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Eine europäische
Bauidee

Die
Ringstraße

VON BARBARA DMYTRASZ

mit Fotos von Peter Szabo

Eine europäische
Bauidee

Die
Ringstraße

VON BARBARA DMYTRASZ

mit Fotos von Peter Szabo

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Bildnachweis:

Alle Bilder von Peter Szabo außer

© Albertina, Wien, Franz Alt: Coverbild o., S. 36

Rudolf Hemetsberger: 155

Guido Havenith: 108 l. und r.

© Kremslehner Hotels: 205 u., 211

Kunsthistorisches Museum Wien: 61 u., 62 u. r., 77

Mag. Friedrich Öhl: 42, 43 o.

Verlagsarchiv: 40 u., 67 r., 159

verlagsbüro wien: 15, 16, 17, 23, 49, 174, 185 o., 196, 200, 203, 207, 212

Wikipedia: 150

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Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien

Herstellung und Satz: verlagsbüro wien

Gedruckt in der EU

eISBN 978-3-902998-62-0

ISBN 978-3-85002-588-1

INHALT

VORWORT

DIE WIENER RINGSTRASSE

Das größte städtebauliche Projekt des 19. Jahrhunderts in Europa

EIN BOULEVARD GEGEN REVOLUTIONÄRE?

Eine Prachtstraße für Wien?

Die Roßauer Kaserne

Deutschmeisterdenkmal

Das ehemalige Kriegsministerium

Das Denkmal für Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky (1766–1858)

DER PLATZ DER IMPERIALEN SELBSTDARSTELLUNG

Das Kaiserforum

Die Neue Burg

Die Reiterdenkmäler auf dem Heldenplatz

Das Äußere Burgtor

Die Museumsbauten auf dem Maria-Theresien-Platz

Das Kunsthistorische Museum

Das Naturhistorische Museum

Der Maria-Theresien-Platz

Das Museumsquartier

DER TRIUMPH DES LIBERALEN BÜRGERTUMS

Die Börse

Die Universität

Das Liebenbergdenkmal

Das Rathaus

Das Parlament

Der Justizpalast

DIE GEBÄUDE DER KÜNSTE

Das Burgtheater

Die Akademie der Bildenden Künste

Die Staatsoper

Der Musikverein

Das Künstlerhaus

Die Secession

Das Museum für Angewandte Kunst

ADEL UND GROSSBÜRGERTUM RÜSTEN ZUM SHOWDOWN

Die Palais entlang der Wiener Ringstraße

Das Palais Ephrussi

Das Palais Epstein

Das Palais Todesco

Das Palais Königswarter

Das Grand Hotel

Das Hotel Imperial

Der Schwarzenbergplatz

Das Reiterdenkmal für Karl Philipp Schwarzenberg

Das Palais Ludwig Viktor

Das Palais Wertheim

Das Wohnhaus Wertheim

Das Palais Eduard Wiener von Welten

Der Stadtweingarten

Das Palais Ofenheim

Das Administrationsgebäude der Staatsbahngesellschaft

Der stadtauswärtige Teil des Platzes

Das Palais Henckel-Donnersmark (heute: SAS-Palais-Hotel)

Das Palais Coburg

Das Hoch- und Deutschmeisterpalais (heute Opec Fund)

Das Palais Colloredo-Mansfeld

Das Wohnhaus von Otto-Wagner

EIN ORT DES GEDENKENS

Die Votivkirche

Der Rooseveltplatz

OPPOSITION GEGEN DAS KAISERHAUS

Auf den Spuren des Jugendstils

Die Postsparkasse

Die Kammer der gewerblichen Wirtschaft – heute Wiener Wirtschaftskammer

Die Urania

Das Bank-Austria-Gebäude, vormals Creditanstalt

GLOSSAR

LITERATURVERZEICHNIS

NAMENSREGISTER

VORWORT

Der Ring, wie er liebevoll von den Wienerinnen und Wienern genannt wird, ist ein Gesamtkunstwerk, das mehr historische und kulturelle Schätze zu bieten hat als jede andere Prachtstraße Europas.

Welche Geheimnisse birgt jene Straße, die einer ganzen Epoche in Wien ihren Namen gab? Das vorliegende Buch wendet sich an alle historisch Interessierten und lädt dazu ein, das Ensemble, das der Ring gemeinsam mit seinen Plätzen und Denkmälern formt, mit neuen Augen zu sehen. Es wird hier erstmals der Versuch unternommen, das Zusammenspiel von Kunst und Geschichte zu enthüllen.

Alle historischen Gebäude der Ringstraße sind Zeugen einer Vergangenheit, in der sie identitätsstiftend wirkten. Ihre damalige Bedeutung kann nur im historischen Kontext entschlüsselt werden. Infolgedessen weichen die vorgeschlagenen Routen von den gewohnten Rundgängen ab, da sich die einzelnen Kapitel jeweils einem Themenbereich widmen.

In diesem Buch ist das Gesamtkunstwerk Ringstraße als Beispiel für die jeweiligen Modernismen von Stadtplanung, Stadtgestaltung und Architektur der letzten 150 Jahre neu zu entdecken, weil sich der gestalterische Wille der jeweiligen politischen Machthaber an den Bauwerken der Ringstraße manifestiert. Auftragswerke politischer Eliten hatten und haben eine repräsentative Funktion, da sie der Selbstdarstellung dienen. Mit der Änderung der politischen Voraussetzungen, die zur Anlage des Ringstraßenensembles geführt hatten, wandelten sich die ästhetischen Konzepte.

Das Buch ist auch eine Spurensuche, die in andere europäische Städte führt, in denen Vorbilder für die Gebäude und Platzgestaltungen am Ring zu finden sind.

Die empfohlenen themenorientierten Rundgänge beginnen bei der Universität auf dem Universitätsring und sind das Ergebnis langjähriger, persönlicher Erfahrung und Recherche.

Entdecken Sie die Ringstraße neu!

BARBARA DMYTRASZ

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DIE WIENER RINGSTRASSE

DAS GRÖSSTE STÄDTEBAULICHE PROJEKT DES 19. JAHRHUNDERTS IN EUROPA

EIN BOULEVARD IN HUFEISENFORM

Als Gesamtkunstwerk des Historismus ist die Ringstraße das bedeutendste und größte Ensemble dieser Epoche, die in Wien als die Ringstraßenära in die Geschichte einging. Der für ihre Architektur stilbildende Historismus wird gerne als Ringstraßenstil bezeichnet. Die Form eines Hufeisens verleiht dem Boulevard seinen unverwechselbaren und einzigartigen Charakter und jene Architekturformen, die Europa in den letzten 2.000 Jahren prägten, begegnen einem in historistischer Form auf dem Ring. Die Ringstraße ist zudem ein Spiegelbild des wechselnden Selbstverständnisses der Habsburger-Monarchie, in der Zeitgeist und Politik eine Symbiose eingingen. Somit ist es eine lohnende Aufgabe, den Einfluss, den die Geschichte Österreichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Entstehung des Ringensembles nahm, zu durchleuchten.

