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Sigrid-Maria Größing

UM MACHT UND GLÜCK

Sigrid-Maria Größing

UM MACHT
UND GLÜCK

Schicksale der Geschichte

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Besuchen Sie uns im Internet unter
www.amalthea.at

1. Auflage Februar 2009
2. Auflage August 2009

© 2009 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Umschlagabbildungen: Salzburg: Fresko von Donato Mascagni
im Oktogon von Schloss Hellbrunn.
Artist/ Creator: Donato Mascagni, © IMAGNO/Oskar Anrather
Herstellung: studio e, Josef Embacher
Gesetzt aus der 12/14,5 pt Caslon
Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-85002-673-4
eISBN 978-3-902998-75-0

Inhalt

»Bis dass der Tod Euch scheidet …«

Die Schönheit war ihr Verderben

So etwas gab es bisher noch nie: Hochzeit im Vatikan

»Sie« machte »ihm« einen Heiratsantrag

Erst nach seinem Tode sollte man den Kaiser geißeln …

Der Papst war ein treu sorgender Familienvater

Kaiser Karl V. erbte von seinem Großvater auch dessen höchst private Verpflichtungen

Leibarzt von Kaisern und Königen: Andreas Vesalius

La prima gentildonna del mondo – Isabella d’Este

Die Statthalterin der Niederlande sprach Wienerisch

Karl V. verheiratete seine erst 12-jährige Nichte Christine an den mehr als dreimal so alten Herzog von Mailand

Auch Philipp II., der Mann aus Stein, kannte menschliche Gefühle …

Ein junges Mädchen erweckte den unzugänglichen König wieder zum Leben

Erst die vierte Gemahlin schenkte dem spanischen König den heiß ersehnten Thronfolger

Nicht nur wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte …

Der Kaiser war ein Schwerenöter

Aus dem ängstlichen Feigling wurde der beliebte »Türkenpoldl«

Die Pompadour war keine große H…

Der »arme Kadett« führte die Kaisertochter zum Traualtar

Eine Kaisertochter auf dem Weg zum Schafott

Der Kaiser war immer der Gärtner

Eine schöne Polin eroberte das Herz des Siegers

Der Sohn Napoleons war schön und charmant …

Ein schwacher Mann an der Seite einer starken Frau

Der Schwiegervater von Kaiser Franz Joseph war ein Bonvivant

Das Ende einer Faschingsnacht dauerte Jahrzehnte

Ein Naturbursche eroberte das Herz der schönen Kaiserin von Österreich

Der Tod kam ihr als Freund

Und wenn er auch gestorben ist, so lebt er doch heute noch!

»Wenn man zum Vater gerufen wurde, so war es, als käme man in die Sonne«

Die »arme dicke Schratt« war die gemeinsame Freundin des Kaiserpaares

Der vermeintliche Schweinehirt entpuppte sich als habsburgischer Erzherzog

Sie hatte wenig Glück im Leben

Der Sohn verwirklichte die Ideen seiner Mutter: Kaiser Dom Pedro II. von Brasilien

Lockere Frauen lockten den Erzherzog ins Verderben

Mit dem Mord an der Kaiserin von Österreich wollte Luigi Lucheni ein Zeichen setzen

Kronprinz Rudolf liebte die Wiener Gemütlichkeit

Schüsse, die die Welt veränderten

Die belgische Prinzessin Stephanie wurde in Wien nicht glücklich

Onkel Luziwuzi konnte gefährlich werden …

Ein Herz für eine Krone

Der gute Engel kam aus Wien nach München

Selbst im Tod noch vereint: Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie Chotek

Herrn Hans Dichand
in großer Verehrung gewidmet

»Bis dass der Tod Euch scheidet …«

Aber bis zum Tod wollte Margarete Maultasch nicht an der Seite des ungeliebten Gemahls als Jungfrau leben und jagte kurzerhand Johann Heinrich von Böhmen aus dem Schloss.

