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Gabriele Matzner

Gefahr im Anzug

Gabriele Matzner

Gefahr im Anzug

Fast ein Wien-Krimi

AMALTHEA

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© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT
Coverfoto: © McPHOTO/vario images/picturedesk.com
Lektorat: Mag. Philipp Rissel
Herstellung und Satz: Gabi Adébisi-Schuster
Gesetzt aus der Sina Nova 10,3/13
ISBN 978-3-99050-012-5
eISBN 978-3-903083-00-4

INHALT

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

NACHBEMERKUNG

GLOSSAR

WERBEN

KAPITEL I

DER FUND

Blop blop, hüpft der Ball hin und her.

Das Ballspielen mit Xandi macht richtig Spaß! Mein Vater, Seine Exzellenz der Botschafter, hat nie mit mir gespielt, kommt es Ferdinand in den Sinn. Ich habe ihn kaum je gesehen. Selbst außerhalb seiner Dienstzeiten, ja gerade dann, bin ich für ihn Luft gewesen. Mit bedeutungsschwangerer Miene hat sich der Alte immer von mir ab- und seiner geheimnisumwitterten Arbeit zugewandt.

Blop, blop, eiert das Fetzenlaberl hin und her.

Das ist beruhigend, fast wie eine friedlich verlaufende interministerielle Sitzung. Xandi lacht so fröhlich, läuft jauchzend jedem Ball hinterher und nennt mich Onkel.

Ein wohliges Gefühl überkommt Ferdinand. Was kann mir hier schon passieren? Jetzt bin ich bald zwei Wochen hier in Afrika und bisher ist nichts Schlimmes geschehen. Nicht einmal eine Gelse, oder Moskito, wie sie das nennen, hat mich gestochen, denkt Ferdinand und schaut selig vor sich hin. Hier im Schatten, im Grünen, lässt sich diese drückende Hitze ertragen. Außerdem neigt sich der Tag der kühlenden Nacht entgegen und später erwarten mich Drinks.

Und doch: Ein bisschen Angst macht mir der erste Posten im Ausland, und noch dazu in Afrika, schon, denkt er. So weit weg von Österreich bin ich hier, so anders ist es als zu Hause! Und diesmal bin ich selbst in offizieller Funktion, und nicht nur Anhängsel des Vaters. Aber das alles wird sicher gut gehen. Wie nett, dass mich unser Handelsdelegierter Alfred so bald nach meiner Ankunft gleich zu einem Grillabend in seine Residenz eingeladen hat. Und der Chef, der Botschafter, ist auch sehr freundlich. Er hat mich sogar angelächelt und sofort »Du« gesagt, wie unter Diplomaten üblich. Seinen besten Mann hat er mich genannt. Ich weiß schon, bei einem so kleinen Büro mit zwei Mann, dem Chef und mir, ist es nicht schwer, »bester Mann« zu sein. Aber geschmeichelt hat es mir schon. Weil: Wann war ich schon je der Beste? Sicher war ich es nicht für Papa. Dem war ich nie gut genug. Und irgendwie hat er recht, der Vater.

Blop, blop, macht es erneut und der Ball verschwindet hinter Ferdinand im Gebüsch. Er dreht sich um und blickt in dichtes Gestrüpp, das sich hinter dem trockenen Rasen geheimnisvoll breitmacht.

»Warte, ich hole ihn!«, ruft er Alfreds kleinem Sohn Xandi zu, der ihm ein wenig schuldbewusst nachblickt. Vorsichtig steigt er zwischen die Pflanzen, drückt stachelige Äste beiseite und verschwindet im satten Grün. Das ist ja wie in den Donau-Auen, bevor sie in Stauseen untergehen! Nach wenigen Metern stößt Ferdinand an die bröckelnde Ziegelmauer, die das Grundstück umrundet. Die ist also zum Schutz vor wilden Tieren und räuberischen Einheimischen, wie der Handelsmann gesagt hat.

Atem schöpfend lehnt er sich an die fleckig weiß getünchte Mauer. Ich sollte mehr Sport betreiben, es gibt hier sicher Möglichkeiten, vielleicht Golf oder Tennis? Oder zumindest Morgengymnastik. Sport und Turnen füllen Gräber und Urnen, pflegte Papa zu sagen, aber in allem hat er wohl nicht recht. Was plätschert da, vielleicht ein Bächlein? Dorthin muss der Ball geflogen sein. Wie kam er bloß über die Mauer? Eine ganz schöne Leistung für so einen kleinen Buben!

Es raschelt, Ferdinand zuckt zusammen. Einer der einheimisehen Mauer-Wächter ist wie aus dem Nichts fast lautlos zur Stelle. Wortlos weist ihn der drahtige junge Schwarze durch ein modriges Holztürchen in der Mauer und bleibt achtsam stehen. »Ich komme gleich«, ruft Ferdinand Xandi zu, »bleib, wo du bist!«

Vorsichtig nähert sich Ferdinand dem Gewässer. Wasser ist immer etwas Schönes und so beruhigend! Begierig saugt er kurz die Luft ein, um gleich darauf den Atem anzuhalten: Wie faulig es hier riecht! Sein kurzsichtiger Blick erfasst schemenhaft das gegenüberliegende Ufer. In dem undurchdringlichen Gestrüpp dort drüben blitzen Plastiksäcke im späten Sonnenlicht und eine Gruppe Milane dreht auf Beute hoffend lautlos ihre Runden.

Hoffentlich gibt es hier keine Schlangen, womöglich grüne Mambas!, denkt Ferdinand. Wer weiß, wie die medizinische Versorgung in diesem Land funktioniert? Wo ist denn bloß dieser Ball hin? Ich sollte wieder einmal zum Augenarzt gehen, ich brauche wohl eine neue Brille.

Suchend schaut Ferdinand um sich. Sein Blick fällt auf zwei lange Latten aus Holz. Warum liegen die da? Sie sind vielleicht zum Vertreiben der wilden Tiere gedacht, hoffentlich nicht der Einheimischen. Man weiß ja nie.

Da, etwas Großes, es liegt im Wasser direkt am Ufer. Was ist das? Ein Stück Holz, vielleicht ein wildes Tier? Ferdinand stakst noch drei Schritte weiter ans Ufer – das, das ist ja ein Mensch!

