Philipp Traun

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Alles im Fluss

Philipp Traun

Alles im Fluss

Roman einer Kindheit

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Für Nini, Maxi, Anna und Veronika

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29. Mai 1983

1

Am 1. August 1976, um 4 Uhr 43, im Augenblick des Einsturzes der Reichsbrücke in Wien, wurde ich geboren. Irgendwann später las ich in einer Chronik über Österreich, dass ein gewisser Karl Kretschmer, 22 Jahre alt, im Moment meiner Geburt, auf dem Weg von einer Diskothek nach Hause, die Reichsbrücke überqueren wollte und mit den einstürzenden Brückentrümmern in der Donau versank.

In diesem Moment jener Nacht tat sich einwohnertechnisch also nichts.

Die Donau fließt ostwärts, durch Bratislava, Budapest, Belgrad und so weiter, und mündet in Rumänien ins Schwarze Meer, doch weit davor, ungefähr vierzig Kilometer östlich von Wien wälzt sich der Fluss durch die dichten Auen eines kleinen Dorfes, das Carnuntum heißt. Um circa 7000 vor Christus siedelten sich in diesem Gebiet nahe der Donau in der Sicherheit fruchtbarer Erde die ersten Jungsteinzeitmenschen an, bastelten an primitiver Gerätschaft und kultivierten den Boden. Hier führte später die Bernsteinstraße durch. Hier errichteten die Römer im Zuge der Ausdehnung ihres Reiches eines der meist gesicherten Bollwerke gegen die Germanen, die am anderen Ufer lagerten, und unter Kaiser Hadrian erlangte Carnuntum das Stadtrecht. Hier lebten im Jahre 210 nach Christus 25 000 Menschen. Hier schrieb Marc Aurel den zweiten Teil seiner »Selbstbetrachtungen«.

In Carnuntum könnte jeder Spatenstich zum Fund einer römischen Therme, eines Amphitheaters oder eines Legions-lagers führen, und die Einwohner hüten sich, ihre geplanten Fertigteilpools oder Weinkeller von den zuständigen Behörden genehmigen zu lassen, denn die Vergangenheit liegt samt Enteignungsbescheid nur wenige Meter unter der Erde.

Mit der Völkerwanderung und den eindringenden Hunnen war Carnuntum für die Römer nicht mehr haltbar und versank in der sogenannten Bedeutungslosigkeit. Bis heute.

Hier hat meine Familie seit 1649 ihr Zuhause. Durch Einheirat gelangte ein gewisser Ernst Graf von Lichtenperg, einer meiner Vorfahren, an die gesamten Besitzungen, das Schloss, den Boden und die Wälder, dieses personell ausgedünnten Dorfes. Hier leben heute an die 1200 Menschen, und hier, in einem Haus, das man den Gutshof Nummer 5 nennt, und das nur einen kurzen Spaziergang vom Schloss entfernt liegt, lebte ich, und hier wuchs ich auf.

Die Nachmittage meiner frühen Kindheit verbrachte ich mit Petar oder bei meinem Großvater, der am Tag meiner Geburt den Verstand verlor. Mein Vater äußerte immer wieder den Verdacht, dass der bloße Anblick meines entstellten Äußeren seinen Vater um die Geisteskraft gebracht hatte, und gab während seiner zyklisch wiederkehrenden, cholerischen Anfälle immer wieder mir die Schuld an der intellektuellen Kapitulation seines Erzeugers, doch in Wahrheit, so hatte mir Onkel Otto später einmal erklärt, war Vater froh, dass mein Großvater den Geist aufgegeben hatte, denn, so hatte Onkel Otto weiter erklärt, es enthob ihn mit sofortiger Wirkung aus seiner zum absoluten Stillstand geratenen Vater-Sohn-Beziehung.

Wie auch immer, auf Fotos, die kurz nach meiner Freisetzung aufgenommen wurden, sieht man mich mit einer Art Doppelkopf, und auf den Polaroids scheint es, als hätte ich auf dem Hinterkopf einen zweiten Kopf, der aber glücklicherweise nicht mit Sinnesorganen ausgestattet war. Glücklicherweise, denn das Ausmaß des dann zu erwartenden familiären Wahnsinns wäre unabsehbar gewesen, hätte ich eine zweite Nase, insgesamt vier Augen oder zwei unterschiedliche Gehirne. Mein Vater beschuldigte mich, die Erwartungen seines Vaters in den Stammhalter der Familie dermaßen enttäuscht zu haben, dass sich diese in Anbetracht meines unkonventionellen Aussehens in lebenslängliche Umnachtung auflösten. Ungefähr eine Woche nach meiner Geburt war der Doppelkopf verschwunden, und nur meine familieninternen Decknamen »siamesischer Einling« oder nur »Einling« erinnern heute noch an diese Angelegenheit.

Nachdem also mein Großvater, den ich bei seinem Vornamen Franz nannte, den Verstand verloren hatte, teilte er sich, abgesehen von plötzlichen und unzusammenhängenden Kommentaren, ausschließlich durch Sprichwörter und leicht fahrige Gestik und Mimik mit. Darüber hinaus hatte er bis zum Ende seines aufrechten Gangs die Angewohnheit, beidseitig zu humpeln, und später, im Sterbebett, auf den Tod wartend, verunsicherte Franz seine betretenen Besucher mit Vogelbewegungen.

Sonst tat er wenig. Nur selten, wenn er sich abrupt und mit dem Wort »Doppeladler« aufraffte, um dann stundenlang durch die Weiten seiner Besitzungen und im Kreis durch den rosenbewachsenen Hof seines Frühbarockschlosses und durch das Dorf zu wandern, kam Leben in ihn, und er begann zu sprechen. Es war unverständliches Zeug, das er vor sich hin redete, das sich aber bei genauerem Hinhören als Jugoslawisch entpuppte. Ich konnte das beurteilen, da in den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben, die nach meiner Geburt und einer Blitzentmündigung des quasi unmündigen Großvaters, meinem zeugungsunfähigen Onkel Johannes, dem ältesten Bruder meines Vaters, übergeben worden waren, fast ausschließlich Kroaten und Bosnier beschäftigt waren. Johannes begann, nachdem er die land- und forstwirtschaftlichen Betriebe übernommen hatte, Mauern und Zäune um sein Betriebsgelände zu errichten, und er sagte, dass er keine Gäste wünsche, doch ich durfte ihn von Zeit zu Zeit besuchen. Nicht jedoch ohne mich vorher im Gräflich Lichtenpergschen Betriebssekretariat angemeldet zu haben. Als ich einmal ohne Anmeldung auf das Gelände spazierte, stand mein Onkel mit Schrotflinte an einem Fenster seiner Villa, feuerte in die Luft und schrie: »Glück gehabt!« und, er habe mich im letzten Moment doch noch erkannt. Seitdem betrat ich sein Gelände nie mehr ohne Voranmeldung.

