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Sigrid-Maria Größing

Maximilian I.

Sigrid-Maria Größing

Maximilian I.

Kaiser · Künstler · Kämpfer

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© 2002 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Dieses Buch ist meiner Freundin Linde Liko
in Erinnerung an unsere gemeinsame Studienzeit
an der Universität Wien gewidmet
.

Inhalt

Vorwort

Die ungleichen Eltern: Friedrich III. und Eleonore

Maximilians Jugend

Brautschau

Endlich Hochzeit

Kurzer schöner Traum in Burgund

Die Katastrophe

Harte Zeiten für Maximilian

Unruhige Jahre

Eine Braut und zwei Ehemänner

Endlich Alleinherrscher

Bianca Maria Sforza – die arme reiche Braut

Maximilian und seine legitimen Kinder

Philipp und Margarete

Die spanische Doppelhochzeit

Schwierigkeiten mit dem einzigen Sohn

Vater »Maxis« Liebling Margarete

Ewiger Zankapfel: Mailand

Engagement in Italien

Schwierigkeiten auf allen Linien

Maximilians »natürliche« Kinder

Christoph Viertaller

Georg

Cornelius

Unüberschaubare Nachkommenschaft

Hoffnung in Sicht

Reichsreform

Der Künstler

Maximilians Kaisertraum

Papst-Pläne

Tu felix Austria nube!

Enttäuschungen am Lebensabend

Maximilians letzter Weg

Danksagung

Anhang

Kurzbiografien

Französische Könige und Päpste zur Zeit Maximilans I.

Zeittafel

Stammtafeln

Quellen- und Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Person Kaiser Maximilians I. hat im Laufe der Jahrhunderte nichts an Faszination eingebüßt. Nicht mit dem letzten Glockenton vergessen, ist er bis heute im Gedächtnis der Nachwelt geblieben.

Eine Institution ist es besonders, als deren Vater Maximilian angesehen werden kann. Er hat das Beamtentum ins Leben gerufen, dessen letzte Stunde in diesen Tagen schlägt. Ganz auf die Person des Herrschers konzentriert, sollten ausgewählte Leute mit großer Erfahrung zum Wohle des Staates tätig sein. Das Konzept Maximilians ist über lange Zeiträume hinweg erhalten geblieben, es hat von Österreich aus in halb Europa Schule gemacht.

Was heute als überholt abgeschafft wird, war in der Phase des Umbruchs zwischen Mittelalter und Neuzeit eine der bedeutendsten Neuerungen der Zeit, die sich bahnbrechend für die Zukunft der Habsburger-Monarchie erweisen sollte. Es war in vielerlei Hinsicht ein Glück, dass nach den langen Jahren der Unsicherheit in Mitteleuropa mit Maximilian I. endlich ein Mann an die Macht gekommen war, der durch seinen weiten, umfassenden Geist einen Ausgleich zwischen Althergebrachtem und Neuem, zwischen Tradition und Fortschritt zu schaffen vermochte. Trotz der unzähligen Kriege, die er zu führen gezwungen war, und der Streitigkeiten mit den Reichsfürsten, verlor er kaum seinen Optimismus und seine positive Lebenseinstellung. Vielfältig interessiert war er ein Leben lang aufgeschlossen für alles Neue in Wissenschaft und Kunst. So wurde er – nicht nur kunstbegeistert, sondern selber Künstler – zu einem großen Förderer der deutschen Maler und Bildhauer.

Unzählige Geschichten und Legenden geben Zeugnis von seiner ungebrochenen Popularität. Sie haben den genialen Habsburgerkaiser unsterblich gemacht.

Sigrid-Maria Größing

Großgmain, im Juli 2002

Die ungleichen Eltern: Friedrich III. und Eleonore

Es war ein merkwürdiger Tag, jener 22. März des Jahres 1459. Hell leuchtend hatte ein Komet seine Bahn über den nächtlichen Himmel gezogen wie einst der Stern von Bethlehem und die Menschen in erwartungsvolles Erstaunen, aber auch in Angst und Schrecken versetzt: Hatte der Himmel selbst ein Zeichen gegeben in dieser wirren düsteren Zeit?

Es herrschte Chaos im Land, denn keinem einzigen Herrscher war es in den letzten Jahrzehnten möglich gewesen, nur einigermaßen für Sicherheit und Ruhe zu sorgen. Brutale Gewalt bestimmte den Alltag und nur der Starke hatte eine Chance, sich in dieser Wirrnis zurechtzufinden. Wegelagerer und Strauchdiebe bedrohten nicht nur die Händler, sie unterbanden mit ihren hinterlistigen Überfällen auf Handelszüge jedwedes geregeltes Leben auch in den Städten. Hunger machte sich breit, denn kaum einer getraute sich mehr, mit seinen Gütern eine größere Wegstrecke im Lande zurückzulegen. Das Geld hatte in den letzten Jahrzehnten stetig an Kaufkraft eingebüßt, so dass König Friedrich III. schließlich keinen anderen Rat wusste, um dieser Misere Abhilfe zu schaffen, als immer mehr Münzen auf den Markt werfen zu lassen. Dabei wurden die Geldstücke Zug um Zug leichter, sie enthielten bei jeder neuen Prägung weniger Edelmetalle und schon sehr bald höhnte man sie ihres geringen Wertes wegen als »Schinderlinge«. Es hätte einer wahrhaft starken Hand bedurft, um all die Missstände zu beseitigen.

Der Habsburger Friedrich, den man im Jahre 1440 zum deutschen König gewählt und zwei Jahre später in Aachen gekrönt hatte, war mit seinen 25 Jahren nicht der Mann, der mit diesen Zuständen hätte fertig werden können. Die Kurfürsten hatten seinerzeit bewusst keinen durchschlagskräftigen Menschen zum König gekürt, denn jeder der deutschen Fürsten und auch der österreichischen Adeligen war einzig und allein daran interessiert gewesen, die eigenen Machtbefugnisse zu behalten, wenn nicht sogar noch auszubauen. Das Reich brauchte zwar einen Monarchen, aber beileibe keinen Herrscher! Und Friedrich würde voraussichtlich keinerlei Ambitionen an den Tag legen, irgendeinem der Großen des Reiches auch nur das Geringste am Zeug flicken zu wollen.