Er stürzt zu dem Verunglückten und zerrt den stämmigen Körper ins Trockene. »Ist das Blut, ist er verletzt? Hilfe! Hilfe!«, stammelt Ferdinand fassungslos.

Xandis Stimmchen von jenseits der Mauer und des Gestrüpps piepst ängstlich: »Onkel, was ist?«

»Nichts, warte, ich komme gleich.« Ferdinand fasst sich, Xandi darf auf keinen Fall etwas mitbekommen, entscheidet er instinktiv. Das Leben von Diplomatenkindern ist schon schwierig genug, auch ohne Leichen, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Ferdinand beugt sich jetzt über den Körper. Aufgerissene Augen starren ihn leblos an, an dem halb geöffneten Mund hängt noch ein letzter Schrei. »Er ist tot, nein, ja, er ist tot!«, murmelt er entsetzt. »Ein Toter, womöglich ein Ermordeter!«

Während seiner Probezeit als Stagiaire an einer österreichischen Botschaft in einem exotischen Land hat er schon einiges erlebt: Landsleute, die auf Urlauben in heißen Ländern nach reichlichem Alkoholkonsum der Schlag getroffen hatte oder die bei abenteuerlichen Wanderungen »ins Gras gebissen« hatten. Bei den Leichentransporten zurück in die Heimat, die er organisieren musste, waren die lokalen Behörden meist ungewöhnlich effizient und unbürokratisch gewesen. Schließlich wollten sie solche Leichen möglichst schnell loswerden. Lästiger waren schon manchmal die eigenen Behörden. Einmal hatte er sogar für ein Skelett einen Anzug auftreiben müssen, denn solches war vorgeschrieben und Vorschrift ist Vorschrift.

Aber so unmittelbar wie hier in Wosama-Damia hat er einen Toten noch nie erlebt.

Lässig löst sich der Wächter vom Türrahmen. Nach einem kurzen Blick auf die Leiche hockt er sich schweigend im hohen Gras nieder.

DER GRIFF ZUR LATTE

Ferdinand springt los, am Wächter vorbei, durch das Türchen, in Richtung Haus. Auf der Wiese packt er den verdutzten Buben und stürzt auf die Terrasse.

»Ein Toter! Polizei, Polizei!«, flüstert er erregt Alfred zu, der gerade mit einem Tablett Cocktails aus dem Haus kommt, deutet in Richtung Kanal und stürmt ins Haus. Im Salon rast er zum Telefon und hebt den Hörer ab.

Alfred nähert sich mit raschen Schritten, entringt ihm mit ruhiger Hand den Hörer und legt auf. »So machen wir das hier nicht«, sagt er mit sicherer Stimme und blickt Ferdinand aus seinen bebrillten farblosen Augen entschlossen an. »Ein Toter im Kanal ist nichts Ungewöhnliches«, doziert er, nachdem er Frau und Kinder vorsorglich und autoritär mit der Behauptung verscheucht hat, es gehe um etwas Dienstliches. »Wir haben fast jede Woche, ja manchmal jeden Tag so eine angeschwemmte Leiche im Wasser. Der Gärtner oder ein Wächter stoßen sie weiter. Sie verlassen das Grundstück und wir haben keine Scherereien.«

Ferdinand starrt ihn entsetzt an.

»Das machen entlang des Kanals alle so. Das ist ganz normal. Man holt sich nur Probleme ins Haus, wenn man die Leichen herausfischt und gar die Polizei ruft. Die interessiert das doch nicht«, behauptet Alfred energisch.

»Aber …«, setzt Ferdinand zu widersprechen an.

Der Handelsmann wird lauter: »Nichts aber. Das sind Leute, deren Familien, wenn sie überhaupt eine haben, sich kein Begräbnis leisten können. Oder es sind Opfer von Bandenkriegen oder Ritualmorden. Wer weiß das schon? Irgendwo werden solche Leichen über eine Mauer oder direkt in den Kanal geworfen und am Ende landen sie irgendwo. Das sind Einheimische und da mischen wir uns nicht ein. Ich ruf gleich den …«

Wächter, will er wohl sagen. Doch Ferdinand platzt heraus: »Aber es ist ein Weißer, kein Einheimischer … wenn ich das richtig gesehen habe!«

Genervt hebt Alfred die andeutungsweise vorhandenen Augenbrauen. Ferdinand stockt: Was denkt er jetzt von mir? Womöglich, dass ich ein Anfänger bin? Aber so etwas geht doch wirklich nicht!

»Du hast ja keine Ahnung, was man für Scherereien kriegt, wenn man die Polizei ruft«, schnaubt der Handelsdelegierte und entblößt Hasenzähne. »Das hat so ein Anfänger«, Ferdinand schreckt unmerklich zusammen, »so ein Ausländer, ein paar Grundstücke weiter vor ein paar Wochen gemacht.«

»Und sind sie nicht gekommen?«, wirft Ferdinand zaghaft ein.

»Das ist es ja, sie sind gekommen. Sie müssen die Leiche liegen lassen, bis sie ein Verwandter reklamiert, haben sie gesagt, und sind wieder abgezogen. Nach ein paar Tagen musste der Tölpel wegen des Gestanks mit seiner Familie in ein Hotel ziehen.«

Ferdinand öffnet Mund und Augen weit, wie ein Fisch an der Angel. »Und dann?«, stottert er.

»Dann muss dem Unglücksraben jemand gesteckt haben, dass sich die Polizei für ihre Mühen etwas erwartet, etwas Bares oder Flüssiges. Das hat ihm schließlich eingeleuchtet und er konnte wieder heim«, belehrt ihn der Wirtschaftvertreter triumphierend. »Es kann aber auch passieren, dass man wegen so einer angeschwemmten Leiche selbst des Mordes verdächtigt und in eines dieser Löcher gesteckt wird, die sie hier Gefängnisse nennen«, setzt er warnend nach und bekreuzigt sich. Ferdinand klappt Mund und Augen wieder zu.

