Polly Adler

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Nur Idioten sind glücklich

Polly Adler

Nur Idioten
sind glücklich

Short Stories

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»Die Sehnsucht, oh die Sehnsucht!
Warum haben wir die eigentlich?
Wer hat uns die heimlich
in die Westentasche gesteckt?
Vielleicht ein Engel
oder sonst eine trübe Null.«

ROBERT WALSER

»Wenn man jung ist, glaubt man noch,
dass es normale Leute gibt
und man nur das Pech hat,
sie nicht zu kennen.
Später erkennt man, dass das Unsinn ist,
dass es gar keine normalen Leute gibt.
Es gibt nur Patienten.«

ARNON GRÜNBERG

»Das Leben imitiert nicht die Kunst,
sondern schlechtes Fernsehen.«

WOODY ALLEN

Inhalt

»Fame is a bitch, man!«

BRAD PITT

»Egal, wo ich bin –
ich ertappe mich jedes Mal dabei,
aus dem Fenster zu schauen
und mir zu wünschen,
ganz woanders zu sein.«

ANGELINA JOLIE

»Hollywood … everybody is plastic.
But I love plastic.«

ANDY WARHOL

Knietief im Glamour

Alarmstufe roter Teppich. Er sah sich in den Spiegel. Tom Ford war ein eitler Fatzke. Aber das mit den Smokings hatte er noch immer am besten drauf. Und der Inhalt des Smokings war auch nicht von schlechten Eltern. Mein lieber Schwan! Mit seinen 42 sah er noch immer wie ein Mann aus, für den ein Kirchenfürst getrost ein Fenster eintreten würde.

O. K., es gab zwar in Hollywood eine Reihe Milchbubis mit eigenartigen Namen wie Orlando oder Joaquin, die in sein Fach drängten. Und – verflucht noch einmal – diese Flachwichser hatten ihm in den letzten Jahren mehrfach die römisch Eins im Geschäft, den »Sexiest Man Alive«, im »People«-Magazin streitig gemacht. Auf diesen Ordenstitel, der im Business den Kurswert verlässlich in die Höhe schnellen ließ, hatte er über Jahre nahezu ein Abonnement besessen.

Ab 35, in Hollywood die Lebensphase, in der bereits viele über dem Hügel drüber waren, war sein Aussehen dann leider in Arbeit ausgeartet. Irgendwann kann man von seinem genetischen Konto eben nicht mehr nur abheben, sondern muss bar einzahlen. Und zwar regelmäßig.

Er hatte sich einen eigenen Fitnesstrainer geheuert, der wie ein ägyptischer Pharaonensklave aussah und ihm fünf Mal die Woche an den Maschinen die Peitsche gab. Auf Drehs reiste Lou, so hieß sein Züchtigungsmeister, einfach mit. In den oft elendslangen Pausen gab’s kein Fackeln. Unter 70 Liegestütze mit einer Hand brauchte er Lou, in dessen Grinsen eine Schuhbürste bequem Platz hatte, gar nicht zu kommen.

Ein sehr aufgeregter und sehr schwuler Food-Coach hatte ihm einen strikten Ernährungsplan zusammengestellt, nachdem er sich drei Tage lang in einem Labor um 8000 Dollar wie ein Weltklasse-Astronaut durchtesten ließ. Mit dem Ergebnis, dass er von rotem Fleisch eher die Finger lassen sollte und an einer gewaschenen Ziegenkäseunverträglichkeit litt. Ziegenkäse war sowieso Mädchenkram, doch die Sache mit dem roten Fleisch ging ihm auf den Geist. Ab und zu brauchten richtige Männer auch in diesem cholesterinparanoiden Zwergenstaat namens Hollywood einen vor Fett triefenden, mittel durchgebratenen Burger, der von einem dichten Kranz Fritten umgeben war.

Doch sowas kam der Sexiest Woman Alive sowieso nicht auf den Speiseplan. Eher wäre sie tot über dem Gartenzaun gehangen, als dass sie in ihrer Schlafsaal-großen, von einem Feng-Shui-Meister oder einem auf sonst irgendeinen fernöstlichen Tralala spezialisierten Guru ausgependelten Küche ein solches Prol-Futter heraus gebrutzelt hätte. Wenn die Kinder das sehen würden – Himmel Hindu-Gottheit – null Vorbildwirkung. Schließlich bekamen die armen, kleinen Racker von einer in der französischen Schweiz ausgebildeten Köchin ständig organisches Zwergzucchini-Püree oder Karotten-Quiche aus Vollkornmehl zubereitet.

