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Marga Swoboda

Mitten ins Herz

Marga Swoboda

Mitten ins Herz

Die »Tag für Tag«-Kolumnen

Herausgegeben von Christoph Dichand

Mit einem Vorwort
von Conny Bischofberger

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Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Vorwort

1 | Gott & die Welt

2 | Helden & Verlierer

3 | Papst & Promis

4 | Arm & Reich

5 | Menschen & Abgründe

6 | Hund & Katz

7 | Mütter & Väter

8 | Erinnerung & Abschied

9 | Tragödien & Wunder

10 | Krankheit & Wahnsinn

11 | Liebe & Hoffnung

12 | Historische & private Momente

13 | Geld & Glück

Vorwort

8339 Kolumnen, abgelegt in 25 Bene-Ordnern. Der Gedanke, sie zu lesen, hat mir das Herz zugeschnürt. Ihr erster Text und ihr letzter Text: Was könnte deutlicher machen, dass Marga tot ist? Warum durfte sie nicht einmal 60 Jahre leben?

Zappen durch Jahre, in denen die »Krone« noch schwarzweiß war. Erinnert werden an 9/11 und an den Tag, an dem Natascha Kampusch frei war. An Falcos Tod in der Dominikanischen Republik und den Sprung von Felix Baumgartner durch die Schallmauer.

Eintauchen in Margas Welt, die so weit und bunt und mächtig war wie ihre Gedanken. Und immer wieder: berührt werden von ihrer Poesie.

Wenn sie über den ersten Schnee schreibt oder den Moment, in dem eine Mutter ihr vermisstes Kind wieder in die Arme schließen kann, dann ist es meine Glückseligkeit, meine Dankbarkeit, die sie wie geheimnisvolle Saiten zum Schwingen bringt. Der Abschied von einem geliebten Menschen, die Wucht des Tsunamis, die Rettung der Bergleute in Lassing oder die Geburt einer kleinen Prinzessin – Marga Swobodas Worte können trösten und wärmen bis in die Zehenspitzen. Mitunter sind sie scharf wie Pfeile. Den Wahnsinn auf den Straßen, die Gewalt in den Familien, die Abgründe von Menschen, die das Leben anderer auslöschen, beschreibt sie hart und unmissverständlich und lässt niemals Zweifel aufkommen, auf wessen Seite sie steht. Immer aber treffen ihre Texte mitten ins Herz.

»Sie war die Golden Gate Bridge zwischen Boulevard und Literatur«, sagte eine Schauspielerin einmal über die »Krone«-Journalistin und Bachmann-Preisträgerin. Marga Swoboda bezeichnete sich selbst provokant als »Boulevard-Schlampe« – sie schreibe gerne für ein Publikum, über das manche Kollegen die Nase rümpfen …

Dieses Millionenpublikum hat ihre Texte geliebt. Manchmal schrieb sie für die Fröhlichen, manchmal übte sie Toleranz, wo andere Gift versprühten, manchmal legte sie mit eigenen und fremden Traurigkeiten den Finger in unsere Wunden.

Die »Zeit«, die im Juni 2013 ein hinreißendes Porträt der Susie Haneke unter Marga Swobodas Mädchennamen Margarethe Mark veröffentlichte, schrieb, dass man sie »förmlich Wienerisch sprechen hörte, so weich und voller Schmäh« seien ihre Texte gewesen, »eine Mischform aus Philosophie und Gossenslang«.

Aber Marga Swoboda war alles andere als eine Wienerin. Sie lebte und dachte und schrieb alemannisch. Allein diese Melodie klingt aus ihren Texten. Schmäh? Nein. Ihre Sprache hat nichts Verschnörkeltes, Doppelbödiges, Süßes …

Ihr privater Kosmos war zwischen Wien, Liechtenstein und Paris gespannt. Meistens saß sie irgendwo dazwischen im Zug. Ihre Leser wussten von Marga Swoboda nicht viel, außer dass sie eine Löwenmutter sein musste, dass sie auch Katzen und Lena, diesen ganz besonderen Hund, zu ihrer Familie zählte und dass sie rauchte.

Manchmal schrieb sie ihre Kolumne kurz vor Andruck nach einem Café au Lait in St. Germain. Ein anderes Mal kam sie gerade noch rechtzeitig aus dem Wiener Café Korb nach Grinzing zurück, um die Geschichte aus ihrem Kopf auf Papier zu bringen. Dann lag sie mit 39 Grad Fieber und ihrem Heilkater »König« im Bett ihres Hauses in Planken oberhalb von Vaduz und faxte trotzdem ihren Text. Jeden Tag zwischen 15 und 15.45 Uhr, mehr als 21 Jahre lang.

Ihre letzte Kolumne (Sie können sie auf Seite 255 als Abschluss dieser Sammlung lesen) schickte sie für die Ausgabe des 17. November 2013 aus dem Wiener AKH – sie stand bereits unter dem Einfluss von Morphium. »Wenn ich einmal nicht mehr schreibe, bin ich tot«, hat sie einmal gesagt.

Vier Tage später starb sie.

»Es ist, als hätte man der ›Krone das Herz‹ herausgerissen«, schrieb uns eine Leserin nach Marga Swobodas Tod.

Mit ihrem Abschied ist auch eine Verbindung abgerissen, die sie Tag für Tag hergestellt hat. Die Verbindung mit ihren Leserinnen und Lesern, mit der Welt draußen, mit dem, was man Leben nennt.

Conny Bischofberger

Herbst 2014

1 | Gott & die Welt

»Der höhere, der schönere Gedanke über den Worten Zufall und Schicksal heißt Gott

Mein T-Shirt fährt nach Afrika

Altkleider-Container. Da kann ich reinsten Gewissens meine Klamotten aus der abgelaufenen Modesaison entsorgen. Die Farben, die waren doch nicht so lässig wie im ersten Moment beim Spontankauf gedacht. Und daheim, da merkst du dann vielleicht, dass in den hinteren Reihen noch Zeug lagert, das auch ein modischer Irrtum war. (Manchmal sagen Männer: »Aber du hast doch schon sieben grüne T-Shirts.« Manchmal haben sie recht.)