Widerwillig folgt der Handelsdelegierte dem aufgebrachten Ferdinand durch das Gestrüpp zum Fundort. Leise fluchend greift er nach einer der Holzlatten. Gemeinsam beugen sie sich über den Leichnam. Jetzt ist Ferdinand überzeugt: Es ist Blut, braun auf dem früher wohl einmal weißen, jetzt gelblich-grünen Hemd und der Kopf mit dem strubbeligen roten Haar hängt so merkwürdig zur Seite. Wie lang der wohl schon in dieser Brühe schwimmt?

Alfred beäugt den Toten im dunklen Anzug: »Den kenne ich«, murmelt er. »Das ist der … oder doch nicht? Aber was soll’s …«, brummt er.

»Du kennst ihn?« Ferdinands Stimme nimmt einen verzweifelten Ton an.

»Na ja, so viele Rothaarige kann es hier ja nicht geben. Und außerdem der teure Anzug. Könnte ein Kollege sein. Aber wie auch immer, wir müssen ihn loswerden«, entscheidet Alfred.

Ferdinand verstummt und starrt auf die Leiche wie auf eine Erleuchtung: Ein Kollege ist das also, ein Diplomat. Es ist hier doch gefährlicher, als mir die Zentrale in Wien versichert hat. Was für ein grauenhafter Anfang für meine vier Jahre hier! Ob ich doch noch wechseln kann? Vielleicht in ein Land, in dem man nicht bei Kollegen so nebenbei auf Leichen stößt? Notfalls könnte ich mich auch einberufen lassen, zurück in die Zentrale nach Wien. Dort kann man sich zwar nur Beamtenforellen leisten, aber dafür ist man seines Lebens sicher.

Der Handelsmann setzt schon die Latte an. Ferdinand erwacht aus seiner Schreckensstarre. »Nein, das kannst du nicht machen!«, ringt er um die Latte und seinen Standpunkt.

Vergebens. Mit einem für seine schlapp-rundliche Statur erstaunlich kräftigen Stoß und dem Ausruf »Das ist mein Haus und ich habe hier die Scherereien und das Sagen!« bugsiert der Handelsdelegierte den Toten in den Lauf des trübe dahinfließenden Gewässers. Langsam um die eigene Achse rotierend verschwindet der Tote hinter der nächsten Biegung des Kanals. »Weg ist er, beim nächsten Grundstück und dann, wer weiß wohin?«, freut sich Alfred und wendet sich zum Gehen. »In Verstoß geraten ist der, könnte man sagen«, witzelt er und kichert befriedigt über diesen sprachlichen Einfall aus dem Fundus der Beamtensprache.

»Ich glaube es nicht, was du gemacht hast! Geht man so mit einem Kollegen um?«, murmelt Ferdinand.

»Ach, wer weiß, wer das wirklich ist«, wiegelt Alfred ab. »Wir sagen niemandem etwas, ist das klar?«, fixiert er den Neuling.

»Ja, wenn du meinst …«, stammelt Ferdinand kleinlaut und schleicht durch den mittlerweile nächtlichen Garten nachdenklich hinter Alfred zurück zum Haus.

Auf der inzwischen halb im Dunkeln der Nacht liegenden Veranda wirft ihnen Grete, die Frau des Handelsdelegierten, einen misstrauischen Blick zu. »Was war das für ein Toter?«, forscht sie.

»Das erzähle ich dir später«, verspricht Alfred, »die Kinder sollten jetzt schlafen gehen.« Maulend lassen sich Xandi und seine kleine Schwester von der Mutter ins Bett bringen. »Genehmigen wir uns noch ein Schnäpschen auf den Schreck?«, lockt der Handelsdelegierte den indigniert dreinblickenden Neuling. »Das wird dir guttun.«

Aber so recht entspannen kann sich Ferdinand an diesem Abend nicht mehr. »Vergiss nicht, morgen machen wir einen Ausflug«, wirft ihm Alfred noch zur Aufmunterung hinterher, als sich Ferdinand mit hängendem Kopf verabschiedet.

»Also, was war los?«, fixiert Grete ihren Mann, nachdem Ferdinand gegangen ist.

»Eine Leiche im Kanal, das Übliche«, entgegnet der knapp.

»Und warum war Ferdinand gar so aufgeregt?«, stößt sie nach.

Alfred kippt das Schnapsglas: »Das ist eben neu für ihn, was wir mit solchen Leichen von Einheimischen machen. Das kann ich auch verstehen. Er ist eben zart besaitet, wie auch ich.«

Grete macht große Augen: »Du und zart besaitet? Ein Fleischerhund hat wahrscheinlich mehr Gemüt.«

Seine Gesichtszüge nehmen einen leidenden Ausdruck an: »Jedenfalls haben wir Stillschweigen vereinbart.«

ALLEIN ZU HAUS

Früher als erhofft und ziemlich angeschlagen erwacht Ferdinand am nächsten Morgen vom einsetzenden Brummen der Klimaanlage. Sinnend sitzt er im Bett und spürt die aufsteigende Hitze, die sich durch die Ritzen der hölzernen Klappjalousien in dem Haus verbreitet, das für einige Jahre sein Zuhause sein wird.

Notdürftig hat er sich einquartiert. Viel mehr als ein Bett und ein paar Teppiche und Stühle aus dem Amtsinventar ist nicht vorhanden. Seine eigenen Möbel und sonstige persönliche Habe schaukeln noch irgendwo die Atlantikküste hinunter.

Ferdinands Blick erfasst den schimmelig funkelnden Amtsteppich in seinem Schlafgemach: Der ist den Skorpionen sicher zu feucht. Die bevorzugen die trockene Wärme meiner Schlapfen. Aller Anfang ist eben schwer, ermuntert er sich. In ein paar Wochen wird sicher alles an seinem Platz sein und ich werde mich wohlfühlen. So schön und geräumig wie in der Amtsvilla des Handelsdelegierten mit den alten Palmen und gigantischen Gummibäumen habe ich es hier aber nicht, auch wenn dort der Verputz vergilbt und Gitter und Beschläge verrosten, wie üblich in den Tropen. Die Wirtschaftskammer hat eben für Residenzen mehr Geld als das Außenamt. Aber diese Bilder!, schüttelt es Ferdinand bei der Erinnerung an die von Grete selbst gemalten Blumen mit an Gummibärchen gemahnenden Farben! Womöglich will sie, dass ich eine Ausstellung für sie mache.

