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  Lida Winiewicz  

Geisterbahn

Lida Winiewicz

Geisterbahn

Eine Wiener Weltreise

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© 2006 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien

Vorwort

In Irland fährt keine Straßenbahn. In Irland fahren Busse, unpünktlich, schlecht gefedert, von hohem Unterhaltungswert: ein Greis, keinen Zahn im Mund, bläst Mundharmonika. Zwei Buben prügeln einander, ein Kirchturm kommt in Sicht, die beiden halten inne, bekreuzigen sich, prügeln weiter.

Zwei Frauen reden über einen gewissen Joe Murphy: »Er kauft ein Haus? Wozu? Er hat doch ein Haus!«

»Ins neue geht er nur, um zu saufen.«

Die Iren sind wunderlich?

Wir nicht, hätte ich geschworen.

Wieder daheim in Wien, nach zwanzig irischen Jahren, hatte ich Ordnung erwartet, moderne Sachlichkeit, bequeme Verkehrsmittel, pünktlich, ohne anekdotisches Beiwerk.

Stimmt: bequem und pünktlich sind sie. Aber was das Beiwerk betrifft …

Nein, wir haben keinen Grund, uns vor den Iren zu verstecken!

Unsere Wiener Linien bieten erstklassige Unterhaltung bei täglich wechselndem Programm zwischen Nußdorf und Südbahnhof, Reumannplatz und Kagran, Schubertring und St. Marx.

Der Fahrschein gilt als Eintrittskarte ins preisgünstigste Kabarett der ganzen Stadt.

Viel Vergnügen.

U 2, 19.20 Uhr

Bericht

Der Wagen ist vollbesetzt.

Eine Frau, allein auf einer Bank für zwei, spricht hektisch in ihr Handy.

Ein Mann setzt sich neben sie.

Sie schaut ihn empört an und sagt: »Sehen Sie nicht, dass ich telefoniere?«

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LINIE 38, 17.00 Uhr

Bericht

Die junge Frau, rothaarig, mit Sommersprossen übersät, trägt einen Overall, der jeder Beanspruchung trotzt. Sie beaufsichtigt drei kleine Buben, Alter zwischen drei und sechs, die zu dritt auf zwei Plätzen sitzen, lachen, schreien, Unfug treiben und aussehen wie Illustrationen zu einem Kästner-Buch.

Waren sie im Wienerwald?

Die Buben haben Tannenzapfen, Stadtkinder offenbar, von den kleinen Schuppengebilden nachhaltiger beeindruckt als vom neuesten Videospiel.

Plötzlich beginnt der Kleinste, den Zapfen zu zerlegen, methodisch, Schuppe um Schuppe.

Die Schuppen schweben zu Boden.

Eine Frau mit Hut – er sieht aus wie eine sitzengebliebene Torte – regt sich auf: »Unerhört! Wer kehrt die Bescherung weg?«

Die Rothaarige, Au-pair-Mädchen, schätze ich, denn die drei Buben sind blond, blickt fragend: »What did you say?«

Die Frau mit Hut kann nicht Englisch. Ein betulicher Herr übersetzt: »Who will sweep the garbage away?«

»What garbage?«

»Garbage« heißt Müll, das Wort Bescherung, englisch, habe ich nicht griffbereit.

Die junge Frau scheint den Vorwurf trotzdem verstanden zu haben. Sie blickt bedauernd zu Boden und fügt nachsichtig hinzu:

»He has an inquisitive mind!«

»Er hat einen Forschergeist«, übersetzt der betuliche Herr und schafft’s, den neutralen Ton missbilligend einzufärben.

Der Tortenhut regt sich auf: »Forschergeist? Dass ich nicht lache! Er hat keine Kinderstube, das ist das ganze Geheimnis! Bei uns hätte es das nicht gegeben! Da gab’s Zucht und Ordnung, jawohl! Wir mussten still sitzen, brav sein und folgen! Widerspruchslos! Geredet durfte nur werden, wenn wir was gefragt wurden. Sonst nicht.« Der Kleine hat unterdessen den Zapfen leergezupft und beschnuppert den gelblichen Strunk.