Manchmal begleitete ich meinen Großvater bei seinen Ausmärschen und lief ihm mit kurzen Schritten hinterher und bewunderte ihn stolz. Obwohl er mir in Anbetracht der anderen Großväter, die da im Dorf unter Bäumen saßen und Rotwein tranken, abwegig erschien. Wenn mein Großvater und ich an diesen anderen Großvätern vorbeispazierten, erhoben und verbeugten sie sich, lüfteten den Hut und sagten: »Herr Graf!«, und auch in meine Richtung senkten sie den Kopf. Überall im Dorf wurden die Gespräche unterbrochen, wenn wir kamen, und alles schien für einen Moment außer Kraft gesetzt, und ich hatte das Gefühl von Überlegenheit und Einsamkeit, bis mich eines Tages der taube und stumme Sohn des Tischlers verprügelte und sich das Gefühl umkehrte.

Mein bester Freund Petar, der von einem Tag auf den anderen plötzlich aufgetaucht und in ein kleines Angestelltenhaus ganz in unsere Nähe gezogen war, hatte keinen Großvater.

»Komisch, dass du keinen Großvater hast«, sagte ich einmal.

»Ich komme aus Kroatien«, antwortete Petar.

Es war das Einzige, was er in den ersten Monaten sagte, und ich fragte mich, wie man in diesem Land ohne Großväter die längerfristige Fortpflanzung regelte, denn woher kamen die Väter, wenn es keine Großväter gab?

Aber er war Kroate und somit in der Lage, Großvater zu verstehen, wenn dieser wieder einen seiner Monologe durchleben sollte. So beschloss ich eines Samstags im Juni, Petar am nächsten Tag mit zu meinem Großvater zu nehmen, und hoffte darauf, dass sich Großvater aufraffen und zu sprechen beginnen würde.

Das Außergewöhnliche an Petar war, dass er über sein Kroatendasein hinaus eine Augenklappe trug, die es ihm schwermachte, seine Umgebung räumlich korrekt wahrzunehmen, und so rannte er oft und ohne mit der Wimper zu zucken gegen einen gerade eingepflanzten Obstbaum im Garten meiner Mutter oder verfehlte eine ihm gereichte Hand um unglaubliche Distanzen. Petar wirkte dem Status quo entgegen, indem er versuchte, sich seine unter Verwendung stehende Welt genauestens einzuprägen. Doch meine Mutter war eine rastlose Gartenarchitektin, und außerdem gab es viele andere, nicht einkalkulierbare Raumfaktoren, an denen Petar immer wieder schmerzvoll scheiterte. Im Großen und Ganzen war Petar ein Spektakel.

An jenem Sonntag erwachte ich im Morgengrauen. Ich schlug die Augen auf und blickte mich Halt suchend um, und da waren die Pfeiler des Stockbetts und der Lattenrost über mir, mit den Smiley-Aufklebern, die alle mit Zigarette im Mund auf mich heruntergrinsten und über eine Sprechblase die Worte »Das Leben ist hart, nimm es leicht!« zu sprechen vorgaben. Meine Kindheit lang, lag ich jeden Morgen unter diesem Lattenrost und fragte mich, was all das zu bedeuten hatte? »Das Leben ist hart.« Da waren das vergitterte Fenster und die riesige Kastanie, die jetzt blühte, und da war mein kleiner Körper, der zur allmorgendlichen Wiederankoppelung verstreut um mich herum lag.

»Nimm es leicht!«, sagte ich leise.

Und da war vor allem mein kleines steifes Glied, das mich seit einigen Wochen in Anspruch nahm. Nicht nur weil es eben seit einigen Wochen jeden Morgen steif und eigensinnig gegen die Bettdecke drückte, sondern auch deswegen, weil unsere kroatische Haushälterin Ianica und auch meine Mutter daran Interesse hatten und in den unpassendsten Momenten danach griffen, und es schmerzte einerseits und tat doch wohl. Überhaupt fand ich, dass alles an mir, sobald es in Berührung mit der Welt kam, gleichzeitig schmerzte und wohltat.

Mein Penis jedoch war mir im Ganzen eher suspekt, denn erstens, warum wurde danach gegriffen, zweitens, warum konnte sich dieses Ding unter meiner Decke so wichtig machen, und drittens, warum hing er sonst so unnötig vom Körper.

Ich wartete, bis mein Penis erschlaffte, starrte auf den Lattenrost und fand, dass in meiner Geburt eine gewisse Dringlichkeit lag, durch die sich in jedem Moment ein Kreis im Hier und Jetzt schloss und im nächsten Augenblick wieder auflöste. Auf kurze Sicht, so fand ich, ergab es einen Sinn, im Großen war ich überfragt.

Einmal fragte uns der Lehrer, der gleichzeitig der Dorfpfarrer war, was wir, wenn wir einmal groß wären, wohl gerne werden würden? Und er hob seinen Arm, streckte den fleischigen Zeigefinger und deutete auf Manfred, den Schüler ganz rechts in der ersten Reihe. Ich hatte mir niemals Gedanken über mein späteres Berufsleben gemacht, und ich fing jetzt gar nicht erst damit an, denn auch diesmal zweifelte ich daran, gefragt zu werden. Ich saß weit hinten links, neben mir Petar, der sich seinerseits nicht besonders für die Betriebsamkeit dort vorne interessierte, er saß einfach nur da und tapste durch die Luft.

»Traktorfahrer!«, sagte Manfred so nebenbei und selbstverständlich, als hätte er diesen Auftritt jahrelang geprobt, zur Perfektion gebracht und auf diesen kurzen Moment gewartet. Ich wusste nicht einmal, dass »Traktorfahren« ein Beruf war, geschweige denn, was überhaupt ein Beruf war. Mein Vater zum Beispiel sagte über sich, dass er Golfspieler sei, doch wer, überlegte ich, wollte schon Golfspieler werden und kleine weiße Bälle durch die Luft schlagen? Meine Mutter hatte zu diesem Thema erst recht nichts zu sagen, außer man bezeichnet regelmäßiges Watschenausteilen als seriösen Broterwerb. Aber wenn ich mir die Geschichten meiner Dorffreunde und deren nicht berufstätigen Müttern anhörte, konnte ich von Glück reden, dass ich immer wieder unverletzt davonkam. Aber ich redete nicht von Glück.

Manfreds stotternder Zwillingsbruder Herbert hingegen winkte, nachdem er nach einigen Versuchen nur den Buchstaben »P« herausgebracht hatte, wieder ab, begann zu weinen und seinen Kopf solange verzweifelt gegen den Tisch zu schlagen, bis ihm der Pfarrer seinen Sitzpolster zwischen Kopf und Tischplatte schob und sagte: »Besser für den Tisch.«

Ich erfuhr niemals, was Manfred damals werden wollte.

»Friseurin«, sagte Silke. »Polizist«, sagte Hermann.

Der Zeigefinger des Pfarrers wanderte langsam aber eisern über die Köpfe der Schüler, von einem zum anderen, und ich begann auf meinem Stuhl hin und her zu rutschen und mir nun doch grobe Gedanken zu machen: Das Wort »Sessellehne« fiel mir ein, »Teppichklopfer«, »Regenrinne«, »Rasenmäher«, alles keine Berufe, wie ich überzeugt war. »Pürierstab«, ein Wort, das meine Großmutter einmal erwähnt hatte, und mit dem Überraschungseinfall »Untertasse« gab ich mich vollständig meiner Verzweiflung hin.