Man hatte richtig spekuliert. Friedrich kämpfte mit viel zu vielen Problemen in den eigenen Ländern, als dass er große Reichspolitik hätte machen können. Zusätzlich litt er ein Leben lang an chronischem Geldmangel und sein eigener Bruder Albrecht machte ihm, wo er nur konnte, das Leben schwer. Von allem Anfang an hatte er den Herrschaftsanspruch Friedrichs in Frage gestellt, denn der eigentliche Nachfolger des früh verstorbenen Habsburgerkönigs Albrecht war dessen nachgeborener Sohn Ladislaus, der allerdings noch in den Kinderschuhen steckte. Man hatte Friedrich, der selber erst die Zwanzig überschritten hatte, zum Vormund des Knaben bestellt und ihm damit eine Aufgabe übertragen, die sich für ihn zu einem lukrativen Geschäft entwickeln sollte, da er die beträchtlichen Einnahmen aus dem reichen Böhmen und dem wohlhabenden Ungarn, aus den Ländern, die seinem Mündel von seinen Eltern vererbt worden waren, in die eigene Tasche streichen konnte, ohne seinen Bruder daran zu beteiligen! Ein nicht enden wollender Bruderzwist bahnte sich an, wobei Albrecht vor keiner listigen Intrige und keiner infamen Schurkerei zurückschreckte, wenn es galt, Friedrich und dessen Familie das Leben schwer zu machen.

Albrecht wäre vermutlich in diesen harten Zeiten der richtige Herrscher gewesen. Stets prunkvoll gekleidet, schien er der Inbegriff von Entschlossenheit und Tatkraft zu sein, von Unerschrockenheit und Kühnheit, ein echter Haudegen und mutiger Kämpfer.

Friedrich III. stellte das genaue Gegenteil seines dynamischen Bruders dar, zurückhaltend, griesgrämig, ein ewiger Zauderer. Während der eine wie ein Spieler alles auf eine Karte setzte, vermied der andere jedes noch so geringe Risiko. In sich gekehrt hätte Friedrich sich am liebsten in eine abgelegene Kammer in seiner Wiener Neustädter Burg zurückgezogen, um sich dort ausschließlich seinen alchimistischen Studien hinzugeben, um in aller Ruhe mit geheimnisvollen Stoffen, die er vermischte und kochte, zu experimentieren, immer in der Hoffnung, einmal einen Klumpen Gold als Ergebnis seiner Bemühungen in einer Schale zu finden. Friedrich verfügte über hohe naturwissenschaftliche und botanische Kenntnisse, die er aufgrund seiner Experimentierfreudigkeit in die Tat umzusetzen versuchte. Er arbeitete nur nachts. Vielleicht galt er deshalb und wegen seiner Geheimniskrämerei, aber auch aufgrund seiner übrigen seltsamen Gewohnheiten als schrullig. Kaum einer konnte sich so recht erklären, warum er Mäusekot sammelte oder niemals eine Tür mit der Hand zumachte, sondern immer mit dem Fuß zuschlug. Neben seinen Liebhabereien war er ein begeisterter Sammler von Edelsteinen. Der sonst so zurückhaltende Mann konnte in wahre Begeisterung ausbrechen, wenn ihm ein besonders funkelnder, kostbarer Stein angeboten wurde. Seine Leidenschaft für alle möglichen wertvollen Mineralien ließ ihn schon als jungen Menschen geradezu über seinen Schatten springen, denn er, der sich so ungern auf Reisen begab, hatte 1436 den weiten Weg ins heilige Land nicht gescheut, um dort – als einfacher Mann verkleidet – von den Händlern besonders seltene Edelsteine zu erstehen. In den vielen Jahren seiner Sammlertätigkeit entstand eine Sammlung, die ihresgleichen in Europa suchte.

Friedrich III. galt bei seinen Zeitgenossen als äußerst misstrauisch. Bei allem was er plante, versuchte er auf Nummer sicher zu gehen, um nicht in irgendein unvorhergesehenes Abenteuer zu schlittern. Deshalb wandte er sich vor allen Entscheidungen, die er zu treffen hatte, an die Sterne. Da er seinen eigenen astronomischen und astrologischen Kenntnissen nicht ganz traute, beschäftigte er an seinem Hof prominente Gelehrte, die als Experten in diesen Wissenschaften galten. Mit dem Blick in die Sterne versuchte Friedrich die engen Bande der irdischen Erkenntnis zu sprengen und über die Grenzen des Menschseins hinauszuschreiten. Es genügte ihm nicht, die Gegenwart zu interpretieren, er wollte Zeichen für später setzen und dazu musste er wissen, was die Zukunft ihm und dem Reich bescheren würde.

Dabei war er ein Herrscher, der den Eindruck erweckte, in entscheidenden Augenblicken oft nicht zu handeln. Aber in diesem Nichthandeln lag vielfach seine Stärke – dies konnten seine Zeitgenossen jedoch nicht erkennen. Für so manche, die in prekären Situationen auf eindeutige Entscheidungen gewartet hatten, kamen viele Beschlüsse zu spät. Dann verglich man »des Reiches Erzschlafmütze«, wie man den König mit einem wenig schmeichelhaften Beinamen bedacht hatte, mit seinem tatkräftigen Bruder, der aus ganz anderem Holz geschnitzt war. Und immer lauter wurden die Stimmen, die forderten, dass dieser dynamische Albrecht den Thron besteigen sollte. Die Situation für Friedrich war ernst geworden. Daher war es für ihn geradezu ein Glücksfall, dass Albrecht VI. im Jahre 1463 völlig überraschend starb.

Friedrich III. lebte aus der Tradition heraus, sein Denken und Handeln fußte noch stark auf den mittelalterlichen Strukturen. Aus allen Teilen Europas waren seine Vorfahren gekommen, sie stammten aus Spanien und Portugal, genauso wie aus England und Italien, aber auch aus dem Osten, wie seine sagenhaft starke Mutter Cimburgis von Masowien. In dieser internationalen Abstammung liegt sicherlich die Wurzel für das Weltbürgertum seines Sohnes Maximilians, für dessen geistige Aufgeschlossenheit und unendliche Phantasie, die ihn ein Leben lang auszeichneten. Während bei Friedrich III. das Blut seiner Ahnen träge durch die Adern rollte, pulsierte es rasch und lebendig bei Maximilian und verlieh ihm Kraft und Elan.

Bei der mangelnden Entschlussfreudigkeit des Königs schien es nicht verwunderlich, dass er bereits die Dreißig überschritten hatte, als er endlich einsah, dass er sich nach einer Frau umsehen musste. Höchstwahrscheinlich erfolgte die seltsame Brautschau mehr aus dynastischen Gründen als aus eigenem Verlangen. Man hatte dem Hagestolz verschiedene Prinzessinnen in heiratsfähigem Alter und von passendem Stand vorgeschlagen, aber er konnte sich für keine ernsthaft erwärmen, zu sehr fürchtete er sich vor einem Hinterhalt, einer Falle, in die er hineintappen konnte. Als ihm allerdings 1448 Herzog Philipp der Gute von Burgund, ein aufrichtiger Freund, der selbst mit der portugiesischen Prinzessin Isabella glücklich verheiratet war, die Tochter des Königs Eduards (Duarte) von Portugal vorschlug, begann er über diesen freundschaftlichen Rat ernsthaft nachzudenken. Zu diesem Zeitpunkt zählte die vorgesehene Prinzessin Eleonore gerade 12 Lenze. Aber Friedrich hatte es – trotz seines fortgeschrittenen Alters – ohnehin nicht eilig, mit einer Frau ins Ehebett zu steigen und so kam ihm das zarte Alter seiner potenziellen künftigen Gemahlin gerade recht. Vorsichtig, wie es seiner Art entsprach, begann er am portugiesischen Hof vorzufühlen, ob der junge König Alphons V., der seinem Vater auf den Thron gefolgt war, geneigt wäre, ihm seine Schwester zur Gemahlin zu geben. Über die Werbung des deutschen Königs um ihre Hand geriet die temperamentvolle, entzückende Eleonore geradezu aus dem Häuschen. Es dauerte nicht lange, da trafen auch schon die Gesandten Friedrichs in Lissabon ein, unter ihnen ein Maler, der ein Bildnis von Eleonore für Friedrich anfertigen sollte. Und Eleonore konnte sich wirklich porträtieren lassen! Ihre unzähligen Bewunderer rühmten die Ebenmäßigkeit ihres zarten Gesichtes, die ungewöhnlich sprechenden Augen und das gold-blonde Haar genauso wie ihre grazile Gestalt. Für viele ihrer Zeitgenossen galt Eleonore als Inbegriff der Schönheit.

