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Polly Adler

VENUS IM KOMA

Polly Adler

VENUS IM KOMA

Roman

AMALTHEA

Inhalt

»I’m just too much«

Bette Davis

1. Kapitel

Geht’s noch?

»Amor, du Drecksau!« Nichts, gar nichts. Sie brüllte noch einmal. Diesmal auf richtigem Waschweiber-Niveau. Noch mehr nichts. Die diensthabenden höheren Mächte dürften in Sonntagslethargie vor sich hin lottern. Dann hörte sie eine Wagentüre zusacken. Eine solide deutsche Qualitätswagentüre. Ein Dieselmotorengeräusch, das sich langsam entfernte. Max wollte offenbar ernst genommen werden.

Theatralisch sachlich hatte er sich vor seinem Abgang ein Taxi bestellt. »Jaja«, hatte sie sich gedacht, während er bemüht gelangweilt in der Funk-Warteschleife an seinem Handy hing, »mach’ nur, Schatzerl. Mit der Nummer nehmen’s dich vielleicht beim Mörbischer Operettensommer, aber mir brauchst du nicht so zu kommen. Ich bin schließlich nicht auf der Nudelsuppe dahergepaddelt. Ich, ich bin ein Profi. Und du ein rührender Amateur.«

Doch auch rührende Amateure haben offenbar ihre hinterhältigen Tage. Aber dass sie sich für die ausgerechnet einen Sonntag aussuchen müssen.

Sonntag war von allen Tagen im Angebot mit Abstand der allergemeinste, um verlassen zu werden. Ein Donnerstag hingegen würde sich als optimaler Verlassen-Werdens-Tag geradezu aufdrängen. Da vibrierte Polly bei »Flash« üblicherweise noch im Deadline-Adrenalin und konnte sich in diesen Momenten gar nicht vorstellen, dass es außerhalb des Universums von »Flash« und seinem obersten Befehlshaber Anatol Grünberg irgendeine Form von wertem Leben geben könnte.

An diesen Donnerstagspätnachmittagen wären Max’ unvorhergesehene Ich-bin-dann-mal-weg-Eskapaden bestenfalls eine Nebenbaustelle, die man auf seine Shit-Liste für das Wochenende setzen konnte. Da saß ihr Herausgeber Anatol Grünberg nämlich gerne mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und palatschinkengroßen Schweißflecken in der Achselgegend in seiner Designer-Hölle von einem Büro in prächtiger Republik-Erschütterungs-Laune. Falls Telefonprotokolle von den DKT-artigen Spielchen eines Ex-Finanzministers aufgetaucht waren. Oder Polly irgendeinen Soap-Star dazu gebracht hatte, der Weltöffentlichkeit seine Essstörungen und depressiven Seelenschübe zu beichten. Selbst wenn eine vor Engagement bebende Redaktions-Volontärin eine Öko-Jeanne-d’Arc von grüner Abgeordneten der unsachgemäßen Mülltrennung in ihrem Privathaushalt überführt hatte, war Anatol zufrieden.

Er liebte es, wenn in seinem »Flash« die Pappnasen der ersten und manchmal auch erstbesten Gesellschaft »spazieren gefotzt« wurden, wie er das nannte. Wenn die Promis, die das Radarsystem der Öffentlichkeit unablässig durchflatterten, aus ihren angestammten PR-Posen gehoben wurden, so dass »Flash« dann in den Tageszeitungen und Online-Foren rauf und runter zitiert wurde.

»Flash – wenn es da draußen passiert, dann steht es hier drinnen« lautete der Werbeslogan des Magazins, das Anatol aus eigener Kraft aus einem versifften Studenten-Zeitungsprojekt vor zwanzig Jahren in die Höhe gestemmt hatte. An diesem Slogan verbiss er sich seit Jahren wie ein Pitbull-Terrier. Da standen die Werbe-Fuzzis mit ihren »Oasis«-Haarschnitten und in ihren affigen Paul-Smith-Anzügen auf verlorenem Posten, wenn sie glaubten Anatol, das instinktgetriebene Zeitungstier, in eine »etwas hippere Werbelinie« manövrieren zu können.

»Interessiert mich ungefähr so wie Muttertag in Afrika, wenn diese Jung-Schnösel mir ihre Standwixer-Vorlagen unteijubeln wollen«, donnerte er fröhlich, wenn wieder einmal eine schicke Erster-Bezirk-Agenturtruppe unverrichteter Dinge aus der »Flash«-Redaktion getrottet war, »die verstehen nämlich vom Zeitungsmachen so viel wie ich von rechtsdrehenden Soja-Joghurts. Nämlich Nüsse, nada, gar nix!« Dann lachte er dreckig und rieb sich die Hände.

Stahlhelmpflicht war bei Anatol angebracht, wenn das Heft sprengsatzfrei war und »vor lauwarmen Lulu-Aufsatzerln« strotzte, wie er das nannte. Dann war er in etwa so umgänglich wie eine Tarantel.

Und Polly hatte mehrere Tarantel-Wochen hinter sich. Die Kräfte hatten sie schon seit geraumer Zeit verlassen. Das heftig pubertierende Kind, der Mann, der sie mit seiner Antriebslosigkeit und seinem Phlegma in Sekundenschnelle auf Temperaturhöhe Hysterie bringen konnte. Und jeden Montag wieder ins Hamsterrad bei »Flash« – noch eine Geschichte, in der eine von einem Vorzimmer-Luder betrogene Politikergattin mit psychopharmakaschwerer Stimme erklärte, dass man »in aller Freundschaft auseinandergehen« werde und ihr »Hansi/Kurt/Helmut ein wunderbarer Vater und Mensch ist, aber man sich eben auseinander gelebt hat.«

In Wahrheit war Polly eine journalistische Sondermülldeponie für A- bis D-Promis, die sie mit manchmal gar nicht einmal geheucheltem Mitgefühl dazu bringen musste, Dinge von sich preiszugeben, die sie eigentlich unter allen Umständen für sich behalten wollten. Eigentlich war sie in dieser Disziplin Spitzenklasse. Eigentlich. In letzter Zeit aber eben nicht. Eigentlich gar nicht. Keine Kraft mehr. Wenn sie morgens, selbst nach acht Stunden Schlaf, aufwachte, fühlte sie sich, als ob ein Kolchosentraktor mehrfach über sie drübergerollt wäre.