»Weltraumastronaut«, meinte Reinhard und zeigte durch das Klassenzimmer.

»Hoch hinaus«, sagte der Pfarrer.

»Ich komme aus Kroatien«, antwortete Petar und lehnte sich grinsend zurück. Der Pfarrer meinte nur: »Das kennen wir schon.«

Nun hatte meine Stunde geschlagen, der dicke Zeigefinger, der für immer mein Leben besiegeln würde, deutete mir direkt zwischen die Augen.

»Und du Paul?«, fragte der Pfarrer.

»Koch!«, sagte ich, wartete auf eine Reaktion, die nicht kam, und brüllte dann: »Nein! Doch lieber …«

»Pause!«, sagte der Pfarrer und schloss die Stunde.

Mein Leben als sorgenfreies Kind war zu Ende. Als ich meiner Mutter zu Hause erzählte, dass ich heute und wohl überhaupt andere Pläne hätte, als mich jetzt um meine Hausübung zu kümmern, und ihr die Geschichte vom schnellen Ende meiner kurzen Kindheit und meiner beschwerlichen Zukunft als Koch erzählte, lachte sie kurz auf und sagte, dass ich keine Angst haben solle, denn meine Kindheit wäre noch lange nicht vorbei. Und das beunruhigte mich noch mehr. Dann schickte sie mich zum Hausübung machen in mein Zimmer.

Mein Leben als Kind bestand aus den von meiner Mutter zur Verfügung gestellten Möglichkeiten. Mehr war da nicht, und später würde ich meine Kindheit und mein restliches Leben, doch speziell meine Kindheit, die Vollzugsanstalt der Möglichkeiten nennen: Koch oder Hausübung, Rasenmäher oder Ohrfeigen? Damals über meinen Heften brach der ganze Ernst des Lebens über mich herein, und ich blickte in das Grün und Bunt unseres Gartens, und überlegte, dass ich erstens kein Koch werden würde, und zweitens meine Kindheit und überhaupt alles so schnell wie möglich erledigen sollte. Nur was war dieses Alles?

In meinem Bett unter den grinsenden und rauchenden Aufmunterungsaufklebern und mit meinem erschlafften Glied in der Hand fragte ich mich, wie ich meinen Großvater heute zu einem seiner Spaziergänge überreden könnte, denn es war ja nicht so, dass ich ihn einfach fragen konnte, und er dann aufstehen und mit Petar und mir spazieren gehen würde. Er würde nicht reagieren und wenn doch, würde seine Antwort »Nur der frühe Vogel fängt den Wurm« oder »Alle Wege führen nach Rom« lauten.

Über mir schlief meine um ein Jahr jüngere Schwester Elsa. Sie war einer jener Menschen in meinem Leben, die ich besonders mochte. Es war nur so, überlegte ich, dass mich Elsa aus dem Verborgenen in die Dunkelheit des Älterwerdens schob, und sie war der rastlose Feind in meinem Rücken, der mir keine Möglichkeit zum Innehalten und Luftholen ließ, und keines meiner Geschwister spürte ich intensiver als meine unsichtbare Schwester Elsa.

»Elsa«, flüsterte ich.

Nichts.

»Elsa«, sagte ich etwas lauter.

Sie wälzte sich keuchend über ihre Matratze.

Ich stand auf, meinen Penis fest umklammert und ging durchs Zimmer, ich stellte mich auf den Schemel, der vor dem Waschbecken stand, pinkelte in das Waschbecken und betrachtete mich im Spiegel.

»Hallo«, sagte ich.

Im Dämmerlicht sah ich älter und bläulicher aus, und über meinem Gesicht lagen Schatten.

»Hallo«, wiederholte ich.

Ich betrachtete mich lange und überlegte, wie es zu dieser höchst zufälligen und unwahrscheinlichen Begegnung zwischen mir und der Zeit gekommen war. Denn warum war ich nicht vor tausend Jahren geboren worden und längst vergangen, und warum sah ich aus, wie ich aussah? Da waren diese blauen Augen, die dunklen Brauen, eine kurze Nase, ein Mund und dunkelbraune Haare, die wild durch die Gegend wuchsen. Nichts Besonderes, aber dennoch immerhin ich, fand ich. Welches Interesse, überlegte ich, hatte die Welt an mir, dass meine Teilnahme in Form von Dasein gefragt war? Die Augenblicke, die ich jetzt vor meinem Spiegelbild verbrachte, kamen mir maßlos an den Haaren herbeigezogen vor: eine Geschichte, die schlicht und einfach nicht stimmte.

2

Irgendwann, ich war wieder ins Bett gegangen und eingeschlafen, stand plötzlich Mutter im Zimmer, sagte »Aufstehen!« und schlug die Tür hinter sich zu, und ich erwachte zum zweiten Mal, und dieses Mal stand ich neben mir.

Elsa lag nicht mehr in ihrem Bett, ihre Decke war zusammengelegt, der Polster frisch aufgebauscht. Ich putzte mir die Zähne. Mutter legte besonderen Wert aufs Zähneputzen, und manchmal stand sie dabei und sagte: »Weiter« oder »Noch einmal«. Auf dem Schreibtischsessel lagen die am Vorabend ausgesuchten Kleidungsstücke: eine lange dunkle Hose, ein Hemd, dunkle Socken und Schuhe. Ich zog die Socken an, die Hose, die Schuhe, legte das Hemd in den Kasten, nahm ein Fußball-T-Shirt heraus und streifte es über. Ich wusste, dass ich damit nicht durchkommen würde. Was solls, dachte ich und ging.

Beim Frühstück saßen meine ältere Schwester Isabelle, im gleichen hellblauen Dirndl wie Mutter, und meine jüngste Schwester Caroline, in ihrem Kindersitz, in dem schon Elsa und ich, und davor Isabelle, und davor, erzählte Mutter, schon sie selbst als Kleinkind gesessen hatten. Überraschenderweise war auch unser Vater da. Er sagte, ohne seinen dunklen Kopf von der Zeitung zu heben: »Guten Morgen, Paul!«, und er mühte sich währenddessen ab, seine Tasse Tee zwischen Zeitung und Gesicht zum Mund zu balancieren und begoss sich dabei.

Ich wollte ihn umarmen.

»Scheiße!«, sagte er, sprang auf, verschüttete den Rest des Tees und sagte: »Verdammte Scheiße!«

Unter dem Tisch lag unser alter Hund Jackie und schlief.

»Aber Liebling«, seufzte Mutter.

»Liebling«, seufzte auch Caroline.

»Und du Paul!«, sagte Mutter, »ziehst dich nach dem Frühstück um!«

»Richtig«, sagte Vater und blickte an sich herab.

