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BIRGIT BRAUNRATH

Ein Beagle namens Daria

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BIRGIT BRAUNRATH

Ein Beagle
namens
Daria

MEIN HUND
& ICH

MIT 100 FOTOS
AUS DARIAS FAMILIENALBUM

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Bildnachweis

Alle Fotos: © Birgit Braunrath und Georg Hurka, außer:

S. 13 u. 14: Beaglezucht da Casa Catarina; 86: Gertrude Tartarotti;
115: © Jürg Christandl/Kurier; 116: © Franz Gruber/Kurier;
133: Franziska Raatz; 151: Uschi Bohrn; 155: Paul Hader.

Besuchen Sie uns im Internet unter:

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Vorwort

von Gabriele Kuhn

KAPITEL 1

Neu bei uns: Ein Hund erobert die Herzen und die Couch

KAPITEL 2

Alltag mit Hund: Der ganz normale Ausnahmezustand

KAPITEL 3

Lieblingsspeisen: Viel. Mehr. Am meisten.

KAPITEL 4

Natürlicher Lebensraum: Der Mittelpunkt

KAPITEL 5

Daria auf Reisen: Hauptsache dabei

KAPITEL 6

Bei jedem Wetter: Sie läuft und läuft

KAPITEL 7

Familienfeste: Weihnachten, Ostern und andere Kalorienbomben

KAPITEL 8

Gehorsam? Ist etwas für Rekruten und Schäferhunde

KAPITEL 9

Unter Hunden: In allerbester Gesellschaft

KAPITEL 10

Post für den Beagle: Wo bleiben die Starallüren?

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Vorwort

Große Erfolge beginnen ja oft mit einem kleinen Gedanken. In diesem Fall handelt es sich um den Drei-Worte-Satz: »Irgendwas mit Hund.« Der fiel, als wir vor einigen Jahren in der KURIER-Redaktion darüber nachdachten, was Menschen am Sonntag gerne lesen würden. »Irgendwas mit Hund« – ja, eh. Und keinesfalls »Irgendwas mit Papagei« oder »Irgendwas mit Meerschweinchen«. Katzen? Njet. Ein Hund musste es sein. Unbedingt. Wobei ich – einst Besitzerin eines Rauhaardackels namens Pauli und aktuell Hundemutter von Mimi, der spanischen Straßenhündin – es nach wie vor mit Heinz Rühmann halte: »Natürlich kann man ohne Hund leben – es lohnt sich nur nicht.«

Weil Hunde zwar eine wunderbare Sprache sprechen, aber eher weniger gut schreiben können, war ebenfalls klar: »Irgendwas mit Hund und einem Herrchen oder Frauchen, das schön formulieren kann«, muss das sein. Jemand in der Runde präzisierte: »Irgendwas mit einem lieben Hund und … Sie wissen schon.« Dann fielen noch Begriffe wie weich, treuherzig, frech, herzig, putzig.

Puh. Gar nicht so einfach. Alle wurden sehr still, alle dachten sehr nach. Irgendjemand sagte: »Hm, vielleicht doch was mit einem Hamster?« Man lachte gequält. Irgendjemand miaute. Die Stimmung drohte zu kippen.

Plötzlich, in der Talsohle dieses Nachdenkprozesses, spazierte Beagle Daria ins Besprechungszimmer, ließ sich hinplumpsen, seufzte und blickte mit Knopfaugen in die Runde. Sekunden später tauchte Hundemama Birgit auf und fragte ein wenig unwirsch: »Ist da bitte irgendwo das Tier?«

Ein Zeichen? Jawohl, ein Zeichen.

Es fiel uns wie Hundekekse von den Augen: Da sind sie – unsere Kolumnisten! Einfach so, auf vier Pfoten und zwei Beinen hereingeschlendert ins Konferenzzimmer. Superstar Daria ward geboren. Kalte Schnauze, warmes Herz – und eine ziemlich nette Frau am anderen Ende der Leine. Die noch dazu prädestiniert schien, die Gedanken eines Beagles in Worte zu gießen. Warum uns das nicht früher eingefallen war, fragten wir gar nicht mehr. Dafür feierten wir. Mit stinkigen Ochsenziemern, hochprozentigen Getränken und Würsteln für alle.

Und jetzt sage ich einfach nur: Danke. Danke an Daria für ihr unermüdliches Beagle-Sein. Danke, Birgit – für ihre unermüdliche Gabe, Hundegefühle in Worte zu fassen. Und danke an alle Leserinnen und Leser, die die Abenteuer des Duos Woche für Woche verfolgen und dieses Buch dadurch möglich machten. Zumindest bei mir wird’s ein Nachtkastlbuch, das mir – stets griffbereit – an so manchem Abend gute Gedanken schenkt.