Wie viele waren es eigentlich zur Zeit? Er begann nämlich manchmal den Überblick zu verlieren, denn die Sexiest Woman Alive wollte sich nämlich nicht nur auf das Berufsgebiet Erotik-Ikone beschränken, sondern hatte auch den Ehrgeiz, als Sexiest Mutterschaftsgöttin Alive den globalen Wettbewerb zu kontrollieren. Ihr Uterus sollte sich über alle fünf Kontinente stülpen. Ständig wollte sie Kinder aus Krisengebieten adoptieren, am liebsten schwer traumatisierte, denn die Liebe zu solchen angeknacksten Exemplaren ließ sie in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu überirdisch edel erscheinen.

Madonna kam da ganz schön unter Zugzwang, aber dieser Guy Ritchie hat wenigstens rechtzeitig den Absprung geschafft. Vielleicht sollte er sich einmal mit diesem Typen auf ein Gespräch unter Männern treffen. Und ihm dazu gratulieren, dass er sich von dieser Controlfreak-Braut befreit hatte. Vielleicht sollte er – aus purer Kerls-Solidarität – sogar einmal in einem seiner Filme mitspielen. Obwohl … Man muss es ja nicht übertreiben. Der Typ galt als äußerst mittelmäßiger Regisseur und schwachbrüstiger Tarantino-Epigone. Und Durchschnitt war immer tödlich. Da war es fast noch besser, alle heiligen Zeiten einen fetten Flop in der Zweihundert-Millionen-Klasse hinzulegen. Um nachher gleich wieder aufs Pferd zu steigen. Das verzieh Hollywood eher als kontinuierliche Lauwärme im Mittelfeld.

Sein Blick schweifte über das Chaos in der Suite. Überall lag pädagogisch rundum geprüftes Spielzeug verstreut – ein Montessori-Schlachtfeld im Louis-Quinze-Ambiente. Das Carlton-Personal trug bereits dicke Rufzeichen des Vorwurfs, wenn es innerlich seufzend im Stundentakt das Selbstverwirklichungs-Massaker der Krisengebiete-Kids wieder verschwinden lassen musste.

Nun ja, diese … ihre Kinder hatten unter der Sexiest Woman Alive und dem ehemaligen Sexiest Man Alive sicherlich ein weitaus schöneres Leben als in diesen Bananen-Diktaturen. Jetzt einmal abgesehen von den abgedrehten Vornamen, die sich ihre neue Mum für sie ausdachte. Den letzten, für das kleine, sehr fotogene Mädchen aus dem Kongo, hatte sie mit einem dort ansässigen Wunderheiler und Zauberer erarbeitet: Ogadudu. Frühmorgens war sie mit dem Mann auf einen Berg gegangen und hatte mit ihm bei Sonnenaufgang Hölzchen geworfen, deren Fallwinkel aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen die Symbolkraft von Buchstaben besaßen.

Er hatte sich aus dieser Namensfindungskiste sowas von ausgeklammert, was ihm wahrscheinlich ein dickes Minuszeichen in ihrem inneren Klassenbuch gebracht hatte. Armes Baby! Wie würde sie es später anlegen? »Tagchen, ich bin Ogadudu – und wie läuft’s bei euch so?« Diese Kinder werden ja schließlich irgendwann erwachsen und haben prinzipiell ein Menschenrecht auf einen Vornamen, der keine Lachnummer ist.

Oh Gott, jetzt ein Königreich für einen Burger. Aber auf diesem südfranzösischen Filmstrich gibt’s sowas durch und durch Ehrliches sicher nicht. Und schon gar nicht für ihn, das Beiwägelchen der Sexiest Woman Alive. Würde er sich jetzt eineinhalb Stunden vor Premierenbeginn – der globale Uterus hatte einen ernsthaften Film gemacht – über eine Menschenrechtskämpferin im Pinochet-Regime, die für ihr Engagement mit dem Tod, einem sehr malerischen Tod, bezahlen muss – in eine Frittenbude stehlen, wären morgen alle Zeitungen voll damit.

»Verkraftet er den Erfolg seiner Frau nicht und sucht Trost bei Burgern?« oder »Allein auf dem roten Teppich! Während sie einen Welterfolg feiert, verdrückt er sich zum Frustfressen ins Hinterland«.