Mutter stand mit dem Rücken zum Tisch beim Herd und rührte in einer Pfanne, in der irgendetwas langsam verbrannte, denn an Sonntagen kam Mia, die Köchin, erst zu Mittag, eine Stunde bevor die Gäste eintrafen, die sonntags immer kamen. Ich mochte die Sonntage nicht, und wenn mein Vater da war, sagte er: »Achtung, die Juden kommen!«, womit er, warum auch immer, die Familie meiner Mutter meinte. Ich wusste nicht genau, was Juden sein sollten, und mich störten auch viel weniger die Juden als vielmehr die Messe.

»Verdammte Scheiße«, murmelte Vater noch einmal, tupfte seine Hose mit der Stoffserviette ab und setzte sich wieder.

»Verdammte Scheiße sagt man, glaube ich, nicht!«, sagte Isabelle.

»Guten Morgen!«, sagte ich.

»Scheiße?«, fragte Caroline aus ihrem Sitz und rührte in ihrem Brei. Sie hatte das runde dunkle Gesicht unseres Vaters, nur dunkler und runder, anders als meine beiden anderen Schwestern, die, so wie ich, ein langes schmales Gesicht hatten, aber das Besondere an Caroline waren ihre Augen. Ich fand, dass sie die Augen eines Eskimos hatte.

»Das hast du davon, Liebling«, sagte Mutter, und sie wandte sich vom Herd ab, und wir blickten in ihre strahlenden und liebevollen und eiskalten blauen Augen.

Liebling, der Golfprofi, war ein seltener und unangekündigter Gast. Von Zeit zu Zeit war er plötzlich da und überreichte mir irgendein Fußballgeschenk, das ich zu all den anderen Fußballgeschenken in meinen Kasten legte. Vater blieb ein paar Tage und flog dann wieder zu seinen Turnieren, die er überall auf der Welt spielte, und wir bekamen Postkarten mit schönen Grüßen und alles Liebe aus Australien, Nordamerika, Südafrika und aus den Ländern Europas. Manchmal lasen wir von ihm in der Zeitung: »Ernst Lichtenperg belegt sensationellen 11. Platz« oder »Golfgraf scheitert am Cut«. Es waren kurze Meldungen am Ende der Seite, selten mit Foto, und ich war enttäuscht. Natürlich erwartete ich nicht, dass die Zeitungen schrieben: »Ernst Lichtenperg lässt seine Kinder grüßen und an dieser Stelle besonders Paul« oder »Golfgraf vermisst seinen Sohn Paul«. Oder erwartete ich es doch?

»So etwas schreiben die Zeitungen nicht«, hatte Mutter einmal gesagt.

»Warum nicht?«, fragte ich.

»Weil es niemanden interessiert!«

»Warum interessiert es niemanden?«, fragte ich weiter.

»Weil es egal ist!«

Es war also egal. Nur im Sommer, wenn wir zwei Wochen in Ibiza waren, war Vater länger als ein paar Tage mit uns. Doch der Sommer würde erst kommen, und Vater würde bis dahin nur selten und plötzlich auftauchen, und dann würde er so wie heute hinter seiner Zeitung beim Küchentisch sitzen und fluchen.

Das Radio spielte die Zauberflöte. Ich erkannte die Ouvertüre. Ich war in allem Musikalischen bewandert, denn unser großer dicker Urgroßvater mit dem Backenbart, »der Präsident des Wiener Musikvereins«, wie meine Mutter und meine Großmutter jedes Wort betonend vor sich hin sagten, wenn sie von ihm sprachen, nahm bis zu seinem plötzlichen Tod seine 21 Urenkelkinder in Opern und Konzerte jeden Niveaus mit. Von der »Zauberflöte« bis zu »Salome« war alles dabei, und ich saß dann mit Krawatte, Hemd und polierten Schuhen in einer Loge gleich neben diesem dicken schnaufenden Urgroßvater, schnaufte mit und fragte mich, was meine Dorffreunde wohl zu dem ganzen Tamtam samt Chauffeur, der vor der Oper in einem schwarzen großen Auto auf uns wartete, sagen würden? Irgendwann fuhr mein Urgroßvater ohne Chauffeur gegen einen Baum, und übrig blieben nur ein paar Jahreskarten. Komisch eigentlich, überlegte ich, denn ich hörte immer wieder von Verwandten, die gegen einen Baum gefahren und gestorben waren.

Auch wurden wir Kinder von Mutter so nebenbei zum Klavierspielen und Flötenspielen angetrieben. Meinem Vater schien es gleichgültig zu sein. Er sagte nur: »Bei uns gabs nur die Jagd!«, und hörte nicht zu, wenn ich an Schumanns »Soldatenmarsch« oder sonst einem Stück der Unterklasse arbeitete. Meinem Vater war das meiste gleichgültig.

Tamino trat auf und sang bis zur plötzlichen Ohnmacht sein »Zu Hilfe«. Draußen strahlte die Sonne. Es würde ein heißer Tag werden, und es würde der Tag werden, an dem die Moskitos kamen.

Wir saßen um den Tisch und aßen, Mutter hatte den Inhalt der Pfanne mittlerweile entsorgt und sich zu uns gesetzt. Vater faltete langsam die Zeitung und senkte den Kopf, dann sagte er: »Euer Großvater war im Krieg.«

»Nicht schon wieder«, sagte Isabelle und verzog das Gesicht.

»Was ist Krieg?«, fragte ich.

»Stell dir vor«, begann Vater, »stell dir vor, unser Dorf würde gegen das Nachbardorf kämpfen.«

»Wieso?«, fragte ich.

»Was wieso?«, antwortete Vater.

»Einfach nur so«, sagte ich.

»Ich war noch nicht fertig«, sagte Vater.

»Krieg?«, fragte Caroline.

»Also Krieg würde bedeuten, dass zwei Länder oder mehr gegeneinander kämpfen.«

»Wieso?«, fragte ich.

»Aus Machtgründen!«, sagte Vater.

»Wie bitte?«, fragte ich.

»Gründen?«, fragte Caroline.

»Menschen sind so!«, sagte Vater. Er ruderte mit seinen Armen, und sein Blick zuckte durch die Küche, und ich wusste, dass das alles Anzeichen waren, die einem cholerischen Anfall vorausgingen, und manchmal schmiss Vater dann ungewollt Gläser über den Tisch. Ich umklammerte meine Beine und zog die Schultern hoch. Ich hatte das Wort »Krieg« schon zu oft gehört und niemals einen Zusammenhang zu anderen Dingen in meinem Leben herstellen können. Das Einzige, was mir zu Krieg einfiel, war das Wort »Friede«, überlegte ich, aber was Friede bedeutete, wusste ich auch nicht.

»Welche Menschen sind so?«, fragte ich.

»Du und ich«, sagte Vater, »aber insbesondere Politiker sind so.«

»Was sind Politiker?«

»Kennst du den Bürgermeister von Carnuntum?«

Ich nickte, denn ich kannte ihn gut. Es war jener Mann, der alle paar Sonntage mit seinem roten dicken Gesicht und den Aktenordnern auf dem Schoß am Mittagstisch im Speisesaal meiner Großeltern saß, der grinste, wenn er meinem Großvater beim Essen zusah und der mir Schokolade mitbrachte und meiner Großmutter Blumen, und der, wenn er ging und glaubte allein zu sein, »Scheiß Aristokraten!« sagte.

