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Joesi Prokopetz

Vorletzte Worte

joesi

prokopetz

vorletzte

worte

teil 1–4

Ich bin neugierig,
was ich gleich sagen werde.

(G. Marx)

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© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien

»Vorletzte Worte?«
»Ja.«
»Warum denn vorletzte?«
»Das letzte Wort hat immer meine Frau.«

INHALT

TEIL 1

Im Anfang war das (vorletzte) Wort.

Trinkgeld-Reggae

TEIL 2

Drauß’t im Liebhartstal.

TEIL 3

Die Frau folgt dem Mann, wohin immer sie auch geht.

Sag ruhig Du …

TEIL 4

Das Letzte kommt zum Schluss.

Stammtisch

TEIL 1

Im Anfang war das (vorletzte) Wort.

Selbstverständlich ist es ein koketter Titel.

Eine plumpe Anspielung aufs Alter.

Aber bitteschön, ich bin 62.

Jaja, wird gesagt, kein Alter. Was heißt »kein Alter«? Was ist denn dann »ein Alter«? Jedes Alter ist ein Alter, und gerade das Alter ist ein Alter, und »so und so viele Jahre jung« ist abgeschmackte Redensart. Auch wenn man jung ist, hat man schon ein Alter. Und diese Zwangsneurose, aus Alt das neue Jung machen zu wollen, ist doch nichts anderes als Betrug in alle Richtungen. Kaum ist man geboren, hat man schon ein Alter.

Ist so.

Und an »kein Alter« wird häufig hinzugefügt: »Das sind die besten Jahre.«

Wenn man in den besten Jahren ist, hat man die guten bereits hinter sich.

Es wird – egal, wie alt jemand ist – ständig von irgendwelchen »Jahren« gemeinplatzt.

Die ersten Jahre, die schwierigen Jahre, die blöden Jahre, die Flegeljahre, die wilden Jahre, die schönsten, die guten, die besten, die goldenen und die letzten Jahre. Und spätestens ab den besten Jahren ist man in einem Alter, wo man auf der Stelle tot umfallen kann. Oder täglich eine irreversible Diagnose gewärtigen muss.

Darum eben »vorletzte Worte«.

Vorletzte Worte sind nicht so heikel wie letzte. Und werden auch nicht überliefert. Selbst, wenn die vorletzten Worte durchaus auch die letzten sein könnten.

Man kommt in ein Gasthaus, die Kellnerin fragt: »Was krieg’n S’?«

Und sagt darauf: »Ka Luft.«

Dann denkt die doch: Da kommt noch was. Das sind doch keine wirklichen letzten Worte. Aber wenn doch nichts mehr kommt? Letzte Worte sind meist überbewertet. Niemand würde sie aufgeschrieben und publiziert haben, wären sie eben nicht tatsächlich die letzten gewesen. Ich bin überzeugt, die Chronisten, die um das letzte Lager von Kant gestanden sind, haben nach »Es ist gut« noch auf etwas gewartet. Und weil nichts mehr kam, haben sie nolens volens dieses »Es ist gut« nehmen müssen; und seither geheimnist nicht nur die philosophische Welt alles Mögliche hinein. Hätte Kant danach noch gesagt: »Nicht jeder Imperativ muss gleich ein kategorischer sein«, kein Mensch hätte auf »Es ist gut« einen Pfifferling gegeben.

»Es ist gut.«

Nebbich.

»Mehr Licht.«

Pah.

Die gewissermaßen ursächlichen letzten Worte von ganz gewöhnlichen Sterblichen werden zum Beispiel in den meisten Fällen überhaupt nicht aufgeschrieben, geschweige denn überliefert. Obwohl sie durchwegs unter »berühmte letzte Worte« fallen, aber eben nicht, weil sie von Personen des öffentlichen Lebens stammen, sondern diese immer wieder von Hinz und Kunz gesagt werden und wurden.

Zum Beispiel: »Da weiß ich einen Abschneider.«

»Aber Schatz, für das brauch ich doch keinen Elektriker.«

Oder: »Nur über meine Leiche.«

Sie bleiben vollständig unerwähnt, weil sie keine literarische oder philosophische Dimension haben.

Aber es gibt letzte Worte, die, wären sie die vorletzten gewesen, kaum übertroffen hätten werden können. Und wer weiß, vielleicht waren es sogar auch die vorletzten.