In der Zeit des Historismus schließt man an bewährte Traditionen an und schafft mit Hilfe historisierender Formen dennoch etwas vollkommen Neues, indem man ältere Motive zitiert und Stile mischt. Einerseits will man zwischen dem neuen Bau und den historischen Leistungen eine Kontinuität herstellen, andererseits ist der gewählte Stil insofern auch ein symbolisches Programm, als er auf die Funktion und Nutzung des Gebäudes hinweist. Die Architekten greifen auf jene Stile zurück, die der Bestimmung des Neubaus am besten entsprechen. Da architektonischen Formen bestimmte Charaktereigenschaften innewohnen, ordnet man dem Bau einen gewissen Stellenwert zu – es gilt diese Botschaften zu entschlüsseln.

Die drei wesentlichen Phasen des Historismus finden sich an der Ringstraße wieder. Der Romantische Historismus wählt nach Art eines Eklektizismus verschiedene historisierende Formen aus und komponiert einen Mischstil. Die Gebäude werden generell ohne Sockel in das Rastersystem der Grundfläche eingefügt. Die Staatsoper und die Wohnbauten auf dem Kärntner Ring wurden in dieser ersten Phase zu Beginn der Gründerzeit errichtet.

Der Strenge Historismus zieht einen Stil, der eine politische Aussage trifft, als tonangebend für ein Bauwerk vor. Diese Gebäude ruhen, Monumenten gleich, auf hohen Sockeln, was ihre Erhabenheit unterstreicht, die untrennbar mit der Funktion des Baus in Zusammenhang steht. Die Mehrzahl der Nutzbauten, wie Rathaus, Parlament oder Universität sind Zeugen dieser zweiten Phase.

Der Barockhistorismus orientiert sich in den Einzelformen am Barockstil, fasst aber die Architektur mit einer stark betonten räumlichen Gestaltung der Fassade wie eine Plastik auf.

Kein Bauwerk auf der Ringstraße ist einer konkreten historischen Kunstrichtung eindeutig zuzuordnen.

Architekten aus ganz Europa beteiligten sich an dem Ideenwettbewerb zu der Gestaltung des neuen Boulevards, der der Residenzstadt der Donaumonarchie – der am raschesten wachsenden Stadt Europas – den Charakter einer neuen Metropole geben sollte. Die Habsburgermonarchie war von der Fläche her der zweitgrößte Staat in Europa, von der Einwohnerzahl gesehen lag sie an dritter Stelle und zählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts 50 Millionen Einwohner.

Man träumte davon, die berühmten Pariser Boulevards sogar noch zu übertreffen, wie sich Presseberichten vom 25. September 1859 entnehmen lässt.

DIE ANLAGE DER RINGSTRASSE EINE HISTORISCHE SPURENSUCHE

Es war „die“ Neuigkeit zu Weihnachten des Jahres 1857, die die Wienerinnen und Wiener wachrüttelte: Franz Joseph I. hatte ein Handschreiben an den einstigen Revolutionär und nunmehrigen Innenminister Alexander Freiherr von Bach verfasst, in dem er die Anlage der Ringstraße anordnete.

Am Morgen des 25. Dezember veröffentlichte die Wiener Zeitung die kaiserliche Willensbekundung:

Lieber Freiherr v. Bach! Es ist mein Wille, dass die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit Rücksicht auf eine entsprechende Verbindung derselben mit den Vorstädten ehemöglichst in Angriff genommen und hiebei auch auf die Regulierung und Verschönerung Meiner Residenz- und Reichshauptstadt Bedacht genommen werde. Zu diesem Ende bewillige ich die Auflassung der Umwallung und Fortifikationen der inneren Stadt, sowie der Gräben um dieselbe.

Jener Theil der durch Auflassung der Umwallung der Fortifikationen und Stadtgräben gewonnenen Areal und Glacis-Gründe, welcher nach Maßgabe des zu entwerfenden Grundplanes nicht einer anderweitigen Bestimmung vorbehalten wird, ist als Baugrund zu verwenden und der daraus gewonnene Erlös hat zur Bildung eines Baufondes zu dienen, aus welchem die durch diese Maßregel dem Staatsschatze erwachsenden Auslagen, insbesondere auch die Kosten der Herstellung öffentlicher Gebäude, sowie die Verlegung der noch nöthigen Militär-Anstalten bestritten werden sollte.

Die neoabsolutistische Herrschaft Kaiser Franz Josephs I. gleicht am Beginn seiner Regierungszeit einer Militärdiktatur. Es besteht daher die Intention die Stadt zu militarisieren. Gerade in diese Zeit fällt die Konzeption der Ringstraße als äußerst breite Straße von fast 57 Metern, die im Fall einer möglichen Revolution die rasche Truppenverschiebung ermöglicht. Erste Ansätze zur Stadterweiterung gab es seit den 1830er Jahren durch die Freigabe zur Bebauung des äußersten Glacisrandes. Doch das Verbauen des 500 Meter breiten Glacisstreifens scheiterte an den Einsprüchen des Militärs. In der Planungsphase dachte man, die Ringstraße vorrangig als militärische Aufmarschstraße, deren Endpunkte zwei Kasernen, die Franz-Josephs- und die Roßauer Kaserne bildeten. Es drängt sich somit auf, den versteckten militärischen Charakter der Anlage zu demaskieren.

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Die im Gebiet des heutigen Stubenrings gelegene Franz-Josephs-Kaserne war Teil des „Festungsdreiecks“, in das man Wien nach der Revolution von 1848 gezwängt hatte.

Nach der Niederlage von 1859 gegen Piemont-Sardinien und Frankreich änderte sich das politische Profil Österreichs. Das Königreich Lombardei ging verloren und der Neoabsolutismus neigte sich seinem Ende zu. Das Bürgertum ergriff nun seinerseits die Chance der aktiven politischen Betätigung; dieser Kurswechsel spiegelte sich in der Anlage des „Bürgerforums“ wider. Die Errichtung von Parlament, Rathaus – im gotischen „Oppositionsstil“ des Bürgertums – und Universität wurde erst möglich, als man auf die militärische Nutzung des Geländes zwischen Hofburg und Roßauer Kaserne verzichtete.

Das Kaiserhaus verewigte sich schließlich im „Kaiserforum“, das unvollendet blieb, und damit zum Symbol der zunehmenden Schwäche der Monarchie wurde.