Die Ehe, die von den beiden Vätern Herzog Heinrich von Kärnten und König Johann von Böhmen arrangiert worden war, hatte schon den Keim der Katastrophe in sich. Denn die beiden ungleichen Kinder, die in einer prunkvollen Zeremonie den Bund fürs Leben hatten schließen müssen, waren nichts weiter als politische Marionetten. Dabei spielten viele Zufälligkeiten eine Rolle, da Heinrich, der Herzog von Kärnten und Tirol, zwar auf eine Unzahl unehelicher Kinder blickte, aber in seinen drei Ehen nur zwei Töchter gezeugt hatte. Die ältere der beiden verbrachte leicht behindert, wie sie war, ihr Leben als Nonne hinter Klostermauern, während Margarete, die im Jahr 1318 zur Welt gekommen war, den unsteten Vater schon als kleines Kind auf seinen ausgedehnten Reisen begleiteten musste. Als unverbesserlicher Optimist hatte er sich dereinst um den Thron von Böhmen beworben und war auch gekrönt worden, aber schon nach kurzer Zeit hatte man ihn abgesetzt. Sein Nachfolger, der Luxenburger Johann, war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Kärntner, ein Lebemann vom Scheitel bis zur Sohle, der nicht nur nach der neuesten Pariser Mode gekleidet war, sondern auch noch politische Ambitionen hatte. Genauso wie die Habsburger und Wittelsbacher hatte er schon bald ein Auge auf das schöne Land Tirol geworfen, denn der Weg nach Italien, dem Land der Sehnsucht, führte am sichersten über dessen Alpenpässe. Daher war es in Mitteleuropa kein Geheimnis, dass die begehrteste Braut Margarete hieß, denn mit ihr würden dem zukünftigen Ehemann auch noch ihre Länder mit ins Brautbett gelegt werden.

Der Wettlauf um das Mädchen begann, als Margarete noch keineswegs im heiratsfähigen Alter war. Johann von Böhmen ließ seinen erst fünfjährigen Sohn Johann Heinrich, der in dem düsteren Schloss Melnik in Böhmen am 12. Februar 1322 das Licht der Welt erblickt hatte und um den er sich bislang herzlich wenig gekümmert hatte, einfach aufs Pferd setzen und schickte das Kind mit großem Gefolge nach Tirol, wo der völlig erschöpfte und verängstigte Knabe mühselig ein paar angelernte deutsche Sätze zur Begrüßung hervorstotterte. Seine Begleiter hatten mittlerweile dem Herzog außer kostbaren Geschenken auch noch die Botschaft des Böhmenkönigs überbracht, wie sehr sich Johann geehrt fühlen würde, käme er als Schwiegervater Margaretes in Betracht. Geschmeichelt wie er war, zögerte Heinrich nicht lange, dem Böhmen die Hand seiner Tochter zu versprechen. Dabei spielte es für ihn keine Rolle, dass sich die Kinder von Anfang an unsympathisch fanden, Margarete wusste nicht, was sie mit dem seltsamen Knaben anfangen sollte, mit dem sie sich nicht verständigen konnte, und auch Johann suchte keinen Kontakt mit dem um vier Jahre älteren Mädchen. Und so sollte es in den nächsten Jahren bleiben.

Die Einzigen, die von dieser Verbindung begeistert waren, waren die Väter, die einander bestens verstanden. Schon nach drei Jahren, in denen Johann Heinrich in Tirol aufwuchs, drängte König Johann auf eine offizielle Eheschließung, denn nur so würden die Luxemburger endgültig Chancen auf Tirol haben. Am 16. September 1330 standen die beiden Kinder herausstaffiert wie kleine Erwachsene vor dem Altar und gaben einander ein Versprechen, dessen Sinn sie nicht verstanden.

Johann Heinrich war auch als Heranwachsender alles andere als ein netter Jüngling, seine Erzieher hatten ihre liebe Not, da er es strikt ablehnte, irgendetwas zu lernen, am allerwenigsten die deutsche Sprache. Margarete gegenüber gebärdete er sich wild und ungehobelt, kratzte und biss sie und schikanierte sie in übelster Weise, so dass aus der Antipathie Margaretes allmählich blanker Hass wurde. Wo immer es ging, mied sie seine Gesellschaft und hörte mit Empörung von ihren Tiroler Beratern, dass sich Johann Heinrich wie der Herr von Tirol aufzuspielen begann, denn im Jahre 1335 war Herzog Heinrich überraschend gestorben, so dass seine Tochter Margarete offiziell die Erbschaft angetreten hatte.

Kaum hatte man in Böhmen die Nachricht vom Tode des Herzogs vernommen, als Karl, der politisch begabte und geschickte Bruder Johann Heinrichs, in Tirol auftauchte, um dem unerfahrenen und uninteressierten Bruder zur Hand zu gehen, der, obwohl er längst landauf landab als Frauenheld bekannt war, die Ehe mit Margarete immer noch nicht vollzogen hatte. Ja, er scheute nicht davor zurück, die übelsten Gerüchte über sie zu verbreiten, auch der zweifelhafte Beiname »Maultasch« stammte wahrscheinlich von ihm, denn auf einem Siegel mit dem Konterfei Margaretes ist ihr Mund durchaus nicht verunstaltet.

