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Harald Nachförg

Alles bestens!

Harald Nachförg

Alles bestens!

Gewöhnliche Männer
erzählen von ihren Siegen,
außergewöhnliche
von ihren Niederlagen

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Inhalt

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Prolog

Auf einem meiner Lieblingscartoons sieht man Folgendes: Das Heck der Titanic ragt steil aus dem Wasser. Ganz hinten an der Reling des sinkenden Ozeandampfers, also jetzt ganz oben, steht ein kleines Männchen, wie auf der Spitze eines Berges, und sagt: »Es geht aufwärts.« Großartig! Denn so ein Männchen bin auch ich manchmal. Ich kann mich im freien Fall befinden und bin immer noch überzeugt, dass die Zeichen auf Höhenflug stehen.

Wer aber nun meint, diese Erkenntnis könnte ein wenig drückend auf mich wirken, der irrt. Im Gegenteil. Denn es sind nicht die hässlichsten und dümmsten Frauen, die schwören, dass Siegertypen fad sind. Und dass einen erstklassigen Mann erst seine Niederlagen und deren Überwindung auszeichnen.

DIE JAGD

Am Boden mit Angelina Jolie

Ja, der Frühling. Gefährlich! Weil natürlich hast du nix mehr unter Kontrolle, wenn du spitz bist wie eine Heugabel. Wie unlängst. Ich, eingeladen zu einem Geburtstagsfest in einem Lokal, lerne dort eine Göttin kennen. Traumhafte Figur, schönes Gesicht, Lippen wie Angelina Jolie, temperamentvoll, frech rollendes RRR … kurz eine Frau, die mir drei Schuhnummern zu groß ist.

Passt, denke ich mir, trinke aber doch lieber ein paar Biere, um meine Stimme ein wenig geschmeidiger zu machen, bevor … ein anderer mit ihr spricht, wie soeben dieser aufdringliche Koffer. Aber bitte, stoß ich halt einstweilen mit dem Geburtstagskind an und plauder noch ein bissl mit alten Bekannten.

Zirka vier Stunden später dann die Gelegenheit – und schon richte ich ein erstes charmantes Wort an die Göttin: »Hoppla!«

Ich mein, was sagst du schon Großes, wenn du einer Frau ein Achtel schweren Rioja in den Schritt leerst? Eben. Gott sei Dank fiel mir aber sogleich ein bewährtes Hausmittel ein, und schon begann ich die Sprachlose mit etwa fünf Kilo Salz aus diversen Tischstreuern einzupökeln. Als wahrer Gentleman rieb ich freilich nur ihre Oberschenkel ein und sparte delikatere Regionen elegant aus.

Man muss dazu sagen, dass die Schöne auf einem Barhocker saß, während ich wild an ihr wischte und klopfte und restlos begeistert war, dass der Engel »Lass, das kann ja jedem passierrren« knurrte. Was heißt knurrte? Gurrte! Die geht aber ran, dachte ich und versuchte das kleine Missgeschick mit einem Zungenkuss wiedergutzumachen. Bei dem liebevollen Gerangel, das dabei entstand, ging ich leider zu Boden – mit der Jolie. Sie landete zwar mitsamt dem Hocker relativ weich auf mir, musste aber dennoch plötzlich nach Hause. »Ist schon spät, ich versteh das«, sagte ich noch im Liegen. Dann war sie weg.

Aber, ob Sie’s glauben oder nicht: Sie schickte mir später eine SMS. »Bin gern mit dir geflogen.« Jetzt weiß ich nicht wirklich, wie das gemeint ist. Und bin ein wenig verliebt.

Verliebt! Meine Güte, war ich das oft in dieser Zeit. Schließlich war ich damals seit Kurzem wieder Single und wie jeder Mann nur von einem Wunsch beseelt: Es muss auf der Stelle eine Neue her. Unter solchen Voraussetzungen bist du natürlich schnell von wem begeistert. Was allerdings umgekehrt nicht zwangsläufig der Fall sein muss.

Ich dawai, dawai

Es gibt Wochen, die beginnen so, dass du dir smarte, in weiß gehaltene Schlüpfer anziehst und drei Tage später hast du zehn blaue Zehen, die Nägel dunkelschwarzlila. Das passiert, wenn du dir – schnell, schnell – ein paar sportive Treter kaufst, ohne sie anzuprobieren und dann auch noch zu faul bist, das um vier Nummern zu kleine Schuhwerk umzutauschen. Jedenfalls sah ich barfuß aus, als hätte ich Lepra, im günstigsten Fall eine besonders aggressive Form von Fußpilz. Die Badesaison begann also ziemlich unelegant.

