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Sigrid-Maria Größing

 

KARL V.

Sigrid-Maria Größing

KARL V.

Der Herrscher zwischen den Zeiten
und seine europäische Familie

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© 1999 by Amalthea

Meiner Familie gewidmet

Inhalt

Vorwort

I. Die Nebel der Vergangenheit

In der Einsamkeit von Yuste

Die spanischen Großeltern

Der österreichische Großvater

Das unsterbliche Liebespaar Maximilian und Maria · Die verlassene Gemahlin Bianca Maria Sforza · Maximilians »natürliche« Kinder Georg, Cornelius und Christoff

Die Eltern waren ein seltsames Paar

II. Am Hof von Mechelen

Tante Margarete, Statthalterin der Niederlande

Die Kaiserwahl

Die unterschiedlichen Schwestern:
Eleonore, die Liebenswürdige

Eine unglückliche Liebschaft · Der französische Erzfeind

Isabella, die Bedauernswerte

Maria, die Kämpferin

Die Doppelhochzeit von Wien und ihre Folgen · Die Statthalterin der Niederlande · Die schöne Nichte Christine von Dänemark · Unruhen in den Niederlanden · Bruderzwist in Augsburg · Die feierliche Abdankung Kaiser Karls

Katharina, die Jüngste

III. Glanz und Glorie im Kaiserhaus

Maximilian und Karl

»Yo el rey«

Karls erste Liebe Johanna van den Gheynst

Die geliebte Gemahlin Isabella

Die »natürlichen« Kinder

Don Juan d’Austria, Sohn der Regensburgerin Barbara Blomberg · Margarete von Parma

Luthers Thesen und des
Kaisers Taten

IV. Die Nachfolge

Der gerechte Bruder Kaiser Ferdinand

Maximilian II. — ein heimlicher Protestant in der Familie?

Tu felix Austria nube! — aber nur standesgemäß

Ferdinands Sohn Karl, der Spätgeborene

Der einzige Sohn Philipp II.

Nachwort

Anhang

Kurzbiographien

Stammtafeln

Französische Könige und Päpste zur
Zeit Karls V.

Zeittafel

Literaturverzeichnis

Vorwort

Eine Biographie über Karl V. zu schreiben ist ein Wagnis, denn nicht nur seine Person gibt uns bis heute Rätsel auf, auch die Ereignisse dieser Umbruchszeit in der Geschichte sind in ihrer Vielfalt bis zur Gegenwart nur schwer faßbar und darstellbar. Daher kann dieses Buch, das sich nicht allein mit der Person des Kaisers beschäftigt, sondern auch mit seiner weitläufigen Familie, in manchen historischen Gegebenheiten nur fragmentarisch bleiben. Ein Ziel aber liegt diesem Buch klar zugrunde: Es soll dem Leser zeigen, daß in Karls Regierungszeit die Grundlagen für die heutigen europäischen Strukturen gelegt wurden. Die mannigfaltigen Probleme, die Kaiser Karl V. beschäftigten wie Religionskriege und Nationalitätenkonflikte, sind dem heutigen Europa nicht fremd. Der Kaiser, ein Monarch zwischen mittelalterlicher Tradition und dem Beginn globalen Denkens, war gezwungen, die auseinanderdriftenden europäischen Interessen im Rahmen wechselnder Bündnisse in die von ihm gewollten Bahnen zu lenken.

In diesem Buch soll die Verflechtung des Lebens und der Politik des Kaisers mit seiner engeren und weiteren Familie aufgezeigt werden. Obwohl seine Geschwister, seine Nichten und Neffen sowie seine ehelichen und unehelichen Kinder über Europa verstreut waren, standen sie doch immer in engem Kontakt zum Kaiser. Letztlich konnte sich Karl V. nur auf seine Familienangehörigen verlassen – er, der ein Leben lang gezwungen war, ruhelos in Europa herumzuziehen, um kriegerische Konflikte zu lösen. So war es nur allzu verständlich, daß sich der Kaiser, müde und ausgebrannt resignierend, von der Welt und von der Politik nach Spanien zurückzog.

Ich habe versucht, die Gedanken, die Karl V. nach seiner Abdankung im selbstgewählten spanischen Exil bewegt haben könnten, nachzuvollziehen und so darzustellen, als hätte er in der Reflexion sein Leben noch einmal gelebt.

Um dem Leser den Überblick über die Vielzahl der im Buch vorkommenden Personen zu erleichtern, befindet sich am Schluß des Buches ein Anhang, der sowohl Kurzbiographien als auch eine Zeittafel enthält.

Großgmain, im September 1999

Sigrid-Maria Größing

I. Die Nebel der Vergangenheit

In der Einsamkeit von Yuste

ES WAR Nacht gewesen, als am 24. Februar 1500 in einem finsteren Abstellraum in Gent Karl V. das Licht der Welt erblickte. Schon mit sechs Jahren, nach dem Tod seines Vaters, wurde er auf sein zukünftiges Herrscheramt vorbereitet. Die spanische Königskrone fiel ihm als kaum sechzehnjährigem Jüngling zu, mit neunzehn wählte man ihn gegen hohe Bestechungsgelder zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, mit dreißig empfing er in Bologna aus der Hand des Papstes die Kaiserkrone. Von Gott und den Menschen war er ausersehen, über Völker und Länder diesseits und jenseits des Weltmeeres zu herrschen wie kein anderer vor ihm, und dennoch war er gezwungen, ein Leben lang ruhelos herumzuziehen, kreuz und quer durch Europa, ohne feste Bleibe und ohne Residenz. Er fällte Entscheidungen, die er gerne von sich geschoben hätte, und führte Kriege, die ihm verhaßt waren, und war Jahre hindurch nur von dem einen Wunsch beseelt – die Last der Macht abzuschütteln, um in Spanien, vergessen von der Welt, in Ruhe Mensch sein zu können. Denn allmählich wurde es wieder Nacht …