»Was sind Scheiß Aristokraten?«, fragte ich meinen Vater einmal, und er sah mich kurz an und antwortete: »Wir!«

»Und dieser Bürgermeister zum Beispiel ist Politiker!«, erklärte Vater.

»Und der will Krieg machen?«, fragte ich.

»Verdammt!«, schrie Vater.

»Verdammt sagt man, glaube ich, nicht!«, sagte Isabelle.

»Liebling«, sagte Mutter.

»Herr im Himmel!«, Vater blickte zur Küchendecke.

Ich blickte hinterher und fragte, wer denn jetzt plötzlich der Herr im Himmel sei?

»Gott!«, brüllte Vater, und seine Teetasse flog durch die Küche und zerbrach vor Mutters Füßen.

»Ach so der«, sagte Isabelle.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte von Gott schon Vieles gehört, dass er allmächtig sei, dass er im Himmel unter Engeln und allen Toten lebe, was ich mir eigenartig und eigentlich ungemütlich vorstellte, und dass er alles verzeihen würde, man sich aber dummerweise dennoch zu benehmen habe, denn er würde alles sehen, was weder Elsa sich noch ich mir vorstellen konnte. Wenn es Nacht war, und wir das Gefühl hatten, alle schliefen, besprachen wir diese und ähnliche Themen, und wir fragten uns, wie das wohl wäre, wenn wir auf dem WC sitzen oder uns baden würden und uns dieser Gott dabei zusehe, und bei der Vorstellung mussten wir lachen, denn wir stellten uns vor, ihm alles zu zeigen, was wir da zu bieten hatten, und wir zeigten uns dann gegenseitig alles, was wir da zu bieten hatten.

Der Dorfpfarrer erklärte mir und der Klasse, dass sich Gott nur die wichtigen Dinge zum Zusehen aussuchte, und er machte ein ernstes Gesicht. Was denn wichtig wäre, fragte ich, und der Dorfpfarrer antwortete: »Deine Sünden«, und ich fragte den Dorfpfarrer, was denn eine Sünde sei, und er antwortete, dass eine Sünde zum Beispiel die Nichtachtung der eigenen Eltern wäre, und ich fragte mich, was das bitte bedeuten sollte.

Aber viel mehr als Gott und dessen Unverschämtheiten interessierte mich der Krieg, doch um mehr von meinem Vater zu erfahren, überlegte ich, musste ich erstens Geduld haben, und zweitens vorher alle Tassen verräumen.

Mein Vater hatte sich beruhigt und las wieder Zeitung und das Einzige, was ich von ihm sah, waren seine Hände, die die Zeitung hielten.

»Wo ist eigentlich Elsa?«, fragte mich Mutter.

»Keine Ahnung«, sagte ich.

»Was heißt da keine Ahnung?«, fragte Mutter.

»Was heißt da keine Ahnung?«, fragte Isabelle.

»Keine Ahnung heißt keine Ahnung!«, sagte ich.

»Keine Ahnung?«, fragte Caroline über den Tisch.

»Also, wo ist Elsa? Ich und eure Mutter müssen euch nämlich etwas Wichtiges mitteilen«, sagte mein Vater hinter seiner Zeitung hervor.

»Hol sie!«, befahl Mutter.

»Genau, hol sie. Wir müssen euch etwas sagen«, sagte Isabelle.

»Du hast hier gar nichts zu melden«, sagte Vater.

»Hol sie!«, wiederholte Caroline.

Ich ging. Von der großen Küche kam ich in den kleinen Salon, in dem in einem Bücherregal dutzende Fotoalben standen, und manchmal, wenn Vater zu Hause war, setzten wir uns alle, außer Mutter und Isabelle, die lieber zu zweit in der Küche saßen und über das letzte Konzert der Philharmoniker sprachen, auf eines der Sofas und blätterten in den Alben, die großteils von der Familie mütterlicherseits handelten. All die Tanten und Großtanten waren da zu sehen, und meine Urgroßmutter, und vor allem mein backenbärtiger Urgroßvater, in all seinen privaten und öffentlichen Funktionen, und Vater amüsierte sich dann und sagte: »Wir Hocharistokraten lassen uns nicht fotografieren, wir lassen uns porträtieren!«

Tatsächlich hingen im ganzen Haus Ölbilder unserer väterlichen Vorfahren, vom ersten urkundlich erwähnten Lichtenperg, der im frühen 12. Jahrhundert gelebt hatte, bis zu unserem Großvater, der noch immer lebte. Im ersten Stock des Schlosses war neben dem allgemein zugänglichen Donaumuseum sogar eine eigene Ahnengalerie angelegt worden, und jedes Mal, wenn ich abends heimlich durch die Gänge schlich, kam mir das Grauen. Besonders ein Bild löste Schauder aus. Es zeigte eine stehende, schwarzhaarige Frau in einem schwarzen Kleid. Sie war bleich, ihr Gesicht leicht abgewandt und ihr Blick war scharf und dunkel. Doch das eigentlich Unheimliche war ihre linke Hand, an der Daumen, Zeige- und Mittelfinger fehlten.

»Die Schwurfinger«, erklärte mir Vater, als wir einmal nach einem Rundgang lange davorstanden. Er hob seine drei Finger und drückte sie mir ans Herz, und dann sagte er: »Und auf diesem Bild haben wir deinen Ururururgroßvater mit einem Negersklaven.«

Hinter dem kleinen Salon lag das Speisezimmer, von der Vormittagssonne hell erleuchtet. Da waren der Hundekorb und ein alter Sekretär, auf dem sich die Familienpost stapelte. Eine große Doppeltür führte in den Garten, der sich leicht bergauf hinauf bis zur Kastanienallee erstreckte. Das Schwimmbad lag versteckt hinter einer Hecke, und dahinter lagen die Felder meines Onkels, der alte und stillgelegte Getreidespeicher, die Angestelltenhäuser, und da waren die kleine betriebseigene Tischlerei, in der Herr Smejkal, der Tischler, arbeitete, der sogenannte Gräfinnengarten, der vor sich hin wucherte, die Pferdeställe und die römische Palastruine, die vielen Feldwege, die zu Waldwegen wurden, und die bis zu den Donauauen und zur Donau führten.

Ich fühlte mich gut. Im Speisezimmer stand ich eine Weile gedankenlos herum und betrachtete ein großes Ölbild, das mein Vater »Das Jagdfrühstück« nannte, und ich ging weiter durch den großen Salon, wo das Klavier stand und weiter ins Schlafzimmer meiner Eltern. Ich kramte in der Handtasche meiner Mutter, zog ein paar Geldscheine heraus und steckte sie ein. Ich fühlte mich noch besser.