Altkleider. Ich tue Gutes und kann das schlechte Gewissen über seltsames Kaufverhalten wieder ins Lot bringen. Irgendjemand auf der Welt wird eine große Freude haben mit meinem grünen T-Shirt. Nur einmal getragen! Wenigstens war es nicht teuer.

Dann fährt mein T-Shirt, mit Tonnen von anderen Klamotten, nach Neapel. Dort wird sortiert, frisch verpackt, umgeladen, was weiß ich. Man begleitet ja sein T-Shirt nicht.

Weiter geht es nach Afrika. Klingt gut. Dort leben doch so viele arme Menschen. Dort wird vielleicht irgendjemand eine Freude damit haben, dass ich hier im europäischen Schlaraffenland wieder einmal einen Fehlkauf tätigte.

Aber Achtung. Dort irgendwo in Afrika, in Tansania zum Beispiel, dort kommt mein T-Shirt um drei Euro auf den Markt. Dort muss eine Frau viele, viele Stunden arbeiten, bis sie sich den Fetzen leisten kann.

Aber die Container für Altklamotten sind doch für den guten Zweck, nicht? Ja, schon, teilweise. Der Rest ist ein Milliardengeschäft. Danke an das Fernsehteam »Am Schauplatz«. Mir wurden die Augen geöffnet. Vielleicht lerne ich endlich, mein Kaufverhalten zu ändern.

Das ist ja der pure Wahnsinn: In unsere Modestraßen schwemmt es die Billig-T-Shirts, genäht von ausgebeuteten Frauen und Kindern, und danach verdient das T-Shirt noch Geld an den armen Leuten in Afrika. Einfach irre.

26. Juli 2013

Frau Zadrazil und Herr Putin

Was geht die Frau Zadrazil der Herr Putin an?

Nix, dachte sie, und die Weltpolitik ist sowieso nicht ihr Hobby. Aber die gute Frau Zadrazil hat mit dem Wladimir Putin mehr zu tun, als sie möchte.

Frau Zadrazil hat es nämlich im Winter gern schön warm, wenigstens in der Wohnküche, im Schlafzimmer spart sie eh. Frau Zadrazil kocht auch gerne, für sich allein, mit über 80, und einmal in der Woche kommt die Frau Tochter zum Essen. Bescheidenes Glück in der kleinen Gemeindewohnung, die sie mit den Erinnerungen an ihren Mann mit der Katze teilt. Die Katze ist der Luxus ihrer späten Jahre, auf den sie nicht verzichten möchte. Katzenfutter und gelegentlich ein Tierarzttermin müssen sich einfach ausgehen von der Rente.

Frau Zadrazil hat gehört, dass das Gas wieder teurer wird, das gefällt ihr gar nicht. Und dann hat sie noch gehört, dass der Herr Putin, eben der aus dem fernen Russland, ihr womöglich diesen Winter das Gas abdrehen könnte, und das gefällt ihr noch viel weniger.

Wie kann denn das sein, hat die Frau Zadrazil ihre Nachbarin gefragt. Die ist eine, die immer alles weiß, was in der Welt so geschieht, die schaut immer »ZIB« und liest Zeitungen wie ein gefräßiger Professor, also muss sie Bescheid wissen, die Nachbarin.

Was, das könnte wirklich passieren, dass mir der Putin das Gas abdreht, fragt Frau Zadrazil. Weil das Gas durch die Ukraine fährt und die Ukraine vielleicht den Russen das Geld schuldig bleibt, und dann dreht der Putin den Hahn ab für Europa, damit die Ukraine davon nichts abzapfen kann? Frau Zadrazil ist schockiert. Jetzt weiß sie, dass sie mit dem Herrn Putin mehr zu tun hat, als sie für möglich gehalten hätte. Ein unbehagliches Gefühl.

12. November 2009

Woran ich glaube

Tausende Schäfchen verlassen die Kirche wie ein sinkendes Schiff. Du nicht auch, fragt mich der Freund, der schon lange mit dem Gedanken gespielt hat, und jetzt, sagt er, hat er endgültig genug. Du nicht auch, fragt er mich. Nein, ich nicht. Wenn ich wegen dem, was jetzt offenbar unrund läuft, austreten müsste, dann hätte ich schon früher austreten müssen. Und wenn ich das alles aufzähle, was mir an der katholischen Kirche respektive an manchen ihrer Vertreter nicht gefällt, dann sitzen wir heute noch lange beisammen, Freund.

Aber ich bin und bleibe ja nicht wegen der Nachteile, sondern wegen der Vorteile Mitglied der katholischen Kirche. Wegen der Idee des Glaubens, die manchmal besser und manchmal schlechter gelingt.

Ich mag die Stille und den Geruch eines Gotteshauses, den Versuch, ein Zwiegespräch zu führen mit Gott, wo auch immer er wohnt. Ich mag den Trost eines stillen Vaterunsers, den Versuch des Gedankens und den Wert des Gefühles, wenn ich mir vorstelle, dass irgendwann ein paradiesisches Licht sein wird.

Die Kerze, die ich in der Muttergottes-Grotte anzünde, kann mir an manchen Tagen meine kleinliche menschliche Angst nehmen, und an manchem Tag ist sie ein Trost. Oder eine Bitte.

Ich besuche die Menschen, die nicht mehr da sind, auf dem katholischen Friedhof, und ich erinnere mich an die grausamen Abschiede, die durch die religiösen Rituale und den Trost des Priesters ein wenig gemildert wurden.

Ich bin katholisch, ich versuche, an Gott zu glauben, und der eine oder andere Bischof, der mir nicht passt, wird mir das nicht nehmen können. Ich glaube auch an die Kraft des Papstes, selbst wenn im Vatikan seltsame Dinge geschehen. Jedenfalls glaube ich daran lieber als an die Wall Street, die Autoindustrie oder das Götzenglück der wackligen Wirtschaft.

12. Februar 2009

Untergang und Auferstehung

Damals haben sie es mit Gott aufgenommen und verloren. Sie sagten, nicht einmal der Herr aller Zeiten und Gezeiten könne die Titanic sinken lassen. Und dann sind die Leute elend ersoffen.