»Don’t!«, sagt die Rothaarige freundlich, als er ihn in den Mund schieben will. Der Kleine gehorcht, allerdings nach einer pro-forma-Pause.

Die Straßenbahn hält.

»Come on, boys!«

Die junge Frau steigt aus, hebt die Buben aus dem Wagen, behutsam – der Älteste verwahrt sich gegen die Hilfe und springt – und dann gehen sie weg, alle vier, einander an den Händen haltend.

Der Tortenhut schreit ihnen nach: »Damals gab’s eben noch so etwas wie ordentliche Erziehung!«

»Wohin die führt, haben wir gesehen!«

Wenn Blicke töten könnten! Warum ausgerechnet mich?

Ach so. Ich hab laut gedacht!

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LINIE 46, 7.20 Uhr

Dialog

(Drei siebenjährige Buben mit Schultasche,
ein älterer Herr mit Zeitung)

1. Bub (zuzelnd):

Und dann war der Zahn in der Supp’n.

2. Bub:

Hast ihn g’schluckt?

1. Bub:

Ausg’spuckt.

3. Bub:

Ich hab am Sonntag beim Frühstück mein’n linken Vorderzahn g’schluckt.

1. Bub:

Und?

3. Bub:

Die Mutti hat g’schimpft.

2. Bub:

Statt dass sie die Rettung ruft!

3. Bub:

Geh, wegen ein’n verschluckten Zahn ruft man nicht gleich die Rettung!

2. Bub:

Wir haben die Rettung g’rufen. Der Opa wär fast erstickt.

3. Bub:

Hat er auch seinen Vorderzahn g’schluckt?

2. Bub:

Geh, der hat doch kein’n Vorderzahn mehr! Das ganze Gebiss!

1. Bub:

Hat er g’schluckt?

2. Bub:

Und bis die da war, die Rettung, war er schon blau. Was lachst?

1. Bub:

Mein Opa is auch manchmal blau.

3. Bub:

B’soffen?

1. Bub:

Nein, nein – bisserl lustig, halt. Dann verdreht die Mutti die Augen und schimpft.

2. Bub (zum 3. Buben):

Warum hat deine g’schimpft?

3. Bub:

Sie hätt den Zahn aufheben wollen.

1. Bub:

Den Vorderzahn? Zu was?

3. Bub:

Fürs Schachterl.

1. Bub:

Was denn für a Schachterl?

3. Bub:

Mit Sachen.

2. Bub:

Was für Sachen?

3. Bub:

Die was mich angehen.

1. Bub:

Nämlich?

3. Bub (verlegen):

Eine Locke von mir. Wie ich klein war. Und meine Babyklapper.

1. Bub (verachtungsvoll):

Du hast a Klapper g’habt?

3. Bub:

Jedes Baby hat a Klapper.

1. Bub:

Ich nicht. Ich hab keine g’habt.

3. Bub:

Blödsinn.

1. Bub:

Ich erinner mich.

3. Bub:

Depp!

1. Bub:

Selber Depp!

3. Bub:

Superdepp!

1. Bub:

Megadepp!

3. Bub (rempelt)

1. Bub (rempelt zurück)

3. Bub (rempelt stärker)

1. Bub (rempelt stärker zurück)

Älterer Herr mit Zeitung:

Aufhören! Sofort aufhören!

2. Bub:

Der Alte hat Recht! Hört’s auf!

(Er trennt die Raufenden, die Straßenbahn hält. Die drei steigen einträchtig aus.)

Älterer Herr mit Zeitung (schaut ihnen nach):

Ihr werd’s euch noch wundern, Freunde! Jetzt geht’s ihr in die Schule, und über Nacht seid’s alt!