Ferdinands Gedanken schweifen weiter durch den Vortag. Mit dem Handelsdelegierten ist sicher gut Kirschen essen oder Mangos, wie sie hier wachsen. Mama wäre mit diesem Reichtum an Früchten und frischem Gemüse sehr zufrieden. Immer ist sie auf meine Gesundheit und ausgewogene Ernährung bedacht. Auf meine Linie sollte ich ohnedies achten, dieser Pyjama spannt schon. Aber in diesem Klima kann er auch geschrumpft sein.

Im Badezimmerspiegel blickt ihm sein bubenhaftes rundes Gesicht treuherzig entgegen. Ach, ich werde es schon schaffen, lächelt er sich zu. Von Alfreds Selbstbewusstsein, Tatendrang und Ortskenntnissen werde ich mich inspirieren lassen. Bewundernswert, was der nicht alles tun will, damit die dürftigen Exporte aus der fernen Heimat sich demnächst vervielfachen! Bis in die obskursten Winkel des weiten und unwegsamen Landes hat er schon Betriebe und Bürgermeister aufgespürt und erklärt, was oder wo Österreich überhaupt ist. Denn schon lange hat man hier in Wo-sama-Damia nichts mehr von diesem Land gehört, seitdem das, was sich Entwicklungshilfe nannte, praktisch eingestellt wurde und sich wohlweislich kaum ein österreichischer Politiker mehr blicken lässt. Knapp an einer Lebensmittelvergiftung, einem Schlangenbiss und einem Zusammenstoß mit einem Lastesel ist Alfred bei seinen Erkundigungsreisen quer durch das Land vorbeigeschrammt, hat er leicht prahlerisch erzählt. Ferdinand ist voll der Bewunderung: Dieser Handelsdelegierte ist einer, der sich was traut! Vielleicht übertreibt er auch ein wenig, begackert Eier, die er erst legen muss, aber das gehört wohl zum Geschäft.

Es fallen ihm Berichte ein, die die väterliche Exzellenz mit mühsam kaschierter Wut am Familientisch von der Front der Kleinkriege zu geben pflegte, die er an diversen Dienstorten unermüdlich mit dem jeweiligen Handelsdelegierten ausgetragen hatte. Dabei hatte der Wüterich nicht selten zur Unterstreichung seiner kämpferischen Potenz ein unschuldiges Glas vom Tisch gefegt und die erschrockene Kinderschar schlussendlich in die Flucht getrieben. Schon wieder, hämmerte er beispielsweise auf die unschuldige Stoffserviette ein, hat dieser … – es folgte ein für Ohren botschafterlicher Kinder unpassender Ausdruck – hinter meinem Rücken einem Minister geschrieben, einem Minister! Da hört sich der Spaß auf, hatte der Vater angekündigt, der kommt noch in meine Gasse!

Was an einer Gasse schlecht sein sollte, selbst wenn es die väterliche war, habe ich damals nicht verstanden, später dann schon. Als ich selbst in diese Gasse kam. Da wurde mir auch klar, dass der Vater alles verstanden hat, nur keinen Spaß. Ein bisschen leid tut er mir schon, der Papa, vor allem seitdem er niemanden mehr herumkommandieren kann. Denn kaum hatte er ein Schlachtfeld erhobenen Hauptes verlassen, lauerte schon an der nächsten Biegung der vermeintlich geschlagene Feind schadenfreudig mit neuer Munition, etwa einer Einladung der lokalen Regierung, die nur er bekommen hatte. Lass dir ja nichts von denen bieten, hatte ihm der Alte geraten, im Grunde sind sie alle auf uns neidig, weil sie keine echten Diplomaten sind, auch wenn sie jetzt Diplomatenpässe haben, sie sind nur Handelsreisende. Dieses Wort hatte er immer wie ausgespuckt. Alfred wird keinen Grund haben, auf mich als Diplomat neidig zu sein, beschließt Ferdinand. Hoffentlich sieht Grete das auch so, Frauen sind ja oft ehrgeiziger und kämpferischer als die Männer, über die sie wachen.

Anregend und erholsam ist der Tag beim Handelsdelegierten gewesen. Und dann das! Wie ein Stück Treibholz hat er den Toten weggestoßen! Wieder einmal habe ich mich nicht durchsetzen können. Aber warten wir ab. Jetzt kann ich noch nicht um meine Einberufung ersuchen, das würde keinen guten Eindruck machen.

Ferdinand kramt in einem der im Schlafzimmer in Reih und Glied liegenden Koffer nach frischen Socken. Wollsocken? Brauche ich die in den Tropen? Habe ich das eingepackt oder war das Mama? Mit den durchfeuchteten Wollsocken in der Hand und Mama im Sinn überlegt er: Was würde sie zu dem Toten sagen? Womöglich ist er ein Auslandsösterreicher?, kommt ihm ein Gedanke. Das wäre natürlich viel Arbeit für die Botschaft, aber ich könnte mich bewähren. Der Minister würde vielleicht auf mich aufmerksam! Ihn habe ich bisher nur aus der Ferne oder im Fernsehen gesehen. Früher haben Außenminister die neu aufgenommenen Jung-Diplomaten empfangen, hat Papa erzählt. Aber diese gemütlichen Zeiten sind längst vorbei. Heute verschanzen sich Minister hinter Dutzenden Parteisekretären und PR-Agenten und selbst Sektionschefs haben es schwer, zu ihnen vorzudringen.

Aber Österreicher gibt es doch hier kaum zwei Dutzend, schiebt er den Gedanken beiseite, dass der Tote ein Auslandsösterreicher sein könnte. Außerdem, wer weiß, was den Zeitungsleuten bei uns einfällt, wenn es doch ein Österreicher ist? Womöglich lassen sie einen Tsunami der üblichen Diplomatenbeschimpfungen vom Stapel oder treiben das Ministerbüro mit dummen Fragen vor sich her und es hagelt parlamentarische Anfragen und Krisensitzungen in der Zentrale. Und wir an der Botschaft kommen überhaupt zu keiner vernünftigen Arbeit mehr.

