image

Anna Ehrlich / Jennifer Faulkner

WIEN für coole Kids

Für Julietta Ehrlich
und Myriam Faulkner

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

Führungen zu diesem Thema buchen Sie unter

www.wienfuehrung.com

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT

Umschlaggrafiken: Schönbrunn, Skyline © iStock.com;

Figur Cover rechts © Sophie Denk

Lektorat: Martin Bruny

Satz: Franz Hanns

ISBN 978-3-85002-914-8

eISBN 978-3-902998-63-7

Anna Ehrlich / Jennifer Faulkner

WIEN für coole Kids

Mit 116 Abbildungen

image

Amalthea

Einleitung
Joey stellt sich vor

image

Hallo! Hier bin ich wieder und freue mich sehr, dir zu begegnen. Kannst du dich noch an unsere gemeinsamen Spaziergänge durch die Wiener Innenstadt im Buch »Wien für kluge Kinder« erinnern? Wir hatten sehr viel Spaß dabei.

Falls du nicht dabei warst, möchte ich mich dir jetzt vorstellen: Ich bin das Zauberwesen Joey, ein »Ersie«, also weder Mädchen noch Bub, sondern ganz nach Bedarf eines von beiden. Ich kann die Gestalt jedes jetzt oder früher lebenden Wesens annehmen und durch die Zeit reisen, ja sogar dich verzaubern und in Wiens Vergangenheit mitnehmen. Wir werden dort gar nicht auffallen, denn ich verwandle unser Aussehen und unsere Kleider gleich mit.

Die Stadt war früher nicht immer so ruhig und sicher wie heute. Ich habe schreckliche Zeiten miterlebt, in denen die Pest und Kriege wüteten oder die Donau ganze Stadtviertel unter Wasser gesetzt hat. Ich war beim Begräbnis von Mozart und Falco dabei und bin der Weltreisenden Ida Pfeiffer begegnet. Schön war es in Schönbrunn, als ich mit den Kindern Maria Theresias spielte. Ich habe sogar mit dem Donauweibchen getanzt. Nixen und gute Geister wie ich, aber auch böse Gespenster und sogar der Teufel selbst halten sich seit jeher gerne in menschlicher Gestalt in Wien auf, einer der schönsten Städte der Welt.

Kann es losgehen? In diesem Band möchte ich mit dir durch die ehemaligen Vorstädte und Vororte wandern, zur Donauinsel und in den Prater, nach Schönbrunn, zum Belvedere und dich ferner auf die Spuren berühmter Menschen wie Falco, Hundertwasser, Schubert und Kaiserin Elisabeth (»Sisi«) führen. Du kannst diese Spaziergänge auch alleine nachgehen, deine Mitschüler zu Fuß oder per Fahrrad durch Wien führen und sogar deinen Eltern viel Unbekanntes erzählen.

Inhalt

Einleitung – Joey stellt sich vor

SCHLOSS SCHÖNBRUNN

Im Kindermuseum

Kinderleben am Kaiserhof / Eine Reise ins Jahr 1760 / Kleine Geschichte von Schönbrunn / Maria Anna, die gelehrte Erzherzogin / Das Schönbrunner Schlosstheater / Königin Marie Antoinette von Frankreich / Die Kindskammern / Die strenge Erziehung / Körper- und Haarpflege / Schminke und Kleidung / Kinderspielzeug / Kronprinz Joseph / Die Geschichte von Josephs Hut / Unterricht und Sport

In der Wagenburg – Fortbewegung am Kaiserhof

Der Sisi-Pfad

Die Schauräume – Repräsentation und Privatleben

Die Räume von Franz Joseph und Elisabeth / Maria Theresias Kinder / Marie Christine, die Lieblingstochter / Karl Joseph, der Lieblingssohn / Karls Unarten / Die weiteren Kinder / Der Spiegelsaal und die Rosa-Zimmer / Die Festsäle / Die Gemächer des Kaisers / Die Wohnung von Erzherzog Franz Karl und Erzherzogin Sophie

Die Berglzimmer im Erdgeschoß

Ein Rundgang durch den Park

Tiergarten und Palmenhaus / Tirolergarten und Gloriette / Brunnen und Römische Ruine / Die Orangerie