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D-WAGEN, 17.00 Uhr

Bericht

Der Wagen ist voll. Leute stehen. Ein Sitzplatz wäre frei, doch da liegt ein Rucksack. Skandal!

Der Eigentümer, ein dunkler, verwegen aussehender Mann, Zielscheibe ungnädiger Blicke, scheint tief und fest zu schlafen. Er trägt einen schwarzen Schnauzbart, eine Goldkette mit Amulett, das Hemd bis zum Nabel offen, Brust und Arme sind schwarz behaart, die buschigen Augenbrauen beinahe zusammengewachsen, Gesichtsausdruck wild, selbst im Schlaf.

»Stellen S’ einfach den Rucksack weg!«, rät ein Herr (stehend) einer alten Frau mit Stock, die sich an einer Schlaufe festhält.

Sie sagt: »I trau mi net.«

Er traut sich ebensowenig.

»Ja, so san s’, die Schwoazz’n!«, erklärt ein Dickwanst in Arbeitstracht, stehend, Werkzeuggürtel umgeschnallt. »Ka Dankbarkeit net! Und ka Rücksicht!«

Der »Schwoazze« schnarcht.

»Und keine Manieren!«, fügt eine junge Frau, sitzend, hinzu.

»Deutsch wollen sie auch nicht lernen«, bemängelt eine Dame mit Klopapiervorrat (zwölf Rollen, Treue-Sonderangebot), »das ist keine Einstellung, nicht zu einem Gastland!«

»Gastland?«, der Dickwanst schnaubt: »Auf solchene Gäst verzicht ma!«

Ein Sitzplatz wird frei. Er setzt sich.

Die Klopapierdame wendet sich an die junge Frau, die dem alten Knigge nachtrauert: »Haben Sie gelesen? Es ist in der ›Krone‹ gestanden: Jede vierte Straftat, die in Österreich begangen wird, wird von einem Ausländer begangen! Wissen Sie, was das heißt?«

»Das heißt«, sagt ein Schüler mit Brille, Zopf und Bärtchen-Anflug, »drei von vier Straftaten werden von Inländern begangen.«

»Hat dich wer g’fragt?«, sagt der Dickwanst.

Der Halbwüchsige erwidert: »Nein. Aber so lang die ›Krone‹ nix dagegen hat, herrscht bei uns Redefreiheit.«

Damit steigt er aus, begleitet von meinen Segenswünschen. Hoffentlich lernt er Karate. Halbwüchsige seinesgleichen locken die Skinheads an wie ein Topf Honig die Wespen.

Der Dicke: »Wenn das mein Sohn wär, hätt er a paar Watschen g’fangt.«

Die Frau mit Stock fasst sich ein Herz, tippt den Schlafenden an – er fährt hoch – und sagt höflich: »Würden Sie bitte so gut sein und Ihren Rucksack wegnehmen?«

Der Mann blinzelt, nimmt den Rucksack prompt auf den Schoß und sagt: »Ich bin eingeschlafen, Madame. Bitte entschuldigen Sie.«

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U 4, 13.00 Uhr

Bericht

Dreißig Grad im Schatten, Gedränge.

Touristen, zusammengepfercht, führen die Urlaubsfiktion »Die schönsten Tage des Jahres« schweißüberströmt ad absurdum.

Ein Paar Mitte fünfzig, fett, an Halteschlaufen hängend, schwabbelt im Takt der Fahrt. Die zwei sehen aus wie kolorierte Michelin-Männchen, knapp vorm Kollaps.