Kaum hatte man am französischen Königshof von der Werbung Friedrichs erfahren, schien die kleine Prinzessin auch für Frankreich eine interessante Partie zu sein. Wollte Friedrich bei diesem Wettlauf um das begehrte Mädchen nicht als Verlierer übrig bleiben, musste er sich nun doch bequemen, etwas schneller zu handeln. Was er freilich nicht ahnen konnte, war die Tatsache, dass Eleonore von seiner Stellung als König und zukünftigen Kaiser tief beeindruckt war. Es hatte sich bis Portugal durchgesprochen, dass der Papst kundgetan hatte, Friedrich in Rom zum Kaiser krönen zu wollen und seine Gemahlin zur Kaiserin! Welch eine verlockende Aussicht für ein junges Mädchen! Unmissverständlich erklärte sie daher ihrem Bruder, dass sie nicht daran denke, den französischen Dauphin zu heiraten, Friedrich und sonst keinen wollte sie!

König Alphons V. liebte seine bezaubernde Schwester zärtlich und hatte niemals die Absicht gehabt, sie zu einer Heirat zu zwingen. Aber dass sie sich jetzt mit einer derartigen Bestimmtheit für den deutschen König entschieden hatte, betrachtete er geradezu als Glücksfall, denn Eleonore würde an der Seite Friedrichs unter allen Frauen Europas die höchste Stellung einnehmen.

Nachdem die ersten Vorverhandlungen über die Heirat zwischen Friedrich III. und Eleonore abgeschlossen waren, wurden die genauen Modalitäten zwischen Lissabon und Wiener Neustadt – wo sich Friedrich am liebsten aufhielt – Punkt für Punkt festgelegt: Dazu gehörte nicht nur der Termin der Eheschließungen, denn immerhin würde die Braut schon in Lissabon in Abwesenheit des Bräutigams »per procurationem« getraut werden – d.h. ein Mann seines Vertrauens vertrat Friedrich bei der Zeremonie –, sondern es wurden auch alle Details der reichen Mitgift bestimmt, und dies bildete für Friedrich bei seiner ständigen Geldknappheit einen besonders wichtigen und interessanten Passus. Er achtete peinlichst darauf, dass die Geldsummen auf den Gulden genau fixiert wurden, aber auch die übrige Aussteuer sollte bis zum letzten Hemd registriert werden. Obwohl die Hofbeamten alles zehnmal überlegten, unterlief ihnen bei der persönlichen Kleidung, die Eleonore mit in die neue Heimat nehmen sollte, doch ein schwerwiegender Irrtum. Man hatte im sonnigen Portugal einfach keine Vorstellung von dem rauen Klima nördlich der Alpen, so dass sich viel zu wenig warme Kleidungsstücke in dem überreichen Trousseau befanden. Diesen Mangel sollte Eleonore später am eigenen Leibe bitter erfahren.

Der portugiesische König zeigte sich äußerst großzügig bei der Mitgift seiner Schwester. Er konnte es auch sein, zählte Portugal doch zu den reichsten Ländern dieser Erde. Friedrich machte sich vermutlich nicht einmal eine Vorstellung darüber, in welchem Luxus seine zukünftige Frau aufgewachsen war, während er selber in eher bescheidenen Verhältnissen lebte. Die Märchenprinzessin heiratete einen Bettelkönig! Aber das war nicht die einzige Diskrepanz zwischen den beiden. Friedrich war mehr als doppelt so alt wie seine Braut, ein wortkarger Hagestolz mit festen, durchaus ehrenwerten Prinzipien, während seine kleine Braut ein kapriziöses junges Mädchen war, dem bisher jeder Wunsch von den Augen abgelesen worden war. Denn heiter ging es am Hofe in Lissabon zu, man liebte das Leben und genoss seine Annehmlichkeiten in vollen Zügen. Die unruhigen Zeiten mit ihren permanenten Thronwirren gehörten endlich der Vergangenheit an! Da in der näheren Umgebung Eleonores niemand den zukünftigen Gemahl persönlich kannte, hatte man der Braut nicht viel über Friedrich erzählt, über dessen Charakter, seine Ambitionen, Vorlieben oder seine Fehler. Erstaunt hätte die kleine Prinzessin dann feststellen müssen, dass Friedrich ein ganz seltsamer Mann war.

Wenngleich er bei offiziellen Anlässen mit seinem prunkvollen, kostbaren Königsmantel Aufsehen erregte, so zog er sich ansonsten beinahe leger an, damit er sich frei bewegen konnte, und unterschied sich manchmal kaum von seinen Untertanen. Friedrich III. war weithin als leidenschaftlicher Sammler der verschiedensten Dinge bekannt. Wo es möglich war, erwarb er wertvolle alte Handschriften, die er sorgsam verwahrte und nur ab und zu gestattete er Auserwählten einen Blick auf diese Kostbarkeiten. Auch lebende Künstler gingen bei ihm nicht leer aus, wenngleich er bei der Bezahlung der in Auftrag gegebenen Bilder oder Skulpturen mit den Meistern lange herumfeilschte, um ihnen doch noch ein paar Gulden abzuhandeln. Schon als junger Mensch war Friedrich anders als seine Zeitgenossen. Da er bis in die tiefe Nacht hinein experimentierte, lag er am nächsten Tag noch in den Kissen, wenn die Sonne schon hoch am Himmel stand. Kaum einer seiner Untertanen brachte diesem Verhalten Verständnis entgegen. Wollte der König etwa durch einen verkehrten Lebensrhythmus die Welt auf den Kopf stellen oder war er nur ein Faulpelz, der die kostbarsten Stunden des Tages verschlief? Seine ganze Lebensweise war keineswegs königlich und in ihrer Kargheit beinahe suspekt! Welcher Herrscher bevorzugte schon die derbe heimische Kost, einfaches Obst und Gemüse aus der Umgebung, anstatt sich von ausgebildeten Kochkünstlern delikate Speisen, die den Gaumen erfreuten, kredenzen zu lassen? Selbst die wenigen Gäste, die in Wiener Neustadt empfangen wurden, mussten sich mit saurem Wein aus Niederösterreich begnügen, was dem König und späteren Kaiser manch üble Nachrede einbrachte.