Ich ging die Treppe hinauf, in Isabelles Zimmer, schüttelte das Sparschwein, aus dem nichts fiel, und ging. Ich fand Elsa vor dem Fernseher am anderen Ende des langen Ganges, der all die Kinderzimmer und leerstehenden Zimmer und Badezimmer, WCs und die Rumpelkammer verband.

»Was machst du hier?«, fragte ich.

»Nichts«, antwortete Elsa.

Im Fernsehen sprachen zwei Menschen miteinander, und die Frau sagte: »Gehst du mit mir einkaufen?«, und der Mann antwortete: »Liebst du mich nicht mehr?«, und das Ganze war interessant, fand ich, denn der Mann küsste die Frau, und die Frau schlug den Mann.

Ich schaltete den Fernseher aus, nahm meine Schwester an der Hand und zog sie mit in die Küche.

»Also«, begann Vater und umarmte meine Mutter.

»Wir bekommen noch ein Baby!«

»Ja, ja«, sagte Elsa.

»Wieso noch eins?«, fragte Isabelle.

»Ihr wart alle einmal Babys«, erklärte Vater.

»Ja, ja«, sagte Elsa.

»Baby«, jubelte Caroline.

»Das wollten wir euch sagen«, sagte Vater.

»Sehr interessant«, sagte ich.

Mutter löste sich abrupt von Vater, kam auf mich zu, gab mir eine Ohrfeige und erklärte, dass ab jetzt alles anders werde, sie hätte nämlich gelesen, dass ein Kind im Bauch alles hören würde und deswegen nämlich alles anders werden müsse, und überhaupt wäre das eine ernste Sache, und ich könne mir meine blöden Kommentare eigentlich ganz sparen, denn das Baby würde nicht nur alles hören, sondern auch alles sehen.

»So wie der Herr im Himmel?«, fragte Isabelle.

Jackie unter dem Tisch kläffte kurz auf.

»Mami spinnt«, sagte Elsa leise, woraufhin auch sie eine Ohrfeige bekam.

»Das war jetzt aber nicht nötig, Liebling«, sagte Vater.

Ich stand auf und ging, denn ich wollte nicht vor meiner Familie weinen.

»Paul, bleib hier!«, hörte ich meine Mutter noch hinter mir her rufen, denn vielleicht, dachte ich, wollte Mutter schon, dass ich vor der Familie weinte. Doch ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging weiter und weinte nicht. Ich sperrte mich ins Klo, setzte mich auf die Kloschüssel und betrachtete die Klotür.

»Lass mich rein!«, hörte ich Elsa nach einer Weile flüstern.

»Geh auf das andere Klo!«

»Auf welches?«, flüsterte Elsa weiter.

»Auf das oben!«

»Auf welches oben?«

»Auf das erste.«

»Gut«, sagte Elsa und erst jetzt liefen mir die Tränen über die Wangen, und ich überlegte, wie praktisch es sei, fünf Klos im Haus zu haben, denn so konnten alle Kinder getrennt weinen gehen, und das fünfte wäre für Gäste.

3

Auf dem Kirchenplatz kamen die Menschen Carnuntums zusammen. Die Kirchturmuhr zeigte zehn vor halb zehn. Um die Kirche lag der Friedhof. Manchmal ging ich mit Petar Gräberlesen, und wir lasen dann die Namen Herl, Sutter, Döber, Turkowitsch und so weiter, die Namen unserer Mitschüler, doch wir lasen niemals unsere Nachnamen: Lichtenperg oder Modric.

»Wir werden nicht auf dem Friedhof begraben«, hatte mir Vater einmal erklärt.

»Und Petar?«, fragte ich.

»Was weiß ich, wo der begraben wird«, antwortete Vater.

»Ich möchte aber neben ihm begraben werden!«, sagte ich.

»Ist Petar gestorben?«, fragte Elsa.

Für uns gab es eine Gruft, die sogenannte Rundkapelle, die auf einem Hügel mitten im Dorf errichtet worden war, und die, wie Vater erklärte, aus der Zeit der ersten Kreuzzüge stammte. Zwischen den dicken Mauern der Rundkapelle verlief eine Steintreppe bis hinauf zum Dachstuhl, und in einem Erker gegenüber dem Eingang stand ein schwerer schmuckloser Steinaltar über dem das weiß-schwarze Familienwappen baumelte. Die Farbgebung des Wappens nahm mein Vater immer wieder zum Anlass, philosophische Diskurse anzuzetteln, wie zum Beispiel über Gut und Böse oder Leben und Tod, und ich fand dann immer, dass man für derartige Gedanken kein Wappen brauchte. An den Wänden der Rundkapelle, zwischen dunklen Ahnenbildern, hingen Fackeln, gekreuzte Schwerter und Banner. Der Raum selbst war leer. In den Steinboden war eine schwere Eisentür eingelassen, und Stufen führten hinunter in einen lichtlosen Raum, in dem 27 Särge lagerten. Doch kein lebender Lichtenperg, hatte mir Onkel Johannes erzählt, wäre jemals dort unten gewesen.

»Ich finde den Friedhof schöner«, sagte ich.

»Paul«, sagte Vater und klopfte mir auf die Schulter, »du bist ein Lichtenperg. Pech gehabt!«

Bis zum Tod meines Großvaters fand hier jährlich im Herbst die Seelenmesse für all die eingekellerten Lichtenpergs statt, und, abgesehen vom 25. Dezember, waren diese Seelenmessen der einzige Anlass, zu dem die Großfamilie Lichtenperg, die sonst in Ostösterreich verstreut auf ihren Besitzungen und in Wien in ihren Palais wohnte, antrat.

Besonders an diesen Versammlungen war mein Cousin Ferdinand aus dem anderen Familienzweig, der immer wieder für Wirbel sorgte, wenn er sich nackt auszog und dann unter den Tisch kroch, um die Schuhbänder seiner Verwandten zusammenzuknoten.

Meistens wurde mein Cousin Ferdinand nicht beachtet, und als ich einmal fragte, was denn mit ihm los sei, da ich fand, dass er mit zwölf Jahren schon viel zu alt für Derartiges war, antwortete mein Vater, dass Ferdinand kurz nach seiner Geburt zu lang die Luft angehalten hätte.

Heute standen wir wie immer in geschlossener Formation eine Weile auf dem Kirchenplatz herum, und die Menschen blieben bei uns stehen, grüßten und verschwanden in der Kirche.

»Ihr kennt eure Plätze«, sagte Vater im Tonfall eines Angriffsbefehls.

»Wir sind öfter hier als du«, sagte Isabelle.

»Kennst du deinen?«, fragte ich.

»Meine lieben Kinder, ich lebe seit dreißig Jahren in Carnuntum und ich gehe seit dreißig Jahren in diese Kirche und ich sitze seit dreißig Jahren auf demselben Platz«, antwortete er.

»Ja, ja!«, sagte Elsa.

»Wie langweilig«, sagte Isabelle.

Caroline schlief in ihrem Kinderwagen. Meine Mutter starrte hinunter auf ihr jüngstes Kind, eine Hand am Kinderwagen, die andere auf ihrem Bauch.

