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Gabriele Kuhn/Michael Hufnagl

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Du machst mich wahnsinnig

Gabriele Kuhn/Michael Hufnagl

DU MACHST MICH
WAHNSINNIG

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PAARADOXE SZENEN EINER EHE

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Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT
Umschlagabbildungen: © Roland Unger/Woman (Coverfoto),
© Elisabeth Pirker (Illustrationen)
Herstellung und Satz:
VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
ISBN 978-3-85002-912-4
eISBN 978-3-902998-83-5

INHALT

VORWORT

von Gabriele Kuhn

I. WILLKOMMEN IN DER ALLTAGSFALLE

Wegräumen, aber dalli!

Wer suchet, der findet … nicht

Herr Dann, Frau Wann

Schlummerrollen

Der Deal mit dem Stoff

Gebäckträger & Ignorantin

Der Pokal muss weg – oder: das große Loslassen

Die Fifty-fifty-Falle

Rasche Erledigungen

II. BALLGEFÜHLE

Valentinstag mit Messi

Noch mehr Ball-Last

Ein Sommermärchen?

Das Leben in Parallelwelten

III. KÜCHENGEHEIMNISSE

Alltag der Tellerwäscher

Ziemlich viele Kaffeehäferl

Zeig mir deinen Eiskasten …

Da hängt etwas!

Der Mann am Herd

Die Last der Liste

IV. IM SHOPPING-GLÜCK

Ausflug in die Gartenabteilung

Unser Elchtest

Alle sind erleuchtet – unser Elch-Test Nr. 2

Der Zauberkasten

V. DUMM GELAUFEN

Ein Mann sieht Rot

Es ist immer das Gleiche mit dir!

Die neue Unschärfe

Denksport für zwei

Der Hund muss raus!

VI. NA, MAHLZEIT!

Eine Art Bauchgefühl

Das große Anbraten

Baby, light my fire!

Gurkerln & Mad Men

Aszendent Gemüse

VII. WAS HAST DU GESAGT?

Halbe Wahrheiten

Alles nur Taktik

Das Leben ist ein Kino

Reden und reden lassen

Eine Frage der Strategie

Alltag am Telefon

Sätze, die nerven

Von wegen Landlust

VIII. ARM … UND ÄRMER

Lungenstrudel & Lieblingssupperl

Viel Spaß in der Schnupfburg

Der böse Fehltritt

Ausflug ins Jammertal

Zweierlei Lichtblicke

Win-Spinn-Situationen

Immer ist was

Und schon wieder ist was!

So ein Jammer!

Sein Au, ihr Weh

Im falschen Theater

IX. OH DU FRÖHLICHE

Der Kampf ums Kipferl

Die Kipferldose macht das Gift

Vorsätze. Ja, eh

Leidensweg und Lichterglanz

Unsere Markttücke

Oh Tannenbaum!

Jö, ein paar Glücksfischerl!

X. TYPISCH DU!

Die Seifeprüfung

Der einfache Mann

Taktgefühl

Zum Vergessen

Partnerschaft mit Pfiff

Die Kontrollorin

Allerlei Sportsgeister

Ein Fall von Lautmalerei

Ätsch, Erste!

Stille Stunden

Der will nur spielen

Eine Frage des Stils

Action im Wohnzimmer

Über Socken und Kabel

Tatort Terrasse

Trio Infernale

XI. GRUSS AUS DEM URLAUB

Dos Sushi, por favor!

Unsere Gradwanderung

Rendezvous auf der Insel

Pärchen unterwegs

Bitte anschnallen!

Seltsame Auto-Biografie

Die wohltemperierte Ehe

Zeit der Koffer

Von wegen Freiräume

Machma? Schauma?

XII. GROSSE GEFÜHLE. UND KLEINE

So romantisch – oder?

Sentimentaler Spaziergang

Monica & Daniel

Die Mühen mit dem Damals

Einst. Und jetzt.

Die Tage der Trennung

Der Ring-Kampf

Fremde in der Nacht

Schnucki, ach Schnucki!

Wird er, wird er nicht?

Himmel, Hölle, Herzattacken

Was geschah im Wald?

Was ich an dir mag

NACHWORT

von Michael Hufnagl,

VORWORT

von Gabriele Kuhn

Eines meiner vielen Lieblingszitate stammt von dem italienischen Regisseur Federico Fellini: »Die Ehe ist ein Spielplan mit gleichbleibendem Repertoire. Folglich sollte man wenigstens die Inszenierung ändern.« Es passt perfekt zu unserer Paar-Kolumne.

Jedenfalls hatte ich die Idee dazu an einem trüben Jännermorgen, als ich Eis und Schnee von meiner Windschutzscheibe kratzen wollte – aber leider feststellen musste: Hui, das Kratzerl ist nicht da! Eh klar, der Mann nebenan hatte sich einen Tag zuvor mein Kratzerl ausgeborgt, mit seinem Versprechen, »mir es eh sofort wieder ins Auto zu legen«. Er kam, kratzte – und vergaß. Für mich besonders blöd: Ich hatte es nämlich sehr, sehr eilig. Und so wähnte ich mich an diesem klirrend kalten Jännermorgen wieder einmal in diesem bestimmten Film, dessen Szenen vor allem aus Déjà-vus und Wiederholungen bestehen. Immer und immer wieder. Das sind jene Momente, wo wir gerne Worte wie diese in den Himmel böllern: »Das darf jetzt bitte net wahr sein. Himmel. Arsch. Und Zwirn. Der nervt!« Das sind weiters jene Momente, wo alles, was irgendwann einmal romantisch, leidenschaftlich und aufregend war, für wenige Sekunden (ja, es können auch Minuten werden, mitunter Stunden) in einem Mix aus Wut und Resignation verschwindet. Und je öfter solche Momente den Beziehungsalltag durchwirken, desto müder schimmert dieser Zauber namens »Liebe«. Motto: »Früher machte er mir den Hof, heute mache ich ihm das Bett.«

