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Sigrid-Maria Größing

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DER GOLDENE APFEL

Sigrid-Maria Größing

DER
GOLDENE
APFEL

Geschichten aus der Geschichte

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Meinem Mann
gewidmet

Inhalt

Der Freitag war ein schwarzer Tag für ihn

Der Zufall spielte Schicksal im Leben einer ungewöhnlichen Frau

Der Freundfeind war ein Ehrenmann

Rudolf IV. hätte Österreich bis in die Sterne erheben oder in den Abgrund stürzen können …

Der Kaiser war ein hochgebildeter Weltmann

Der »Nachgeborene« war ein Spielball der Mächtigen

Königin Isabella sponserte Christoph Kolumbus

Karl der Kühne von Burgund war ohne Furcht und Tadel

Die Tochter des Kaisers wurde zur Ehe überlistet

Der unechte Mohr von Mailand

Der Blaubart galt als attraktiver Mann

Der Papst war mit Leib und Seele Krieger

Süleymans sonderbares Geschenk oder Der goldene Apfel

Kaiserkrönung in Bologna

Er war der Liebling seines päpstlichen Vaters: Juan Borgia

Schwarz wie seine Tracht war die Lehre Calvins

Er war ein wahrer Mäzen der Künstler seiner Zeit

Die jungfräuliche Königin war ein Leben lang verliebt

Turbulenzen in der Habsburgerfamilie

Die Mätressen waren die wichtigsten Frauen in Frankreich

Auch in ihrer Heimat wurde die Kaisertochter nicht glücklich

Der mächtige Fürsterzbischof von Salzburg war nur ein schwacher Mann

Auch Anna Caterina von Gonzaga, die zweite Gemahlin, schenkte Erzherzog Ferdinand von Tirol nicht den erhofften Nachfolger

Der König fühlte sich am wohlsten unter Leichen

Der Kaiser hatte einen »Hofjuden«

Die »weiße Liesl« war eine bezaubernde Frau

Der »König« beherrschte den Kaiser

Das Aschenbrödel in der Kaiserfamilie

Der Vielgeliebte starb in völliger Einsamkeit

»Es war der beste Ehestand, der immer gefunden werden konnte«

Auch Kaiser waren Schüler

Die nahe Verwandtschaft führte zu nichts Gutem

Sie war die große Liebe seines Lebens

Die dritte Gemahlin von Kaiser Franz war eine Freundin von Goethe

Der Kaiser und das Mädchen

Die dichtende Überraschungskönigin

Schüsse, die die Welt veränderten

Die Schwester von Kronprinzessin Stephanie war eine Verschwenderin

Eine Erzherzogin auf Abwegen

Das »ungarische Kind« war für Sisi »die Einzige«

Mit dem Mord an der Kaiserin von Österreich wollte Luigi Lucheni ein Zeichen setzen

Eine wahrhaft seltsame Karriere: Der vertriebene Großherzog der Toskana wurde Bürgermeister in Schlackenwerth in Böhmen

Durch die Tragödie von Mayerling war ihr Ruf für immer ruiniert

Der Freitag war ein schwarzer Tag für ihn

Denn an einem Freitag, am 26. August 1278 fiel der umstrittene böhmische König Ottokar Přemysl nach der verlorenen Schlacht zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen aus Privatrache durch die Hand eines Mörders.

Er war ein dynamischer junger Mann voller Pläne und Ziele gewesen, die er teilweise mit brutaler Gewalt durchzusetzen versucht hatte. Dabei kam es ihm in keiner Weise auf die Mittel an, die ihn zum Erfolg führen sollten. Schon in seiner Jugendzeit fiel Ottokar durch seine ungezügelte Rauflust auf, die auch den Eltern König Wenzel I. und seiner Gemahlin Kunigunde von Schwaben Sorge bereitete. Denn der aufgeweckte Knabe, der wahrscheinlich im Jahre 1233 das Licht der Welt erblickt hatte, fand nicht nur Grund, sich mit Gleichaltrigen im Kampfe zu messen, er legte sich auch schon sehr bald mit dem eigenen Vater an, obwohl sein Erzieher, Philipp von Kärnten, immer wieder versuchte, den unbändigen jungen Mann in die Schranken zu weisen und ihm eine entsprechende Bildung zu vermitteln. Bis heute ist es nicht klar, ob Ottokar lesen und schreiben konnte, wahrscheinlich beherrschte er die deutsche Sprache leidlich, auch das Lateinische dürfte ihm nicht ganz fremd gewesen sein. Aufgrund seiner mäßigen Bildung war es umso erstaunlicher, dass Ottokar im Laufe seines Lebens Pläne entwickelte, die durchaus für seine Länder positiv gewesen wären, hätte er sie zu Ende führen können. Aber viele Ereignisse hinderten ihn daran, wahrhaft Großes zu erreichen.