»Frau Adler, mit dem G’schichterl gewinnen ’S aber keinen Plüschhasen, nicht einmal einen halben«, hatte Anatol mit einem Gesichtsausdruck, der eine perfide Mischung aus Ärger und Enttäuschung war, in den letzten Wochen nicht nur einmal gesagt. Und nach einer bedeutungsvollen Pause kam dann so was wie: »Dass diese Tierärztin-Darstellerin mit Yoga ihre Mitte gefunden hat und für aidskranke Kinder in Afrika Rilke-Lesungen veranstaltet, interessiert mich so wie die Zeitung von vorletzter Woche. Hat die nix anderes zu bieten – zumindest einen fünfzehn Jahre jüngeren Yogi-Liebhaber, der ihr das Weiße aus den Augen vögelt?«

Anatol war sechsundfünfzig. Wie aus Trotz zu seinem im Sinkflug begriffenen Testosteron-Spiegel stand Sex ganz oben auf seiner Prioritätenliste. Aber eben nicht der mit seiner Frau Jacky, einer auf Salondame getrimmten Gelbblondierten, der dann doch noch hin und wieder ein Dativ verrutschte. Jacky stammte aus dem Hinterhof des Burgenlands und ihr ganzes Leben bestand aus der ungeheuerlichen Anstrengung, diese Herkunft zu verbergen. Es war aber nicht so, dass Anatol fremdging. Und zwar nicht wegen moralischer Hemmungen, sondern aus purer Verlust-Panik. Und diese Panik war nicht romantisch motiviert, nämlich gar nicht, es war die pure Angst, unglaublich viel Geld zu verlieren.

»Hupfer auf die Seiten kann ich mir pinseln«, hatte er ihr einmal bei einem Barolo-Gelage nach Redaktionsschluss gestanden, »wenn mir die Jacky da draufkommt, fackelt sie mich ab, dass ich den Rest meines Lebens Retzer Schankperle saufen werd’ müssen.«

Aus dieser sexuellen Pattstellung heraus, fuhr er besonders darauf ab, wenn die in »Flash« vorgeführten Promis durch diverse Hormon-Schlachtfelder taumelten und es sie dabei ordentlich aufstreute.

Polly registrierte, dass sich ihre Work-Life-Balance offenbar in einer katastrophalen Schieflage befand. Eben hatte sie ihr Mann nach fünfzehn Jahren Beziehungshochschaubahn verlassen und woran dachte sie: an Anatol und den Job!

Ihr Blick fiel jetzt auf das mit gebogenen Stahlrohren eingefasste Glasregal aus den zwanziger Jahren, das im Vorzimmer stand und ihre »Greulich«-Sammlung beherbergte. Das war ihr gemeinsamer Spleen gewesen: die scheußlichsten Nippes und Gebrauchsgegenstände, die sie auf Reisen oder auch nur in Wien finden konnten – nach Hause zu karren. Auf dem Regal hatte ein Klobesen in Form eines Cockerspaniels aus Porzellan den höchsten Gräulich-Faktor, eine Wasserpfeife in Form einer Gasmaske lag haarscharf auf Platz zwei. Geliebt auch die Conan-der-Barbar-Figur, in die ein Vibrator mit drei Geschwindigkeitsstufen eingebaut war, und jene knallblaue Marienstatue aus Lourdes, der man mit einer kleinen Pumpe blutige Tränen aus den Augen kullern lassen konnte.

Max, du Scheiß-Kerl, wo bist du jetzt? Komm nach Hause, heute ist »Tatort«, noch dazu Leipzig mit diesem Thomalla-Luder mit ihren aufgespritzten Schlauchboot-Lipperln, die hast du doch so gern. Scheiß-Kerl! Wahrscheinlich fühlte er sich jetzt so richtig stark in seinem Lonesome-Cowboy-Movie und hatte sowas wie eine seelische Erektion.

»Ha, jetzt hab’ ich’s der Alten aber ordentlich gezeigt, jetzt taumelt sie in den Seilen, linker Haken, bravo Maxi-Boy!« Sowas in der Art. Wie war der genaue Wortlaut eigentlich? »Ich denke, ich muss einmal für eine Weile allein sein«? Nein, falsch. Das war nicht sein Text. Der Text war radikaler, ohne Möglichkeiten für irgendwelche Notausgänge.

»Wir sollten uns trennen«, hat er gesagt. Punktum. Nicht nur für eine Zeitlang oder ein paar Wochen. Irgendsowas mit ein bisschen Farbe der Hoffnung eben. Nein, hier war null Ausblick angesagt. Und natürlich – mit einem nassen Fetzen könnte sie sich im Nachhinein dafür prügeln – hat sie sofort die Frage aller Fragen gestellt: »Wer ist die Frau?« Eigentlich wollte sie Trampel sagen. »Wer ist der Trampel?« – entsetzlich, zum Selberschämen, gerade noch hat sie den Trampl abgefangen. Viel zu unelegant, wenn nicht hart an der Würdelosigkeit. Nicht ihre Liga. Lüge! Natürlich schon ihre Liga, aber das brauchte ja niemand zu wissen.