Ein Trick

Was mir in dieser »Eine-frierende-Frau-sucht-Eiskratzer «-Situation half, war ein kleiner Trick. Ich betrachtete mich Zornbinkel mit der Bommelmütze von außen – als wär’s ein Film und ich darin der älteste Witz der Welt. Lächerlich in meiner Ehefrauen-Erregung, komisch in meinem »Typisch, er«-Zorn. Siehe da: Plötzlich musste ich lachen. Über mich, die sich an solchen Petitessen erzürnen kann, als wäre wirklich etwas ganz Großes passiert. Über ihn, der den goldenen Regeln des »Michi-Seins« gemäß eh wie immer handelte: vergesslich, schusselig, hoppla und – wurscht. Über dieses »typisch«, das einem dann durch den Kopf jagt und so typisch für das Konstrukt »Ehe« ist. Über die subtile Komik, die in solchen Augenblicken steckt. Denn natürlich sind der Alltag und genau solche Situationen der größte Feind jeder Liebe – auch wenn sie irgendwann noch so atemberaubend begann. Und man sich seinerzeit zu tausend Prozent sicher war: Das ist der Mann fürs Leben! Mit ihm wird alles gut und alles anders. Irgendwann entdeckt man: Ja – stimmt, es ist der Mann fürs Leben. Und ja stimmt, mit ihm ist tatsächlich alles gut und anders – aber eben nicht immer und rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Dazwischen gibt’s großen und kleinen Ärger, großes und kleines Wundern – und oft einmal den Wunsch nach einer Insel. Ohne Mann. Vor allem ohne seine Eigenarten. Was dabei vergessen wird: Auch wir, die davon Genervten, ticken nicht immer richtig.

Das zu schildern, darüber zu schreiben, darauf hatte ich plötzlich sehr große Lust. Es schien mir nicht nur sinnvoll, sondern auch als eine Art Katharsis, um all die großen und kleinen Ehedramen rund um Eiskratzer, Rasenmäher, Einkaufslisten und Ausflüge ins Gartenland zu verarbeiten und einen Hauch distanzierter betrachten zu können. Urschreibstatt Urschreitherapie. Buchstabensuppe statt Tränenmeer. Zeitungspapier statt Scheidungsurkunde. Vor allem aber: lachen statt davonrennen! Also begannen wir das, was wir miteinander und gegeneinander erlebten, unters Mikroskop zu legen – zu sezieren, heranzuzoomen, zu vergrößern, zu konzentrieren, zu sezieren. Daraus entstanden und entstehen wöchentlich Texte, die fragmentarisch das Kabarett namens »Beziehung« beschreiben. Paaradoxe Szenen einer Ehe.

Und das passiert(e)

Was dann geschah, war schon recht spannend. Erstens: Die Beziehung lief wie immer. Auf, ab, mal so, mal so – in der Gesamtbetrachtung natürlich: for!mi!da!bel! Aber zweitens: Wir hatten plötzlich mehr Spaß an dem, was als »Beziehungsalltag « meistens für Langeweile und Ermattung sorgt. Statt zu resignieren, sagen wir heute: Hey, lustig – das muss ich mir merken, für die nächste Kolumne. Dann erfinden wir natürlich noch ein bissl was dazu, weil – ehrlich: Nix fader als das, was wir erleben, wenn wir am Samstag beispielsweise gemeinsam durch die Gänge eines Supermarkts schlurfen, um zu diskutieren, ob der Ankauf von Koriander und Pak Choi tatsächlich den Ernährungsvorstellungen des gnädigen Herrn entspricht. Das Schöne ist allerdings Punkt drei: die anderen! All die anderen Paare – verlobt, noch nicht verheiratet, bald verheiratet, kurz verheiratet, lange verheiratet, schon wieder geschieden –, die sich an uns wandten und wenden. Die sagen: »Hallo, wart ihr bei uns daheim? Seid ihr Mäuschen, habt ihr Wanzen bei uns angebracht?« Die erzählen – aus ihrem »Typisch du«-Erleben. Die sich wiederfinden – in unserer Welt. Und wir in ihrer. Die uns auf diese Weise mit frischer Inspiration für unsere paaradoxe Gedankenwelt versorgen. Das ist schön –, weil klar wird: Woanders ist das Gras nicht grüner (aber auch nicht hässlicher). Womit Punkt vier folgt: die Sache mit der viel zitierten »Liebe«. Um die geht es nämlich auch. Nur so, weil wir ja sehr häufig gefragt werden: Klar lieben wir einander – immer noch und immer wieder. Vielleicht sogar mehr denn je. Die Liebe und damit der Respekt für das Sein des anderen sind die Hintergrundmelodien unseres Paaradoxons. Konkret: Ohne diese Liebe wäre die Kolumne gar nicht möglich. Aber das, was wir der Liebe zugefügt haben, ist der Humor, ist das Lachen. Beides schafft Distanz, die wiederum schafft Gelassenheit, und wenn gar nix mehr geht, dann vermag wenigstens die Erinnerung daran ein wenig Licht ins akute Liebesdunkel zu bringen. Im besten Fall ist das dann die Brücke, die uns beide wieder verbindet. Weil: Ein bissl was geht immer, auch wenn es im Moment gar nicht so ausschaut. In diesem Sinne wollen wir weitertun – indem wir den Alltag des Liebens mit einem Lächeln durchbrechen und das, was wir tun, so betrachten, als wären wir eine Art Karikatur unserer selbst.

Und sonst? Ach ja – vielleicht noch ein Zitat, zum guten Ende: »Heute ist eine Ehe schon glücklich, wenn man dreimal die Scheidung verschiebt.« So betrachtet: danke, Danny Kaye. Und danke, du Mann nebenan. Es ist ziemlich gut, was wir aneinander haben.