Die Ringstraße entwickelte sich nun zu einem Prachtboulevard, an dem die Paläste der Regierung, Verwaltung, Bildung und Kunst entstanden. Neben dem geschwächten Kaiserhaus waren es vor allem Politiker, Bankiers und Industrielle, die die Möglichkeit nutzten, sich an dieser repräsentativen Straße selbst darzustellen. Die Bürger traten als Bauherrn und Mäzene auf. Der zuletzt gestaltete Ringstraßenbereich war das Stubenviertel, das erst nach dem Schleifen der Franz-Josephs-Kaserne 1901 bebaut werden konnte. Hier unternahm man einen letzten Versuch, in einem national nicht festgelegten Stil, dem Jugendstil, eine für die gesamte Monarchie verbindliche Formensprache zu finden. Diese Idee scheiterte jedoch, da der Jugendstil bald einer bestimmten politischen Gruppe zugeordnet wurde, nämlich dem liberalen Bürgertum. Somit verlor er seine Attraktion für die um Einheit kämpfende Regierung der Monarchie. Das den Stubenring architektonisch beherrschende Kriegsministerium wurde im Neobarock gebaut, dem dominierenden Stil der ausgehenden Monarchie. In Zeiten außenpolitischer Niederlagen, die die Franzisko-Josefinische Ära kennzeichneten, besann man sich der Zeit der größten Machtausdehnung Österreichs, der Barockzeit; und beschwor sie indirekt herauf, indem man neobarock baute.

Durch die zweite Stadterweiterung, im Rahmen derer 44 Vororte zwischen 1890 und 1910 eingemeindet wurden, stieg die Einwohnerzahl der Hauptstadt auf zwei Millionen. Somit war Wien um 1900 die sechstgrößte Stadt Europas geworden.

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Der Plan zeigt das Glacis, das sich zwischen der Stadt und ihren Vorstädten erstreckte und als militärisches Sperrgebiet unbebaut war.

DIE VORGESCHICHTE

Der Stadtkern von Wien war seit dem beginnenden 13. Jahrhundert nicht mehr gewachsen. Damals hatten die Babenberger mit einem Teil des Lösegeldes, das sie für die Freilassung des widerrechtlich festgenommenen englischen Königs und Kreuzfahrers Richard Löwenherz erhalten hatten, die Stadt über den Graben hinaus erweitert; und in diesem starren Korsett blieb sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts.

Aufgrund der anhaltenden Türkengefahr entschied Ferdinand I. nach der ersten Belagerung 1529, die mittelalterliche Mauer durch Basteianlagen zu ersetzen. Diese moderne Befestigungsanlage wurde in ihrer letzten Ausbaustufe erst 1672 vollendet. Die gesamte Stadt war nun von Geschützterrassen, die in Form von Dreiecken gestaltet waren, umgeben. Ergänzt wurde diese zeitgemäße Festung durch ein System von Gräben und eine aus militärischen Gründen unverbaute Wiesenfläche, das Glacis, das jene offene Schussfläche bot, die der Reichweite der damaligen Geschütze entsprach. Seit dem späten 18. Jahrhundert waren Teile mit Bäumen bepflanzt und von Öllampen erhellt und daher zu dem beliebtesten Freizeitort der Wienerinnen und Wiener geworden. Nachdem Napoleon 1809 durch die Sprengung der Burgbastei bewiesen hatte, dass die veralteten Befestigungen keinen Schutz in Zeiten der modernen Kriegführung boten, wurde im Bereich der Burg bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der „kleinen“ Stadterweiterung im Bereich des heutigen Heldenplatzes und einem Teil des Volksgartens begonnen. Seitdem erlahmte die Diskussion nicht mehr, den Stadtkern mit den Vorstädten zu vereinen; durch die Anlage der Ringstraße wurde die Anbindung der 1850 eingemeindeten Vorstädte an den alten Stadtkern vollzogen.

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Die Knickstelle zwischen Naturhistorischem Museum und Parlament zeigt den Ring als Polygonzug mit geraden Schusslinien.

Angesichts des unverbauten Gürtels des Glacis bot sich in Wien die beispiellose Chance, ein historistisches Gesamtkunstwerk enormen Ausmaßes direkt mit dem Zentrum zu verbinden. Der Ring, wie die Straße im Volksmund genannt wird, ist keine runde Anlage, wie die Bezeichnung vermuten ließe, sondern ein Polygonzug mit geraden Teilabschnitten, die jeweils für sich eine freie Schussstrecke für den militärischen Einsatz bilden; auch die enorme Breite von 56,89 m ist der Auffassung entsprungen, einen etwaigen Bau von Barrikaden im Fall eines Aufstandes zu erschweren. Der Boulevard bildet ein Siebeneck, das durch den breiten Kai, der entlang des Donaukanals verläuft, geschlossen wird. Die in der Mitte verlaufende Hauptfahrbahn, die seit 1972 eine Einbahn ist, wird von Doppelalleen mit Geh- und Radwegen gesäumt; ursprünglich verliefen eine Gehallee auf der stadtauswärtigen und eine Reitallee auf der anderen Seite. Gehsteige und, bis auf wenige Ausnahmen, Nebenfahrbahnen sorgen für die vielfältige Nutzung der Straße. Dort, wo nur eine Seite verbaut ist, wie im Bereich des Burgoder Volksgartens, fehlt die Nebenfahrbahn. Sie wird durch eine dritte Baumreihe ersetzt. Die Lastenstraße, die großteils eine Art zweiten äußeren Ring bildet, war, wie der Name andeutet, für den Gütertransport vorgesehen. Sie nimmt zum Teil den Verlauf der alten Esplanadestraße, die einst den stadtauswärtigen Glacisrand begrenzte.

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Der Abriss der Rotenturm-Bastei

Der Abriss der Befestigungen begann im März 1858 beim Rotenturmtor am Donaukanal und zog sich bis 1874. Johann Strauß setzte diesem Ereignis ein musikalisches Denkmal mit der „Demolierpolka“. Es gab den Plan, den Stadtgraben zu belassen, zu überwölben und darin eine Schienenbahn anzulegen. Die zukunftsweisende Idee zur Anlage der neuen Straße hatte einer der vier Gewinner des öffentlichen Wettbewerbes (an dem sich 85 Architekten beteiligt hatten), Ludwig Förster, der sich seit 1836 für eine Stadterweiterung eingesetzt hatte: Sein Plan sah vor, den Boulevard in die Mitte des Glacis zu rücken und nicht dicht an der ehemaligen Befestigungsanlage verlaufen zu lassen. Dieser Vorschlag kam dem später realisierten Projekt am nächsten. Keiner der preisgekrönten Entwürfe der Architekten Eduard van der Nüll, Ludwig Förster, Friedrich Stache und August Sicard von Sicardsburg wurde in der eingereichten Form angenommen. Den überarbeiteten, neuen Plan, der die Ringstraße in erster Linie als militärische Aufmarschstraße sah, genehmigte der Kaiser im September 1859.