Es war beinah ein abgekartetes Spiel, das die beiden luxemburgischen Brüder in Tirol aufführten, denn mit ihnen kamen böhmische Berater, die schon bald wichtige Ämter bekleideten. Hätte Margarete nicht ihre ergebenen Tiroler Freunde gehabt, die die Böhmen vehement ablehnten, wäre ihre Situation wahrlich zum Verzweifeln gewesen. Denn Karl und Johann waren alle Mittel recht, um gegen sie vorzugehen, sie zögerten deshalb nicht, sie eines Tages auf ihrem eigenen Schloss Tirol gefangen zu setzen, um sie endgültig aus der Tiroler Politik zu entfernen. Aber Karl, der sicherlich der Initiator dieser Aktion gewesen war, hatte den Bogen überspannt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass auch für die Tiroler das Maß voll war. Am Allerseelentag des Jahres 1341 machte Margarete mit deren Hilfe ernst: Als Johann Heinrich spät nachts nach einer Jagd polternd Einlass ins Schloss begehrte, stand er vor versperrten Toren. Auch auf anderen Schlössern in Tirol fand er keine Unterkunft, schließlich erbarmte sich der Patriarch von Aquileja und nahm den zu Tode Erschöpften auf.

Natürlich wusste Margarete, dass die Böhmen nicht zögern würden, die Schmach zu rächen, die sie Johann Heinrich angetan hatte, und von ihnen aufgehetzt, würde auch der Papst auf den Plan treten und den Bann, die gefürchtetste Kirchenstrafe, über Margarete verhängen. Aber Margarete hatte ein Eisen im Feuer, das niemand übersehen konnte: den deutschen Kaiser Ludwig den Bayern, dem schon längst die unhaltbaren Zustände in Tirol bekannt waren. Als redlicher Mann, der zugleich die Gunst der Stunde für die Wittelsbacher erkannte, sagte er Margarete nicht nur Hilfe gegen die Böhmen zu, er versprach ihr auch die Hand seines früh verwitweten Sohnes Ludwig, der als Markgraf in Brandenburg regierte. Obwohl der junge Ludwig zunächst ernste Skrupel hatte, die Frau eines anderen zu heiraten, stand schließlich der Hochzeitstermin für den 10. Februar 1342 fest, ein Tag, den alle in Tirol mit großer Freude begingen, denn im Jänner hatte Ludwig im Einvernehmen mit seiner zukünftigen Frau den Adeligen im Tiroler Freiheitsbrief viele Vorrechte bestätigt. Dem Hochzeitsfest folgte der Bann des Papstes für das frischvermählte Paar beinah auf dem Fuße und auch die Böhmen versuchten glücklos ihre Rechte auf Tirol mit Waffengewalt geltend zu machen. Als aber Karl im Reich zum Kaiser gewählt worden war, steckte er den Fehdehandschuh endgültig ein und söhnte sich mit Margarete und Ludwig aus. Endlich schien das Glück im Leben Margaretes eingekehrt zu sein, als sich auch Papst Innozenz VI. durchrang, den Bann von ihr und Ludwig zu lösen. Aber die schönen Stunden waren für sie gezählt, denn völlig unerwartet fiel ihr kerngesunder Gemahl Ludwig vom Pferd und starb in den Armen seiner entsetzten Leute. Schon zwei Jahre später folgte ihr einziger Sohn und Erbe Meinhard dem Vater ins Grab. Margarete stand wieder allein in der Welt, früh gealtert und verhärmt, mit nur einer Frage beschäftigt, wem sie ihre Länder, für die sie ein Leben lang gekämpft hatte, vererben sollte. Für sie kam 1363 eigentlich nur der junge dynamische Rudolf IV. von Habsburg als Nachfolger in Frage, da sie von dieser Familie in den letzten Jahren jede nur mögliche Hilfe erfahren hatte. Als alte Frau verließ Margarete ihre Heimat und zog in Begleitung Rudolfs nach Wien, in eine fremde Welt, in der sie 1369 starb.

Die Schönheit war ihr Verderben

Als der Sohn des Herzogs von Bayern-München die Baderstochter Agnes Bernauer in der Badestube ihres Vaters in Augsburg erblickte, war es nicht nur um ihn geschehen, gleichzeitig war das Schicksal des schönen Mädchens besiegelt.