Nein, hier, wo jede Bewegungsmeldung von diesem Paparazzi-Pack registriert wird, und man wie nirgends sonst unter dem Brennglas der Weltöffentlichkeit steht, laufen keine Extratouren. Das Gebiet eignet sich auch hervorragend für Imagekorrekturen. Dass es in ihrer Beziehung zu einer psychosozialen Schieflage gekommen war, hatte sich mittlerweile bis zu den dümmsten Klatschblättern herumgesprochen.

»Steht die schönste Patchwork-Familie der Welt vor dem Aus?«, hatte der »Star Examiner« getitelt und der weit weniger streichelfreudige »National Enquirer« sein Scharfbeil geschwungen: »Das Terrorregime der Sexiest Woman Alive – wie lange macht er das noch mit? Und wer bekommt die Kinder?«

Leute, die kann sie sich sowas von behalten. Er hatte im Gegensatz zu ihr keinen Volksgründungs-Komplex. Er würde dann wahrscheinlich seine eigenen Kinder machen – mit einem hundsordinären amerikanischen Mädchen hundsordinäre amerikanische Kinder, für deren Vornamen keine kongolesischen Fruchtbarkeitspriester konsultiert werden müssten. Die würden schlicht Janet oder Steven heißen, und Fritten mit Ketchup essen dürfen, wenn ihnen der Sinn danach stand.

Um die Nattern zum Schweigen zu bringen, hatte sich Missis Dominanz gestern für das Theaterstück »Heimliches Liebesrendezvous im Star-Geheimtipp Tou-tou« entschieden.

Verlässlich wie immer hatte sich der Rattenschwanz der Knipser in Bewegung gesetzt, als sie auf einem von ihrer PR-Schreckschraube geheuerten Motorrad in das Restaurant in den Bergen gedüst waren. Die Moto Guzzi hatte, so war sich die PR-Domina sicher, den angemessenen Coolness-Faktor. Auf dem Socius-Sitz umschlang sie seine Hüften wie eine Königskobra. Er bekam richtiggehend Atembeschwerden. Ausschließlich mit Hilfe von Lous’ autogener Trainingstechnik war er in der Lage, eine heranschleichende Panik-attacke abzuwenden.

»Nimm’ mich«, hatte sie ihm zugezischt, als sie das Restaurant betraten und gehorsam hatte er den Arm um ihre klapperdürre Hüfte geschlungen, aus der die Knochen mittlererweile wie bei äthiopischen Weiderindern herausstanden.

Und schon wurden hinter den Oleanderbüschen die wohl vertrauten Knipsgeräusche hörbar und zwischen den Zweigen waren die dunklen Teleobjektive zu sehen, die wie bedrohliche Kanonenrohre herausstachen. Zum Abschuss freigegeben. Doch in diesem Spiel waren sie Opfer und Täter zu gleichen Teilen. Deswegen war das Gejammere, ständig unter Beobachtung zu leben, ziemlich scheinheilig. Denn sie lebten auch davon, dass jeder ihrer Schritte weltweit dokumentiert wurde. Ein neues Krisen-Kind in ihrer Mitte und Erdbeben und blutige Revolutionen wanderten auf Platz 2 in den Weltnachrichten. Ziemlich abgedreht eigentlich.

Bei einer Fischsuppe, aus der sie sich lustlos die weißen Stückchen rauspickte, kreiste das Gespächsthema ausschließlich um Organisatorisches – die Farben der Kinderzimmer in Berlin, ihre zunehmende Unzufriedenheit mit der PR-Tante, die 5000 Dollar im Monat bekam, um die Fassade rissefrei zu halten, und die die Aasgeier nicht unter Kontrolle halten konnte, sowie die Überlegung, »Vanity Fair« eine Homestory in Malibu zu gewähren. Die hatten Annie Leibovitz als Fotografin vorgeschlagen, doch eigentlich hatte die ihren Höhepunkt bereits lange hinter sich. Besonders seitdem sie die Hochzeit von dieser vulgären Latina-Sängerin für »Hello« fotografiert hatte. Nein, die war definitiv nicht mehr hip genug. Da müsste ein anderes Kaliber ran – David LaChapelle vielleicht, obwohl der in den letzten Jahren vor allem Transsexuelle auf dem Straßenstrich fotografiert und mehrfach in Interviews vermeldet hatte, dass die Inszenierung von »shiny people« ihn künstlerisch endlos langweilte.