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Der regulierte Wienfluss im Bereich des Stadtparks

DIE FINANZIERUNG

Die Anlage des Ringstraßenensembles erfolgte auf Grundstücken, über die das k.k. Militär bisher verfügt hatte. Für jene Parzellen, die zur Neuverbauung freigegeben wurden, richtete man 1859 den eigens gegründeten Stadterweiterungsfonds im Innenministerium ein, der 2,4 Millionen Quadratmeter Grund zur Bebauung freigab. Etwa 1,5 Millionen entfielen auf Straßenzüge, Plätze und Parkanlagen.

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Das Wienflussportal: Friedrich Ohmann schuf oberhalb der Kaimauern eine Jugendstilfreitreppe, die von überkuppelten Pavillons eingerahmt wird und zu der Flusspromenade führt.

Fast die Hälfte jener Fläche, die für Gebäude vorgesehen war, wurde an Privatpersonen verkauft; somit finanzierte der private Wohnbau vor allem des Großbürgertums einen erheblichen Teil der öffentlichen Bauten der Ringstraße, denn 220 Millionen Kronen flossen nach Berechnungen von 1911 in den Stadterweiterungsfonds. Einen Ansporn, sich an dem neuen Boulevard anzusiedeln, bot die garantierte dreißigjährige Grundsteuerfreiheit, die man erließ, nachdem der Grundstücksankauf nur zögerlich angelaufen war. Die Hofoper (heute Staatsoper), das Kunst- und das Naturhistorische Museum wurden aus diesem Fonds finanziert. Die Baukosten für das Parlament und die Universität übernahm der Staat; die des Rathauses die Stadt Wien, die sich ihren neuen Repräsentationsbau ein gesamtes Jahresbudget kosten ließ. Bei allen Gebäuden waren nur vier Obergeschosse erlaubt, weshalb man sich mit dem Einfügen des Mezzanins behalf.

Die feierliche Eröffnung der Ringstraße fand am 1. Mai 1865 im Rahmen der traditionellen Praterfahrt des Kaisers statt. Ursprünglich endete der Ring bei der Wollzeile, da das Areal der Franz-Josephs-Kaserne bis 1900 militärisches Sperrgebiet blieb. 1870 wurde der übrige Teil des Boulevards für den Verkehr freigegeben. Im Zuge der Stadterweiterung erfolgte die Regulierung von Donaukanal und Wienfluss; und die erste Wiener Hochquellwasserleitung wurde in die Stadt geführt. Sie versorgte erstmals die Wiener Bevölkerung mit frischem Quellwasser aus den Alpen. Der 1873 errichtete Hochstrahlbrunnen auf dem Schwarzenbergplatz setzte dieser Infrastrukturmaßnahme ein Denkmal. In den 1860er Jahren etablierte sich in Wien auch das Verkehrsmittel, das bis heute das Stadtbild prägt: Die Tramway, die um die Jahrhundertwende von der Stadt kommunalisiert wurde. In den 1890er Jahren entstand die teils als Hoch- und Tiefbahn angelegte Stadtbahn, deren Strecke heute in das Netz der U-Bahn integriert ist.

DAS ENSEMBLE

Das in drei Jahrzehnten entstandene Ringstraßenensemble besteht aus rund 850 Objekten, von denen mittlerweile ein Viertel, vor allem durch Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, verloren ist.

Als Beispiel sei der Ringturm des Architekten Erich Boltenstein genannt, der an jener Stelle entstand, an der 1869 das ehemalige Bürgerspitalfondshaus von Carl Tietz, dem Erbauer des Grand Hotels, errichtet worden war. Dieses Gebäude war das einzige auf dem Schottenring, das während des Krieges völlig ausbrannte. Der Ringturm wurde als 23-stöckiges Stahlskeletthochhaus mit Flachdach im Jahr der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages 1955 fertig gestellt und gilt deshalb als Symbol der wieder gewonnenen Freiheit und des Wiederaufbaus nach der Zeit des Nationalsozialismus und der daran anschließenden zehnjährigen Besatzung. In der ursprünglichen Planung war ein zweiter Turm auf der stadtauswärts gelegenen Seite des Schottenrings vorgesehen, um den Eindruck eines Tores als Eintritt von der Donau her zu vermitteln. Der Plan wurde jedoch 1955 fallengelassen. Der Ringturm, der mit Turmspitze 93 Meter misst, ist das zweithöchste Gebäude der Inneren Stadt. Nur der Turm des Stephansdoms übertrifft es an Höhe.

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Der Ringturm

Manche Fassaden der Ringstraße präsentieren sich heute schlichter, da Dekorelemente nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschlagen wurden. Bei der ursprünglichen Planung waren die Architekten vor allem auf die harmonische Gesamtwirkung in der Straße bedacht, weshalb gerade bei Wohnhäusern mehrere Parzellen zu einem großen Baukörper mit einheitlicher Schauseite zusammengefasst wurden. In der Gestaltung der Fassaden gibt es kaum Wiederholungen der Formen, wodurch die Straße nie monoton, sondern äußerst lebendig wirkt. Die Ringstraßenbauten zitierten in ihrem Äußeren die Stile der Vergangenheit, waren aber im Inneren hochmodern, da sie dem letzten Stand der Technik entsprachen. Viele der Monumentalbauten wurden als zeitgemäße Eisenkonstruktionen errichtet. Da es freilich galt, alles Konstruktive zu verstecken, täuschte man Gebäude vor, die auf hohen tragenden Sockeln aus Scheinrustika ruhen.

Die Anlage des Rings führte zu einer noch nie da gewesenen Blüte der Kunst und Kunstindustrie. Statt kostspielige Bildhauerarbeiten in Auftrag zu geben, bedienten sich die Architekten erstmals der serienmäßigen Produktion. Repräsentative Statuen und Dekorelemente wurden in der Wienerberger Ziegelindustriegesellschaft von Heinrich Drasche angefertigt, was den „Ziegelbaron“, in dessen Ziegelei unmenschliche Arbeitsbedingungen herrschten, zu dem großen Gewinner der Bautätigkeit auf der Ringstraße machte. Drasche selbst trat auf dem Ring als Bauherr des nobelsten Zinshauses der Welt auf – des heute nicht mehr existierenden Heinrichhofes gegenüber der Oper, dessen Architekt niemand geringerer als Theophil Hansen war, der selbst an der Wienerberger Ziegelei Anteile hielt. Jene, die die Ringstraße wirklich bauten – die Arbeiter – blieben arm und namenlos.