Das romantische Märchen, das blutig enden sollte, begann, als der junge Herzogssohn Albrecht, abgekämpft von einem Turnier, in dem er die Lanze vortrefflich geführt hatte, eine Badestube in Augsburg aufsuchte, die im Besitz der Familie Bernauer war, um sich zu erfrischen und sich laben zu lassen. Und so wie es den Sitten der Zeit entsprach, kümmerten sich auch die Familienmitglieder des Baders, der Rat und Hilfe bei so manchen Verletzungen wusste, um die illustren Gäste, schrubbten ihnen die Rücken und sorgten dafür, dass sich die Badenden in den großen Holzzubern oder bei den anschließenden Massagen wohl fühlten. Besonders begehrt als Badefrau war die Tochter des alten Bernauers Agnes, die nicht nur durch ihre Schönheit auf alle Gäste wohltuend wirkte, sondern auch durch ihr liebenswürdiges Wesen die Sympathien aller auf sich zog. An diesem Abend allerdings kümmerte sie sich nur um den jungen Herzogssohn Albrecht. Es muss bei beiden Liebe auf den ersten Blick gewesen sein und schon bald ließ Albrecht erkennen, dass er die Absicht hatte, Agnes zu seiner Geliebten zu machen, wie das damals so üblich war, wenn die Standesschranken unüberwindlich schienen. Der Herzogssohn hatte gerade eine stürmische Liebschaft hinter sich, die für ihn unglücklich geendet hatte, denn seine Auserwählte war kurzerhand mit einem anderen durchgegangen. Was stand also einer neuen Liaison im Wege?

Albrecht hatte nicht mit der strengen Moral der Baderstochter gerechnet, denn die Bader standen, wenn man sie auch immer wieder dringend benötigte, in keinem allzu guten Ruf, da sie Arbeiten verrichteten, die vielfach kein gesitteter Mensch übernehmen wollte.

Das Schicksal wollte es, dass sich Albrecht ausgerechnet in eine Baderstochter bis über beide Ohren verliebt hatte. Und diese Badhur, wie Agnes schließlich von ihren Feinden abwertend bezeichnet wurde, gab dem Herzogssohn schon bald zu erkennen, dass es für sie keine losen Tändeleien geben konnte, dass sie niemals bereit sein würde, nur die Geliebte des Herzogssohnes zu sein, dass sie nur mit Gottes Segen an seiner Seite leben könnte. Je näher sich die beiden gekommen waren, umso mehr erkannte Albrecht, dass er sich eine Zukunft ohne Agnes nicht mehr vorstellen konnte. Er musste seinem Vater klar machen, dass sie allein die Frau war, mit der er sein Leben verbringen wollte.

Herzog Ernst fiel aus allen Wolken, als der Sohn ihm eröffnete, er wolle die Baderstochter aus Augsburg zu seiner legitimen Gemahlin machen. In langen Diskussionen versuchte der Vater, dem Sohn den Plan auszureden, und als er nur auf taube Ohren stieß, ließ er eilig die Schwester Beatrix holen, die Gemahlin des Pfalzgrafen von Amberg, die Albrecht ins Gewissen reden sollte. Aber auch ihr hörte der verliebte junge Mann kaum zu, sie redete in den Wind, so dass man schließlich über sie berichtete, dass sie »… ganz zornig war von frau nessen wegen der hoch und grosfaisten Bernawerin wegen«. Es ist anzunehmen, dass Agnes Bernauer zur Zeit dieser Unterredung bereits ein Kind erwartete, denn wenig später schenkte sie einem Mädchen das Leben, das Albrecht stets als seine leibliche Tochter anerkannte.

Da der Herzog von Bayern-München seinen Sohn zu kennen glaubte und annahm, dass es sich bei Albrecht so wie schon manchmal um ein kurzes Strohfeuer handeln würde, übertrug er Albrecht das Straubinger Ländchen und versuchte zunächst, die unleidliche Affäre innerlich beiseite zu schieben. Diesmal aber hatte er sich bei seinem Sohn gründlich verrechnet, denn kaum war Albrecht mit Agnes außer politischer Reichweite des Vaters, als er sich wahrscheinlich zu Beginn des Jahres 1433 heimlich mit ihr trauen ließ. Für beide schien eine Zeit des Glücks angebrochen, die niemand stören sollte.

Dass sich der Sohn eine beinah legale Konkubine leistete, damit hätte sich Herzog Ernst noch abgefunden, als er aber von der heimlichen Hochzeit erfuhr, erkannte er den Ernst der Lage. Niemals würde eine Agnes Bernauer Albrecht erbberechtigte Kinder schenken können, die er als Nachfolger dringend brauchte. Denn ohne legitime Erben würde das Herzogtum Bayern-München an die beiden anderen bayerischen Herzogtümer fallen. Ernst wusste, er musste handeln, denn der Sohn hatte sich nicht nur über die Vorschriften des Vaters hinweggesetzt, er hatte durch diese unbotmäßige Heirat die Ordnung der Welt gestört. Dies bedeutete in den Augen des Bayernherzogs: Revolution innerhalb der Familie und den Tod für Agnes Bernauer!