»Nein, Polly«, lautete seine süffisante Antwort, »da ist keine Frau. Die Freude mach’ ich dir nicht! Vergiss’ es! Es liegt an dir, hast du mich, nur an dir. Das Zusammenleben mit dir ist wie … wie Spazierengehen in einem Tretminenfeld. Ich kann … nein, viel schlimmer, ich will nicht mehr.«

Eine glasklare Ansage. Ungewöhnlich für Max, der eigentlich zu den Sowohl-als-auch-Lavierern zählte. So klar, dass es schmerzte. Und wie das saß, peng! So sehr, dass ihr jetzt kein Text mehr einfiel. Ein äußerst ungewöhnlicher Zustand für Polly. In etwa so selten wie eine natürliche Todesursache im gehobenen sizilianischen Cosa-Nostra-Milieu. Sie hatte laut schweigend zugesehen, wie er seinen flotten Rollkoffer, den er offensichtlich schon in ihrer Abwesenheit gepackt hatte, am Griff fest umklammerte und ihn auch dann, als er beim Taxifunk anrief, nicht mehr losließ – so als ob er seine wilde Entschlossenheit noch zusätzlich unterstreichen wollte. Und jetzt stand sie hier allein in ihrem tomatenrot gestrichenen Vorzimmer und starrte auf die wilden, bunten afrikanischen Popart-Frisurenbilder, die sie von einer Reise aus Kapstadt mitgebracht hatten und die dort in den Friseurläden der Slums als Stil-Anregung für die Kundschaft dienten.

Der Abgang mit dem Taxi besaß zusätzlich auch eine symbolische Bedeutung. Sie hatten seit kurzem nur noch ein Auto und das wurde vor allem von Polly genutzt. »Downshifting«-Maßnahmen. Vor einem Dreivierteljahr war Max’ Auftragslage, die ohnehin seit geraumer Zeit ziemlich deprimierend gewesen war, in den Unter-Null-Bereich gerasselt. Schon vor den Banken-Crashs hatte sich dieses Tief abgezeichnet. Aber nach der weltweiten Panik brauchten die Menschen noch weniger einen mürrisch dreinblickenden Innenarchitekten, der zu fast jedem Termin zu spät kam oder seine Stoffmuster »ausnahmsweise« nicht dabeihatte. Für einen Mann, in dessen Architekten-Karriere seine liebe Mutti einst so große Hoffnungen gesetzt hatte, eine schwere Ego-Karambolage. Denn seinen Hochschul-Abschluss hatte Max so lange schon demnächst »ganz sicher« machen wollen, dass er davor doch irgendwann endgültig resignierte. Statt coole Stahlglas-Monstrositäten in die heißesten Metropolen Europas zu setzen, hatte Max die letzten Jahre als Innenarchitekt vertrödelt. Und tingelte mit alten Ausgaben von »House & Garden« und »Elle Decoration« unterm Arm durch Penthouse-Wohnungen und Döblinger-Villen, um Zahnarzt- und Rechtsanwalts-Gattinnen durch schwierige Entscheidungsfindungen wie »Ein satter Vanille-Ton oder vielleicht doch besser Sahara-Sand für die Minotti-Sitzgruppe?« zu navigieren. Und das alles neben einer Frau, die den Löwenanteil des Haushaltsschotters heimkarrte. Faustschläge in die Selbstwert-Region am laufenden Band.

Auch typisch, dass sich Max für diesen Exodus einen Tag ausgesucht hatte, an dem die Resi bei einer ihrer Valentinas, Saskias oder Alinas übernachtete. Die Mädchen-Vornamen klingen ja heutzutage gerne wie Dessous-Labels, oder russische Geheimprostituierte. Nur keine unnötigen Brösel, das war Max. Mut war definitiv nicht sein zweiter Vorname.

Übernachten bei den gleichgesinnten Pubertäts-Terroristinnen, inklusive kollektivem Gekreische bei Horrortrash mit schönen Titeln wie »Scream-Queens in Zombiehausen« oder »Ein Schleim-Alien kommt selten allein« in verdunkelten Räumen, war in Resis Teenager-Universum zurzeit schwer angesagt. Teil des Abnabelungsprozesses. Und auch entlastend. Für Polly nämlich. Denn Resis Pampigkeit und genervtes »Chillax, Mutter!«-Gemotze ging ihr ohnehin ziemlich auf den Geist. Sie war eigentlich oft und immer öfter richtig froh, wenn sie eine Auszeit von ihrer Tochter vergönnt bekam. Die Pubertät, so war sie sich mittlerweile sicher, hatte sich der Schöpfungstechniker ausgedacht, damit die Mütter ihre Kinder irgendwann einmal loslassen können. Jetzt hätte sie den rotzigen Fortpflanz aber so gerne hier gehabt. Sie fühlte sich entwaffnet. Richtig abgeräumt.

»Was werden wir dem Kind sagen?«, fragte sie, als Max die Klinke der Eingangstür gerade runterdrücken wollte. Ihre Stimme kippte dabei in gefährliche Nähe der Falsetto-Zone und das galt es unter allen Umständen zu vermeiden. Das Ziel war eine souverän-verrauchte und pernodgetränkte Simone-Signoret-Tonlage, die aber im Zustand der Aufgeregtheit richtig unerreichbar wurde.

»Ach, du denkst sogar an dein Kind? Fällt dir das nicht ein bisschen spät ein?« Oh ja, natürlich musste er jetzt noch im Abgang auf ihre in seinen Augen mehr als lausige Mutterschaft drücken. Klar doch, Alter! Der Punkt ist immer ein sicherer Treffer. Dort tut’s richtig weh. Sie schwieg. Hilflos. Sie spürte nahezu physisch, wie er ihre Hilflosigkeit mit Wonne inhalierte. »There is a thin line between love and hate«, singt Chrissie Hynde von den »Pretenders«.

»Ich habe ihr noch nichts gesagt. Das werden wir gemeinsam tun, wenn ich mich einmal installiert habe.« Installiert? Hallo, geht’s noch?

»Wo willst du dich denn installieren, Max?«, fragte sie in weiter Simone-Signoret-Ferne.

»In einer Zwischendeponie für ›Desperate Husbands‹«, grinste er, ganz verliebt in sein Witzchen. »Details folgen.«

Vor zwei Tagen saßen sie noch bei dieser Feng-Shui-Faschistin, die im Hauptberuf Paartherapeutin ist. Das Plätschern des Zimmerbrunnens stimulierte verlässlich ihren Harndrang. Die Frau hieß noch dazu Stowasser, was zusätzlich animierend wirkte.