Ich erwähne das nur, um zu erklären, warum ich in letzter Zeit ein bissl Pech … Ich mein, wer humpelt, kann keinen guten Lauf haben. Auch nicht bei Frauen. Was da wieder alles schiefging, will ich im Detail nicht erörtern. Damit Sie aber eine Ahnung kriegen, zwei kleine Episoden. Noch dazu, wo die auch irgendwie mit Füßen und Beinen zu tun haben.

Episode 1: S. also. Ich lernte sie bei einem Clubbing näher kennen und vorerst lief alles prächtig. Wir tanzten wild. Sie, weil von Natur aus ein exzessiver Typ, wie ich glaubte. Ich, weil mich meine wunden Zehen hopsen ließen, als würde ich auf glühenden Kohlen stehen. Egal. S. schleuderte bald schon ihre Schuhe von sich, sodass ich, von großer Freude übermannt, dass das nun so weitergehen würde, den Vorschlag machte, sie könne Unterhose und BH ja auch bei mir zuhause ins Eck pfeffern. Ich mein, bei dem Tempo, das sie vorlegte, wo ist das Problem? Sie hing auch mittlerweile an meinem Hals, möchte ich noch erwähnen.

Jetzt allerdings begann mich S. ob meines Anliegens leicht zu würgen. Und, während ich noch locker in der Hüfte von einem Bein aufs andere trippelte, zu belehren. Man darf sich das so vorstellen:

Sie: »Ich flirte mit dir!«

Ich: ?

Sie: »Das ist okay!«

Ich: »Eh!«

Sie: »Aber ich brauch keinen Mann.«

Ich: ?

Sie: »Wozu auch?«

Ich: ?

Sie: »Ich kann selber Reifen wechseln.«

Ich: ?

Sie: »Ich kann selber Nägel einschlagen und eine Bohrmaschine bedienen!«

Ich: »Äh … toll …«

Sie: »Und mein Vibrator besorgt den Rest.«

Ich: »Aber!«

Sie: »Ich brauch keinen Mann. Ich kann alles selbst.«

Ich: »Genau genommen mach ich’s mir jetzt auch lieber selbst.«

Und eine tiefe Verbeugung vor Madame später stand ich in der warmen Morgenluft und dachte mir: »Oida, ist die völlig deppert, oder was war das denn jetzt wieder?«

Episode 2: Die L. Und schon wieder ein Clubbing. Komisch, dass man als Fußmaroder fast zwanghaft den Drang zum Tanzen verspürt. Nun ja, vielleicht gerade deswegen. Jedenfalls, L. riss mich auf wie ein Packerl Chips. Ratsch – und sie war in meinem Leben. Und wie. Wir hatten kaum drei Worte gewechselt – Ich: »Supa Netzstrümpfe«, Sie: »Ja!« –, schon fühlte sie eine so große Seelenverwandtschaft mit mir, dass eine Hochzeit nicht ausgeschlossen, ja sogar erwünscht war. Am besten gleich morgen. In drei Minuten kannte ich ihren Lebenslauf sowie sämtliche Tanten und Onkel väterlicher- und mütterlicherseits. Eine weitere Minute später war es höchste Zeit, einen Bausparvertrag für ihre Tochter abzuschließen. L. ist schließlich geschieden. Und als temperamentvolle Russin keine Freundin von halben Sachen. Wenn schon zusammen, dann gleich ordentlich. »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« noch im Gedächtnis, flüchtete ich souverän mit letzten Worten in L.’s Landessprache: »Ich dawai, dawai.«

Und so kam ich endlich dort an, wo das Böse keinen Zutritt hat. Im »Hold«, meinem Stammlokal. Sogar der schöne Schorschi war da, der Besitzer. »Und? Eh alles oasch?«, fragte mich mein Freund. Ich nickte. Und so badeten wir unsere Seelen bald in einigen Flaschen großen Weißweins. Ich auch noch die Füße.

Pferdeflüstern für Anfänger

Wissen Sie, was die im Zuge von Annäherungsversuchen grandioseste Geschenkidee meines Lebens war? Reitstunden.

Dazu ist zu sagen, dass die Dame, der ich damals huldigte, eine große Leidenschaft zum Pferde hegte, sich aus Karrieregründen aber keine Zeit mehr nahm, die Hohe Schule des Dressurreitens auszuüben und also entsprechend glücklich war, dass ich ihr diesen verborgenen Herzenswunsch erfüllte.

Ich glühte ebenso. Weil – und das sollten Sie vielleicht auch noch wissen – ich war damals zwar schwer verliebt in diese wilde Reiterin, bis auf ein wenig Geflirte hatte sich zwischen uns aber noch nicht wirklich was ergeben. Und so hoffte ich inständig, dass das Ambiente aus Stallgeruch, dampfenden Rössern und den strengen Utensilien in der Sattelkammer bei der Dame alsbald animalisch-erotische Gefühle auslösen würde.