Kaiser Karl V. saß auf einem einfachen Stuhl allein inmitten des weiten Gartens vor seiner kleinen Villa, von wo aus er einen Blick auf das nahegelegene Kloster werfen konnte, welches dem heiligen Hieronymus geweiht war. Der kühle Wind wehte vereinzelte Töne der sich wiederholenden Gesänge der Mönche herüber, langsam wurde es dunkel. Vor Jahren, als die Kaiserbürde schwer auf seinen Schultern lastete, als die politischen und religiösen Probleme immer bedrückender wurden, hatte er den unstillbaren Wunsch nach Einsamkeit verspürt, und die unbändige Sehnsucht nach Ruhe und innerer Einkehr hatte ihn psychisch so belastet, daß er krank wurde. Deutlich war in ihm der Plan gereift, sich hier nach Yuste zurückzuziehen, in diese gottverlassene Gegend, wo ihn tagtäglich die Mönche des Klosters San Jeronimo de Yuste mit ihren monotonen »memento mori-Gesängen« an die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins erinnerten. Er hatte genug vom Lärm der Welt und wollte als einfacher Mensch seinen Lebensabend beschließen. Alles um ihn herum war bescheiden. Kein aufwendiges Schloß hatte er sich als Alterssitz erbauen lassen, wie man dies von einem Kaiser erwartet hätte, in seiner schmucklosen Villa mit vier Zimmern und einem Baderaum fühlte er sich wohl. Hier wurde er von niemandem gestört, wenn er sich Stunden um Stunden mit seiner Uhrensammlung beschäftigte. Manchmal wollte es ihm nicht gelingen, die Räder eines Chronometers mit seinen gichtigen Fingern in Schwung zu bringen, dann beorderte er den Uhrmacher zu sich, der mit ihm nach Spanien gekommen war, um seinen fachmännischen Rat einzuholen. Ein Leben lang hatte er den Tag herbeigewünscht, an dem es ihm möglich sein würde, sich seiner Liebhaberei zu widmen. Jetzt hatte er die nötige Ruhe, die komplizierte Mechanik jeder einzelnen Uhr zu studieren – hatte Zeit für sich selbst!

Obwohl sein neues Refugium nach außen hin bescheiden wirkte, entbehrte es keiner Bequemlichkeit. Im Morgengrauen hörte er die Gebete der Mönche und sobald er die Augen öffnete, fiel sein erster Blick an jedem neuen Tag auf den Hochaltar der angrenzenden Kirche. Denn der Baumeister hatte auf sein Geheiß hin in seinem Schlafzimmer ein riesiges Fenster anbringen lassen, so daß Karl jederzeit dem heiligen Meßopfer ohne große Beschwerlichkeiten beiwohnen konnte. Das Aufstehen bereitete ihm zunehmend Schmerzen, und jeder weitere Schritt war ihm eine Qual. Wurde er aber in den hellen luftigen Wohnraum getragen, dessen Wände kunstvolle flämische Gobelins zierten, dann vergaß er seine Leiden und genoß das heitere Licht, das in den Raum strömte. Gewöhnlich ließ er die Fenster weit öffnen und lauschte dem Gesang der Vögel. Ab und zu, wenn er sich besser fühlte und die Ärzte es ihm gestatteten, wagte er den einen oder anderen zaghaften Schritt auf den weichen kostbaren persischen Teppichen, die den Boden des Zimmers bedeckten. Meist aber war er gezwungen, stundenlang in seinem Stuhl zu sitzen, den erfinderische Konstrukteure eigens für ihn gebaut hatten und in dem er möglichst wenig Schmerzen haben sollte. Wenn er sich auch in die Einsamkeit zurückgezogen hatte, so war doch sein Gefolge, das mit ihm nach Spanien gekommen war, beachtlich. Immerhin standen über fünfzig Personen zu seiner persönlichen Betreuung zur Verfügung. Trotz aller Bescheidenheit, in der er leben wollte, fand er es notwendig, seine engsten Berater mitzunehmen. Sein Majordomus war für ihn genauso wichtig wie sein Beichtvater, daneben benötigte er mehrere Sekretäre, die sich um die tägliche Post kümmern mußten. Nach wie vor wurde er über die Vorgänge im Reich von seinem Bruder Kaiser Ferdinand unterrichtet so wie über die Entwicklung in Spanien von seinem Sohn, der hier regierte. Daneben kannte keiner so wie sein langjähriger Garderobenmeister seine Wünsche die Kleidung betreffend, und seine Leibköche sorgten dafür, daß nur jene Speisen auf der schmal gewordenen Tafel aufgetragen wurden, die seinen von Kindheit an verwöhnten Gaumen kitzelten, denn auf jeglichen Luxus der Welt hatte er aus freien Stücken verzichtet, nur nicht auf die Delikatessen. Erst wenn er in seinem Spezialstuhl, auf dem er die dick geschwollenen Beine hochlagern konnte, von einem Gichtanfall überrascht wurde, wenn er nicht mehr aus noch ein vor Schmerzen wußte, dann ging er mit sich selbst ins Gericht und beschloß, auf Speisen zu verzichten, die ihm gesundheitlich schaden konnten. Aber kaum waren die Qualen vorüber, warf er, der sonst sein Leben lang so konsequent war, die guten Vorsätze über Bord und rief nach seinen geliebten Austern und Krebsen, seinen Muscheln und Langusten.

Ein Lächeln huschte über sein zerfurchtes Gesicht. Es war ihm, als hätte er in der Ferne seine Schweizer Kühe gesehen, die hier in Spanien zwar nicht das saftige Gras der Alpen fanden, trotzdem aber tagtäglich ausgezeichnete Milch lieferten. Er erinnerte sich an das allgemeine Erstaunen in seinem Gefolge, als er seinerzeit Order gegeben hatte, diese Tiere mit in sein selbstgewähltes Exil zu nehmen. Er hatte auf den Gesichtern seiner Leute den Gedanken, der sie bewegte, ablesen können: Der Kaiser war schrullig geworden!

Langsam blickte er um sich. Er vermißte zwar nicht die unbarmherzige Hitze des spanischen Sommers, die ihn so oft gepeinigt und die ihm jedesmal aufs neue den Atem genommen hatte, aber die Feuchtigkeit in Yuste kroch ihm unangenehm in alle Glieder. Er gewöhnte sich nicht an dieses Klima, obwohl er ein Leben lang den Unbilden der Witterung Europas ausgesetzt war und keine Rücksicht auf Wind und Wetter in den Niederlanden, auf Schnee und Kälte in Deutschland, auf tobende Stürme auf dem Meer, auf glühende Hitze in Oberitalien oder in Nordafrika, auf die spröde Trockenheit in Südspanien hatte nehmen können. Hier litt er Tag und Nacht unter den Nebelschwaden und dem undurchdringlichen Dunst, der die klare Sicht auf die Umgebung raubte und der wochenlang ringsherum Hügel und Berge einhüllte. Die seltsame Feuchtigkeit legte sich auf seinen schmerzenden Körper und vergrößerte in den endlosen Nächten seine Qual.

Mit seinen 56 Jahren war er ein schwerkranker Mann. Das Leben, das er geführt hatte, hatte ihn unendliche Kraft gekostet, hatte seinen Körper ausgezehrt und ihn zu einem müden alten Mann werden lassen. Er, der Kaiser, der in ganz Europa zu Hause war und der über ein Weltreich geherrscht hatte, sehnte sich nach diesem Leben voller Hast und Kampf, voller drückender Probleme, nur nach der Einsamkeit. In stillem Gebet wollte er sich Gott widmen, von dem er hoffte, daß er ihm gnädig sein würde.