In einem Meer aus Tränen und aus Dollars badet nun der Film zur Katastrophe. Weltweites Phänomen, dass alle beim da capo des Todes dabeisein wollen. Leonardo DiCaprio ist der Held des Untergangs; Tausende Teenies würden für ihn ins Wasser gehen.

Die Mode, eine alte Frevlerin, die weder Hungersnöte noch Drogenelend als Trendmacher auslässt, kommt dieses Jahr mit dem Titanic-Look: Nobel geht die Welt zugrunde. Damals haben sie geweint und geschrien in ihren wunderbaren Roben, die alle Totenhemden wurden. Nun liegt der Kick darin, den ganzen Pomp in süßer Décadence auferstehen zu lassen.

Aber das reicht noch nicht wirklich. Die Jungfernfahrt des Todes will man nicht nur virtuell, in der Mode und beim Tischdekor nachvollziehen. Celine Dions Lied vom Tod in seinem unerträglichen Triefgang ist nicht das Ende der Manie.

Nun wollen Piraten der Gefühle das Schicksal der Titanic absolut gefühlsecht wiederholen. Titanic II; 2002, wenn das Unglück Geburtstag hat, soll sie in Southampton vom Stapel laufen. Echt wie damals bis auf den letzten silbernen Löffel.

Und: Natürlich wieder unsinkbar. Elektronische Eisberg-Überlistung, Rettungsboote für alle. An der Stelle des Untergangs Champagner-Laune mit leichter Gänsehaut. Drunter das eisige Grab. Der kranke Kick der Auferstehung. Vielleicht auch nur ein größenwahnsinniger PR-Gag.

Es wird schon alles gut gehen. Gott wird doch nicht zweimal an derselben Stelle zuschlagen. Gott liebt die Auferstehung; drum ist ja heute Ostern. Für die einen ist Auferstehung halt eine Frage des Glaubens, für die anderen eine Lustreise und Goldgrube. Ohne Genierer und ohne Pietät.

12. April 1998

Ein Tanz auf brüchigem Eis

Annähernd so alt wie dieses Jahrhundert und so klar und so mutig und deshalb jung in den Gedanken. Wenn es wahr ist, dass der Geist und die Seele und der Körper den göttlichen Funken ausmachen, dann lebt dieser Funke in Kardinal Dr. Franz König, und dieses charismatische Licht leuchtet in Liebe und Wärme und Klugheit.

Wer könnte sich entziehen? Da stand dieser große alte Mann am Rednerpult bei der Salzburger Festspiel-Eröffnung; Worte der Demut und des Mutes zugleich. Worte, die jeden, der sie hörte, auf die eigentlichen Fragen des Lebens zurückwarfen. Der Sinn des Lebens; wie verblendet von falscher Sehnsucht und Sucht.

Das Eis, auf dem wir uns bewegen, ist dünn geworden, zitierte der Kardinal Friedrich Nietzsche. Bilder und Selbstbilder weckte die Mahnung: wie wir alle so verrückt tanzen auf dem dünnen, brüchigen Eis.

Wie unmodern der Glaube geworden ist. Blindes Vertrauen in die Macht der Wissenschaft und der Forschung, und alles zeigt doch wieder nur die menschlichen Grenzen an. Der große Horizont: die bedrohlichen Konturen des Atomzeitalters. Weltumspannendes Internet und das Böse, das der Kardinal beim Namen nannte.

Wie unmodern der Glaube geworden ist. Alle Rätsel der Welt – lösbar bis auf das eine große Rätsel des Lebens. Den Sinn. Woher wir kommen, wohin wir gehen.

Das Gesicht des Kardinals, das mit so unbeschreiblicher Weisheit und solchem Mut ins neue Jahrtausend blickt. Ein charismatisches Licht. Was für ein Licht gegen den Nebel und die Stumpfheit eitel gesteckter und verfolgter Ziele. Wie man die tiefe Ergriffenheit des Auditoriums spürte. Und wie selbst vor dem Fernsehschirm Empfindungen geweckt wurden, die über den Tag und das Jahrtausend hinaus wirken.

25. Juli 1998

Würdig und schlicht

Er hatte es sich verbeten, dass nach seinem Tod ein Staatsbegräbnis inszeniert wird. Aber die Form des Abschieds hatte der Altbundespräsident noch selber bis ins Detail testamentarisch festgelegt; wie einen letzten Gruß an Familie und Volk.

Würdig und schlicht wie sein Leben war die Zeremonie. Frühling auf dem Zentralfriedhof; eine milde Sonne über aller Trauer. Die Witwe musste stark sein; sehr stark, das hatte sich Kirchschläger wohl auch so gewünscht.

Im kommenden Sommer hätten die beiden die diamantene Hochzeit gefeiert; sechzig Jahre Ehe durch alle Stürme der Zeit. Es war den beiden nicht mehr vergönnt, einander an diesem Tag die Hände zu reichen.

Aber in Gedanken und in dem, was man Liebe nennt, bleiben sie einander ewig verbunden; das spürte man, wenn man die Witwe in ihrer stummen Trauer sah.

Während der Zeremonie des Abschieds wird das Leben mit Kirchschläger noch einmal durch den Kopf der Witwe gegangen sein. Bilder aus jungen Jahren und von glücklichen Augenblicken. Bilder, die einen Menschen nie verlassen, auch wenn einer den anderen verlassen musste.

Wie schön ist das, wenn jemand im ganzen Schmerz noch denken kann, dass man das gemeinsame Leben in Treue gelebt und über alle Hürden hinweg gemeistert hat. Dann ist der Abschied in Liebe gebettet.

Und trotzdem kommt dann dieser ganz schmerzhafte Moment, wenn der Sarg der Erde übergeben wird. Das ist der Augenblick, in dem der Abschied so sichtbar und so endgültig wird.

Viele Menschen brauchen Gott ihr Leben lang nicht. Aber dann, im Angesicht des Todes, ist diese Hoffnung, dass es eine Auferstehung im Licht geben könnte, doch ein großer Trost. Herma und Rudolf Kirchschläger haben ihr Leben lang in dieser Hoffnung Kraft geschöpft.