So gesehen wäre es natürlich verdammt hip, LaChapelle für die Idyllereportage ködern zu können. Die Sexiest Woman Alive hatte andauernd einen ziemlichen Stress mit ihrem Hipness-Faktor. Beim Verlassen des Lokals küsste er sie sogar freiwillig. Ihr Oh-Gott-was-bin-ich-nicht-sinnlich-Mund sah nicht nur aus wie ein Schlauchboot, sondern fühlte sich inzwischen auch so an. Den Kuss setzte er nicht auf das Schlauchboot, weil plötzlich die Leidenschaft mit ihm durchgegangen wäre, sondern weil er die Choreographie des Wir-liebenuns-bis-zum-Anschlag-Theaters selbst bestimmen und nicht von ihr mit einem knochenharten Handgriff dazu genötigt werden wollte. Klick, klick, alles lief wie bestellt. In genau diesem Moment überfiel ihn eine schmerzende Sehnsucht, wenigstens einmal für sich sein zu können, einmal nicht funktionieren zu müssen, einmal sowas wie Nasenbohren zu können, ohne dass das irgendjemandem auffiele oder auch nur irgendwie interessierte.

Im Lala-Land fand er manchmal einen Notausgang. In sehr schwachen Momenten klebte er sich seinen Tarn-Schnurrbart auf und setzte sich ein Lakers-Käppi auf, um weit weg von Malibu in einem Drive-In – wie in einer geheimen Sekten-Zeremonie – sich einen Doppel-Whopper mit extra Mayo in die Figur zu werfen. Es war ein rares Gefühl von Autonomie und Kontrolle über sein persönliches Glück, wenn er dann auf dem Parkplatz dieses Ernährungs-Verbrechen genüsslich in sich hineinmampfte, sich vielleicht vorher dazu noch ein Bierchen auf einer Tankstelle besorgt hatte, und aus irgendeinem Sender, der Lastwagenfahrern die Langstrecken erleichterte, uralte Songs von den »Cars« oder Bonnie Tyler dröhnten. Die Krönung dieser geheimen Ich-möchtehin-und-wieder-einmal-ein-Normalo-sein-Sektenzeremonie war ein lauter Rülpser nach dem Konsum der verbotenen Mahlzeit. Ein ehrliches, amerikanisches Prol-Bäuerchen, das er sich in ihrer dreistöckigen James-Bond-Villa mit zwei Gästehäusern und einem Dienstbodentrakt in Malibu niemals erlauben dürfte.

Ansonsten hatte er sich eigentlich total im Griff. Zumindest was die Instandhaltung seines Aussehens betraf.

Denn wenn ein Script nach einem Helden verlangte, den der verantwortungsvolle Job einer Weltrettung nicht wirklich aus der Fassung brachte und der dann auch noch, quasi nebenbei, ein Mädchen zu allem fähig machte, dann galt er noch immer als erste Adresse. Vor allem weil der einzig ernstzunehmender Rivale in seiner Altersklasse durch – nennen wir es jetzt einmal milde – Verhaltensoriginalität seine Kassenmacht dankenswerterweise zu verspielen begann. Ein paar durchgeknallte Auftritte in nationalen Talk-Shows, wo der Kollege wie ein außer Rand und Band geratener Jojo-Ball auf und ab gehüpft war und die angebliche so große Liebe zu seiner Tussi hinausgebrüllt hatte, sowie die Mitgliedschaft bei einer eigenartigen Obskurantensekte, hatten dessen Agenten und dem Haus- und Hofstudio einige Sorgenfalten beschert. Pech, Alter, aber selbst schuld. Und danke auch für die Stressreduktion.

Drei, vier Jahre würde er noch in dieser Weltrettungs-Liga mitspielen können. Dann war es wahrscheinlich Zeit für’s Charakterfach und er brauchte ein paar durchgeknallte, schwer angesagte Indie-Autorenfilmer, die ihn atypisch besetzten. Serientäter, Krüppel, Nazi-Offiziere, einen psychotischen Cop, den der Stress im Job dazu bringt, seine Familie auszurotten, sowas in der Richtung. Oscar-Material eben für die Academy-Knacker, wenn sie einmal ein bisschen avantgardistische Courage beweisen wollten.

Im besten Fall die Coen-Brüder oder Spike Jones oder jemand in der Klasse von Sofia Coppola, diesem arroganten Miststück, das sich auch hier an der Croisette herumtrieb und ihn vorgestern bei der Weinstein-Party keines Blickes gewürdigt hatte.