Sein Blick fällt auf die Flecken strahlend blauen Himmels, die zwischen den Palmenwedeln vor dem Schlafzimmerfenster durchschimmern. Gut, dass heute Sonntag ist und Alfred mich auf den Ausflug zum Strand bei den Lagunen mitnimmt. Aber sollte ich nicht vorher in die Kirche gehen? Wie die meisten österreichischen Diplomaten ist Ferdinand katholisch fromm erzogen und geblieben. Ihr Diplomaten hättet alle besser Pfarrer werden sollen, hat ein Jugendfreund einmal gestichelt, als der mediengerecht langsame Tod eines Papstes im Amt eine Art Staatstrauer auslöste. Mit leicht schlechtem Gewissen beschließt Ferdinand, statt des Kirchenbesuchs ein Stoßgebet zu verrichten, in das er den Toten vom Kanal einbezieht.

In der noch frischen Morgenluft auf der Veranda löffelt er sein importiertes Müsli mit leicht ranziger Milch. Ein Grüppchen Graupapageien lässt sich frech auf der Balustrade nieder und beäugt ihn und sein Müsli. Ferdinand zwinkert ihnen zu. Das Hauspersonal würde sie jetzt wohl polternd verscheuchen. Gut, dass ich wenigstens einmal in der Woche allein bin, ohne diese Dienerschaft. Natürlich braucht man sie, vor allem wenn man Junggeselle ist und besonders in solchen Ländern, sagt Mama immer. Aber diese Einheimischen beobachten alles und tratschen es weiter. Bald weiß das ganze diplomatische Corps, dass man säuft oder gerne in der Nase bohrt. Und wenn sie dem lokalen Geheimdienst berichten müssen, erfinden sie alles Mögliche, nur um sich wichtig zu machen. In Nullkommanichts hat man den Ruf eines Homosexuellen oder Homophoben, eines Sittenstrolchs oder was auch immer.

In der ansteigenden Hitze stellt Ferdinand für die Gefiederten eine Schale Müsli auf den vom Wetter und Vorgängern in Mitleidenschaft gezogenen Verandatisch und macht sich zu Fuß auf den Weg zur Residenz des Handelsdelegierten. Wäre es nicht schön, wenn ich auch eine eigene Familie hätte? Aber welche Frau könnte mich schon wollen? So wie ich ausschaue, mit dieser beginnenden Glatze, den schlappen Muskeln und dem watschelnden Gang? Und bei meiner Schüchternheit? Bekümmert denkt er an die hektischen Flecken im Gesicht und die Schweißausbrüche an den Händen, die ihn schon beim geringsten Anlass heimsuchen.

Seine Gedanken schweifen in die Vergangenheit, während seine Blicke über die hinter bröckelnden Mauern nistenden mehr oder weniger stattlichen Villen schweifen, die seinen kurzen Gang zu Alfred säumen. Frauen, seufzt er. Da war bisher nicht viel Erlebtes, leider, ein bisschen was an der Uni in Wien. Sybille, dieser Engel, hat gar nicht bemerkt, wie sehr ich sie verehre. Und diese andere, wie hieß sie noch?, hat mich unter Alkohol gesetzt und meine Schwäche ausgenützt. Rückblickend erfassen ihn wohliger Schauer und schlechtes Gewissen. Was würde Mama zu diesem seinem bisher einzigen Sündenfall sagen? Zum Glück weiß sie nicht alles. Bald sollte ich ihr wieder schreiben, beschließt er seinen Rückblick und drückt sachte die Klingel neben dem dezent rostenden Gittertor der Residenz des Handelsmanns.

AUSFLUG

»Gehen wir fischen, Onkel?«, fragt Xandi aufgeregt, als sich die Familie des Handelsdelegierten und Ferdinand zum Aufbruch bereit machen.

»Wie kommt der Kleine auf Fischen?«, fragt er und verschlingt beflissen ein von Grete gebackenes und von ihr eindringlich angepriesenes Croissant.

»Das kommt wohl von unseren Urlauben in Kärnten«, grinst Alfred. »Wir sind dort jeden Sommer und da fischt er Babyfische aus dem See und will sie dann totmachen.«

Totmachen? Ferdinand verschluckt sich fast am fetttriefenden Croissant. Da ist das schlechte Gewissen wieder, nichts getan zu haben. Wer wohl den Rotschopf totgemacht hat?, schießt es Ferdinand durch den Kopf.

Selbstbewusst setzt sich der Handelsmann ans Steuer und sie machen sich auf den Weg zu den Lagunen. Schon nach wenigen Hundert Metern steht alles still.

»Heute ist doch Sonntag?«, wundert sich Ferdinand. »Wieso sind da so viele unterwegs?«

Nach einer guten halben Stunde Stillstand ergreift Grete, vom Gequengel der Kinder genervt, die Initiative. Sie lässt das Fenster herunter, brütende Hitze dringt ins Fahrzeug. »Wohin fahren Sie?«, erkundigt sie sich leicht herrisch bei ihren Stau-Nachbarn, die in dem mit Verwandten und Picknickmöbeln überladenen alten Buick vergnügt jausnen.

»Heute ist doch die Strand-Show bei der Lagune«, grinst sie der grau melierte Einheimische gutgelaunt an.

»Und was ist das?«, fragt Grete ungeduldig zurück.

»Da wird wieder ein Dutzend Räuber und Mörder erschossen«, erläutert der Vergnügte. Die Österreicher erfasst ein Schaudern. Sie haben keine weiteren Fragen. Doch der freundliche Nachbar setzt von sich aus hinzu: »Sir Donald, der alte einarmige Schotte, ist heute dran, das ist immer besonders spannend. Der kann gut schießen, es kann aber dauern, er trinkt ziemlich viel und trifft nicht immer gleich.« Mit dieser Erklärung wendet sich der Nachbar augenzwinkernd wieder seiner Jause aus gekochten Hühnerfüßen zu.

Der schaut doch aus wie ein Opa und das ist er wohl auch, wie kann der so reden? Ferdinand kratzt sich am Hals. Es sind doch auch Kinder im Auto! Wo bin ich nur hingeraten?, denkt er. Vor seinem geistigen Auge tauchen unwillkürlich jene Szenen aus kindlichen Zeiten auf, in denen der botschafterliche Vater am Familientisch drohte, alle unbotmäßigen, faulen und dummen Menschen, von denen er angeblich umgeben war, auf der Stelle standrechtlich erschießen zu lassen. Damals war Ferdinand sicher gewesen, dass die grimmige Exzellenz auch ihn meinte.