11. April 2000

Wahnvorstellung oder Magie des Glaubens

Der Papst kommt nach Deutschland, ich stelle mir vor, Schutzengel reisen mit ihm. Obwohl für manchen Blödsinn braucht kein Mensch und schon gar nicht der Papst Schutzengel: Menschen bei Maischberger redeten über den Papst, als wäre er eine Modemarke. Braucht jemand die Kirche? Braucht jemand den Papst? Die einen sagen so, die anderen so. Der Schauspieler Mathieu Carrière spielte den total Ungläubigen so gut (»Religion ist nur eine Wahnvorstellung«), dass man schon dachte, gleich würde er kippen. In den Glauben.

Im deutschen Bundestag sind auch nicht mehr alle ganz sauber. Linke Brüder und Schwestern in Bewusstseinsspaltung. Die einen werden dem Papst zuhören, wenn er seine Rede hält. Die anderen machen Benedikt-Demo vor dem Haus.

Für so was braucht man keinen Schutzengel mehr. Braucht man überhaupt einen? Und vor allem: Gibt es diese Gestalten überhaupt? Ich fühle da mit der bequemen großen Mehrheit. 58 Prozent aller Österreicher glauben an die Existenz solcher Wesen, die Menschen behüten, beschützen. 15 Prozent überlegen noch. 27 Prozent sagen: Blödsinn. Gibt’s nicht. Wer hat denn jemals einen solchen Schutzengel gesehen? Wie sieht er oder sie überhaupt aus? Haha.

Klar, ich habe auch noch nie einen gesehen. Aber es gab schon Momente, da fühlte ich, hmm … mich seltsam beschützt. Oder noch wichtiger, die Kinder. Wahnvorstellung oder Magie des Glaubens?

Als Kinder sammelten wir früher Schutzengelbilder statt Pocahontas-Pickerln. Vor dem Schlafen machte mir der Vater immer ein Kreuz auf die Stirn … Der Schutzengel soll dich behüten …

Daran glaube ich. Es tut mir gut. Ich wünsche jedem Kind der Welt, dass es gleich mit einem Schutzengel geboren wird. Warum, leider, nicht jedes Kind einen Schutzengel hat: Ich weiß es nicht.

22. September 2011

Willkommen, kleiner Mensch!

Bist du schon da oder noch in Mamas Bauch? Bist du ein Kind aus China, aus Indien oder vielleicht aus Liechtenstein?

Möglich ist alles. Man weiß ja nicht genau, wer du bist und wo. Erdenbürger Nummer 7 000 000 000, von der Statistik dieser Tage erwartet. Die Statistik sagt: er (oder sie) müsste jeden Moment eintreffen oder ist schon gelandet.

Nie wird man den Namen dieses Kindes kennen, dazu ist die Statistik zu ungenau. Menschen zählen ist einfach nur ein Nummernspiel. Wir sind jetzt sieben Milliarden Menschen auf der Welt.

Würde man dich kennen, Kind Nummer 7 000 000 000, du wärst auf allen Titelseiten und in den Hauptnachrichten. Fast-Food-Firmen würden dich für die Werbung schnappen, Doku-Filmer deinen Lebensweg begleiten. Nie müsstest du hungern oder Durst haben, selbst wenn dich deine Mutter in einem Auffanglager in der Todeszone der Dürre-Katastrophe geboren hätte. Und wärst du ein Kind aus der reichen, angeblich heilen Welt: Du wärst ein Talkshow-Star, noch bevor du selber reden und stehen kannst.

Wir sind jetzt sieben Milliarden Menschen. In einer Familie würde das bedeuten: zusammenrücken. Teilen. Aber die Welt ist leider keine Familie. Die Welt hat einen Stacheldraht zwischen Arm und Reich, zwischen Schön und Kaputt, zwischen Alt und Jung, zwischen Erfolgreich und Hartz IV. Die Welt ist hundsgemein. Und sie wird nicht besser. Sorry, Kind.

Willkommen, Kind Nummer 7 000 000 000 auf dieser ansonsten superschönen Welt. Essen wäre genug für jeden da. Sonne, Mond und Sterne gehören allen. Ich wünsche dir, unbekanntes Wesen, dass du auf der Butterseite gelandet bist. Und nicht im Elend, ohne Zukunft, ohne Chance.

30. August 2011

Große Söhne, kleine Menschen

Ein Kind schleppt sich daher. Das Kind torkelt. Das Kind versucht ein paar Schritte aufrecht. Geschafft. Das Kind fällt den Rettern fast in die Arme. Dann fällt das Kind um. Tot.

Ein Vater trägt seinen Sohn durch die Hitze. Eingehüllt in Tücher, der Sohn. Tot. Eine Mutter mit ihrem Kind liegt auf dem Boden. Wasser. Nahrung. Sie sind durchgekommen. Es könnte sein, dass sie überleben.

Das sind die Bilder. Die Bilder von der großen Dürre in Ostafrika. Schon gegoogelt, wo das ist? Weit weg ist das. Elf Millionen Menschen sind das. Ganz Österreich und noch ein kleines Land dazu, wenn man sich die Summe des Elends vorstellen möchte.

Das ist die Welt. Die arme und die übersatte. Das ist die Welt, in der die einen Kinder in Designer-Wiegen hineingeboren werden, und bei den anderen steht der Tod parat. Das ist die Welt, in der du Millionen machen kannst mit Luxus-Kindermode und in der Millionen Kinder sterben wie die Fliegen. Das ist die Welt, in der die UNO-Rettungsleute schreien: Wir können nicht mehr warten. Das ist die Welt, in der solche Schreie und solche Nachrichten lang nicht so wichtig sind wie südafrikanische Schmarren-Geschichten von fürstlichen Flitterwochen. Das Badewetter im nächsten Schwimmbad ist auf jeden Fall wichtiger als das Sterbenswetter in Afrika.

Und in der Mittags-»ZIB« war gestern selbstverständlich das Wichtigste, ob jetzt die großen Töchter in die Bundeshymne dürfen. Bei so viel politischer Brisanz kommen die sterbenden Kinder an zweiter Stelle. Im Übrigen geht mir das Pathos um große Söhne und Töchter wahnsinnig auf die Nerven. Es sind die kleinen Menschen, die Österreich groß machen. Und es sind die kleinen Menschen, die wegsterben wie die Fliegen. In Ostafrika, zum Beispiel.