Unter einem fadenscheinigen Vorwand lud Herzog Ernst seinen Sohn zu einem Turnier nach Landshut, er selbst ritt mit großem Gefolge in Straubing, einer Stadt an der Donau, ein, wo Agnes im Schloss zurückgeblieben war. Es war ein leichtes, die wehrlose Frau zu verhaften und ihr einen kurzen Prozess zu machen, da die Zeit drängte. Man warf Agnes Bernauer vor, sie hätte durch Zaubertricks den Sohn des Herzogs in Bann geschlagen, ihre Schönheit weise außerdem darauf hin, dass sie nur eine Hexe sein könnte und darum das Leben verwirkt hätte. Abgesehen davon hatte sie angeblich dem regierenden Herzog, ihrem Schwiegervater, mit Gift nach dem Leben getrachtet. All dies reichte längst aus, um das Todesurteil nicht nur zu fällen, sondern es auch möglichst rasch zu vollstrecken.

Noch am selben Tag wurde Agnes dem Henker übergeben, der die unglückliche junge Frau, für die es keine Gnade gab, band und von einer Brücke in die Donau stieß. Dabei lösten sich ihre Fußfesseln, so dass Agnes schwimmend das Ufer erreichte. Sie flehte die Gaffer, die sich eingefunden hatten, um das grausige Spektakel mitzuerleben, an, sie zu retten, aber die trauten sich nicht, ihr zu helfen. Die Furcht vor dem Herzog war größer als jegliches Mitleid. Der Henker eilte schnell herbei, wickelte das lange blonde Haar von Agnes um eine Stange und tauchte den Kopf der Frau so lange unter Wasser, bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gab.

Als Albrecht von den schrecklichen Vorfällen während seiner Abwesenheit erfuhr und die geliebte Frau tot vor sich liegen sah, beschloss er in seiner verzweifelten Wut, gegen den Vater ein Heer aufzustellen, um den Tod von Agnes zu rächen. Herzog Ernst, der einen Bürgerkrieg auf sich zukommen sah, wandte sich an Kaiser Sigismund um Hilfe. Der Kaiser erkannte klar, dass eine mit Waffengewalt ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn womöglich einen Flächenbrand nach sich ziehen könnte. Daher übernahm er die Rolle des Vermittlers, wobei der Vater alles versuchte, um sich mit Albrecht auszusöhnen. Er gestattete dem Sohn, einen prunkvollen Grabstein für Agnes anfertigen zu lassen, auf dem die geliebte Frau in Lebensgröße als vornehme Frau dargestellt wurde, wobei man an ihrem Ringfinger deutlich den Ehering erkennen konnte.

Da der Herzog von Bayern-München das leichtlebige Blut seines Sohnes kannte, wusste er, wodurch er den trauernden Witwer am besten trösten konnte: Er besorgte Albrecht eine neue Frau. Anna, die Tochter des Herzogs von Braunschweig, schien die richtige zu sein, die Albrecht standesgemäße Kinder schenken würde. Als Albrecht die neue Braut in Augenschein nahm, war sein Schmerz schnell vergessen, denn kaum ein Jahr nach den tragischen Ereignissen in Straubing im Oktober 1435 ließ er eine glanzvolle Hochzeit ausrichten. Überraschend schnell waren seine Wunden geheilt – aus dem zu tiefst trauernden Witwer war im Handumdrehen ein glückstrahlender Bräutigam geworden!

So etwas gab es bisher noch nie: Hochzeit im Vatikan

Die Residenz des Papstes war jahrhundertelang für Frauen tabu. Erst unter Innozenz VIII. kehrten neue Sitten ein, als er für seinen Sohn Franceschetto ein glanzvolles Hochzeitsfest im Vatikan veranstalten ließ.