DAS GRÜNE WIEN UND DAS WASSER

Vom grünen Prater zum Wurstelprater

Ernst-Happel-Stadion und Stadionbad / Heustadlwasser und Rosenwasser / Das Lusthaus und die Gelsenbar / Von der Freudenau zur Arenawiese / Durch den Wurstelprater / Die Geschichte vom Taffern-Michel / Die Praterattraktionen / Das Riesenrad / Die Reiterin auf dem Riesenrad / Planetarium und Pratermuseum / Die Liliputbahn / Kaiser Joseph II. und der Prater

Von Nußdorf nach Simmering – den Donaukanal entlang

Das Nußdorfer Wehr / Das Wiener Wasser / Am Kanal im 9. Bezirk / Am Wasser im 1. Bezirk / Die Urania: Willkommen bei Kasperl und Pezi / Die Daublerhütten stromabwärts

Mit dem Drahtesel an die Donau

Segen und Fluch der Donau / Die Donauweibchen / Die Donauregulierungen / Das Islamische Zentrum / Donaupark und Donauturm / Die Donauinsel / Das Donauinselfest / Das Schulschiff / Der Millennium Tower

Vom Museumsschiff zum Friedhof der Namenlosen

Das Kaiserschiff / Die Friedenspagode / Der Religionsstifter Buddha / Der Friedhof der Namenlosen / Die Geschichte von Arnold und Vreni

Oberlaa: Pack die Badesachen ein

Der Kurpark Oberlaa / Die Therme / Die Kurkonditorei

AUF DEN SPUREN BERÜHMTER LEUTE

Schubert in Lichtental

Die Kindheit in der Vorstadt / Die Lehr- und Schaffensjahre / Sterbehaus und Grab

Die Falco-Tour

Die Schulzeit / Nie mehr Schule / Der Popstar / Out of the Dark

Die Hundertwasser-Tour

Das Hundertwasser-Krawina-Haus: Kunst / Das Hundertwasser-Village: Kommerz / Das Kunst Haus Wien: Museum / Schiffsstation und Hundertwasserschiff / Das Fernheizwerk Spittelau: Verschönerung

Die Sisi-Tour: Kaiserin Elisabeth und die Kerkerburg

Das Denkmal / Die Hochzeit / Die Kaiserappartements in der Hofburg / Das Sisi-Museum / Die Wohn- und Amtsräume des Kaisers / Die Räume der Kaiserin / Das Turnzimmer (Garderobezimmer) / Die ruhelose Frau / Tod und Begräbnis

Prinz Eugen, der edle Ritter

Das Reiterstandbild und die Bibliothek / Die Winterresidenz / Das Wurstduell / Die Sommerresidenz / Die Sphinx / Der tierfreundliche Prinz / Der Löwe des Prinzen Eugen / Besuch im Oberen Belvedere

image

SPEZIELLE TOUREN

Durch die Römerstadt Vindobona: Lagermauer und Hauptkanal

Die römischen Ausgrabungen auf dem Michaelerplatz / Das Römermuseum

Vom Pestlazarett zum Klinikum (AKH)

Das Josephinum / Das Lazarettviertel / Die Lepra / Das Schicksal der Kranken / Das Lazarett / Das Allgemeine Krankenhaus

Der St. Marxer Friedhof

Die Pompfüneberer / Lebendig begraben / Mozarts Schädel / Der Bruder des Walzerkönigs / Kornhäusel und Madersperger / Vor Mozarts Grab / Kleine Geschichte des St. Marxer Friedhofs / Der Komiker Hasenhut / Eine Frau reist um die Welt

WISSENSWERTES FÜR COOLE KIDS

Die alten Straßennamen

Die Legende vom Stoß im Himmel

Die Wiener Öffis – Öffentliche Verkehrsmittel in alter Zeit

ANHANG

Kurze Übersicht über die Geschichte Wiens

Kurze Herrscherliste (Regierungsjahre)

Öffnungszeiten

Literatur & wichtige Links für coole Kids

Namenregister

Orts- und Straßenregister

Bildnachweis

Schloss Schönbrunn

image

Im Kindermuseum

image

Kinderleben am Kaiserhof

Du möchtest sicher Schloss Schönbrunn, die Sommerresidenz der kaiserlichen Familie, sehen? Joey wartet schon am Haupttor vor dem Ehrenhof auf dich, du hast von hier einen guten Blick auf das große Schloss.