Wahrscheinlich hatte sein Vater Wenzel ganz andere Vorstellungen von der Zukunft seines zweitgeborenen Sohnes, aber der frühe Tod des älteren Vladislav, der die Nachfolge des Vaters hätte antreten sollen, machte Ottokar überraschend mit vierzehn Jahren zum Markgrafen von Mähren. Große Aufgaben warteten auf den jungen Mann, denn sechs Jahre vorher hatten die Mongolen das Land verwüstet. Jetzt galt es, für Ruhe und Ordnung, aber vor allem für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Gebiete zu sorgen. Bei den Methoden, die Ottokar dabei anwandte, kam er erstmals in Konflikt mit seinem Vater, da er mit dem Feldzug Wenzels nach Österreich nicht einverstanden war, der zu einer Revolte der Adeligen geführt hatte. Obwohl Ottokar Přemysl nicht direkt in den Aufstand verwickelt war, ließ er sich doch, als ihm das Angebot gemacht wurde, zum »jüngeren König« in Prag wählen. Die Aufständischen hatten aber gegen die Mannen König Wenzels keine Chance, sodass auch der Sohn klein beigeben musste. Der Vater war trotz anschließender neuerlicher Kampfhandlungen, die Ottokar vom Zaun gebrochen hatte, nicht nachtragend. Er räumte dem Sohn 1249 den Platz eines Mitregenten ein, was Ottokar aber nicht davon abhielt, weiterhin gegen den Vater zu opponieren. Erst als ihn Papst Innozenz IV. offiziell exkommunizierte, da er sich den Staufern gegenüber freundlich gezeigt hatte und er dadurch viele Anhänger verlor, schien er zur Einsicht gekommen, dass er sich endgültig mit seinem Vater aussöhnen sollte. Aber König Wenzel war schon zu oft von seinem Sohn enttäuscht worden. Sicherheitshalber verfügte er, dass sein Sohn auf die westböhmische Festung Pfraumberg gebracht wurde, wo er mehrere Monate als Gefangener lebte.

Kaum war Ottokar wieder in Freiheit, als er überraschender Weise auf der Seite seines Vaters mit angeheuerten deutschen Rittern in Niederbayern einfiel.

Die Ritter hatten längst ihre Ideale vergessen und richteten schon in Böhmen viel Böses an, »indem sie plünderten, sengten und brannten«, das Vieh aus den Ställen trieben und die unglücklichen Menschen in den Städten an der Donau um Hab und Gut brachten. Für die gequälte Bevölkerung waren die Böhmen eine Landplage, die erst durch ein Treffen mit dem Stauferkönig Konrad IV. in Cham im Bayerischen Wald ein Ende zu haben schien.

Aber König Wenzel war immer noch nicht kampfesmüde. Längst hatte er ein Auge auf Österreich geworfen, nachdem ihm von den österreichischen Ständen signalisiert worden war, dass er im Lande, in dem nach dem Tod des letzten Babenbergers Friedrich II. das Chaos herrschte, willkommen war. Und da er 1250 sicherlich schon die Absicht hatte, sich allmählich aus dem politischen Geschehen zurückzuziehen, setzte er seinen Sohn Ottokar zum Statthalter in Österreich ein, den er ein Jahr später noch einmal zum Markgrafen von Mähren ernannte. Damit war der böhmische Thron für Ottokar gesichert!

Aber all dies war dem jungen ehrgeizigen Přemysliden nicht genug. Eine eheliche Verbindung mit der Erbin der babenbergischen Besitzungen sollte seine Position in Österreich verstärken. Obwohl Margarete, die Schwester Friedrichs des Streitbaren, über 30 Jahre älter war als er, schleppte er sie am 11. Februar 1252 fast gewaltsam in der Burgkapelle von Hainburg zum Altar, denn Margarete hatte nach dem Tod ihres Gemahls ein Gelübde abgelegt, nie mehr zu heiraten.

Wahrscheinlich wäre der Kampf zwischen Vater und Sohn in den nächsten Jahren erneut aufgeflammt, hätte sich nicht König Wenzel, müde von den politischen und privaten Intrigen, mehr und mehr ins Privatleben zurückgezogen, um endlich seiner wahren Leidenschaft, der Jagd, nachzugehen.

