Arme Mary«, überlegte er weiter, »sie hat sich nie durchsetzen können!«

Plötzlich überflutete ihn eine Welle des Hasses, so jäh und stark, dass sich seine Fingernägel ins eigene Fleisch bohrten, der körperliche Schmerz ihm dabei aber gar nicht bewusst wurde. »Armer James Haugerty!«, schrie es in ihm. »Sie haben dir dein Leben gestohlen! Sie haben dir dein Kind genommen! Sie haben dich jahrelang zu einem daseinslosen John Smith gemacht!«

Als James Haugerty am Abend in sein Hotel kam, wartete Frederick Barner von der Agentur Springley & Barner bereits eine geschlagene Stunde auf ihn. Das Detektivinstitut hatte gründliche Arbeit geleistet: Man hatte nicht nur Haugertys frühere Adresse ausgeforscht, auch das Sterbedatum seiner alten Tante war bis auf den Tag genau festgestellt worden, ebenso die exakte Lage ihrer seinerzeitigen Todesstätte. Auch die Tatsache, dass ihr Grab mangels Bezahlung später wieder aufgelassen worden war, stand in dem ausführlichen Bericht zu lesen. Eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass die alte Mrs. Haugerty bereits vor sechzehn Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Nur – was aus dem Verbleib der kleinen Ann geworden war, darüber wusste der alte Barner nichts zu berichten.

»Aber das Kind kann doch nicht einfach verschwunden sein!« Barner hatte es sich in seiner langjährigen Praxis abgewöhnt, die Erregung seiner Klienten allzu tragisch zu nehmen. »Man erzählt sich in der Nachbarschaft, eine unbekannte Dame hätte sich kurz nach Mrs. Haugertys Ableben des Kindes angenommen und sie später adoptiert.« Barners Miene war anzumerken, dass er dieser Aussage nicht viel Wert beizumessen schien. »Da es unser Prinzip ist, nur erwiesene Tatsachen in unseren Berichten anzuführen, haben wir diesem – hm – Gerücht in unserem offiziellen Report keinen Raum gegeben!«

»Ich wünsche aber, dass auch der kleinsten Spur nachgegangen wird!« Haugerty hatte sich zu achtungsgebietender Größe erhoben. »Koste es, was es wolle!« Besonders der letzte Satz schien Frederick Barner zu überzeugen.

James Haugerty verbrachte eine schlaflose Nacht. Der Gedanke an seine Tochter hielt ihn wach. Aber so sehr ihn auch ihr ungewisses Schicksal ängstigte, immer wieder drängten sich sechs Namen dazwischen, deren Träger in Haugertys Denken immer mehr Raum einnahmen. Schon zeitig am Morgen verließ er sein Hotel und