»Was zeigst du mir zuerst?«, willst du wissen.

»Da gibt es ein eigenes Museum für Kinder, da gehen wir zuerst hin. Ich werde dir erklären, wie man am Hof der Kaiserin Maria Theresia gelebt hat. Lass dich überraschen!«

Um euch herum beginnt sich alles zu drehen, und schon seid ihr in der Vergangenheit angekommen, im Jahr 1760. Aus Joey ist eine hübsche junge Prinzessin geworden, und du hast dich in eine Hofdame verwandelt.

image

Geburtstagsfeier im Kindermuseum

image

Schloss Schönbrunn im 18. Jahrhundert

Eine Reise ins Jahr 1760

Im Ehrenhof herrscht reges Kommen und Gehen. Welch ein Lärm!

»Ich bin Marie Christine, die Lieblingstochter der Kaiserin Maria Theresia«, sagt die kleine Prinzessin, und setzt mit drolliger Miene fort: »Sie mag mich besonders gern, denn ich war ihr Geburtstagsgeschenk. Stell dir vor: Gerade als ihre Geburtstagsfeier am Pfingstsonntag des Jahres 1742 in vollem Gange war, platzte ich mitten hinein.«

Du lachst herzlich und willst wissen: »Wohnt ihr immer hier?«

»Aber nein«, antwortet Prinzessin Joey. »Wir sind erst gestern angekommen. Alljährlich zu Beginn der schönen Jahreszeit machen wir uns mit dem gesamten Hof von der Hofburg aus hierher auf den Weg. Kannst du dir vorstellen, wie lange die Vorbereitungen dazu dauern? Wochen, ja sogar Monate. Denn alles Nötige muss eingepackt werden, die Möbel, Textilien, Kochtöpfe, Musikinstrumente, Noten, Bücher, Sättel und zum Schluss natürlich alle persönlichen Dinge. Die Dienerschaft ist immer ganz aus dem Häuschen. Große Aufregung! Denn es darf ja nichts vergessen werden, und alles muss schon vor unserer Ankunft hier am richtigen Platz sein. Wenn wir dann endlich mit unserem Gefolge von der Hofburg aufbrechen, laufen die Neugierigen von allen Seiten zusammen, denn uns sieht man ja nicht alle Tage. Das Volk steht dicht gedrängt stundenlang an den Straßen Spalier, verrenkt sich die Hälse nach uns, ruft und winkt. Manchmal sieht das recht komisch aus und lässt uns herzlich lachen, was sehr gut ist: Denn wir Kinder sollen ja genau wie die Eltern ständig lächeln und gnädig zurückwinken, das erwarten die Leute. Also kommen die Kutschen recht langsam voran, und der kurze Weg hinaus nach Schönbrunn wird zu einer längeren Fahrt, vor allem, wenn das Wetter schön ist. Sobald wir aber hier sind, haben wir das Gedränge schon wieder vergessen und freuen uns über die frische Luft.«

Die Prinzessin nimmt deine Hand und führt dich um das Schloss herum zum Park. Auf dem Weg erfährst du die Geschichte von Schönbrunn.

Kleine Geschichte von Schönbrunn

Der Herrensitz, der sich auf diesem Areal schon seit dem 14. Jahrhundert befand, hieß Katterburg und kam 1569 durch Kauf in den Besitz der Habsburger, die hier Jagden veranstalteten. Dabei soll Kaiser Matthias im Jahre 1612 die Quelle entdeckt haben, der er den Namen »Schöner Brunnen« gab. Eleonore, die Witwe Kaiser Ferdinands II., griff den Namen auf, als sie um 1642 anstelle des alten Hauses das Lustschloss Schönbrunn für sich errichten ließ, das bald von den Osmanen verwüstet wurde. Kaiser Leopold I. wollte es auf den Grundmauern für seinen Thronfolger Joseph neu errichten lassen, und sein Architekt Johann Bernhard Fischer von Erlach entwarf einen großartigen Plan: Außer dem unteren Schloss sollte oben auf dem Hügel ein zweiter großartiger Palast errichtet werden, was aber zu teuer gewesen wäre. Ab 1696 baute man am unteren Schloss, im Jahre 1700 war der Mitteltrakt fertig, langsam nahmen auch die Seitenflügel Gestalt an. Nach Josephs I. frühem Tod diente das damals altrosa und weiß gestrichene Gebäude als Wohnsitz für seine Witwe Wilhelmine Amalie. Sie ließ es verschönern und den Irrgarten im Park anlegen.