»Das hättest du wissen sollen«, zischt Grete Alfred zu.

»Am besten wir fahren in den Klub«, schlägt er kleinlaut vor. Der Klub liegt im vornehmen Westen der Hauptstadt Dosamado. Gepflegter englischer Rasen ergießt sich, so weit das Auge reicht. Das macht das Gelände zu einer Oase inmitten der staubigen Landschaft ringsum. Livrierte Diener, deren Gesichter fast so schwarz sind wie ihre Uniformen, stehen weiß-behandschuht sprungbereit herum, um die fast ausschließlich weißen Gäste mit Liegen und samtweichen Handtüchern zu verwöhnen und mit kühlen bunten Getränken zu laben.

Heute, sonntags, ist der Klub voll. Um den gigantischen Pool mit giftgrünem Wasser ist kein Platz zu ergattern. Schließlich lassen sie sich im Schatten eines Mangobaumes nieder. Nach mehreren Exkursionen ins kühlende Nass ist es dann Zeit für einen Imbiss im klimatisierten Klubhaus.

In der legeren Atmosphäre rund um das üppige Buffet kommen sie schnell ins Gespräch. Die meisten Besucher sind westliche Kollegen vom diplomatischen Corps mit Familien. Der Handelsdelegierte stellt Ferdinand der Runde kurz vor. Es folgen die üblichen Fragen an den Neuen: »Wie lange sind Sie schon hier?« oder »Wie gefällt es Ihnen hier?« oder »Wo waren Sie vorher?«. Ferdinands zögerliche Antworten scheinen die Fragenden nicht wirklich zu interessieren. Danach geht es an den Austausch von Kuriositäten, Klagen und Horrorgeschichten über die Zustände im Empfangsstaat. »Wir sind schon seit drei Wochen ohne fließendes Wasser«, verkündet eine sonnengegerbte Britin. »Und wir sind seit sechs Monaten ohne Müllabfuhr«, übertrumpft sie eine verhärmt wirkende Belgierin. »Vorgestern wurde der Mercedes des deutschen Konsuls vor dem Konsulat am helllichten Tag gestohlen«, entrüstet sich ein nordischer Hüne mit dem Gehabe eines spanischen Granden. Ein Crescendo des Unmuts widmen die Klagenden dem einheimischen Dienstpersonal, von dem sie durchwegs behaupten, es sei faul, unfähig, verschlagen, diebisch und leider unentbehrlich. Bei vom einheimischen Personal mit stoischer Miene gekonnt gereichten Lachsschnittchen, Schokoladen-Mousse, Cola und Whisky sprudelt das Geschnatter wie ein Gebirgsbächlein munter dahin. Von Wellness durchflutet blickt Ferdinand sich um.

Er lauscht und fühlt sich wohl, wie nach einer gelungenen Beichte. Das diplomatische Corps wird sicher meine Familie, Großfamilie! Was uns nicht alles verbindet! Es kommen ihm die Werte der westlichen Wertegemeinschaft in den Sinn, die der ganzen Menschheit schon so viel Gutes gebracht haben. Dieses Geschimpfe dagegen klingt doch ziemlich rassistisch und ein guter Christ ist kein Rassist. So schlimm wird das schon nicht sein mit den Einheimischen!

Ferdinand verschließt die Ohren und sieht sich um. Zwinkert mir da nicht diese weißblonde Holländerin zu, deren Oberweite krebsrot aus dem Bikini quillt? Mama, die Torwächterin seiner Libido, taucht vor seinem geistigen Auge auf und rät zu Vorsicht.

Doch wer ist das? An der Bar taucht eine junge Frau auf: Lebhaft erforschen ihre lachenden Augen die Szene, sie kehrt den Kopf munter mal dorthin mal dahin, kurz geschnittenes, dichtes braunes Haar umwippt ihn bei jeder Bewegung, die kleine Figur passt nicht so recht zu dem Tennis-Outfit, das ihren Rundungen jedoch Geltung verschafft. Sein Blick schweift zu den kompakten runden Füßchen, die am Ende der kurzen Beine aus grünen Plastiksandalen lugen. Für solche kompakten Extremitäten hat Ferdinand immer eine gewisse Schwäche gehabt und so züngelt in ihm nun eine zarte Flamme hoch. Süß wie ein Punschkrapferl erscheint ihm die junge Dame. Immer wieder schweift sein Blick in ihre Richtung und zu ihren Füßen. Ich darf sie nicht anstarren, mahnt ihn seine im Elternhaus früh auf Diskretion trainierte innere Stimme, es wäre peinlich, wenn sie es bemerkt. Aber wer ist dieser Kerl mit den struppigen Haaren, dem Sonnenbrand und den ausgebeulten Pluderhosen, mit dem sie da schäkert? Wie kann sie sich mit so jemandem abgeben? Hmm, was geht mich das eigentlich an? Ferdinand pumpt sich etwas aus der High-Tech-Kaffeemaschine, das entfernt an den heimatlichen »Kleinen Braunen« erinnert.

Grete nähert sich mampfend mit einem Dessertteller, auf dem die Kalorien für eine ganze Woche versammelt sind. Offenbar hat sie seine zielgerichteten Blicke bemerkt. »Das ist Lisa, sie kommt aus Wien und ist erst seit Kurzem hier«, flüstert sie Ferdinand zu und nippt an einem lila-farbenen Cocktail. »Was sie hier genau macht, weiß ich nicht, zu Hause studiert sie irgendetwas«, bekundet Grete mit Betonung auf irgendwas, »könnte Medizin sein. Wahrscheinlich ist sie aber wieder so eine Entwicklungshelferin«, fügt sie leicht verächtlich hinzu. Ferdinand starrt auf ihre wulstigen Finger mit rosa lackierten Nägeln, mit denen sie die Süßigkeiten in ihren grell geschminkten Mund schaufelt.