Giovanni Battista Cibo hatte wahrscheinlich selber am allerwenigsten damit gerechnet, dass ihm außer der Kardinalswürde auch noch ein Platz auf dem Stuhle Petri eingeräumt werden würde. Aber in der Verlegenheit, in der sich die Kurie im Jahre 1484 befand, da man sich weder auf einen Papst aus dem Hause Borgia noch auf Giuliano delle Rovere einigen konnte, wurde Cibo der lachende Dritte, der sich trotz seines eher flotten Vorlebens als Heiliger Vater Innozenz, der Unschuldige, nannte. Dass er einmal die Kardinalswürde erlangen könnte, das war bei den politischen Gegebenheiten in den einzelnen italienischen Stadtstaaten durchaus möglich, immerhin war es üblich, aus den begüterten Familien einen Sohn in Rom zum Kardinal küren zu lassen. Wie es um die religiöse Einstellung des Kandidaten bestellt war, darum kümmerten sich die Verantwortlichen herzlich wenig, denn das Heer von Kardinälen bildete nicht nur einen wirtschaftlichen Faktor in Rom, die Kirchenfürsten waren auch wichtige Mäzene für die Künstler der Renaissance, da sie über ein beträchtliches Vermögen verfügten. Daneben waren sie Brotgeber für eine Unzahl von Bedienten, ein Kardinal aus dem Hause Farnese beschäftigte nicht weniger als 306 Personen, und auch die anderen hohen kirchlichen Würdenträger besaßen Kutscher, Jagdaufseher und Jäger, Scharen von Köchen und Küchenhilfen, Speisenträger, Friseure und Ärzte kümmerten sich um das äußere und innere Wohl ihres Herrn und der Hauskaplan las täglich die Messe, da dem Kardinal meist die kirchlichen Weihen fehlten. Und da man im 16. Jahrhundert sich an allem Nichtgewöhnlichen delektierte, hielt man sich zur Unterhaltung Riesen und Zwerge, Hofnarren und Astrologen, aber auch Dichter und Musiker verschönten den gar nicht grauen Alltag. Es war ein buntes abwechslungsreiches Leben, das natürlich ungewöhnlich kostspielig war. Nicht jeder Kardinal verfügte über Jahrzehnte hinweg über die entsprechenden Geldsummen, um den luxuriösen Lebensstil aufrechterhalten zu können. Daher war es nötig, auf irgendeine Weise zu Geld zu kommen. Dass dies oft nur über politische Machenschaften möglich war, beweisen die verschiedenen Absprachen zwischen den geistlichen und weltlichen Fürsten, die wechselnden Bündnisse mit dem Kaiser oder dem König von Frankreich, mit Venedig oder sogar mit den Türken.

Innozenz VIII. war keineswegs ein unbeschriebenes Blatt, als er gleichsam über Nacht als Notnagel zum Papst erwählt wurde. Im zarten Alter von 16 Jahren hatte er mit einem einfachen Mädchen einen Sohn gezeugt, der genauso wie die später geborene Tochter Theodorina in Neapel aufgezogen worden war.

Dass ein »weltlicher« Vater zum »Heiligen Vater« ernannt wurde, war im ausgehenden 15. Jahrhundert keineswegs eine Seltenheit, auch die anderen Kandidaten, die damals zur Wahl standen, blickten auf eine nicht bescheidene Kinderschar, die vor oder während ihrer Kardinalszeit geboren waren. Schon längst war niemand, der den Kardinalspurpur trug, wirklich bereit einzusehen, warum nur weltliche Fürsten die Freuden des Lebens bis zur Neige genießen sollten. Jetzt, in der Zeit der Wiederentdeckung des Menschen, der Renaissance, schienen die Vorschriften des Zölibats in Vergessenheit zu geraten. Papst Leo X. sprach angeblich aus, was schon gang und gäbe war: »Lasst uns das Papsttum genießen, nachdem Gott es uns geschenkt hat.«

Papst Innozenz VIII. lebte zwar noch nicht in Saus und Braus im Vatikan, trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sein Leumund durch seinen äußerst missratenen Sohn angeschlagen war. Denn so lange Franceschetto noch in Neapel lebte, drangen nur hin und wieder merkwürdige Gerüchte über den mittlerweile 35-jährigen Papstsohn nach Rom, wobei es dem Vater vorübergehend gelang, schützend seine Hand über Franceschetto zu halten. Aber je mehr der Sohn versuchte, mit dem Papstvater in Verbindung zu treten, umso mehr erzählte man sich in Rom von seinem Lotterleben, das er als berüchtigter Verführer und stadtbekannter Spieler führte. Papst Innozenz sah nur einen einzigen Ausweg, um den missratenen Sohn auf den Pfad der Tugend zu bringen, indem er eine unschuldige Braut für ihn suchte. Dabei spielten natürlich politische Motive eine mindestens so große Rolle wie die Besserungspläne des Vaters. Nach einigen Schwierigkeiten erklärte sich der vielgerühmte Lorenzo il Magnifico bereit, dem Sohn des Papstes seine erst 14-jährige Tochter Maddalena zur Frau zu geben. Dass dies keine Liebesheirat werden würde, war beim Abschluss des Ehevertrages allen Beteiligten sonnenklar, der wüste, beinah dreimal so alte Bursche war mit seiner überaus kleinen Gestalt und dem listigen Gesicht keineswegs ein Traummann für die blutjunge Mediceerbraut, die eine ansehnliche Mitgift mit in die unglückliche Ehe brachte, so dass die Schulden des Bräutigams – in einer einzigen Nacht hatte er allein 14.000 Dukaten verloren – mit einem Schlage getilgt waren. Die Medici waren aber keineswegs reine Wohltäter, Lorenzo wusste genau, wofür er seine Tochter verkaufte: Seine Familie lockte die Tiara genauso wie sie den Orsini, Farnese und Borgia ins Auge stach. Jetzt hatten die Medici den ersten Fuß in der Tür zum Vatikan und würden in Hinkunft alle Möglichkeiten das höchste kirchliche Amt zu erringen ausnützen! Die Hochzeit von Franceschetto und Maddalena legte den Grundstein für sämtliche kirchenpolitischen Pläne der Medici.