image

Kaiserin Maria Theresia

1728 kaufte ihr Kaiser Karl VI. Schönbrunn ab und schenkte es seiner Tochter Maria Theresia, die es nach ihrem Regierungsantritt zu ihrer Sommerresidenz ausbauen ließ. 1746 waren die Kapelle, die Audienz- und Wohnräume für das Kaiserpaar fertig, es konnte einziehen. Danach wurde die große Freitreppe Fischers abgerissen, die Durchfahrtshalle im Erdgeschoß und anstelle des alten Speisesaales die Blaue Stiege geschaffen, die zur neu angelegten Großen und Kleinen Galerie hinaufführt. Das alte Deckenfresko von 1702/03 ist bis heute erhalten.

Da die kaiserliche Familie immer zahlreicher wurde, ließ Maria Theresia 1748 im Ostflügel zwischen der Herrschaftsetage und dem Obergeschoß ein Mezzanin für die Kinder und deren Hofstaat einfügen. Zu der Zeit entstanden auch die Nebengebäude, die für die Unterbringung und Versorgung von mehr als 1000 Personen nötig waren. Das auf ausdrücklichen Wunsch der Kaiserin erbaute Schlosstheater wurde 1747 feierlich eröffnet. Als Sänger und Schauspieler betätigten sich neben den Adeligen des Hofes die Kinder der Kaiserin, die sich übrigens auch selbst als talentierte Sängerin hervortat.

Bald nach 1750 war der Wohnraum schon wieder zu eng, nun wurde auch im Westtrakt ein Zwischengeschoß für die Kinder eingefügt. Erst danach nahm man die Fassade in Angriff: Sie wurde mit Rokoko-Dekor verziert und zitronengelb und weiß gestrichen. Die Innenräume wurden nun ebenfalls im Rokoko-Stil ausgestattet.

Nach dem plötzlichen Tod von Kaiser Franz I. Stephan im Jahre 1765 ließ Maria Theresia mehrere Räume im Ostflügel zu seinem Gedenken kostbar ausstatten, mit chinesischen Lacktafeln, Papiertapeten und wertvollsten Holzvertäfelungen. Sie selbst bewohnte während der Sommermonate ab 1769 die Räume im Erdgeschoß, die von Johann Baptist Wenzel Bergl mit exotischen Landschaftsmalereien versehen wurden (»Berglzimmer«).

Erst ganz zuletzt wurde der Garten in Angriff genommen. Der Hofarchitekt Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg war dafür zuständig, er ließ die Gloriette, den Neptunbrunnen, die Römische Ruine und den Obelisken errichten und zahlreiche Statuen und Skulpturen aufstellen.

image

Der Neptunbrunnen im Schlossgarten

Nach Maria Theresias Tod blieb das Schloss lange unbewohnt. Erst ihr Enkel Kaiser Franz II./I. benützte es wieder als Sommerresidenz. Während der Franzosenkriege wurde Schönbrunn 1805 und 1809 besetzt, Napoleon wohnte in den Gedenkräumen Franz I. Stephans. Zwischen 1817 und 1819 ließ Kaiser Franz die Fassade erneuern, die Rokoko-Verzierungen wurden entfernt. Der Anstrich in der Farbe »Schönbrunner Gelb« dürfte auf diese Zeit zurückgehen.

1830 wurde Kaiser Franz Joseph im Ostflügel des Schlosses geboren. Er liebte das Schloss, wohnte den Großteil seines Lebens hier und starb auch hier.

Maria Anna, die gelehrte Erzherzogin

Ihr geht zurück zum Ehrenhof wo euch die älteste Schwester Marie Christines, Erzherzogin Maria Anna (1738–1789), mit einer Hofdame entgegenkommt. Sie sind auf dem Weg zum Schlosstheater.