Gedankenverloren lauschte er dem Gesang der Zikaden, jener monotonen, faszinierenden Melodie, die nur im Süden zu hören ist. Vielleicht hätte er ein anderes Leben führen können, sann er vor sich hin, wenn er sein Reich von Brüssel oder Gent aus hätte regieren oder wenn er sich in Spanien, in Granada eine feste Bleibe hätte errichten können – so wie sein Sohn Philipp, der in Madrid Hof hielt und der kaum gezwungen war, die Strapazen des Reisens auf sich zu nehmen. Er aber war stets rastlos in Europa herumgezogen, genau wie sein Großvater Kaiser Maximilian. Was aber Maximilian wenig geschadet hatte, da er über eine stabile Gesundheit verfügte, das brachte ihm früh täglich aufs neue Beschwerden. Er wußte es selbst genau – und dazu brauchte er beileibe nicht den Rat der Ärzte. Sein gieriges Essen war schuld an den zahlreichen Gebrechen, die ihm die Tage vergällten und ihn die Nächte über marterten. Jahrelang hatte er die berühmtesten medizinischen Kapazitäten konsultiert, hatte all ihre Ratschläge befolgt – bis auf einen, das mußte er sich ehrlich eingestehen: Er konnte das üppige Essen nicht lassen.

Hier in der kargen Landschaft, die ihn umgab, hatte er Zeit und Muße, über den Sinn des Lebens nachzugrübeln. Er, der Herrscher, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, war nur zum Schein auf der Sonnenseite des Lebens geboren worden. Die Realität sah anders aus …

Er war nie ein schönes Kind so wie einige seiner Geschwister. Mit seinem häßlichen Mund, der das Gesicht verunstaltete, wäre er zum Gespött Gleichaltriger geworden, hätte es nur irgend jemand gewagt, über sein vorstehendes Kinn mit dem fliehenden Oberkiefer Witze zu machen. Er war der zukünftige König von Spanien, der Erbe des burgundischen Reiches und vielleicht der spätere Kaiser. Wer sollte selbst nur im Scherz ungebührliche Bemerkungen wagen? Aber bei jedem Blick in den unbestechlichen Spiegel erkannte Karl von Jugend an, wie unansehnlich er war. So sehr er sich bemühte, seinen Mund zu schließen, so war es ihm trotz aller Anstrengungen nicht möglich, und es war kein Wunder, daß er mit dem ewig offen stehenden Mund einen einfältigen Gesichtsausdruck bekam. Angeblich war dieses unglückliche Kinn ein Erbe seiner habsburgischen Vorfahren, während die volle Unterlippe aus der burgundischen Verwandtschaft kam. Und ausgerechnet er, Karl, hatte beide Merkmale geerbt!

Er hatte bis auf die geraden schlanken Beine so gar nichts von seinem attraktiven Vater, er war zwar blond und blauäugig, aber sein Haar hatte nicht den glänzenden Schimmer, sondern wirkte stumpf und fahl, und seine Augen waren wie hinter einem wäßrigen Schleier verborgen. Noch heute erzählte man sich Wunderdinge über seinen temperamentvollen und charmanten Vater. Karl glich seiner spanischen Mutter, obwohl ihm ihr exotischer Hauch gänzlich fehlte, der Juana als blutjunge Frau faszinierend erscheinen ließ. Nein, Fortuna hatte nicht ihr Füllhorn über ihn ausgeschüttet, als er in der Wiege lag. Noch heute erinnerte er sich gut, wie schwierig es für ihn war, Freunde zu finden. Die jungen Leute in Gent und Mechelen nahmen ihn nicht ernst, da ihm das klare und präzise Artikulieren beim Sprechen schwerfiel. Sein Mund bereitete ihm ernsthafte Schwierigkeiten. Und weil er merkte, daß er unverständlich sprach, vermied er Gespräche. Das führte dazu, daß er, ein ohnehin scheuer Jüngling, größte Schwierigkeiten hatte, Kontakt zu finden, geschweige denn locker Konversation zu machen. Sensibel, wie er war, bemerkte er, daß man hinter vorgehaltener Hand über ihn tuschelte und daß man ihn auf Schritt und Tritt ständig mit seinem schönen Vater verglich …

Karls Tante Margarete, seine Taufpatin, in deren Obhut er nach dem Tod seines Vaters gegeben wurde, bemühte sich um den schwierigen Knaben. Sie konnte sich gut vorstellen, daß Karl mit seinem wenig einnehmenden Äußeren große Probleme haben würde und versuchte mit allen Mitteln, dem Neffen seine Selbstzweifel, die er früh zeigte, zu nehmen. Es war dies eine schwierige Aufgabe, denn Karl verhielt sich lethargisch, sein schläfriger Blick aus den vorquellenden Augen zeigte an, daß er am liebsten in Ruhe gelassen werden wollte. Für Margarete war das Verhalten des Neffen eine Herausforderung. Sie wollte den phlegmatischen Jüngling in einen Herrscher verwandeln. Dabei wußte sie, daß sie äußerst behutsam vorgehen mußte und keinesfalls ein zu umfangreiches Lernprogramm für das Kind zusammenstellen durfte. Der Umgang mit dem flandrischen Volk bildete für Margarete ebenso einen Schwerpunkt wie das Studium. Sie war äußerst beliebt, und man sah sie als die Herrscherin dieses Landes, in dem sie geboren worden und aufgewachsen war. Ihr Vater, der Kaiser, blieb ein Fremder in den Niederlanden, vielleicht hatte nun der Enkel Chancen, ein von allen akzeptierter Herrscher zu werden – immerhin war er in Gent geboren.