Wenzel sollte sich seines Ruhestandes nicht lange erfreuen, er starb schon drei Jahre später, wodurch endlich Ottokar in den Besitz der ganzen přemyslidischen Macht kam, was für ihn natürlich weiterhin Kampf auf allen Linien bedeutete. Denn das Kriegsglück war ihm zunächst hold, er besiegte die Ungarn 1260 in der Schlacht bei Kressenbrunn, wodurch er den Magyaren die Steiermark, ein wichtiges wirtschaftliches Land, entreißen konnte, das an die Ungarn verloren gegangen war. Denn hier befanden sich die Silbergruben von Zeiring, auf die Ottokar sofort die Hand legte, nachdem er Herzog der Steiermark geworden war. Nicht nur ließ er die Silbervorräte ausbeuten, sondern er schuf einmalige Sozialgesetze, die den Bergleuten Schutz im Krankheitsfalle und Pensionen garantierten. Es war eine Tragik im Leben Ottokars, dass mit seiner Person – bis heute – hauptsächlich negative Vorstellungen verbunden waren. Aber seine Ideen fanden in dieser düsteren Zeit wenig Widerhall, obwohl er versuchte, auf allen Gebieten Besserungen einzuführen, indem er verwüstete Gebiete und entvölkerte Dörfer durch ins Land gerufene Schwaben wieder besiedeln ließ, neue Städte wie Leoben oder Bruck an der Mur gründete und hoch im Norden den Anstoß zur Gründung der Stadt Königsberg gab. Er wäre ein politischer Allrounder gewesen, hätte er den Bogen nicht überspannt. Aber er war in seinem Ehrgeiz nicht zu bremsen. Als er es für opportun hielt, ließ er sich von der ältlichen Margarete scheiden, um Kunigunde von Halitsch zu ehelichen, eine junge, blühende Frau, die ihm vier Kinder gebar. Und da er so mancher schönen Hofdame, wie Anna von Chuenring, nicht widerstehen konnte, war es nur zu erklärlich, dass er auch auf eine stattliche Zahl von unehelichen Nachkommen blickte.

Als König von Böhmen, Herzog von Österreich, der Steiermark und Kärnten war Ottokar sicherlich der mächtigste Kurfürst im Reich, der sich 1273 um die deutsche Königskrone bewarb. Dass er die Wahl gegen den habsburgischen Grafen Rudolf verlor, war der Beginn der Katastrophe seines Lebens. Als Rudolf die Herausgabe der unrechtmäßig angeeigneten Reichsterritorien wie das Egerland von Ottokar verlangte, weigerte sich der Böhmenkönig, dieser Aufforderung nachzukommen. Rudolf verhängte die Reichsacht über ihn. Plötzlich war Ottokar umringt von Feinden, denn viele seiner ehemaligen Sympathisanten fielen von ihm ab, sodass der Böhmenkönig schließlich gezwungen war, klein beizugeben. Im Frieden von Wien 1276 blieben ihm nur seine Stammländer.

Es war die Ruhe vor dem Sturm. Denn zwei Jahre später wollte er sein Glück in der Schlacht noch einmal versuchen. Im August 1278 trafen die beiden Kontrahenten Ottokar und Rudolf auf dem Marchfeld aufeinander. Noch heute wird sowohl an den siegreichen Rudolf von Habsburg als auch an den unglücklichen König Ottokar, der nicht nur die Schlacht, sondern aus Privatrache auch sein Leben verlor, am 15. August mit einem großartigen Fest in Jedenspeigen gedacht.

Der Zufall spielte Schicksal im Leben einer ungewöhnlichen Frau

Johanna von Pfirt war keineswegs mehr ein junges Mädchen, als sie überraschenderweise dem Habsburger Herzog Albrecht II. die Hand fürs Leben reichte.

Es waren vor allem ihre Besitzungen im Elsass, Sundgau, den südlichen Vogesen und die Burgunder Pforte gewesen, die die 24-jährige Frau plötzlich attraktiv erscheinen ließen, denn bis zum Jahre 1324 hatte man wenig Notiz von den beiden Töchtern Ulrichs III. von Pfirt genommen. Als der Graf in diesem Jahr die Augen für immer schloss und die Erbregelung, die man getroffen hatte, erkennen ließ, dass die ältere der beiden Töchter Johanna die gesamten Landgebiete erben würde, rückte diese von einem Tag auf den anderen ins Licht der Öffentlichkeit. Um eventuelle Streitigkeiten der Schwestern zu vermeiden, hatte nämlich die Mutter der Mädchen Johanna von Mömpelgard in kluger Voraussicht die jüngere Tochter Ursula anderweitig abgefunden. In dieser Situation begann man sich allerorts Gedanken zu machen, wem wohl das Rennen um die Hand der reichen Braut gelingen würde. Zwar war zu dieser Zeit noch niemand auf den Gedanken gekommen, dass das »glückliche Österreich« heiraten sollte, anstatt sich auf dem Schlachtfeld Ruhm und Ehre zu holen, da aber die Hauptinteressen der Habsburger damals noch im Westen konzentriert waren, machte Leopold, ein Sohn des 1308 ermordeten Königs Albrecht, seinem jüngsten Bruder Albrecht, der noch unbeweibt war, den Vorschlag, sich um die Hand der länderreichen Johanna von Pfirt zu bewerben. Wahrscheinlich war man in der Heimat Johannas froh über die plötzliche Werbung des jungen Habsburgers, denn mit ihren 24 Jahren musste sie schon fürchten, als Äbtissin in einem Kloster ihr Leben beenden zu müssen, wenn man bedenkt, dass in anderen Häusern die Mädchen schon im Kleinkindesalter versprochen oder auch verlobt wurden. Deshalb hatte niemand einen Einwand gegen diese Heirat, auch der Vormund der Mädchen Papst Johannes XXII. gab seinen Segen, sodass Johanna mit großem Gefolge nach Österreich ziehen konnte, um am 26. März 1324 glanzvoll in Wien mit Albrecht Hochzeit zu feiern.