»Deine Schwester sieht aber finster drein«, stellst du beim Anblick des langen, eckigen Gesichts, der großen Nase und der schmalen Lippen fest.

image

Schloss Schönbrunn, Gartenseite

»Stimmt«, meint Prinzessin Joey. »Marianne ist oft leidend, doch nur um Mamans Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mit 18 Jahren war sie aber tatsächlich todkrank, man reichte ihr schon die Sterbesakramente. Dass sie wieder gesund wurde, war ein großes Wunder. Aber leider war nun ihr Rücken krumm, und so kann von einer Heirat keine Rede mehr sein. Das scheint sie jedoch nicht weiter zu stören, denn so kann sie für ihre Hobbys leben. Sie ist Papas Liebling, er nennt sie seinen gelehrten Blaustrumpf und bringt ihr eine Menge von seinem eigenen Wissen bei. Nun sag mir doch, ob sich denn so viel Gelehrsamkeit für eine Prinzessin gehört!«

image

Maria Anna

Nach dem Tod ihres Vaters widmete sich Marianne weiterhin ihren wissenschaftlichen Studien. Zu ihren Freunden zählten Gelehrte, ja sogar etliche Freimaurer, was für eine katholische Prinzessin höchst ungewöhnlich war. Ihr Bruder Joseph II. mochte sie nicht, und als er auf den Thron kam, zog sie sich nach Klagenfurt ins Kloster der Elisabethinerinnen zurück.

Das Schönbrunner Schlosstheater

»Marianne geht sicher zu einer Tanzprobe«, meint Marie Christine, »damit sie wieder damit angeben kann, dass sie viel besser tanzt als ich. Wir Kinder machen alle bei den Theater- und Tanzaufführungen mit, das macht so richtig Spaß! Maman sieht uns gerne zu. Sie meint, dass wir auf der Bühne am besten die Scheu verlieren, vor fremden Menschen zu sprechen. Es ist nämlich gar nicht so leicht, bei Hof immer auf die richtige Art zu lächeln und mit Fremden zu sprechen. Wenn unser Vater, der Kaiser, Namenstag hat, gibt es immer ein großes Fest. Wir singen dabei italienische Arien, tanzen oder sagen Gedichte für ihn auf. Da dürfen wir in Kostüme schlüpfen, das ist besonders lustig. Einmal waren wir als Bauernkinder verkleidet, ein anderes Mal führten wir ein Stück über eine Dorfhochzeit auf, bei der mein Bruder Joseph den Nachtwächter gab. Ein anderes Mal traten wir Mädchen als Amazonen auf. Alle von uns singen, tanzen und musizieren gern, auch wenn wir sonst nicht viel gemeinsam haben. Wir können alle mit mehreren Musikinstrumenten, der Violine, dem Violoncello, dem Klavier und der Pauke, recht gut umgehen. Natürlich haben wir die besten Lehrer! Besonders meine kleine Schwester Maria Antonia nimmt ihre Rollen sehr ernst. Doch sonst ist sie oberflächlich und überhört jeden Tadel. Sie hat nur Dummheiten im Kopf. Aber sie ist ja noch keine fünf Jahre alt, da kann sich noch einiges ändern.«

Königin Marie Antoinette von Frankreich

image

Marie Antoinette

Als Maria Antonia (1755–1793) mit dem zukünftigen König von Frankreich, Ludwig XVI., verheiratet wurde, war sie erst 14 Jahre alt. Ihr neues Volk war von ihr entzückt. Doch in den ersten sieben Jahre ihrer Ehe stellte sich kein Nachwuchs ein. Sie führte ein kostspieliges Luxusleben, ließ sich pro Jahr 170 Galakleider anfertigen, machte Schulden am Spieltisch und kaufte wertvollen Schmuck. Um ihre Untertanen kümmerte sie sich nicht. Deren Liebe schlug bald in Hass um. Ihre Mutter schrieb ihr voller dunkler Vorahnungen mahnende Briefe.

Schließlich brachte Antoinette doch noch vier Kinder zur Welt und gab ihren kostspieligen Lebenswandel auf. Doch da war es schon zu spät. Die Unbeliebtheit der Königin war einer der Gründe, der zur Revolution führte und das Königspaar schließlich das Leben kostete. Nur eine Tochter überlebte.