Nun aber: Viel Vergnügen bei der Lektüre dieser Kolumnensammlung, beim Wiedererkennen und hoffentlich: Lachen.

P.S.: Weil es die Tradition so will, finden Sie seine Worte und Gedanken am Ende des Buches. Der Mann nebenan hat sich um das Nachwort gekümmert – vermutlich nach dem Motto: »Das Beste zuletzt.« Dazu fällt mir gleich noch ein Zitat ein – nämlich aus Loriots Film Ödipussi: »Bitte übernehmen Sie diesen Herrn, ich habe einen Termin.«

I. WILLKOMMEN
IN DER
ALLTAGSFALLE

Knapp vier Millionen Treffer – so viele kriegt, wer bei Google die Worte »Alltag. In. Beziehungen.« eingibt. Unser absoluter Suchergebnis-Favorit: »Zehn Tipps für ewige frische Verliebtheit. « Ha! Als ob es mit ein paar simplen Tricks möglich wäre, die Zeit zu überlisten. Als ob es erstrebenswert wäre, »ewig verliebt« zu sein. Eine grauenhafte Vorstellung. Ein bissl so, als würden wir zu ewigem Zuckerwatteschlecken verdammt werden, nur weil wir uns irgendwann nach einer rosafarbenen Zuckerwattewolke gesehnt haben.

Die große Kunst des Paarseins ist es, an der Zeit zu wachsen – abseits idealisierter Vorstellungen. Erst wenn zwei Menschen es schaffen, trotz immergleicher Kleinigkeiten, Rituale, Pflichten und damit verbundener immergleicher Diskussionen, eine gemeinsame Abbiegespur zu entdecken, die irgendwo hinführt, wo es anders, lustiger, schräger, ruhiger oder aber aufregender ist, wird’s spannend.

Besonders lustig fanden wir folgenden Ratschlag: »Sprechen Sie abends vorm Einschlafen miteinander über das, was Sie am Tag erlebt haben. Rufen Sie sich schöne, gemeinsame Erfahrungen ins Gedächtnis. Diese positiven Gedanken versüßen Ihnen nicht nur die Träume der kommenden Nacht, sondern auch die gemeinsame Zukunft.« Sehr lustig. Es muss in der Tat extrem beziehungsfördernd sein, wenn er ihr im Halbschlaf die sehr lange Geschichte von der sehr langen Schlange beim Supermarkt erzählt und … gähn. Oder sie ihm die ausufernde Anekdote zum Thema »Als ich auszog, um tanken zu gehen, aber den Tankdeckel auf dem Auto liegen ließ« schildert. Dass das der Stoff ist, aus dem die »gemeinsame Zukunft« gebastelt werden kann – na ja.

Unser Zugang zum Thema »Alltagsfalle« ist um einiges schlichter. Immer wenn einer von uns beiden Fluchttendenzen verspürt, halten wir uns an folgendem Klospruch fest: »Derselbe Zirkus – andere Clowns.« Und umgekehrt: »Dieselben Clowns, anderer Zirkus.« Woanders und mit jemandem »Neuen« mag’s zwar kurzfristig aufregender sein – aber spätestens nach einem Jahr sind sie wieder da, die bekannten und nicht bewältigten Themen. Deshalb bleiben wir, versuchen uns lieber an neuen Zirkusnummern und lachen über so manch misslungenen Trapezakt.

Wegräumen, aber dalli!

SIEZu den Mysterien meines Alltags gehören seine Socken. Manchmal träume ich, sie leben, haben eine Seele und stecken mit meinem Mann unter einer Decke. Im Auftrag seiner Majestät machen sie sich auf perfide Weise unsichtbar oder trennen sich. Speziell in der Waschmaschine: Ich gebe acht Stück hinein – um am Ende des Waschgangs festzustellen: Es sind nur mehr vier. Vier, die nicht zusammenpassen. Die andere Hälfte feiert irgendwo ein Weichspüler-Gelage.

Oder aber sie liegen herum. Im Bad. Im Wohnzimmer. In der Küche. Dann raunen sie dreckig: Räum! Mich! Weg! Ich raune zurück: Ich! Sicher! Nicht! Die Harmonie kippt, die Socken kichern. Und mein Mann kann wieder einmal sagen: »Worüber du dich aufregst. Lä-cher-lich. Socken! Jetzt fehlt nur noch, dass du mit ihnen sprichst.« Doch wehe, er sucht »dieses bestimmte Paar« für »diesen bestimmten Anlass« und findet es nicht innerhalb von Hundertstelsekunden. Ein Amoklauf beginnt. Das, was er da von sich gibt, hätte ich ja verraten, wurde aber von der Schlussredaktion zensuriert. Ein Kollege meint, dass das gemeinsame Zusammenleben in einer Wohnung der Tod jeder Beziehung sei. Falsch. Ich glaube, es sind die Socken. Sie stehen im Kleingedruckten meines Eheversprechens, kaum lesbar. Ergänzt durch die Gugelhupfbröseln auf meinem – Betonung auf meinem – Lieblingssofa. Den zum Zeitungsarchiv (Halt, das profil aus dem Jahr 1999 brauch ich noch!) degradierten Esstisch. All die auf dem Parkett verwaisten Hemden, die immer noch nicht gelernt haben, sich alleine zu waschen. Und was tut er? Er sagt: »Baby, wir sind schon ein tolles Team.« Team, jo eh. Sein Codewort für »Lass doch die Mutti hackeln«. Im nächsten Leben werde ich seine Socke. Dann lass ich mich verschwinden.

