Wolfgang Equiluz

Schuld ist immer nur der Chor

Wolfgang Equiluz

Schuld ist
immer nur
der Chor

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Inhalt

Lieber Staatsopernchor!

Welch beglückende Zeiten haben wir miteinander erlebt! Zum allerersten Mal begegneten wir uns beim »Fernen Klang« in Wien. Nach der Generalprobe kam der Vorstand zu mir und fragte, ob der Chor sich bei der Premiere verbeugen sollte, denn schließlich sei ja dies keine Chor-Oper. Als ich auf unsere gute Zusammenarbeit verwies, machten sie auf dem Absatz kehrt und meinten, sie müssten darüber noch einmal beraten. Kurze Zeit später erschienen sie wieder: Für mich würden Sie sich verbeugen – es sei eine so schöne Arbeit gewesen. Das habe ich wie einen Ritterschlag empfunden. Und bei der Premiere habe ich mich dann so tief vor euch verbeugt, dass ich beinahe in den Orchestergraben geplumpst wäre.

Es war immer ein großes Erlebnis, mit euch zu arbeiten. Bei »King Arthur« in Salzburg kam wieder einmal der Vorstand an mein Regiepult und meinte, er müsse mit mir über die Tanzproben sprechen. Ich fürchtete, jetzt geht’s los, es sind zu viele, sie brauchen Ruhe. Aber etwas Unerwartetes trat ein …

Wie oft habe ich schon erzählt, dass es einen Chor gibt, der vom Regisseur mehr Tanzproben verlangt, als vorgesehen! Und die Sänger bewegten sich durch die Felsenreitschule, als hätten sie ein Leben lang den Broadway rauf und runter getanzt.

Bei den besonders schwierigen Proben zu »Moïse et Pharaon« in Salzburg wurde der Chor tatsächlich der Protagonist der Aufführung. Es war eine helle Freude. Man müsste euch überall hin mitnehmen!

Auf Wiedersehen, lovely chorus, in Wien, Salzburg oder anderswo!

Euer Jürgen Flimm
Salzburg, im Mai 2010

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In vielen Opern
hat der Chor eine tragende Rolle

Schuld ist immer nur der Chor

Schuld ist immer nur der Chor? Nein, natürlich nicht. Nicht immer. Aber manchmal ist die Chance, dass sich bei einem Ensemble von hundert Sängern Fehler einschleichen, hundert Mal größer als bei einem einzelnen Solisten. Die folgenden Anekdoten erzählen von Hoppalas, Fehlern und Irrtümern auf und hinter der Bühne, aber sie zeigen auch, dass nicht immer nur der Chor daran schuld ist. Doch: Wenn der Chor seinen Teil zum Gelingen eines wunderbaren Opernabends beigetragen hat, nimmt er diese »Schuld« natürlich gerne auf sich.

Es gibt nur wenige große Opernhäuser, die ein so umfangreiches Repertoire aufweisen wie die Wiener Staatsoper. Und nur wenige Chöre, die eine so große Zahl von Opern mit nur wenigen Auffrischungsproben singen können. Wer nach 35 Dienstjahren im Staatsopernchor in den Ruhestand geht, hat mehr als 130 Opern studiert und diese womöglich in drei oder vier verschiedenen Inszenierungen gespielt. Erschwerend kommen noch spezielle Sonderwünsche von Solisten und Dirigenten hinzu, die Teile der Partitur streichen oder bereits gestrichene Passagen wieder einfügen wollen. Was für das Orchester kein Problem ist, weil es die Noten vom Blatt spielt, stellt die Chorsänger oft vor erhebliche Erinnerungs-Probleme. Musikstellen, die man seit Jahren in der gewohnten Art singt, sind plötzlich für eine einzige Vorstellungsserie geändert, weil zum Beispiel der Solist nur »seine« einstudierte Variante beherrscht. Dies ist aber nur eine von vielen Fehlerquellen.