Und so war es auch. Zumindest als wir den Reitstall betraten. Sie in Reiterstiefeln, Jeans, Pullover. Ich in Reiterstiefeln, kavalleriemäßiger Bridges-Hose, rotem Sakko und Helm. So wie ich da stand, hätten selbst waschechte Husaren geglaubt, dass das »Große Pardubitzer Steeplechase« für mich nicht das schwierigste Hindernisrennen der Welt, sondern wie eine Runde im Prater-Pferdekarussell ist.

Die Angebetete schnaubte jedenfalls tierisch, als sie mich so sah, warf ihr Haar in den Nacken und sich selbst auf den Rücken eines Apfelschimmels, dem sie ein paar Kunststücke entlockte, dass mir die Spucke wegblieb. Dann sah sie herausfordernd auf mich.

Ich grunzte ebenfalls tierisch, klopfte dann allerdings der Trainerin auf den Rücken, um in etwa Folgendes zu flüstern: »Madame, ich nehm lieber erst mal eine Longe-Stunde. Schon ein Zeitl her, dass …«

Fünf Minuten später saß ich auf einem Zwergpony, das langsam an der Leine im Kreis geführt wurde, während meine Geliebte elegant um mich herum galoppierte und fassungslos zusah, wie meine überlangen Beine astreine Kreise in den sandigen Boden zirkelten. Die erste Reitstunde war also ein Fiasko – auch in erotischer Hinsicht.

Die zweite Einheit unterschied sich von der ersten nur insofern, als ich diesmal Chevalier aufsaß, einem Hengst mit dem Stockmaß einer Giraffe. Die Trainingsstunde gewann dadurch zwar an Eleganz – aber nur bis zu dem Punkt, als ich wegen der Fliehkräfte im kreisengen Galopp waagrecht absteigen musste. »Da siehst du wieder, wie wichtig ein Helm ist«, sagte ich dreckverschmiert zur Schönen am Apfelschimmel, der unter ihrem Kommando soeben die Aufnahmeprüfung in die Spanische Hofreitschule bestand.

Bei der dritten Stunde verwechselte ich dummerweise eine Reitlehrerin mit meinem Pferd – »Geh Chevalier, zäum mir mal bitte die Jacqueline auf!« –, was aber nur mehr ich zum Wiehern fand.

Die Schöne hatte die Nüstern voll, wie wir Reiter sagen, und zog es vor, sich alleine zu perfektionieren. Ein gemeinsamer Ritt fand nie statt.

Im ewigen Eis

Dass dieser Sommer nicht nur wettermäßig im Arsch war, war mir spätestens zu dem Zeitpunkt klar, als ich beim Intersport Eybl halb nackt aus der Umkleidekabine torkelte. In Socken und einer wahnsinnig körperbetonten Adidas-Badehose, deren drei Streifen so weit gedehnt waren, dass ich aussah wie Obelix.

Fachmännisch empfahl mir die Verkäuferin: »Wie wär’s mit Bermudas?«, wodurch ich gezwungen war (»Gnädigste, es liegt nur am Schnitt!«) rund zweihundert andere enganliegende Modelle zu probieren, ehe ich mich dann aber doch für einen Norwegerpulli entschied.

Nachher ging ich Wildschwein essen. Dazu nahm ich leichten Glühwein. Weil wer will sich schon im August eine Lungenentzündung holen? Und so saß ich, gefangen im ewigen Eis Österreichs, sauertöpfisch da und ärgerte mich über Wanst und Wetter.

Zwei Tage später rief mich völlig überraschend eine Freundin aus Deutschland an. Sie wollte verreisen, und da sie es sich angewöhnt hatte, mich manchmal als Sexualgepäck mitzunehmen – was mich aber nicht weiter störte, weil ihr Kofferraum groß und komfortabel war –, sagte ich spontan zu. Schließlich sollte es nach Italien gehen. Und die Aussicht auf Sonne und Meer erhellte die finstere Miene.

Schon am nächsten Tag wollten wir uns in Udine treffen, um dann die Fahrt gemeinsam Richtung Rom fortzusetzen. Wollten. Denn wenn du Besitzer eines wunderbaren alten Alfa Cabrios bist, kannst du dir sicher sein, dass dir die Kraxn hundertprozentig genau dann verreckt, wenn du es am wenigsten brauchst. Diesmal stand ich exakt drei Kilometer vor Wolfsberg am Pannenstreifen. Es rauchten: der Alfa aus der Motorhaube. Ich eine rote Gauloises. Und meine Freundin vor Zorn, weil man sich mit mir einfach nix ausmachen kann, sie es ja eh hätte wissen müssen, sie jetzt eben alleine … blabla.