Trotz seines an sich bescheidenen Lebenswandels ließ Papst Innozenz VIII. am 18. November 1487 ein großes Festmahl zu Ehren des Brautpaares in den Räumlichkeiten des Vatikans ausrichten, zu dem auch die bekanntesten und schönsten Damen Roms geladen waren, etwas, was viele als wahre Sensation ansahen. Denn bisher waren diese heiligen Hallen für Frauen streng tabu gewesen, jetzt aber öffneten sich die Tore der Klausur anlässlich der Hochzeit des Papstsohnes für die Damenwelt offiziell. Alles, was in Rom Rang und Namen hatte, ließ es sich nicht nehmen, an den Feierlichkeiten, die der Papst persönlich eröffnete und für die er Unsummen aus seinen Geldtruhen zur Verfügung stellte, teilzunehmen. Vergessen war plötzlich der miserable Leumund des Bräutigams, vor allem, da Innozenz dem Sohn noch alle möglichen einträglichen Pfründen, die mit hochtrabenden Titeln verbunden waren, übertragen ließ.

Hatte der Vater erwartet, dass Franceschetto endlich seinen liederlichen Lebensstil ändern würde, so hatte er sich gründlich getäuscht. Nächtelang trieb sich der junge Ehemann zusammen mit seinen verkommenen Freunden in Rom herum und war nach wie vor zu jeder Schandtat bereit. Ein Chronist gab Folgendes zu Protokoll: »Im selben Monat zogen Franceschetto Cibo, der Sohn des Papstes Innozenz, und Jerome d’Estouteville … bewaffnet … bei Nacht aus, um eine gewisse Frau … zu rauben. Dabei kam es aber zu einem Lärm, die Sache ward entdeckt und die Herren mussten sich mit Schimpf und Schande zurückziehen.«

Obwohl Papst Innozenz über das fortgesetzte unmoralische Leben seines Sohnes entsetzt war, versetzte er nicht nur einmal die Tiara bei einem Bankhaus, um Franceschetto und seine Familie finanziell unterstützen zu können. Auch um seine Enkel kümmerte sich der päpstliche Großvater vorzüglich, indem er zwei Söhne von Franceschetto mit der Kardinalswürde ausstattete, die mit großen Einkünften verbunden war.

Dass die verweltlichten Zustände im Vatikan bei so manchem gläubigen Christen höchstes Ärgernis hervorriefen, war nur zu verständlich, vor allem, da man mit Geld beinahe alles erreichen konnte. Selbst Verbrechen wurden mit klingender Münze gesühnt, denn von Seite der kirchlichen Behörden vertrat man den Standpunkt: »Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er zahle und lebe.«

Im fernen Deutschland beobachtete ein Augustinermönch nicht nur die untragbar gewordenen Verhältnisse im Vatikan, die 95 Thesen, die Martin Luther in Wittenberg veröffentlichte waren geradezu ein Flächenblitz für alle Christen.

»Sie« machte »ihm« einen Heiratsantrag

Ein Leben lang war Isabella eine tatkräftige Frau gewesen, die nicht nur ihr eigenes Schicksal in ihre starken Hände genommen hatte, sondern auch mit Zähigkeit und Durchsetzungsvermögen die Geschicke des vereinigten Spanien an der Seite ihres Gemahls Ferdinand von Aragón lenkte.

Bis es allerdings so war, waren für beide viele Abenteuer zu bestehen.

Es war eine wirre Zeit, in die Isabella am 22. April 1451 hineingeboren worden war, denn nicht sie oder ihr Bruder Alfonso trat die Nachfolge ihres Vaters, des kastilischen Königs Juan II. an, sondern ihr lasterhafter Halbbruder aus der ersten Ehe des Vaters Enrique, der die Herrschaft an sich gerissen hatte, ein mit allen Wassern gewaschener Mensch, ein Ausbund von Unmoral, der so weit ging, das königliche Bett mit den dubiosesten Günstlingen zu teilen, wobei der gerissenste unter ihnen Beltran de la Cueva auch die Pseudoehefrau von Enrique beglückte.