»Polly und Max«, hatte die Stowasser, mit ihrer um Bedeutsamkeit bemühten Stimme, die sich auf jeden Konsonanten schwer draufsetzte, angemerkt, »ich denke, ihr müsst einfach mehr Zeit miteinander verbringen. Etwas gemeinsam unternehmen, den Alltag ausklammern …« Dabei schwenkte sie ihre Arme aufgeregt auf und ab, so dass die Ärmel ihres finsteren Yamamoto-Zeltkleids wie bedrohliche Krähenflügel flatterten.

Für so eine absolute Super-Binse, die in etwa das arithmetische Mittel zwischen Paulo Coelho und dem hundertjährigen Bauernkalender darstellte, legten sie 85 Euro pro 50 Minuten auf den Tisch. Die Krankenkasse zahlte natürlich keinen Cent für die Reparaturversuche von in rauchenden Trümmern liegenden Beziehungen. Dabei war die kaputte Zwischengeschlechtlichkeit – ohja, dafür gab es jede Menge hochseriöse Untersuchungen – die Hauptursache für Depressionen und Angststörungen. Ein volkswirtschaftlicher Schaden in Phantastillionen-Höhe!

Abgesehen davon: Sie hatte sich wirklich lange angestrengt, die Kalenderspruch-Ratschläge von Frau Magister Stowasser irgendwie ernst zu nehmen. Oder zumindest, so zu tun als ob. Nur eben vorgestern nicht mehr.

»Siehst du, Max!«, hatte sie daraufhin ihrem in verschränkter Verkrampftheit dasitzenden Demnächst-Ex zugerufen, »die Frau Magister meint, wir sollten mehr gemeinsam unternehmen. Und genau deswegen finde ich, sollten wir den Paartherapeuten wechseln.«

Nun gut, möglicherweise war das jetzt nicht die geschmackvollste Wuchtel unter freiem Himmel angesichts dieser ziemlich verfahrenen Situation. Aber sie wollte doch nichts anderes, als ein bisschen zur Lockerung der Lage beitragen. »Humor ist die Zärtlichkeit der Angst«, hatte der Zeichner Mordillo einmal gesagt. Doch hier war schmähfreie Zone und der kleine Gag verursachte noch ein zusätzliches Stimmungstief.

Die Stowasser machte ein Smiley-nach-unten-Gesicht und Max sagte, ohne Polly dabei auch nur eines Blickes zu würdigen: »Sie sehen, meine Frau unternimmt wirklich alles, um unsere Beziehung aus der Scheiße zu karren.« Dann beugte er sich zu Frau Krähe hinunter und flüsterte ihr verschwörerisch ins Ohr: »Und abgesehen davon: Jede noch so miese Pointe muss aus ihr raus. Koste es, was es wolle. Verletzungen, Kränkungen etcetera sind ihr völlig wurscht. Das ist wie eine Manie. Gibt es dafür eigentlich einen medizinischen Begriff?«

»Ja, Moria, im Volksmund auch Witzelsucht genannt. Das ist eine Art Zwangsneurose und hat mit Dysfunktionen im Frontalgehirn zu tun«, ballerte die Stowasser, richtig froh, einen Nachweis ihrer fachlichen Kompetenz bringen zu können, wie ein Maschinengewehr zurück.

Geht’s noch, du Psycho-Furie, dachte sich Polly und zwang sich zur Contenance. Jetzt nur nicht in die von beiden Seiten ausgefahrenen Messer rennen. Aber, um in den Facebook-Jargon zu verfallen: Max gefiel das! Und zwar sehr.

»Siehst du, Dysfunktionen im Frontalgehirn … Ich hatte schon so eine dunkle Ahnung.«

Zu viel, alles viel zu viel. Sie packte ihre Tasche und stand auf. Magister Krähenflügel sah sie streng an und warf dann einen Blick auf ihre kunterbunte Swatch mit den überdimensional großen Ziffern – wahrscheinlich wegen der fortschreitenden Alterskurzsichtigkeit: »Polly, ich würde Ihnen dringend raten, internes Wut-Management zu betreiben. Sie geben sich viel zu sehr Ihren spontan-aggressiven Impuls-Reaktionen hin. Ich fürchte, die Stunde ist für heute ohnehin zu Ende … Wir sehen uns nächste Woche um die gleiche Zeit. Dann werden wir uns mit dieser Problematik intensiver auseinandersetzen.«

Markus, ihr ehemaliger Chef vom Dienst bei »Flash«, der inzwischen in einer Trinkeranstalt versuchte, die Reste seines Gedächtnisses zusammenzuklauben, hatte für solche Gelegenheiten immer folgenden Spruch vom Leder gezogen: »Gehn’s, reden ’S mir des einfach in a Sackl und stellen ’S mir vor die Tür.«

Sie widerstand der Versuchung, diesen Spruch abzulassen, und verließ hoch erhobenen Hauptes und wortlos den Raum. Diese Tränen sollte niemand sehen.

Oh Gott, das klang wie eine Zeile aus einer Xavier-Naidoo-Besinnungsballade! Wo war hier die Notbremse?

Die Dienstags-Intensivauseinandersetzung bei der Plätscher-Tante konnte sie jetzt einmal getrost aus dem Wochenplaner streichen. So hatte doch jede Katastrophe irgendeine Form von Bonustrack. Und jetzt?

Entlastungsgerinne, aber flott! Sie ging ins Wohnzimmer. Schnell ein Gin’n’Tonic zur Nervenberuhigung. Natürlich war im »Bombay Sapphire« nur mehr eine Kolibripfütze über. Im Gegensatz zur seligen Queen Mum besaß man leider keine schwulen Palastdiener, die jederzeit für Nachschub sorgten. Dann also Wodka. Der »Anna Karenina«-Wodka. Den hatte ihr Gerti von ihrem Moskau-Trip mitgebracht. Ach, Gerti, du Friseuse der Herzen! Da hatte sie »mit Neckermann die weißen Nächte erleben« oder sowas in der Art gebucht. Ein wirklicher Fusel. Wahrscheinlich konnte man damit Traktoren in Bewegung bringen. Und sich selbst in Erblindungsgefahr begeben. Sie nahm einen tiefen Schluck. Ihr Magen wurde von kleinen, heißen Wellen durchpeitscht. Fusel hin oder her – er wärmte! Sie starrte auf das so tollpatschig wie derb gemalte Porträt ihrer Freundin Anna auf dem Etikett.