Für beide, Albrecht und Johanna, hatte das Schicksal im Leben eine Hauptrolle gespielt, denn niemand hatte vorhersehen können, dass ausgerechnet der jüngste der Söhne König Albrechts I. über längere Zeit in den österreichischen Ländern regieren würde. Als 1308 der königliche Vater aus Privatrache ermordet worden war, sollte Friedrich sein Nachfolger werden, der aber zugleich Königswürden anstrebte. In jahrelangen Auseinandersetzungen mit seinem Gegenspieler Ludwig dem Bayern resignierte er schließlich, vom Leben und vom Schicksal bitter enttäuscht siechte er dahin, bis ihn der Tod erlöste. Aber auch seinen jüngeren Brüdern, dem dynamisch aktiven Leopold und Otto, war kein langes Leben vorherbestimmt, sodass schließlich der einzige Überlebende der Brüder das Herzogsamt übernehmen musste. Jetzt passte die dynamische Frau so richtig an seine Seite, die noch dazu seine Position durch die Ländereien, die sie mit in die Ehe gebracht hatte, überall aufgewertet hatte. Albrecht und Johanna hätten eigentlich beruhigt der Zukunft entgegensehen können!

Was sie nicht ahnen konnten, war, dass in nächster Zeit größte Schwierigkeiten auf sie zukommen würden. Nicht Feinde rundherum machten ihnen das Leben schwer, nicht die Bauern revoltierten und bedrohten den Herzog, es waren ernsthafte Probleme, die innerhalb der sonst harmonischen Ehe auftraten, die Albrecht und Johanna zermürbten. Monat für Monat, Jahr um Jahr zog ins Land und noch immer lag kein Erbe und Nachfolger, ja nicht einmal ein Mädchen in der herzoglichen Wiege. Die junge Herzogin wurde schon überall mit scheelen Augen angesehen, denn in der damaligen Zeit war es absolut ungewöhnlich, dass die Frauen nicht jedes Jahr einem Kind das Leben schenkten, so lange, bis sie endlich bei irgendeiner Geburt oder unmittelbar danach starben. Konnte nicht ein Fluch über Johanna und Albrecht liegen, die 15 Jahre lang vergeblich auf ein Kind, auf dieses Geschenk des Himmels warteten, obwohl Johanna von Pfirt nicht nur die ihr empfohlenen Badekuren durchführte, diverse Kräuter in Mondnächten zu sich nahm und dubiose Pulver schluckte? Die ersehnte Schwangerschaft ließ immer noch auf sich warten! Dabei wurde die Situation immer kritischer. Denn im Jahre 1330, Johanna hatte die 30 gerade überschritten und war damit zur alten Frau geworden, stellten sich bei Albrecht plötzlich Lähmungserscheinungen ein. Die Ärzte standen ratlos am Bett des Kranken und konnten keine andere Erklärung finden, als dass der Herzog wahrscheinlich vergiftete Speisen zu sich genommen hatte. Oder er war verhext worden! Die wahre Ursache für die zunehmende Unbeweglichkeit Albrechts glaubte man allerdings erst nach Hunderten von Jahren festgestellt zu haben, da Pathologen nach eingehenden Untersuchungen des Skeletts zu dem Schluss kamen, dass Albrecht II. an einer fortschreitenden Arthrose gelitten haben musste. Aber glaubte man das, was man mit eigenen Augen sah. Und da Albrecht nur mehr imstande war, sich mit einer Sänfte fortbewegen zu lassen, bezeichnete man ihn bald landauf, landab als »Albrecht den Lahmen«, obwohl ihn Wohlmeinende auch »Albrecht den Weisen« nannten. Natürlich wurde gerade jetzt die Frage aktuell, ob ein Lahmer imstande war, Kinder zu zeugen. Aber auch Albrecht und Johanna schienen mit der Zeit mutlos geworden zu sein, denn nachdem sie alle irdischen Mittel und Hilfsmittel versucht hatten, wandten sie sich als gläubige Christen an den Himmel und baten um ein Wunder. Albrecht unternahm trotz seiner Behinderung eine Wallfahrt an den Rhein, um die rheinischen Heiligen anzuflehen, die ihm beistehen sollten. Und da auch in den Klöstern gebetet wurde, die er auf seiner Reise besuchte und denen er große Geldgeschenke machte, damit die Mönche und Nonnen ebenfalls alle Märtyrer um Unterstützung anriefen, hatte der Himmel ein Einsehen mit dem armen Herzog und schickte Hilfe, in welcher Form auch immer! Denn mit 39 Jahren schenkte Johanna im Jahre 1339 einem gesunden Knaben das Leben, der später in seiner nur kurz bemessenen Lebenszeit als Rudolf IV., genannt »der Stifter«, Geschichte schreiben sollte. Aber in die Freude über die Geburt des Sohnes