Sechs Stunden später saß ich in einem ÖAMTC-Abschleppwagen. Er fuhr nach Zeltweg. Draußen schüttete es. Aber der Norwegerpulli stand mir verdammt gut.

Erste Sätze, letzte Worte

Der erste Satz ist entscheidend. Immer. Er ist zum Beispiel ausschlaggebend, ob eine Krise noch gebügelt werden kann oder der Krieg ausbricht.

Weiß der Teufel, warum Frauen immer erste Sätze wählen, die die Situation eskalieren lassen. Erst kürzlich wieder. Im Auto. Meine neue Flamme und ich besuchen Freunde am Stadtrand.

Sie: »Weißt du eh, wo sie wohnen?«

Ich: »Ja, ja.«

Ungefähr halt – und so ist die Stimmung bereits ein bissl gereizt, als wir diese verdammte Kreuzung zum dritten Mal queren.

Sie: »Wenn du schon kein Navi hast, dann schau doch im Plan nach.«

Ich: »Hab ich auch keinen, Süße! Und brauch auch keinen. Ich kenn Wien nämlich wie ein Taxler. Wirst sehen, gleich sind wir da.«

Gut – Wien ist groß. Und die Außenbezirke … auch Taxler sind da oft … überfordert. Ihnen hilft dann aber der Fahrgast. Aber Flamme? Sitzt teilnahmslos neben mir und blättert (!) in einem Modemagazin.

Natürlich muss sie mir nicht sagen, wo wir sind, aber:

»Kannst du nicht … wenigstens … irgendwas … ich mein …«

Sie, kühl: »Was soll ich tun? Mitlenken?«

Und genau das ist er. Der erste Satz – als Ouvertüre zum Desaster angelegt. Tausend Möglichkeiten hätte sie gehabt. »Die wohnen echt am Arsch der Welt« etwa hätte mich entspannt. Aber nein. Krieg.

Schon brüll ich: »Mitlenken? Mitdenken reicht. Das macht man mit dem Gehirn, falls du weißt, was das ist!«

»Das ist das, was du nicht hast.« Staubtrocken, überlegen, eiskalt. Ich bin nicht Braveheart. Im Gemetzel ist sie mir über.

Mein Vietnam endet also mit einer meterlangen Bremsspur auf irgendeiner Dschungelstraße, die wir soeben noch in entgegengesetzter Richtung befahren haben. Flamme reicht’s. Sie will aussteigen. Kann sie haben. Aber: Was sag ich jetzt? Was Souveränes natürlich. Wenn einen Frauen schon gnadenlos zum Streiten zwingen, dann sollten wir Männer das Duell wenigstens souverän beenden können. Was aber gar nicht so leicht ist. Wilde Kämpferinnen begnügen sich ja nicht mit Krieg und Frieden – sie wollen Krieg und Siegen. Damit kannst du milde Worte, gefolgt vom drängenden Wunsch nach einem Versöhnungs-Quickie gleich mal vergessen. Ihren eigenen emotionalen Schwankungen durchaus verständnisvoll zugetan, halten Frauen nämlich von deiner spontanen Gefühlswandlung rein gar nix. »Unsensibel« heißt’s dann.

Was also jetzt sagen? Was Intellektuelles wäre gut. Das hat Stil und – ärgert sie. Irgendwas zitieren zum Beispiel. Im emotionalen Stress fällt mir aber leider nur Goethes »Leck …« ein. Nicht wirklich souverän. Vielleicht – schießt es mir kurz durch den Kopf – sollte ich diesmal klein beigeben, mich fürs nächste Mal aber mittels neurolinguistischen Programmierens unangreifbar machen. Auch schlecht. Denn dann kommst du am Ende rüber wie einer dieser dumpfen Politiker.

Gefragt wär anderes. Wie soll ich sagen? Was Starkes, Schlichtes eben – dem nichts mehr hinzuzufügen ist. Wo du halt eindeutig Überlegenheit und Niveau zeigst.

Bevor Flamme aussteigen konnte, stieg ich schließlich wieder aufs Gas und wir fuhren weiter. Schweigend. Jeder den Blick kerzengerade beim Seitenfenster raus. Letzte Worte – haben immer die Frauen, dachte ich.

Keusch wie ein Shaolin-Mönch

Manchmal hab ich eine innere Ruhe, dass ich es selbst nicht glauben kann. Da bin ich gelassen wie ein Shaolin-Mönch. Das ist insofern vorteilhaft, weil, wenn du schon dazu verdammt bist wie ein solcher zu leben – Stichwort: Keuschheit –, dann drehst du wenigstens nicht gleich durch, wenn dir eine Woche wie diese passiert.