Margarete war keineswegs blind in ihren Absichten für die Zukunft. Bei all ihrer Liebe für den Neffen erkannte sie überdeutlich, daß der schwächliche Knabe mit seiner bleichen Gesichtsfarbe und dem strähnigen, aschblonden Haar wohl kaum jemandem imponieren konnte. Da mußte viel verändert und gearbeitet werden! – Margarete suchte nach geeigneten Lehrern und wandte sich dabei an den Dekan von St. Peter in Löwen, an Adrian von Utrecht, einen gebildeten Mann, dem es auch an Herzensgüte nicht fehlte. Ihn engagierte sie für den Neffen. Adrian sollte die seelische Entwicklung Karls entscheidend mitformen; er legte in seinen Zögling einen Keim für die Toleranz in kirchlichen Angelegenheiten, weshalb Karl in späteren Jahren nie zu radikalen Entscheidungen neigte. – Für die Unterrichtsgegenstände waren je nach Fach Niederländer und Spanier zuständig, wie Robert von Gent oder Luis Vaca. Karl sollte sich täglich körperlich intensiv betätigen, um so seinen schmächtigen Körper zu stählen. Charles de Poupet und Herr von La Chaux wurden als Fecht- und Reitlehrer engagiert, die den Prinzen in den Disziplinen unterwiesen, deren Kenntnisse für einen Herrscher notwendig waren. – Früh im Morgengrauen wurde der Knabe geweckt. Jeden Tag aufs neue war es für den ängstlichen Jüngling eine Überwindung, ein Pferd zu besteigen und im gestreckten Galopp über Wiesen und Felder zu jagen. Lustlos und mit mürrischem Gesicht kam er dieser Aufgabe nach, aber je länger die Ritte wurden, desto mehr wuchs seine Freude an der Bewegung und der Geschwindigkeit, bis er Spaß daran hatte. Kam er dann verschwitzt und müde in den Palast zurück, stand die Sonne hoch am Himmel, und es wartete bereits der Fechtmeister auf ihn, um seine Geschicklichkeit und Behendigkeit zu verbessern. Und obwohl sich Karl anfangs kaum vom Fleck bewegte, so merkte er bald, daß er mit einiger Ausdauer erstaunliche Dinge erreichen konnte. Es war selbst für ihn nicht unmöglich, ein guter Reiter und exzellenter Fechter zu werden. Der Erfolg beflügelte seinen Willen und bewirkte, daß er künftig mit zäher Energie Schwierigkeiten überwand. – Margarete beaufsichtigte seinen Werdegang, lobte ihn, wo es angebracht war, sparte aber auch nicht mit Tadel. Als Jüngling hatte er der Tante so manches mahnende Wort übelgenommen, aber in der Nachschau wußte Karl, daß Margarete in allem und jedem recht hatte. Er hätte wahrhaft keine bessere Erziehung und Ausbildung erfahren können. Nur weil er in der Kinder- und Jugendzeit gelernt hatte, sich zu disziplinieren, sich vieles, was zunächst unmöglich erschien, abzuverlangen, konnte er sein späteres Leben meistern.

Margarete hatte ihn früh zu einem Herrscher erzogen, von dem man neben vielen anderen Dingen erwartete, daß er die Usancen des höfischen Lebens und die altburgundischen Regeln der Tradition beherrschte. Das burgundische Hofzeremoniell entsprach in allem und jedem der hohen Kultur, die am Hof Margaretes gepflegt wurde. Um den Neffen mit den Feinheiten der Vorschriften und den Regeln der Diplomatie vertraut zu machen, berief Margarete in Absprache mit ihrem Vater den gebildeten und weltgewandten Wilhelm von Croy, den Herrn von Chièvres, zum ersten Kämmerer Karls. Wilhelm war ein Diplomat vom Scheitel bis zur Sohle, hatte sich seine ersten Meriten unter Maximilian erworben, hatte beste Verbindungen nach Frankreich und war dadurch in der Lage, seinem Zögling die europäische Situation lebensecht darzustellen. Ohne einen Schimmer von Falschheit taktierte Wilhelm von Croy geschickt innerhalb der habsburgischen Familie, denn nicht immer stimmten die Vorstellungen des verträumten Kaisers mit denen seiner realistischen Tochter überein. Karl erkannte rasch die Vorzüge seines Lehrmeisters. Nach dessen Tod machte er gegenüber dem venezianischen Gesandten Contarini die Äußerung, wie klug Chièvres war, und daß dies der Grund gewesen sei, sich ihm hinzugeben …

Margarete konnte ihren Neffen zu so manchen Dingen bewegen, in einem Punkt aber stieß sie bei ihm auf taube Ohren: Sie bemühte sich umsonst, ihm plausibel zu machen, wie wichtig es für ihn in Zukunft sein würde, die Sprachen der Völker zu beherrschen, die er regieren würde. Mit einer eigentümlichen Arroganz, die seiner Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen, zuzuschreiben war, weigerte er sich hartnäckig, sich diesen Mühen zu unterziehen. Er vertrat den Standpunkt, daß derjenige, der mit Bitten oder Ansuchen zu ihm kam, seine Anliegen so vorzutragen habe, daß er, der Herrscher, diese verstünde. Nicht umgekehrt! Es war sein jugendlicher Starrsinn, der ihn diese Haltung hatte einnehmen lassen, wider jede Einsicht und jede Vernunft. Denn er übersah, daß er in vielen wichtigen politischen Dingen ein Leben lang von Dolmetschern abhängig war, die je nach Lust und Laune übersetzen konnten …

… EIGENTLICH, ging es Karl durch den Sinn, beherrschte er keine Sprache korrekt, denn auch das Niederländische, die Sprache seiner Kindheit, wurde ihm im Lauf des Lebens fremd. Als er in jungen Jahren als König nach Spanien kam, war er selbst bei der Sprache seiner Mutter auf die Kunst und die Gunst der Übersetzer angewiesen. Die Sprache seines ärgsten Feindes, des französischen Königs, lehnte Karl von vornherein ab, obwohl die Tante häufig mit den Kindern Französisch gesprochen hatte. Zum Deutschen hatte er genauso wenig Zugang wie zum Italienischen – er erinnerte sich an seinen Ausspruch, den er vor Jahren getan hatte: »Spanisch spreche ich mit meinem Gott, Italienisch mit den Damen, Französisch mit den Herren und Deutsch mit meinem Pferd.« Sein habsburgischer Großvater, Kaiser Maximilian, würde sich im Grab umdrehen, hätte er diesen Satz vernommen! Maximilian bemerkte, wenn er den Enkel in Innsbruck traf, daß es bei dem Burschen mit der deutschen Sprache nicht weit her war, aber was nicht war, konnte noch werden! Maximilian, ein ernstzunehmender Dichter, gab die Hoffnung nicht auf! Was er aber nicht wissen konnte war, daß Karl in keiner Weise an sich arbeitete, daß es ihn überhaupt nicht interessierte, die Sprache seiner habsburgischen Ahnen zu erlernen.