Die Arbeiter mühten sich ab, solange es hell war – eine Arbeitszeitbeschränkung gab es damals nicht. Es verwundert nicht, dass damit auch die soziale Frage immer mehr in den Vordergrund rückte. Es war dieses Elend, das Viktor Adler veranlasste, im Jahr 1888 die eines Menschen unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen in der Wienerberger Ziegelei öffentlich anzuprangern. Zur Jahreswende 1888/89 gelang es ihm auf dem Hainfelder Parteitag, die sozialdemokratische Arbeiterschaft zu einigen und so das Fundament für die künftige politische Arbeit zu legen. Die Arbeits- und Wohnsituation der Arbeiter veränderte sich jedoch erst wesentlich in der Ersten Republik, als gerade in Wien das weltweit erste große Sozialprogramm sich der Verbesserung ihrer Lage annahm.

EIN BAUSTIL IM DIENST DER POLITIK

Der bevorzugte Baustil in der Frühphase des Historismus war die Neorenaissance. Zeugen dieser Epoche sind vor allem die Wohnbauten des Kärntner Rings.

Der Kaiser selbst hatte eine Vorliebe für den Barockstil, der wie kein anderer die Schlossarchitektur geprägt hatte und zu den bevorzugten Bauweisen absolutistischer Herrscher zählte. Seit den 1870er Jahren begann sich der Neobarock als Stil der Monumentalbauten auf der Ringstraße als „Staatsstil“ durchzusetzen, denn in Zeiten außenpolitischer Niederlagen, wie sie die Habsburger-Monarchie um die Mitte des Jahrhunderts vor allem gegen den Erzrivalen Preußen erlebte, verstärkte man die Erinnerung an jene Epoche, in der Österreich nach dem Sieg über die Türken zur Großmacht aufgestiegen war und seine größte territoriale Ausdehnung erreicht hatte. Hieran zeigt sich deutlich, dass Herrschaftsideologie hinter den Monumentalbauten der Ringstraße steht: Stadtplanung ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Ergebnis einer ganz bestimmten Erinnerungskultur, in der die Vergangenheit in einer Gegenwartssituation bewusst instrumentalisiert wird, in der die Habsburgische Herrschaft in die Krise geraten war. Architektur wird zu einem Mittel nationaler Identitätsfindung und die Barockzeit ist retrospektiv die größte politische und kulturelle Blütezeit Österreichs.

Es lässt sich erkennen, dass in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft die Kunst zur Sinnstiftung beiträgt. Ausgelöst durch die politische Machtübernahme der Liberalen verschob sich der Schwerpunkt von der Religion, die über Jahrhunderte hinweg die starke Stütze der Herrscher war, zu Kunst und Wissenschaft, als deren Mäzen der Herrscher auftritt. Damit wird verständlich, warum sich die Architekten häufig bei jenen Gebäuden, die der Kunst und Wissenschaft gewidmet sind, sakraler Motive bedienten.

DIE ANTIKE ALS VORBILD DIE ARCHITEKTUR DER RÖMISCHEN KAISERZEIT

An den Monumentalbauten findet sich immer wieder die klassische Abfolge der Säulenformen, die auf die antiken Architekturtheorien des unter Cäsar und Pompeius als Pionieroffizier dienenden Vitruv zurückgeht: Er schrieb zehn Bücher über die Architektur; allein dieses Werk ist über die antike Baukunst überliefert. An seiner Architekturtheorie orientierten sich die Künstler der Renaissance.

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Griechische Säulenordnung

Die Säulen werden hierarchisch gegliedert: Die bodenständigste und stilistisch reinste Säule ist die dorische, die das Erdgeschoss kennzeichnet. Vitruv verglich sie mit der Stärke und Schönheit des männlichen Körpers, während sich in der dekorativen ionischen Säule mit ihrem Schnecken- und Eierstabmotiv der verfeinerte Geist und die Philosophie Athens widerspiegeln. Vitruv sah in der ionischen Säule ein Symbol für den schlanken weiblichen Körper.

Das korinthische Kapitell, das wie eine umgedrehte Glocke wirkt, die mit Akanthusblättern verziert ist, wurde schon in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Christus in Athen entwickelt. Von den Römern perfektioniert avancierte es zum charakteristischen Kapitell der römischen Bauweise.

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Das korinthische Säulenkapitell

Aus der Verbindung des ionischen Volutenkapitells mit jenem des darunter angeordneten korinthischen Akanthuskapitells kristallisierte sich dann bei den Römern das Kompositkapitell heraus.

Gottfried Semper, der große Architekturtheoretiker und Architekt namhafter Ringstraßenbauten, sah in der Architektur der römischen Kaiserzeit die „kosmopolitische Zukunftsarchitektur“, da sie symbolisch für das individuelle Streben stehe, das in der Gesamtheit aufgeht. Damit schien diese Bauweise am passendsten für die Nutzbauten des Staates, die sich an der Ringstraße formierten. Die Habsburger, die Jahrhunderte den Titel des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation trugen, fühlten sich als die legitimen Nachfolger der Cäsaren. Somit erscheint ein architektonischer Rückgriff auf Bauelemente der römischen Kaiserzeit als logischer Schritt, um Nachdruck auf die Legitimität der Dynastie zu legen, was besonders nach der Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches unter preußischer Führung 1871 und dem damit einhergehenden Verlust der Vorherrschaft im Deutschen Reich unterstrichen wurde: die ältere Tradition ihres Kaisertums. Auch die Tatsache, dass in Wien Inschriften auf dynastischen Denkmälern gerne in lateinischer Sprache verfasst sind, ist ein sicheres Indiz dafür.

DIE PLATZANLAGEN

Jene Platzanlagen, die mit der Ringstraße gemeinsam das einzigartige Ensemble bilden, erstrecken sich, mit einer einzigen Ausnahme, immer nur an einer Seite des Boulevards. Nur im Bereich der Hofburg dehnen sich Helden- und Maria-Theresien-Platz als Relikte des geplanten Kaiserforums zu beiden Seiten des Ringes aus. In ihnen manifestiert sich bis heute unverrückbar der imperiale Platz, der als einziger im rechten Winkel zum Ring, dem Symbol des Großbürgertums steht und ihn zerschneidet. Allein hier und auf dem Schwarzenbergplatz wenden sich die Gebäude dem Platz zu, und nicht der Ringstraße.

BAROCK- ODER LANDSCHAFTSGARTEN?