mischten sich sofort Zweifel über die Vaterschaft des Kindes. Konnte es bei der Zeugung mit rechten Dingen zugegangen sein? War Albrecht II., der Lahme, tatsächlich der Vater des Knaben? Es war geradezu eine Ironie des Schicksals, dass Johanna von der Pfirt in den nächsten Jahren ununterbrochen schwanger war und weiteren Kindern, allein noch drei Söhnen, das Leben schenkte und das in einer Zeit, wo sie als Frau schon zu den Greisinnen zählte. Auch heute ist es beinah ein medizinisches Wunder, was sich im Schlafgemach der Herzogin abgespielt haben mag. Dass Albrecht der Vater dieser vielen Nachkommen gewesen sein muss, daran zweifeln vielleicht Böswillige oder historische Laien, denn je öfter Johanna von der Pfirt schwanger war, umso mehr wurde sie bewacht und beäugt. Es wäre wahrscheinlich unmöglich für sie gewesen, sich einen ständigen Liebhaber zu halten, es sei denn, reichlicher Kindersegen war für Albrecht II. wichtiger als eine treue Ehefrau. Aber der Herzog stellte sich in jeder Hinsicht hinter seine Frau und ließ öffentlich von den Kanzeln erklären, dass die geborenen Kinder seine eigenen Nachkommen wären, um somit alle böswilligen Gerüchte offiziell aus der Welt zu schaffen. Obwohl die Herzogin ab ihrem 40. Lebensjahr ständig in anderen Umständen war, übernahm sie die Repräsentationspflichten im gesamten Herrschaftsgebiet und führte die Vorverhandlungen mit dem Patriarchen von Aquileja, wobei es um die Zukunft der Länder Kärnten, Krain und die Windische Mark ging. Auch bei den Friedensverhandlungen zwischen den Habsburgern und Luxemburgern spielte die politisch äußerst kluge Frau eine hervorragende Rolle. Sie fand immer und überall den richtigen Ton, sodass sie auch von der einfachen Bevölkerung geliebt wurde. Daher war die Trauer im ganzen Land groß, als sich die Kunde verbreitete, dass die Herzogin, nachdem sie mit 51 Jahren ihr letztes Kind 1351 in Wien zur Welt gebracht hatte, unmittelbar nach dessen Geburt starb.

Der Freundfeind war ein Ehrenmann

Als Friedrich der Schöne erkennen musste, dass er sein Versprechen, das er Ludwig dem Bayern in die Hand gegeben hatte, nicht halten konnte, stellte er sich freiwillig in München seinem Gegner, um ins Gefängnis zurückzukehren.

Ein Leben lang hatte Friedrich, der zweitgeborene Sohn des Habsburgerkönigs Albrecht I. und seiner Gemahlin Elisabeth, nach dem Motto gelebt, dass das einmal gegebene Wort nicht gebrochen werden sollte, auch wenn ihm daraus stets die größten Unannehmlichkeiten erwuchsen. Er war eigentlich durch Zufall in eine Situation gekommen, die ihm zur Bürde geworden war, denn sein älterer Bruder Rudolf, der die Nachfolge seines Vaters hätte antreten sollen und als König von Böhmen schon regierte, war als junger Mann gestorben, eine Tragödie, die nur noch von der Ermordung seines Vaters im Jahre 1308 übertroffen worden war. Obwohl der 1289 geborene Friedrich schon zwei Jahre vor dem Tod seines Vaters mit der Verwaltung der habsburgischen Länder betraut worden und daher den Mächtigen im Land keineswegs ein Fremder war, brachen überall nach dem Mord an Albrecht Aufstände gegen den arrogant wirkenden jungen Mann und seinen aggressiven Bruder Leopold aus, die beide zur gesamten Hand mit den Ländern ihres Vaters belehnt worden waren. Nicht nur die Herzöge von Niederbayern bekriegten die Brüder, auch sein bis dahin bester Freund Ludwig von Oberbayern war mit von der Partie, da er fürchten musste, dass sich Friedrich genauso wie er selbst um den deutschen Königsthron bewerben würde, der nach dem Tode Heinrichs VII. 1313 vakant geworden war. Und Ludwig der Bayer sollte Recht behalten! Für beide Bewerber fanden sich überall im Reich Unterstützungsgruppen, die in Wirklichkeit wahrscheinlich nur ihr eigenes Süppchen kochen wollten. Ein unvorstellbarer Kleinkrieg begann in Deutschland, wobei die Menschen in den betroffenen Gebieten wahrscheinlich keine Ahnung hatten, weshalb ihnen so viel Leid geschah. Als besondere Kriegshetzer taten sich der Bruder Friedrichs Leopold und der Burggraf von Nürnberg hervor. Beide sollten in dem Drama, das zur Gefangennahme Friedrichs führte, eine entscheidende Rolle spielen.