Als der König von Portugal den Ehekontrakt unterzeichnete, bedachte er nicht, dass hierdurch zwei Menschen zusammenkommen sollten, die so gar nicht zusammenpassen würden. Die Prinzessin war ein verspieltes, verwöhntes junges Mädchen, das alles hatte, was das Herz begehrte, teuerste Kleider aus Samt und Seide, mit Perlen bestickte Schuhe und Kappen, pelzbesetzte Mäntel, glitzernden Schmuck und wertvollste Edelsteine. Ihre Gemächer waren mit exotischen Teppichen ausgestattet und die seidenen Kissen, in denen sie des Nachts schlief, ließen sie von märchenumwobenen fernen Ländern träumen. Tagtäglich bogen sich die Tische der königlichen Tafel unter delikaten Speisen, deren berauschender Duft durch fremdartige Gewürze hervorgerufen wurde. Exquisite Süßigkeiten bildeten den Abschluss eines jeden Mahls. Am Hofe von Lissabon lebte man in Luxus pur, darüber waren sich die beiden Abgesandten Friedrichs bald einig und so mancher Zweifel, ob die entzückende Prinzessin das karge Leben in Wiener Neustadt würde ertragen können, regte sich. Sie allein wussten, dass Eleonore durch die Heirat mit König Friedrich in eine andere, keineswegs bessere Welt wechseln würde!

Die portugiesische Prinzessin verkörperte für so manchen Edelmann geradezu das Idealbild einer perfekten Braut. Nicht nur, dass man von ihr eine beachtliche Mitgift erwarten konnte, entzückte sie auch jeden durch ihr gewinnendes Äußeres und ihr liebenswürdiges Wesen. Daneben war sie trotz ihrer Jugend ein gebildetes, kultiviertes Mädchen. Schon sehr früh hatte man Hauslehrer engagiert, die das Kind im Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch in der lateinischen Sprache unterrichteten. Sprachbegabt, wie sie war, bedeutete es für Eleonore keine Schwierigkeit, die lateinischen Schriftsteller im Originaltext zu lesen. Daneben boten Musik und Tanz die nötigen Abwechslungen, eine ideale Erholung von den ernsten Disziplinen. Doch die Ausbildung der Prinzessin sollte vollkommen sein, deshalb wurde sie auch in den weiblichen Tugenden unterwiesen, wobei sie lernte, mit Nadel und Faden umzugehen, um eigenhändig feinste Stickereien herstellen zu können.

Obwohl die Tage und Wochen mit intensiven Hochzeitsvorbereitungen ausgefüllt waren, konnte sie den Tag kaum erwarten, an dem sie dem fernen unbekannten Friedrich angetraut werden würde. Sicherlich hatte sie sich ein Traumbild von ihrer künftigen Rolle als Ehefrau und Kaiserin gemacht, doch vermochte sie sich in ihren kühnsten Phantasien nicht ihre zukünftige Heimat vorstellen, die kalten Winter mit den Schneestürmen, die übers Land tobten – die eisige Kälte, die einem von Kopf bis Fuß unbarmherzig durch den Körper kroch und ihn fast erstarren ließ, die monatelange Düsternis in den feuchten, von nur wenigen Kerzen und rußigen Fackeln erleuchteten Räumen der Wiener Neustädter Burg, wo der Kaiser tagtäglich eindringlich zum Sparen mahnte. Die kleine Prinzessin hatte nur Sonne und Wärme in ihrem kurzen Leben kennen gelernt, Licht und Schönheit. Neugierig sah sie der unbekannten Zukunft entgegen. Sie wollte Friedrich eine gute, verständnisvolle Frau sein, die er mit aufrichtigem Herzen lieben konnte.

Als sämtliche Rechtsverbindlichkeiten geklärt waren, stand der Hochzeit endlich nichts mehr im Wege. Es war vereinbart worden, dass Friedrich seine Braut in Siena treffen sollte. Zuvor fand in Lissabon bereits unter großer Beteiligung der Bevölkerung in einem glanzvollen, tagelangen Fest die Trauung per procurationem statt.

Als die Lustbarkeiten vorüber waren, wartete schon der erste Alptraum auf Eleonore, dem noch viele folgen sollten. Die junge Braut sollte mit Friedrich im März zusammentreffen. Mit dem Papst war für diesen Monat auch die Krönung Friedrichs zum römisch-deutschen Kaiser vereinbart worden, so dass es für Eleonore keine andere Möglichkeit gab, als sich während des Winters auf die Seereise zu begeben. Nicht nur einmal drohten die Schiffe mit der Braut und ihrem Gefolge in den hohen Wellen des stürmischen Meeres zu kentern und nicht nur einmal kam die Rettung in letzter Minute. Es war eine unendliche Strapaze für das knapp 15-jährige Mädchen, aber so wie es Eleonore bisher gehalten hatte, verlor sie auch in diesen zwei Monaten – ständig umgeben von lebensbedrohenden Gefahren – nicht die Zuversicht. Sobald sich die See vorübergehend beruhigte, begann Eleonore, angeleitet von einem Vertrauten Friedrichs, Deutsch zu lernen, so dass sie in Livorno, wo sie endlich an Land gehen konnte, Personen aus dem Gefolge des Königs mit deutschen Worten begrüßte. Einer der aufregendsten Augenblicke ihres bisherigen Lebens stand unmittelbar bevor! Voller Ungeduld und mit einigem Herzklopfen erwartete sie ihren Bräutigam vor den Toren von Siena.

Aber Friedrich hatte sich auch bei dieser so entscheidenden Angelegenheit viel Zeit gelassen, war ohne allzu große Eile nach Italien gezogen und hatte überall, wohin er kam, Privilegien verkauft, um seinen Brautzug und später seinen Romzug finanzieren zu können. Schließlich waren auch für ihn die Türme von Siena in Sicht. Je näher er aber der Stadt kam, in der Eleonore auf ihn wartete, umso mehr Zweifel und Befürchtungen in Bezug auf die Braut befielen den misstrauischen Junggesellen. Hatte man ihm wirklich die volle Wahrheit über Eleonore berichtet? Fast musste man ihn überreden, zu dem vereinbarten Treffpunkt zu reiten. Zitternd und kreidebleich vor Aufregung trat er der reizenden Prinzessin gegenüber, sah in ihr Gesicht und – war entzückt! Aber die Spannung, in der er gelebt hatte, fiel erst allmählich von Friedrich ab, so dass es geraume Zeit dauerte, bis er halbwegs natürlich die Konversation mit seiner Braut aufnehmen konnte.