14. Juli 2011

Zufälle, schrecklich oder schön

Einfach in die Luft geflogen, das Haus. Früher Feiertagsmorgen, Fronleichnam. Um 7 Uhr 55 ist es passiert. Eine Explosion, so gewaltig, dass augenblicklich alles in Schutt und Flammen war. Die Fensterstöcke hat es aus Nachbarhäusern gerissen. Die Menschen im Haus der Katastrophe, die hatten keine Chance.

Eine unterirdische Gasleitung könnte es zerrissen haben. Erste Spekulationen über die Ursache. Ein Unglück, das überall hätte passieren können. Der Zufall, der mörderische, hat diesen Ort ausgesucht. Und diese Menschen.

7 Uhr 55 an diesem Regen-Feiertag. Ein bisschen länger schlafen als sonst. Nicht aus dem Haus gehen müssen. Aus dem Schlaf oder aus den ersten Morgen-Gedanken heraus in den Tod gerissen werden. Nichts, was man im ärgsten Albtraum für möglich halten würde.

Und dann noch ein Zufall, der zumindest einem Menschen das Leben gerettet hat: Die Frau, die sich um ein Ehepaar in diesem Haus kümmerte. Seit Jahren verlässlich wie ein Uhrwerk. Seit Jahren in liebevoller Verbundenheit mit dem Opfer-Ehepaar.

An diesem Regen-Feiertagsmorgen hat die Frau, die Helferin, verschlafen. An diesem Morgen kam sie zu spät. Zu spät, um zu sterben.

Alles, alles ist Zufall. Das ganze Universum, die schlimmsten und die schönsten Sachen. Der höhere, der schönere Gedanke über den Worten Zufall und Schicksal heißt Gott. Wäre ich die Frau, die an diesem Regen-Feiertagsmorgen verschlafen hat und nicht sterben musste: Ich würde mich nicht beim Zufall bedanken, sondern bei Gott. Und ein Gebet für die Opfer sprechen! Auch wenn es Menschen gibt, die sagen, das nützt jetzt auch nichts mehr.

4. Juni 2010

Kann man beweisen, dass es Gott gibt?

Ein ziemlich durchgeknallter Physiker hat zu erforschen und errechnen versucht, ob es Gott gibt oder nicht. Dann hat er die Weltöffentlichkeit mit folgendem Ergebnis beglückt: Gott gibt es zu 67 Prozent. Also mit einiger Wahrscheinlichkeit.

Die These entstand aus einer Art Weltrechnung, wie viel Böses und Gutes auf dem Planeten schon passiert ist, ob also das Unheil stärker ist als das Heil. Wenn es einen Gott gibt, muss ja das Gute gewinnen, dachte der Physiker und rechnete und rechnete.

Ein anderer Gottesbeweis geht so: Allein die Tatsache, dass Menschen sich überhaupt fragen, ob es Gott gibt, sei ein Gottesbeweis. In allen Religionen, auf der ganzen Welt. Albert Einstein wiederum, und das hat vermutlich nicht so sehr mit Physik zu tun, glaubte mehr und mehr an Gott, je näher es dem irdischen Ende zuging.

Der starke alte Papst auf dem Kreuzweg am Karfreitag, wenn das kein Beweis war für göttliche Kraft. Wie er das Kreuz aus den Händen einer jungen Spanierin übernahm, einer Frau, die beim Anschlag von Madrid Angehörige, aber nicht den Glauben verloren hatte.

Ostern in Rom, das schönste und schaurigste Fest seit Gedenken. Terrordrohungen und Terrorangst. Ein Papst, der die Kraft hat, der Welt zu zeigen: Glaube ist stärker als alle Angst.

Angst ist die große Krankheit der Zeit. Angst macht Menschen so klein. Die Angst, die von außen kommt, als terroristische Bedrohung. Die Angst, die von innen eitert: Angst vor Misserfolg, vor Einsamkeit, vor Krankheit und sogar vor dem Älterwerden. Das traut sich doch kaum noch jemand, einfach nur älter zu werden.

Glaube, Liebe und Hoffnung sind stärker als Hass, Angst und Tod. Wenn das keine göttliche Botschaft ist. Der Papst auf dem Kreuzweg. Das Kreuz, das er von dieser jungen Frau aus Madrid in seine Hände nahm. Es ist wieder leichter geworden, an Gott zu glauben. An Gott zu glauben ist das Gegenteil von Angst.

11. April 2004

Spenden statt Silvesterkrach

Die Welt ist verwundet. Die Welt mit dem ganzen Reichtum, den Wolkenkratzern, der Gier, dem Glück. Auf der Welt kann man kein Haus bauen, das stark genug ist. Auf der Welt kann man kein Glück finden, das nicht gläsern ist. Tausende Kilometer von der Katastrophe entfernt, durch das Fernsehen mit dem Leid verbunden, erreicht die Katastrophe die innersten Gefühle und Ängste. Das verloren gegangene Bewusstsein: Nie wird der Mensch stärker sein als die Natur. Nie.

Das Christentum, die Weltreligionen versuchen es den Menschen begreiflich zu machen. Wie klein und arm das ist, dieses Erdendasein. Ständig übertönt von Eitelkeit und trügerischer Sicherheit. Von einer Sehnsucht nach Glück, die so leicht zu zertrümmern ist.

Auf den Weltkarten die Eintragungen, wo die Welt am gefährlichsten ist, wo die Erdplatten zu bersten drohen, wo die Berge explodieren könnten. Ein seltsames Gefühl, sich an einem eher sicheren Ort zu befinden. Sicherheit; immer wieder liefert die Natur den Beweis, dass Sicherheit nichts als eine arrogante Einbildung ist. Wir sind nur Gast.

Alles dort, so weit weg, ist zerstört. Alles? Es wird Liebe überleben. Es wird Erinnerung überleben. Ganz vage nur, aber doch macht die große Flut auf der ganzen Welt etwas begreiflich. Dass nur Gefühle, nur die Liebe nicht zerstörbar sind.