ERMeine Frau hat ein stetes Problem damit, wenn etwas herumliegt. Einmal abgesehen von den eigenen Taschentüchern, die aber offenbar eine Botschaft haben: Wohin auch immer du schaust, wirst du bemerken, dass es mir wegen eines Schnupfens nicht gut geht. Ansonsten kann ein Sockenpaar auf dem Boden oder eine Zeitung auf dem Esstisch für erstaunlichen Furor sorgen. Der nur noch übertroffen wird, wenn es gilt, den wahren Skandal lautstark zu beklagen. Denn manchmal, ich gebe es zu, passiert mir ein Hausordnungslapsus, der seinesgleichen sucht: Ich! Lasse! Zwei! Paar! Schuhe! Herumstehen!

Warum diese unfassbare Schlamperei das ästhetische Auge meiner Frau so beleidigt, hat sich mir nie erschlossen, ich weiß nur: Ich muss ein Traummann sein, wenn nur ein nicht weggeräumter Schuh drückt. Gerne habe ich diesbezüglich die fast rituellen, präzise formulierten Vorwürfe. 1. Der leichte Hang zur Übertreibung: »Muss es sein, dass alle deine Schuhe (Anm.: zwei Paar) überall in der Gegend (Anm.: im Vorzimmer) herumstehen?« 2. Der Hinweis auf die akute Gefährdung von Leib und Seele: »Wenn man da nicht aufpasst, fliegt man über deine Schuhe und bricht sich das G’nack.« In Folge gibt es zwei Arten, mit der prekären Situation umzugehen. 1. Eine Diskussion eröffnen. Die endet aber meistens mit einer leicht kalkulierbaren, von beiden verursachten Immer-Inflation – immer machst du, immer sagst du, immer glaubst du … Ist also kaum zielführend. 2. Die Erfahrung einer langjährigen Ehe nützen und in der Sekunde ein Paar Schuhe wegräumen. Bestenfalls begleitet von einem Null- oder einem süffisanten Kurzkommentar. Ist sinnvoll, wirkt beruhigend. Und die Revanche glückt ohnehin: Warte nur auf meinen nächsten Schnupfen.

Wer suchet, der findet … nicht

SIEAn einem sonnigen Sonntag war ich gut aufgelegt – nach Vergleich aller Wochenhoroskope in allen Zeitungen des In- und Auslands. Ich las, dass die vor mir liegenden Tage formidabel sein würden. Vor allem die Liebe (ich bin Sternzeichen Schütze, der Mann da drüben ist es auch) betreffend. Demnach würde mich der wohltuende Einfluss einer milden Venus einlullen. Noch dienstags versicherte mir die Kurier-Astrologin: »Der Liebeshimmel ist blau, keine Störung in Sicht.« Das schien allerdings nicht für den Schützen nebenan zu gelten. Bei dem stand der Saturn gerade im Quadrat zu seiner Intelligenz. Das wiederum führte dazu, dass die Woche bei mir doch nicht so eine gute Woche geworden ist. Und zwar ab Dienstagabend. Da fragte mich Herzkönig, wo denn seine Bankomatkarte sei. Nun, ich bin schon erwachsen und habe eine eigene Karte, folglich: keine Ahnung. Eine fieberhafte Suche begann, untermalt von seinem »Verdammt, was mache ich jetzt?«. Die ganze Familie war auf den Beinen, sogar der Hund wurde mit einem »Suchs Karti, such doch das Karti!« animiert. Wir überlegten die Anmietung eines Fahndungshubschraubers.

Nach zwei Stunden hatte ich die Idee, noch einmal in seinem Börserl nachzusehen – und oha: Das Karti steckte gut eingewickelt in der Rechnung einer Pizzeria, neben Visitenkarten von Menschen, die vor drei, vier Jahren zur letzten Ruhe gebettet worden sind. Da wurde ich laut: »Das ist die vierte sinnlose Suche in zwei Wochen – erst deine Sportjacke (fand sich bei den Sportjacken), dann der Pass (fand sich bei den Pässen), dann die Haube (fand sich bei – ja, genau …) und jetzt die depperte Karte. Wie wär’s mit Denken? Oder einer Brille?« Ab diesem Zeitpunkt verlief die Woche durchwachsen – vermutlich hatte ich einen überraschenden Marstransit und er was mit Neptun. Der lässt immer alles verschwinden und keiner ist daran schuld.

ERJa, es kommt vor, dass ich gelegentlich etwas nicht finde. Zum Beispiel die Butter, die sich im Kühlschrank hinter ca. zwölf Bechern selbst gemachten Dinkelpops-Joghurts versteckt. Oder die Zeitung, die im Papiermist liegt, wo sie ga!ran!tiert! niemand hinbefördert hat. Aber dass ich mich als sporadisch Suchender just vor meiner Frau rechtfertigen muss, fällt wohl in die Kategorie »Ganz schlechter Witz«. Erst unlängst ereignete sich Folgendes: Wir bummelten an einem sonnigen Tag durch die Stadt, als die Liebste meinte, telefonieren zu müssen. Sofort begann das obligatorische Vier-Phasen-Ritual. Phase 1: Sie kramt während des Gehens in ihrer Handtasche und findet das Handy nicht. Phase 2: Sie bleibt abrupt stehen, kramt und findet das Handy nicht. Phase 3: Sie stellt die Handtasche auf eine Fläche (diesfalls ein Mauervorsprung), kramt und findet das Handy nicht. Phase 4: Sie leert die Handtasche Stück für Stück aus (sagenhaft, was da zum Vorschein kommt) und findet das Handy nicht. Stattdessen hat sie eine Idee. Sie muss es im Kaffeehaus, wo wir zuvor waren, liegen gelassen haben.