Die beiden bildeten ein ungleiches Paar: der König maß die stattliche Länge von 1,80 Meter, während Eleonore ihm nicht einmal bis zur Schulter reichte. Außerdem machte sich der beträchtliche Altersunterschied bemerkbar, denn die Braut hätte gut und gerne die Tochter des Bräutigams sein können. Aber trotz dieser äußerlichen Differenzen erschienen sie als attraktives Paar, denn Friedrich war keineswegs ein unansehnlicher Mann, sein schmales Gesicht, von dunkelblondem, lockigem Haar umrahmt, wirkte männlich – zum Glück hatte er nicht das überaus kräftige, leicht vorstehende Kinn seiner Mutter Cimburgis von Masowien geerbt. Vielleicht vermisste Eleonore in seinen Augen das Feuer, das sie bei den Verehrern in ihrer Heimat festgestellt hatte, aber der König galt als Mann ohne Skandale, denn nur von einer einzigen Liebesbeziehung zu der Nürnberger Patriziertochter Katharina Pfinzing hatte man da und dort geflüstert.

Gemeinsam setzte das Paar die Reise nach Rom fort, wo schon die Vorbereitungen zu den bevorstehenden Feierlichkeiten getroffen worden waren. Die offizielle Hochzeit sollte am 16. März in der Stadt am Tiber stattfinden, der Papst hatte sich erbötig gemacht, die Trauung selbst vorzunehmen. Drei Tage später sollte die Kaiserkrönung folgen. Aber selbst nachdem sie den Segen der Kirche empfangen hatten und offiziell Mann und Frau geworden waren, mied Friedrich die Gegenwart Eleonores. Wahrscheinlich berief er sich ihr gegenüber auf die vergangenen und bevorstehenden Strapazen, um zu erklären, warum er alles daran setzte, nicht mit ihr ins Ehebett zu steigen. Für die meisten der geladenen Hochzeitsgäste blieb es unverständlich, dass der König zauderte, mit seiner reizvollen Frau die Ehe zu vollziehen. Die Prinzessin hingegen war von allem, was rund um sie geschah, begeistert. Die köstlichen Speisen und edlen Weine erinnerten sie an zu Hause, genauso wie die duftenden Blumen und die einschmeichelnde Musik, die ihr zu Ehren gespielt wurde. Sie vermisste Friedrich kaum, wenn er hastig, als hätte er Angst, zu etwas Unliebsamem gezwungen zu werden, mitten im Festestrubel verschwunden war.

Die Krönung durch den Heiligen Vater bildete den Höhepunkt in Friedrichs Leben. Noch kein Habsburger vor ihm war in Rom zum Kaiser gekrönt worden und keiner nach ihm erfuhr diese Ehre in der ewigen Stadt. Sein Sohn Maximilian sollte sich jahrelang vergeblich darum bemühen, schließlich ernannte er sich selber in Trient zum römischen Kaiser. Sein Enkel Karl V. wurde zwar von einem Papst gekrönt, aber nicht in Rom, sondern in Bologna, da ein Zug nach Rom bei den gegebenen politischen Verhältnissen nicht besonders ratsam gewesen wäre. Nachdem der Heilige Vater Friedrich die Kaiserkrone aufs Haupt gedrückt hatte, krönte er Eleonore zur Kaiserin. Für die portugiesische Prinzessin war damit ein Traum wahr geworden!

Auf Einladung des Königs von Neapel setzte das Kaiserpaar seine Reise in den Süden fort, obwohl Friedrich lieber endlich nach Hause zurückgekehrt wäre. Aber der Bruder Eleonores, König Alphons, hätte es als Brüskierung aufgefasst, hätte ihm der Kaiser einen Korb gegeben. In Neapel trat dann das ein, worauf alle gehofft hatten, obzwar Friedrich selbst hier inmitten der allgemeinen Lebensfreude den merkwürdigen Abstand zu seiner jungen Frau gehalten hatte. Aber endlich gelang es, den scheuen Gatten zu überlisten! In den Gemächern der Kaiserin wurden berauschende Duftwässer versprüht, auf dem breiten Bett wie zufällig seidene Kissen drapiert und die Kerzen diskret hinter zarten Schleiern verborgen. Dann lockte man den hölzernen Ehemann unter einem Vorwand in diese anregenden Räume, wo Eleonore auf ihn wartete. Wahrscheinlich war Friedrich zunächst verblüfft und fühlte sich überrumpelt. Aber schließlich ließ er sich doch von der romantischen Atmosphäre und von seiner entzückenden Frau verführen.

Nach diesen für Friedrich strapaziösen Nächten in Neapel trennte sich das Paar und traf sich erst in Venedig wieder. Auch hier verhielt sich Friedrich keineswegs wie ein feuriger Liebhaber, denn er war stets von der Furcht beseelt, einen »welschen« Sohn zu zeugen. Er äußerste sich zwar nirgends darüber, was er darunter konkret verstand, aber in seinem ewigen Misstrauen hatte er vielleicht die Vorstellung, dass das Kind, das hier im sonnigen Italien entstehen würde, später leichtlebig sein könnte – eine Eigenschaft, die er von Grund auf verabscheute.

Der Anblick der düsteren Wiener Neustädter Burg musste für die junge Frau geradezu ein Schock gewesen sein. Von einem Tag auf den anderen änderte sich ihr Leben vollständig, vorbei war das »dolce vita«, das sie in Italien noch genießen konnte, vorüber alle Fröhlichkeit und Lebensfreude. Eleonore hatte kaum geahnt, was sie nördlich der Alpen wirklich erwartete, aber der Unterschied zu dem Leben, das sie gewohnt war, erwies sich als riesengroß. Dazu kam, dass Friedrich in seiner Sprödigkeit keineswegs der Mann war, der seiner jungen Frau behilflich war, sich allmählich auf das völlig neue Leben umzustellen. Er zog sich – wie er es immer getan hatte – in seine privaten Räumlichkeiten zurück und überließ Eleonore ihrem Schicksal. Obwohl er seiner jungen Frau durchaus zugetan war und sie auf seine Art auch liebte, war er nicht imstande oder willens, sich so um sie zu kümmern, dass sie sich an all das Neue gewöhnen und es vielleicht auch akzeptieren konnte.

Die Charaktere der beiden Menschen, die in den nächsten Jahren ein gemeinsamen Leben führen sollten, waren von Grund auf zu verschieden, als dass einer den anderen hätte verstehen können. Trotzdem versuchte Eleonore immer wieder, auf die Eigenheiten ihres Gemahls einzugehen und ertrug oft ungerechte Beschuldigungen mit einer wahren Engelsgeduld. Sie war eine Frau, die nie klagte und alles auf sich nahm, was sie auch an Widerwärtigkeiten erleben sollte. War man der fremden Prinzessin anfangs skeptisch gegenübergetreten, so gelang es Eleonore durch ihr liebenswertes Wesen, in kürzester Zeit die Herzen aller zu erobern und schon bald erkannte man, welch großartige Frau sich der zurückhaltende Kaiser zur Gemahlin gewählt hatte. Selbst Friedrich konnte sich dem Zauber seiner jungen Frau in den ersten Jahren ihrer Ehe nicht entziehen und es hatte den Anschein, als wären die beiden trotz aller Unterschiedlichkeiten ein glückliches Paar, wenngleich der Kaiser auch Eleonore mit seinem ewigen Misstrauen verfolgte.