»Ich sterbe, wie ich gelebt habe – über meine Verhältnisse.« (Oscar Wilde)

»Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.« (Karl Marx)

Oder Groucho Marx, der seine letzten Worte mit vorletzten angekündigt hat: »Ich bin neugierig, was ich gleich sagen werde.«

Da wussten alle, es kommt noch was.

»Mein Gott, er stirbt«, schluchzte da vielleicht eine Dame.

Und dann kam es schon: »Sterben meine Liebe? Also, das ist ja wohl das Letzte, was ich tun werde.«

Ich muss sagen, es hat etwas Beklemmendes, etwas zu schreiben, das »Vorletzte Worte« heißt, nämlich deshalb, weil sich stetig der Gedanke in diesen gewissermaßen inneren Monolog drängt, wann man denn mit so einem Text aufhört. Wann kommen wirklich die vorletzten Worte, um die letzten einzubegleiten? Hört man auf, wenn sich dramaturgisch ein passender Schluss ergibt, oder hört es sich von selbst auf, weil einfach Schluss ist? Der Tod ist oft ein Ende mitten im Satz. Das macht nervös.

Mich hat das Schreiben immer schon nervös gemacht. Die letzten Jahre allerdings behelfe ich mir mit Beruhigungstabletten, um bei der Arbeit gelassener zu sein und nicht bei jedem Satz bis zu seinem Ende die Luft anzuhalten und dadurch völlig verquer zu atmen. Das geht mittlerweile so weit, dass meine Frau jedes Mal, wenn ich neurotisch die Luft anhalte, mich mit unangenehm erhobener Stimme und in forschem Tone ermahnt: »Atmen!«

Worauf ich zusammenzucke und vor Schreck kurz eine hysterische Schnappatmung einsetzt.

Ich atme ja auch schon, wenn ich nicht schreibe, verquer, was mir gar nicht auffällt, doch meiner Frau »Sorgen macht«, wie sie sagt. Ich denke aber, es geht ihr in erster Linie auf die Nerven. Mit zunehmendem Alter bemerke ich selbst, dass ich langsam immer mehr Eigenschaften entwickle, die angetan sind, meinen Mitmenschen auf die Nerven zu gehen. So wie mir ja alles Mögliche an anderen Menschen auf die Nerven geht und immer schon auf die Nerven gegangen ist. Zum Beispiel, wenn jemand nicht in der Lage ist, im Gespräch ganze Sätze zu bilden, ständig »ääh« oder alle Augenblicke »nicht wahr?« sagt und nach jedem zweiten Wort ein »sozusagen« einfügt.

Rhetorisches Standgas, wie man sagt.

Wenn man einem Österreicher zum Beispiel ein paar mehrsilbige Wörter entlocken kann, einer einen geraden Satz herausbringt und womöglich noch den Konjunktiv richtig gebraucht, warat er schon suspekt. Kaum ist in Österreich einer gescheit, heißt es: »Das ist ein Trottel.«

Der Österreicher hat von nichts eine Ahnung, kann aber alles erklären. Zu nichts zu gebrauchen, aber zu allem fähig.

Und es gibt noch viele andere Dinge, die mir selbst bei nächststehenden Menschen maßlos auf die Nerven gehen.

Zum Beispiel ein – Gottlob weitschichtiger – Verwandter, der sich einen Apfel in vier Spalten schneidet und jede einzelne dann geräuschvoll knatschend kaut, wie ein Pferd, das eine Karotte frisst oder so etwas. Da möchte ich ihm jedes Mal mit einem armdicken Birkenast auf den Rücken schlagen.

Das Eitle, das ich zeit meines Lebens in und an mir hatte, ist im Laufe der Jahre doch etwas in den Hintergrund getreten, aber nach wie vor spürbar für mich und nach wie vor merkbar für meine Nebenmenschen vorhanden. Dennoch spüre ich mit Genugtuung, dass sich meine Eitelkeit durchaus wohltuend in Richtung Selbstironie entwickelt. Diese wachsende Tendenz zur Selbstironie geht Hand in Hand mit zunehmendem Lebensekel und vor allem mit Misanthropie.