Montag: Verabredung mit einer jungen Grazie zum Dinner. Kaum hab ich ein siebengängiges Haubenmenü für uns bestellt, wird der Süßen schlecht. Sie muss sofort gehen. Ich wünsche galant baldige Besserung und esse schließlich ohne verbal oder körperlich zu explodieren 14 zusammengepitzelte Spezialitäten, zu denen ich voller Freude über den Verlauf des Abends einen Hektoliter Wein ordere.

Dienstag: Party. Eine Blondine, deren Figur Leonardo da Vinci nicht besser hingekriegt hätte, klebt an mir. Feuchte Sache. Denn schon rotzt sie mir minutiös das tragische Ende ihrer letzten Beziehung ins Ohr. Asiatisch-weise murmel ich »Der Weg ist das Ziel« – und durchwandere diese entzückende Dachgeschosswohnung, um mich am Klo des Gastgebers einzusperren.

Mittwoch: Eine Bekannte aus Tirol ist da. Sie bestellt mich lustig knödelnd zu ihr ins Hotel auf einen Drink. »Ich komme«, gröle ich witzig ins Handy. Nur um mir wenig später anzuhören, dass ihr kleiner Bruder, der bei ihr im Zimmer schläft, von Wien ganz begeistert ist. Breche darob in einen mimischen Freudentaumel aus, der allerdings hart zu den Worten »Scheiß drauf« kontrastiert, die ich irgendwie nicht bei mir halten kann.

Donnerstag: Barbesuch mit einer alten Freundin. »Kann ich bei dir schlafen?«, fragt sie. »Mag nicht mehr nach Hause fahren.« »Yesssss!«, sage ich verständnisvoll und schnippe nach der Rechnung. »Aber wehe, du greifst zu mir rüber. Ich bin müde.« »Ohhhhkääääää.«

Freitag: Bleib daheim. Versuche eine Shaolin-Disziplin weiterzuentwickeln. Setze mich mit einem gezielten Kung-Fu-Schlag fürs Wochenende außer Gefecht.

hopp, hopp = kratz die Kurve

DAS GRÜBELN

Ein Mann, eine Frau & ich

Weil ich in letzter Zeit viel allein unterwegs war und meine Sinne daher geschärft für das Verhalten anderer waren – drei Beobachtungen zum Thema Beziehung, versehen mit klugen Tipps von mir.

Szene 1: Ein Restaurant, very posh, also kein Wunder, dass am Tisch neben mir ein Schnöselbär sitzt, im zarten Alter von schätzungsweise 28. Der Bube erklärt seiner neuen Eroberung die Welt.

Er: »Ich hob heute eine Flausche Wein ersteigert.«

Sie: »Hmm.«

Er: »Die Chilenen sind jo ganz fulminant …«

Sie: »Hmm.«

Er: »In meinem Weinkeller hob ich jo sonst nur … also Frankreich. Ich saumle die Franzosen.«

Sie: Gähn.

Er: »Die Italiener sind mir zu …«

Sie lächelt mich hilflos an, während der Sommelier eine Flasche Protzbergerirgendwas dekantiert. Ich lächle zurück und hätte ihr gern die Geschichte meines Freundes Gerhard erzählt, der sich in einer ähnlichen Situation mal den Korken schnappte, diesen prüfend in die Höhe hielt, ihn dann vorsichtig ableckte, den Stoppel schließlich ganz in den Mund stopfte und »schmeckt schuper« sagte. Tat ich aber nicht. Ich gab dem Mädchen gedanklich nur einen Tipp: »Dieser Mann mag Geld haben wie Heu, aber er wird dich nie zum Lachen bringen. Er wird dich zu Tode langweilen und allein das reicht, um verdammt unglücklich zu werden. Du solltest aufstehen und gehen.«

Szene 2: Ein Wirtshaus, vor mir ein Mann im besten Alter mit seiner jungen Gefährtin. Er ist hingerissen von ihr. Sie mal neckisch, mal spröde wie hartgewordener Gummi.

Er: »Hör mal, wo ist das Problem?«

Sie starrt auf ihren Teller: »Weiß nicht!«

Er: »Na eben. Weil’s keins gibt.«

Sie: »Eh, eigentlich gibt’s keins!«

Er: »Dann lass uns doch wegfahren … Ich will endlich mal …«

Sie streichelt seine Hand: »Gut«.