Die Kaiserin fügte sich in ihr Schicksal in bewundernswerter Weise, wobei sie auf viele materielle Güter hätte verzichten können, wäre sie nicht ab und zu an Leib und Leben bedroht gewesen: Eines Tages fuhr sie mit dem Wagen von Stift Heiligenkreuz, wo sie den frommen Babenbergern eine Gedenkminute gewidmet hatte, nach Baden, um in den heißen Quellen Linderung für ihre Leiden zu suchen, die sie in Österreich plagten. Plötzlich versperrten in einem engen Tal zwei Räuber den Weg, die es zwar nicht auf die Kaiserin selbst abgesehen hatten, aber den Gepäckwagen bis auf das letzte Stück plünderten. Alles, was Eleonore dringend zum Leben brauchte, war Beute von Jörg von Stein und Wilhelm von Puchheim geworden. Lebensmittel und Schmuck beklagte Eleonore kaum, aber über den Verlust der beiden wertvollen Hemden aus feinstem Leinen war sie tieftraurig, da sie insgesamt nur drei Stück davon besaß. Daher entschloss sich Kaiser Friedrich III. Jörg von Stein Straffreiheit zuzusichern, wenn er seiner Frau die beiden Hemden zurückgäbe. Der Räuber soll auf das Angebot eingegangen sein.

Die mädchenhafte Kaiserin schenkte in den 15 Jahren ihrer Ehe sechs Kindern das Leben, wovon allerdings vier schon im ersten Jahr nach der Geburt starben. Nur eine Tochter namens Kunigunde und der Sohn Maximilian überlebten. Diesen beiden Kindern galt ihre Fürsorge, auf sie übertrug sie alle Liebe, nach der sie sich selber sehnte. In der kurzen Zeit, die ihr vergönnt war, auf die Entwicklung und Erziehung ihres Sohnes und ihrer Tochter Einfluss zu nehmen, leitete sie die Kinder zu einem christlichen Lebenswandel an und versuchte durch persönlichen Einsatz, alles von den Kindern abzuwenden, wodurch sie in Gefahr kommen konnten. Denn die politische Lage, in der sich der Kaiser befand, war keineswegs dazu angetan, ein sorgenfreies Familienleben zu führen. Eleonore versteckte sich nicht, sie verhielt sich in kritischen Situationen mutig und beherzt und versuchte, ihren Gemahl zu unterstützen, wo sie nur konnte. Dabei stand Friedrich den Aktivitäten seiner Frau äußerst skeptisch gegenüber, es war ihm unverständlich, dass ausgerechnet Eleonore, eine gebürtige Portugiesin, die Sympathien selbst so manchen Feindes erwerben konnte. Was der Kaiser nicht durchschaute, weil er nicht einen Funken Gespür dafür hatte, war die Wirkung einer schönen Frau auf so manchen Haudegen der Zeit.

Eleonore war an einem glänzenden Königshof aufgewachsen und mit Staunen hatte die junge Frau nach ihrer Ankunft in Wiener Neustadt erkennen müssen, dass ihr Gemahl alles andere als ein Kaiser nach ihren Vorstellungen war. Seine einfache Art zu leben passte absolut nicht zu einem Herrscher und obwohl Eleonore anfangs versucht hatte, sich ihrem Mann anzugleichen, entschied sie sich doch, wenn auch gegen den Willen Friedrichs, für einen anderen Lebensstil. Wenigstens sie wollte als Kaiserin den Hof repräsentieren, soweit ihr dies mit den bescheidenen Geldmitteln, die ihr Friedrich zur Verfügung stellte, überhaupt möglich war. Denn der Kaiser unterstützte die Bemühungen seiner Frau in keiner Weise, er sah in jedem Empfang, den Eleonore für ausländische Diplomaten oder geladene Gäste gab, eine überflüssige Geldausgabe und eine sinnlose Unterbrechung seiner Studien. Er verstand nicht, dass seine Position als Kaiser durch enge Kontakte zu anderen Herrschern gestärkt worden wäre und er sich mit einem internationalen Ansehen viel Ärger erspart hätte. Aber Friedrich ließ sich nicht mehr ändern, denn obwohl sein Denken keineswegs beschränkt war, wurde es doch durch starre Prinzipien fixiert. Der weite Geist, der seinen Sohn Maximilian ein Leben lang auszeichnen sollte, hatte seinen Ursprung in dem mütterlichen Erbe genauso wie sein umgängliches Wesen.

Es war kein leichtes Leben, das Eleonore an der Seite ihres einsilbigen, ewig nörgelnden Gemahls führte. Sie ertrug Friedrichs schlechte Launen und seine Vorwürfe, die er ihr der Kindererziehung wegen beinahe tagaus tagein machte, mit einer wahren Engelsgeduld. In den Augen Friedrichs war Eleonore viel zu weich und verwöhnte vor allem Maximilian zu sehr. Der Knabe sollte einmal seine Nachfolge als König antreten, vielleicht auch als Kaiser. In so einer Stellung war ein ganzer Mann gefragt und nicht ein verzärtelter und von der Mutter verhätschelter Mensch, der mit Leckereien und Süßigkeiten vollgestopft wurde. Kräftig und gesund sollten die Speisen sein, aus heimischem Korn und bodenständigem Gemüse bestehen. Als Maximilian erkrankte, zögerte Friedrich nicht, Eleonore die Schuld an der gefährlichen Unpässlichkeit des Kindes zu geben und ihr vorzuwerfen, die Gesundheit des Knaben durch die falsche Ernährung zu gefährden. Als der Sohn glücklicherweise gesund wurde, verfügte der Kaiser, dass nunmehr er selbst die Oberaufsicht über die Kinder führen wollte. Diese Regelung bedeutete für Eleonore einen schweren Schlag. Noch mehr aber kränkte es sie, dass ihr Gemahl sie nach dem Tod ihres kleinen Sohnes Johannes, der als sechstes Kind das Licht der Welt erblickt hatte, mit haltlosen Vorwürfen überhäufte. Die junge Mutter war nach der schweren Geburt nicht in der Lage gewesen, das Kind selbst zu stillen und hatte eine Amme bestellt. Der Knabe war aber so zart, dass er die nächsten Wochen nicht überlebte.