Die Gartenkunst hat in Wien eine weit zurückreichende Tradition: Der erste Flieder, die ersten Tulpen, Hyazinthen oder Rosskastanien, die bevorzugten Bäume der Ringstraße im kaiserlichen Bereich, wurden in Mitteleuropa erstmals in Wien gepflanzt, wo man seit dem 16. Jahrhundert traditionell enge Beziehungen zum Osmanischen Reich pflegte und somit als Gastgeschenke Pflanzen aus dem Orient erhielt. Von Wien aus traten die unbekannten Gewächse ihren Siegeszug nach Westeuropa an. Die ersten von öffentlicher Hand unterhaltenen Wiener Gartenanlagen waren seit 1780/81 jene auf dem Glacis, das bedeutet, dass sie außerhalb der Stadt lagen. Erst im Rahmen der Urbanisierung des 19. Jahrhunderts wurden auch innerhalb der Städte Parkanlagen geschaffen.

Der Volksgarten entstand bereits in der Biedermeierzeit, nachdem Napoleon I. Burg- und Löwelbastei gesprengt hatte. Jene Parks, die das Herrscherhaus für das Volk anlegen ließ, wurden, noch in der Gründerzeit, nach formal architektonischen Gesichtspunkten, als gut einsehbare französische Gartenanlagen konzipiert, da diese einerseits dem Repräsentationsbedürfnis entgegenkamen, aber auch eine bessere Überwachung der Bevölkerung zuließen und deren Moral nicht gefährdeten. Daraus ablesbar ist die konservative Grundhaltung, die das Herrscherhaus einnahm.

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Der Volksgarten als gut einsehbare französische Gartenanlage mit Blick zum Burgtheater

Der Volksgarten, der nach der Trassierung des Rings im Stil eines Barockgartens erweitert wurde, war ursprünglich kein Rosen- , sondern bis in die 1930er Jahre ein Fliedergarten. Er wurde nicht eher als im 20. Jahrhundert zu jenem Rosenparadies, als das er berühmt ist.

Das Grillparzerdenkmal konnte als nicht dynastisches Monument erst nach ausdrücklicher Genehmigung durch den Kaiser 1889 im Park Aufstellung finden. Otto Wagner plante, von dem Denkmal des Dichterfürsten ausgehend, einen Dichterhain anzulegen. Es war dies das einzige Gartenprojekt des großen Jugendstilarchitekten. Das Obersthofmeisteramt lehnte Wagners Vorschlag als Auswuchs „extremster Moderne“ ab: Ein secessionistischer Dichterhain passte nach offizieller Meinung nicht in das Ringstraßenensemble.

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Kursalon im Stadtpark. Der zweigeschossige Bau mit offener Loggia, im Stil der Neurenaissance mit Barockelementen, wurde nach Plänen von Johann Garben zwischen 1865 und 1867 für Promenadenkonzerte errichtet; den ersten Preis des Wettbewerbes hatte Otto Wagner erhalten, der seinen Entwurf nicht realisieren durfte.

Der Burggarten, der als einzige Parkanlage bis zum Ende der Monarchie nicht für die Öffentlichkeit freigegeben wurde, weil er des Kaisers Privatgarten war, erhielt in den Jahren 1863 bis 1865 durch den k.k. Hofgärtner Franz Antoine ein modernes Aussehen. Große Teile wurden zu einem idyllischen englischen Landschaftsgarten umgestaltet. Jene Gärten, die in den Zuständigkeitsbereich der Stadt fielen, legte man als romantisch verschlungene Landschaftsgärten an.

Der erste Wiener Park, der Stadtpark, entstand auf dem alten Wasserglacis, das seit 1788 für den Ausschank von Mineralwasser und Kaffee berühmt war, weshalb man hier den Kursalon anlegte. Der Kursalon etablierte sich allerdings nicht als Wasserkuranstalt, sondern avancierte zum Treffpunkt der Wiener Gesellschaft, die das Walzertanzen liebte. Das Denkmal des Walzerkönigs Johann Strauß Sohn als Geiger inmitten von Tanzenden erinnert daran.

Der zweite große städtische Landschaftsgarten erstreckt sich vor den Seitenflügeln des Rathauses. Er wird in der Mitte von dem großen Rathausplatz durchschnitten, der den Blick auf den monumentalen Rathausbau freigibt. Seit 1902 säumen die Statuen der ehemaligen Elisabethbrücke, die im Bereich des Karlsplatzes über den Wienfluss führte, den Platz. Es sind dies acht Marmorstatuen von Männern, die eng mit dem Schicksal der Stadt verbunden sind. Von der Ringstraße kommend links: Herzog Heinrich II. Jasomirgott, Herzog Rudolf IV. der Stifter, Rüdiger Graf Starhemberg, Johann Bernhard Fischer von Erlach.

Rechts: Herzog Leopold VI. der Glorreiche, Niklas Graf Salm, Leopold Graf Kollonitsch, Joseph Sonnenfels.

Heute wird das Ensemble ergänzt durch die Statuen von Karl Seitz und Theodor Körner, die beide Wiener Bürgermeister waren, letzterer auch Bundespräsident, sowie durch das Denkmal des Republikgründers Karl Renner an der Ecke Ring/Stadiongasse. Im Parkeingang bei der Universität findet man zudem die Statue von Bundespräsident Adolf Schärf.

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Die für die Stadtgeschichte prägenden Persönlichkeiten

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EIN BOULEVARD GEGEN REVOLUTIONÄRE?

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DIE ROSSAUER KASERNE

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DAS DEUTSCHMEISTERDENKMAL

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DAS EHEMALIGE KRIEGSMINISTERIUM

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DAS DENKMAL FÜR JOHANN JOSEPH WENZEL GRAF RADETZKY

EINE PRACHTSTRASSE FÜR WIEN?

DER RING ALS MILITÄRISCHES PROJEKT

Die Revolution von 1848 hatte für die bauliche Entwicklung von Wien eine bedeutende Auswirkung: das Schleifen der Befestigungsanlagen.

Die Ringstraße sollte ursprünglich im Fall einer Revolution den Truppenaufmarsch erleichtern und wurde deshalb als 4,4 Kilometer langer Polygonzug mit geraden Teilabschnitten angelegt, die jeweils für sich eine freie Schussstrecke bildeten. „Militärische Rücksichtnahme“ war auch der erste von fünf Hauptgesichtspunkten, die dem Kaiser am 17. Mai 1859 im so genannten Motivenbericht von der Kommission, die mit dem Grundplanentwurf für die Ringstraße betraut war, übergeben wurde.

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Der Gitterzaun des Hofburgbereichs

Dieser militärische Charakter der Ringstraße findet seinen sprachlichen Ausdruck übrigens in der französischen Bezeichnung „Boulevard“, die sich vom deutschen Wort „Bollwerk“ ableitet; vor allem aber zeigt er sich anhand der straßenseitigen Begrenzung von Burg-, Volksgarten und Heldenplatz.

Der rot-goldene Lanzettengitterzaun von Burg-, Volksgarten und Heldenplatz hat tiefe Fundamente und ist in einem so hohen Steinpodest verankert, dass ein Infanterist, der zum Schutz und zur Verteidigung der Hofburg eingesetzt war, dahinter knien und schießen konnte und trotzdem weitgehend gedeckt blieb.