Die Anzahl der Menschen, denen ich ohne Befangenheit mit positiven Gefühlen, Wertschätzung und, wenn man so will, mit Liebe entgegentreten kann, verringert sich rapide. Besonders Menschenansammlungen, wo immer sie auftreten, fliehe ich geflissentlich, denn ich habe immer die Vision von Milliarden Kakerlaken, die in unnachvollziehbarer Geschäftigkeit hin und her rennen, hintereinander, nebeneinander, übereinander. Und es widert mich an. Vor allem widert es mich an, wenn sich der Eindruck einstellt, dass auch ich nur eine Kakerlake unter Kakerlaken bin.

Darum renne ich weg – oder besser: gehe gar nicht hin, wo es Sonderangebote gibt oder irgendwelche Stars oder Sensationen zu begaffen sind.

Die Entanimalisierung unserer Spezies war ein langer, schwieriger Weg und ist noch nicht abgeschlossen.

Ein Psychiater hat mir einmal gesagt, dass hysterisches Fan-Sein, egal wovon, ein Anzeichen von latentem Schwachsinn sein kann. Übertriebene Religiosität auch. Und übereifrige Tier-, ja sogar Kinderliebe.

Das kennt man doch, dieses Dalken mit Kleinstkindern und oft völlig entrücktes Vortäuschen, dass man den Verbleib des betreffenden Kindes nicht weiß, indem man es in blödsinnigem Tone fragt:

»Ja, wo bist denn du?«

»Ja, wo bist denn du?«

»Ja, wo bist denn du?«

Und dann im Tonfall, als machte man die Entdeckung des Jahrtausends: »Ja, da bist du ja!«

Oder auch das debile Behaupten, man wisse über die Identität des betreffenden Kindes nicht Bescheid:

»Ja, wer bist denn du?«

»Ja, wer bist denn du?«

»Ja, wer bist denn du?«

Hier bleibt die Auflösung meist aus, und das arme Kind ist sich deswegen selbst ein Leben lang fremd.

Untermauert und vor allem verstärkt wird dieses Sichselbst-Fremdsein, wenn das Kind die ersten Schritte macht und dann häufig mit der Frage eines völlig losgelösten Erwachsenen – man muss sagen: meist einer Frauensperson – konfrontiert wird:

»Ja, wer kommt denn da?«

»Ja, wer kommt denn da?«

»Ja, wer kommt denn da?«

Oder auch: »Ja, wer kommerlt denn da?«

Oder in schweren Fällen, die im Grunde stationär behandelt gehörten: »Ja, wer dommerlt denn da?«

Oder auch nur, wobei zwischen Kleinstkindern und etwa Hunden dann kein Unterschied mehr gemacht wird, ein schlichtes: »No, freilich.«

Die Schlauheit des Fuchses besteht zu 50 Prozent aus der Dummheit der Gänse.

Ich bemerke jetzt, wie die sechs Milligramm Bromazepam, der Wirkstoff in meinen Beruhigungstabletten, ihre segensreiche Wirkung zu entfalten beginnen und werde gelassener, atme entspannter, und das Gefühl, in Watte gepackt zu sein, beginnt. Früher habe ich meist ausreichend Haschisch geraucht, aber ich muss heute sagen, dass die Segnungen der offiziellen Psychopharmazie eine weit umfassendere Wirkung haben.

Aber damals war ich ja aus den sattsam bekannten Gründen (»Alles Schweine!« »Was kränkt, macht krank!« »Schergen des Kapitals!«) auf Ärzte und Apotheker böse.

Heute?

Heute ist eine Ordination mein Tempel, und mein Hausarzt ist der Papst.

Ich weiß nicht mehr, wann genau es mir aufgefallen ist, vor knapp zehn Jahren vielleicht, dass ich nur von älteren Menschen – wie man euphemistisch sagt – umgeben bin. Wenn man älter ist, ist man alt schon gewesen.

Ich sehe alte Menschen. Sie sind überall.

Vielleicht ist das deswegen so, weil ich – unbewusst – nur Orte aufsuche, die von jungen Menschen gemieden werden, und ich den Örtlichkeiten fernbleibe, wo junge Menschen sein könnten.