Eleonore sollte sich von diesem Schicksalsschlag und von der ungerechtfertigten herzlosen Reaktion ihres Mannes nicht mehr erholen. Obwohl die Ärzte alles daransetzten, die Kaiserin am Leben zu erhalten, schien ihr Lebenswille gebrochen. Als es schon fast zu spät war, wurde sie von Friedrich nach Baden zur Kur geschickt, aber auch die heißen Bäder brachten Eleonore keine Besserung. Im Gegenteil: Ihr Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag und mit Schrecken erkannten alle, dass der Tod bereits die Hand nach ihr ausgestreckt hatte. Mit nur 31 Jahren schloss die Kaiserin am 3. September 1467 in Wiener Neustadt die Augen für immer, ein Leben lang betrauert von ihrem Sohn Maximilian. Er hatte mit der Mutter den einzigen Menschen verloren, der ihn stets mit Liebe umgeben hatte.

Eleonore fand im Neukloster ihre letzte Ruhestätte. Der Bildnisstein aus Adneter Marmor – von dem bekannten Bildhauermeister Niclaes Gerhaert van Leyden geschaffen – stellt die verstorbene Kaiserin wie eine Heilige dar, für die der Satz »Kein frumer Weib, so werde, ich nie gekannt auf Erde« in jeder Hinsicht zutreffend gewesen war.

Maximilians Jugend

Keine Glocke verkündete am 22. März 1459 die Geburt des zweiten Kaisersohnes, denn an diesem Tag waren die Glocken nach alter christlicher Sitte »nach Rom geflogen«. Und dennoch sollte dieser Tag unvergesslich in die habsburgische Geschichte eingehen, da sich ein leuchtender Komet nicht nur am nächtlichen Himmel gezeigt hatte, sondern Maximilian wie ein heller Stern in seiner Zeit erstrahlen sollte. Er wurde der wahre Begründer eines Weltreiches, in dem später die Sonne nicht unterging.

Der vorsichtige Vater hatte zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes vom berühmtesten Mathematiker, Astronomen und Astrologen seiner Zeit, von Regiomontanus, ein Horoskop erstellen lassen, wobei sich herausstellte, dass die Gestirne an diesem ersten Frühlingstag nicht gerade günstig standen. Maximilian orientierte sich ein Leben lang an seinem Horoskop, es sollte ihn auf seinen Wegen begleiten und bei wichtigen Entscheidungen beeinflussen.

Maximilian war acht Jahre alt, als die geliebte Mutter zu Grabe getragen wurde. Ihr Tod bedeutete für das sensible Kind eine Katastrophe, denn Eleonore hatte ihn nicht nur mit all ihrer Liebe umgeben, ihr war es nach langen Auseinandersetzungen auch gelungen, ihren strenglebigen Mann davon zu überzeugen, dass man für den phantasiebegabten Knaben Erzieher aussuchen müsse, die das rechte Maß und den richtigen Ton fänden. In ihrer Nähe hatte sich Maximilian sicher gefühlt, denn sie hatte sich beinahe Tag und Nacht um sein körperliches, aber auch sein seelisches Wohlergehen gekümmert und selbst in bedrohlichen Situationen fürchtete er sich nicht.

Eleonore hatte das Ziel, aus ihren Kindern Maximilian und Kunigunde aufrechte Menschen und gute Christen zu machen. Daher gehörte es für sie zum Tagesablauf, dass die Kinder ihren religiösen Pflichten gewissenhaft nachkamen, die täglichen Gebete mit Andacht verrichteten und die heilige Messe besuchten. Dies war auch der Wille ihres frommen Gemahls. Durch ihre christliche Erziehung legte Eleonore den Grundstein für Maximilians lebenslanges Gottvertrauen, das er allerdings als erwachsener Mann auf seine Weise abwandelte, manchmal gar nicht im Sinne der katholischen Kirche. Sanft brachte die Mutter den manchmal unbändigen Sohn, dessen Temperamentsausbrüche schwer abzuschätzen waren, mit ein paar ruhigen Worten oder einem einzigen Blick zur Einsicht. Maximilian hatte niemals, so lange er sich zurückerinnern konnte, unnötige Strenge bei ihr kennen gelernt und erst nach ihrem Tod merkte er am eigenen Leib, dass es ganz andere Methoden zur Kindererziehung geben konnte.

Nach dem frühen Tod ihres ersten Sohnes Christoph lag mit Maximilian wieder ein Knabe in der kaiserlichen Wiege, von dem sich die Eltern erhofften, dass er Friedrichs Nachfolge antreten würde. Man hatte für das Kind, das drei Tage nach der Geburt, am 25. März 1459, in der St. Georgskirche in Wiener Neustadt getauft wurde, einen reichen Paten auserwählt, den mächtigen Woiwoden Nikolaus Ujlaky, einen der wenigen Männer, denen Kaiser Friedrich absolutes Vertrauen schenkte, denn Freunde, auf die er sich blind verlassen konnte, waren in dieser Zeit für ihn zur Rarität geworden.

Maximilian war noch ein kleines Kind, als Friedrich sich nach langem Zögern dazu durchrang, seinen Regierungssitz von Wiener Neustadt nach Wien zu verlagern, da die politische Situation immer schwieriger geworden war. Die Anwesenheit des Kaisers in der Stadt änderte aber nichts an den geheimen Umtrieben seines Bruders, da sich Friedrich, so wie es seiner Art entsprach, nicht weiter um das Geschehen in der Stadt kümmerte. Deshalb musste es so kommen, wie es Albrecht eingefädelt hatte: Maximilian war kaum drei Jahre alt, als die kaiserliche Familie in der Burg eingeschlossen und an Leib und Leben bedroht wurde. Der Skandal war perfekt: Der Kaiser des heiligen römischen Reiches und seine Familie Gefangene der Wiener Bevölkerung! Und da Friedrich eine Kapitulation rundweg abgelehnt hatte, musste man sich auf eine lange Belagerung gefasst machen, die allerdings kaum durchzuhalten war. Viel zu knapp waren die Lebensmittel, die man eingelagert hatte, da man keinen Sinn in einer langfristigen Vorratshaltung gesehen hatte. Je länger die Gefangenschaft dauerte, umso mehr gingen die Vorräte tatsächlich zur Neige und eines Tages waren die Bedienten der kaiserlichen Familie gezwungen, auf alles Jagd zu machen, was nur genießbar war. Gebratene Hunde und Katzen, aber auch gekochte Singvögel sollten den Hunger stillen. So klein Maximilian noch war, so blieben ihm doch die Menschen, die der Familie unter Todesgefahr in dieser schlimmen Situation geholfen hatten, ein Leben lang in Erinnerung. Er vergalt ihnen später – als er zu Macht und Ansehen gelangt war – die vielen kleinen Wohltaten, die er als Kind durch sie empfangen hatte. So mancher konnte sich nicht erklären, warum Maximilian ausgerechnet den ehemaligen Studenten Kronberger mit Pfründen überhäufte – eine kleine Dankesgeste für die Hilfe, die Kronberger in Wien der hungernden Kaiserfamilie hatte zukommen lassen. Die Situation, in der sich die kaiserliche Familie befand, war zutiefst demütigend. Niemals im Leben hätte sich Eleonore solche Zustände auch nur vorstellen können.