Es war Zeit für einen Trinkspruch: »Nastrovje, Anna Arkadjewna, du Crash-Test-Dummy der Liebe. Es grüßt dich deine Pollyskaja, der das Leben eben auch den bösen Mittelfinger gezeigt hat. Jeder hat seinen Grafen Wronski, meiner heißt Max.« Vielleicht würde ja jetzt eine literarische Spritztour nach Moskau helfen.

»Wenn es dir beschissen geht, besuch einfach Leute, denen es noch viel beschissener geht« lautete eine Lebensweisheit von Nanny Fine. Die Serie »The Nanny« hatte sie sich mit Resi früher so oft angeschaut, dass sie die Dialoge auswendig mitsprechen konnten.

Polly raste ins Wohnzimmer, das – sehr gegen Max’Willen – wasserblau gestrichen war, und durchforstete die windschiefen Designerschnickschnack-Bücherregale. Wo war Anna Karenina, wenn man sie wirklich brauchte? Wahrscheinlich bei einem ihrer schwachsinnigen Tee-Gelage bei Kitty oder einer anderen ihrer Moskauer Schabracken-Freundinnen. Sie verfluchte sich dafür, dass sie es noch immer nicht geschafft hatte, ihre Bücher nach dem Alphabet zu ordnen. So, wie das normale Menschen gerne taten. Aber normal, normal lief in diesem Leben ohnehin nichts.

Während sie fieberhaft die Buchrücken auf der Suche nach dem Tolstoj-Rettungspaket überflog, rüttelte sie wütend an den blöden Regalen, die auf Max’ ästhetisches Konto gingen. Sie rüttelte so fest, dass ihr ein schweinsrosa Band mit dem Titel »The Between-Boyfriends-Book« von einer gewissen Cindy Chupack auf den Schädel flog. Der Zufall hatte offensichtlich eine Überdosis Ironie zum Frühstück genommen.

»Leckt’s mich doch alle«, brüllte sie in die Stille – einmal, zweimal, »und zwar kreuzweise!« Die Stelle, in die der Ratgeber mit spitzer Kante eingeschlagen hatte, brannte. »Scheißen gehen sollt’s alle!« Jetzt brüllte sie so vulgär und so laut wie möglich. Dann ließ sie sich in das riesige Art-Déco-Sofa, das mit mittelblauem Leinen überzogen war, fallen. Blautöne beruhigten einfach ihre Psyche. Und Max war mehr ein Beige-Braun-Typ, der mit ihrem Spleen für Wasserfarben wenig anfangen konnte.

Es läutete. Das war sicher Max! Gott sei Dank. Er hat seiner ganzen pseudotheatralischen Ich-bin-dann-mal-weg-Show ein vorzeitiges Ende gesetzt und wollte noch einmal von vorne anfangen. »Polly«, würde er sagen, »schneiden wir die letzte Szene einfach aus unserem Drehbuch raus. Du und ich – da passt doch in Wahrheit kein Löschblatt dazwischen. Das wär’ doch wirklich gelacht, wenn wir das nicht schaffen …«

Natürlich wird sie ihn nicht sofort Rosamunde-Pilchermäßig umarmen, sondern eine kleine Verunsicherungs-Pause einlegen. Schließlich sollte der Mann nicht glauben, dass sie wie nichts wieder an Bord hüpft. Noch ein Blick in den venezianischen Vorzimmerspiegel. Dingdong, dingdong!

Ja ja, jetzt kann es unser Cowboy auf einmal gar nicht mehr erwarten.

Sie wischte sich mit ihrem Sweatshirt die verronnene Wimperntusche aus den Augen, verordnete sich die Blickvariante »Abgeklärt, aber verhandlungsbereit« und öffnete die Tür. Schon wieder einmal war das Leben das komplette Gegenteil des so inflationär zitierten Wunschkonzerts.

Da stand kein geläuterter Max vor der Tür. Nicht, dass sie Gerti nicht mochte, aber in Perioden der seelischen Dünnhäutigkeit konnte sie manchmal einfach viel zu anstrengend sein. Wie nahezu immer war Gerti auch heute »overdressed«.

Sie trug ein Kleid, das Gina Lollobrigida in den späten Fünfzigern für ihre Sonntagspromenade auf einem römischen Prachtboulevard gewählt haben könnte. Mokkabraun mit dicken, vanillefarbenen Punkten, den nicht ganz altersadäquaten Victoria-Beckham-Bob hatte sie taftversteift und dramatisch nach vorne geföhnt. Einzig und allein die goldfarbenen Scholl-Hausschuhe trübten die italienische Komposition. Vom vielen Stehen in ihrem Frisierladen konnte Gerti, die beständig mit Botox, Collagen und Hormonbehandlungen versuchte, ihre achtundvierzig Jahre in die Knie zu zwingen, High Heels allenfalls bei Rollstuhlpartys tragen.

Um ihrer Empörung über die kurze Wartezeit vor der Tür Ausdruck zu verleihen, stützte sie jetzt wie in einer schlechten Sommertheaterinszenierung die Arme in die Hüften: »Schatzi, was ist denn los mit dir? Ich brauch ganz dringend dein Internet, man fühlt sich ja völlig amputiert. Mein Provider ist wirklich im Oarsch daheim, das geht schon die ganze Woche so – offline, online, offline. Zum kerzengerade aus der Haut fahren! Als ob man es nicht schon so schwer genug hätte. Dabei geht’s bei mir im Internet g’rad so richtig los. Stell dir vor: zwölf Anfragen! Dabei hab’ ich noch gar kein Foto reingestellt … Sag’ einmal, wie schaust denn du aus?«

Die kurze Sprechpause nutzte Gerti, um ausführlich den Kopf zu schütteln. Und sich selbst dann die Antwort zu geben: »Ich würde sagen, voll elend. Mit dem Look kannst’ ja in der Geisterbahn Kinder schrecken gehen. Du gehörst aber chello zu mir runter ins Geschäft. Morgen bist du gestellt. Solche Haar’ hat sonst nur ein Uhu nach dem Waldbrand … Was ist denn bitte los? Und wo sind überhaupt alle? Das Kind, der Mann?«