Aufgeblasene Fotze, die noch nie in ihrem gepolsterten Hollywood-Prinzessinnen-Dasein um irgendetwas kämpfen musste. Eine Leben in hysterischen Privatschulen, nach deren Abschluss sie sofort einmal bei ihrem fetten Alten als Regieassi angeheuert hatte.

Dass »Lost in Translation«, diese kleine, pseudopoetische Fingerübung, dann sofort zu einem Überraschungshit explodierte, war doch hausgemacht. Schließlich lag das ganze Geschäft vor dem fetten Alten auf den Knien und keiner hätte es gewagt, auch nur einen Kratzer an diesem Mädchenkram zu lassen. Doch irgendwo gab es dann doch noch einen Hollywood-Gott, für den Gerechtigkeit kein Fremdwort war. Denn ihr folgender Film, dieser Schwachsinn über diese Schweizer Kaiserin, die die ganze Zeit rosa Schaumgebäck in sich hineinstopfte und für ihre Ignoranz von ihrem Volk dann einen Kopf kürzer gemacht wurde, war am Boxoffice wie ein Zementstück gesunken. Das gefiel ihm.

Trotzdem hätte sie einmal bei ihm anklopfen können, ob er es sich überhaupt vorstellen könnte, seine Starpower für ihre poetischen Fingerübungen zur Verfügung zu stellen. »Sofia, den Mann werde ich dir nicht vorstellen müssen«, hatte Harvey Weinstein gekeucht, als er ihn mit satteltaschengroßen Schweißflecken unter seinen Armen zu einem Rundgang durch die Villa in Saint-Paul genötigt hatte und sie bei der Champagnerbar im Zypressengarten nicht an ihr vorbei konnten.

»Ich bin leider keine regelmäßige Tabloid-Leserin, Harvey«, hatte sie, ihn dabei arrogant musternd, geantwortet, »aber natürlich kann man ihm trotzdem nur sehr schwer entgehen. Freut mich, Sofia.«

Selbstherrliche Fotze! Leider hatte diese Arroganz sein Hirn so sehr versteinert, dass ihm keine Bomben-Punchline eingefallen ist, mit der man dieses Schmollmund-Püppchen ein wenig aus der Reserve hätte locken können. Er hatte nur sowas gestammelt wie: »Ich mag Ihre Filme – wie viele waren es eigentlich genau?« Natürlich wusste er, dass es bisher nur zwei gewesen waren. Ein sehr überschaubares Gesamtwerk, die Frau war schließlich auch schon in ihren Dreißigern.

Was hatte diese Pseudo-Kostbarkeit aus den Hollywood Hills denn für eine Ahnung, wie es dort roch, wo er herkam.

Seine Mutter hatte Shakespeare allen Ernstes einmal für ein exotisches Gemüse gehalten und sein Vater war noch immer schwer enttäuscht, dass er es nicht zum Rechtsanwalt oder zumindest zum Zahnarzt gebracht hatte. Nicht, dass sein Dad irgendeinen dieser Berufszweige ergriffen hätte, aber in seinem Versicherungskeiler-Universum besaßen diese Branchen die Symbolstrahlkraft, es geschafft zu haben; die Hühnerleiter zwei Sprossen höher erklommen zu haben, als es einem eigentlich herkunftsmäßig zugestanden wäre. Filmstar war für seinen Dad kein echter Beruf, zumindest nicht für einen ausgewachsenen Mann. Auch Gagen in der Höhe von 40 Millionen Dollar konnten ihn nicht von dieser Überzeugung abbringen.

»Was wirst du einmal später machen, wenn es für dich nicht mehr so läuft«, hatte er ihn gefragt, als er beim letzten Thanksgiving allein nach Hause gekommen war. Für die Sexiest Woman Alive war ein Ausflug nach Missouri selbstredend unter ihrer Würde. »Daddy«, hatte er ihm geantwortet, »ich habe 400 Millionen auf der Kante, ein Schloss in Südfrankreich, eine Hütte in Malibu und bin gerade dabei mir einen Drittwohnsitz in Berlin zu bauen. Ich muss ohnehin nie mehr in meinem Leben einen Finger rühren, wenn ich dazu keinen Bock habe.«

Er verschwieg ihm, dass er durch die Krise ordentlich gerüttelt worden war. Auf Anraten von Spielberg hatte er diesem Bernie Irgendwas ordentlich Holz in die Hand gedrückt. »Auf den Typ kannst du dich verlassen«, hatte Spielberg gesagt, »der Mann ist ein echtes Finanzgenie.«