Was tut der Kavalier (nachdem er das auf, eh klar, stumm geschaltete Gerät angerufen hat)? Richtig: Er läuft. Aber leider war der Sprint in der Mittagssonne vergeblich. Auch der Ober bestätigt: Kein Handy da. Ich jogge zurück, um meiner Frau die Hiobsbotschaft zu übermitteln und … werde mit den Worten empfangen: »Sorry, aber ich hab’s eh schon gefunden. Es war in einem Seitenfach.« Oh ja, das Leben ist ein Seitenfach. Und die (stets übergroße) weibliche Handtasche, in der sich alles befindet, das nie gefunden werden will, zählt sicher zu den größten Rätseln seit dem Bau der Pyramiden. Das Gute an dem Schaufensterbummel war: Ich weiß jetzt, was ich meiner Frau zu Weihnachten schenke. Und vor allem: Wo ich es verstecke.

Herr Dann, Frau Wann

SIEWeihnachten ist das Fest der Liebe. Dazu eine kleine Geschichte: Es war einmal eine Frau, die hieß Madame Wann. Eines Tages schmiss sie sich in einen kurzen Rock und trug Lidschatten auf. So besuchte sie die Weihnachtsfeier ihres Arbeitgebers. Nach zwei Gläsern Rotwein saß plötzlich Monsieur Dann an ihrer Seite. Ein junger Mann, penetrant fröhlich. Auf magische Weise verliebten sich die beiden ineinander. Sie zogen zusammen, bekamen ein Kind und nahmen einen Kredit auf. Anfangs musste Frau Wann nur mit den Augen klimpern, schon gingen all ihre Wünsche in Erfüllung. Niemals war der Mist voll, stets war der Eiskasten gefüllt, alles wurde erledigt.

Doch mit den Jahren kamen die Sorgen. Frau Wann lag nachts wach, Fragen spukten ihr durch den Kopf: Wann wird er den Mist ausleeren? Wann wird er den Keller ausmisten? Wann wird er sich um den Garten kümmern? Daneben schlummerte Herr Dann und träumte seinen Lieblingstraum: Dass er alle mit seinem Lieblingswort »Dann!« verzaubern würde. Dass jeder dazu nicken würde, während er vor sich hin prokrastinierte. Schließlich läutete der Wecker und holte ihn an die Seite seiner Frau zurück, die den Wann-Motor anwarf: »Wann wirst du Frühstück holen, wann kaufst du den Christbaum, wann gehst du zum Bankomaten?« Herr Dann hob an und posaunte in den Morgen: »Dann …!« Für Frau Wann war dies das gewisse Dann zu viel. Sie packte ihren Koffer und sagte: »Ciao, ich bin jetzt weg. Vielleicht komme ich ja wieder.« Er fragte: »Wann?« Sie sagte: »Dann!« Jetzt packte Herrn Dann die nackte Panik. Er sprang auf und schrie: »Sofort!« Holte Christbaum, Geld, Frühstück und nahm sich für das nächste Jahr vor, sein Leben weniger aufzuschieben. Sieh an: Sie blieb. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wurschteln sie so weiter. (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht zufällig und durchaus erwünscht.)

ERIm Unterschied zu dem herzigen G’schichterl auf der linken Seite hier ein Ereignis, das tatsächlich stattfand und schon sehr typisch ist. In aller Kürze: Man versprach mir vor einem halben Jahr für den November eine Überweisung. Pünktlich am 1.11. war zwar kein Geld da, dafür meine Frau mit der unmissverständlichen Forderung: Ruf dort an! Mein Verweis auf die Tatsache, dass es sich beim November um einen 30-Tage-Zeitraum handelt, löste bei ihr nur dieses gut bekannte und seit Jahrzehnten eingekühlte Geh-Pepperlplausch’-net-Lächeln aus. Ich rief dennoch nicht an und entschied mich stattdessen für ein wenig Geduld. Das hasst sie. Dabei ist die von ihr stets zur Schau getragene Qualität des sofortigen Handelns und Erledigens, des Ruckzuckens, in Wahrheit nichts anderes als die Reaktion auf rasende Ungeduld und quälende Neugier. Weshalb ich mitunter nur aus Boshaftigkeit gerne provokante Wartelisten anfertige.

Es verging von nun kein Novembertag ohne die zunehmend schärfer werdenden Verhörmethoden. Sag, hast du schon? Warum nicht? Was soll das? Das gibt’s doch nicht! Geh, bitte! Wann? Mach! Tu! Mannsbilder! Mah! Oh! Pffff! Und mit jedem süffisanten »Gut, dass du mich erinnerst«, wuchs ihr Zorn. Sie, die ein Baguette noch nie heimgebracht hat, ohne schon auf dem Weg mehrmals davon abzubeißen. Die sich Taschen und Klumpert unter die Achseln klemmt, nur damit sie die Hände frei hat, um die Post schon während des Gehens zur Wohnungstür öffnen zu können. Die am liebsten heute schon 2016er-Rotwein trinken würde. Das (gut abgelegene) Geld kam übrigens in den Morgenstunden des 19. November. Einfach so. Ganz ohne lästiges Insistieren. Na, bitte. Wenn das nicht eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte ist.

Schlummerrollen

SIEWo man hinsieht, Menschen, die den Herbst eher nicht so toll finden. Ich bin froh darüber – vor allem wegen der Zeitumstellung. Endlich bekam ich wieder zurück, was man mir im Frühling gestohlen hat: meinen natürlichen Biorhythmus und 60 Minuten mehr Schlaf am Morgen. Der Mann nebenan kann das nicht verstehen: Alles Einbildung – ein bisserl hysterisch bist aber schon, Schatzi. Der hat’s leicht. Was sein Schlafbedürfnis und -verhalten angeht, firmiert er in der Kategorie grober Klotz. Er schläft – e basta. Wurscht wo, wurscht wie, wurscht wann. Man setze den Mann in ein Flugzeug – bumm, patsch: Fünf Minuten nach Abflug und dem ersten Lächeln der Flugbegleiterin sind seine Augen zu, der Atem tief, das Schnarchen dezent. Ich hingegen quäle mich: mit der trockenen Luft, dem kalten Gebläse, dem Trottel hinter und der Depperten vor mir.