Denn ich kann junge Menschen kaum ausstehen. Die pubertierenden Laffen schon sowieso nicht, und auch ihre häufig bereits in jungen Jahren bedenklich verfetteten Begleiterinnen nicht, die alle so einen Blick haben, als wäre ihnen das ganze Universum fad, weil sie es schon in- und auswendig kennen. Wenn sie in so hergestellten Posen einer völlig künstlichen Gelassenheit herumlehnen, im Uniformierungschic: goldene Glitterschuhen, eng anliegende Jeans mit Gesäßapplikationen und opulent überschminkt. Wenn die Burschen herumstehen mit ihren Fahrrädern oder mit wie Hornissen ratternden Kleinmotorrädern in ebenfalls uniformer Markenware, den Hosenbund bei den Kniekehlen, und Blödsinn reden, voll Unsicherheit, weil sie sich selbst peinlich sind, auf patzige Art Virilität vortäuschen und maskulin vor sich hin glotzen, dann könnte ich mich auf der Stelle geräuschvoll übergeben.

Die Menschen reiferen Alters, die sich vordergründig devot, ja beinahe katzbuckelnd der »Jugend« anbiedern, alles verstehen, alles entschuldigen und in lächerlicher Unterwerfung gewissermaßen sogar den Jargon der Halbwüchsigen annehmen, sind ganz besonders entsetzlich. Weil sie von den Jugendlichen verachtet werden, ihnen peinlich sind, diese die Augen verdrehen, wenn ein Endvierziger »cool« sagt, um sich einzuschleimen. Die wissen das auch, aber dennoch – um Lebendigkeit zu empfinden, sich wichtig zu machen und um die Angst und den Selbstekel vor dem Älterwerden zu kompensieren – drängen sie sich weiterhin aufs Dümmste auf.

»Mit jungen Leuten reden, führt zu nichts, wer das Gegenteil behauptet, ist ein Heuchler, denn die jungen Leute sagen den Älteren und Alten nichts, das ist die Wahrheit; es ist absolut uninteressant, was junge Leute alten Leuten sagen.« (Thomas Bernhard, »Holzfällen«)

Genauso schlanke oder gar dünne alte Menschen, die ihre von Verzicht und Entbehrungen aller Art gezeichneten Schrumpfköpfe mit groteskem Stolz über ihren Schildkrötenhälsen tragen. Der ältere Mensch hat sich für die Korpulenz zu entscheiden, um nicht lächerlich zu sein oder sterbenskrank zu wirken.

Aber auch die kantigen, akkurat frisierten 30- bis 40-Jährigen mit den zu engen Sakkos, die alle Event- oder Projektmanager sind oder gewöhnliche Bankangestellte, sich aber Banker nennen, oder zumindest »was mit Computer und / oder Internet machen«, und deren Begleiterinnen im »Business-Outfit«, die dezent, aber vorteilhaft geschminkt, mit festem Schritt in ihren High Heels sich selbstbewusst pampig machen, jedes zweite Wort als imbezilen Anglizismus im Mund führen, aber Andreas Gabalier sexy finden, sagen, er hätte »einen süßen Po« (dabei hat er einen Orsch wie ein Brauereipferd in seinen Faschisten-Lederhosen), und schon mal ein Dirndl tragen, »zum Spaß und wenn’s passt«, auch die sind unerträglich und widerwärtig.

Und erst die 20- bis 30-Jährigen mit schütterem Bartwuchs, ausgezerrten Leibchen mit irgendeinem Aufdruck, zerschlissenen Samthosen und abgehatschten Schuhen, die alle politisch überkorrekt sind und in ihrem Toleranztaumel alles verstehen und alle und alles entschulden, und wenn sie rauchen, dann Selbstgedrehte, mit ihren Begleiterinnen, die ungeschminkt, stets zumindest leicht entrüstet über irgendetwas, in flachen, oft derben Schuhen, mit einem Rucksack, immer ein bisschen verschwitzt, daherkommen, die sind mir auch unerträglich und widerwärtig.

Und alle reden sie so ein affiges, nasales Hochdeutsch, das, doch durchmischt da mit einem Dialekt-, dort mit einem Kraftausdruck, dennoch so naseweis wie arrogant daherkommt, dass man ihnen eine hineinhauen möchte, weil es so unerträglich und widerwärtig ist.

Es ist mir heute, mit über 60, kaum möglich, mich mit Menschen unter 50 ersprießlich zu unterhalten, weil ich die durchschaubaren Attitüden jüngerer Leute kaum ertrage.