Aber noch war es nicht so weit, noch konnte Friedrich sein Privatleben einigermaßen genießen, denn er hatte um die Hand der schönen Tochter des aragonesischen Königs Jayme II. durch Männer seines Vertrauens, unter denen sich auch der steirische Reimchronist Otacher ouz der Geul befand, werben lassen. Die junge Braut Isabella, die später in Österreich Elisabeth genannt wurde, war zwar zum Zeitpunkt der Brautschau ungefähr elf Jahre alt, was im 14. Jahrhundert durchaus als heiratsfähiges Alter galt. Die Vorstellung, einem echten König angetraut zu werden, begeisterte das Kind, da ihm in einem Traum geweissagt worden war, dass ein schöner König um ihre Hand anhalten würde. Und Isabella sollte wahrhaft einen Traummann bekommen, hochgewachsen und attraktiv, wenngleich Friedrich seinen Beinamen »der Schöne« erst zweihundert Jahre später erhielt. Als Isabella, die die weite Reise meist zu Pferde mit einem riesigen Gefolge zurückgelegt hatte, wobei sie ständig fürchten musste, dass sich die aragonesischen Begleiter mit den österreichischen in die Haare geraten könnten, im steirischen Judenburg ihren Einzug hielt, da stimmten alle Schaulustigen darin überein: ein schöneres Paar hatte man selten zu Gesicht bekommen!

Friedrich ehelichte kein armes Mädchen, denn Isabella brachte nicht nur einen schönen Batzen Geld mit in die Ehe, ihre Aussteuer konnte sich auch sonst sehen lassen: Allein 28 Armbänder mit wertvollsten Edelsteinen besetzt, die für die Braut eine wichtige Rolle spielten, fanden sich unter den Kostbarkeiten, genauso wie zahllose Silbergefäße, vergoldete Messer und Löffel sowie eine mit Haifischzähnen besetzte »Kredenz«, ein Gefäß, durch das man vergiftete Speisen hätte erkennen können. Ein kunstvoll verziertes Schachbrett durfte ebenfalls nicht fehlen, da zur damaligen Zeit auch die Damen sich gerne diesem Denkspiel widmeten.

Es waren kurze Tage des Glücks, die Friedrich mit seiner jungen Frau verbringen konnte, denn die Situation im Reich sollte endgültig geklärt werden. Erstarkt durch den ersten Sieg über seinen Rivalen Friedrich in der Schlacht bei Gammelsdorf setzte Ludwig alle Hebel in Bewegung, um deutscher König zu werden. Und tatsächlich erhielt er bei der Wahl im Oktober 1314 vier der sieben Kurstimmen und Friedrich nur drei. Aber selbst als Ludwig offiziell in Aachen gekrönt worden war, warf der Habsburger noch lange nicht die Flinte ins Korn, sondern ließ sich am 25. November 1314 vom Erzbischof von Köln Heinrich von Virnenburg bei Bonn auf freiem Felde die Krone aufs Haupt setzen. Nun standen sich nicht mehr zwei ehemalige Freunde gegenüber, sondern zwei gekrönte deutsche Könige!

Auch dem Papst wurde die seltsame Situation mitgeteilt, wobei sich Ludwig darauf berief, dass er als Erster gekrönt worden war und damit sein Anspruch als deutscher König legitim sein musste. Als Friedrich zusammen mit seinem Bruder Leopold, einem ungewöhnlich streitsüchtigen jungen Mann, seine vermeintlichen Rechte als deutscher König mit Waffengewalt durchsetzen wollte, kam es zum offenen Krieg, der mit aller erdenklichen Grausamkeit geführt wurde. Obwohl Ludwig über Friedrich und seinen Bruder die Reichsacht verhängt hatte, fanden beide doch nach wie vor ihre Anhänger, sodass sich die Kämpfe auf deutschem Boden jahrelang dahinzogen, wobei Leopold gegen die Schweizer, die er in seiner Großmannssucht angegriffen hatte, bei Morgarten eine schwere Schlappe einstecken musste.