Er schmilzt: »Wann?«

Sie kalt: »Jetzt geht’s nicht.«

Ich stech in mein Schnitzel und beginne in Gedanken den Armen zu belehren: »Mein Freund! Du sitzt einer Schwanzfopperin gegenüber. Sie mag dich zwar, soweit ich das seh, aber psychologisch gesehen hat sie so ein schwaches Ego, dass sie bloß Bestätigung will, wie toll sie eigentlich ist. Das holt sie sich von dir wie von jedem andern auch. Vergiss sie. Du solltest aufstehen und gehen.«

Szene 3: Eine Bar. Am Tresen neben mir liest jemand Zeitung. Die Barfrau stellt ihm einen Averna hin und wendet sich dann mir zu. Aus den Lautsprechern flirrt die Hitze Siziliens. Es ist die Titelmusik von »Il postino«. Ich sehe Philippe Noiret vor mir, wie er als Pablo Neruda dem Postboten erklärt, was eine Metapher ist. Ich trinke Espresso und Grappa, bin glücklich und plötzlich im innigsten Gespräch mit der Barfrau. Was wir reden, weiß ich nicht. Ihre Sätze rauschen wie das Meer. Wenn sie schweigt, zirpen Zikaden. Und wenn sie lacht, ist es, als ob dunkler Rotwein in schweren Eichenfässern schaukelt. Ihr sonniges Wesen wärmt mich. Welchen Tipp mir der Mann neben mir wohl gerade gibt? Ich weiß es nicht, und geb mir selber einen: Du solltest bleiben. Aber so wie die Frau und der Mann sitzen blieben, stand ich auf und ging.

Warum bist du so hart?

Dinge geschehen. So simpel ist das. Man braucht da auch gar nicht länger drüber nachzudenken, warum oder so. Weil – ein Beispiel. Ich stand unlängst im »Hold« an der Bar, unterhielt mich wortkarg mit dem Chef, so à la »Na?« – »Jo eh«, als mir ein neuer Gast auffiel. Eine Frau, genauer gesagt, die mich insofern zum Hinsehen bewegte, als sie mir Löcher in den Rücken starrte, dass es schmerzte. Ich drehte mich also um – und sah ein ziemlich hübsches Wesen, auf dessen Haupt eine gewaltige Russen-Mütze saß, noch dazu im Dalmatiner-Look. Die Ohrenschützer der Mütze standen waagrecht weg, daran baumelten Schnüre.

Obacht, dachte ich noch, da sprang sie auch schon auf, ging schnurgerade auf mich zu und begann liebevoll meine Stirn, die sich vermutlich ein wenig in Falten gelegt hatte, glatt zu streichen. Ich kommuniziere mein Erstaunen weltmännisch: »Hhmmm?« Doch da hatte sie bereits ihre Lippen an meinem Ohr: »Sch, sch, sch«, säuselte sie so sanft, dass ich beinah stehend einschlief, und fragte mild: »Warum bist du so hart?«

Ich, verlegen: »Äh, wie?«

Sie: »Du weißt, was ich mein.«

Ich: »Um ehrlich zu sein, nei…«

Sie (wir dürfen nicht vergessen, dass sie unbeeindruckt meine Stirn bügelte): »Du hast unglaublich schöne blaue Augen. Schau mal in meine. Fünf Minuten lang. Ich gebe dir Kraft. Glaube an dich.«

Ich, mittlerweile angetan von dem Zirkus, begann jetzt zu glauben, dass ich der unwiderstehlichste Mann auf Erden sei und sagte mit der Grandezza eines Ackergauls: »Sag, wie heißt’n du eigentlich?« Plopp. Das milde Gesicht der Maid zerplatzte vor mir wie eine Seifenblase. »Das tut nichts zur Sache«, sagte die Furie kalt und verließ flugs das Lokal.

Schorschi, der Chef hinter der Bar, fragte nach einer Weile: »Hast du mit der einmal …?«

Ich verneinte.

»Und du, kennst du sie?«

»Noch nie gesehen.«

Halbe Stunde Schweigen. Dann legte Georg die Madame Butterfly auf, riss eine neue Flasche Rotwein auf und wir begannen still zu trinken. Dinge geschehen einfach.

Ist es wirklich so?

Sex and the City. Kennen Sie ja. Carrie, wie sie nachts nach Hause kommt, sich aufs Bett schmeißt, die Beine über Kreuz, den Laptop drauf und ihre klugen Fragen ins Gerät tippt. Sie wissen schon: all diese Warum?- oder Istes-denn-wirklich-so?-Sätze.

Ich mach das jetzt auch. Aber natürlich sitz ich nicht im sexy Unterhemdchen am Laken, sondern derangiert beim Wirten. Aber vergessen Sie das wieder und stellen Sie sich bloß die Synchronstimme von Carrie vor. Die mit dem zarten Schmelz in der Stimme, die sich warm und weich bloß ein paar Dinge fragt.

Warum sich zum Beispiel nur Frauen in einen verlieben, in die man selbst nicht verliebt ist, während umgekehrt die Frauen, für die man sterben würde, sich genau das wünschen, nur damit sie nix mit dir zu tun haben müssen? Liegt es vielleicht daran, dass man, wenn man jemanden wirklich begehrt, viel zu gut ist zu diesem Menschen? Ist es denn wirklich so, dass Frauen nur dann für einen Feuer und Flamme sind, wenn man sie total scheiße behandelt?