Die Kindskammern

»Ich zeige dir, wie wir leben!« Marie Christine weist zu den Fenstern der Kindskammern im Zwischenstock über der Herrschaftsetage: »Schau, da oben sind die Fenster meiner Wohnung. Bis zum fünften Lebensjahr hat jedes von uns Kindern drei Räume für sich und die Kinderfrauen zur Verfügung. Erst im zwölften Lebensjahr erhalten wir eine größere Wohnung mit zwei Vorzimmern, einem Besuchszimmer und unseren beiden ganz privaten Räumen, dem Wohn- und dem Schlafzimmer. Wir sind immer von vielen Menschen umgeben. Schon gleich nach der Geburt bekommt jedes Kind eine adelige Aja (Erzieherin), die für alles verantwortlich ist, die Erziehung und das Personal. Dieses besteht aus einer Kammerfrau, zwei bis drei Kammerdienerinnen und einem Kammermensch (Putzfrau). Dann gibt es noch die Kammerheizer und Kammertürhüter, die uns zugeteilt werden. Die Buben kommen ab dem fünften Lebensjahr in männliche Obhut, man weist ihnen einen adeligen Ajo und männliches Personal zu. Mit zwölf Jahren hatte ich schon einen Hofstaat von 16 Personen. Joseph jedoch hatte mit 15 Jahren schon 30 Personen um sich, aber schließlich ist er ja auch der Kronprinz!«

Bei dem Raumbedarf ist dir jetzt klar, weshalb ein ganzes Zwischengeschoß für die kaiserlichen Kinder nötig war. »Kannst du mir ein Schlafzimmer zeigen?«, bittest du.

Marie Christine führt dich über eine Hintertreppe hinauf und in einen der Räume hinein. Auf dem Bett liegen zwei riesige Polster übereinander: »Wir schlafen sitzend. Auf die Art sind wir schneller wach, wenn sich der Tod in der Nacht anschleicht, und können noch rechtzeitig nach den Sterbesakramenten verlangen! Das wichtigste Möbelstück in jedem Schlafzimmer ist der Betstuhl, wo wir schon nach dem Aufstehen unsere Gedanken an Gott richten. Wir müssen jeden Dienstag beichten. Der Jüngste zuerst, dann der Reihe nach hinauf bis zu Marianne. Und ein Mal im Monat empfangen wir die Kommunion.«

»Bei der ständigen Aufsicht werdet ihr nicht viel Gelegenheit zur Sünde haben«, wirfst du ein.

Marie Christine aber sagt: »Neid, Klatschsucht, Unmäßigkeit, Eitelkeit, oh ja, da gibt es eine ganze Menge! Wir sind ja keine Engel, und Maman ist oft genug unzufrieden mit uns.«

Die strenge Erziehung

Prinzessin Joey erzählt weiter: »Maman ist sehr streng, was unsere Erziehung betrifft. Sie schreibt den Ajas und Ajos seitenlange Briefe mit genauen Anweisungen zu allem, was wir tun oder nicht tun dürfen. Niemand darf mit uns in der Kindersprache sprechen. Wir dürfen keine Grimassen schneiden und selbstverständlich keine rohen oder gemeinen Spiele spielen. Mit Karten dürfen wir spielen, Freunde aus adeligen Familien dürfen wir ebenfalls empfangen oder unsere Geschwister besuchen. Mit dem Personal und dessen Kindern hingegen ist jeder private Kontakt verboten. Geschenke dürfen wir nur mit Erlaubnis unserer Mutter annehmen, Naschereien aber auf gar keinen Fall. Maman hat für uns ganz genaue Essregeln festgelegt. Was auf den Tisch kommt, wird gegessen! Egal, ob es uns schmeckt oder nicht. Bemerkungen über das Essen sind uns auch nicht erlaubt. Süßes gibt es nur selten und wenig. Jeden Freitag, Samstag und an allen Fasttagen müssen wir Fisch essen, obwohl wir ihn alle nicht mögen. Sozusagen zum Trost dürfen wir an diesen Tagen aber Milchkaffee oder Milchtee von Mamans Frühstück holen lassen. Ansonsten gibt es Suppe zum Frühstück. Und abends gibt es wieder Suppe, die mir schon zum Hals heraushängt.«