Es ist nur eine Welt. Es ist immer nur ein einziges, kleines Leben. Es zahlt sich nicht aus, für falsche Gefühle zu leben. Es lohnt sich nicht, dem falschen Glück nachzurennen. Der Boden unter den Füßen ist überall unsicher. Sicher ist, dass jetzt statt glotzendem Mitleid stille Hilfe fällig wäre. Spenden statt Silvesterkrach.

30. Dezember 2004

Beten und beten lassen

Das Geheimnis des Glaubens, beinahe geknackt. Wissenschafter gingen der Frage nach, ob Beten wirklich hilft. Sie fanden heraus: Ja, es hilft.

Ein Versuch mit knapp vierhundert Herzpatienten: Für die Hälfte von ihnen ließen die Ärzte beten. Innig, aber auf Kommando. Das Ergebnis, angeblich erzielt in einem Krankenhaus von San Francisco: viel weniger Komplikationen und Beschwerden bei den Menschen mit der frommen Fernmagie. Der Glaube, sagen die Ärzte nun, ist wie ein Antibiotikum.

In der Stunde des Todes lässt ein Gebet die Hirnstrahlung ins Euphorische hinaufschnellen. In den Stunden der Dunkelheit ein Licht aus dem Glauben. Sagen nicht nur die Pfarrer, das sagen jetzt auch Mediziner, die Depressionen behandeln.

Beten und bitten soll man wie ein Kind. Darf man Gott um einen Lotto-Sechser bitten oder wenigstens um einen kleinen Fünfer? Darf man. Wie ein Kind. Nur, man kann halt nicht alles haben. Und: Man darf Gott nie böse sein. Gott weiß schon, wofür es gut ist, keinen Lotto-Sechser zu haben.

Der Glaube kann Berge versetzen. Alter Spruch, aber gut. Beten ist reden mit einem, den man nicht kennt, an den man nur glaubt. Seine Antworten sind stark und klug. Aber nur dann zu hören, wenn einer ganz tief in sich selber hineinhört. Dort, wo Gott wohnt. Hört Gott immer zu? So viele beten zurzeit um ihr Leben und um das von anderen; zu welchem Gott auch immer. Wenn Gott sie alle hört, warum hilft er dann nicht allen?

Das weiß kein Mensch, auch kein Wissenschafter. Das allerletzte Geheimnis werden wir wohl nie knacken. Aber dieser Glaube an die Auferstehung, der hält ein bisschen aufrecht. Der nackte Tod allein, der ist doch überhaupt nicht zu verkraften.

3. April 1999

Macht euch die Erde untertan!

Tsunami, Hurrikans, Erdbeben. 330 000 Menschenleben ausgelöscht. Es werden noch größere Katastrophen kommen, sagen die Klima- und Umweltforscher.

Jahrhunderthochwasser heißen dann nicht mehr so. Weil sie jedes Jahr kommen. Die Sommer werden nicht mehr schön sein, sondern dürr und glühend. 40 Grad, wie Fieber.

Das Erdbeben von Pakistan wäre nicht zu verhindern gewesen. Klar. So stark ist der Mensch nicht, dass er sich die Erde wirklich untertan machen kann. Stark genug aber, um den Klimakollaps aufzuhalten. Nicht länger alles hemmungslos in den Himmel feuern. Treibhausgase um achtzig Prozent reduzieren. Mindestens. Ölverbrauch drastisch senken, umsteigen auf die Kraft des Wassers, des Windes und der Sonne. Sofortige Notbremsung im Energiesystem.

Dann könnte die Erde noch ziemlich lange unsere Mutter sein. Aber wen interessiert das? Gier ist stärker als Überlebenstrieb. Den Bauch der eigenen Mutter kaputt machen und das himmlische Dach über der Erde ruinieren. Sehr schlau.

Was interessiert es den Börsenhai auf seiner Luxusyacht, wie lange Himmel und Erde noch halten? Was interessiert es den Einzelnen, ob er am Desaster mitbeteiligt ist? Die Welt zumüllen, die Welt kaputtheizen. Eine ganze Menschheit ist dabei zu vermüllen. Auch in der Seele.

Wenn ich meine Geräte nicht standby rennen lasse, helfe ich, die Welt zu retten. Bin ich dazu zu faul, zu blöd oder zu ignorant? Kommt es auf den einzelnen Lichtschalter und den persönlichen Müll an? Ja. Macht euch die Erde untertan!

Zur Gattung Mensch hätte Gott diesen Satz nicht sagen sollen.

11. Oktober 2005

Einkaufen oder beten

Wir haben das Thema alle Jahre, und wir haben es jedes Jahr noch schärfer: Der achte Dezember – soll man beten oder einkaufen? Kardinal Schönborn, der weise Mann, dessen Geist und Gefühl nicht nur in Gott, sondern auch in der himmelsnahen Seelen- und Berglandschaft des Montafons herangereift sind, hat sich gegen die Offenhaltung der Geschäfte an diesem Marien-Feiertag ausgesprochen. Man könne und solle nicht alles den Gesetzen der Marktwirtschaft unterwerfen, sagte er sinngemäß.

Das würde ja eines Tages dazu führen, dass unsere Herzen restlos verloren gehen in den trügerisch belichteten Einkaufspalästen. Den Marien-Feiertag am achten Dezember, den haben die Österreicher ja zum Zeichen und Dank der Freiheit gewählt. Da wäre es ein bitterer Erfolg, diese Freiheit dem Kaufzwang, dem Kaufrausch zu opfern. Das hört man in den Geschäften nicht gerne. Gewiss, man schätzt Schönborn, den hohen Mann Gottes, sehr, man kämpft aber auch mit wachsender Verzweiflung gegen die sogenannte Kaufkraft-Abwanderung. Das sind die Karawanen, die im Stau und Winternebel über die Grenzen ziehen, der Seligkeit nach, die Sonderangebot und Konsumglück heißt. Man versteht die Geschäftsleute sehr, wenn sie also offenhalten wollen, auf dass die Schäfchen, um nicht zu sagen die Konsum-Lemminge, nicht verloren gehen. Wahrscheinlich versteht das sogar Gott, denn sicher weiß er, wie schwer es die Geschäftsleute haben.