Überhaupt: Wäre Schlafverhalten beziehungsstiftend, gäbe es diese Ehe nicht. Sein Schlummerbedürfnis verhält sich antizyklisch zu meinem. Wenn ich an einem schönen Sonntagmorgen ein Liedchen auf den Lippen verspüre und den Mann nebenan zu einem Ausflug bewegen möchte, lässt er aus der REM-Phase ausrichten: Bitte nicht stören. Wünsche und Beschwerden ab 11 Uhr. Alles anders abends: Was zappt er da nicht von Nachrichten-Show zu Nachrichten-Show, während ich von Minute zu Minute mehr das Gefühl habe, auf Dormium-Trip zu sein. Wenn ich gegen Geisterstunde endlich gen Schlafgemach taumle, gibt er mir ein »Was, jetzt schon? Du bist ein fader Zipf!« mit. Ginge es nach ihm, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt, den Existenzialismus neu zu interpretieren, eine Runde zu pokern oder die Welt zu verändern. Wenn’s drauf ankommt, reichen ihm nämlich sechs Stunden im Bett. Wie Napoleon, pflegt er da gerne anzumerken. Worauf ich mit Tucholsky kontere: »Gebt den Leuten mehr Schlaf – und sie werden wacher sein, wenn sie wach sind.«

ERDie einen sitzen stundenlang vor einem Schachbrett, um die richtige Matt-Strategie im Geist zu zimmern. Andere brüten ein ganzes Wochenende über einer Anleitung von IKEA, um beim Bau der Waschkommode Strömsviken ja keinen Fehler zu machen. Konzentration ist in jedem Fall erforderlich. Auch bei meiner Frau. Die nämlich entwickelt auch Akribie – wenn sie ihren Schlaf plant. Dabei geht sie generalstabsmäßig vor. Die wichtigsten Sofortmaßnahmen sind: kurzes Lüften, zwänglerische Kastentürschließung, nervöser Spinnen-Check, systematischer Polsterbergbau. Erst dann ist unabhängig vom Grad der Müdigkeit grundsätzliche Schlafbereitschaft hergestellt. Sollte ich in dieser Phase die absurde Idee gebären, neben ihr noch ein Magazin lesen zu wollen, begegnet mir Verzweiflung, Entsetzen, Flehen. Bitte nicht! Weil: Licht. Weil: Rascheln. Weil: Ich.

Nur gelegentlich verweise ich dezent auf einen Hang zur Hysterie, bin aber dann doch immer wieder erstaunt, dass jemand mitten in der Nacht aus dem Schlaf schrecken kann, weil in einem Nachbarbezirk ein Hund bellt. Daher ist ein Schleichen auf Zehenspitzen immer ein Hochrisiko-Unterfangen, weil so ein Knocherl knackst ja schnell einmal. Und dann … böses Erwachen. In meinem Bewusstsein hat es den Anschein, als hätte die Liebste überhaupt noch nie richtig tief geschlafen. Als wäre sie steinzeitmäßig in permanenter Alarmbereitschaft. Für den Fall, dass unser Dorf von Kriegern oder wilden Tieren angegriffen wird – »Michael, hol’ Speer und Streitaxt, da draußen regt sich etwas!« Das alles ist natürlich schwer nachzuvollziehen. Für einen wie mich, der auch schon nach Konsum eines doppelten Espressos am Rande einer Formel-1-Strecke bei Vollbetrieb ins Traumland abgetaucht ist. Dort jedoch könnte mir jederzeit eine Strömsviken-Bastelei erscheinen. Und dann wünschte ich mir den leichten Schlaf meiner Frau.

Der Deal mit dem Stoff

SIEUnsere Beziehung begann mit einem knallharten Deal. Andere lesen schwere Bücher über Feminismus und das Bild vom neuen Mann. Ich habe nach den ersten Zungenküssen Folgendes statuiert: »Wenn du mit mir zusammenbleiben, mit mir Verkehr haben und dich fortpflanzen willst, dann nur unter der Prämisse der Pflichtenteilung.« Dass gnä’ Herr abends vom Tagwerk ermattet in die Pölster plumpst und wartet, bis man ihm das Kind frisch gewickelt zum Lustigen-Papa-Posing reiche: nix da. Die fünf Gebote lauteten fortan so: 1. Du lernst, wie man Presswehen verhechelt. 2. Du darfst beim Windelwechseln keine Gackiphobie simulieren. 3. Du musst Hirse-Karotten-Brei pürieren können. 4. Du gehst zum Elternabend. Und: 5. Du gehst zum Komolka. Das ist das Stoffkaufhaus, bei dem das Kind alle Zutaten fürs Textile Werken erstehen sollte. An einem Samstag war es so weit. Während ich für den Mann Bier und Bauchfleisch sammelte, ging er auf Stoffjagd. An seiner Seite: das Kind. Weiters auf der Handarbeits-Einkaufsliste: Polyesternähseide. Schneiderkreide. Stecknadeln. Als er das vernahm, gab es den heftigsten Disput seit erfolgreicher Vermehrung: »Ich zum Komolka? Bist du verrückt! Jetzt ist aber Schluss mit deiner Halbe-halbe-Paranoia. Da kann ich ja gleich ein Dirndl tragen und mich schminken. Absolut entwürdigend.«

Ich blieb hart und suggerierte ihm, dass ein echter Mann, der seine Mitte gefunden hat, sich durch ein paar banale Ballen Seide, Tüll und Taft nicht aus dem Konzept bringen lassen sollte. Daraufhin er: »Okay, dann räumst du unseren Dreckskeller um und lässt dich als richtige Frau, die ihre Mitte gefunden hat, nicht durch ein paar banale Spinnen aus dem Konzept bringen.« Dann trat er ab. Zwei Stunden später las ich seine Live-vom-Komolka-Postings auf Facebook: »Achtung, eine Durchsage: Der kleine Michi sucht den Ausgang. « Da tat mir der kleine Michi fast ein bissi leid.