Ferdinand überhört ihren Unterton und fängt einen Blick Lisas unter ihrem wippenden Haarschopf auf: Hat sie gespürt, dass von ihr die Rede ist? Ich muss mehr über sie herausfinden, als Österreicherin fällt sie ja sozusagen in meine Zuständigkeit. Diese Haare, diese Augen, diese schwungvollen und doch grazilen Bewegungen! Aber haben mich Mama und Papa nicht vor Frauen gewarnt, die studieren und womöglich selbst Karriere machen wollen? Solche brauche »Mann« nicht, schon gar nicht als Diplomat, haben sie mir eingeschärft, sondern eine, die ihrem Mann stolz und freudig überall hin folgt und ihm klag- und lohnlos den Haushalt führt. Das müsse Erfüllung genug sein, denn schließlich gleicht die Führung eines Diplomatenhaushalts der eines mittleren Hotel- und Restaurationsbetriebes.

»Wo ist heute eigentlich Jean-Pierre?« Mit dieser Frage durchbricht ein rundlicher Franzose das kurze wohltuende Schweigen und lenkt Ferdinands Aufmerksamkeit in die Runde des Corps zurück. »Er ist doch sonst so oft hier«, fügt der Franzose dazu.

»Ich weiß nicht. Das ist seltsam. Ich habe ihn seit Tagen nicht mehr gesehen«, erwidert nachdenklich ein hagerer Deutscher.

»Vielleicht ist er wieder einmal auf Safari oder wie er das nennt«, mutmaßt ein jovialer Italiener leicht spöttisch.

»Er verschwindet immer wieder für ein paar Tage«, lässt sich der blasse Gemahl der luftgeselchten Britin vernehmen. »Das kann er sich erlauben, er lebt allein und im Büro kann er auch ein-und ausgehen, wie es ihm passt«, ergänzt er und fängt sich einen strafenden Blick der Gegerbten ein.

»Vielleicht erforscht er wieder einmal lokale Gebräuche, besonders weibliche?«, wird der Italiener anzüglich.

Die Blicke der Versammelten schweifen über das Gelände hinter den großen Klubfenstern. »Er ist nirgends zu sehen, übersehen kann man den ja nicht, mit seinen roten Haaren«, resümiert der gründliche Deutsche.

Ferdinand verschluckt sich fast an einem Löffel Karamellcreme: rote Haare! Hat Alfred nicht gesagt, dass er den Toten im Kanal kennt? Mit großen runden Augen schaut er Alfred, der mit einem Lachsbrötchen in der Hand in der Nähe steht, an. Der Handelsdelegierte wendet den Blick rasch ab.

HÖFLICHKEITSBESUCH

Grete stößt den schnarchenden Alfred energisch aus dem Schlaf.

»Na geh«, dreht der seinen rundlichen Leib auf die andere Seite, »gerade habe ich so schön geträumt, von meinem Dossier und wie der Botschafter über meine Leistungen staunt und diese Neidhammel in Wien zerspringen.«

»Wir müssen auf, die Woche beginnt, die Pflicht ruft«, mahnt die Gemahlin und schwingt ihren zur Fülle neigenden Leib behände Richtung Bad.

Alfred wälzt sich ächzend wieder herum und überlegt: Dieser Ferdinand ist ein lieber Kerl, aber wird er dichthalten? Was würde der Botschafter sagen, wenn er erfährt, was vorgefallen ist? Aber wer weiß, ob man Jean-Pierre je findet? Viele verschwinden in diesem Kanal für immer, in den Rachen hungriger Fische oder gieriger Krokodile. Oder die Bagger schaufeln sie mit dem Müll auf eine Deponie und dort verrottet alles in null Komma nichts.

Grete kehrt schnaubend zurück: »Ich habe schon in aller Früh mit dieser maulfaulen und unfähigen Hauswirtschafterin Ärger, und du verdünnst dich jeden Morgen in den Garten, statt dass du einmal ein Machtwort sprichst«, muffelt sie.

»Du erinnerst dich«, richtet sich Alfred auf, tastet nach seiner Brille auf dem Nachtkästchen und wirft ihr einen verwundeten Blick zu, »dass erst vor Kurzem wieder so eine stinkige Leiche bei uns am Kanal lag. Oder denk an die, die letzte Woche jemand des Nachts über die Mauer zu uns gehievt hat?« Grete erinnert sich mit Schaudern. »Was wäre wohl gewesen, wenn ich sie nicht gefunden und gleich über die Mauer zurückbefördert hätte?«, triumphiert er, schlüpft in seine Velour-Schlapfen und fixiert eine Eidechse, die ihn reglos vom Fensterbrett aus anstarrt.

»Aber die Nachbarn schubsen sie ja immer gleich zurück«, erhitzt sich Grete, »es wäre besser, sie gleich in den Kanal zu werfen.«

»Da hast du natürlich recht«, gibt Alfred zu und brummt: »Wenn die Wächter etwas taugen würden, müsste ich mich nicht immer selbst darum kümmern. Wir ernähren sie und ihre Brut, mit der sie in diesen Hütten an den Mauern hausen, und was tun die außer zu schlafen?«

Grete knurrt: »Vielleicht sollten wir diese Pygmäen anheuern, die halten auf den Bäumen Wache und schießen Einbrecher lautlos mit Giftladungen ab. Das machen einige Nachbarn und die Einbrecher trauen sich nicht auf solche Grundstücke.« Alfred tippt sich auf die Stirn und trollt sich Richtung Badezimmer.

Kaum sitzen sie am Frühstückstisch, ertönen Sirenen. Durch die vergitterten Fenster des Zimmers blinkt Blaulicht.

»Die Polizei, so früh am Morgen?«, macht Alfred große Augen. Unmöglich kann die Leiche schon gefunden worden sein, es ist doch erst Montag. Oder haben die Ordnungshüter von der nächtlichen Aktion auf unserem Grundstück erfahren?