Schon in seiner Jugend hatte ihn eine seltsame Aura der Einsamkeit umgeben – vielleicht, weil seine Tante ihn als zukünftigen Herrscher anders als seine Geschwister behandelt hatte. Er wurde früh von den anderen abgesondert, und das führte dazu, daß seine Schwestern fröhlich miteinander spielten, so lange er sich nicht zeigte. Kam er dazu, so erstarb mit einem Schlag die lebhafte Plauderei von Eleonore und Isabella, stumm verbeugten sich die Mädchen vor ihm, um ihm, so wie es ihnen vorgeschrieben war, ihre Reverenz zu erweisen. Wie gerne hätte er mit ihnen weitergespielt, hätte sich an ihren Scherzen beteiligt, sie waren jedoch in seiner Gegenwart wie versteinert. Bei Tisch nahm er einen besonderen Platz ein, ihm wurde als erstem serviert, und alle anderen durften erst essen, wenn er dazu das Zeichen gab. Es war ein Glück für seine Geschwister, daß er gerne und viel aß, denn auch das Ende der Mahlzeiten bestimmte er. Sein Appetit war grenzenlos, er konnte Unmengen in sich hineinschlingen, und jeder andere Jüngling wäre im Lauf der Zeit unmäßig dick geworden, er aber nahm kein Lot zu. Und da ihm alles schmeckte, hatte er sich angewöhnt, nicht auf den Rat der Ärzte zu achten, die ihn zur Mäßigkeit bei üppigen Speisen ermahnten, er glaubte zu wissen, was und wieviel ihm guttat. In seiner jugendlichen Unbekümmertheit dachte Karl nicht daran, daß das, was er aus Unvernunft tat, ihm einmal ernsthaft schaden würde. Er war kaum zum Manne herangereift, als er ein schmerzliches Stechen in Fingern und Zehen spürte. Die Ärzte, die ihn untersuchten, wiegten bedenklich die Köpfe und schwiegen. Denn sie hielten es nicht für möglich, daß ein so junger Mensch Anzeichen der gefürchteten Gicht haben konnte. Wieder warnte man den Kaiser. Karl jedoch tat alle Ermahnungen mit einer Handbewegung ab und aß und trank weiter. Die Schmerzanfälle häuften sich, und manches Mal wurde er in entscheidenden Augenblicken von schweren Koliken gebeutelt, die ihm beinahe den Verstand raubten. Selbst nach einer Gallen- oder Nierenkolik konnte er sich nicht schonen, er hatte keine Zeit, er mußte weiter. An manchen Tagen war es ihm unmöglich, sein Pferd zu besteigen, sein Rücken versagte ihm den Dienst, und er war auf die Hilfe seiner Knechte angewiesen, die ihn aufs Pferd setzten. Niemand durfte dabei zugegen sein, denn niemand sollte wissen, wie es um den Kaiser, den mächtigsten Herrn der Christenheit, tatsächlich bestellt war. War nach geraumer Zeit der Ritt zu Ende, waren seine Beine blutüberströmt, denn die Adern an den Unterschenkeln waren trotz dicker Bandagen der Ärzte aufgebrochen. Vorsichtig wurden die blutigen Binden entfernt und die Wunden mit brennenden Salben eingerieben, danach setzten ihm die Ärzte Blutegel an oder ließen ihn zur Ader, um seinen Körper von schlechten Säften zu reinigen.

… KARL SCHAUDERTE bei dem Gedanken an diese Torturen, obwohl er wußte, daß er auch hier nicht diesen Methoden entgehen konnte. Er fühlte sich nach einem Aderlaß noch matter und energieloser; vielleicht war es der Blutverlust, der ihm so zu schaffen machte und ihn über die Maßen schwächte. Aber so mächtig er einst über Leben und Tod war, so wenig Stimme hatte er gegen die medizinischen Kapazitäten, die taten, was sie für richtig hielten, und zu deren Ansichten selbst der ehemalige Kaiser zu schweigen hatte. – Die Ärzte schüttelten mißbilligend den Kopf, sobald sie eine Karawane erspähten, die sich Yuste näherte und frische Köstlichkeiten herbeischaffte. Der Kaiser schlug die ernsten Warnungen der Ärzte noch immer in den Wind. Ja, er war von ihnen abhängig, wenn er von tausend Schmerzen befallen wurde, aber kaum war alles vorbei, fragte er sich, warum ihm die Ärzte gerade das verbieten wollten, was er so liebte: eine gute Bouillon, überreichlich mit schwarzem Pfeffer gewürzt. Er hatte sich an die Schärfe der verschiedensten Gewürze so gewöhnt, daß sein Gaumen geradezu nach ihnen lechzte. Aus allen Teilen der Welt, die in habsburgischem Besitz waren, brachten die Seefahrer im Auftrag der Kaufleute exotische Würzstoffe nach Europa. Hauptumschlagplatz für alles, was Speisen verfeinerte, war Augsburg, eine seiner Lieblingsstädte. Die Familie der Fugger, reiche Händler aus Augsburg, hatten genauso wie ihre Nachbarn, die Welser, den europäischen Gewürzhandel fest in der Hand und machten ein Vermögen mit dieser begehrten Ware. Jeder, der es sich leisten konnte, stellte seinen Reichtum zur Schau, indem er alle Speisen übermäßig pfefferte. Was man nicht wissen konnte, war die Tatsache, daß übermäßiger Pfeffergenuß Zeugungsunfähigkeit bewirkt. Verwundert stellte man nur fest, daß in so mancher Adelsfamilie vergeblich auf Nachwuchs gehofft wurde …

… DER ALTE KAISER stützte seinen Kopf in die Hände. Was wußten die Ärzte wirklich? War einer dem anderen nicht ohnedies feindselig gesinnt? Er hatte ihre Methoden am eigenen Leib verspürt, hatte miterlebt, wie gegensätzlich ihre Therapien waren. Wie oft hatte ihn hohes Fieber befallen, und wie lautstark stritten dann die Ärzte vor seinem Bett über die Behandlungsart, die man ihm angedeihen lassen wollte. Die einen waren dafür, daß man den Kranken in warme Decken wickelte, damit er ausgiebig schwitzte, die anderen verwarfen diese Vorgangsweise als völlig sinn- und zwecklos, bezeichneten sie als lebensgefährlich und propagierten Eiswasserwickel. Eigentlich, so dachte der alte Kaiser, mußte er eine starke Natur haben, daß er all die Prozeduren aushalten konnte. Aber vielleicht war es sein eiserner Wille, der ihn aufrecht- und am Leben erhalten hatte.

Und doch war er jetzt, in der Ruhe und Abgeschiedenheit, die ihn umgab, froh, sich entschlossen zu haben, die Sorgen abzuschütteln und das Reich und die Kaiserwürde seinem Bruder Ferdinand zu übergeben. Der war mit einer robusteren Gesundheit und einem ausgeglicheneren Gemüt ausgestattet als er und würde die Regierungsgeschäfte zur Zufriedenheit aller führen. – Karl schüttelte den Kopf: Ferdinand! Er war sein Bruder, und doch war er ihm lange Zeit wie ein Fremder gegenübergestanden. Sie waren nicht wie Brüder aufgewachsen, und viele Jahre lang hatte er überhaupt nur seinen Namen gekannt, denn Ferdinand lebte nicht im Kreis der Geschwister. Ferdinand war vom spanischen Großvater, Ferdinand von Aragon, erzogen worden. Es waren zweierlei Welten, in denen die Brüder aufgewachsen waren: Spanien und die Niederlande hatten nichts gemeinsam, genauso wie Karls Eltern Philipp und Juana in jeder Hinsicht verschieden waren. Und genauso unterschiedlich waren die Charaktere ihrer Kinder. Karl hatte in seiner Jugend mit Schreck festgestellt, daß er, der in Gent geboren war und hier im lebenslustigen Flandern im Kreis von heiteren Leuten aufwuchs, sich inmitten des Trubels und der Lebenslust nicht wohl fühlte, daß es ihn mit Macht in die Einsamkeit zog und daß er lieber stundenlang für sich alleine war. Das spanische Wesen, der düstere Ernst seiner Mutter brach sich in ihm Bahn, er war in seinem Charakter mehr Spanier als Burgunder oder Deutscher. Ganz anders hingegen zeigte sich der Bruder. Karl war überrascht, als er Ferdinand kennenlernte. Nicht nur, weil ihm der Bruder mit Ehrfurcht gegenübertrat, als sie einander zum ersten Mal begegneten. Er war mißtrauisch gewesen, und so verhielt er sich Ferdinand gegenüber verschlossen. Aber er mußte zu seiner großen Verwunderung feststellen, wie freundlich der Bruder ihn begrüßte, und daß er sich von Herzen freute, Karl endlich kennenzulernen. Und obwohl Ferdinand nur Spanisch sprach und Karl mit dieser Sprache zunächst Schwierigkeiten hatte, gewann er schon sehr bald den Eindruck, als wäre er gemeinsam mit dem Bruder aufgewachsen. Und er bedauerte zutiefst, daß es ihnen nicht vergönnt war, die Kindheit und Jugend miteinander zu verbringen. Heute wußte Karl nicht, ob er Ferdinand im nachhinein beneiden sollte oder nicht. Ihre Lebenswege waren so verschieden wie ihre Kindheit …