»Der hat sich eine Auszeit genommen.«

»Auszeit, wenn ich dieses Trottelwort schon höre. Das klingt ja wie auf diesem abartigen Coaching-Seminar, wo ich vor drei Wochen war. Hab’ ich dir das eigentlich erzählt? ›Think smart – Time Management für Unternehmern.‹ Eine Veranstaltung für die Fisch’, kann ich dir nur sagen. Obwohl dieses Coaching-Striezerl eigentlich ganz süß war. Aber was heißt bitte Auszeit? So viel Stress hat der Max ja wirklich nicht, dass der eine Auszeit braucht. Auszeit von was eigentlich? Vom Deppertsein?«

»Er möchte jetzt für eine Weile ganz allein deppert sein.«

»Bitte? Geht’s dem noch irgendwie?«

»Der Max ist ausgezogen, Gerti, vor einer halben Stunde.«

»Schlag mich tot, ist das dein Ernst? Na praktschak.« Sie stützte sich an der Wand ab, Hechelatmung, pseudomäßige Abwendung eines beginnenden Ohnmachtsanfalls, Gerti liebte das Drama, besonders das anderer Leute: »Ich brauch eine Unterlage.«

»Wodka gibt’s, deinen Karenina-Wodka.«

»Ich hab’ eigentlich eine Sitzunterlage gemeint, aber bevor ich mich schlagen lass’.«

Sie gingen in die Küche. Gerti holte sich ein Glas aus dem weißen Zwanzigeijahre-Medizinschrank, den Polly in einer stillgelegten Arztpraxis ergattert hatte und als Vitrine benutzte, und schenkte sich eine Erwachsenenportion ein. Sie war bei Polly nahezu zu Hause – durch jahrelange Springerdienste beim Resi-Sitting. Gerti hatte ihr Geschäft, das ehrlich und banal »Salon Gerti« hieß, im Parterre und ihre Wohnung einen Stock drüber. Namen wie »Querschnitt«, »Haarscharf« oder »Kopflastig«, wie sie die Frisierstuben in den »bobofizierten« Bezirken gerne trugen, fand sie voll daneben. Da war sie gerne von gestern mit ihrem »Salon Gerti«.

Wenn Polly wieder einmal weit jenseits ihrer Deadline in der Redaktion hängen geblieben war und Max just parallel dazu russischen Oligarchen-Gattinnen eine Armada von Versace-Zierkissen und Löwenkopf-Armaturen nicht ausreden konnte, musste Gerti, aber flott, ran. Resi mochte Gerti. Sie nannte sie ihre »lebende Wellnessoase«, denn die kinderlose Gerti liebte es, den Fortpflanz durch Partypizza-Gelage, McDonald’s-Orgien und Serien-Marathons (»O.C. California«, »Mein lieber Onkel Charlie«) zu versauen. »Meine Mutter, das ist so eine sauöde Tofu-Tusse«, trompetete Resi nach Camp Gerti gerne ihren Freundinnen in den Hörer, »aber die Gerti, mein lieber Scholli, die hat einen echt fetten Lifestyle!«

Gerti setzte sich an den renovierungsbedürftigen Refektoriumstisch, den Max auf einer Auktion ersteigert hatte, und nahm jetzt einen echt kräftigen Schluck. Sie war so in diesem Ritual versunken, dass sie gar nicht realisierte, dass sie Polly nichts eingeschenkt hatte.

»Das ist der Saturn, der legt sich jetzt ordentlich bei dir drauf«, seufzte sie nach einem meterlangen Aaaah-Stöhner, der Wodka-Wohlwollen signalisieren sollte, und richtete ihren Blick nach oben: »Saturn, du Planet der Prüfung, hab’ Erbarmen mit uns.«

Gerti gehörte zu jener Menschenspezies, die die Verantwortung für alle Widrigkeiten des Seins gern jemand anderem umhängte – in diesem Fall dem Stand der Planeten.

»Und meine Venus?«, schniefte Polly, während sie in den kirschroten Stahlrohrschwinger sackte und sich undamenhaft an die Karenina-Infusion hängte.

Gerti dachte kurz nach, hatte aber dann beim besten Willen keinerlei Trost auf Lager: »Deine Venus ist leider im Koma!«

Und was macht Max jetzt eigentlich? Der war inzwischen im Hotel »Sally« eingetroffen. Das »Sally« war ein stadtbekanntes Zwischenlager für Trennungs- und Scheidungskrieger, wurde aber gerne auch von Handlungsreisenden aller Art frequentiert. Seit einer Woche hatte Max hier schon ein Zimmer auf unbestimmte Zeit reserviert. Er wollte eigentlich schon früher aus seinem alten Leben auschecken. Feigheitsbedingte Panikattacken hatten die Angelegenheit unplanmäßig hinausgezögert. Er ordnete seine Sachen in den nach Naphthalin riechenden Resopalschrank ein und achtete penibel darauf, dass seine Hemden Kante auf Kante lagen. So hatte er es gern.

Wäre er mit Polly in dieses Zimmer gezogen, würde es innerhalb kürzester Zeit wie die Filiale eines Hunnenkriegs aussehen. Er platzierte den Ratgeber »Trennen, aber richtig« und das Psychowerk »Die Masken der Niedertracht«, eine Analyse von zerstörerischen Dynamiken in Beziehungen, auf den zerkratzten Nachttisch. An der Rezeption hatte Max schon den Servas-du-i-bin-der-Ernstl kennengelernt, einen Bettwäsche-Vertreter mit rostigem Lächeln und einer Fußballer-Frisur, dessen heißeste Absatzmuster Spaniel-Motive und Playboy-Hasenköpfe waren. Wäre er nicht rechtzeitig abgebogen, hätte Max noch viel mehr über die »Via dolorosa« im mobilen Bettwäsche-Verkaufsgewerbe lernen können. Die Hauptklientel des Servas-i-bin-der-Ernstl waren Schichtarbeiterinnen. »Die san’ nämlich untertags oft z’Haus und da kann man gleich einmal a Probeliegung veranstalten. Hast mich?« Wieherndes Gelächter als Draufgabe.