ERPflichtenteilung, eh klar. Ich habe einst, als die Kindfrage im Raum stand, diesbezüglich keine Sekunde gezögert und eingewilligt. Natürlich nicht ahnend, dass im imaginären Kleingedruckten auch allerlei heimtückische Formulierungen standen. Wie: »Muss in seiner Rolle als Mann & Papa auch Demütigung ertragen.« Und dabei meine ich nicht die üblichen Tätigkeiten, die etwa ein Karenzvater zu erledigen hat, wie das Wechseln der Windeln, das Zubereiten von Püree-Potpourris oder das Pflegen eines sprachlichen Minimalismus.

Nein, die wahren Hürden taten sich im Laufe der Jahre immer dann auf, wenn ich mich öffentlich quasi entmannen musste. Ich wollte doch immer der sein, der im Supermarkt die Frage stellt, wo er die besten Klingen für die Nassrasur findet. Und was das T-Bone-Steak denn kostet. Und nicht der, der sich im Biomarkt nach dem Weg zum Dinkelreis erkundigt. Und im Park Fachgespräche über Babywinde führt. Aber ich habe mich auch daran gewöhnt. Und dass es mich nervt, wenn auf dem Einkaufszettel Dinge wie Abschminktücher oder Hartweizengrieß stehen, liegt lediglich daran, dass ich immer so lange brauche, bis ich das Zeug endlich finde. Aber alles hat Grenzen. Und ein Besuch beim angeblich legendären Komolka war ein Anschlag auf meine Würde. Meine Frau täuschte Gastgeber-Notwendigkeiten vor und erwiderte auf meine Proteste nur ein lapidares »Jetzt stell dich nicht so an!«. Ich musste mich aber dann anstellen. Nämlich um im Stoffgeschäft, das sich über geschätzte 13 Haupt- und 21 Zubehör- Etagen erstreckt, an eine rettende Verkäuferin zu gelangen. Nie habe ich mich so verloren gefühlt. Denn bis dato wusste ich gar nicht, dass es Polyesternähseide gibt. In mir tobte nur eine Frage: Warum? In der folgenden Nacht habe ich dann von Stoffballen geträumt. Und dass ich als Quilt wiedergeboren werde. Selbstverständlich in Rosa gehalten.

Gebäckträger & Ignorantin

SIELänger und vor allem glücklich verheiratet zu sein, fällt für mich in die Rubrik »Kunst-Fehler«. Es ist eine Kunst, die Fehler des Partners ertragen zu lernen und die eigenen elegant zu vertuschen. Ehefrauenpsychologie, ich weiß. Aber die hilft. Weiters hilft es auch, manches zu übersehen. Übersehen ist überleben. Speziell am Wochenende. Wochenende ist die Auszeit vom 6.30-Uhr-Terror, von diesem »Ich bin spät dran«-Wahnsinn. Das Blöde: Irgendwer muss Frühstück holen. Ich verkauf ’ mich für frische Kipferln und knusprige Semmerln. Aber ich stehe sicher nicht dafür auf.

Das fällt in seine Agenda, befand ich eines Tages. Seitdem habe ich es mir angeeignet, seine Heute-gehst-du-aber-Frühstück- holen-Signale zu übersehen. Das ist harte Arbeit. Stellen Sie sich vor, wir liegen im Bett – er sagt: »Ein Kornspitz wäre jetzt super, aber es ist draußen so kalt.« Das garniert er mit diesem Ich-bin-so-arm-Blick nach Art des Kettenhundes. Die Übersehen-Strategie ist hier äußerst hilfreich, heißt: Ja nicht auf die Mitleidstour eingehen, sondern Belangloses parlieren: »Ich muss unbedingt zum Osteopathen.« Dazu passend ein gestresster Unterton, der signalisiert: »Die Frau ist genervt und streitlustig.« Mein Mann ist ein Streitvermeider – also: kluger Schachzug.

Nach weiteren halbherzigen Versuchen, die Semmelholerei zu umschiffen, steht er auf. Ab sofort ist großes, geradezu sehr großes Übersehen angesagt: Ich ignoriere seine Alles-muss-immer-ich-machen-Körpersprache, sein gerötetes Haupt, das auf unterdrückte Wut schließen lässt. Ich ignoriere sein Gemurmle im Stile von »Jeden-Sonntag-dasselbe «. Ich übersehe auch, dass er mir – vom Ausflug zurückgekehrt – die Backware auf den Esstisch knallt. Was soll’s? Ein guter Tag beginnt mit der richtigen Strategie. Man muss ja nicht immer reden. Endlich Wochenende!

ERZugegeben: Der rituelle Semmerlbesorgungsterror am Wochenende nervt. Und es nervt, dass mein Genervtsein übergangen wird. Aber ich habe mich mit meiner Rolle als Gebäckträger der Familie abgefunden. Und ich bin zur Rache bereit. Ich ignoriere nämlich beharrlich jenen Unruhegeist, der meine Frau (nach dem Aufstehen!!!) beherrscht. Wenn ich auf dem Sofa liege, um Zeitungen zu lesen oder das knifflige Rätsel aus dem Zeit-Magazin zu lösen, dann entgeht mir natürlich nicht ihr Erledigungsfuror – ein Treiben, das meinen Augenwinkel irritiert. Soll so sein, mag man denken. Jede, wie sie mag. Aber gleichzeitig kommentiert sie auch jeden Handgriff. Ächzend. Anklagend. Sie kehrt beispielsweise die Wohnung und würzt diese Tätigkeit mit ausufernden Erklärungen, dass es ein Wahnsinn sei, wie viel Dreck »da so« entsteht. Da ich aber eh schon beim Bäcker war, ruht mein Gewissen sanft. Ich weiß: Sie will jetzt nicht, dass ich kehre. Sie will, dass ich irgendetwas »Nützliches« tue. Aus Solidarität. Tue ich aber justament nicht. Daher lässt sie subtil die nächsten Versuche folgen. Phase 1, die grundsätzlich neutrale Bemerkung: »Unglaublich, so viele Algen im Biotop. « Phase 2, die Annäherung mit der »man«-Taktik: »Im Badezimmer sollte man zwei Lamperln austauschen.« Phase 3, die sanfte »du«-Erinnerung: »Wolltest du nicht heute Holz kaufen?«