Die spanischen Großeltern

Es war eine schwere Hypothek, die Karl von den Großeltern übernommen hatte. Er konnte zufrieden sein mit dem, was er von dem Ererbten erhalten hatte. Wenn auch die Könige von Frankreich und England sowie alle Päpste konsequent Position gegen ihn bezogen hatten, so konnte er heute sagen, daß die Länder, die er von seinem österreichischen Großvater übernommen hatte und die vom Schicksal vermehrt worden waren, sicher in den Händen seines Bruders Ferdinand lagen und daß Spanien kaum einen besseren Herrscher hätte finden können als seinen Sohn Philipp. Nur um die Niederlande, die ihm am meisten am Herzen lagen, machte er sich Sorgen, denn er erkannte, daß sein Sohn nicht der richtige Regent für dieses unkomplizierte, leichtlebige und doch so schwierige Volk sein würde, dessen einziges Ziel die Freiheit war…

… KARL SEUFZTE TIEF. Was hätte er tun sollen, hätte er seine Länder in Brüssel im Jahre 1522 anders zwischen sich und dem Bruder aufteilen, hätte er die Niederlande bei den österreichischen Gebieten belassen sollen? Aber er wollte damals seinen Einfluß auf sein Geburtsland nicht aufgeben, er wollte ab und zu nach dem Rechten sehen. Daß Philipp in den Ländern seiner burgundischen Ahnen keinen Anklang finden würde, konnte er nicht vorhersehen. Jetzt schien es zu spät zu sein, jetzt war das Rad im Rollen und rollte unablässig einer Katastrophe zu. Philipp konnte und wollte die Niederländer nicht verstehen, er war ganz und gar Spanier mit seinem verschlossenen Wesen, mit seiner Zurückhaltung und seinem Ernst. So stellte er sich seinen aragonesischen Großvater vor, den er selbst nie kennengelernt und von dem er einst Spanien geerbt hatte. Ihm konnte er auch heute noch in der Erinnerung des spanischen Volkes an allen Ecken und Enden begegnen …

Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon waren populär und lebten in der Erinnerung des Volkes weiter wie ein Königspaar aus dem Märchenbuch. Dabei war es keinem der beiden in der Wiege vorherbestimmt, einmal eine Krone zu tragen. Isabella stammte genauso aus der zweiten Ehe ihres Vaters wie in Aragon Ferdinand. Aber die Fügungen des Schicksals wollten es, daß der Stiefbruder Isabellas nach zahlreichen Intrigen und lebensgefährlichen Situationen für Isabella gerade im richtigen Augenblick starb, und sie sich kurz entschlossen am 13. Dezember 1474 zur Königin von Kastilien ausrufen ließ. Bei Ferdinand war der Tod ebenfalls der Königsmacher, denn dank ihm trat der Prinz aus der rückwärtigen Reihe ins Rampenlicht und wurde zum König von Aragon gekrönt …

… MAN HATTE ihm und den Geschwistern viel über die spanischen Großeltern erzählt, vor allem Margarete war voll des Lobes über die menschliche Wärme der beiden. So sehr Isabella ein Leben lang damit beschäftigt war, das vereinigte Spanien politisch durchzuorganisieren, so erstaunlich war es, daß sie sich Zeit genommen hatte, der Schwiegertochter Margarete Strategien aufzuzeigen, die für die Führung eines Staates wichtig waren.

Alles, was Margarete seinerzeit über die Großeltern berichtet hatte, war ihm und den Schwestern wie ein Märchen vorgekommen, vor allem die Geschichte, wie die beiden ein Paar wurden. Für Karl grenzte es ans Unvorstellbare, daß sich Isabella in ihrer Jugend ihren Ehemann selber ausgesucht hatte, daß sie vor dem Stiefbruder Enrique IV., der damals König von Spanien war, geflohen war, um nicht von diesem fürchterlichen Unhold an einen seiner wüsten Freunde verheiratet zu werden …

Isabella, ein dynamisches Mädchen, war nach dem überraschenden Tod des Vaters, König Juan II., einem weltfremden Philosophen, von ihrem Halbbruder Enrique, der sofort die Macht an sich gerissen hatte, von einem Tag auf den anderen zusammen mit dem Bruder Alfonso und der Mutter vom Königshof vertrieben worden. Sie hatte dieses Schicksal mit Fassung getragen, vielleicht war sie zu jung, um die Konsequenzen zu durchschauen. Aber ihre Mutter, eine labile Frau, verkraftete diesen Schlag nicht.

… SEINE SPANISCHE GROSSMUTTER hatte des öfteren angedeutet, so ging es Karl durch den Kopf, daß die geistige Labilität seiner Mutter Juana vielleicht auf ein Erbteil ihrer eigenen Großmutter zurückging. Diese hatte niemals mehr die Kraft gefunden, ihr Erbteil von ihrem Stiefsohn einzufordern und lebte lieber in bitterer Armut. Sie fiel für den Rest ihres traurigen Lebens von einer Depression in die andere und benahm sich hin und wieder sehr seltsam. Auch in ihrem Äußeren glich ihr die Enkelin Juana. Aber je mehr sich Karl darüber Gedanken machte, umso mehr geheimnisvolles Dunkel legte sich über seine Spekulationen. War es möglich, daß bestimmte Charaktereigenschaften immer wieder in der Familie zum Vorschein kamen? Denn auch er und Maria waren nicht gegen Melancholie gefeit und mußten an manchen Tagen gegen trübe Stimmungen ankämpfen, während Bruder Ferdinand die Probleme des Lebens mit anderen Augen betrachtete und vieles auf die leichte Schulter nahm, worüber er selbst nächtelang keinen Schlaf fand …

Isabella war, nachdem sie den Königshof verlassen hatte, in der Stille eines Klosters erzogen worden. Hier erwarb sie ihre ersten Kenntnisse, die sie ein Leben lang ausbauen sollte. Sie lernte nicht wie junge Mädchen ihrer Zeit nur die üblichen Fertigkeiten, die eine gute Hausfrau beherrschen sollte, sie fand in den Büchern der Bibliothek eine unendliche Quelle des Wissens, durch die sich für sie eine neue Welt auftat. Und da sie keine eigenen Lehrmeister hatte, nahm sie sich felsenfest vor, daß sie, sollte sie einmal in der glücklichen Lage dazu sein, all das nachholen wollte, was ihr jetzt durch die widrigen Umstände zu lernen nicht vergönnt war.