Klar, das liegt an meinem Alter.

Das Verhältnis zu jungen Menschen ist und bleibt, trotz dieser Erkenntnis, dennoch ein ambivalentes.

Zum Beispiel in Bus oder U-Bahn: Ein junger Mensch sitzt und man sagt: »Willst du nicht aufstehen?« Und bekommt zur Antwort: »Lieber nicht, nachher setzen Sie sich vielleicht auf meinen Platz.« Oder der junge Mensch sitzt und man selbst steht so nah bei dem Sitzenden, dass man Augenkontakt hat.

Bleibt er / sie sitzen, denkt man: »Rücksichtslos. Frechheit. Unerzogen. Arschloch.« Steht er / sie aber auf und bietet höflich den Sitzplatz an, denkt man: »Was glaubst denn du? Hältst du mich für senil, Rotzpippn, blöde?« Und sagt vielleicht sogar noch, besonders, wenn der junge Mensch weiblich ist: »Um Gottes willen, Fräulein, ich steh gern, ich bin eh erst drei Monate gesessen.« Und wenn das junge Ding dann maliziös lächelt und einen ob dieses alten Kalauers angeödet anschaut, schickt man schnell ein sachliches »Ich steig die nächste eh schon aus« nach.

Und steigt tatsächlich aus, obwohl man noch vier, fünf Stationen zu fahren gehabt hätte. Steht dann blöd herum und denkt, während man auf die nächste U-Bahn wartet: »Gurk’n blöde, keinen Humor.«

Ich war ja auch nicht besser. Ich mochte die Alten nicht, ich verstand gar nicht, wozu man sie überhaupt braucht, und die Alten mochten mich auch nicht. Alles, was ich damals mit Tausenden Jugendlichen zusammen tat, um anders zu sein, neue Ausdrucksmittel zu finden, individuell zu sein, unverwechselbar und obstinat, war rückblickend nichts Neues. Alle großen Bewegungen und jeder Konsens einer neuen Generation sind letztendlich doch nichts anderes als das, was sie schon immer gewesen sind: unterschiedliche Masken des gleichen Konformismus.

Weil ja die Rede gewesen ist von jungen Business-Schnepfen, die schon auch gern mal ein Dirndl anziehen: Es gibt einen Trachtenboom! Ja, die »Prommmis«, die VIPs, die Jeunesse dorée, die In-Crowd, die Bussiness Class, die First Class sowieso und jetzt auch die Economy tragen gerne mal Tracht, hüllen sich in trächtigen Look, wie man sagt.

»Landlust« nennen das die Manager des Volkstümlichen, und freuen sich, dass auch junge Menschen, die vermehrt und freudig zu Konzerten von rot-weiß-gewürfelten Hemden tragenden Musikgruppen gehen, ab und an »Juhuii, auf geht’s« kreischen.

Das gesamte Genre wäre »ideologiefrei« geworden, sagen die Großverdiener in den Lodenhosen und freuen sich.

Konträr.

Das Tragen von Tracht ist noch immer – wenn da und dort vielleicht auch eine unbewusste – Einladung zu Blut und Boden, stringentem Katholizismus, tumbem Nationalismus, ja Nationalsozialismus. Tracht ist, auch wenn sie von auffälligen Modedesignern jetzt neu erfunden und in der PR mit dem tone of voice der Haute Couture angepriesen wird, eine Uniform, und alles Uniforme ist engstirnig, konservativ, herrenmenschlich und in hohem Maße suspekt. Die Tracht und alles, wozu man sie trägt, sei es »künstlerisch«, weidmännisch oder gar politisch, ist nonverbale textile Ideologie. Ist ein Signal heimatkundlichen Wegschauens, ein Wink zur Verharmlosung, zu Kleinbürgertum und Vernaderung. Sogenannte schöne, reiche oder zumindest wohlbestallte (Groß-)Bürger machen den Trachtentrend gerne mit, ja tragen ihn ins Volk hinaus, wobei zu sagen ist, dass sie es auch mitmachten, wenn Eisenrüstungen der letzte Schrei wären.