»Schönen guten Tag, darf ich eintreten?«, fragt der schlanke, sportlich wirkende Uniformierte und verneigt sich höflich. Alfred bedeutet ihm huldvoll, Platz zu nehmen, doch der junge Mann bleibt nahe der Tür stehen. »Ich bin Ober-Sergeant Ibina Kibara«, stellt sich der Unbekannte vor. »Der Nachfolger von …«, er nennt seinen notorisch korrupten Vorgänger. »Ich bin jetzt für dieses Revier zuständig und möchte meine Schützlinge kennenlernen.«

Als ältester Sohn einer kinderreichen Beamtenfamilie aus dem Norden des Landes hat Kibara früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und den Dienst am Vaterland zu pflegen. Sein Gang durch die von Geist und Zucht der früheren Kolonialherren geprägten einheimischen Bildungsstätten hat ihm den Respekt vor der eigenen Kultur nicht rauben können. Mit Beharrlichkeit hat er Auslandsstudien absolviert und seine Kenntnisse mehrerer europäischer Sprachen sowie die Fürsprache eines nur minder korrupten verwandten früheren Innenministers haben ihm zu Stellung und Aufstieg bei der Polizei verholfen.

»Sehr erfreut«, behauptet Alfred und stellt erleichtert fest, dass es sich nur um einen Höflichkeitsbesuch handelt.

»Ich werde mein Bestes tun, dass hier alles in Ordnung ist«, versichert der Neue, »schließlich wohnen hier Diplomaten und die Regierung will ihnen ausreichenden Schutz bieten.«

»Wunderbar«, beteuert Alfred, »darf ich Ihnen etwas anbieten?«

»Vielen Dank«, erwidert der neue Oberschutzmann und stampft dabei kaum merklich von einem großen Fuß auf den anderen, »aber ich bin im Dienst. Im Übrigen nehme ich nie etwas an«, fügt er mit Nachdruck hinzu. Seine ungewöhnlich hellen Augen glänzen dabei auf undefinierbare Weise. Ungläubig glotzt ihn Alfred an. »Gibt es Probleme, die Ihnen hier zu schaffen machen?« Mit diesen Worten zückt Kibara tatkräftig seinen Tablet-Computer.

»Ja, der Müll sollte rascher entfernt werden, sonst fängt es an zu stinken und es sammelt sich allerhand Getier an, Ratten, Katzen, Affen«, mischt sich Grete ein.

»Stimmt«, ergänzt der Handelsdelegierte energisch, »das Gelärme ist oft sehr störend, vor allem wenn man hohe Persönlichkeiten zu Besuch hat, Sie können sich denken, was die dann weitererzählen.«

Kibara lässt sich sein Befremden nicht anmerken. »Ich werde das an die zuständigen Stellen weitermelden«, versichert er freundlich. »Das wird künftig besser klappen«, behauptet er wider besseres Wissen. »Haben Sie sonst noch Wünsche?«

»Der Verkehr, die ständigen Staus, das ist für uns sehr belastend«, klagt Alfred.

»Ich weiß«, seufzt Kibara. »das ist auch für uns ein Problem. Wir können oft nicht rechtzeitig dort sein, wo etwas Schlimmes passiert oder etwas gefunden wird, das auf ein Verbrechen schließen lässt. So entgeht uns leider manches.« Alfred verbirgt seine Erleichterung mühelos. »Aber, wenn es sich bei dem Opfer um einen Ausländer handelt«, richtet Kibara seine schlaksige Figur energisch auf, »tun wir wirklich alles, um Verbrechen aufzuklären. Schließlich geht es um unseren guten Ruf.«

»Das ist sehr beruhigend«, lügt Alfred, geleitet Kibara zur Tür und wünscht viel Erfolg.

»Musstest du so übertreiben?«, wendet er sich danach an Grete, die genüsslich an einem in Kakao getunkten Croissant saugt. »Affen gibt es hier doch gar keine.«

»Doch«, behauptet sie grinsend, »am Wochenmarkt gibt es sie gehäutet zu kaufen, also muss es sie geben; abgesehen von denen in Wien, die glauben, dass wir hier die verschimmelten Amtsmöbel reparieren lassen können«, fügt sie erbittert hinzu.

Alfred schlürft seinen Milchkaffee aus und zwinkert der Gemahlin zu: »Vielleicht sollten wir den Besuchern aus Wien einmal Affenfleisch servieren«, schlägt er listig vor. Entschlossen stellt er die Tasse nieder: »Die Sorge um den ramponierten internationalen Ruf seines Landes wird diesem Neuling übrigens die Lust nehmen, sich um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angehen, wie Tote im Kanal.«

Sie lächeln einander vertraulich zu.

VIKTORIA

Mit seinem neu riechenden Schweinsleder-Aktenkoffer unterm Arm steht Ferdinand in Anzug und Krawatte schwitzend vor dem Gittertor der Botschaft. Der Dienst am Vaterland kann für diese Woche beginnen. Mit Stolz hebt er den Blick zur Fahne über dem Eingangstor. Wie imposant der Bundesvogel seinen Krummschnabel trägt und lässig seine Zunge ausfährt, wie harmonisch sich das Rot der Fahne gegen die Grünschattierungen der üppigen Bäume und Sträucher abhebt! Nur: Der weiße Mittelstreifen changiert ins Grau-Bräunliche, die herrschaftliche einstmals rote Zunge ist zu einem trüben Rosa verblasst und Fransen flattern vom unteren Rand der staatstragenden Textilie.

So geht das nicht, beschließt Ferdinand und betritt den von einer bröckelnden Mauer umzäumten Garten. Da werde ich etwas tun müssen, schließlich steht die Fahne für das teure Vaterland. Und wie erst der Garten ausschaut! Dichtes Gestrüpp macht sich breit, so weit das Auge blickt. Und es blickt schon wegen dieses Mini-Urwalds nicht sehr weit. Eine ordentliche Rodung ist längst fällig, beschließt Ferdinand. Der Botschafter kann sich nicht um alles kümmern, ich werde ihm zur Hand gehen, ohne viel Aufhebens zu machen, das ist ja meine Pflicht.

Er steigt über das Maskottchen der Botschaft, eine tellergroße, rot-weiß-rot angestrichene Schildkröte, die vor den Stufen zur Eingangstür Kopf und Glieder der Sonne entgegenstreckt, und betritt das Gebäude, eine Villa, die einstmals einem beflissenen Diener der Kolonialmacht gedient haben mochte und nun ebenso verblichen ist wie diese Macht.

Freundlich grüßend wendet er sich an die ältliche Kanzlerin Elfriede, die säuerlich von ihrem morgendlichen Müsli aufblickt. »Die Fahne da draußen«, beginnt er, »ist verschlissen, bitte, bestellen Sie eine neue in Wien.«