Es können also nur die Kunden, nicht der Kardinal und nicht die Händler, die richtige Entscheidung treffen. Sich die Freiheit nehmen, nicht zu kaufen an diesem heiligen Tag. Sich eine kleine Besinnlichkeit zum Geschenk machen. Das wäre doch schöner als diese kranke Einkaufsrallye, die nur Geld und Nerven kostet.

23. September 1995

Gute Nacht, schöne Welt

Es scheint niemanden besonders aufzuregen. Den Wallstreet-Börsianer juckt es nicht. Dem Politiker ist es ein paar betroffene Satz-Schachteln wert. Der sogenannte Konsument wirft sein kleines schlechtes Gewissen weg und greift zum Sonderangebot. Alle werden so lange unschuldig und tatenlos und ein wenig beunruhigt sein, bis wirklich Grund zur Beunruhigung herrscht. Alarmstufe Rot ist aber jetzt schon. Wenn das stimmt:

Bald ein Drittel aller von Menschen verursachten Treibhausgase stammt – aus der Landwirtschaft. Ab ins Museum mit den schönen Bildern vom braven Sämann und der Nahversorgung aus dem Bio-Garten. Ins Reservat mit den glücklichen Hühnern und Kühen, solange es noch ein paar davon gibt. Spätere Generationen werden staunen, wie sich die Menschheit einst ernährte. (Falls spätere Generationen noch überleben können auf diesem Planeten.)

Die Böden sind überdüngt. Der Humus fehlt. Die Wälder werden gerodet, dass die Erde nur so raucht. Falls es Außerirdische gibt: Die werden sich wundern, was das für Wesen sind, die sich die eigene Überlebenswelt kaputt machen.

Tiere mästen ohne Rücksicht auf Tierleid und die Folgen für den Menschen. Hauptsache, Schnitzel auf dem Tisch, so billig, dass irgendwann noch der letzte Bio-Bauer aufgeben muss.

Eine Greenpeace-Studie, die aufhorchen lassen müsste. Alles schwarz auf weiß im Weltklima-Bericht. Die Lebensmittel schamlos versaut mit Chemikalien. Geht übrigens nicht nur der Boden kaputt davon, sondern auch der Bauch. Wurscht. Die Welt hat eben andere Sorgen als das Überleben des Planeten und der Kindeskinder. Zum Beispiel, ob Nicole Kidman schwanger ist und ob Boris Becker wieder eine neue Alte hat. Unsere Sorgen möchte man haben. Gute Nacht, schöne Welt.

9. Jänner 2008

Wertes und unwertes Leben

Das Gespräch mit Kardinal Schönborn, sein Entsetzen darüber, dass Abtreibung zum Kaufhaus-Angebot wird. Man muss kein besonders katholischer Mensch sein, um das Entsetzen zu teilen.

Schrecklich schöne neue Konsumwelt. Du kannst alles haben, und du kannst alles entsorgen. Du kannst dir jede Sorte Glück kaufen, legal oder illegal. Hoffnung, Liebe, Anerkennung, alles den Marketing-Mechanismen unterworfen. Nie sagt jemand in der Werbung: Das Leben kann ziemlich traurig, ziemlich gemein, ziemlich hart sein. Generalbotschaft: Glaub nicht an das Glück im Himmel, glaub nur an deine Kreditkarte. Es ist nicht Gott, der den Takt des Lebens vorgibt, es ist der Mastermind der Industrie. Was sollen einen ethische Fragen noch scheren. Abtreibung, so unkompliziert wie möglich, so schonend wie möglich. Und bitte preiswert. Das entsorgte Kind – schon gesehen, ab wie viel Euro? Es muss jemand nicht unbedingt an die zehn Gebote glauben. Es kann jemand den Sinn dahinter auch ohne Frömmelei erkennen: Regeln, die das Zusammenleben unter Menschen verbessern sollen. Die Menschen schützen sollen. Das Leben schützen sollen. Auch das ungeborene.

Und das Unwerte. Es ist inzwischen leicht, ein möglicherweise behindertes Kind auszusortieren. Welche Kriterien sind die nächsten, um wertes von unwertem Leben zu unterscheiden? Zu wenig schön/nützlich/angepasst, um auf dieser Welt zu leben? Zu alt, zu schwierig, zu langsam?

Vielleicht gibt es eines Tages nicht nur Abtreibung im Kaufhaus, sondern man kann dort gleich unnütz gewordene Angehörige loswerden. Apropos Abtreibung: Es gibt eine ziemlich gute Alternative. Adoption statt Abtreibung. Es muss ein gutes Gefühl sein, sein Kind leben zu lassen.

5. Februar 2007

Als würde eine neue Welt nachwachsen

Mit dem ewigen Eis ist es jetzt auch nichts mehr. Das hatte schon einen schönen tröstlichen Klang. Ewiges Eis. Kann also passieren, was will auf der Welt. Das Eis hält. Ewig.

Oder doch nicht, leider. Das Eis am Nordpol schmilzt dahin, und zwar rassig. Dreimal so schnell wie auf dem Computer errechnet. Den hatte man mit den bösen Umweltsünden und Klimadaten gefüttert. Aber die Umweltsünden sind offenbar noch viel böser und viel schneller wirksam als erwartet.

Der Internationale Klimarat ist auch auf die falschen Berechnungen hereingefallen. Die Wirklichkeit, nämlich die sommerliche Schmelzquote in der Arktis, ist dem Computer um dreißig Jahre voraus. Es schaut dort also jetzt schon so aus, wie es erst etwa 2040 ausschauen dürfte.

Aufgrund der von der Wirklichkeit überholten Prognosen wurden nun neue Prognosen aufgestellt. Schon ab 2050 könnte man live dabei sein beim eisfreien Sommer am Nordpol. Vielleicht schon früher, falls diese Hochrechnungen auch wieder zu optimistisch waren.

Und was dann 2100 alles sein wird! Man möchte es vielleicht gar nicht so genau wissen, und man wird es eh nicht erleben müssen. Wer jetzt kein Kind mehr ist, hat die besten Chancen, allen weiteren denkbaren Klimakatastrophen auf natürlichem Weg zu entgehen.