Die Schichtarbeiterinnen flogen erstaunlicherweise weniger auf die Spaniels als auf die Häschenköpfe. Warum das so ist, konnte sich selbst der Ernstl nicht erklären. Eine einzige Rätselrallye, dieses Dasein.

Max kroch noch angezogen unter die Bettdecke, neben dem Bett hatte er eine äußerst verwerfliche, braune Zaubertüte stehen, aus der der Duft von in Öl triefenden Pommes und in minderwertigem Fett panierten Hühnerstücken stieg. Gleich würde er die Teile tief in diese abartigen Chemiesaucen tauchen, die noch in den kleinen Plastiknäpfen schlummerten. Ein ernährungstechnischer Supergau, der seine biobesessene Frau zu spitzen Schreien des Entsetzens getrieben hätte. Und gerade deswegen ein echtes »Happy Meal«. Und tschüss, Nachhaltigkeit, arrivederci Cholesterin-Bewusstsein! Er wollte heute ausschließlich jenen Sport betreiben, den Polly so nachhaltig an ihm hasste: sich gehen lassen.

Und zum Nachtisch statt einer Apfeltasche vielleicht einen Porno aus dem hoteleigenen Pay-Kanal. Was stand denn auf dem Menüplan? »Nasstraumfabrik« – ein nahezu poetischer Titel, früher hießen solche Filme ganz grob »Schulmädchenreport 1–8« oder »Im tiefen Tal der Supervixen«. Es war ein gutes Gefühl, einige Klischees der miesen Verhaltensweisen des heterosexuellen Mannes ungestraft ausleben zu können. Ein verdammt gutes Gefühl.

Er sollte noch Resi anrufen. Aber jetzt einmal essen. Richtig fett essen.

»Auf der Nudelsuppe daher schwimmen« ist ein Wienerisches Idiom fur den Zustand der Ahnungslosigkeit oder geistigen Beschränktheit.

Wienerisch: Pointe, Witz.

  Schmäh: Wiens wichtigster Treibstoff – eine Mischung aus Witz und Verschlagenheit.

Bobo: Ist eine Abkürzung fur »Bourgeois« und »Bohemian« und bezeichnet den soziologischen Typus etablierter Möchtegern-Individualisten.

2. Kapitel

Offene Psychiatrie

»Dieser Kater wäre einen wirklichen Rausch wert gewesen«, dachte sich Polly, als sie den altmodischen Aufzug zur »Flash«-Redaktion bestieg, die in einem Gründerzeithaus in der Lehargasse in Wurfweite des Naschmarkts untergebracht war. Die Redaktion platzte aus allen Nähten, aber aus sentimentalen Gründen bestand Anatol Grünberg auf die circa zweihundertfünfzig Quadratmeter große Altbauwohnung, in der jeder Redakteur eine winzige Legebatterie von Arbeitszimmer zugeteilt bekommen hatte, als Schauplatz seines Wirkens. Er hatte im Mezzanin des Hauses vor fünfundzwanzig Jahren in der düsteren Wohnung seiner Großmutter die marxistische Stundenzeitung »Kritische Rebellion« nahezu im Alleingang geschrieben, hektographiert und dann mit einer Truppe von gut gebauten Marxistinnen um acht Schilling in den Hörsälen verkauft. Mit mäßigem Erfolg – denn ein Spritzer kostete damals sechs Schilling – und das Saufen kam noch immer vor der Weltverbesserung. Doch als Anatol begann, Marxistinnen in Bikinis, auf die an den prekären Stellen Karl-Marx-Köpfe gedruckt waren, auf das Cover zu setzen und Gewinnspiele für Mensa-Gratismenüs und Webteppiche aus Nicaragua einführte, begann sich der Absatz der »Kritischen Rebellion« erheblich zu steigern.

Und Anatol Grünberg, der Hobby-Kommunist, begann ab diesem Moment seinen Spaß am Kapital zu entwickeln. Der Spaß hatte bis heute angehalten. Inzwischen waren die halbnackten Frauen, die die Cover zierten, ideologiefrei geworden und die Preise der Gewinnspiele durch Stabmixer und Candlelight-Dinners in schlecht besuchten Restaurants ersetzt worden.

Polly ließ sich auf die kleine Lederbank in dem ächzenden Fahrstuhl plumpsen und wurde von der Vision einer eiskalten Cola-Light in der Dose, Flasche war einfach nicht dasselbe, mit künstlichem Zitronengeschmack heimgesucht. Für so etwas würde sie jetzt sofort einen, wenn gleich nicht sehr herausfordernden, Mord begehen. Denn für echte Anstrengungen hatte ihr Schädel nämlich viel zu sehr etwas von einem Hochspannwerk. Danke, Anna Karenina! Und jetzt noch diese mühsame Redaktionskonferenz, dieser Catwalk der Selbstgefälligkeiten – unter dem gnadenlosen wie grausamen Vorsitz des großen Potentaten, Anatol I.

»Gib Gummi, Citizen Kane ist bereits im Gebäude!«, zischte Lo, der sie im dritten Stock schon abpasste, hochgradig nervös. »Warum erreich’ ich dich nirgends. Ich ruf’ dich schon seit neun im Viertelstundentakt an …« Polly schlug die Haken zusammen, salutierte und versuchte dabei, nicht ohne verbalen Stolpern, den Satz »Sorry Officer, but I have been nursing my hangover« rauszubringen.

»Du bist ja immer noch fett!«

»Restfett, Officer, nur noch restfett … aber ansonsten haben wir Stalingrad total im Griff.«

Während sie die Empfangsbienen, die Anatol immer nach dem Schema US-Soap-Starlet-mit-Hang-zum-Luder castete, passierten, sah sie Lo mit einem todtraurigen Golden-Retriever-Blick an. Er kam aus dem mittleren Salzburger Großbürgertum, dort war diese Hunderasse stark verbreitet. Ja, man musste es zugeben:Auch ihren loyalsten Freund in dieser offenen Psychiatrie von Redaktion hatte sie seit geraumer Zeit bis zum Anschlag strapaziert.