Viel Freude beim Lesen.

Gabriele Kuhn

Wien, September 2014

KAPITEL 1

Neu bei uns: Ein Hund erobert die Herzen und die Couch

Die Familie war im Ausnahmezustand. Wir redeten über nichts anderes und stritten um nichts anderes als um dieses neun Wochen alte Wesen, das verdutzt in unserem Wohnzimmer stand.

Vor vier Jahren kam Daria zu uns. Sie übernahm die Kontrolle, ohne dass sie darum gebeten hätte. Wir waren ihr sofort verfallen. Wenn sie fraß, schwiegen wir andächtig. Wenn sie spielen wollte, spielten wir um die Wette, mit wem sie lieber spiele. Und wenn sie rausmusste, schnappte jeder nach der Leine. Das hat sich schnell geändert. Die Kinder fühlten sich bald nur noch fürs Streicheln zuständig, obwohl sie einst in krakeliger Schrift Garantien abgegeben hatten, wie:

»Ich werde fast jede Früh früher aufstehen und mit Daria in den Park gehen.«

Wir hatten derartigen Scheinverträgen ohnehin keinen Glauben geschenkt. Und damals, 2010, in unseren Hundeflitterwochen, war noch alles rosig. Wir hüpften zu viert um Daria herum, als müssten wir ihr die Mutter und alle sechs Geschwister ersetzen. Nachts schliefen wir wochenlang abwechselnd bei ihr auf der Couch, tagsüber blieben wir stets in ihrer Nähe und nahmen sie überallhin mit. Wir fielen zu viert beim Tierarzt ein. Und als sie zehn Wochen alt war, gingen wir zu viert mit ihr in die Hundeschule.

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Daria hat diese stressige Zeit ohne gröbere Neurosen überstanden. Und wir? Wir streiten bis heute gern über alles, was den Hund betrifft – von der Kauknochengeschmacksrichtung bis zur Körbchengröße. Derzeit haben wir übrigens ein mittelgroßes Körbchen, das in einer ruhigen Ecke im Schlafzimmer steht. Dorthin zieht sich Daria gern zurück, wenn draußen der Familientsunami tobt.

»Ein Hund kommt mir nicht ins Haus!«

Ehrlich: Ich bin kein Hundenarr. Ich bevorzuge das selektive Mögen: Ich mag MEINEN Hund. Ich mag nicht ALLE Hunde. Wie könnte ich auch alle Hunde mögen?

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Hunde stinken, wenn sie nass sind (manche sogar, wenn sie längst wieder trocken sind oder nur den Mund aufmachen); Hunde haben bei der Uniformausgabe der Evolution ein Fell zugeteilt bekommen, das sie gar nicht brauchen, sonst würden sie es nicht großzügig auf Sofas, Autositzen und Menschenkleidung zurücklassen; Hunde verschlingen jede Menge Geld (nicht so offensichtlich wie Finanzhaie, aber indirekt).

Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, einen Hund zu haben. Aber mindestens 10 000 unvernünftige. Wie ich grundvernünftige Hundenarrenkritikerin zu einem Hund kam? Ganz einfach: Ich habe zwei Hundenarrenkinder. Und die stellten eines Tages kategorisch fest, dass sie ohne einen Hund nicht länger leben, in die Schule gehen, den Müll runtertragen oder ihr Müsli aufessen können.

Ich antwortete in einem letzten Aufbäumen, was ich schon tausendmal geantwortet hatte: »Ein Hund kommt mir nicht ins Haus!« Und murmelte – ganz leise – hinterher: »Außer vielleicht ein Beagle« (denn so lange ich mich zurückerinnern kann, setzt mein vernunftgetriebener Hundewiderstand aus, wenn mir so ein schlappohriger, gefleckter Miniwolf entgegendackelt).

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Aus. Vorbei. Ab da fragten die Kinder im Sekundentakt: »Hast du schon einen Züchter angerufen?« Ich kapitulierte, rief eine Züchterin in unserer Nähe an und sagte, noch etwas verhalten: »Wir … suchen … einen Hund.«

Sie schnappte: »Ein Beagle ist kein Hund! Ein Beagle ist ein Beagle.« Gefolgt von heftigem Gebell, dass ein Beagle mit nichts zu vergleichen sei. Ich unterwarf mich: »Ok, wir suchen einen Beagle.«

Das war vor vier Jahren. Der Rest ist Geschichte, ein neues, sagenhaftes Kapitel unserer Familiengeschichte. Und von wegen: »Ein Beagle ist kein Hund!« – Daria bellt, haart, und stinkt, wenn sie nass ist. Kein Zweifel: Sie ist ein Hund. Der beste von allen.