Auf Veranlassung ihres königlichen Halbbruders wurde sie gezwungen, den ruhigen Klosteraufenthalt mit dem schrillen Hof Enriques zu vertauschen – wo sie tagtäglich so viel Verkommenheit und Lasterhaftigkeit um sich sah, daß sie beschloß, koste es, was es wolle, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wollte sie nicht Gefahr laufen, eines Tages im unendlichen Sumpf zu versinken. Die Zeit drängte, denn sie konnte sich ausrechnen, wann der Tag kommen würde, da sie ihr Stiefbruder an einen seiner amoralischen Günstlinge verkuppeln würde. Durch die anzüglichen Bemerkungen bei Hof und die ausgestreuten Gerüchte, die kursierten, wurde sie hellhörig. Außerdem hatte es zwei konkrete Freier gegeben, gegen die sie sich kaum hätte wehren können, aber beide waren wie durch ein Wunder auf dem Weg nach Spanien geheimnisvoll ums Leben gekommen.

In Erzählungen hatte Isabella von dem aragonesischen Prinzen Ferdinand gehört, der in ihrem Alter war und der ein attraktiver, mutiger Mann sein sollte. Sie zog heimlich über Ferdinand Erkundigungen ein und wurde durch das, was man ihr über den Prinzen berichtete, darin bestärkt, daß er der richtige Mann für sie sein würde.

Nur wußte Isabella zunächst nicht, wie der Auserwählte von seinem Glück erfahren sollte, außerdem war es nicht sicher, daß Ferdinand sie heiraten wollte. Alles konnte Isabella ertragen, nur keine Ungewißheiten. Daher schrieb sie kurzerhand einen Brief an den Prinzen, in dem sie ihm mitteilte, daß sie beabsichtigte, ihn zu ehelichen. Außerdem schilderte sie Ferdinand die aussichtslose Lage, in der sie sich befand. Sollte er ihre Werbung annehmen und gewillt sein, sie zu heiraten, so müsse er besonders vorsichtig zu Werke gehen, denn ihr Halbbruder König Enrique hatte seine Späher aufgestellt, die jeden Schritt Isabellas überwachten.

Ferdinand, der trotz seiner Jugend, er war gerade siebzehn Jahre alt, reichlich Erfahrung mit den Damen gesammelt hatte, mußte nicht wenig überrascht gewesen sein, von einem jungen Mädchen aus dem kastilischen Königshaus einen Heiratsantrag zu bekommen. Und je öfter er den Brief las, umso mehr festigte sich in ihm die Überzeugung, Isabella mußte etwas Besonderes sein! Neugierig machte sich Ferdinand unter größten Gefahren auf den Weg. Als Eselstreiber verkleidet zog er meistens nachts wochenlang durch unwegsames Gelände. Bei diesem seltsamen Brautzug wäre er fast von einem Torwächter mit einem Stein erschlagen worden, der das Lumpengesindel, denn als solches sah er den Prinzen und seine Begleiter an, nicht in die nächtliche Stadt einlassen wollte.

Umso freudiger war die Überraschung Ferdinands, als er dem Mädchen gegenüberstand, das ihn unbedingt zum Mann haben wollte: Mit ihrem blonden Haar, den grünblauen Augen und dem hellen Teint entsprach sie so gar nicht dem kastilianischen Frauentyp. Sie wirkte exotisch, was ihren Reiz noch erhöhte. Isabella war vom ersten Augenblick an Ferdinand verfallen, sie fühlte, daß er der Mann war, den sie in ihren langen Träumen herbeigesehnt hatte, den sie ein Leben lang lieben würde, komme, was da wolle!

Und es kam viel auf die beiden jungen Leute zu. Enrique konnte seinen Zorn über die Heirat seiner Schwester kaum bezähmen, er unternahm alles, um Isabella und Ferdinand nicht zur Ruhe kommen zu lassen, so daß sie stets auf der Hut sein mußten. Isabella hatte an der Seite Ferdinands ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit, das sie lange vermißt und gesucht hatte, endlich hatte sie eine Stütze und einen Partner, dem sie all ihre Gedanken offenbaren konnte. Denn wenn sie auch noch tatenlos herumsitzen mußte, hatte sie die felsenfeste Überzeugung, daß der Tag kommen würde, an dem sie die Krone Kastiliens tragen würde.

Ferdinand hörte meist mit unbeweglichem Gesicht den mit großem Enthusiasmus vorgetragenen Ausführungen seiner Frau zu, überdachte ihre Pläne und Vorstellungen und machte sich seine eigenen Gedanken. Nur selten war er zu einem Kommentar zu bewegen, meist schwieg er. Aber was einen anderen Menschen gestört hätte, die Reaktionslosigkeit des Ehepartners, war das, was Isabella brauchte. Sie wußte, was sie wollte, hatte aber das Bedürfnis, mit Ferdinand darüber zu reden.

Mit dem überraschenden Tod Enriques und durch das kurzentschlossene Handeln Isabellas änderte sich das Leben der beiden von Grund auf. Ferdinand war zunächst keineswegs erfreut, daß seine Frau nun Königin war und er selber keine Machtposition innehatte …

… KARL SCHAUTE vor sich hin. Der Großvater mußte ein eigentümlicher Mann gewesen sein, im Schatten seiner dynamischen Frau. Er, Karl, hätte sich niemals vorstellen können, nicht alle Entscheidungen selbst zu treffen, sondern das zu akzeptieren, was seine Frau für gut und richtig hielt. Immer wurde, wenn die Rede auf den spanischen Großvater kam, dessen undurchschaubarer, undurchsichtiger Charakter hervorgehoben, wurde berichtet, wie er in stundenlangen Sitzungen mit steinerner Miene dasitzen und zuhören konnte, was die anderen vorzutragen hatten. Nur ab und zu soll ein Aufflackern in seinen dunklen Augen zu bemerken gewesen sein, sobald es sich um gewinnbringende finanzielle Transaktionen handelte …