Die Gemeinsamkeit der Anläufe ist das Ansinnen, mich zu einem Tun zu bewegen, ohne es direkt zu sagen. Ein schlichtes »Mach ich« würde die Situation augenblicklich befrieden. Mach ich aber nicht. Das ist zwar gemein, aber notwendig. Ihr letzter Ausweg ist … Phase 4, die konkrete Anrede: »Könntest du bitte den Mist rausbringen, der stinkt.« Darauf antworte ich dann gerne mit »gleich«. Man gönnt sich ja sonst nix.

Der Pokal muss weg – oder: das große Loslassen

SIEEines Tages zog unsere Kolumne um, wir wechselten Ort und Zeit. Und erschienen von da an immer wieder sonntags. Dabei erzeugt nur der Gedanke an Umzug Panik in mir. Lieber fünf Wimmerln, als einmal mit dem Mann nebenan von da nach dort gehen. Der ist ein Bewahrer. Den muss man sogar zum Loslassen von 1980er-Slips überreden. Dann landen sie erst im Umzugskarton. Beim letzten Ausmist-Prozedere dieser Art stieß ich auf einen Koffer. Schwarz und schwer. Ich dachte: Aha, der Mann führt ein Doppelleben und da drin sind die Beweismittel. Pornos, russischer Pass, Damenstrümpfe.

Zittrig und darauf vorbereitet, dass sich mein Leben gerade ändern könnte, öffnete ich ihn. Was sah ich? Nix Pornos, nix Pässe. Stattdessen offerierten sich mir Pokale, Medaillen und Urkunden. »Michi Hufnagl, geboren 1970, 3. Platz beim Sackhüpfen, 1975. Weiter so!« Ich finde das Sammeln solcher Siegesbeweise total blöd – wir sind ja nicht Steffi Graf und Andre Agassi. Noch blöder finde ich es, wenn Menschen ihre lächerlichen Trophäen für irgendwelche Pimperlturniere in Glaskästen oder auf ihren Klos ausstellen. Wen interessiert’s, ob der Herr Huber oder die Frau Mayer irgendwann Bezirksmeister im Weitspucken waren? Aber: Herzkönig hätte gerne so eine Vitrine gehabt – Motto: Das ist die Chronik meiner großen Momente – das gehört gesehen. Hallo? Du bist ja nicht der Karli Schranz. Umziehen bedeutet loslassen, sagte ich mir also damals in der Koffer-Causa und boykottierte entschlossen seine Sammelwut. Die Zeugnisse seines Tollseins landeten im Schlund eines Plastiksacks, um auf der Deponie für Egomanien entsorgt zu werden. Das war vor zehn Jahren. Das Schöne daran: Er hat’s bis heute nicht bemerkt. Geht doch, Schatzi.

ERVeränderung ist immer eine Herausforderung. Und wenn es nur eine Kolumne ist, die in die Sonntagszeitung, die ja besonders gern gestohl… also … gelesen wird, übersiedelt. Aber Melancholie befällt uns doch alle, wenn wir an Vergangenes denken. Nun ist es zwar so, dass der Montag auf der Hitliste der Bevölkerung eher nicht unter den Top-6 der Wochentage rangiert, aber: Abschied ist Abschied. Und ein solcher fällt manchen eben leichter als anderen. Ich bin grundsätzlich kein manischer Sammler, aber ich erliege beim Aufbewahren von Dingen dennoch zwei wesentlichen Gedanken. 1. Wer weiß, wofür ich das noch einmal brauche? Das mag beim gebrauchten Pinselset aus der Volksschulzeit ein fragwürdiger Ansatz sein. Aber wenn ich dann eines Tages aus 68 Angeboten am Kabelsalat-Buffet das einzig richtige finde, darf ich mir familiärer Hoch-Rufe sicher sein. 2. Ich habe das Recht, selbst zu entscheiden, welche Puzzlesteine meines Lebens ihren Fixplatz im Keller behalten. Denn in Wahrheit ist es ja bei Ausmist-Diskussionen so: Wir trennen uns sehr leicht von Dingen, die anderen gehören. Ich hätte die 127 kg schwere Briefesammlung meiner Frau längst schon entsorgt. Oder deren Ordner mit Abrechnungen aus der Zeit des Vierteltelefons. Aber dann heißt es natürlich: »Bist du verrückt!?«

Sie hingegen befindet, dass der Pokal vom Jugendskirennen 1985 hässlich und unnötig ist. Hässlich stimmt, weil Pokale per se hässlich sind, aber unnötig? Sie weiß ja gar nicht, welche spezielle Sentimentalität ich weit über den Sport hinaus damit verbinde. Ich weiß es zwar auch nicht mehr, aber das muss egal sein. Ich orte bei ihr lediglich ausgeprägten Trophäenneid. Daher habe ich zum Hochzeitstag einen Pokal bestellt, auf dem steht: »Für die beste Ehefrau der Welt.« Aus Boshaftigkeit.

Die Fifty-fifty-Falle

SIE