Betrachten wir einmal die gemeinsame Aussprache von Konsonanten am Tonende, wie etwa ein T oder P. Ein Solist kann im Prinzip einen Ton solange halten, wie er will. (Der Einzige, der etwas dagegen haben könnte, ist der Komponist und der ist meistens schon lange tot.) Wenn zwei oder drei Solisten gemeinsam aufhören sollten, es aber nicht tun, weil jeder zeigen will, dass er länger Luft hat als die anderen und dadurch der Schlusskonsonant mehrfach zu hören ist, so wird das bei Publikum und Kritik höchstens als interessanter Individualismus bezeichnet werden. Tut der Chor dasselbe, gilt er als unexakt.

Bei Konzerten mit Noten in der Hand stellt sich die Frage nicht, aber bei mehr als fünfzig verschiedenen, auswendig gesungenen Opern im Jahr ist das schon wesentlich schwieriger. Dazu kommt, dass fast alle Dirigenten spezielle Wünsche gerade bei der Länge von Schlusstönen haben. Zwar verspricht jeder, bei der Vorstellung die Enden abzuwinken, aber sehr oft wird darauf vergessen. In der Praxis bedeutet das: Ein Teil des Chors erinnert sich an die Dirigentenwünsche, ein anderer Teil wartet auf sein Abwinken und singt daher zu lange, ein dritter Teil singt die kürzere Version eines anderen Dirigenten, u.s.w. Das Ergebnis sind dann viele TTTTTTTTs oder PPPPPPPPs. Natürlich ist das dann unexakt, aber oft auch unvermeidbar.

Es war nach einer Vorstellung von »Le nozze di Figaro«. Einige Kollegen des Chors fanden in einem überfüllten Restaurant nur noch Platz an einem Tisch, an dem schon einige Opernbesucher saßen. Nach kurzer Zeit kam man ins Gespräch, man erwähnte, im Chor gesungen zu haben und bekam die erstaunte Frage zu hören: »Ach, im Figaro ist auch ein Chor mit dabei?« Zugegeben, in dieser Oper gibt es nur drei kurze Auftritte, aber wenn selbst in Zeitungskritiken über »Boris Godunow« der Chor überhaupt nicht erwähnt wird – und der »Boris« ist eine große Choroper –, dann zeigt das schon, wie wenig Beachtung der Chor normalerweise findet.

Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken: Bei allen, die mich mit Geschichten versorgt haben, bei Jürgen Flimm für die spontane Zusage das Vorwort zu schreiben und bei Rolando Villazón, der dem Chor für dieses Buch seine wunderbar witzigen Zeichnungen zur Verfügung stellte.

Viele Geschichten dieses Buches wurden mir von Kollegen der Wiener Staatsoper berichtet, die entweder selbst Augen- beziehungsweise Ohrenzeugen waren, oder die Begebenheiten aus zweiter und dritter Hand gehört haben. Als Chronist ist es schwierig zu überprüfen, ob das Erzählte tatsächlich so stattgefunden hat, oder ob es im Laufe der Jahre vielleicht amüsanter wurde, als es ursprünglich war. Doch das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Wie schon in meinem ersten Anekdotenbuch »Und was machen Sie hauptberuflich?« hoffe ich auch diesmal, dass die Leser dazu angeregt werden, bei zukünftigen Opernbesuchen mehr als sonst auf den Chor zu achten und danach die rhetorische Frage »Schuld ist immer nur der Chor?« mit einem lauten »Nein« beantworten zu können. In diesem Sinne wünsche ich gute Unterhaltung.

Wolfgang Equiluz
Wien, im Mai 2010

Karajan dirigiert Karajan

Herbert von Karajan war nicht nur Dirigent, sondern auch Regisseur. Damit er sich bei den Bühnenproben ganz auf das Inszenieren konzentrieren konnte, ließ er die Musik vom Tonband abspielen. Für die Sänger bedeutete dies auch eine gewaltige Erleichterung, denn der Maestro wollte gar nicht, dass sie sangen, sie sollten sich nur den szenischen Aufgaben widmen. Das galt natürlich auch für den Chor.

Zu Ostern 1985 wurde in Salzburg »Carmen« geprobt, und wie gewohnt lief dazu eine Schallplattenaufnahme, die selbstverständlich Karajan selbst dirigiert hatte. An diesem Vormittag war das Finale der Oper an der Reihe, welches großteils vom Chor bestritten wird.