Nach jahrelangem Blutvergießen kam es am 28. September 1322 endlich zur Entscheidungsschlacht zwischen Mühldorf und Ampfingen in Oberbayern, die zu einer vernichtenden Niederlage für Friedrich den Schönen wurde. Kampfeslüstern hatte er nicht mehr die Ankunft seines Bruders Leopold abgewartet, er verließ sich ganz auf die Schlagkraft seiner Leute, die er absolut überschätzte. Obwohl es zunächst so aussah, als würde der Österreicher im Vorteil sein, neigte sich das Schlachtenglück auf die Seite des Bayern, als ganz plötzlich Friedrich, der Burggraf von Nürnberg, aus einem Hinterhalt hervorbrach. Die Lage war für den Habsburger aussichtslos geworden. Ausgerechnet ein Steirer namens Rindsmaul nahm Friedrich den Schönen gefangen und lieferte ihn an Ludwig aus, der seinen Gegner auf die Festung Trausnitz an der Naab schickte.

Zweieinhalb Jahre verbrachte Friedrich in ritterlicher Haft, während Leopold alles unternahm, um für den unglücklichen Bruder die Freiheit wiederzuerlangen. Selbst die Reichskleinodien, die sich in seinem Besitz befanden, schickte er an Ludwig. Erst als Leopold wieder zu den Waffen griff, ließ sich Ludwig erweichen und bot seinem ehemaligen Gegner unter bestimmten Bedingungen die Freiheit an. Friedrich der Schöne akzeptierte den Vertrag von Trausnitz und gelobte, ins Gefängnis zurückzukehren, sollte es ihm nicht gelingen, die Vertragsbedingungen zu erfüllen. Tatsächlich konnte er sich mit seinem Bruder Leopold nicht einigen. Daher lieferte sich Friedrich in München freiwillig seinem Gegner aus, obwohl ihn Papst Johannes XXII. von seinem Versprechen entbunden hatte. König Ludwig war von der ehrenhaften Geste Friedrichs so beeindruckt, dass er ihn fürderhin wieder als Freund ansah, der nicht nur an seiner Tafel einen Platz hatte, sondern mit dem er sogar in einem Bett schlief. Als Ludwig während der vielfältigen politischen Wirren außer Landes weilte, ernannte er Friedrich zu seinem Statthalter und schließlich einigte man sich in einem Geheimvertrag 1325 sogar darauf, dass Friedrich als Mitkönig anerkannt werden sollte.

Das gute Einvernehmen zwischen beiden blieb auch bestehen, als Friedrichs Bruder Leopold erneut zu den Waffen griff. Allerdings machte ihm der Tod einen Strich durch die Rechnung, noch bevor größeres Unheil angerichtet werden konnte. Aber auch Friedrich war kein langes Leben mehr beschieden, er starb in Gutenstein in Niederösterreich im Jahre 1330.

Rudolf IV. hätte Österreich bis in die Sterne erheben oder in den Abgrund stürzen können …

… wenn ihm das Schicksal ein längeres Leben vergönnt hätte. Früh verbraucht starb der in vielerlei Hinsicht dubiose, aber dennoch geniale Habsburger bereits im Alter von 26 Jahren.

Herzog Albrecht der Weise und seine Gemahlin Johanna Pfirt mussten geradezu an ein Wunder geglaubt haben, als nach 15-jähriger Ehe plötzlich doch noch ein Sohn in der Wiege lag, denn immerhin schien der Vater halbseitig gelähmt zu sein. Dass er nur an schwerer Arthrose litt, wie man Hunderte Jahre später festgestellt hatte, konnten die Zeitgenossen, die die Vaterschaft Albrechts anzweifelten, freilich nicht wissen.

Als hätten die Eltern geahnt, dass der älteste Sohn Rudolf keinem langen Leben entgegensah, suchte man für den Buben schon sehr früh eine Braut aus und engagierte die besten Lehrer des Landes, die den aufgeweckten Knaben in den damals bekannten Wissenschaften unterrichteten, sodass Rudolf nicht nur lesen und schreiben lernte, sondern auch in einem Alter, in dem andere Kinder noch auf ihren Holzsteckenpferden ritten, bereits eigene politische Vorstellungen und zukunftsorientierte soziale Ideen entwickelte. Auch die junge Braut, die erst sechsjährige Katharina, die Tochter Kaiser Karls IV., wurde schon kurz nach der Verlobung im Jahre 1348 auf ihre zukünftige Rolle vorbereitet und zur Erziehung nach Wien gebracht. Mit 11 Jahren war schließlich die Braut im heiratsfähigen Alter, sodass die Hochzeit mit dem vierzehnjährigen Rudolf in Prag glanzvoll ausgerichtet werden konnte.