Sie hätten in ihrem Wesen keine größeren Gegensätze bilden können, die lebhafte, interessierte, aufgeschlossene und zielstrebige Isabella mit ihren hochfliegenden Plänen, die sie letztlich alle in die Tat umsetzen konnte, und der wortkarge, verschlossene Ferdinand, den seine Frau trotz aller Affären, die man ihm im Lauf ihrer Ehe nachsagte, bis an ihr Lebensende abgöttisch liebte. Auch Ferdinand war seiner alles beherrschenden Frau zugetan, obwohl er in den letzten Jahren ihrer Ehe keine körperlichen Beziehungen mehr zu ihr unterhielt. Dies geschah nicht, weil er sie, trotz ihrer zunehmenden Leibesfülle, nicht mehr anziehend fand; Isabella war es, die alle sexuellen Kontakte zu ihrem Mann nach der Geburt der Tochter Katharina abgebrochen hatte, da sie fand, daß fünf Kinder, die sie unter größten Strapazen geboren hatte, genug seien. Und da sie mit jeder körperlichen Annäherung ihres Mannes eine neuerliche Schwangerschaft fürchten mußte, blieb ihr nichts anderes übrig, als jahrelang in nonnenhafter Keuschheit zu leben.

Isabella reformierte Spanien von Grund auf. Alles in dem Staat, den sie als junge Frau übernommen hatte, wurde durch sie geändert. Sie leistete ein gewaltiges Werk, nicht nur in politischer Hinsicht, auch Moral und Sitte erhielten wieder den Stellenwert, der in einem wohlfunktionierenden Staatswesen nötig war. Es war geradezu ein Wunder, was Isabella nach den kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem portugiesischen Nachbarn, König Alfonso, vollbrachte.

Der König von Portugal hatte eines Tages die Krone Kastiliens für sich beansprucht. Er hatte sich entschlossen, nicht aus heißer Liebe die geheimnisvolle Tochter Enriques, Juana Beltraneja, zu heiraten. Juana war eine wenig anziehende Person, die wahrscheinlich nicht den spanischen König, sondern dessen Liebhaber, den vielseitigen schönen Beltran de la Cueva, der sowohl zum König als auch zur Königin intime Beziehungen pflegte, zum Vater hatte. Juana war eine bedauernswerte Frau, die die meiste Zeit als Nonne in einem Kloster verbrachte und nur dann hervorgeholt wurde, wenn es galt, durch sie einen politischen Vorteil zu erringen. So war es auch jetzt.

Isabella und Ferdinand nahmen unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen – sie mußten die Kirchenschätze verpfänden, um ein brauchbares Heer aufstellen zu können – den Fehdehandschuh auf, den Alfonso ihnen aus heiterem Himmel hingeworfen hatte. Die Kämpfe auf beiden Seiten waren verlustreich und die Schlacht bei Toro gipfelte in einem riesigen Gemetzel, so daß Alfonso Frieden schließen mußte.

… HEUTE NOCH erstaunten ihn die übermenschlichen Leistungen seiner Großmutter. Es grenzte an ein Wunder, daß sie in kurzer Zeit die Lage in Kastilien in den Griff bekam. Sie hatte sich die richtigen Berater zugelegt, denn sie hatte klar erkannt, daß sie nicht überall sein konnte, um nach dem Rechten zu sehen. Ruhe hatte sie sich niemals gegönnt, auch nach einem anstrengenden Tag las sie noch bis spät in die Nacht hinein in alten Büchern. Dabei war sie auf eine Einrichtung gestoßen, die in früherer Zeit für Ruhe und Ordnung gesorgt und sich bestens bewährt hatte, auf die Santas Hermandades, die »Heiligen Bruderschaften«, die sie erneut ins Leben rief. Diese bewirkten, daß die Vorschriften und Gesetze, die sie, die Königin, erließ, eingehalten wurden, daß die Geistlichkeit ihr liederliches Leben aufgab und zu ihrer eigentlichen Berufung zurückkehrte. Noch heute basierte alles, worauf sich sein Sohn Philipp als König von Spanien verlassen konnte, auf dieser Einrichtung. Die Hermandades übernahmen alle wichtigen Aufgaben im Staat Isabellas, kontrollierten die Rechtsprechung, bekamen von der Königin die ausführende Gewalt und die Steuereintreibung übertragen. Sie wurden zu einer Hilfe, auf die sie als ordnendes Organ nicht mehr verzichten konnte …

Langsam änderte sich das Leben in Kastilien grundlegend. Die Menschen konnten ruhig schlafen und mußten nicht aus Angst vor Raub und Plünderungen, vor Mord und Totschlag zittern. Mit der Sicherheit im Lande wuchs der wirtschaftliche Wohlstand, und nach wenigen Jahren vernahm man in Europa erstaunt die Kunde, daß sich Kastilien und später Aragon unter der Herrschaft von Isabella und Ferdinand als gleichwertige Staaten ins Konzert der europäischen Mächte gemischt hatten.

Isabella hatte sich große Aufgaben vorgenommen und viel erreicht. Dabei überschritt sie manchmal den Rahmen des Menschlichen. Sie war von Jugend an streng religiös. Der katholische Glaube war für sie der allein selig machende. Wie stark sie in ihren Anschauungen von ihrem Gemahl unterstützt wurde, blieb ein Geheimnis. Es ist aber nicht anzunehmen, daß Ferdinand mit einer derartigen Inbrünstigkeit den Lehren der Kirche und ihrer Vertreter auf Erden lauschte wie Isabella. Daß so mancher raffinierte Geistliche sich ihre Kirchentreue zunutze machte, konnte nicht ausbleiben. Bald begannen im ganzen Land die Scheiterhaufen zu lodern, auf denen man Menschen verbrannte, die zwar ihrem alten Glauben in letzter Minute abgeschworen hatten, deren Gesinnungswandel man aber nicht anerkennen wollte. Mit dem Zeichen des Kreuzes ging man gegen die Conversos oder auch Marranos vor und war in Wahrheit nur von kalter Gewinnsucht getrieben. Denn die Conversos waren Juden, die seit Generationen in Spanien lebten und die sich als brillante Händler und Kaufleute auszeichneten. Daß sie den Königen nicht unbeträchtliche Kredite gewährt hatten, war Königin Isabella und ihrem geschäftstüchtigen Gemahl ein Dorn im Auge. Es bedurfte keiner langen Überredung durch den Beichtvater Isabellas, Cisnero, daß sie diese Leute für suspekt erklärte. Man begann Gerüchte auszustreuen, daß die Conversos es nicht so ernst mit dem Abschwören ihres alten Glaubens meinten, daß sie weiterhin im geheimen ihre Rituale pflegten und daß in diesem Zusammenhang Kinderopfer dargebracht wurden. Bald schleppte man den ersten Converso, nachdem man ihn ausgiebig gefoltert hatte, zur Richtstätte. Ob er gestanden hatte oder nicht war völlig belanglos, denn man wußte die Aussagen des Gequälten so zu drehen, daß man Grund genug fand, um ihn lichterloh brennen zu sehen.