Er war ein solches Genie, dass er das Geld seiner Klienten nie investierte, sondern damit seinen früheren Kunden die angeblichen Gewinne ihrer Kohle auszahlte. Schneeballsystem, superperfid. Unfassbar – drei Milliarden Dollar Minimum hatte der Typ mit den kalten Stecknadelaugen so verzockt. Es täte ihm so unendlich leid, dass er eine solche Schande über seine Familie gebracht hatte, war die Ansage, als er zu 112 Jahren Haft verurteilt worden war. Für seine 38 versenkten Millionen fand er es nicht der Mühe wert, ein eigenes Entschuldigungsschreiben zu verfassen. Und auch Spielberg hatte sich nie wieder gerührt. Zumindest ein lukratives Rollenangebot hätte der sich als kleine Wiedergutmachung für seinen Kamikaze-Tipp überlegen können, aber er hatte nicht einmal mit der Nase gewackelt. Unter der Würde von Mister Blockbuster. Es rührte ihn, dass sich sein alter Herr wirklich um ihn sorgte. Auf eine sehr einfältige, aber gleichzeitig sehr liebenswerte Weise.

»Junge«, hat er zu ihm vor dem abgegessenen Truthahn gesagt, »Junge, ein Mann braucht eine Aufgabe. Und zu Hause hat doch bei dir sowieso dein Mädchen die Hosen an.« Unbewusst vermied sein Dad, den exotischen Vornamen der Sexiest Woman Alive auszusprechen. Es kränkte ihn ein wenig, dass der Alte ihn ein bisschen als Waschlappen sah. Aber natürlich hatte er irgendwo Recht. Er stand unter ihrer Fuchtel, wie er noch nie unter der Fuchtel einer Frau gestanden war. Seine Mum enthielt sich ohnehin jeden Kommentares. Schweigen, dieses Dulder-Schweigen, das ihm schon in der Pubertät so beklemmt hatte, war ihr ständiger Kommentar zu jeder Art von Geschehen außerhalb ihres Horizonts.

Frauen wie die Sexiest Woman Alive waren für sie seltene Amazonen-Geschöpfe aus einem unbekannten Universum, von denen man sich am besten fernhielt. Sie hätte sich ein schlichtes amerikanisches Mädchen für ihn gewünscht. Eine patente Apfeltorten-Blondine, mit der sie über Grillmarinaden und Quilttechniken reden konnte. Seine Mum hatte sie auch noch kein einziges Mal besucht. Sein Leben machte ihr einfach Angst. Und ihm auch zunehmend. Fremdbestimmung, volle Kraft voraus.

Die Sexiest Woman Alive entschied auch, wie er sich kleiden sollte. Kein metrosexueller Designer-Firlefanz mehr, sondern sauteurer Ein-Ex-Teenie-star-hat-sich-selbst-gefunden-und-erkennt-seine-Verantwortung-für-diesen-Planeten-Understatement-Look in Form von grauen Kaschmir-Künstlerschals und erdfarbenen Seidenhemden. Sie hatte ihre gemeinsamen Wohnsitze in Designer-Höllen von obercoolem Purismus gestalten lassen und einen Windstärke-7-Wutanfall bekommen, als einmal einer der zahlreichen Innenarchitekten für eine Küche Palisander als Arbeitsfläche gewählt hatte.

»Haben Sie eine Ahnung, was wir dieser Erde antun, wenn wir Edelhölzer aus dem Regenwald benutzen? Das ist ein ökologisches Verbrechen, das ich nicht unterstütze und schon gar nicht bezahlen werde!«

Dieser Scheiß-Regenwald ist für sie nahezu Chefsache. Wahrscheinlich würden sie dorthin demnächst einmal auf Charity-Tournee gehen müssen. Der Innenarchitekt wurde richtig weiß um die Nase, wahrscheinlich sah er in diesem Moment die Jahresschulgebühren seiner Kinder den Bach runter gehen. Er hatte dem armen Mann ein Bier aus dem Kühlschrank holen wollen, aber natürlich gab es sowas nicht in diesem Hardcore-Feng-Shui-Haushalt, sondern nur Ingwer-Limetten-Eistee mit einer Prise braunem Zucker. Logisch, dass sie auch bei der inhaltlichen Gestaltung des Kühlschranks keine wie auch immer gearteten Schlupflöcher zuließ.