»Eine Eisenrüstung kann man ruhig einmal anziehen. Ich finde, das ist eine lustige Mode, und schließlich haben die österreichischen Ritter sie auch getragen. Warum soll man eine heimatliche Tradition nicht wieder aufgreifen?«

Im Dirndl und in zünftiger Lederhose kann man nur Oberflächlichkeiten austauschen und sich gegenseitige bereits vorvereinfachte Standpunkte bestätigen. Dazu wird volkstümliche Musik mit lebensbejahenden Texten gehört, weil es gut dazupasst, es wird Bier getrunken oder Wein vom Weingut mit hohem Bekanntheitsgrad, Brezen und fettes Schweinefleisch gegessen, und alle haben eine »Gaudi«. Oder gar eine »zinftige Hitt’ngaudi«. Unbewusst, aber freudig, wird mit den niedrigsten Gedanken Heimat hergestellt. Darum tragen – aus gegebenen Anlässen – auch Politiker immer wieder gerne Tracht, zum Zwecke der Mehrheitserschleichung.

Tracht. Der Stoff der Heimat.

Heimatliche Stoffe, von Loden, Leder, Wolle über Drillich bis zum Filz. Die Tracht ist vor allem bei Vorkommnissen volkstümlicher Natur identitätsstiftend. Da wirbelt der rot-weiß-rot gewürfelte Rock, da fliegt die grüne Schürze, luftig umspielt von rosaroten Bändern und Maschen, da wogt das spitzenumzingelte Dekolleté, da dirndelt es reihum beim Volkstanz, wenn Alabasterarme aus Puffärmeln herausragen und schon auch einmal trotzig in die Hüften gestemmt werden. Der Fuß im samtenen oder wildledrigen flachen Schuh mit der von Hand gehämmerten Silberschnalle gleitet bodenständig ballettös über die knorrigen Dielen des Tanzbodens, und dann und wann entschlüpft ein Jodler der mit einem aufwendig bestickten Kropfband betonten Kehle.

Da kracht die Lederne, deren Schnalle zuverlässig die wollbestrumpfte Burschenwade nach oben zum Knie hin stramm begrenzt.

Wadl verpflichtet, wie es heißt.

Der mit folkloristischen Applikationen durchwirkte Gürtel umschließt die testosteronschmalen Lenden, die vom körpernah geschnittenen Rohleinenblouson noch betont werden. Ein schmuckes, mit Edelweißsymbolik bedrucktes rotes oder grünes Halstüchl ziert keck den feisten Nacken des Landmannes, und die Hirschknöpfe röhren begehrlich. Der Fuß im grob genähten Schuh mit der griffigen Vibram-Sohle steht fest und zuverlässig da, während muskulöse, strapazfähige Männerunterarme die Landsmännin während des Tanzes festhalten.

Insgesamt signalisiert das Trachtenpaar Sesshaftigkeit, Erdverbundenheit und, bei aller latenten Paarungsbereitschaft, unerschütterliches Gottvertrauen. Auch die Damen und Herren aus Wirtschaft und Aristokratie hüllten sich schon immer – und jetzt deutlich vermehrt – in elegant modisch betonte Tracht und tummeln sich in Salonsteirer und Raiffeisensmoking auf Festspielen, Gourmetempfängen, Weinverkostungen und immer wieder auf Wohltätigkeitsgalas.

Mit Tracht ist man immer richtig angezogen, heißt es.

Wozu zu sagen ist: Die Arbeitskleidung linker Vordenker ist die Tracht nie gewesen.

Die Ablehnung von Tracht, Volks- und Blasmusik und rücksichtslosem Jodeln kommt wahrscheinlich aus der Zeit meines Lebens, in der ich in der Klosterschule, bei den Piaristen, war, die der heilige Josef von Calasanz gegründet hat.

Die Zöglinge, wie gesagt wurde, fuhren jedes Jahr im Sommer ins Ötztal in den Weiler »Schlatt«, ein Barackenlager, das früher auf irgendeine Art von den Nazis genutzt worden war. Und Rudimente dieses Geistes waren, wenn auch erzkatholisch verbrämt, noch spürbar. Der Tag begann mit Morgensport, dann »Fahneaufzug«, begleitet von dem täglich gleichen pathetischen Gedicht, in dem das Bild »der Sonne funkelnder Ball« vorgekommen ist, wobei in Zweierreihen und Gleichschritt zum Fahnenmast ins Zentrum der Anlage marschiert wurde und vom Heimleiter und Organisator ein vor Frömmigkeit triefendes, ausgedehntes Morgengebet gesprochen wurde. Kommandos wie »Links um, rechts um« und »Hände an die Hosennaht« waren gang und gäbe.