»Kinder«, sagte Vater, »los gehts!«

Wir betraten die Kirche, die Reihen waren bis nach hinten voll besetzt. In der letzten Reihe saß Ludwig, ein Mann, den man im ganzen Dorf den Dorftrottel nannte, und Ludwig stand auf, als er uns sah, beugte seinen großen Kopf mit den riesigen und abstehenden Ohren und rief in die Stille hinein: »Topfentorte!«

Die ersten beiden Reihen auf der rechten Seite waren für uns reserviert. Wir Kinder setzten uns in die erste, die Eltern mit Caroline in die zweite, wo schon mein Onkel Johannes und meine Tante Sophie saßen. Die Kirchturmglocken läuteten, der Pfarrer trat und stolperte samt seinen Ministranten aus der Sakristei, sah sich um und verschwand wieder. Ein Raunen ging durch die Kirche, und die sechs Ministranten liefen ein wenig planlos, wie ich fand, durch die Gegend und beschlossen schlussendlich, auch in die Sakristei zurückzukehren.

»Was ist los?«, fragte ich meinen Vater.

»Euer Großvater ist noch nicht hier«, antwortete Vater.

»Super«, sagte Isabelle.

Immer wieder äugte einer der Ministranten aus der Sakristei und verschwand wieder.

Irgendwann, gemeinsam mit Großmutter, die ihre große schwarze Sonnenbrille trug, kam Großvater dann doch noch hereingehumpelt, und er winkte und lächelte in alle Richtungen und sagte: »Auf los gehts los!«, und Ludwig aus der letzten Reihe lachte auf und Großvater lachte auch, und ein zweites Mal trat und stolperte der Pfarrer aus seiner Sakristei, und einer der Ministranten kicherte vor sich hin. Ich lehnte mich zurück und schaltete ab, und der Pfarrer sprach und lallte die Messe herunter, die Besucher erhoben sich, und der Pfarrer sagte: »Gehet hin in Frieden!«, woraufhin ich, plötzlich aus meiner Trance erwacht, schrie: »Nein, Krieg!«

Sofort bezog ich einen Schlag auf den Hinterkopf.

»Aber Liebling!«, sagte Vater.

Der Dorfpfarrer schielte mich an, und der kichernde Ministrant lachte los, der Rest schwieg betreten. Nur mein Großvater sagte: »Ostfront!«

Die Kirchenbesucher drängten sich durch den schmalen, niederen Ausgang hinaus in einen strahlenden, heißen Tag. Mutter ging mit meinen Schwestern ins Pfarrhaus, wo sich die Kirchenmenschen von Carnuntum nach der Messe zu Kaffee und Kuchen trafen, und wo die Dorfkinder Seil zogen und »Schickt die Soldaten los« spielten. Ich hielt nicht viel vom Seilziehen oder dem Soldatenspiel, denn mir kam sowohl ein Sieg wie eine Niederlage belanglos vor, und für Belangloses wollte ich mir die Handflächen nicht aufschürfen. Vater hielt weder von Kaffee noch vom Seilziehen viel, und so gingen wir.

»Was heißt Ostfront?«, fragte ich meinen Vater auf dem Nachhauseweg, und Vater ließ sich Zeit, und wir gingen zu zweit durch die Kirchengasse, die Langegasse, vorbei am Lichtenpergviertel und vorbei an Schloss und Tennisplatz, und wir gingen durch die Kastanienallee, durch die gemauerte Einfahrt und die grün gestrichene Gartentür, auf der »zum Garten« stand.

»Das ist kompliziert«, antwortete Vater.

»Warum?«, fragte ich.

»Warum, warum«, sagte Vater, »darum!«

Wir setzten uns in den Garten, unter die Weide. In der Küche kochte Mia.

»Wie erkläre ich das einem Siebenjährigen?«, fragte sich Vater und fuchtelte mit den Armen.

»Ich bin sechs!«, sagte ich.

»Egal!«, sagte Vater, zündete sich eine Zigarette an und blickte über mich hinweg in Richtung der hohen und alles überragenden Kastanien. Ich dachte, dass das also auch egal war, aber na ja, auch egal, und dann fing Vater an zu erzählen.

»Also«, begann er und er sprach über den letzten großen Krieg, den Zweiten Weltkrieg, in dem dies und das geschehen sei, in dem es Nazis gegeben hätte, und Engländer und Russen und Amerikaner und viel andere, und überhaupt sei das eine ungemütliche Angelegenheit gewesen. Da gab es einen Mann namens Hitler, Adolf Hitler, der, so erzählte Vater weiter, ein böser Mensch gewesen sei, der Millionen von Juden hätte umbringen lassen und so weiter, und der viele eigenartige Ideen gehabt und seine Soldaten nach Russland geschickt hätte, damit sie dort kämpften, und dass dort mein Großvater mitgekämpft hätte. Vaters Stimme war tief und klang angenehm und beruhigend, wie immer, wenn er erzählte oder vorlas.

»Und das nennt man die Ostfront!«, sagte Vater, und er erzählte noch viel mehr.

Ich war fasziniert.

»Was sind Nazis?«, fragte ich am Ende der Geschichte.

»Ein Nazi ist ein Anhänger des Nationalsozialismus. Aber das eine wie das andere ist fast schon ausgestorben.«

»Und Franz?«, fragte ich.

Mein Vater blickte mich aus weit aufgerissenen Augen an, und etwas schien ihn zu berühren, und er antwortete, dass auch Großvater nicht mehr lange leben würde.

»Schade«, sagte ich.

»Es ist besser für alle«, sagte Vater.

Ich verstand nicht, doch ich hatte das Gefühl, dass es fürs Erste reichte, denn ich wollte Vaters Geduld nicht überstrapazieren.

Mia kam aus der Küche, spazierte auf uns zu, und sie blieb zwei Meter vor uns stehen und fragte: »Herr Graf, heute sind es vierzehn?«

»Vierzehn was?«, fragte Vater zurück.

»Personen, Herr Graf!«

»Oh Gott, die Juden kommen«, antwortete Vater.

»Und Ihr Bruder Otto, Herr Graf«, sagte Mia und ging.

Sie trug ein kurzärmliges weißes Kleid mit Knöpfen hinauf bis zum Hals und eine schwarze Schürze darüber. Die Farbkombination war einer der wenigen Einfälle meines Vaters zum Thema familiärer Unternehmensidentität. Ihre kräftigen, fetten Arme baumelten an ihr herunter, ihr grobes weißes Haar trug sie zu einem Zopf gebunden, und ihre Unterbeine waren blau. Ich mochte Mia. Immer lächelte sie aus ihrem aufgeblähten Gesicht, und sie berührte mich, ohne bedrohlich zu wirken. Manchmal, wenn meine Mutter auf der Suche nach mir war, konnte ich mich hinter ihrem Kleid verstecken. Mia tat dann immer so, als würde sie es nicht bemerken, und alles wurde gut. Ich erinnerte mich, dass Mia vor langer Zeit, nach dem Tod ihrer Vorgängerin, zu uns gekommen war. Und ich erinnerte mich, dass ich sie von Anfang an mochte.