Der Gitterzaun ist der weltweit längste, noch aus der Zeit des Historismus erhaltene.

Militärischen „Schutz“ genoss die Ringstraße durch ein sie umgebendes Festungsdreieck, dessen Basis zwei Defensivkasernen bildeten, die Franz-Josephs- und die Roßauer Kaserne, während etwas außerhalb – auf den Höhen des Wienerbergs – das Arsenal gebaut wurde. Alle diese Kasernen lagen in der Nähe von Bahnhöfen und sicherten somit die Nachschubwege; bei einem möglichen Aufstand hätten leicht Truppen nach Wien gebracht werden können.

Die heute nicht mehr existierende Franz-Josephs-Kaserne (sie wurde 1901 geschleift) bestand aus zwei spiegelbildlich angelegten Komplexen, die jeweils einen rechteckigen Hof umschlossen und deren äußere Ecken mit achteckigen Türmen verstärkt waren. Die Kaserne war an beiden Seiten, zum Donaukanal und zur Wollzeile hin, von Exerzierplätzen flankiert. In ihrem Bereich und in jenem der Exerzierplätze entwickelte sich das Stubenviertel um die Postsparkasse.

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Das Arsenal

Das Arsenal entstand an der Stelle, an der 1848 Alfred Fürst Windisch-Graetz seine Geschützbatterien gegen die rebellische Hauptstadt aufgestellt hatte, und von wo aus man mit der Artillerie bis zum Stephansdom schießen konnte. Der Komplex des Arsenals, dessen militärische Funktion auch in seiner äußeren Erscheinung durch turmartige Aufbauten, Zinnenmotive und geschlossene Wuchtigkeit im Sinne der „Architecture parlante“ betont wurde, ist charakterisiert durch eine Randbebauung, bei der hohe, mit turmartigen Eckrisaliten verstärkte Kasernen mit niedrigen Hallen und Depottrakten abwechseln. Im Zentrum des als Artilleriedepot dienenden Arsenals, das, von Sicardsburg und van der Nüll geplant, 1857 fertig gestellt worden war, lag das von Theophil Hansen gebaute Waffenmuseum (später: Heeresgeschichtliches Museum). Es war der erste Museumsbau des Neoabsolutismus in Wien und wichtig für das Selbstverständnis der Militärs, da sich hier zugleich eine Ruhmeshalle der österreichischen Armee befindet. Verstärkt wird das Festungsdreieck durch verschiedene Nebenstationen: Das Neugebäude, ein Renaissanceschloss in Simmering, diente militärischen Zwecken; man baute die Rennwegkaserne aus, in der Ungargasse entstand das Militär-Equitationsinstitut, an der Oberen Donaustraße das Fuhrwesendepot und am Getreidemarkt das Gebäude des technischen Militärkomitees.

Das Revolutionstrauma von 1848 hatten die Regierenden auch in der Zeit, als die Ringstraße angelegt wurde, noch nicht abgelegt, und so ließ das Militär keinen Versuch ungenutzt, Projekt um Projekt und Entscheidung um Entscheidung mit Einsprüchen zu verändern. Als Folge davon brach um die Bebauung des Paradeplatzes, der sich aus heutiger Sicht zwischen Roßauer Kaserne und Naturhistorischem Museum erstreckte, ein jahrelang andauernder Konflikt aus. Der fast 500m breite Glacisstreifen war nach der ersten Türkenbelagerung angelegt worden und sollte aus strategischen Gründen unverbaut bleiben, um ein freies Schussfeld zu gewährleisten.

DER PARADEPLATZ DER ARMEE

Der Paradeplatz war eine Schöpfung der Barockzeit und Leopolds I., Ende des 18. Jahrhunderts ließ Maria Theresias Sohn Joseph II. auf einem Teil des Geländes Bäume pflanzen, Wege anlegen und das so zum Promenadeplatz gewordene Glacis mit Laternen beleuchten – ein Novum, das es nur noch in Paris, London und Amsterdam gab. Ab 1784 entstanden die ersten Kaffeezelte und -hütten, zu denen auch Frauen Zutritt hatten, da sie außerhalb der Stadt lagen, während die innerstädtischen Kaffeehäuser eine Männerwelt waren. Das adaptierte Glacis wurde rasch zur Flaniermeile der Wienerinnen und Wiener, wo man auch Konzerten lauschen konnte.

Der Bereich des späteren Rathauses blieb als Exerzierplatz erhalten. Es war ein Gelände, das im Sommer zur Staubwüste und im Frühjahr und Herbst zur Schlammwüste wurde. Es stellte in der Nacht bei Durchquerung ein Sicherheitsrisiko dar und bei Übungen durch Gewehr- und Kanonensalven eine Lärmbelästigung, wobei nicht selten Fenster zu Bruch gingen. Bei Militärparaden wurde es zum Sperrgebiet, sodass man große Umwege in Kauf nehmen musste. Der Wiener Bürgermeister Cajetan Felder, der selbst Josefstädter war und auch lokalpolitische Interessen vertrat, forcierte darum die Verbauung des Paradefelds auf dem Josefstädter Glacis.

DIE AUFLASSUNG DES EXERZIER- UND PARADEPLATZES

Am 17. August 1868 entschloss sich der Kaiser – unter heftigem Protest des Armeekommandos – zu einer Änderung der Gesamtkonzeption in der Ringstraßenzone: Der Exerzier- und Paradeplatz wurde aufgelassen, nachdem Franz Joseph selbst zuvor bei der Truppeninspektion im Morast stecken geblieben war.

Somit konnte der neu gewonnene Bereich der Ringstraße mit jenen Gebäuden bebaut werden, die aufgrund der geänderten politischen Bedingungen nach 1867 notwendig wurden: Parlament, Rathaus, Universität.

Eine Ausnahme war die schon früher errichtete Votivkirche.

Die relativ breite Kolingasse ist nur aus der militärischen Konzeption des Ringstraßenbereichs zu verstehen, sie war der Aufmarschweg der Truppen, die in der Roßauer Kaserne stationiert waren.

DIE URSPRÜNGLICHE IDEE DER BEBAUUNG DES HOFBURGBEREICHS UNTER MILITÄRISCHEM ASPEKT:

Im Bereich der Hofburg sollte die Herrschaft der Habsburger durch das Militär repräsentiert werden. Anstelle von Kunst- und Naturhistorischem Museum sollten nach ersten Überlegungen Gebäude für den Generalstab und die Garde entstehen.