Und welchen Welpen nehmen wir?

Die Erfüllung des größten aller Kinderwünsche sollte, so dachten wir, zu einer innerfamiliären Klimaerwärmung führen. Doch es folgte Eiszeit auf Eiszeit. Denn die Entscheidung, einen Hund aufzunehmen, zog viele Folgeentscheidungen nach sich, die erst in Ruhe ausgestritten werden wollten.

Andererseits: Worüber würden wir streiten, wenn wir keinen Hund hätten? Darüber, ob wir einen kriegen.

Also ließen wir uns auf das Abenteuer Hund ein. Nach der unvermeidlichen »Es wird jetzt ernst, wollen wir das wirklich?«-Debatte, die drei zu eins PRO Hund ausging (das »zu eins« war ich, die heute drei Mal täglich mit dem Hund rausgeht …), kamen die wirklich schwerwiegenden Fragen:

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Rote oder blaue Leine? Die Kinder waren für rot, der Mann und ich waren für blau. Die Debatte wurde so hitzig, dass uns andere Kunden in der Zoohandlung für die verhaltensauffällige Belegschaft einer Patchwork-Reality-Soap hielten und nach RTL-2-Kameras Ausschau hielten.

Beim Regal mit den Spielsachen wurde es noch lauter: Plastikhuhn oder Grunzschwein? Wir nahmen beides, so schnell wir konnten, da diesmal die Kinder untereinander uneinig waren und wir nicht wollten, dass im Zoogeschäft Blut floss. Dann wurde weitergestritten: über die Körbchengröße, das Futterschüsseldesign, das Zeckenzangenpatent, die Kauknochengeschmacksrichtung, die Transportkäfigfarbe …

Aber das war noch nicht alles. Der Hund sollte auch einen Namen bekommen – die Debatte darüber, ob die Wahl eine gute war, dauert bis heute an. Ganz zu schweigen vom Glaubenskrieg, den wir im Namen verschiedener Hundeerziehungsmethoden regelmäßig führen.

Und dann war da noch die schwierigste aller Fragen: Welchen Welpen nehmen wir? Die Kinder wussten es in der Sekunde, als sie Daria sahen: »Wir nehmen die hier, die Kleinste!« Die Züchterin wandte ein, sie sei nicht sicher, ob die so groß werde wie die übrigen – und riet uns ab. Aber nur kurz. Sie hatte nicht mit der Streitbarkeit der Kinder gerechnet. Die Entscheidung war längst gefallen.

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Es gilt die Unschuldslammvermutung

Alles andere als ein Beagle hätte unsere Familienstruktur ganz schön durcheinandergebracht. Aber so waren wir vorbereitet, ohne es zu ahnen. Denn das Wesen des Beagles ist weiter verbreitet als der Beagle selbst: In eine Meute mit zwei selbstbewussten Kindern, die allen Erziehungsversuchen zum Trotz unbeirrbar ihren Weg gehen, fügt sich der Beagle nahtlos ein.

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Auch Daria geht konsequent ihrer Wege. Allerdings mit einem Unterschied: Im Gegensatz zu den Kindern nimmt sie Kommandos gegen Abgabe von Fisch-, Lamm- oder Wildcrackern jederzeit freudig entgegen und führt diese auch mehrmals hintereinander hochmotiviert aus.

Bestechlich? Ein Fall von Anfütterung? Nicht direkt. Hier gilt die Unschuldslammvermutung: Der Hund ist einfach schlau und bringt uns bei, im rechten Moment das Richtige zu tun. Dank dieser Eigenschaft konnten wir Erwachsene Daria rasch jene Kommandos vermitteln, die für das Überleben eines Beagles von Vorteil sind: »Nein!« – »Spuck’s aus!« – »Hierher!«

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Die Kinder sehen das natürlich anders und bringen Daria die aus ihrer Sicht wirklich wichtigen Dinge des Lebens bei: »Gib Check!« – prompt klatscht Daria mit dem rechten Vorderlauf die ihr entgegengehaltene Kinderpfote ab. Oder: »Dreh das Licht auf!« – mit fliegenden Ohren rennt Daria auf die Stehlampe zu und hüpft auf den Schalter. Einzige Fehlerquelle bei dieser Übung: Wenn das Licht bereits brennt, dreht sie die Lampe ab. Die Kinder applaudieren und wälzen sich vor Lachen auf dem Boden. Die Meute harmoniert.