»Otto«, murmelte Vater.

Ein Windstoß blähte die Weide auf, und ich blickte in den wolkenlosen Himmel. Der Storch zog weit über uns seine Kreise. Der Storch kam jedes Jahr wieder, baute sein Nest auf einem der zwölf Schlosskamine und zog dann seine Kreise, und manchmal waren es zwei Störche, die kamen, doch vielleicht waren es immer zwei Störche. Wenn der Storch kam, kam auch bald der Sommer, dann fuhren die Traktoren aus, und die Bauern drückten sich ihre gelben Strohhüte auf den Kopf, der Wind wirbelte trockene Erde über die Felder. Dann pflückte ich auf dem Weg von der Schule Kirschen von den Bäumen und zog mich in die Sandkiste zurück, und die Bienen schwirrten über die Wiese unseres Gartens. Überhaupt schien alles über die Wiesen und Gärten und Felder zu schwirren, da waren all die Stimmen der Wärme, die im Winter von der Kälte verschluckt wurden: der Zug, der weit entfernt hinter dem Dorf und den Feldern über die Gleise rollte und quietschte und pfiff, die Rasenmäher, der sonntägliche Jubel der Fußballfans, die Flugzeuge im Landeanflug, die kurzen Kommandos, die über das Betriebsgelände meines Onkels gerufen wurden, und in der Mitte dieser gedämpften und trotzdem lichten Geräusche lärmte ich. Wenn der Sommer kam, besuchte ich meinen Onkel Johannes und begleitete ihn auf seinen Sichtfahrten mit dem alten offenen und safarigelben Land Rover über die Felder und in den Wald, der zusammen- und auseinanderwuchs, als würde er von sich selbst träumen. Abseits der ausgefahrenen Wege schien sich der Wald für alles Menschliche zu schließen. Von Zeit zu Zeit blieben wir stehen, und mein Onkel flüsterte, ich solle still halten, dann hetzte vielleicht ein Wildschwein oder ein Hirsch über den Weg und verschwand, und ich stand auf den Autositzen des Land Rovers und klammerte mich an die Windschutzscheibe, während wir langsam durch das Dickicht holperten und immer tiefer in den Wald kamen. Das dürre, scharfe Gesicht meines Onkels war wie versteinert, und seine durchsichtigen, wässrig blauen Augen blickten in eine andere Welt, und ich stand auf den Sitzen und blickte mit.

Doch die schönsten Tage waren jene im Sommer, an denen ich schon in der Früh zu meinem Onkel ging, dann aßen wir Speck und Brot »zur Stärkung«, wie er sagte, und fuhren auf die Felder, wo die riesigen Mähdrescher das Getreide ernteten. Mein Onkel hielt dann einen der Mähdrescher an und winkte den jugoslawischen Fahrer aus der Kabine, und Johannes und ich setzten uns hinter das Steuer, ich auf seinem Schoß, und wir fuhren über das Feld. Ich durfte das Lenkrad halten und beobachtete, wie unter mir die große Mähwalze das Getreide zerfetzte und in den Speicher sog, wie Fasane aufflogen und Mäuse und Hasen panisch das Weite suchten. Alles lärmte und staubte und bebte, und ich war der glücklichste Bub in Carnuntum.

Oft lag ich dann abends im Bett, und der Lärm und das Beben und das Glück waren geblieben und durchströmten mich, und obwohl mir Onkel Johannes zeitweise unheimlich war, vermisste ich ihn und ich wünschte mich dann für immer in seine umzäunte Welt voll Traktoren und Mähdrescher, Felder und dem Land Rover und dem Wald, und vielleicht würde er eines Abends kommen und mich abholen, und einmal, als meine Eltern nicht zu Hause waren, kam er wirklich und sprach mit Ianica, die auf uns aufpasste. Dann sagte er mir, ich solle mich anziehen und mitkommen. Es wurde dunkel, als wir wegfuhren, und Johannes sagte, dass es Zeit für mich sei, und ich antwortete, dass ich da genau seiner Meinung wäre. Mein Onkel sagte, dass er selbst keine Kinder bekommen könne, und ich dachte, dass ich am liebsten das große Zimmer neben seinem beziehen würde, und wir fuhren weiter und vorbei an seiner großen gelben Villa, und wir fuhren in den Wald.

»Als Stammhalter der Familie musst du dich beweisen«, sagte Johannes dann, und wir blieben stehen, ich stieg aus dem Wagen, und mein Onkel fuhr davon. Es war stockfinster.

Das dumpfe Knattern des Land Rovers wurde leiser und verklang. Für eine kurze Weile stand ich in totaler Stille und Dunkelheit. Und plötzlich brach die Nacht aus.

Zuerst kam der Wind, der weit entfernt durch die Äste zog und dann ganz in meiner Nähe einen Busch durchfuhr, und er kam und ging, immer wieder, und es war, als wollte der Wind mir etwas sagen. Ich lauschte dem weichen Rhythmus der Luft und bewegte mich nicht, und die Finsternis blieb. Ich stand einfach nur da und gewöhnte mich an das Schwarz, das mich umgab und immer schwärzer wurde. Ich tat, nachdem mir klar geworden war, dass Johannes nicht zurückkommen würde, ein paar Schritte und schwang die Arme um meinen Körper, um sicher zu gehen, nicht gegen einen Baum zu laufen, und auch um den Wirkungskreis meiner eigenen Finsternis zu vergrößern. Ich ging langsam weiter, und kein Stern leuchtete, und ich fühlte die Bewegung des Waldes und seiner Innenräume. Kurze kreischende Schreie kamen aus der Dunkelheit, flogen an mir vorbei und verloren sich, und ein Tier galoppierte über den Weg, dann zwei, drei hinterher, und ich blieb stehen, und der Wind wickelte mich ein, und ich wusste, wo ich war. Ich hörte das Auftauchen eines Fischs, und die winzigen Wellen, die an die Traverse, an die Steinbrücke schlugen. Das Wasser war niedrig, der Durchlass trocken. Der Himmel war schwarz, und ich ging weiter, und ich hörte die Wasserkläranlage Wasser klären. Ich ging bergauf, der Weg wurde breiter, und ich schritt durch die Nacht, und die Nacht schritt durch mich.

Irgendwann war ich zu Hause, und ich legte mich ins Bett und schlief ein, und ich sollte niemals über diese Nacht sprechen.

Hier unter der Weide neben meinem Vater fragte ich mich, seit wann die Störche wiederkamen?

4

Mia deckte den Tisch unter dem Sonnenschirm, der Storch war auf seinem Kamin gelandet.

»Und wie ist es in der Schule?«, fragte mich Vater, und er blickte noch immer über mich hinweg.

»Schön«, sagte ich. Doch in Wahrheit, fand ich, war die Schule nichts für mich und erst recht nicht schön.

»Gut«, sagte Vater.

Einmal fragte ich meine Mutter, warum ich in die Schule gehen müsse.

»Weil jedes Kind in die Schule gehen muss.«

»Echt jedes?«, fragte ich.

»Auf der ganzen Welt«, sagte Mutter.