Deutlich brachte sie ihrem Sohn gegenüber zum Ausdruck, wie entwürdigend sie das Verhalten ihres kaiserlichen Gemahls empfand. Und was niemand nur im Entferntesten geahnt hatte, wurde Wirklichkeit: Die einst so verwöhnte kleine Frau wuchs in den Tagen der Not und der Bedrängnis über sich hinaus. Sie war es, die dem stets verzagten und deprimierten Gatten Mut zusprach, sie nahm Kontakt mit den Verschwörern auf, ließ sich die Argumente der Gegenpartei genau erklären und bahnte die Verhandlungen mit der Wiener Bevölkerung an. Persönlich führte sie zahlreiche Unterredungen und erreichte durch ihr unerschrockenes Auftreten, dass man sie zunächst anhörte und schließlich ihren Argumenten zustimmte. Allmählich änderte sich durch Eleonores diplomatisches Geschick die Situation. Der Kaiser fand in Andreas Baumkirchner, einem Söldnerführer, tatkräftige Hilfe, da es Baumkirchner gelang, den Böhmenkönig Georg von Podiebrad davon zu überzeugen, dass seine Unterstützung der kaiserlichen Sache in jeder Hinsicht für ihn von Vorteil sein würde.

Das Ende der Streitigkeiten mit seinem Bruder Albrecht sollte aber erst dessen überraschender Tod bringen. Jetzt konnte Friedrich III. mit seiner Familie wieder nach Wiener Neustadt zurückziehen, wobei es sich die Wiener nicht nehmen ließen, in den Straßen ein dichtes Spalier zu bilden und den Kaiser mit Hohngesängen und Spottliedern zu verfolgen.

Es dauerte nicht lange, da hatte Friedrich die politischen Initiativen und den tapferen Einsatz seiner Frau vergessen, durch die ihm vielleicht sogar der Kaiserthron erhalten geblieben war und die Differenzen zwischen den ungleichen Eheleuten traten überdeutlich zu Tage. Aus ihrer Enttäuschung über das Verhalten ihres Mannes machte Eleonore ihrem Sohn gegenüber kein Hehl, was bei dem heranwachsenden Kinde zu einer schwankenden Haltung gegenüber seinem Vater geführt haben mag. Denn einerseits sah Maximilian in Friedrich den Kaiser eines großen Reiches und andererseits erfuhr er von seiner Mutter immer wieder, welche Schwächen und Unvollkommenheiten den Vater charakterisierten. Und da Friedrich III. sich auch dem Sohn gegenüber barsch verhielt, konnte es nicht ausbleiben, dass sich das Kind nicht unbedingt zu seinem Vater hingezogen fühlte. Erst viele Jahre später, als er die Vorzüge des alten Kaisers erkannte, brachte er ihm die nötige Ehrfurcht entgegen.

Eleonore hatte sich, nachdem sie bemerken musste, wie wenig geachtet ihr eigener Ehemann als Kaiser im Reich war, ein Lebensziel gesteckt: Sie wollte ihren Sohn zu einem starken Herrscher erziehen, er sollte wahrhaft kaiserlich auftreten und sich in seinen Handlungen und seinem Lebensstil deutlich von seinen Untertanen abgrenzen! Maximilian sollte ein echter Kaiser werden!

Sie selber zeigte sich, wo immer sie in Erscheinung trat, als wahre Kaiserin, nicht nur was ihre Kleidung anbelangte, jede ihrer Gesten wirkte erhaben, ohne gekünstelt zu sein. Sie flößte durch ihr Verhalten Respekt ein und allenthalben trat man ihr mit Ehrerbietung entgegen. Da sich ihr Gemahl nichts aus offiziellen Repräsentationen machte, vertrat ihn Eleonore, wenn es galt, Abgesandte anderer Länder zu empfangen. Für die Fürsten aus aller Welt, die dem Hof in Wiener Neustadt einen Besuch abstatteten, gab sie festliche Abendessen in der Burg und unterhielt sie in ihrer charmanten, leutseligen Art, so dass kaum einer den abwesenden Kaiser vermisste. Bei dem heranwachsenden Sohn mussten diese seltenen Festlichkeiten einen tiefen Eindruck hinterlassen haben, denn viel später, als die Mutter schon längst tot war und Maximilian nach einem wechselvollen Schicksal am Hofe von Mechelen bei seiner Tochter Margarete weilte, erzählte er seinen Enkelkindern immer wieder von seiner geliebten Mutter, einer echten Dame ihrer Zeit.

Für Eleonore wurde es immer schwieriger, die Kinder in ihrem Geiste und nach ihren Vorstellungen zu erziehen. In den Augen ihres Mannes verzärtelte sie namentlich Maximilian viel zu sehr, gewährte ihm ein zu ungebundenes Leben und stopfte ihn obendrein noch mit Süßigkeiten voll. Aber Eleonore wies alle Vorwürfe Friedrichs zurück und machte ihren Gemahl darauf aufmerksam, dass sie eigens Ratschläge die Kindererziehung betreffend bei Aeneas Silvio Piccolomini eingeholt hatte und sich genau an dessen Angaben halte. Damit führte die Kaiserin ein Argument ins Treffen, das Friedrich anerkennen musste, da er Aeneas Silvio, der ihm seinerzeit als Papst Pius II. die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt hatte, als einen der hervorragendsten Männer seiner Zeit und echten Freund schätzte. Es sprach für Eleonores offenen Geist, dass sie sich nicht nur auf ihre eigenen Vorstellungen verließ, sondern die Absicht hatte, die anerkanntesten Gelehrten als Lehrer für ihren Sohn zu engagieren. Für Friedrich allerdings war es wichtig, dass der Sohn eine solide Grundausbildung bekam, bevor man ihn in die höheren Sphären der Wissenschaft einweihte.

Schon sehr früh war der Knabe durch sein lebhaftes Temperament aufgefallen und alle, die ihn beobachtet hatten, waren sich darin einig, dass Maximilian in seinem übersprudelnden Wesen eher seiner portugiesischen Mutter glich als dem äußerst zurückhaltenden Vater. Immer guter Laune entzückte das fröhliche Kind alle Menschen seiner Umgebung und seine überraschenden Einfälle zeigten sein Interesse an den verschiedensten Seiten des Lebens.

Mit einer Schwierigkeit allerdings hatte Maximilian ernsthaft zu kämpfen: Er lernte zwar genauso früh sprechen wie alle anderen Kinder, war aber nicht frei von einer Sprachstörung, die vielleicht auf die schrecklichen Erlebnisse in seiner frühen Kindheit in Wien zurückzuführen war. Der Knabe war lange Zeit nicht in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Dies bereitete den Eltern große Sorgen, vor allem, weil man nicht wusste, wie man derlei Anomalien behandeln sollte. Der überraschend frühe Tod der Mutter löste dann noch zusätzlich einen Schock aus, so dass sich die Sprechweise des Knaben weiter verschlechterte.