Nur ein Missverständnis müssen wir ausräumen: Unsere Entscheidung, einen Hund zu bekommen, fiel nicht zuletzt auf dringenden Wunsch der Kinder. Denn diese, so war bereits zu lesen, »stellten eines Tages kategorisch fest, dass sie ohne einen Hund nicht länger leben, in die Schule gehen, den Müll runtertragen oder ihr Müsli aufessen können«. An alle Leserinnen und Leser, die dachten, die Müll-und-Müsli-Diskussionen seien nun vom Tisch: Vergessen Sie’s! Müll und Müsli verschwinden zwar – wenn wir nicht aufpassen – neuerdings wie von selbst. Doch ganz ohne Zutun der Kinder. Ein eigener Hund macht Kinder nicht pflegeleichter. Nur glücklicher.

Beagles sind stur? Ein Klacks gegen Kinder

Man hat uns gewarnt: »Ein Beagle ist kein Hund für Anfänger.« Wir würden schon sehen, wohin wir als unerfahrene Hundehalter mit der Stursten aller Hunderassen kämen. Einen Beagle zu erziehen sei eine Aufgabe für Profis.

Die Skeptiker kannten unsere Kinder nicht – sozusagen die Beagle-Klasse unter dem Nachwuchs. Wir waren erprobt im Umgang mit Beagle-Qualitäten. Die da wären? Naja, höflich formuliert, Intelligenz, Zielstrebigkeit und Eigenverantwortung. Der Beagle hat seinen Kopf nicht nur zum Fressen (obwohl es oft so aussieht), sondern auch zum Selberdenken. Und was dabei herauskommt, das zieht er durch, unabhängig von anderslautenden Kommandos.

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Wir hatten damit nie Probleme. Eher hätte man uns vor der Pubertät der Kinder warnen sollen:

Die Tochter grantelt. Eine Erziehungsintervention meinerseits stößt auf ihr Missfallen. »Du klingst schon wie so eine Mutter!«, mault sie. »Das könnte daran liegen, dass ich eine Mutter bin«, entgegne ich. »Ja, kann sein, aber bitte nicht eine, die so erzieherisch redet.«

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Der Tag darauf. Die Tochter grantelt. Diesmal missfällt ihr Darias Bummeltempo. »Könntest du bitte endlich diesen Hund erziehen?«, mault sie. »Daria ist erzogen. Sie schnüffelt nur gern an den Spuren, die andere Hunde hinterlassen haben. So viel Zeit haben wir«, erkläre ich. »Ich nicht. Ich hab’s eilig. Und Daria soll jetzt weitergehen.«

Die Tochter rät zum heftigen Leinenruck und ergänzt: »Hunde gehören erzogen. Aber die Einzige in dem Haus, die das weiß, bin ich. Wenn du ihr alles durchgehen lässt, wird sie dir immer auf der Nase herumtanzen.« Darauf ich: »Du meinst, so wie du?« Sie: »Was soll DAS jetzt?«

Ich: »Du findest also, dass man Hunde erziehen sollte?«

Sie: »Sicher, ständig, die müssen gehorchen.«

Ich: »Und Kinder soll man nicht erziehen? Da klingt man gleich ›wie so eine Mutter‹?«

Sie: »Natürlich muss man Kinder erziehen.«

Ich: »Nur dich nicht?«

Sie: »Mama, ich bin jetzt zwölf, da nützt das nichts mehr.«

Ich: »Daria ist in Hundejahren doppelt so alt wie du.«

Sie: »Aber Hundeerziehung hört nie auf.«

Die Couch-Übertretung

Wundern Sie sich nicht, wenn Sie zu uns kommen und zwei Couchtische liegen mit den Beinen nach oben auf dem großen Sofa. Die ruhen sich da nicht aus. Sie haben eine Art Barrikadenfunktion. Denn Daria hat beschlossen, die Regeln unseres Zusammenlebens neu zu definieren und nimmt – wie selbstverständlich – nicht mehr auf der Hundecouch, sondern auf der Menschencouch Platz.

Ich wies sie schroff auf den Irrtum hin. Sie verzog sich, um Minuten später auf demselben Platz zu thronen. Also legte ich die Couchtische aufs Menschensofa, um es ihr möglichst unbequem zu machen (das ist zwar auch für die Menschen unbequem, aber in der Beagle-Erziehung müsse man kompromisslos sein, heißt es).

Auf die Gefahr hin, als Hundehasserin dazustehen: Ich finde, es darf Orte geben, an denen Hunde nichts verloren haben. Etwa, weil ich mich dort hinlegen will, ohne dass mir währenddessen ein Fell wächst. Der Beagle haart immer und überall. Und Menschenkleidung zieht, wie übrigens auch die menschliche Haut, Hundehaare magnetisch an. Daher gibt es bei uns hundefreie Zonen wie das helle Wohnzimmersofa.