Es war für Rudolf schicksalhaft, dass ausgerechnet der ungewöhnlich aktive und gebildete Karl IV. aus dem Hause Luxemburg sein Schwiegervater wurde, denn Rudolf erkannte mit Erstaunen, welche große Leistungen Karl in Böhmen vollbrachte. Deshalb dauerte es nicht lange, bis der junge Herzog – kaum hatte er 1358 nach dem Tod seines Vaters die Herrschaft in Österreich und der Steiermark übernommen – versuchte, es Karl gleich zu tun. Und da ihm in verschiedener Weise die Hände gebunden waren, kam Rudolf auf die Idee, den Schwiegervater durch verschiedene Tricks zu überbieten und vielleicht auch zu überlisten. An Einfällen mangelte es Rudolf wahrlich nicht! Da Karl IV. in seiner Goldenen Bulle 1356, in der der Wahlmodus der deutschen Könige für alle Zeiten festgeschrieben wurde, die habsburgischen Herzöge nicht berücksichtigt hatte und Rudolf daher den sieben Kurfürsten gegenüber eine Hintansetzung fühlte, suchte er nach Möglichkeiten, dieses Manko auszugleichen. An gelehrten Männern, die den jungen Herzog berieten, war kein Mangel, sein Kanzler Ribi war der richtige Mann für ihn, Dokumente zu verfassen, die anscheinend schon seit Urzeiten im Hause lagen und die plötzlich nur aus der Tasche gezogen zu werden brauchten. Im Privilegium maius, das aus sieben Dokumenten bestand, in denen genau die Abstammung und Stellung der Habsburger im europäischen Raum dargelegt wurde, wurde der Machtanspruch der Habsburger den anderen Großen im Reich vor Augen geführt. So musste Kaiser Karl IV., als er Einblick in die Urkunden bekam, mit Erstaunen feststellen, dass sich schon Julius Caesar und Kaiser Nero über die Habsburger und ihre Positionen den Kopf zerbrochen hatten.

Karl IV. war ein kritischer Mann, der im Laufe der Zeit seinen dynamischen, aber auch ehrgeizigen Schwiegersohn durchschaute. Deshalb beauftragte er einen der berühmtesten Gelehrten seiner Zeit, den Dichter Petrarca, mit der Überprüfung der Angelegenheit. Und Petrarca fällte ein vernichtendes Urteil über das angebliche Privilegium maius. Er bezeichnete den Verfasser als einen Narren, Verrückten und törichten Lügenschmied und vermerkte, dass »der Ochse« und »Esel« keine Ahnung von der Geschichte haben musste, vor allem dass sich Rudolf mit Titeln wie »Pfalz-Erzherzog« und »Oberjägermeister des Reiches« schmückte, die es bisher noch nie gegeben hatte. Für Karl IV. war die Angelegenheit durch die Aussage Petrarcas abgetan, er akzeptierte lediglich, dass sich der Schwiegersohn selbstherrlich auch weiterhin »Erzherzog« nannte. Auch die Zackenkrone, mit der Rudolf auf dem ersten zeitgenössischen Portrait abgebildet wurde, ließ sich der Habsburger von niemandem mehr nehmen, obwohl ihm nur der Herzogshut zugestanden wäre.

Der junge Rudolf schränkte sich in seinem unwahrscheinlichen Tatendrang auch durch die Maßnahmen des Schwiegervaters nicht ein, auch wenn Karl sich geweigert hatte, dem Wunsche Rudolfs nachzugeben und ihn zum König der Lombardei zu ernennen. Der Expansionsdrang des jungen Mannes war unschwer zu erkennen gewesen, denn auch im Elsass und in Schwaben war Rudolf präsent. In den kurzen Jahren seines Lebens vollbrachte der junge Mann Leistungen, die andere in Jahrzehnten kaum bewältigt hätten. Sein Hauptaugenmerk richtete er freilich auf Wien, das er als »das Haupt aller seiner Länder und Herrschaften bezeichnete, wo er tot und lebendig bleiben wollte«. Diese geliebte Stadt sollte hinter Prag, wo Karl IV. die erste deutsche Universität gegründet hatte, keine zweite Rolle spielen. Auch Wien wollte Rudolf zur Universitätsstadt machen, hierher lud er die berühmtesten Gelehrten seiner Zeit ein und stattete sie mit außerordentlichen Privilegien aus, indem Rudolf selber für sämtliche Schäden »auf yeklicher strazze« haftete. Die Professoren und Studenten sollten in einem eigenen Viertel, das nur für die geistige Elite bestimmt war, leben. 1365 wurde die nach ihm benannte Alma Mater Rudolphina gegründet, wobei allerdings die theologische Fakultät, die für den Status einer anerkannten Universität notwendig war, erst im Jahre 1385 eingerichtet wurde.