Ist es denn wirklich ein Naturgesetz, dass Frauen alles, wirklich alles, was sie an dir gehasst haben, bei deinem Nachfolger nicht nur tolerieren, sondern geradezu entzückend finden? Warum hätte mich die Claudia am liebsten gesteinigt, als ich sie im Tanztheater frug, was sie denn an diesen Kasperln in Strumpfhosen geil fände, während sie nun ihren neuen Freund ob seiner großen Sportlichkeit preist, obwohl der statt Baryshnikov beim Hopsen lieber dem Undertaker beim Wrestling zuschaut?

Oder andere Frage: Warum interessieren sich die schönsten Frauen für dich immer nur dann, wenn du eh gerade eine hast – und nicht, wenn du sie dringend brauchen würdest? Ist es außerdem wirklich so, dass sie dir den fadesten und hässlichsten Koffer vorziehen, solange er nur dafür sorgt, dass genug Geld für Gucci- und Prada-Schucherln und all das Zeug vorhanden ist? »Schau, er ist vielleicht nicht der Lustigste und auch nicht der Schönste, aber: Er gibt mir einfach Sicherheit!«

Ich grübelte grad so vor mich hin, auch weil ich überlegte ob ich Mrs. Big nun doch eher lieben oder zum Teufel schicken sollte, als Miranda und Samantha … äh, ich mein Stoffl und Dieter auftauchten. Auch sie voller Fragen. Die erste – »Warum hackeln wir wie die Trotteln und haben erst kein Geld?« – war leicht zu beantworten: »Weil wir mehr ausgeben als einnehmen.« Die zweite – »Warum sitzen wir net längst wie der Hugh Hefner nur mehr im Bademantel zuhause rum und lassen uns von ein paar Playboy-Hasen verwöhnen?« –, also die zu beantworten, überlass ich Ihnen.

Sie hat geträumt von mir

Als ob ich nicht schon genug zu denken hätte, rief mich dieser Tage auch noch die Isabella an, um mich mit einem ihrer Träume zu behelligen. Ob ich ihn deuten könne, fragte sie mich. Schließlich käme ich ja auch drin vor. Na super! Ich mein, ich mag sie. Schon seit unserem ersten Date, als wir uns bereits nach einer Sekunde – da kannten wir gerade mal unsere Namen – wie ein altes Ehepaar Verhaltensmuster an den Kopf warfen und Geschichten erzählten, die man selbst seinem Therapeuten verschweigt. Und natürlich verbindet es auch, wenn man dann achtzehn Seideln später ein Stück gemeinsamen Weges die Hauswände entlangradiert. Aber muss ich deswegen gleich in ihren Träumen vorkommen? Noch dazu in gelben Leggings auf ihrem Küchenboden sitzend, umgeben von Stoffhasen und Plastikflamingos, während sie mit einem Surfbrett im Vorzimmer auf und ab rennt und sich nicht umdrehen kann?

Und bitte, wenn ich das schon muss – muss Bella mich auch noch anrufen und eine Erklärung von mir fordern?

Gut, eines ist natürlich klar. Der Traum ist – da brauchst du kein Freudianer sein – hoch sexuell. Stichwort: Küchenboden! Oder: Hase. Ist ja ein Fruchtbarkeitssymbol, so wie er da alle Jahre daherkommt mit seinen Eiern. Und ich hab sogar mehrere. Also mich umgebende Hasen, mein ich. Selbst wenn sie nur aus Stoff sind. Wofür die Plastikflamingos stehen, weiß allerdings sogar ich alter Oneirologe nicht. Selbst das Internet war mir da keine große Hilfe. Googlest du »Traumdeutung«, erscheinen zwar einige Online-Lexika mit tausenden Symbolen – nur was kommt, wenn du Flamingo eingibst? Das Wort »Alarmglocke«!? Dazu die nicht unkluge Deutung: »Eine Alarmglocke hören, gibt Anlass zur Sorge …«

Die machte ich mir längst. Warum, verdammt noch einmal, kann Bella nicht normal von mir träumen – dass ich zum Beispiel als Riesengurke … oder von mir aus Banane … aber Flamingos?

Ich öffnete im elektronischen Traumdeutungsbuch sogar den Begriff »Vögel«. Natürlich ohne »n«, ich bitte Sie. Aber daraus wurde ich auch nicht klug. »Albatros« stand da zum Beispiel. »Der Albatros ist sicherlich kein häufiges Traumsymbol …« Also vergiss es. »Spatz«? Lassen wir das, jetzt wird’s plump.