Mit Lo hatte sie die letzten Jahre wirklich Schweine gehütet. Vor drei Jahren war er als verschüchterter Fotoklassen-Absolvent von der Akademie hier hereingestolpert. Voller naiv-romantischer Illusionen, sich bei »Flash« auf die künstlerischen Spuren seines Fotografenidols Henri Cartier-Bresson heften zu können. Polly hatte ihn damals unter ihre Fittiche genommen und ihn gleichzeitig auch behutsam auf Illusionen-Diät gesetzt. Sie schubste ihn mit fast mütterlicher Zärtlichkeit in die Boulevardrealität. Heute wusste Lo, wie er morphinsüchtigen Diseusen noch einmal das Gefühl vermitteln konnte, ihre besten Jahre von der goldrichtigen Seite zu betrachten, während Polly ihnen die Beichte ihres letzten Liebesdesasters abnahm. Lo beherrschte den Smalltalk mit Ministern, deren Gesichter so aufregend waren wie ihre Politvisionen, und brachte sie sogar dazu, sich beim flotten Brutzeln eines Wok-Gerichts in ihren Wohnküchen vor der Kamera zu positionieren. Und während all des platten Posierens war Lo dennoch meistens imstande, diesen Teflon-Typen einen Moment der Wahrheit zu entlocken. Unvergessen Los Foto des konservativen Familienministers neben seiner von täglichem Xanor-Konsum erloschenen Frau. Der Minister versuchte zwar zu lächeln, aber sein Gesicht erzählte nur von seinem Lebensekel. Sechs Wochen später enthüllte Polly mit Los Hilfe, dass der Minister seit Jahren ein Verhältnis mit seinem Pressesprecher hatte, einem unterwürfigen, tumben Landei, das seine ganze Erlösungshoffnung auf seinen solariumgegrillten Chef projiziert hatte. Liebe ist ja vor allem ein Sehnsuchtsschmerz, der von der Hoffnung getragen wird, dass man durch das Durchleben dieses Schmerzes quasi als Belohnung – Grüß Gott, katholischer Wahnsinn – irgendwann von all seinen Defiziten und Problemen befreit wird.

Und dieser Pressesprecher, ein Holzschnittgesicht aus wenig bebautem Gebiet, das auf den Namen Udo hörte, war durch seine IQ-Überschaubarkeit natürlich ein leichtes Opfer für solche trügerischen Illusionen gewesen.

Polly hatte in diesem Fall nicht einen billigen Outing-Verrat begangen, auf den sie auch wirklich nicht stolz gewesen wäre. Nein, sie war mit ihren Informationen, die ihr Lo durch seine Kontakte in die schwule Szene zögerlich, aber auf Grund seines hohen Loyalitätsbewusstseins dann doch zukommen ließ, äußerst behutsam umgegangen.

Erst als ein kleiner Stricher, der wiederum seine Erlösungshoffnungen auf Udo gesetzt hatte und so enttäuscht wie rachsüchtig war, mit verwackelten iPhone-Schnappschüssen des heimlichen Paares bei »Direkt«, der Konkurrenz von »Flash«, hausieren gegangen war, startete sie ihre Offensive. Polly hatte, ohne einen Termin gekriegt zu haben, alle Vorzimmer-Cerberusse des Ministers außer Kraft gesetzt und war dann wie eine Amazone in dessen Büro gerauscht.

»Ich bin nicht Ihr Feind, ich bin Ihr Freund« hatte ihre Schlachteröffnungsparole gelautet, und das war nicht einmal eine Lüge gewesen. Sie hatte ihn von dem drohenden Zwangs-Outing bei den »Schmuddelfinken« von »Direkt« informiert und dann ihre Überredungskunst zur Hochform auflaufen lassen. In ihrem flammenden Monolog kamen schlagkräftige Phrasen wie »Schluss mit der Lebenslüge«, »Anstand, Würde, Kampfgeist« und »Hoffnung für Männer in ähnlichen vertracksten Situationen, die aber nicht in solch privilegierten Positionen sitzen« vor. Sie war so überzeugend, dass der jetzt panische, ultrakonservative Minister auf ihre Anstands- und Würde-Akrobatik einstieg und mit ihr ein wirklich geschmacksverträgliches Geständnis-Interview mit dem anrührenden Titel »Tausche gerne Lebenslüge gegen öffentliche Verachtung« führte.

Lo, das Kind des Salzburger Bürgertums, das noch immer nicht gewagt hatte, seiner nach Hermès-Carrés- und Festspielpremieren-süchtigen Mutter seine Homosexualität unter den Weihnachtsbaum zu legen, fand, dass das Minister-Outing für die schwule Sache nahezu ebenso wichtig war wie die Homo-Ehe. Oder die endlich von der Regierung beschlossene Errichtung eines Mahnmals zu Ehren der schwulen Opfer des Nationalsozialismus, für das jetzt ein heterosexueller Konzeptkünstler den Zuschlag erhalten hatte.

Natürlich wurde dem Minister nach seinem von Polly geschmacklich einwandfrei gefederten Outing von seiner Partei eindrücklich nahegelegt, freiwillig den Rückzug aus der Politik anzutreten. Heute fristete er in diversen entbehrlichen Vorstands-Jobs in sinnentleerten Institutionen sein politisches Gnadenbrot. »Lulu-Jobs« nannte Anatol diese Art von Beschäftigungstherapie. Und unser Udo betrieb inzwischen eine traurige Tapas-Bar weit jenseits des Gürtels.

Von einem publizistischen Sieg des liberalen Gedankens über verklemmte Moralvorstellungen konnte also wirklich nicht die Rede sein. Aber Lo hatte sich wie ein Held gefühlt und Polly hatte ihren Scoop an Land gezogen.

Damit war Anatol für einige Zeit ruhig gestellt. Aber das war eben schon eine ganze Weile her. Abgesehen davon, dass in diesem Geschäft nichts so alt ist wie die Schlagzeile von vergangener Woche.