Nach den militärischen Niederlagen Österreichs Mitte des 19. Jahrhunderts wie der Schlacht von Solferino 1859 gegen Piemont-Sardinien und Frankreich, die den Verlust des Königsreiches Lombardei für die Habsburger mit sich brachte, wurde der Gedanke, sich über das Militär zu legitimieren, verworfen. Kunst und Wissenschaft sollten die Herrschaft der Habsburger verewigen – das Kunst- und das Naturhistorische Museum entstanden.

DIE ROSSAUER KASERNE

Ursprüngliche Bezeichnung: Kronprinz Rudolph-Kaserne 9., Schlickplatz 6 Errichtung: 1865–1969 Architekten: Karl Pilhal und Karl Markl

Das Gebäude wurde nach Plänen des Obersts des Generalstabes Karl Pilhal und Major Karl Markl als Pendant zu der zwischen 1852-57 erbauten Franz-Josephs-Kaserne entworfen.

DER NAME

Den Namen erhielt die Kaserne von jener Donauinsel, an deren Ufer sich im Spätmittelalter die Rosstränke für die Pferde befand, die die Schiffe die Donau aufwärts zogen.

DER BAUPLATZ

Das Fundament der Kaserne wurde aus dem Abbruchmaterial der Bastei errichtet. Es ruht auf 30.000 Holzpiloten, da die Kaserne im Bereich des Schwemmlandes des Donaukanals errichtet wurde.

Die heutige Roßauer Kaserne, früher Kronprinz Rudolph-Kaserne, war in allen Plänen zur Stadterweiterung nach 1848 bereits vorgesehen, jedoch erst 1865 bis 1869 ausgeführt worden, und so politisch zur Zeit ihrer Entstehung schon sinnlos. Sie befestigt die Innere Stadt am donauaufwärts gelegenen Brückenkopf zum zweiten Bezirk hin, der durch die nach Prag und Eger führende Kaiser-Ferdinand-Nordbahn wirtschaftlich wichtig war; außerdem sicherte der zweite Bezirk die Donaubrücken. Die Aktionsrichtung wendet sich einerseits mit einem bollwerkartigen Vorbau gegen den Donaukanal und die Augartenbrücke andererseits mit einem Torbau gegen den Schlickplatz. Die Anlage des 1870 eröffneten Franz-Josephs-Bahnhofs nahe der Roßauer Kaserne folgte ebenso strategischen Überlegungen, sollten doch über diese Bahnlinie rasch Truppenverstärkungen in die Stadt gebracht werden können.

DAS GEBÄUDE

Die Roßauer Kaserne ist ein Spätwerk des Romantischen Historismus und die altertümlichste Anlage, die im Wiener Festungsdreieck entstand. Durch ihre Türme und Zinnen erweckt sie den Eindruck einer mittelalterlichen Festung und ähnelt jenen Bastionen in Oberitalien, die das österreichische Festungsviereck Mantua – Verona – Peschiera – Legnano bildeten, denn dort wurden die größten militärischen Erfolge um die Mitte des 19. Jahrhunderts erzielt. Das Zentrum war die Scaligerburg von Verona. Sie ist, wie die Roßauer Kaserne, in Sichtziegelbauweise errichtet, da Ziegel in dieser Gegend ein äußerst preiswertes Baumaterial waren. Die Fassade ist in Rot-Weiß gehalten, wie die der Roßauer Kaserne. Diese Veroneser Festung nahmen sich jene Militärs zum Vorbild, die die Roßauer Kaserne planten.

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Zinnenbekrönte Türme charakterisieren die Kaserne

Die Hauptfassade, die sich dem Schlickplatz zuwendet, kennzeichnet ein dreibogiger Eingang, der sich zur überbreiten Kolingasse öffnet. Die als Allee gestaltete Kolingasse wurde 1870 in Erinnerung an jene Schlacht von 1757 angelegt, in der Preußen besiegt wurde und die böhmischen Länder räumen musste. Sie verbindet die Kaserne mit dem vor der Votivkirche liegenden Platz, dem heutigen Roosevelt-Platz, an den sich das Exerziergelände der Armee anschloss. Somit ermöglichte sie einen raschen Transport von Truppen aus dem Bereich der Kaserne zur Hofburg. Die lange Seitenfassade, die im Zentrum auf Franz Joseph I. als Bauherrn verweist, ist allein dank der Anlage des Deutschmeisterplatzes vom Schottenring aus zu sehen.

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Roßauer Kaserne

Zwei achtgeschossige zinnenbekrönte Türme bilden an jeder Front den Mittelpunkt des Baus und lassen ihn martialisch erscheinen. Sie boten jeweils 50 Männern Raum. Den Türmen sind halbkreisförmige Bauten vorgelagert, die die Geschützstände beherbergten. Die Eckrisalite springen nur wenig nach vorne. Sie werden von Zinnen abgeschlossen.

Die Turmzinnen umfassen kleine Türmchen. Getragen werden sie von einem Rundbogenfries, das den Charakter einer Konsole hat. Ein Zackenfries unter den Fenstern des ersten Stocks zieht sich um das gesamte Gebäude. Maurische Dekorelemente lassen Gedanken an die mächtigen spanischen Habsburger, die im 16. Jahrhundert die Welt regierten, aufleben.

Die Eingangsbereiche am Schlickplatz und an der Roßauer Lände sind spiegelgleich. Im Südteil erstreckt sich eine Kapelle, die der Heiligen Elisabeth geweiht ist, über das zweite und dritte Stockwerk. Die Kaserne gliedert sich in drei Höfe. Ein Innenhof ist heute nach dem österreichischen Widerstandskämpfer Carl Szokoll benannt. Da beim Bau dem Verteidigungscharakter Priorität eingeräumt worden war, gab es viele dunkle, ja sogar fensterlose Zimmer.

Traurige Berühmtheit erlangte die Kaserne aufgrund ihrer unzureichenden hygienischen Verhältnisse. Man kolportierte, dass die Planer auf die Toiletten vergessen hätten. Die Mannschaftsaborte befanden sich in zwei viergeschossigen Holztürmen, die um zentrale Fallrohre angeordnet waren; zusätzliche Pissoirs lagen an den Außenmauern der Türme. Von einer Fläche von 43.293m2 waren 17.936m2 verbaut. Neben den Mannschaftsquartieren gab es Büros, Offizierswohnungen (die mit Toiletten ausgestattet waren) und Pferdeställe.

Die Wienerinnen und Wiener lehnten die neue Kaserne von Anfang an ab, da sie zum Schutz vor Volksaufständen – also gegen innere Feinde – errichtet worden war und als Symbol von Unfreiheit und Militärüberwachung galt.

DAS DEUTSCHMEISTER-DENKMAL

1., Deutschmeister-Platz Errichtung: 1906 Architekten: Anton Weber (architektonischer Aufbau) und Johannes Benk (Bildhauer)

Die Längsseite der Kaserne bildet die Kulisse für das Deutschmeisterdenkmal.