Am Abend, nach einem frugalen Nachtmahl, fand der »Fahneabzug« statt, wo wieder vorgebetet und dann gemeinsam das Lied »Kein schöner Land in uns’rer Zeit …« gesungen wurde.

Jeden Sonntag gingen wir nach Ötzerau (im Ötztal in Tirol) hinunter in die Sonntagsmesse, das Andreas-Hofer-Lied singend und »Wir ziehen über Straßen mit ruhig festem Schritt und über uns die Fahne, sie flattert lustig mit …« und: »Lasst die Banner wehen über uns’ren Reihen, alle Welt soll sehen, dass wir neu uns weihen. Kämpfer zu sein für Gott und sein Reich, mutig und freudig den Heiligen gleich …«

Selbstverständlich alle Buben in Lederhosen, weißen Hemden, weißen Stutzen und »Haferlschuhen«, angeführt von Oberlehrer Stejskal mit Ziehharmonika, ebenfalls in Lederhosen, weißem Hemd, darüber einen grünen Spenzer, die stark behaarten Waden in dunkelgrünen Stutzen und auch mit »Haferlschuhen« an den Füßen. Also Tracht!

In der kleinen Dorfkirche roch es nach Kuhdung, gegen den der Weihrauch im großzügig geschwungenen Kessel nicht ankam. Die Bauern und Bäuerinnen, die – alle in abgewetzter Tracht – ihre rauen und naturgemäß unmanikürten klobigen Arbeitshände gichtig gefaltet hatten, blickten stumpfsinnig entrückt und völlig weltfremd vor sich hin, beteten und sangen verhalten, stellten angestrengt Andacht her, die jedoch eher an Ausgeliefertsein erinnerte, indem sie in duckmäuserisch arglistiger Frömmigkeit versteinerten.

Oberlehrer Stejskal – ein begnadeter Organist, wie es hieß – ließ stets ein mildes christliches Lächeln um seinen Mund spielen, wobei er seinen Kopf seitlich neigte und bei jedem Lidschlag die Augen befremdend lange geschlossen hielt, was ihm letztlich etwas Satanisches verlieh.

An manchen Abenden saßen wir Buben am Lagerfeuer und Herr Stejskal erzählte uns etwas über das Herz Jesu und über unsere »Liebe Frau«.

Ich erinnere mich, dass Herr Stejskal uns Buben oft und gerne übers Haar strich und auch sonst Distanzgefühl manchmal vermissen ließ.

Die Strafe für kleinere Vergehen – lässliche Sünden – wie man sagte, waren Liegestütze über einer bereits angetrockneten Kuhflade. War die Sünde nicht mehr lässlich, sondern eine Todsünde gewissermaßen, wurden Liegestütze über frisch geschissenen Fladen angeordnet.

Man sehnt sich nach Siegfried, dem Trachtentöter.

Es gibt Regionen in Österreich, wo die einheimische Bevölkerung jeden Gast aus Marketinggründen duzen muss.

»Griaß di, magscht was trinckchen?«

»Von wo bischt?«

»Gehscht Schiforrrn?«, wird man zum Beispiel in Tirol, kaum betritt man die »Zirbenstub’n«, gefragt. Hier muss das Du-Wort die Bärigkeit des alpinen Lebens unterstreichen und dem Nichtansässigen suggerieren, dass die aufgemascherlten Bauernhaus-Surrogate, die gulaschsuppigen Almhütten und die geschulte, hinterfotzige Bodenständigkeit des Hotelpersonals das typische Tirol sind, das es schon immer gewesen ist. Schon Maria Theresia sprach von »den goaschtig’n Tirolern«. Sie simulieren den stets fidelen, rauen, polternden, aber herzensguten Bergkameraden, der treu wie Gold ist. Die Tiroler sind vom Fremdenverkehrsmarketing bereits derartig indoktriniert, dass sie beinahe glauben, selbst so zu sein, wie man ihnen oktroyiert hat, sein zu müssen.

Sie leben den Mythos Tirol.

Der Tiroler ist voll kommunikativ, vor allem, wenn man ihn nicht anspricht.