Sobald die Kinder alt genug waren, aßen sie selbstverständlich an der Hoftafel mit. Es wurde von Gold- und Silbertellern und mit ebensolchem Besteck gespeist. Gold wurde zu Mittag verwendet, da Gold die Farbe der Sonne ist, während die Tafel abends mit Silber gedeckt war, der Farbe des Mondes. Nur Suppen und Desserts wurden auf Porzellan serviert. Da im Laufe der Kriege, die Maria Theresia aufgezwungen wurden, möglichst viel des Edelmetalls zur Beschaffung der nötigen Geldmittel eingeschmolzen wurde, blieb nur wenig vom goldenen Geschirr erhalten. Porzellan trat an seine Stelle. Das goldene Kaffeeservice Maria Theresias ist jedoch noch heute in der Kunstkammer zu sehen.

Körper- und Haarpflege

Marie Christine erzählt, dass ihre Mutter auf Reinlichkeit besteht und an die Ajas schrieb: »Die Sauberkeit ist genau zu beobachten, sowohl im Waschen als Kämmen, welches alle Tage geschehen soll.«

Du fragst: »Da badet ihr vermutlich jeden Tag?«

Die Prinzessin lacht: »Wie kommst du nur auf so eine Idee! Wasser kann in die Haut eindringen und Krankheiten verursachen, heißes Wasser schwächt die Organe! Weißt du das denn nicht?«

Du bist sehr erstaunt, denn du kannst dir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man ohne Wasser sauber werden kann.

Marie Christine sagt: »Wir reiben uns das Gesicht mit einem weißen Tuch ab. Vor und nach dem Essen wird uns Wasser über die Hände gegossen, und ein Mal die Woche ist großer Waschtag, da werden uns die Füße gewaschen. Ganz selten und nur vor großen Anlässen nehmen wir ein Bad in einem Holzzuber, natürlich mit einem Badehemd bekleidet.« Marie Christine kratzt sich mit einem Stab unter der Perücke. »Diese ekligen Flöhe! Aber wenigstens gibt es die Flohkratzer!« Sie zeigt dir den Stab. Er ist aus Holz mit einer kleinen Hand aus Elfenbein daran, dann kratzt sie sich damit den Rücken.

Als sie kurz ihre Röcke hebt, siehst du kleine Holzdöschen, die an die Reifröcke angebunden sind.

»Das sind Flohfallen«, sagt sie. »Döschen aus Holz mit einem gelöcherten Deckel. Darin liegt ein blutgetränktes Stück Stoff, das die Flöhe anlockt. Abends wird der Fetzen voller Flöhe verbrannt. Das nennt man einen Sack Flöhe!«

image

Eine Flohfalle, unter den Kleidern getragen, verhinderte Flohbisse

Das waren ja schreckliche Zustände damals! Kein Wasser, dafür Flöhe, und – du kannst die Prinzessin gut riechen. Sie übertönt ihren Körpergeruch nämlich mit Parfüm in Puderform.

Marie Christine erzählt weiter: »Wichtig ist die richtige Zahnpflege. Dienstags und freitags um halb acht Uhr früh kommt der Zahnarzt, um uns die Zähne zu reinigen. Zuerst dem Joseph und dann den anderen der Reihe nach. An allen anderen Tagen reiben wir uns die Zähne selbst mit Zahnpulver ab und verwenden Zimtwasser für einen guten Atem. Papa besitzt sogar eine goldene Zahnbürste, die an einem Ende Borsten und am anderen ein Ohrlöffelchen hat, was sehr praktisch ist.«

Das goldene »Nachtzeug« des Kaisers mit der Zahnbürste ist übrigens erhalten geblieben, du kannst es in der Kunstkammer sehen. Solch wertvolle Waschgarnituren aus Gold waren nicht allgemein üblich am Hof, normalerweise bestanden sie aus Porzellan. Toiletten gab es erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, bis dahin wurden bei Bedarf Leibstühle in die Zimmer gebracht und nach Verwendung vom Kammermensch entleert und gereinigt.

image

Je höher die Dame, desto höher war die Frisur