Nehmen wir uns lieber die gelben Leggings vor. Die sind subtil geil. Da kann mir die Isabella hundertmal versichern, dass sie bei so einem Bild vor Augen speiben muss. Ich glaub ihr das nicht. Ich hatte nämlich bis vor kurzem eine mintfarbene und die Weiber im Fitnesscenter waren, ehrlich gesagt, ganz deppert nach mir. Oder wie würden Sie es verstehen, wenn Sie ganze Pilates-Klassen »Bist du gelähmt, der schaut aus …« tuscheln hören?

Aber gut, das ist ein anderes Kapitel, das ist Realität. Da haben die Frauen übrigens auch kein Problem damit, sich nach mir umzudrehen. Und wenn’s sein muss, lassen sie sogar ihr Surfbrett dafür stehen.

Über allen Tannen ist Ruh

Gott sei Dank! Es ist vorbei! Ich mein, ich bin nicht der Typ, der Weihnachten grundsätzlich ablehnt, einen auf cool macht und am 24. unter einer Bananenlichterkette sitzt. Im Gegenteil. Ich bin sozusagen ein Christkindlfreak, der auf den ganzen Zauber rundherum reagiert wie der Pawlowsche Hund. Hör ich irgendwo ein Glöckerl läuten, rinnen mir schon die Glückstränen runter.

Das macht dich natürlich fertig. Vor allem, wenn dir deine Eltern einst so magische Weihnachten beschert haben, dass jede André-Heller-Show dagegen der reinste Lercherlschas ist, du selbst aber deinen Kids nicht annähernd ein Gefühl davon vermitteln kannst, weil du leider ein moderner Patchworker …

Stichwort: je ein Kind von zwei Frauen. Also ich leide.

Das Drama beginnt schon Tage vor Heiligabend, was heißt, Wochen. Schließlich muss man da einerseits noch arbeiten wie ein Ross, andererseits aber auch auf dutzenden Weihnachtsfeiern festlich illuminiert in die Dekolletés ausgelassener Damen fallen. Jedenfalls Geschenke besorgen kannst du in diesen Tagen vergessen. Ich hab es mir daher zur Angewohnheit gemacht, prinzipiell nur mehr am 22. und 23. Dezember einzukaufen.

Auch den Christbaum. Leider sind da die besten schon weg. Und einen Gutschein … in diesem speziellen Fall besonders schlecht. Aber egal. Ich hab immer noch ein astreines Stück gefunden. Weil natürlich hab ich es mir nicht nehmen lassen, für den Baum Verantwortung zu tragen. Die neuen Partner meiner Exen sind in dieser Hinsicht Flaschen. Und ihre siebengescheiten Kommentare, ob denn neuerdings auch Hochgebirgs-Latschen als Christbäume verkauft werden würden, nix als Neid. Hauptsache sie haben ihre Besten gegen mich aufgebracht.

Aber bitte. Es ist schon nicht einfach, einer Frau alles recht zu machen, wie erst zweien. Schon gar am Heiligen Abend. Als guter Vater hab ich mir nämlich angewöhnt, das Fest zu splitten. Erst bin ich bei meiner Tochter – sie ist jünger und geht früher schlafen –, dann bei meinem Sohn. Das hat aber nicht nur zur Folge, dass ich das Festmenü inklusive tausender Vanillekipferln zweimal verdrücken muss und frühmorgens leidenschaftlich gern erbreche. Ich zieh mir auch noch den Ingrimm beider Damen zu. Denn während die Mutter meiner Tochter mosert, weil ich so zeitig gehe, tobt die Mutter meines Sohnes, weil ich so spät komme.

Dabei versäume ich da und dort nix. Ehrlich. Wie alle Kinder von Patchworkfamilien gehen auch meine am Heiligen Abend in den tausenden Geschenken diverser Omas, Opas, Onkel und Tanten unter und sind vom Packerlaufreißen im Akkord völlig tillt in der Birne.

Kein Wunder, dass ich froh bin, wenn der ganze Zinnober vorbei ist. Das poetische Ende des ganzen Traras leiten wie immer meine guten Eltern ein. Am 25. Dezember. Da bin ich mit den Kids bei ihnen. Ich schubs den Nachwuchs dann sofort zu meiner Mutter in die Küche und setz mich entspannt zu meinem Vater vor den Fernseher. Der zieht sich da meist bei 180 Dezibel ein Skirennen rein. Und so komisch das klingt, bei dem Lärm ist dann endlich Ruh.

Heuer wird alles ganz anders

Kleiner Spickzettel fürs neue Jahr. Oder: Sieben Merkregeln, die ich unbedingt einhalten will, damit dieses ewige Rumgewurschtel endlich mal ein Ende hat.

1. Erst denken, dann handeln