Enrique saß noch nicht lange auf dem Königsthron von Kastilien als sich ganz deutlich abzeichnete, dass er in keiner Weise zum Herrschen geboren war, dass er ein willfähiges Werkzeug für alle sein würde, die auf infame Weise ihr Glück versuchten. Der König war zur lächerlichen Figur geworden, wobei der Hof zu einem Lasterpfuhl absank, der beispiellos war. Je mehr aber über die perversen Lebensgewohnheiten Enriques und seiner Clique im Lande bekannt wurde, umso lauter wurden die Stimmen ehrbarer Bürger, die daran erinnerten, dass der König ja noch einen Bruder und eine Schwester besaß, ebenfalls Kinder des integren verstorbenen Königs. Gleich nach dem Tod des Vaters waren Isabella und Alfonso zusammen mit ihrer Mutter vertrieben worden, was die übersensible Frau in tiefe Melancholie stürzte. Ihre beiden Kinder hätten es viel leichter im Leben gehabt, hätte sich die Mutter nicht in ihr Unglück vergraben. Aber ihre Depressionen waren krankhaft und sollten in der Familie Isabellas immer wieder auftreten.

Als Kastilien immer mehr ins Chaos fiel, begannen sich die mit der Herrschaft Enriques Unzufriedenen allerorts zu formieren, um den ungeliebten König zu vertreiben. Auch Alfonso, dreizehn Jahre jung, griff zu den Waffen und errang gegen den Stiefbruder einen Überraschungssieg, den er zum Leidwesen aller aber nicht auszunützen vermochte. Denn schon nach kurzer Zeit starb der tapfere Jüngling gleichsam von einem Moment auf den anderen nach dem Genuß einer Forelle, wobei niemals geklärt wurde, ob nicht Enrique dabei seine Hand im Spiel gehabt hatte.

Nachdem diese Last von seinen Schultern genommen war, gab sich Enrique seiner Stiefschwester Isabella gegenüber scheinheilig freundlich. Er lud das junge Mädchen nach Los Toros de Guisando zu einer offiziellen Begegnung ein und machte ihr das Angebot, sie als Nachfolgerin ins Auge zu fassen. Isabella wusste kaum, wie ihr geschah, denn sie konnte nicht ahnen, dass Enrique im Sinn hatte, sie an einen Ehemann zu verschachern, von dem er sich Nutzen versprach. Die Prinzessin war beinah noch ein Kind, als sie Carlos von Viana, dem Prinzen von Navarra, versprochen wurde, der gut dreißig Jahre älter war als sie. Der Himmel hatte aber ein Einsehen mit der Kinderbraut, der Bräutigam starb ganz plötzlich an Schwindsucht. War der Erbe Navarras ein spindeldürrer Mann gewesen, so war der nächste Heiratskandidat Alfonso von Portugal das genaue Gegenteil: stiernackig, fettfingrig, kurzbeinig und dickbäuchig. Man hätte es kaum für möglich halten können, dass dieser schwammige Mann militärische Erfolge in Afrika erzielt hatte und daher den Ehrentitel »El Africano« trug. Gegen eine Eheschließung mit diesem Koloss wehrte sich Isabella zwar erfolgreich, konnte aber nicht verhindern, dass ihr der Stiefbruder sofort wieder einen zukünftigen Ehemann präsentierte, der diesmal aus den Reihen der Geistlichkeit kam. Pedro Giron war der verkommene Bruder des Großmeisters von Calatrava, ein im ganzen Land bekannter Wüstling, der vor keiner noch so widerlichen Untat zurückschreckte. König Enrique wandte sich unverzüglich an den Papst, der Giron von seinen Ämtern dispensieren sollte, um den Weg ins Ehebett frei zu machen. Don Pedro dauerte dies allerdings zu lang, er wollte auf Nummer sicher gehen und Isabella möglichst rasch zu seiner Frau machen, wenn nötig auch mit brutaler Gewalt. Aber auch diesmal war das Schicksal dem unglücklichen Mädchen gnädig, denn die treue Freundin Isabellas Beatriz de Bobadilla musste ihren geschliffenen Dolch gar nicht einsetzen, um den Bräutigam in der Hochzeitsnacht zu töten, wie der Plan gelautet hatte. Als Don Pedro nämlich in der Nähe von Jaen Rast machte, fiel ein riesiger Schwarm Störche ein, der den Himmel verdunkelte. Mit schnarrenden Geschrei zogen die Vögel zwar weiter, alle Anwesenden aber sahen in dem Vogelzug ein böses Omen. Und tatsächlich starb Don Pedro wenige Tage später an Halsbräune.

Aber Enrique gab noch nicht auf, die Stiefschwester in seinem Sinne zu verheiraten. Diesmal stand der Bruder des französischen Königs Ludwig XI., der Herzog von Berry zur Debatte, denn Enrique hatte sich nach jahrelangen Querelen mit Frankreich mit Ludwig ausgesöhnt. Was gab es also Besseres, als noch durch eine private Verbindung diesen Kontakt zu festigen?