Plötzlich sagt der Mann, und mein Herz fliegt ihm zu: »Ach, Muttchen, was hätten wir’s jetzt gemütlich in unserem Garten!«

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J-WAGEN, 17.00 Uhr

Bericht

Das militärische Mädchen, maximal fünfzehn, trägt eine Hose aus Tarn-Anzug-Stoff, Fallschirmspringerstiefel, schwarzes T-Shirt mit dem Bild einer explodierenden Bombe, eine Büroklammerkette, daran ein Kreuz aus Patronenhülsen, in den Ohren Sicherheitsnadeln, die Haare sind erbsengrün, die Lippen blaugefärbt, Nase, Mund, Zunge gepierct, der Hals ungewaschen, der rechte Arm, tätowiert, zeigt ein Maschinengewehr und eine Rose.

Rose? Vorschlag des Tätowierers? Oder der eigene Wunsch?

Wie viel von dem Outfit ist Zufall, wie viel missionarisches Statement? Und was, zum Teufel, bedeutet das Patronenhülsenkreuz? Christliches Symbol, hinterfragt, eingedenk christlicher Gemetzel? Oder lediglich Spielzeug? Albernes Requisit?

Und wofür steht die Rose?

Für die Sonnenseite eines Wesens, das sich verdüstert hat? Irgendwann, von der Umwelt anfangs kaum wahrgenommen, setzte Dunkelheit ein, wurde dichter, und nun, da Finsternis herrscht, weiß keiner so recht, warum?

Und in zehn Jahren? Prognose? Wird sie darüber lachen? Oder in einem Bahnhofsklo zugrunde gegangen sein?

Wie das Mädchen wohl ausgesehen hat, in vormilitärischen Zeiten?

Ich stelle mir das Gesicht ohne Firlefanz vor, entgrüne die Haare, wische die Lippen ab, entsorge Büroklammerkette samt Patronenhülsenkreuz, hänge harmlose Korallen um den (gewaschenen) Hals, ersetze den Tarn-Anzugskrempel durch Bluejeans und weißes T-Shirt, die klobigen schwarzen Stiefel durch italienische Sandalen – Ergebnis? Höhere Tochter!

Vermutlich sowieso.

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O-WAGEN, 18.00 Uhr

Handyprotokoll

(Zehnjähriges Mäderl)

… Wo is es? … Am Klavier? Also dann hol’s doch, Oma! Wenn du’s nicht holst, lernst du’s nie! Pass auf. Du legst jetzt den Hörer vom Festnetz weg – ja, Festnetz, so heißt das Ding, das du gewöhnt bist, o.k., dann holst du das Handy, ich wart, kommst zurück, in einer Hand das Handy – ja, Oma?

Hörst du mir zu? – und mit der andern nimmst du den Festnetzhörer wieder her – was heißt, du bist nicht der Rastelli? Wer is der Rastelli? Ein Jongleur? Ist im Ronacher aufgetreten. Hat dir dein Papa erzählt?

Oma, ich will nicht wissen, mit wie vielen Tellern der jongliert hat – du holst jetzt das Handy… na endlich! Und hast du den Festnetzhörer jetzt wieder in der Hand? Oma! Oma, hörst du mich?

Gut. Und jetzt schalt das Handy ein! Natürlich kannst du das! An der Schmalseite, oben, den Knopf. Den drückst du! Da is kein Knopf? Natürlich ist da einer! Was soll da sein? Eine »ovale Einbuchtung«? Geh, Oma! Nimm doch nicht alles so wörtlich! Aber bitte sehr, drückst du eben auf die »ovale Einbuchtung« – ja?

Was passiert? Nix passiert? Oma, das gibts nicht! Drück fester! … Ich weiß, du hast steife Finger, so steif sind sie auch wieder nicht, ich seh doch, wie schnell du strickst, mit einem Affenzahn, was, nein, ich wollt nur sagen, du strickst schnell – na also, es hat gepiepst, ich hab’s bis hierher gehört, was siehst du jetzt? Schwarzen Gries? Dann drück auf die Taste, nein, nicht die ovale Buchtel, die Taste, die aussieht wie ein Kipferl! Nicht die, die aussieht, wie ein Weckerl! Du musst auf das Kipferl drücken! – Bravo.