So gesehen geht’s einen eigentlich eh nichts an, ob am Nordpol die Sahara ausbricht oder sonst was. Aber die Kinder, die eigenen und die fremden, dürfen einem schon leidtun. Wie diese Welt herabgewirtschaftet wird. Als würde eine neue nachwachsen.

3. Mai 2007

2 | Helden & Verlierer

»Und wie still und leise so ein Sieg sein kann … Demut und Dankbarkeit statt Gebrüll und Überschwang.«

Nerven habt ihr! Danke.

Das war einmal ein Traumberuf: Verkäuferin. Fast so cool wie Friseurin. In meiner Volksschule wollten fast alle Mädchen beim Bäcker Gruber an der Theke stehen oder beim einzigen Figaro des Ortes die Lehre machen. Die ganz Coolen, also die Gabi, die Hermine und ich: Wir wollten Stewardessen werden. Ich, ausgerechnet, mit meiner Flugangst. So super ist der Job aber heute eh nicht mehr.

Und erst Verkäuferin. Lang vorbei, die Kaufladen-Romantik wie in der Puppenstube. So viele kleine Geschäfte, die längst entschlafen sind. In den großen Geschäften ein Druck wie an der Börse: Der Mensch ist kein Mensch mehr, nur noch ein Kostenfaktor, der den Umsatzschlüssel erfüllen soll. Muss. Weil wenn der Umsatz nicht passt, wird gefeuert. Schon einmal in die angstmüden Augen einer Verkäuferin geschaut in einem Supermarkt, der nicht gut läuft? Trauriger Anblick.

Anderswo kommen Verkäuferinnen kaum zum Durchschnaufen, und dafür sind sie dankbar. Man sagt ja, es geht den Menschen gut, wenn die Wirtschaft brummt und summt. Immer schön freundlich und fröhlich bleiben! Auch wenn die Kundschaft, fallweise, ein Benehmen wie ein durchgeknallter Affe hat. Wer zahlt, befiehlt, und dazu kann man sich allerhand anhören.

Besonders im Luxusbereich sind die Businessleute sehr zufrieden. Handtaschen, für die eine Verkäuferin drei Monate arbeiten muss. Accessoires um den Preis eines Monatsbudgets einer Durchschnittsfamilie. Was sich wohl das Personal so denkt, wenn benehmensverarmte Damen die Kreditkarte glühen lassen? Am besten gar nichts.

Traumberufe sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Und die Verkäufer und Verkäuferinnen sind echte Helden. Insbesondere zur Weihnachts-Wahnsinns-Zeit. Nerven habt ihr! Danke.

12. Dezember 2012

Sein Bruder, der Held

Florian Lauda sah man selten in der Zeitung und an den Theken. Wenn ihn Reporter irgendwo erwischten, dann fragten sie ihn: Wie ist das, der kleine Lauda zu sein? Wie lebt es sich im Schatten von Niki? Sind Sie neidisch auf Nikis große Erfolge? Florian Lauda. Sieger sehen anders aus. Florian Lauda. Ein komischer Kauz. Und jetzt die Geschichte mit der Niere. Niki Lauda, der seine Krankheit so perfekt geheim hielt wie die Hochzeit mit der AUA und die Scheidung von seiner Frau. Niki Lauda, der aus dem Wiener AKH melden ließ: Transplantation gelungen. Patient wohlauf. Er hat jetzt drei Nieren. Und diese dritte Niere ist ein Geschenk des Bruders. Und diese dritte Niere rettet ihm vielleicht ein langes Leben. Und das verdankt er seinem kleinen Bruder.

Man sagt sehr leicht: Ich würde alles tun für meinen Bruder, meine Schwester. Und dann steht man vor der Frage: Geb ich ein Stück meines Lebens, meines Körpers her?

Florian Lauda hat es getan. Hat sich diese Niere aus dem Leib schneiden lassen für Niki.

Die Welt kennt den großen Bruder, den Weltmeister, den Tausendsassa. Man hat den kleinen sogar das schwarze Schaf genannt. Und jetzt ist plötzlich Florian der Weltmeister unter den Laudas. Weltmeister in der schwierigsten Disziplin: Mut zur Liebe. Kleiner Bruder, großer Held. Auch wenn es keine Lorbeerkränze und keine Fanclubs dafür gibt. Zwei Brüder, so verschieden wie Tag und Nacht. Der aus dem Schatten hat vielleicht doch das hellere Licht. Gute Besserung und ein langes Leben den beiden.

27. April 1997

Der Krüppel Zilk

Vor acht Tagen halb verblutet und gestern eine Stunde Infotainment vom Feinsten gegeben. Besser als Gottschalk und Schreinemakers zusammen. Dieser Bürgermeister ist einfach unfassbar.

Seine drastischen Schilderungen von der Briefbombenexplosion. Vom Blut, das in Fontänen aus dem Körper schoss. Von Fleischklumpen, die auf dem Teppich lagen oder noch an dem baumelten, was vorher eine Hand gewesen war. Dagmar Koller, die danebensitzt und sich nur mühsam beherrschen kann, als sie das alles noch einmal in solchen Worten miterleben muss. Zilks mutige Sätze über Gewalt, Demokratie und über die Nazis, die damals nicht anders begonnen haben. Damals, als Zilk noch ein Kind war.

Der schwarze Humor, mit dem Zilk die entscheidenden Minuten seines Überlebens schildert: die Minuten, als man diese gottverdammte Schnur suchte, um den Arm abzubinden. Und wie das beinahe noch schiefgegangen wäre, wegen dieser Unordnung in diesem Künstlerhaushalt, und wie ihn das beinahe das Leben gekostet hätte.

Das Bekenntnis des Bürgermeisters, nun für immer ein Krüppel zu sein. Er sagte Krüppel, nicht Behinderter. Er sagte, er wolle dieses Wort. Er wolle ein Krüppel sein, um solidarisch zu sein mit allen, die man mit diesem Wort je gedemütigt hat. Seit gestern ist jeder Krüppel ein Held.